9. Kapitel: ^Der Jesuit im Gefängnis^

Pater Spee hatte sogleich, nachdem er Kunde von den neuen Gefangenen

erhalten, sich aufgemacht um dieselben in ihren Kerkern zu besuchen,

sie zu trösten und ihnen jede Hilfe zu bringen, die in seiner Macht

stand. Für ihn, der die Leiden des Kerkerlebens aus täglicher eigener

Anschauung kannte und sich schon glücklich fühlte, wenn er durch seine

unermüdliche Liebe den Gefangenen einige Erleichterung verschaffen

konnte, war der heutige Gang nach dem Schneidturme ein so unendlich

bitterer, daß er zitternd und weinend erst in des Kerkermeisters

Stüblein treten mußte, um sich dort zu fassen und Mut und Kraft zu

sammeln, damit er all dem Elende ins Angesicht schauen konnte, das

seiner heute wartete.

Der Alte empfing den Jesuiten mit ehrerbietiger Vertraulichkeit. »Nehmt

Platz in meinem Sorgenstuhle, lieber Pater! Ist's doch ein echter

Sorgenstuhl geworden!«

Dabei schüttelte er das Haupt und wischte mit dem Rücken der Hand über

die Augen.

»Ich wollte,« fuhr er fort, »ich könnte dem hohen Rate die

Kerkerschlüssel zurückstellen. Meine ich doch, ich könne es nimmer

übers Herz bringen, die da drunten zu besuchen. Pater, Kinder, arme,

unschuldige Kinder haben sie mir heute nacht gebracht, 's ist zum

Herzbrechen! Und Priester und die ehrbarsten Jungfrauen der Stadt haben

bei mir Quartier neben dem schlechtesten Gesindel. Sollen sie alle

Hexen und Zauberer sein? Sagt mir, lieber Pater, glaubt Ihr das?«

»Gewiß nicht eines von ihnen!« antwortete Spee.

»Seht, Pater, da denkt Ihr wie ich. Die armen Kinderlein und die

Edeltraut und die Elsa... es ist zum Rasendwerden!«

»Was machen die Kleinen?« fragte der Jesuit mit bebender Stimme.

»Ach, du mein Gott!« rief der Alte und faltete die Hände, »die armen

Würmlein rufen nach ihren Eltern, daß es einen Stein erbarmen möchte.

Dann knien sie sich wieder zusammen auf den Boden und beten und weinen.

-- Herr, ich konnt' es nicht mit ansehen, die hellen Tränen stürzten

mir aus den Augen. O Pater, da müßt Ihr mit Euerer Liebe helfen,

unsereiner hat für solchen Jammer wohl eine Träne, aber kein tröstendes

Wort.«

Spee erhob sich rasch.

»Gott sei mit mir!« sprach er, einen flehenden Blick nach dem Himmel

sendend. »Kommt, guter Alter, und führt mich zu den Kindern!«

Die beiden Männer gingen über den Hof, dann eine enge Treppe aufwärts

und traten in einen düsteren Raum, in welchem nur ein schwaches

Tageslicht mit der Finsternis rang.

Als der Kerkermeister die schwere Türe öffnete und die Kinder den

Jesuiten erblickten, stürzten sie mit dem Rufe: »der gute Pater Spee!«

auf ihn zu, hingen sich an seinen Talar und weinten und klagten ohne

Ende.

»O führt uns heim zu Vater und zu Mutter, lieber Pater! Hier ist's so

schauerlich, zum Sterben schauerlich! O wir haben's alle dem lieben

Gott so fest versprochen, wir wollen nun gar fromm und folgsam sein,

nur möge er uns aus diesem schrecklichen Gefängnisse befreien!«

Spee setzte sich zu den Kindern auf das Stroh und ließ es gerne

geschehen, daß diese sich von allen Seiten an ihn drängten, ihre

Ärmlein um seinen Hals schlangen, ihn küßten und immer wieder riefen:

»Gelt, lieber, guter Pater, Ihr nehmt uns mit Euch fort, o bitte,

bitte!«

Der Jesuit weinte bitterlich.

»Warum weinst du denn?« fragte ein Mädchen von acht Jahren. »Mußt du

wohl auch hier im Gefängnisse bleiben? Dann bist du freilich so arm wie

wir, guter Pater!«

»Nein, liebes Kind,« antwortete Spee, »ich weine nur aus Mitleid, weil

ich euch, die ich so innig lieb habe, gar so unglücklich sehe. Aber,

Kindlein, ihr sollet nicht verzagen. Der liebe Gott führt euch recht

bald zu eueren Eltern....«

»Ach ja, recht bald, heute noch, gleich jetzt!« schrien die armen

Kleinen.

»Kinder, ihr müßt geduldig sein! Der liebe Gott bestimmt die Zeit, und

so lange müßt ihr warten. Ich glaube gerne, daß ihr alle brav und gut

seid; aber saget mir aufrichtig, habt ihr nicht doch zuweilen eueren

Eltern mit eueren kleinen Fehlern Kummer bereitet?«

»Freilich ja, aber nicht zanken, bitte!«

»Nein, ich zanke nicht. Allein seht, der liebe Gott im Himmel droben

will euch ganz brav wissen und hat euch nun gestraft. Nun müßt ihr ihm

versprechen, nie mehr böse zu sein, und wenn ihr das tut, dann werdet

ihr wieder zu eueren Eltern heimkehren dürfen.«

»O, wir versprechen alles -- alles!«

»Geh' du zum lieben Gott und sag' es ihm, daß die kleine Irma nicht

mehr trotzen will.«

»Schön, mein Kind!« lobte Spee.

»Und Hans will nicht mehr lügen.... Und ich will schneller gehorchen!«

»Gut, gut, ihr lieben Kinder! Nun muß ich euch noch etwas fragen. Sagt

mir, habt ihr nie von Hexen gehört?«

»Ach ja!«

»Und wißt ihr, wie eine Hexe ist?«

»Etwas recht Böses.«

»Seid ihr auch Hexlein und Zauberer?«

»Aber, Pater Spee, wie du nur so fragen kannst!« rief ein kleiner Junge

voll Entrüstung aus.

»Böse Menschen,« sprach der Jesuit mit liebevollem Tone, »haben von

euch ausgesagt, ihr wäret mit dem Satan im Bunde und treibet gar

schlimme Dinge. Ist das wahr, liebe Kinder?«

»Nein, nein, es ist abscheulich, so auf uns zu lügen!« riefen die

größeren, während die kleinen voll Angst sich an den Priester

schmiegten.

»Ich glaub' euch gern, Kinder. Wie solltet ihr denn auch so böse sein?

Seid nur zufrieden! Bald, recht bald führe ich euch wieder zu eueren

Eltern. Bis dahin verhaltet euch ruhig. Es ist so düster hier, daß

euere kleinen Herzchen gar zu leicht der Traurigkeit verfallen. Da

müßt ihr selbst euch helfen. Du, Trine, mußt als die Älteste wie eine

Mutter für die Kleinen sorgen. Du mußt mit ihnen beten, spielen und sie

trösten. Und du, Jörg, sollst der Knaben Vater sein. Ich komme heute

abend wieder, und da soll es mich recht herzlich freuen, wenn ich höre,

daß ihr alle geduldig und brav gewesen seid.«

»Du lieber, guter Pater Spee!« riefen des Dankes voll die Kinder und

umdrängten und küßten ihn von neuem.

»Und nun laßt uns noch zusammen ein frommes Gebet sprechen, liebe

Kinder!«

Die Kleinen knieten sich um den Priester und falteten die zitternden

Hände.

»Ave Maria...«

Spee erhob sich, segnete jedes Kind und schied. Vor der geschlossenen

Kerkertüre blieb er stehen, lehnte das Haupt an die feuchte Wand und

weinte.

Der alte Kerkermeister stand in einer Ecke, auf den Pater wartend. Ihm

gingen Herz und Augen über, als er des Jesuiten Schmerz und Tränen sah.

»Das ist eine Liebe,« sprach er zu sich selbst, indes sein Auge an dem

Priester hing, »die treuen Schrittes mit dem Elend geht. Was zwingt den

Mann, Tag um Tag die Kerker heimzusuchen, als seine große Liebe! Möchte

wissen, welchen reichen Erdenlohn ein anderer heischte, müßte er gleich

unserem Spee solch traurigen Amtes walten! Er ist doch wohl der einzige

und letzte Trost, der unseren Hexen wird; denn hätten sie den Pater

nicht, sie verzweifelten an Gott! Mit diesem Jesuiten leben, wäre wohl

nicht süß, aber mit ihm sterben, müßte herrlich sein. Denn wenn solche

Liebe nicht den ganzen vollen Himmelslohn erkämpft, dann gibt es keinen

Herrgott! -- Ei, was schwatz' ich da an mich selbst hin! -- Pater Spee,

laßt euer Weinen! Ihr werdet sonst noch krank, und dann sind meine

armen Gefangenen erst recht übel daran! Kommt mit mir! Im unteren Loche

sitzt böse Gesellschaft; versucht auch an ihr Euer Wort; ich fürchte

aber, Ihr erntet schlechten Dank!«

Spee folgte dem Alten in ein schauriges Verließ. Der Kerkermeister

stellte seine Öllampe auf einen Stein. Das trübe Licht wollte in der

dumpfen Luft schier erlöschen und warf kaum so viel Schein, um die auf

dem Stroh gelagerten Personen erkennen zu können.

In einem Winkel kauerte Helena und die Schenkwirtin vom Waldhause bei

Hettstadt. Auf der andern Seite saßen, an die Wand gefesselt, der

Zuckerwastl, der Pappenheimer und der Neunaugen. Die drei Gesellen

schauten wilden Auges auf, als sich die Türe ihres Kerkers öffnete;

als sie aber den Priester eintreten sahen, blickten sie voll Trotz zu

Boden und ließen den frommen Gruß des Paters unerwidert. Spee segnete

die Gefangenen, doch keiner bezeichnete sich mit dem Kreuze; höhnisch

lachte dazu der Zuckerwastl und geistlos stierte der Neunaugen.

Der Jesuit fragte teilnahmsvoll nach dem Zustande der Gefangenen, deren

Schuld ihm bekannt war. Er baute auf der Schuld das Glück der Sühne auf

und zeigte, daß auch der bösen Tat die hoffnungsfrohe Zukunft nicht

fehle, wenn die Reue des Menschen Herz vom Bösen abwendet.

»Haha, Ihr macht mich lachen,« spottete der Zuckerwastl, »Ihr plaudert

da von Reue und von Sühne. Mich reut auf Erden gar nichts, als der

Wein, den ich nicht getrunken, und das Geld, das ich nicht gestohlen.«

»Und deine Seele?« fragte Spee mit Nachdruck

»Weiß ich denn, ob ich überhaupt eine solche habe? Ihr Herren, ja, ihr

könnt prächtig predigen! Ihr sitzt in gutem Leben und im Überfluß. Wir

armen Tropfen sollen uns mit einer Seele trösten, die doch am Ende zum

Teufel fährt. Laßt mich in Ruhe! Ich will von euerem frommen Geplauder

nichts wissen. Wenn mich die Raben draußen am Galgen fressen, so ist's

mir einerlei. Denn Seele habe ich doch keine.«

Der Jesuit sah in tiefer Trauer auf den Verstockten.

»Verzeih',« sprach er, »ich wollte dir nicht lästig sein. Laß uns von

anderem reden! Willst du mir wohl aus deinem Leben etwas erzählen? Dir

kürzt das die Zeit, und ich lausche gerne deiner Rede.«

»Meinetwegen,« gab der Zuckerwastl etwas freundlicher zurück, »plaudern

wir eins; nur laßt alles fromme Zeug aus unserer Unterhaltung. Ich will

euch einmal ein volles Gaunerleben schauen lassen. 's ist wahr, es

hat gar oft an Rad und Galgen hart angestreift, aber der Zuckerwastl

war stets klüger als die weisen Herren vom Rate. Wäre es möglich, daß

ein Mensch als wilde Frucht vom Baume fällt, so wäre es wohl bei mir

geschehen. Von Eltern weiß ich nichts. Ich hätte ihnen wahrscheinlich

auch nur wenig Freude gemacht. Ein Bauernweib fand mich eines Morgens

vor der Haustüre und zog mich mit ihren Kindern auf. Gibt es einen

Herrgott und hat sie damit ein gutes Werk getan, so soll sie dafür

gesegnet sein. Gelernt habe ich gar nichts,« fuhr er lachend weiter;

»ich glaube nicht, daß je ein Menschenhirn weniger von Weisheit,

Schulmeisterei und Katechismus heimgesucht worden ist, als das meine.

Ist nicht schade darum; gibt gelehrte Leute genug, die die Welt

verkehren und verderben. Als ich anfing, Kraft in meinen Knochen und

Witz in meinem Gehirne zu verspüren, entlief ich meinen Pflegeeltern

und flog wie ein Vogel in die weite, prächtige Welt. Der Wald war mein

Haus und der Himmel mein Dach. Unter jedem rauchenden Schornsteine ward

für mich gekocht, denn jeder gab mir gerne, um meiner wieder ledig zu

werden. Den Gerichten ging ich scheu aus dem Wege, aber unter dem

Galgen schlief ich so herrlich wie ein König in seinem Seidenbette.

Gestohlen -- ihr reichen Herren nennt das Nehmen bei uns stehlen --

gestohlen habe ich nach guter Gelegenheit, und diese ergab sich schier

alle Tage; zuweilen habe ich auch ein wenig gemordet. Anfangs wollte

es mir so eigen da drinnen werden, wenn ich das fließende Blut und die

brechenden Augen sah. Da schrie es in mir: es gibt einen Gott und eine

Gerechtigkeit, eine Strafe und eine Hölle.«

Der Erzähler machte hier eine Pause, kreuzte die Arme über die Knie und

ließ das Haupt auf die Brust herabsinken. Es mochten wohl schreckliche

Bilder der Vergangenheit in seiner Seele aufgestiegen sein, denn in

seinem Angesichte spiegelten sich Ekel, Schmerz und Entsetzen.

Spee legte leise seine Hand auf den Arm des Verbrechers.

»Du bist so ernst,« sprach er mit dem Ausdrucke teilnehmender Liebe.

»Was ist es, das deine Seele drückt?«

»Also meint Ihr gewiß, ich hätte eine unsterbliche Seele?« fragte der

Zuckerwastl mit einem stechenden Blicke nach dem Pater.

»Ja.«

»Wie bestimmt Ihr das saget!« murmelte er und schüttelte den Kopf. --

»Mit einer unsterblichen Seele müßte ich in eine Ewigkeit hinüber und

vor einen Richter, der Gott ist. Nein, nein, das glaube ich nicht!

-- Ich mag nicht,« grollte er mit leiser Stimme fort, »ich mag nicht

glauben, nein, es darf keinen Herrgott geben! He, was meint ihr

dahinten,« rief er, den Kopf nach seinen Mitgefangenen wendend, »hat

der Pater recht und gibt es einen Herrgott?«

»Wahrscheinlich,« unterbrach der Neunaugen sein dumpfes Brüten.

»Und ich glaube gewiß, daß es einen Herrgott gibt,« sprach Helena und

stützte das Haupt auf die Hand, um den Schmerz, der aus der Tiefe der

Seele auf die Oberfläche des Antlitzes trat, zu verbergen.

Spee hatte den Rosenkranz von seinem Gürtel gelöst und legte ihn mit

dem daran befindlichen Kreuze in die Hand des Zuckerwastl.

Ein leises Zittern durchbebte für einen Augenblick seine Glieder. Sein

Auge aber haftete mit einer durchbohrenden Kraft auf dem Bilde des

Gekreuzigten.

»Es war um Weihnachten,« begann er in halblautem Selbstgespräche, »als

ich mit drei Gesellen durch den Bayerischen Wald zog. Frost und Hunger

quälten uns, und an den Türen der Menschen fanden wir karge Gaben und

feindselige Worte. Ich sah, wie der Hofhund aus voller Schüssel fraß,

und biß mit steigendem Grimme in die gefrorenen Brotrinden, die ich

in meinem Schnappsacke trug. Und mit dem kalten, harten Brote aß ich

heißen Zorn und Haß in mich hinein und ich schwur mir selbst, der

erste Mensch, der mir des Weges käme, sollte sterben. Ich war so voll

des wildesten Grimmes, daß ich schier vor mir selber Furcht empfand.

Dicht fiel der Schnee vom Himmel, eisigkalter Frost schüttelte mir

die starren Glieder, nur im Herzen kochte und brandete es, als säße

der Teufel drinnen. Wir mochten etwa eine Stunde gegangen sein, der

Wald fing an sich zu lichten und Glockengeläute drang zu uns herüber.

Da trat an der Biegung des Weges uns ein junges Weib entgegen, einen

Säugling auf den Armen tragend. In meiner Wut sprang ich mit gezücktem

Messer auf sie zu, um sie zu morden; doch einer meiner Gesellen hielt

mir den Arm. -- Tu's nicht, 's ist eine junge Mutter! -- Ich sah sie

an. Sie lag auf ihren Knien, das Kind verzweiflungsvoll an ihre Brust

gedrückt, und ihre Augen schauten so bittend zu mir auf, daß mir noch

heute alle Sinne schwinden. -- O schone meiner um des Kindes willen!

rief sie flehend -- es war ihr letztes Wort.«

»Hoch auf spritzte das Blut und rötete den Schnee. Da lag sie sterbend,

das Kind noch an sich drückend, und indes ihr brechendes Auge mir bis

zum Grunde meines Herzens drang, rief sie mit der letzten Kraft ihrer

Stimme: Gott sei dir gnädig, du Mörder, wenn ich dich einst vor seinen

Richterstuhl fordere.«

»Das Wort konnt' ich nicht ertragen. Ein zweiter Stoß, in blinder

Wut geführt, durchbohrt ihr Kind. Pater, Pater, das war ein grauses

Schauen, als der Mutter Blut mit dem des Kindes sich vereinte und

niederträufelnd den Schnee auffraß, daß sich das Moos mit roten Perlen

färbte. Das Messer war meiner Hand entfallen, und mit verschränkten

Armen stand ich da, um glühenden Auges den Tod zu schauen, der sich

zu beiden niederneigte. Das Kind am Herzen starb die Mutter, und ihr

verglastes Auge hing noch fest mit seinem letzten Blicke auf mir. Ich

war dem Wahnsinn nahe. Du bist ein Teufel! rief's in mir. -- So sei's!

Ich will ein Teufel sein, da ich kein Mensch mehr bin. Ich nahm das

Kind aus starrem Mutterarme und trug es fort mit mir. Vor dem Dorfe

stand ein offener Backofen. Dort verbrannte ich das tote Würmlein zu

Asche, nahm diese und die abgehauenen Händchen mit mir und ging hinein

ins Dorf.«

»Meine Gesellen hatten mich längst verlassen; ich glaube, es graute

ihnen vor dem Muttermörder. Allein, in finsterm Grolle dahinbrütend,

brachte ich die Nacht in einer Scheune zu. So arg der Hunger mich auch

quälte, ich achtete seiner nicht. Mich quälte mehr als alles jenes

jungen Weibes Wort: Gott sei dir gnädig, du Mörder, wenn ich dich einst

vor seinen Richterstuhl fordere.«

»Christnacht war's, als ich mit meiner Qual allein in jener Scheuer

schlaflos lag. Der Klang der Glocken drang wie Friedensbotschaft

durch die sternenhelle Nacht. Ich habe viel erzählen hören von jener

Seligkeit, die in der Christnacht über alle Menschen komme, und

wenn ich solcher Märe lauschte, ward ich wie ein Kind. Da war ich

glücklich, wenn auch nur für Augenblicke; aber glücklich war ich doch,

ich sag's mit Stolz. Auch damals dämmerte durch all mein Elend wieder

jene süße Friedensbotschaft wie mildes Sternenlicht durch dichte,

finstere Nacht, ich fing schon an, die brennende Träne in dem Auge zu

fühlen, da trugen die Kirchengänger des Weibes Leiche, die sie auf dem

Kirchengange gefunden, hart an mir vorüber, die einen weinten, andere

aber fluchten auf den Mörder, und wieder stiegen Schmerz und Grimm in

meinem Herzen auf. Ich eilte fort aus dem Verstecke, quer über Au und

Feld, bis ich zum Tod ermattet niedersank. Da war's ein Weib mit einem

Kinde, das mir Labung reichte. Ich dankte nicht. Hätte die Not mir

nicht die letzte Kraft gebunden gehabt, ich hätte ihr Erbarmen nicht

ertragen.«

»Mein weiterer Lebenslauf war wild wie Teufelsleben. Ich log den Bauern

vor, ich stünde mit dem bösen Geist im Bunde. Und jeder glaubte mir;

und hätte ich gar gesagt, ich sei der Böse selbst, sie hätten es mir

nicht widersprochen. Warum auch? War ich doch dem Satan gleich voll

Menschenhaß und Wut und böser Tat. Ich trug den Teufelswahn landauf,

landab, half Hexen schaffen in der Bauern und in der Richter dummen

Köpfen, und trieb selbst Hokuspokus in des Satans Namen, daß den Leuten

fast die Haare zu Berge standen. Geld gab's genug; was half's? Ich

trank den besten Wein und glaubte Gift zu schlürfen; und was ich aß,

das roch nach frischen Leichen; und sah ich eine Mutter, so schrie es

in mir -- Gericht!«

Er vergrub sein Angesicht in beide Hände und drückte dabei den

Rosenkranz mit dem Kreuze fest an seine Lippen.

Die Mitgefangenen sahen verwundert zu ihm herüber; nur der Neunaugen

lächelte und grinste gleichgültig vor sich hin.

Spee lag auf den Knien. Seine Seele flammte und flutete auf in heißem

Beten für eine Menschenseele, die, so schlecht, so tief sie auch

verdorben war, doch einen Angelpunkt noch hatte, an dem die Gottesgnade

goldene Fäden anknüpfen konnte. --

Zuckerwastl erhob sein Haupt und schaute in starrem Staunen dem

betenden Priester in das Angesicht, über welches bittere Tränen

rollten. Und unwillkürlich kehrte dann sein Blick vom Pater auf das

Kreuz zurück, das er noch immer fest in seinen Händen hielt. Es mochte

ein eigenes Denken sein, das durch seine Seele zog; denn über dieses

wetterbraune, von einem wilden Leben und jeder Leidenschaft zerrissene

Gesicht kam allmählich ein Zug von weicher Milde, und das Auge gab

nicht mehr den Blick des ungesöhnten Hasses, sondern den einer wenn

auch noch unverstandenen Sehnsucht.

Der Jesuit erhob sich und reichte dem Verbrecher die Hand.

»Ihr habt gebetet?« fragte dieser.

»Ja, für dich.«

»Für mich? Das ist wohl eitle Mühe.«

»Nein. Wenn du die Hand zur Versöhnung mit Gott bietest, so sei

versichert, daß er dich mit unendlicher Erbarmung in seine Arme

schließt.«

Zuckerwastl schüttelte traurig den Kopf.

»Willst du nicht?« fragte Spee.

»Ich weiß, daß mir der Galgen diesmal gewiß ist. Die gemordete

Hofbäuerin hat mir den Strick nur gar zu fest gedreht. Dazu bin ich der

Zauberei auch angeklagt, und das allein genügt für sichern Henkerstod.

Soll ich nun, weil's zu Ende geht, gleich einem Hunde winselnd zu

Euerem Herrgott kriechen und um Gnade bitten? 's ist zu spät! Und jener

Mutter Blut und letztes Wort -- Pater, das sühnt sich ewig nicht! Ich

habe Euch mit rohem Trotz empfangen, als Ihr zu mir in das Gefängnis

tratet. Ich zwang mich fast dazu. Als ich in Euer Auge schaute, da kam

ein eigenes Rühren über meine harte Seele. -- Pater, ja, ich habe eine

Seele -- und einen Augenblick konnte ich auch glauben, Ihr könntet

Frieden für mich bringen. Aber je mehr ich meine Schuld abwäge, desto

tiefer sinkt die Hoffnung -- Gott kann mir nimmer gnädig sein.«

»Er ist dir gnädig und sein Erbarmen übersteigt die Größe deiner

Schuld.«

»Ihr lügt!« fuhr der Zuckerwastl heftig auf. »Ihr lügt auf Gott und auf

sein Erbarmen.«

Spee nahm das Kreuz aus des Gefangenen Hand und küßte es.

»Nein, Ihr lügt und frevelt nicht!« rief jener wieder aus. »Ich habe --

's ist wohl lange Zeit -- auf meiner irren Wanderschaft in einer Kirche

das Wort gehört: Und wären euere Sünden rot wie Blut und zahllos wie

der Sand am Meere -- ich will sie alle tilgen. Pater, ^das^ Wort wenn

Wahrheit ist, dann gibt es auch für mich noch Versöhnung und Frieden.

Ihr könnt mir beides bringen -- Ihr oder keiner. Gebt mir das Kreuz!

Kann ich auch nicht verstehen, was es Euch, dem Reinen, sagt, so will

ich doch so lange auf dasselbe schauen, bis auch in meine Seele das

Licht der Hoffnung dringt.«

Spee breitete die Arme aus, den Sünder zu umfangen und zu küssen.

-- Das ist ja Priesterglück, verlorene Seelen retten! --

»Und ihr?« sprach der Jesuit, sich zu den andern wendend. »Wollt nicht

auch ihr den Weg des Friedens gehen?«

»An Eurer Hand läßt sich's zu Gott wohl wiederkehren,« antworteten der

Pappenheimer und Helena.

»Ich möchte schlafen, laßt mich!« murrte der Neunaugen und streckte

sich gähnend aufs Stroh.

Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle · 第 14 / 38 题