»Und ich sag' Euch, es ist so!«
»Meister Gothart, Euer Wort in allen Ehren und alle Achtung vor Eueren
grauen Haaren, aber was Ihr sagt, ist gar nicht möglich; eher sollen
Mond und Sterne vom Himmel fallen und meine Kühe auf dem Maine grasen,
als daß ich sage, ich glaube Euch!«
»Ihr seid ein Ehrenmann,« sprach Meister Gothart und nahm den Arm
seines Freundes, des Goldschmiedes Winterholder, »jawohl, ein ganzer
Ehrenmann seid Ihr; des ist Zeuge Euer Schmerz, der zu meiner Kunde so
ungläubig das Haupt schüttelt. Ist aber doch so, wie ich gesagt habe.
Wißt Ihr was? Wir gehen nach der Marienkapelle hin, da müssen sie uns
begegnen.«
»Ich habe die Kraft nicht,« entgegnete Winterholder mit halblauter
Stimme, rang die Hände und ließ das Haupt sinken. »Ich kann nicht!
Freund, mir ist's, als gelte das Elend meinem eigenen Kinde! Herrgott
im Himmel,« fuhr er plötzlich auf, und seine Augen flammten, »sind
wir denn wie Hunde geworden, mit denen die Herren am Gerichte machen
können, was sie wollen? Da soll doch --«
»Ruhig, Freund,« fiel Meister Gothart, der Bildschnitzer, seinem
Freunde ins Wort. »Zürnet unserm Herrgott nicht, 's ist Frevel! Er hat
das Ende aller Dinge in seiner Hand, und jedem Leide gibt er das Amen.
Die Zeit ist blutig, und besser wäre es schier, im Grabe zu liegen, als
dem Elend ins Auge zu schauen. Und doch -- ich sage immer wieder, --
unser Herrgott macht das Ende.«
»Meister Gothart, Meister Gothart!« rief ein junger Bursche, der die
Domstraße heruntergelaufen kam.
Der Alte wandte voll banger Ahnung sein Haupt dem Lehrjungen zu, aus
dessen blassen Zügen schlimme Märe sprach.
»Was soll's, Friedrich?«
»Sind gerade vom Schneidturme weg Knechte gezogen,« erzählte, nach Luft
ringend, der Knabe; »sie wollen des alten Ratsherrn Göbel Edeltraut
nach dem Gefängnisse führen.«
»Du schwatzest wohl im Fieber!« zürnte Gothart.
»Meister,« rief verletzt der Junge, »ich sage Euch reine Wahrheit!«
Gothart stand einen Augenblick regungslos wie ein Bild aus Stein.
»Und warum haben sie die Jungfrau gefangen genommen?« fragte er mit
tonloser Stimme.
»Ei, weil sie eine Hexe ist,« gab Friedrich rasch zurück.
Der Alte zuckte zusammen. »Da,« rief er und gab dem Lehrburschen eine
klatschende Ohrfeige, »da, bring' das den gelehrten Richtern und sage
ihnen, sie seien entweder Esel oder Teufel!«
Der Knabe sah mit einer Mischung von Zorn, Scham und Mitgefühl zu
seinem Meister auf. »Warum schlagt Ihr ^mich^?« sprach er, »hab' ich's
verdient?«
»Geh', Friedrich, geh'!« entgegnete der Alte und reichte dem Jungen die
Hand. »Geh' heim! Ich weiß nicht, was ich tue, noch was ich rede. Mir
schwindelt Kopf und Herz. Freund Winterholder, Euren Arm! Wenn ich nur
weinen könnte! -- Aber auch die Träne hat der Zorn mir aufgefressen! --
Göbels Edeltraut als Hexe! -- Freund, sagt mir, brennt Euch nicht der
Boden unter Eueren Füßen, und ist's Euch nicht, als glühte die Luft?
Ich meine just, ich stünde auf der Hölle!«
»Wollt Ihr denn nicht nach Hause gehen?« fragte teilnehmend
Winterholder. »Euch schüttelt Schmerz und Zorn, als läget Ihr im
Fieber.«
»Heim?« rief Gothart mit glühenden Augen; »ich nun heimgehen, indes der
Satan unsere Stadt verwüstet? Geht, geht und schämt Euch dieses Wortes!«
»Aber um des Himmels willen, was wollt Ihr hier auf offener Straße --
halb von Sinnen, schmerzgebeugt?«
»Was ich will? Ich will mein goldenes Patenkind beschützen, daß nicht
Henkershände es berühren. Seht hier diesen Dolch, der, denke ich, kann
spitzig reden.«
Aus der engen, winkeligen Judengasse, welche vom Marienplatze her in
die Domstraße mündet, wälzte sich ein dichter Menschenstrom. Lautlos
zogen dichtgedrängt dahin die Männer und Frauen, die jungen Burschen
und Dirnen, Trauer, Mitleid und Entsetzen in den Mienen. Die alten
Mütterlein, die mit der Menge gingen, und manche frische Maid hielten
sich schluchzend das Tränentüchlein vor das Angesicht, in manchen
Mannes Antlitz zuckte Schmerz und Zorn und Wut.
Nun vier Knechte.
Und zwischen ihnen Vater Gering, an seinem Arme Elsa und mit der Linken
sein junges Ebenbild, die kleine Irma, führend.
»Du zitterst, Vater!« sprach das blinde Mädchen.
Der Alte antwortete nicht.
»Vater, warum gibst du deiner Elsa keine Antwort?« fragte die Maid und
schmiegte sich inniger an den Greis.
»Ich kann nicht!«
»Du weinst, Vater?«
»Weil ich nicht sterben kann!«
»Sterben?« wiederholte Elsa. »Dieser Trost wird uns zuteil werden.«
»Sind wir noch nicht am Dome?« sprach das blinde Mädchen nach einiger
Zeit.
»Ja, mein Kind!«
»Ich möchte beten.«
»Darf nicht sein!« herrschte der den Zug begleitende Vogt.
»Und warum nicht?« gab Elsa ruhig zurück. »Glaubt ihr Herren eure Macht
so groß, daß ihr selbst das Gebet verbieten dürft? Ist's nicht genug,
daß ihr Gewalt habt über Leib und Leben, wollt ihr auch unsere Seelen
knechten? Vater, rede du, daß sie mir meinen Wunsch gewähren.«
»Henker sind stets ohne Herz und Mitgefühl,« versetzte bitteren Tones
der Greis.
»Vorwärts!« rief befehlend der Vogt.
Das Volk blieb vor den Stufen des Domes, die Gefangenen umringend,
stehen.
»Laßt sie beten!« riefen fordernde Männerstimmen, »laßt sie beten,
Henker!« grollte drohend die Menge.
Tiefe Stille rings.
Das Volk liegt auf den Knien.
Elsa, Irma und der Greis steigen die Stufen hinan. Unter dem offenen
Portale sinken auch sie in die Knie. Tief zur Erde beugt das blinde
Kind das lockenreiche Haupt und spricht zu seinem Schöpfer des Herzens
stille Sprache. Nun erhebt Elsa ihr Antlitz, breitet weit die Arme
betend aus und ruft:
»Herr Jesu Christ, du süßer Gottessohn, du heilige Liebe meines ganzen
Herzens! Sieh gnädig nieder auf meinen Schmerz, der zu dir um Hilfe
aufschreit. Du, Gott der Liebe, des Erbarmens, sende einen Gnadenstrahl
in mein Herz, das Leid und Todesangst umnachtet! Schau nieder auf die
Erde! Die blinde Elsa, die dich reinen Herzens liebt, bringt sich
zum Opfer für ihren armen Vater. Nimm mich an und rette ^ihn^, den
Besten! Ein wilder Wahn hat die Welt erfaßt; ^sie^ kennt ^dich^ nicht
mehr, ^sie^ versteht nicht mehr ^dein Wort^ und ^deine Liebe^. Statt
unter dem Schatten deines Kreuzes allem Leide Heil zu holen, zwingt
Aberglaube, Haß und Gottentfremdung den Satan auf die Erde und in
die Herzen. Wie unter dem giftigen Hauche der Pest ungezählte Leben
enden, nun altersmüde, nun zur vollen Knospe erst erblüht, und wie des
Todes Sichel mäht, nicht achtend Kraft und Jugend: so faßt des Wahnes
Wirbeltanz seine Opfer, gleichviel ob schuldig oder nicht, ob fromm, ob
schlecht -- der wilde Wahn hat weder Herz noch Verstand, er mordet, er
mordet Schuld wie Unschuld.«
»Du weißt es, Herr, wie fremd mein Herz dem argen Frevel ist, dessen
sie mich zeihen. Mein Weg führt auf die Richtstätte; denn Recht und
Wahrheit sind der Erde jetzt fremd geworden. Noch bin ich nicht gehört,
und doch bin ich verdammt. Ich weiß es. Aber ich klage nicht für mich.
Ich steige aus dem Grabe, in welchem ich jetzt lichtlos atme, zu
einem anderen Grabe nieder, aus dem die Seele lichtvoll zu dir sich
aufschwingt. Darum zage ich nicht. Mir ist der Tod ein neues Leben.
Aber, o Herr der Liebe, meinen Vater schirme, sein altes, ehrengraues
Haupt, sein Herz voll treuer Liebe!«
»Und dieses Kind -- ein Engel noch an Unschuld, rein wie die Lilien
des Feldes und edel wie die Rosen -- o schütze beide, Herr! Ich aber,
großer Gott, ich will zum Opfer werden -- zur Sühne für den Frevel, den
die Welt mit deinem Namen treibt. Und nun segne mich, Herr, mit deiner
Liebe, mit deiner Allmacht, mit deines Herzens Allerbarmen!«
»Wohlan,« sprach sie, sich erhebend und zum Volk sich wendend, »laßt
uns gehen! Mein Blut, mein junges Leben gebe ich zum Opfer, zur Sühne
-- möge Gott es gnädig nehmen!«
Elsa stand hochaufgerichtet über der knienden Menge, ihr sonst so
seelenloses Auge schien von einem himmlischen Strahle durchleuchtet,
über ihrem Angesichte lagen Friede und Ergebung.
Lautes Schluchzen drang zu ihren Ohren. Ein schmerzlicher Zug lagerte
sich über Elsas Antlitz.
»Ihr weint! -- Ich kann euch mit des Leibes Auge nicht schauen und
euere Tränen nicht sehen. Aber euere Klagen, euer Schmerz spricht laut
zu mir. Ich will, wenn ich vollendet habe, eueren Jammer drüben vor dem
Throne Gottes niederlegen und beten, beten ohne Ende, daß die Schmach,
die auf uns und unserer Stadt lastet, daß der Frevel, der mit Gottes
heiligem Willen hier getrieben wird, zur Rüste gehe und Friede, Freude
wiederkehre.«
»Amen -- Amen!« rief das Volk mit lauter Stimme. Und weiter ging der
Zug durch Gassen, über Plätze, bis dort am Schneidturme des Kerkers
gähnende Nacht ihre Opfer verschlang.
* * * * *
Fast zu gleicher Zeit, als Elsa mit ihrem Vater und der Schwester die
Schwelle des Gefängnisses betrat, banden die Schergen die schönen Hände
der Edeltraut Göbel, um die Jungfrau als Hexe gefänglich einzuziehen.
War Elsa Gering bei ihrer Gefangennahme das herrliche Bild edler Ruhe,
unbedingter Hingebung in Gottes herbe Zulassung, so war Edeltraut, so
sanft und milde sonst ihr Wesen war, bei der Ankündigung ihrer Schuld
voll kraftvoller Entrüstung. Das Bewußtsein ihrer Unschuld erhob sich
gegenüber der schmählichen Anklage und dem rohen Wesen der Schergen zu
jenem Zorne, der nicht der Leidenschaft angehört, sondern dem strengen
Rechtsgefühle, das jede Ungerechtigkeit verdammt. Stolz, ungebrochen,
wenn auch das schöne Antlitz Totenblässe deckte, schritt sie, umgeben
von den Schergen, nach dem Gefängnisse.
Das Volk murrte laut und immer lauter. So sehr es sich bei seiner
geistigen Verworrenheit um so sicherer fühlte, je mehr die Herren am
Gerichte gegen Zauberer und Hexen wüteten, so konnte es doch nicht
glauben, Elsa und Edeltraut seien gleich der alten Ammfrau und dem
fahrenden Gesindel in jenes gräßliche Laster verstrickt. Die beiden
Mädchen waren der Stolz der Stadt, Elsa durch ihre unbegrenzte
Liebenswürdigkeit, Edeltraut durch ihre hervorragende Schönheit und
Tugend, die sie damit verband. --
-- Der heutige Tag mit seinen Ereignissen hatte den Bürgern tief ins
Auge und Herz gegriffen, und ein finsterer, banger, ahnungsvoller Geist
durchzog die Stadt. Die Schenken standen leer, auf den Gassen schlichen
die Menschen mit hängenden Köpfen dahin, hie und da stieß man auf
flüsternde Gruppen mit zornglühenden Augen und schneidiger Rede. Jeden
drängte es fort in sein Heim; denn wer war nun noch sicher, daß nicht
im nächsten Augenblicke auch bei ihm die Henker eintreten und Weib und
Kind als Hexen fesseln würden?
Angstvoll scharten sich die Kinder in der Familienstube um die weinende
Mutter, finster und wortlos stand der Vater in seiner Werkstätte und
schaute in eine Zukunft voll banger Sorge. Mancher Geselle vom Rhein
und der Donau schnürte sein Bündel und kehrte der armen, schönen
Frankenstadt den Rücken und trug die traurige Märe von Würzburgs Hexen
hinaus in die weite Welt.
-- -- Und noch mehr Opfer!
Nikodemus Hirsch, Chorherr im neuen Münster, saß mit seinem Freunde
Christophorus Barger, Vikarius an selber Kirche, in trautem
Zwiegespräche.
Es war der Abend leise verdämmernd zur mondenklaren Nacht geworden. Im
Rebgeranke, das sich um die Fenster schlang, schlug vollen Tones die
Nachtigall ihr Lied, und draußen zirpten in den Gärten und den Wiesen
muntere Grillen.
Die beiden Priester sahen schweigend aus dem offenen Fenster, durch das
der blühenden Rebe balsamischer Odem in das Gemach strömte, nach den
dichtbelaubten Hügeln, über denen leichte Nebelwolken tanzend hingen,
einem Schleier gleich, den die schlummernde Erde über ihre Stirne zieht.
-- »Nun ist's erst wieder schön auf Erden, nun ruht das wogende,
drängende Leben und des Menschen Seele fühlt aus dem Atem der Natur des
Schöpfers Nähe.«
»Sehr wahr, mein lieber Nikodemus. Der Mensch versteht seinen Gott am
besten in der Einsamkeit. Und eben darum, weil der Mensch sich immer
mehr dem Lärm der Welt vertraut, verliert er auch den Geschmack am
Göttlichen und dessen Verständnis.«
»Und doch, zum Teufel laufen die Menschen, zu Gott aber hinken sie. Es
will sich keiner mehr selbst verlieren, darum findet auch keiner mehr
seinen Gott.«
»Und was man Gott entzieht, fällt dem Teufel zu.«
»Ein traurig wahres Wort, besonders in unserer Zeit, die sich so sehr
dem Aberglauben in seiner schlimmsten Gestalt überläßt. Es ist dem
Menschen ein natürlicher Gedanke, an Hexen und an Wesen, die mit den
Geistern der Finsternis verbündet sind, zu glauben. Das Bewußtsein,
daß der Mensch durch die Sünde unter die Herrschaft der bösen Geister
gekommen sei, ist zur gräßlichsten Entartung verzerrt worden. Und was
nun der von Gott losgerissene Mensch von seinem Schöpfer nicht mehr
erhoffen zu dürfen glaubt, das meint er durch ein Bündnis mit dem Bösen
erreichen zu können. Das Eingreifen der Geisterwelt in die Geschichte
der Menschheit ist unleugbar; aber der Glaube ist zum Aberglauben und
schlimmsten Wahn, zu trauriger Täuschung und teuflischer Vorspiegelung
ausgeartet. Auf der einen Seite tiefe Unwissenheit, auf der andern
ein in Glaube und Sitte verwildertes Volk; Fürsten, die den Glauben
ihrer Untertanen heute so und morgen wieder anders festsetzen, als
gälte es einen Steuerzettel zu bestimmen; dazu der Krieg mit seinen
Lastern und Greueln; die Entfesselung aller Leidenschaften und nirgend
eine dämmende, hemmende Macht; Menschenblut und Menschenleben ohne
Wert; Bosheit, Neid und Mißgunst, giftige Zungen, die an jeder Ehre
lecken: -- wahrhaftig, solche Faktoren lassen allein die gräßliche
Hexenkrankheit, an der die Menschheit leidet, erklärlich machen.«
»Und das Salz der Erde?«
Feste Männertritte, welche von der Stiege her ertönten, unterbrachen
das Gespräch der beiden Freunde. Ihre Verwunderung war keine geringe,
als sie den Vogt, der heute bereits eine so große Tätigkeit entwickelt
hatte, bei sich eintreten sahen. Sein Wesen war etwas befangen,
wenigstens fand er nicht den ihm sonst eigenen harten Ton, den er so
meisterhaft verstand, wenn er im Namen »einer hohen Obrigkeit« seines
Amtes waltete.
Er rieb sich die Hände und machte einige Verbeugungen, die wohl mehr
seine Verlegenheit verbergen, als seine Hochachtung ausdrücken sollten.
»Ich komme in später Stunde,« stammelte er, nach Fassung ringend und
nicht wagend, den beiden Priestern ins Auge zu schauen. »Nehmt es nicht
ungütig, es ist die Pflicht, die mich hieher führt.«
»Dann sollt Ihr uns doppelt bereit finden, Eurem Willen zu gehorchen,«
sprach der Chorherr. »Was verlangt Ihr von uns?«
»Daß die beiden Herren unverzüglich mit mir gehen.«
»Und wohin?«
»Ins Gefängnis.«
»Ins Gefängnis?« wiederholte Nikodemus Hirsch nicht ohne Überraschung.
»Herr Vogt, mir scheint, Ihr irret Euch!«
»Nicht doch! Ich habe strenge Weisung, den Chorherrn Nikodemus Hirsch
und den Vikarius Christoph Barger zu verhaften. Vier andere Priester
sind bereits vor einer Stunde eingezogen worden.«
»Und nun bei finsterer Nacht? Scheut Ihr des Tages Licht für Euer Tun?«
rief Barger unmutig.
»Nein! 's ist Rücksicht nur für eueren Stand, ihr Herren, daß ich zur
Nachtzeit zu euch komme. Es gäbe zu viel Lärm und nutzloses Gerede
unterm Volke, so man euch am hellen Tage nach dem Schneidturm führte.«
»Nach dem Schneidturme?« stieß der Chorherr voll Unwillen aus. »Dort
verwahrt man ja die Hexen!«
»Und die Zauberer,« setzte der Vogt trockenen Tones bei.
»Man wird uns doch nicht --«
»Man weiß,« unterbrach der Vogt, der immer mehr seine Sicherheit
wiederfand, »man weiß, daß ihr dem Teufel dient. Ja, ja, ihr Herren,
das hohe Gericht kennt euere Schuld. Es ist freilich mehr als
himmelschreiend, wenn selbst die Priester, statt das Volk zu lehren und
zu retten, sich dem Dienst des Satans weihen und selbst unschuldige
Kinder ins Verderben ziehen.«
»Spart Euere Worte!« entgegnete der Chorherr mit Würde. »Aus Euerer
Rede läßt das Unheil sich erraten, das über unsern Häuptern hängt.
In Gottes Namen, lieber Freund,« fuhr er zu Barger gewendet fort,
»gehen wir den Weg des Leidens und der Schmach. Du siehst, selbst bis
ins Heiligtum dringt schlimmer Wahn, und auch den Priester schützt
sein Stand nicht gegen böse Zungen. Die Unschuld geht mit uns in das
Gefängnis und vor die Richter, sie wird uns dort zum Retter werden aus
Schmach und Schande, und Gott, der einen Daniel der Susanna sandte,
wird auch uns seine Hilfe nicht entziehen. -- Herr Vogt, wir sind
bereit!«
-- -- Ein trüber Morgen brütet über der Stadt. Der Regen fällt in
schweren Tropfen aus dem grauen Gewölke und ein scharfer Nordwestwind
fegt durch die Gassen. Es ist so frostig draußen, daß die Blumen
die Kelche hängen lassen und ihre bunte Kleiderpracht durchnäßt am
Stiele klebt. Was Wunder auch, wenn leise der Himmel weint und rings
die Blumen trauern, wenn sich die Sonne in der Wolken Trauerschleier
verhüllt und nicht mit klarem Lichte die Stadt begrüßen kann, die eine
Nacht voll Schrecken durchlebt hat!
Im hohen Rate hatte man der Ammfrau Bernin Aussage von den zwanzig
Mädchen, welche dem Hexensabbate am Kreidenberge beigewohnt haben
sollten, sehr ernst genommen. Man forschte nach Namen, und die Alte,
stumpf geworden durch seelischen und körperlichen Schmerz und tief
verbittert durch der Richter Unerbittlichkeit, nannte, was ihr an Namen
eben in den Sinn kam. Möglich auch, daß Haß und Rache mit dabei im
Spiele waren und sie, die ihren Tod gewiß vor Augen sah, ein möglichst
zahlreiches Geleite nach der Richtstätte haben wollte.
Neben dem großen Eifer, der den Gerichtshof ohnedies schon in
Verfolgung der Hexen und Zauberer bis zur äußersten Grenze beseelte,
kam noch eine tiefe Mißstimmung der Herren, die in jenem Abende,
wo Pater Spee in Gegenwart des Fürstbischofs so einschneidende
Worte geredet hatte, ihren Grund fand. Man wollte durch massenhafte
Anhäufung des Hexenmaterials die Rede des Jesuiten Lüge strafen, man
wollte zeigen, daß das schreckliche Laster des Satansdienstes immer
allgemeiner werde und der menschlichen Gesellschaft der Untergang
drohe. Dadurch sollte auf den noch wankenden Fürsten ein Hochdruck
ausgeübt, er mit dem peinlichen Verfahren der Hexenrichter versöhnt und
endlich, was im ganzen Plane nicht das Geringste war, hiebei ein Schlag
gegen die Jesuiten und ganz besonders gegen den Pater Spee geführt
werden. -- So viele Umstände nun der Verwirklichung dieser Absichten
günstig waren, so war es doch geboten, mit äußerster Vorsicht zu Werke
zu gehen; denn trotz all ihrer Macht waren sich die Herren nur zu
wohl bewußt, daß Spee mit seiner apostolischen Unerschrockenheit und
seinem scharfen Verstande ihnen um so gefährlicher werden mußte, je
durchsichtiger ihre Pläne gehalten und je lockerer die Maschen gezogen
waren.
Während nun die Räte und ihre Gesinnungsgenossen in Würzburg selbst
ihre Tätigkeit aufs äußerste anspannten, schickten sie vertraute
Leute aufs Land hinaus, um die Gemüter der Bauern gegen die Hexen
aufzureizen. Die geängstigten Landleute, denen von jenen Sendlingen
die schauerlichsten Bilder vorgemalt wurden, wenn sie nicht mit aller
Macht gegen die Hexen ankämpften, wandten sich an den betreffenden
Inquisitor und flehten um seinen Beistand. Er ließ ihnen dann gnädigst
melden, er werde kommen und diese Pest vertilgen. Hierauf sandte er
Steuereintreiber voraus, die von Haus zu Haus gingen, um eine reiche
Sammlung vorzunehmen, als Handgeld, wie sie sagten. Nach Empfang
dieser Summe erschien der Hexenrichter, regte aufs neue die ohnedies
schon schwer geängstigten Gemüter durch Erzählung der Greueltaten und
Verschwörungen auf, welche die Hingerichteten bekannt hätten, stellte
sich dann, als wollte er wieder abreisen, bis die Frauen flehentlich
baten, der gnädigste Herr Hexenrichter möge doch bleiben, bis alle
Hexen bei ihnen vertilgt seien; sie wollten ja gerne nach besten
Kräften zahlen; man möge ihnen nur um Gottes willen alle Zauberer und
Hexen wegbrennen.[X]
In Würzburg selbst galt es, einen Hauptschlag zu führen. Gerings Elsa,
sowie Göbels Edeltraut, als Hexen angeklagt, mußten nicht nur bei der
öffentlichen Meinung -- und wo und wann gälte diese arge Törin nicht?
-- sondern auch im Urteile des Fürsten schwer ins Gewicht fallen, noch
schwerer die gegen einzelne Priester gerichtete Anklage des Bündnisses
mit dem Satan: und nun erst noch die unschuldigen Kinder!
Der Oberschultheiß hatte einzelne Schulmeister zu sich entboten,
um mit ihnen über etwaige auffallende Erscheinungen an den Kindern
Rücksprache zu nehmen. Und was war damals nicht alles auffallend? Dann
denke man sich einen Schulmeister damaliger Zeit vor einem gestrengen
Oberschultheiß -- die zitternde, ersterbende Demut vor der stolzen,
kalten Macht!
Der Gestrenge hatte schon ziemliche Ausbeute aus den Unterredungen
mit den Schulmeistern gewonnen. Dem einen schien es auffällig, daß
gewisse Kinder beten, und wieder, daß andere fluchen; dem andern, daß
selbst die Kinder schon von Hexen reden. Ein dritter erzählte, er habe
einmal mit hellem Entsetzen gesehen, wie seine Schüler in der freien
Zeit »Scheiterhaufen« spielten; da habe der, welcher den Angeklagten
gemacht, ganz merkwürdige Dinge geredet und ein gar eigenes Wesen zur
Schau getragen. Nun habe er aber gar in Erfahrung gebracht, daß das
Unwetter, welches gestern über der Stadt sich entladen hatte, von
einem Schulknaben gemacht worden sei. Derselbe habe nämlich auf dem
Nachhausewege von der Schule einem Mitschüler gegenüber die höchst
verdächtige Äußerung getan, es werde heute noch ein großes Gewitter
über Würzburg gehen. Und sei zu jener Stunde noch gar kein Gewölke
am Himmel zu sehen gewesen, während in der Nacht wirklich ein ganz
unnatürliches Donnerwetter gehaust habe.
Diese und ähnliche Aussagen waren für den Hexeneifer des
Oberschultheißen vollkommen ausreichend. Er ließ sich sowohl von der
alten Bernin als auch von den einzelnen Schulmeistern jene Kinder
bezeichnen, die im Verdachte des Bündnisses mit dem Teufel standen.
Dann gab er Befehl, die bezeichneten Kinder zur Nachtzeit gefangen zu
nehmen und nach dem Schneidturme zu bringen.
Es war gegen Mitternacht und alles lag in ruhigem Schlafe, als die
Schergen in die einzelnen Häuser eindrangen und die Auslieferung der
armen Kinder von den tödlich erschrockenen Eltern verlangten. Die
Mütter lagen händeringend auf den Knien und schrien und weinten zum
Himmel um Schutz für ihre Kleinen; die Väter fluchten und verwünschten
Richter und Gericht und schwuren Rache, blutige Rache; die Kinder
selbst aber klammerten sich mit der Kraft der Verzweiflung an ihre
Eltern an, bis sie der rohen Gewalt weichen und gar manche aus ihnen
von den heftigsten Krämpfen befallen nach dem Gefängnisse getragen
werden mußten.
Dort hatte man bereits einen eigenen Raum für diese jungen Hexen und
Zauberer bereitgehalten, und noch ehe der Morgen mit trübem Lichte
durch die kleine, vergitterte Maueröffnung, die als Fenster diente,
dämmerte, kauerten zwanzig Kinder in einem Alter von sechs bis elf
Jahren weinend und wehklagend auf dem faulen Stroh, mit welchem der
Boden des Gefängnisses bestreut war.
Die Stadt lag in tiefer Trauer. Die Männer standen finster grollend
zusammen und stritten und schmähten. Die Mütter umringten die Altäre
und bestürmten den Himmel mit glühenden Gebeten. Die Schulen wurden
geschlossen und die Kinder einer strengen Aufsicht unterstellt.
Der Oberschultheiß aber stand in seiner Amtsstube und nahm mit hoher
Befriedigung die Nachricht von der Gefangennahme der Priester und
Kinder entgegen.