10. Kapitel: Elsa und Edeltraut vor den Richtern

Elsa und Edeltraut waren zwei Treppen hoch in einem engen Gemache des

Schneidturmes untergebracht worden. Im Gegensatze zu den gräßlichen

Räumen, in denen die anderen Hexen und Zauberer gefangen lagen, war

die Lage der beiden Mädchen immerhin noch eine erträgliche zu nennen.

Die Wände waren getüncht, durch das stark vergitterte Fenster floß das

Tageslicht ungebrochen herein, das Lager bestand nicht aus verfaultem

Stroh -- es war also doch einige Milderung der für so hoch angesehene

Jungfrauen immer noch schrecklichen Verhältnisse eingeräumt, die

allerdings weniger auf Rechnung der gestrengen Richter, die bekanntlich

mehr Kopf als Herz und manchmal keines von beiden hatten, als auf die

Gutmütigkeit des alten Kerkermeisters zu setzen war.

Die Sonne spielte mit ihrem Lichte auf dem Boden des Gefängnisses, als

wollte sie die Gedanken der Gefangenen mit ihren goldenen Lichtfäden

hinauslocken in die freie, herrliche Gotteswelt, hinaus in den Wald

mit seinen laubreichen Hallen und efeuumschlungenen Säulen und seinen

duftenden Kelchen und glühenden Beeren auf schwellendem Moose.

Edeltraut sah mit bitterem Auge dem tanzenden Sonnenstrahle zu.

Ihre Lippen waren zusammengepreßt, ihr Angesicht widerstrahlte ein

tiefverwundetes Gemüt. Stolz stand sie inmitten des Gemaches, eine

Königin im Kerker. Das volle blaue Auge blickte mit brennender

Sehnsucht nach der Freiheit, die durch die kalten Eisenstäbe mit

Himmelsbläue in den Kerker grüßte. In des Fensters Außennische saß

eine Schwalbe und bog das Köpfchen voll Mitleid nach der armen Maid

da drinnen, daß sie nicht auch gleich ihr in voller Lust der Freiheit

Freuden trinken könne.

»Elsa!« rief Edeltraut.

»Schwester,« antwortete das blinde Mädchen, das Haupt langsam erhebend,

»deine Stimme ist so scharf und dein Herz noch nicht im Frieden.«

»Nein! Sage mir, wann kommt denn endlich über deine Lippen der Klage

bitterer Laut? Bin ich es allein, welche ihrem Schmerze Worte leiht

und welche die Sprache der getretenen Ehre führt? Indes ich zürnend

meinem Schicksal und meinen Quälern grolle und über den Wahn und die

Bosheit jener Menschen klage, welche dich und mich an diesen Ort der

Schmach gezerrt; indes meine Seele gleich dem Meere stürmt und brandet

und hohe Wellen schlägt; und während über meiner Seele ein düsterer,

sternenloser Himmel brütet: bist du der Ruhe voll und gleich dem

Spiegel des stillen Sees in tiefem Tannengrund, den nicht der Sturm

erregt und der keine Woge schlägt. Du bist wie eine Blume, welche aus

der Flut der Wetter sich ihren Demant bricht und ihn als lieben Schmuck

in ihrem Kelche wiegt.«

»Ich klage nicht,« gab Elsa mild zurück. »Glaube nicht, daß nicht auch

hier an dieses Herz das Leid mit unbarmherzigem Finger pocht; glaube

nicht, daß nicht auch mir die Seele blutet, wenn ich meines armen

Vaters gedenke. Treu seiner Liebe ging er an meiner Seite, als sie mich

zum Gefängnisse führten. Doch an der Schwelle, welche die Freiheit von

dem Kerker scheidet, mußte er mich verlassen. Sein Wort war damals

arm und doch so endlos reich. »Mein armer Engel, Gott mit dir! Mir

bricht das Herz!« So sprach er und gab mir eine große, volle Träne zum

Geleite ins Gefängnis. Nun sitzt er einsam in der Stube und sucht die

blinde Elsa und die kleine Irma und kann sie nur dann finden, wenn sein

Gedanke sich zu Schmach und Kerker wendet. Schmucklos ist die stolze

Eiche geworden. Die Krone brach, als meine Mutter starb. Und nun sinkt

Ast um Ast vom lebensmüden Stamme, und an dem Marke nagt der Wurm des

Harmes und des Todes. Und ich kann ihn nicht trösten! Siehe, süßes

Herz, du liebe Blume du, sieh, das ist Leid, dem kein Wort genügend

Ausdruck gibt; das ist wie Grabesläuten, und du begräbst dich selbst

dabei, dein Herz, dein Hoffen und dein Lieben!«

»Das, dächte ich, wäre Grund genug zu bitterer Klage,« entgegnete mit

Schärfe Edeltraut.

»Grund genug; du hast wohl recht. Doch Recht dazu? sag' mir den Grund!«

»Kind, ich versteh' dich nicht. Du zählst selbst einen Teil der Leiden

auf, welche deine Seele drücken und deine Liebe tief verwunden. Nimm

noch dazu das schreckliche Geschick, das auf uns lastet, den häßlichen

Verdacht, der unserem Namen anklebt, die Schmach, die wir ertragen.

Nimm dann dazu, was uns erwartet: Richter, grausam, wahnbefangen,

unerbittlich; Qualen, wie sie nur die größte Gefühllosigkeit erdenken

kann, und endlich Flammen, die den jungen Leib zu Asche brennen und all

das reiche Hoffen, das in einer jungen Menschenseele knospt, ertöten.

Sterben ist ein schauriges Wort, am Scheiterhaufen enden, schrecklich;

aber in der Jugend süßer Blüte dem Tode unschuldig verfallen, ist

ungerecht von Gott!«

Elsa erwiderte nichts. Ihr Antlitz war von Schmerz und Mitleid erregt.

Sie richtete das Auge, aus dessen toten Sternen eine klagende Seele

sprach, nach der Freundin.

»Du antwortest mir nicht,« sprach Edeltraut verletzt.

»Was sollte ich dir sagen? Der Schmerz, der aus dir redet, ist mit

Bitterkeit gemischt. Da laß mich schweigen, bis die Seele ruhig

geworden ist und ein Wort des Friedens Widerhall in dir zu finden

vermag.«

»Das klingt wie Tadel, Elsa?«

»Es soll gewiß nicht Tadel sein, mein armes Herz,« besänftigte die

Blinde. »Du, Edeltraut, bist stolz gebaut an Leib und Seele und deiner

Gefühle Wellenschlag ist ein lauterer und stürmischerer als der in

meiner Brust; du bist wie eine Palme, ich wie des Feldes Blume; dich

faßt des Sturmes wilde Vollkraft, über mich aber fegt er hinweg, kaum

meinen Herzenskelch berührend. Komm her zu mir und laß dir sagen, wie

es kommt, daß deine kleine Elsa inmitten solchen Leidens den Frieden

und die Ruhe nicht verliert!«

Edeltraut kniete sich vor das blinde Mädchen, die Hände auf deren Schoß

kreuzend und mit den blauen Augensternen bewundernd auf die liebe Maid

schauend.

»Hier bin ich, Engel,« sprach sie mit voller Innigkeit. »Hier ist die

stolze Palme; gib ihr von deiner Kraft, von deinem Frieden!«

»'s ist tiefes Leid,« sprach Elsa, »das seine dunklen Schwingen über

uns breitet. Wir sind, wie heute der menschlichen Gerechtigkeit

verkehrte Wege gehen, dem Tode verfallen, und unser Andenken wie

unser Name gehört der Schmach und Schande, bis eine spätere Zeit die

Schmach den Richtern zuwendet und dem Wahne, dessen fügsame Diener sie

gewesen, dagegen den armen Opfern eine Träne warmen Mitleids weiht.

Die Welt wälzt trübe, schmutzige Wellen vor sich her. Das Laster

steigt, und stolzer hebt von Tag zu Tag der Sinne kecker Übermut

das Haupt. Der Kirche Leib ist frevelhaft zerschnitten. Da sie den

Glauben, wie sie sagen, reinigten, schnitten sie ihm die Lebenswurzeln

ab und ließen üppig alles Unkraut wuchern. Der Gottesglaube ward zum

Schleierbilde, das jeder sich nach seiner Willkür deutet. Und siehe,

je mehr ringsum das Bild des wahren Gottes und seiner hehren Lehre in

Erdenlust, in Übermut, ja selbst in haderndem Gezänke untersank, mit

desto stolzerem Mute drang des Glaubens Fratze, der Aberglaube, vor.

Gott haben sie verkannt; nun glauben sie dem Teufel und seiner Macht.

Nicht Gott regiert das Weltall; nicht er gibt Sonnenschein und Regen

und Mißwachs oder Segen; nicht er verteilt des Glückes Gaben, das

Leid, die Lust, den Schmerz. 's ist alles Satanswerk, getan durch böse

Kunst und schlimmen Bund. Die Menschen schwören ihrem Gotte ab, dem

Teufel zu, und haben Gewalt, die Ordnung Gottes aufzuheben, und der

Satan sitzt auf dem Throne. Das ist die Frucht der Glaubensdürre, an

der die Menschheit heute sterbend siecht. Das Blut Gemordeter schreit

nicht ^mehr^ zum Himmel auf, als jener finstere Geist, der nun die

Welt beherrscht. Es ist das Opfer Kains, das auf zum Himmel qualmt,

und auf das der liebe Gott nicht segnend schauen kann. Es fehlt Abels

Opfer, das Gott zu sühnen strebt. Ich will es sein. Ich weiß, wie arm,

wie klein und schwach ich bin dem Riesen gegenüber, der Gottes Rache

herausfordert. Und doch verzage ich nicht.«

»Du edle Seele!« rief Edeltraud »Du willst dein junges Leben, dem so

wenig Freuden blühten, für eine Missetat zum Opfer bringen, die nie an

deiner Seele Anteil hatte! Wie groß und schön du bist im Lichte deiner

Liebe!«

»'s ist wahr, mein Leben wiegt nicht schwer, sind Freuden, die mir

geworden, das Maß, nach dem sein Wert gemessen werden soll. Und schaue

ich in die Zukunft, so sehe ich nichts, das einer Freude gliche.

Mein Vater ist ein Greis. Bald graben sie am Friedhof draußen sein

Grab und ich stehe allein in fremder Welt. Sein Tod bricht meine

letzte Erdenliebe, und das Herz kennt nur mehr der Himmelssehnsucht

Pulsschlag. Doch nicht nach Freuden soll man des Lebens Wert messen,

sondern nach Opfern, die das Herz entsagend bringt.«

»Ist's nicht des Opfers überviel,« unterbrach Edeltraut, »daß dir der

Augen Licht versagt und deine Welt in finsterer Nacht begraben ist?

Selbst deines Vaters Angesicht zu schauen ist dir versagt. Und allem,

was du liebst, fehlt die Gestalt, selbst deine Schwestern, des Feldes

Blumen, denen du dich so gerne vergleichst, sind dir ein ungelöstes

Rätsel. Du lebst nur, wenn dich Träume mit ihren Bildern laben, wachend

bist du des Leides voll.«

»Daß ich nicht Gottes Pracht in seiner Schöpfung und meines Vaters

Antlitz sehe, ist ein Opfer, mit dem ich längst die Rechnung

abgeschlossen habe. Gott, der euch Menschenkindern lichte Augensterne

gab, gab mir die Nacht. Er tat's, ich bin's zufrieden. Und ist es ein

Opfer, das ich Gott darbringe, so mag es für meine eigene Schuld als

Sühne gelten. Doch für die Schuld, die nun auf vielen lastet, und deren

Sühne zum Himmel schreit, will ich mein junges Leben zum Opfer bringen.

Ist's auch nur wenig, wie wenn ein Tropfen Tau die dürre Erde tränken

wollte, so habe ich doch getan, was in der Schwachen Kraft gelegen, und

ist mein Tod die Rettung ^eines^ Lebens, so bin ich reich belohnt --

denn ich habe gelebt vor Gott.«

»Wenn ich dich schaue, goldne Elsa, in deiner Seele hohen Pracht, so

bricht der Stolz, die Lebenslust, der wilde Grimm über meine Quäler

machtlos zusammen. Kind, du bist groß! Du schreitest mit festem Fuße

über Leid und Gram und Schmach, und selbst der Tod ist dir nur eine

Brücke, die zu Paradiesesauen führt. An dich willst du nicht denken.

Die Welt, die du nicht siehst, umfängst du mit einer Liebe, die aus dem

Herzen Gottes stammt.«

»Wie arm« -- fuhr Edeltraut in leisem Tone fort -- »wie arm muß sich

die Erde dünken, wenn sie dich, liebes Blümchen, tot in ihrem Schoße

birgt! Mag ihr wohl sein, als wär' der Lenz gestorben und alle Blüte

sei zu Eis geworden und alles Leben starr und alle Liebe welk. Du hast

mich viel gelehrt, Elsa. -- Die Menschenliebe bricht vor deinem Wort

und Geist in morsche Stücke, die Gottesliebe baut sich herrlich auf.

Nun faß ich dich, nun dank' ich dir aus voller Seele, daß nie ein Laut

der Klage deinen Mund bewegte. Ja, Gott ist groß in seinen Werken, am

größten doch in jener Liebe, die er in reinen Herzen für sich weckt.«

-- --

Ein Geräusch an der Kerkertüre störte das Gespräch der beiden

Jungfrauen. Der Kerkermeister trat ein. Ihm folgten Pater Spee und

Elsas Vater.

»Gott sei mit euch!« sprach zum Gruß der Jesuit.

Elsa erhob das Haupt. »'s ist Sonnenstrahl,« rief sie, »den Gott mir

schickt. Mein Pater, segnet mich!«

Spee hob die Augen auf zum Himmel. »Gott segne dich,« sprach er. »Und

wenn mein Segen je auf ein frommes Herz fiel, so gelte er heute vor

Gott.«

Der alte Gering sah mit feuchtem Auge seine Tochter auf dem Estrich

knien.

»Elsa,« sprach er zitternd.

»Mein Vater!«

Der Alte weinte bitterlich, als er des Lieblings Haupt an seine Brust

drückte.

»O weine nicht, du treues Herz,« sprach Elsa; »nun hat die Träne

jegliches Recht verloren. Wir gehen hinüber, Vater, zu unserem Gott,

zum Licht, zum Paradiese. Miß nicht die Zeit, die uns noch an die

Erde bindet; gedenke nicht der Augenblicke, da noch der Leib der

Seele Schwingen hemmt. Der Tod -- das Grab, sie sind für uns goldene

Schlüssel zu einem Liebesleben, das nimmermehr durch ein Leid uns

stört. -- Wie gut du bist, du lieber, lieber Vater, du suchst dein Kind

im Kerker heim! Sei nur getrost, es naht die Zeit, da die Schwalbe in

die Heimat kehrt!«

»Du bist die Schwalbe,« bestätigte tiefbewegt der Alte, »und der Himmel

ist dein Heim. Fürwahr, du bist zu gut für diese Erde!«

»Elsa,« sprach Pater Spee, »du hast wohl recht, die Schwalbe zieht zur

Heimat. Die Richter rufen dich und Edeltraut.«

Letztere erblaßte und ein heftiges Zittern schüttelte ihre Glieder. Aus

Elsas Augen trat eine große Träne, ein Demant, den der Schmerz aus

tiefem Seelenschachte sich gebrochen.

»Gott ruft, laßt uns nicht zögern!« rief sie heiter blickend. -- »Mein

teuerer Vater, deinen Kuß; und Eueren Segen, Pater!«

* * * * *

Die Richter sitzen stumm und ernst. Es liegt wie schwere Anklage

auf ihnen, da sie nun über die edelsten Jungfrauen der Stadt in so

schmählicher Sache richten sollten. Fühlten sie vielleicht selbst,

daß sie auf dem betretenen Wege zum himmelschreienden Massenmorde

kommen müßten? Oder fingen sie an zu begreifen, daß sie über ein

Verbrechen zu Gericht saßen, in welchem sie blindlings umhertasteten,

ohne irgend welches Verständnis, ohne irgend einen Halt als den, den

ihnen die Torheit gab? Ahnten sie vielleicht, daß sie mit dem, was sie

Gerechtigkeit nannten, in den Blättern der Geschichte in der Reihe der

Henker, ja der Mörder stehen würden? Sahen sie das ferne Wetterleuchten

jener ungeheuern Schmach, die ihrem Namen ankleben würde? Dachten sie

vielleicht an jenen jungen, kühnen Jesuiten, der mit dem Schwerte der

wahren Liebe und Aufklärung sich ihrer blinden Wut entgegengestellt

hatte?

Nur der Oberschultheiß sah mit kaltem Auge auf die Angeklagten, seine

Seele bewegten weder Leidenschaft noch Mitleid, sein starrer, stolzer

Sinn kannte nichts, wovor er sich beugte, als das, was er seine Pflicht

nannte, und das peinliche Recht. Ihm galt es gleich, wer vor ihm als

Angeklagter stand; ^so spricht der Paragraph, so richte ich^, das war

seine höchste Weisheit!

»Elsa Gering,« brach er das Schweigen, »du weißt, was dich an diese

Stelle führte!«

»Euer Befehl.«

»Und dein Verbrechen,« ergänzte der Richter.

»Was ich an Sünde an mir habe, das klage ich in Reue meinem Gotte und

meinem Beichtiger. Von schwerer Schuld jedoch weiß ich mich frei, und

jenes schreckliche Verbrechen, dessen Ihr mich zeihet, hat keinen Teil

an mir.«

»Du leugnest, jedoch vergebens! Die alte Ammfrau Bernin sah dich und

Edeltraut Göbel mit vielen anderen auf dem Kreidenberge, wo sich die

Hexen um den Satan scharen.«

Edeltrauts schönes Antlitz färbte tiefes Rot. Ein edler Zorn blitzte

aus ihren stolzen Augen.

»Ihr Herren,« sprach sie mit hoher Würde, »was ihr die arme Elsa

fraget, werdet ihr auch mir entgegenhalten. Ich will euch darum

zuvorkommen und ungefragt euch antworten. So hört! 's ist eine Schmach,

die ewig über Würzburgs Mauern schweben wird, daß Männer zu Gerichte

sitzen, die nicht viel besser sind als Mörder. 's ist eine Schmach,

daß man, um dem tollen Wahne stets neue Opfer zu schlachten, jedem

Worte Glauben beimißt, das wilder Schmerz, Verzweiflung, das euere

Grausamkeit erpreßte. Noch mehr! Es ist eine Schmach, daß man an Hexen

glaubt, wie ihr, daß man von dieser Stelle aus das Volk in seinem

Glauben, seinem Glücke, in seinem Leben mordet. ^Ihr stolzen, harten

Herren seid es^, die in dem armen Volke das Gift nicht sterben lassen,

^ihr seid es^, welche die Scheiterhaufen bauen und die Schwerter

schleifen. ^Ihr habt nicht Herz noch Hirn^; denn hättet ihr eines, so

säßet ihr nicht hier. Ihr stürztet schamerfüllt hinaus aus diesem Saale

und suchtet einen Erdenwinkel, wo euch die Schande nicht erreicht.

Ich weiß, ich spreche kühn, und euere Augen sprühen Zorn. Und doch

ist mein Wort, und tauchte es auch in Wermutfluten, nicht so herb als

euer Tun! ^Euch ist nichts heilig mehr als euere Torheit.^ Den Räubern

gleich dringt ihr in die Häuser und ^stehlt, um dann zu morden^.

Mich habt ihr herzlos weggerissen aus meines Vaters Armen, den nun

der Schmerz um seine Tochter aufs Krankenlager warf. Daß Göbels Haus

und Ruf ein Schmuck für unsere Stadt gewesen ist, daß an dem Namen,

den mein Vater trägt, und der mir als heiliges Erbe galt, kein Makel

hängt, das habt ihr schnell vergessen, seit euch ein altes Hirn im

Schmerzenswahnsinn grause Märchen erzählte. Wo ist der Mensch, der mich

auf schlimmen Wegen sah, wo ist die Zunge, die, ohne falsch zu zeugen,

mir auch nur den Schatten des Lasters aufbürden kann, dessen ihr mich

zeihet? ^Stolz^ nannten sie mich, die Edeltraut Göbel, weil sie nicht

zum gemeinen Haufen niederstieg mit Kopf und Herz, ^stolz^ schalten

sie mich, da ich mit Verachtung auf die klugen Köpfe niedersah, die

keine höhere Weisheit kennen, als Hexen spüren. Jetzt sollt ihr recht

bekommen. Ja, ^stolz^ will ich euch gegenübertreten, will euch sagen,

daß ich euch tief verachte. Ich weiß, dies Wort macht euere Herzen noch

bitterer; auch das verachte ich, ^wie ich die Welt verachte, die solche

Richter trägt^.«

»Laßt mich; noch bin ich nicht zu Ende. Bis jetzt sprach ich für mich.

Nun laßt mich auch für Elsa Gering sprechen. Wenn in euch noch nicht

der letzte Funke von Gefühl erloschen ist, ^wenn ihr als Väter noch^

von Liebe gegen Kinder wißt, so schaut mit kaltem Auge dieses Mädchen

an, ^wenn ihr es vermögt^. Als Kind der >kleine Engel< von allen Lippen

genannt, war sie der Schmuck der Stadt. Zur Jungfrau aufgeblüht, fand

man sie nur im Gottes- und im Vaterhause. Auch nicht die schlimmste

Zunge wagte sich an ihren Ruf. Sie ist wie eine Lilie, die aus dem

Sumpfe blüht. Habt ihr sie beten sehen? Wohl kaum. Dazu habt ihr nicht

Lust noch Zeit! Und hättet ihr sie beten sehen, so sprächet ihr nicht

jenen Wahnwitz aus, Elsa Gering sei zur Hexe geworden. Ich will euch

etwas sagen, gar weise Herren, was ihr wohl nicht versteht. Wollt ihr

des Menschen inneren Wert ermessen, wollt ihr wissen, wie fest er in

der Tugend begründet ist, so schaut ihn beten. Hier tritt des Menschen

Seele auf die Oberfläche, hier könnt ihr wägen ihren Wert. Und hättet

ihr nur einmal meine Elsa beten sehen, ihr hättet euch geschämt, sie

als Hexe vor euch zu rufen. Dann nehmt das Leid, das auf ihr lastet.

Ihr ist die Welt ein Buch mit ungelösten Siegeln. Sie kennt die Nacht

mit ihrer Finsternis, doch nicht den Tag mit seinem Sonnenlichte. Was

immer hier auf Erden lebt und was Schönes aus des Schöpfers Hand das

Weltall schmückt, ist ihr ein Geheimnis, wie sie dem Bösen, das des

Menschen Geist erdenkt, nicht Form noch Gestalt zu geben weiß. Sie, die

die Nacht der Augen mit der Geduld des Engels erträgt, und deren Leben

Liebe, Opfer und Gebet ist, sie soll im Bunde mit dem Satan stehen!

Welche Weisheit! Oder sagt, ist Elsa wohl ein fahrendes Weib, das

heimatlos aus unbekannten Fernen kam, und von dem ihr Herren gar nichts

wißt, als was die böse Zunge einer Alten vor ihr redet? Ist sie nicht

unter eueren Augen aufgewachsen, habt ihr sie nicht bis noch vor kurzer

Zeit den Engel euerer Stadt genannt? Und nun? Fürwahr, ihr Herren seid

große Geister, und euer Urteil ist fest wie Kartenhäuser, die das Kind

sich spielend baut. Ein starkes Geschlecht fürwahr sind die Männer, nur

schade, daß sie gleich den Windfahnen sind!«

»Ihr blicket finster, und euer Auge widerleuchtet Groll und Zorn.

Immerhin! Wer hier, wie ich und Elsa, an der Scheide seines Lebens

steht, der hat ein Recht zu offenem, freiem Worte. Ich hab's gesagt,

ihr habt's gehört. Tut nun, was ihr nicht lassen könnt, an Recht und

Pflicht ermahne ich solche Richter nicht.«

Die Räte und der Oberschultheiß sahen in der Tat mit zornglühenden

Augen nach der kühnen Maid, die solche Worte sprach, als sei sie

Richter und diese die Verbrecher.

»Ihr seid wohl mehr als kühn, Ihr seid geradezu frech,« stieß der

Oberschultheiß in heller Wut hervor.

Edeltraut zuckte heftig zusammen, und tiefe Blässe deckte ihre schönen

Züge.

»Frech!« rief sie, »frech nennt Ihr eine edle Jungfrau Euerer Stadt!

Herr Oberschultheiß, dieses Wort entehrt mich nicht, es schändet den,

der es gesprochen. Ich beuge gerne jeder Obrigkeit mein Haupt und

meinen Sinn. Doch fordere ich für den Gehorsam, den ich leiste, und

für die Achtung, die ich zolle, mein ganzes, unverkürztes Recht. Wo

die Obrigkeit jedoch nach blinder Willkür waltet und Unrecht Recht und

Wahnsinn Weisheit nennt, da hat der mißhandelte Untergebene wohl noch

jenes letzte Recht, ^das des freien Wortes^. Ihr könnt auch dieses

nehmen, Ihr dürft ja nur zum Schwerte greifen, zu Galgen, Rad und

Scheiterhaufen, denn gegen diesen Eueren letzten Machtspruch schweigt

jede Widerrede.«

»Ihr tolles Geschwätze läßt vermuten, daß Sie beim Pater Spee sich Rats

erholte,« bemerkte in höhnischem Tone der Oberschultheiß.

Über Elsas Antlitz zog tiefer Unmut. »Herr,« sprach sie, »Herr, wie

könnt Ihr jenen schmähen, der nur die Lippen öffnet, um von Liebe

und Verzeihung zu uns Gefangenen zu reden? Wie könnt Ihr glauben,

das, was Edeltraut gesprochen, sei Widerhall von dem, was Spee uns

lehrte? Was Ihr gehört, das war die Sprache eines zum Tod gekränkten

Frauenherzens, ein Priester spräche anders. Wenn Euch mein Wort noch

Glauben wecken kann und wenn Ihr einer Jungfrau glaubt, die nie der

Lüge diente und nun, da sich ihr Leben schnell zur Rüste wendet, sich

nicht mit falschem Zeugnisse beflecken will, so nehmt aus meinem

Munde die Versicherung, daß nie aus Spees Munde ein bitteres Wort

über euch, ihr Herren, kam. Wenn sich die Klagen der Gefangenen zur

hellen Zornesflamme steigerten, wenn sie, von Schmerz verwirrt, euch

verfluchten und euch Henker, Mörder nannten, dann war es Pater Spee,

der solche Rede ernst verwies und mit des Kreuzes Balsam allen Unmut

heilte. O seid nicht ungerecht! Jeder Arme, der in eueren Kerkern

schmachtet, trägt ^seine^ Leiden nur und stirbt nur ^seinen^ Tod.

Doch Spee trägt aller herbes Leiden in voller Liebe mit und stirbt

mit jedem seinen blutigen Tod. Schmäht auf die Priester nicht, die

unsere Wunden heilen, und legt nicht neue Dornen ihnen auf den Weg der

Liebe! ^Dankt Gott aus voller Seele, daß noch Priester sühnend in den

Abgrund steigen, in welchem die Torheit und die Sünde gleich giftigem

Gewürme die Menschheit morden.^ Nehmt dem tiefsten Elend, das sich hier

in eueren Kerkern häuft, den letzten Trost des Priesters, dann mögt

ihr sehen, wie der Wahnsinn euere Opfer schüttelt und der Selbstmord

sie euerem Spruche entzieht; dann mögt ihr hören, wie euch glühende

Lippen fluchen, wie sie euch Henker und Satane nennen. Und habt ihr das

geschaut und eueren Fluch gehört, dann ringt die Hände und ^dann ruft

wieder nach Priestern, welche mit der Liebe Wort die Wunden des Herzens

heilen und jede Leidenschaft zum stillen Opfer kehren^.«

Elsa hatte diese Worte mit einer so hohen Begeisterung, mit solcher

Wärme und Innigkeit gesprochen, daß selbst die Richter tief beschämt

zur Erde sahen. Der Oberschultheiß blätterte mit fieberhafter Hast in

einem Akte, um seinem Zorne Zeit zu gönnen, sich zu legen. Dann erhob

er sich in seiner kalten Strenge und sprach:

»Ich frage Euch, Edeltraut Göbel, ob Ihr Euch schuldig gebt des Bundes

mit dem Satan, der Hexerei und bösen Zauberkünste?«

»In Ewigkeit, nein!« erwiderte mit unvergleichlicher Würde Edeltraut.

»Euch, Elsa Gering, frage ich dasselbe.«

»Ich diene meinem Gotte; ihm gehöre ich. Ich habe nie dem Bösen einen

Teil an mir gegeben, Gott ist mein Zeuge, mein Herz drückt keine

Schuld.«

»Und wenn ich euch nicht glaube?« fragte spitz der Oberschultheiß.

Edeltraut warf einen empörten Blick nach demselben.

»Habt Ihr den Glauben an ein reines Herz verloren, so nennt Lüge, was

wir sagten. Doch glaubt Ihr noch an Wahrheit und Treue, so ist es Euere

Pflicht, daß Ihr Euch unserem Worte beugt.«

»Ich verweise auf den Henker!« drohte der Oberschultheiß.

»Er kann, er wird uns nicht zum Lügner machen,« sprach Elsa mit mildem

Ernste.

»Ihr wollt also die Wahrheit nicht gestehen?«

»Wir haben sie gesagt!«

»Der Henker trete ein!«

»Gerechter Gott!« rief Edeltraut und fiel der zitternden Elsa um den

Hals. »O laß mich sterben!«

-- -- Und er trat ein! -- --

Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle · 第 15 / 38 题