In einem prächtigen Gemache des alten Bischofshofes spielt ein
einsamer, später Sonnenstrahl um reichvergoldete Möbel, seinen Glanz an
ihrem Glanze messend. Dann hüpft er, froh des gewonnenen Sieges, über
die schweren gewirkten Tapeten, tanzt auf den massigen Skulpturen des
Plafonds und springt dann wieder auf den Boden nieder, um das Windspiel
zu necken, das dort auf seidenen Kissen ruht.
In der Mitte des Gemaches steht ein großer, ernster Mann. Der
Sonnenstrahl huscht scheu an ihm vorüber, nur an den Diamanten des
goldenen Pektorales tippt er mit flüchtigen Blitzen. Dann verkriecht er
sich wie ein zu Tod erschrecktes Kind am Himmel hinter einer Wolke und
will sich nicht mehr sehen lassen.
Der Abend dämmert nieder und pflückt die letzten Lichter von der Erde.
Der Fürstbischof Philipp Adolf von Ehrenberg tritt, aus seinen Gedanken
erwachend, an den Schreibtisch, auf dem sich Aktenstücke befinden.
Sein Auge ruht auf einem Blatte mit tiefem Ernste. Es sind nur wenige
Zeilen, die, wie sie leblos ihm entgegenstarren, so ihm auch vom Tode
reden.
»Ein Urteil!« spricht der Kirchenfürst in halblautem Tone....
»Und allda an der Säulen durch den Nachrichter vom Leben zum Tode
strangulieret, auch alsbald darauf der Körper mit dem Feuer zu Pulver
verbrannt werden soll!«... »Mit dem Feuer zu Pulver verbrannt,« fuhr
der Fürstbischof nach einer Pause, die letzten Worte des Urteils
wiederholend, fort. -- »Es ist doch ein schreckliches Amt, zu richten
über Leben und Tod! Gott gab die Gewalt dazu -- 's ist wahr; aber
liegt in der berechtigten Gewalt auch schon die Bürgschaft, daß sie
nicht irrt, ja, daß sie nicht von menschlicher Leidenschaft sich auf
falsche Bahnen drängen läßt und zum gemeinen Mörder wird? Was geschah
nicht alles im Namen des Rechtes und der Macht, daß es sich nicht
getrost neben das Schlechteste stellen darf, das die Erde gesehen?
Was ist Gesetz und Recht und Macht, wenn sie nicht ein reiner Ausfluß
von Gottes Willen sind? Kann nicht auch das Gesetz zur Schmach der
Menschheit werden, zum fluchwürdigen Tyrannen, der nicht das Gute will,
sondern die Guten entehrt und knechtet? Hätte die Menschheit nicht
immer mehr und mehr verlernt, in Gottes Wort Gesetz und Wahrheit zu
erkennen, wir brauchten all den Wust von Menschensatzung nicht.....«
»Ich kann nicht unterzeichnen, wenigstens heute nicht! Die Seele
sträubt sich und der Wille! Wie schön, wie beneidenswert wäre des
Fürsten Los, wenn er nur Liebe zu verteilen hätte, wenn nie die Hand,
der Mund, das Auge strafen müßten! Das ist ein frommer Wunsch, wie
ihrer Tausende im Menschenherzen leben; doch, kann er auch nicht ganz
zur Wahrheit werden, so soll er doch soweit Gestalt und Leben haben,
als es der Liebe möglich ist.«
Zwei Edelknaben mit brennenden Wachskerzen traten ein und blieben
ehrerbietig zu beiden Seiten der Türe stehen.
Philipp Adolf wandte sich wohlwollend zu ihnen.
»Nun, Kurt von Ratzenstein, wie gefällt dir der neue Dienst?«
»Sehr gut, durchlauchtigster Herr,« entgegnete der frische, prächtige
Knabe mit den großen, dunkeln Augen. »'s ist alles gar herrlich hier,
hab' auch dem Heimweh Valet gesagt, nur --«
»Nun, was fehlt?«
»Ein Roß!« platzte der Junge heraus. »Seht, hoher Herr, es ist bei
aller Pracht ein trostloses Leben, so fein demütig auf eigenen Socken
schreiten müssen, sachte Schritt für Schritt und schön bedächtig, wie
der Hofmarschall es will, statt auf einem stolzen Rosse reiten, wie ein
Ritter alter Zeit oder ein kühner Feldhauptmann vor seinem Fähnlein
Soldaten!«
»Bist noch zu klein für Roß und Bügel,« scherzte der Fürstbischof.
»Nein, nein, Durchlaucht! Bin nicht zu jung und klein,« rief der Page
und streckte seine geschmeidige Gestalt. »Seht nur, wie groß ich bin!«
»Und du, mein lieber Fischbaum,« sprach der Fürstbischof, sich zum
andern Pagen wendend, »willst du auch gleich deinem Genossen dich auf
einem Pferde tummeln?«
Der Knabe schüttelte leicht das Haupt mit den langen, blonden Locken.
»Verzeiht die offene Rede, mich lockt nicht Pracht, nicht Saitenspiel,
nicht Schwerterklirren. Mein Sinn steht nach der Einsamkeit. Ich
möchte Priester werden, kein so hoher Herr wie Ihr, auch nicht ein
Domherr oder Propst; ein schlichter Priester ohne Namen und Rang, doch
voll des heiligen Feuereifers für Gottes Ehre und für der Menschen
Heil!«
»Ein großes Wort aus Knabenmunde!« versetzte wohlwollend Philipp Adolf.
»Gott segne dich und gebe deinem Wunsche gnädige Erfüllung! -- Sind die
Herren schon versammelt?«
»Ja, Durchlaucht!«
In einem großen Saale, von dessen reichgeschmückter Decke schwere
Kronleuchter mit brennenden Wachskerzen hingen, bewegte sich eine
flüsternde Gesellschaft: Adelige, Domherren, Prälaten, Professoren,
Gelehrte und Künstler. Das buntfarbige Bild der glänzend geputzten
Menschen, wie der in ihrem einfachen Habite doppelt ehrwürdig
schreitenden Mönche stach gar eigen von den Gobelins der Wände ab,
von denen Saul und Salomon und David in starrer Verwunderung auf
die wogende Menge herabsahen. Rings an den Wänden zogen sich mit
roter Seide bezogene Stühle hin, deren schnörkelreiches Schnitzwerk
und künstlich gebogene Füße in dem hellglänzenden Parkettboden
widerstrahlten. In zwanglosen Gruppen standen die Herren beisammen,
die Neuigkeit des Tages oder ihres Amtes oder eine weise Meinung
bald mit einfacher Würde, bald mit hochgezogenen Augenbrauen und gar
wichtiger Gebärde dem minder weisen oder erfahrenen Zuhörer gnädigst
auseinandersetzend.
»Seht, werte Herren,« sprach einer vom Adel, den Degen wagrecht an der
linken Seite haltend und mit der Rechten, wohl dem goldenen Ringe mit
dem großen Solitär zuliebe, beständig in den Lüften fuchtelnd, »ich
liebe mein Vaterland gewiß aufrichtig, gar kein Zweifel, anerkenne
auch, daß einige Kunst und Wissenschaft in Deutschland blüht, jawohl,
aber fein, elegant, mit Genuß versteht man nur in Frankreich das Leben
sich auszuschmücken. _Mon Dieu_, wir haben Schneider; was können sie?
Einen Bürgerrock zusammenflicken! Sonst nichts! Ich frage, wo wird
in Deutschland eine Leinwand gewoben, die so zart wäre wie die aus
Frankreich? Ah, _messieurs_, ich beziehe seit einiger Zeit alles --
alles aus Frankreich, selbst Rasiermesser und Scheren, auch meine
Hemden; sind sie doch schon darum besser als die deutschen, weil sie
ein wenig von der französischen Luft parfümiert worden sind. Ja. Und
erst unsere deutsche Sprache, ah, _messieurs_, wie barbarisch sie
klingt, man kann wahrlich nur mehr Französisch sprechen, wenn man auf
Anstand Anspruch machen will.[P] Ja. Es ist nur auf das tiefste zu
bedauern, daß Durchlaucht diesen Ideen nicht zugänglich ist, seinen Hof
nicht französisiert und ausländische Gelehrte, Künstler und Musiker
beruft! -- _Voilà, messieurs_, sehen Sie nur unsere ehrenwerten
Professoren da drüben in der Ecke an, sind sie nicht wie Eisbären oder
wie die dicken schweinsledernen Bücher, aus denen sie ihre Weisheit
holen? Wahre Nachteulen -- _n'est-ce pas_?«
Der feine Herr war nicht wenig verblüfft, als ihn seine Zuhörer mit
einer Miene ansahen, die alles eher als Zustimmung oder gar Bewunderung
ausdrückte.
»Laßt das tolle Zeug, Herr Graf,« antwortete ziemlich polternd der
Ratsvogt Hillmann; »was soll das fremde Wesen bei uns? Verdamme mich
Gott -- verzeiht, ihr Herren, ich glaube gar, ich hab' geflucht --, mir
dreht sich immer Seele und Magen um, wenn ich von deutschem Maul auf
deutschen Fleiß und deutsches Wissen schimpfen höre. Tut nicht gut.
Wißt Ihr, was unser Walther von der Vogelweide singt? Ich will's Euch
sagen, wenn's auch barbarisch Euren Ohren klingen mag. Gebt acht!
Diutsche Mann sind wol gezogen,
Rehte als Engel sind diu Wib getan,
S' wer sie schiltet, der 'st betrogen:
Ich enkan sie anders nicht verstan.
Tugend und reine Minne,
S' wer die suochen wil,
Der soll kommen in unser Land:
Da ist Wünne viel!
So ist's! Deutsche Zucht geht vor allem, und nicht fremdes Zeug.
Deutscher Mann -- Ehrenmann, deutscher Sinn ist Ehrenpreis, deutsches
Herz Vergißmeinnicht, deutsche Treue Augentrost.«
Der Edelmann wollte eben Antwort stehen, und daß diese nicht so fein
geduftet hätte als sein Batisttaschentuch, dafür bürgten seine
zornglühenden Augen; allein der Eintritt des Fürstbischofs ließ jede
Unterhaltung verstummen, und so begnügte er sich damit, den deutschen
Bären wenigstens mit einem Blicke tiefster Verachtung zu strafen.
Philipp Adolf liebte es, von Zeit zu Zeit die hervorragenden Männer
seiner Residenz um sich zu versammeln, um durch sie mit seinen
Untertanen in steter Berührung und Fühlung zu bleiben, deren Wünsche,
Klagen und Ansichten kennen zu lernen und überall nach Möglichkeit
helfend, aufmunternd oder hemmend dazwischenzutreten.
Die Zeit, zu welcher er über das schöne Frankenland herrschte, war
eine sehr bewegte. Die Greuel des Dreißigjährigen Krieges befleckten
deutschen Boden, Tilly hatte bei Lutter am Barenberge einen glänzenden
Sieg über König Christians Heeresmassen erfochten, unbegreiflicherweise
aber denselben nicht ausgenützt. Und wie die Erfolge der einzelnen
Feldherren wechselten, so auch die Sorge der deutschen Reichsfürsten
und ganz besonders der geistlichen Regenten, welche dem Verlaufe dieser
langen, grausen Kriegszeit mit doppelt lebhaftem Interesse folgten.
Zu dieser Sorge kam nun für Philipp Adolf eine weitere und wohl noch
schwerere. Der Hexenwahn hatte sich im Bambergischen und Würzburgischen
mit einer solchen reißenden Schnelligkeit verbreitet und eine so
gräßliche Gestaltung angenommen, daß ein Ende der Schrecken kaum
abzusehen war. Das arme Volk ward von dem Hexenwahne wie von einer
erblichen Krankheit erfaßt, und das schreckliche Übel griff in immer
weitere Kreise, schlug immer tiefere Wurzeln, trug immer blutigere
Früchte.
Man glaube nicht, daß man es hier mit einer psychischen Erscheinung
zu tun habe, die auf katholischem Boden allein möglich war. Liebt
man es doch, alle möglichen Erscheinungen schlimmer Art als eine
notwendige Folge katholischen Glaubens und Denkens oder -- wie man
noch geistreicher meint -- »Nichtdenkens« hinzustellen. Sowenig wir
leugnen wollen, daß in katholischen Ländern die Verfolgung der Hexen
stattfand, sowenig können wir -- und zwar zur richtigen Zeichnung jener
bald finster dahinschleichenden, bald lawinenartig alles überflutenden
Völkerkrankheit -- es verschweigen, daß auch in protestantischen
Ländern jene Verfolgungen mit größtem Eifer und eiserner Härte geführt
wurden. Der Hexenprozeß blühte so gut unter Calvin in Genf, wie unter
dem hochkirchlichen Heinrich VIII. von England, im protestantischen
Wolfenbüttel und Braunschweig, wie im katholischen Bamberg und
Würzburg. Jakob I. von England sagt in seiner »Dämonologia«: »Es hat
zwar mehr Gespenster im Papsttum gegeben, von denen man nach der
Reformation nichts weiß, aber dafür ist jetzt die teuflische Macht der
Hexen mehr kund geworden.«
So waren denn die im Glauben Gespaltenen in der Hexenverfolgung einig.
Kepler und Gustav Adolf glaubten an Hexen und Zauberer, und Tilly,
der strenggläubige Katholik, ^galt seinen Gegnern^ als gefroren und im
Bunde mit dem Teufel.
Anfangs mag hüben wie drüben dem aufdämmernden Hexenglauben noch ein
grübelnder, rechnender Gedanke gegenübergestanden haben; als aber jenes
über alle Maßen traurige Völkerübel an Maß und Ausdehnung zunahm, gab
sich nur zu bald auch das widerstrebende Denken gefangen, und wie man
zu den Zeiten der Pest jeden mit dem größten Mißtrauen betrachtete
und beim geringsten Anzeichen als der Krankheit verfallen ansah und
ängstlich mied, so war auch in dieser Zeit niemand sicher vor dem
Verdachte der Hexerei und Zauberei, und das Geringste genügte, den
Verdacht zur häßlichen Gewißheit und dann zum Todesurteile zu steigern.
War's doch, als hätte es dortmals keine erbarmende Liebe mehr unter den
Menschen gegeben, sondern nur finstern Wahn und blasse Furcht, die ihre
letzte Rettung in lodernden Scheiterhaufen sah. --
Nachdem der Fürstbischof einige der anwesenden Herren mit besonderem
Gruße geehrt, den übrigen aber gnädig zugewinkt hatte, ließ er sich
auf einen Stuhl nieder und befahl einige von den Gästen zu sich, die
anderen bildeten nach Belieben plaudernde Gruppen oder ließen sich zum
Brettspiele an einem der feingeschnitzten Tischchen nieder, die in den
Ecken des Saales aufgestellt waren.
Philipp Adolf befand sich in Unterhaltung mit einem Domherrn, dem
Oberschultheißen und dem Kanonikus Philipp Schönborn.
»Nun, mein Ehrenwerter,« sprach der Fürstbischof, »was könnt Ihr mir
über den Verlauf der schwebenden Hexenprozesse mitteilen?«
»Fürstbischöfliche Durchlaucht,« antwortete der Oberschultheiß mit
gewichtiger Miene, »ich bin überglücklich, melden zu können, daß diese
Angelegenheit endlich einmal nach meinem Wunsche geht!«
»Ihr meint damit doch wohl,« unterbrach der Fürstbischof, »daß es damit
zu Ende gehe?«
»Zu Ende, gnädigster Herr? Nein, ich denke, wir sind jetzt glücklich
bei einem tüchtigen Anfange angelangt. Ja, ich sage das mit großer
Befriedigung, denn es kann kein ruhmvolleres Werk geschehen, als alle
Hexen mit Schwert und Feuer zu vernichten.«
»Ein schreckliches Wort!« seufzte Philipp Adolf.
»Wie man es nehmen will,« fuhr achselzuckend der Oberschultheiß fort.
»'s ist schrecklich, ja, daß es so arg verkommene Menschen gibt, die
mit dem Satan sich verbinden; daß wir sie ausrotten, das ist Wohltat.«
»Und glaubt Ihr, daß Ihr Euch in solchem Amte niemals irrt?«
»Irren?« rief der Gestrenge und streckte seine schmächtige Gestalt --
»irren? Nein, ich irre nicht! Ich rede nicht zu meinem Lobe, es geziemt
sich nicht in Euerer hohen Gegenwart; allein aus meinen Händen kommt
nicht einer wieder in die Freiheit, denn jedem ringe ich das Geständnis
seiner Schuld ab. Ich habe einen tiefen Blick, mit dem ich in die Tiefe
der Seele schaue; ich habe einen Schlüssel, der mir jegliches Geheimnis
offenbart, das ist unser unvergleichliches peinliches Recht, und
endlich habe ich das rechte Richterherz, das nicht von des Mitleids
Schwäche angekränkelt und zwischen Gerechtigkeit und Erbarmen weibisch
schwankt. Nein -- kalt wie des Todes Hand ist auch mein Herz, wenn es
zu richten hat, und ich wollte ihm nicht folgen, wenn es mir Mitleid
flüsterte, und säße ich auch übers eigene Weib und über meine Kinder zu
Gericht.«
Der Fürstbischof sah mit einem Blicke voll Entsetzen nach dem
Oberschultheiß.
»Ihr, hoher Herr,« fuhr dieser eifrig fort, »Ihr fasset und begreift
das nicht. Ihr seid gewohnt, dem Mitleid volle Herrschaft einzuräumen
und dem Erbarmen Euere Macht zu leihen. Ich kann -- ich darf das
nicht! Für mich ist jeder Mensch, der unterm Schwerte oder auf dem
Scheiterhaufen stirbt, ein gesühnter Paragraph -- sonst nichts. Fragt
der Mensch nicht sein Gefühl nach allen Seiten, ehe er zum Verbrecher
wird, warum soll ich nach dem Gefühle fragen, wenn das Verbrechen seine
Sühne fordert?«
»Was Ihr da sagt, gestrenger Herr,« fiel Schönborn ein, »das hat
nur einen Schein von Recht und Wahrheit. Ihr braucht aus Mitleid
die Gerechtigkeit nicht zu verraten, Ihr sollt aber auch nicht aus
Herzlosigkeit zu unbeugsamen Sklaven Euerer Gesetze werden. Ihr Herren
seid zu hart, ihr seid wie totes Gestein, aus dem nicht eine Blume
sprießt; ihr starrt verderbenbringend in das Leben rings um euch,
und wo ihr glaubt, daß euer Recht verletzt sei, da stürzt ihr euch
zermalmend auf das Opfer. Euch Richtern fehlt die Liebe, und doch
sollte sie mit euch zu Gerichte sitzen, denn wo die Liebe fehlt, da
fehlt auch die Gerechtigkeit.«
»Euere fürstlichen Gnaden werden hoffentlich des jungen Herrn Kanonikus
Ansichten gleich mir sehr kühne nennen?« sprach der Oberschultheiß, mit
lauernder Miene nach Adolf Philipp schauend.
»Immerhin,« antwortete dieser, »denn es gehört Mut dazu, euch Herren zu
widersprechen. Und doch, was Schönborn sagt, versteht mein Herz viel
besser, als mein Verstand, was Ihr gesprochen.«
»Erlaubt,« fuhr Schönborn fort, »eine Frage aufzuwerfen. Gesetzt, es
wären wirklich alle, die Ihr Hexen nennt, auch dieses Lasters schuldig.
Kann man sie denn dann nicht vom Irrwege heim zum wahren Glauben, vom
Satansdienste zur Gottesliebe führen? Warum dem Henker übergeben, was
doch dem Priester angehört? Warum in Elend enden lassen, was doch
vielleicht zu retten ist?«
Der Oberschultheiß blickte hellen Zornes auf den jungen Priester. »Ihr
wolltet wohl die Hexen leben lassen,« höhnte er, »und sie durch Euer
Wort bekehren?«
»Mit Gottes Hilfe, ja!« entgegnete Schönborn.
»Und glaubt Ihr, daß Ihr Macht hättet über alle Teufel?«
»Wenn sie der gottgeweihte Priester nicht besitzt, wer sollte dann in
Gottes Namen noch dem Geist der Finsternis gebieten können? Und erst
müßtet Ihr mir noch beweisen, daß wirklich hier der Teufel im Spiele
ist. Ich glaube es nicht!«
»Hm, und wenn der Priester die Teufel doch ^nicht^ besiegt? Was dann?«
»Ihr zweifelt, weil Euch solcher Zweifel zum Systeme paßt.«
»Hat nicht der Pater Spee, sooft er will, ganz freien Zutritt zu den
Hexen?« fragte triumphierend der Oberschultheiß.
Schönborns Auge leuchtete, als seines Freundes Name genannt wurde.
»Ich glaube, ja. Doch klingt es fast wie Hohn, wenn Ihr verlangt,
er solle unten in der Kerker grauser Nacht, und während die armen
Opfer von Stumpfsinn, Gram, Verzweiflung gefesselt sind, wunde Seelen
heilen! Gebt erst den Kerkern Licht, daß es das Kreuz bescheine, das
der Priester rettend zu den Armen trägt. Gebt Licht, gebt Sonnenlicht,
damit sie aus des Priesters Auge die Hoffnung der Erlösung lesen
können; gebt Licht der schauerlich schwarzen Nacht, in der Ihr Euere
Hexen lebendig begrabt, bis sie der Wahnsinn und die Verzweiflung am
Herzen und am Verstande angefressen haben. Ist's da noch ein Wunder,
wenn der Priester in des Kerkers tiefer Nacht nicht mehr verstanden
wird, wenn dort das Wort der Liebe fruchtlos verhallt und wie vom
fühllosen Gesteine, so auch von den zertretenen Herzen unverstanden
abprallt? Schafft andere Kerker, wo der Mensch nicht dem Gewürme
gleicht, vergeßt auch im Verbrecher nicht das Gottesbild; ist es auch
verzerrt, so seid doch menschlich gegen Menschen, und das Erbarmen wird
die Herzen heilen, es wird die Schuld versöhnen und den Wahnsinn bannen
und das Elend enden.«
»Wo ist Pater Spee?« fragte der Fürstbischof, aus tiefem Nachdenken
erwachend. »Man sende nach ihm! Ich will aus seinem Munde Aufschluß
haben über das, was Schönborn eben berührte.«
Über des Oberschultheißen Angesicht flog dunkle Zornesröte. Er warf
einen Blick unversöhnlichen Hasses auf den mutigen Kanonikus. Dieser
aber hielt den Blick mit aller Ruhe aus, und so sehr ihn auch des
Fürsten Wunsch, mit Spee selbst zu sprechen, mit hoher Freude und
großer Befriedigung erfüllte, so war er doch edel genug, seine Freude
nicht am Zorne seines Gegners zu messen.
Das Erscheinen des Paters Spee am Hofe erregte allgemeines Aufsehen.
Man hatte bisher noch nie einen Jesuiten bei den Abendzirkeln des
Fürstbischofs gesehen; nicht als ob dieser jenen Ordensmännern nicht
mit ganzer Liebe zugetan gewesen wäre, sondern weil diese es sich zum
Grundsatze gemacht hatten, nie unbegehrt am Hofe zu erscheinen. Spee
war keine imposante Gestalt. Die große Weichheit seines Gemüts hatte
sich auch dem Körper mitgeteilt, der von einer Zartheit war, die auch
das lange Habit nicht zu verbergen vermochte. Das einfache, aber edel
geschnittene Gesicht widerstrahlte jene beneidenswerte Ruhe, die der
Stempel einer mit sich und dem Schöpfer fertigen Seele ist. Aus seinem
Auge leuchtete Friede, aber dennoch war ein leiser, schmerzlicher Zug
über dasselbe gehaucht, der ihm einen eigenen Reiz der Liebe lieh.
Philipp Adolf empfing den Jesuiten mit jener Herzlichkeit, mit der
immer ein Priester den andern begrüßen soll. Spee war nicht frei von
einiger Befangenheit, als er sich mitten in dem Prachtgemache als
Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit sah, und dieses Gefühl wuchs
noch, als ihm der Fürstbischof die Ursache mitteilte, um derentwillen
er nach ihm gesendet hatte.
»Ich soll Euch Rede stehen, gnädigster Herr, über meine Erfahrungen mit
den Armen, die unter der Anklage böser Zauberei den Kerkern verfallen
sind. Ich segne diese Stunde, da mein Mund vor einem edlen Fürsten der
Wahrheit Zeugnis geben darf. Und doch -- ich bange! Glaubt nicht, daß
mir der Mut gebricht, glaubt nicht, daß Menschenfurcht meine Zunge
lähmt und meinen Worten klug berechnend die Spitze bricht. Nein! Gott
und die Wahrheit über alles! Aber mein Wort wird nicht gesprochen
werden können, ohne da und dort zu verwunden. Ich will nicht wehe tun,
ich will nicht verletzen.«
»Der Aberglaube, jener finstere Geist, der wie der Rost am Eisen,
so am wahren Glauben frißt, hat über unser Volk, gleichviel welchen
Glaubens, eine nicht genug zu beklagende Herrschaft gewonnen. Dazu
gesellt sich der Neid, der nicht nur auf das Glück mit scheelem Auge
schaut, sondern auch auf betende Lippen sein fressendes Gift träufelt;
ihm steht zur Seite zischelnde Verleumdung, Ehrabschneidung und die
ganze trübe Flut der Zungensünden, die ein verdorbenes Herz nach
Tausenden erzeugt. Und keine Obrigkeit, kein Gottesmann erkennt hierin
den Samen zum aufkeimenden Verdachte böser Zauberei! Nicht Gott, nicht
die Natur sind die Quellen dessen, was wir sehen -- alles -- alles ist
ein Zauberwerk und ist Hexentat. Und nicht bedenkend, daß in Herzen,
die dem Glauben und der Liebe abgestorben sind, alles Böse keimt, daß
all das wüste Flüstern von des Teufels Macht und seinen Verbündeten nur
in der Menschen bösen Zungen, in ihren arg verworrenen Köpfen wurzelt
und nicht in reiner Wahrheit, befehlen doch die Fürsten gegen Zauberer
und Hexen einzuschreiten, als ob das wirklich lebte, was des Menschen
böses Herz, sein wahnwitzig gewordenes Gehirn und seine schlechte Zunge
schaffen. Da drängt sich alles dann mit Richterspruch und Schwert und
Feuer an das arme Opfer. Der Fürst hat ja befohlen, das Volk hat mit
Fingern da- und dorthin in flüsternder Anklage gedeutet -- das scheint
Grund genug, zu glauben, daß es Hexen gibt, und dem Beklagten ohne
weiteres jenen Stempel aufzudrücken. Da mag die Quelle noch so trüb
und schmutzig sein, der Mund, welcher Kläger ist, von Gift und Neid
geschwollen, der Kopf so wirr, wie der eines Fieberkranken -- was
tut's? Die Hexe ist geschaffen! Und wenn den Richter nicht die reine
Liebe zur Gerechtigkeit bewegt, wenn Ehrgeiz ihm das Auge blendet und
Unerfahrenheit mit stolzem Geist sich paart; ja, wenn selbst gierige
Habsucht mit im Spiele ist:[Q] dann wachsen rings die Hexen gleich dem
Laub an den Bäumen!«
»Und der Beweis, daß alle jene wirklich Hexen sind und Zauberer, die
dem Gerichte verfallen? Dem Mörder gegenüber ist die blutige Tat, die
er begangen, der bindende Beweis. Da liefert der Verbrecher ihn. Ganz
anders bei den Hexen. Hier macht der Richter selbst sich den Beweis.
Guter Ruf und reine Sitten, so sagen sie, sind stets der Deckmantel,
mit dem die Hexen ihre Bosheit verhüllen; ein schlechter Ruf und ein
zügelloses Leben sind nicht minderer Beweis, denn Schlechtigkeit
erzeugt Schlechtes. Starkmut bei der Folter Qualen ist nur des Teufels
Hilfe, der seine Getreuen gefühllos macht; Bekenntnis, das der
Schmerz erpreßt, gilt aber für volle Wahrheit. So wird nicht aus dem
Menschen heraus die Schuld bewiesen, sondern dieselbe um jeden Preis
hineingelogen.«
»Doch nicht genug! Man forscht nach Menschen, seien sie auch noch
so schlecht, die über der Angeklagten Vorleben aussagen sollen. Und
wissen sie eine üble Tat, ein unbesonnenes Wort zu erzählen, so wird
das zum Beweis, ein solcher Mensch sei auch des Bundes mit dem Teufel
fähig. Wie viele tragen Groll und Haß im Herzen! Ihr Feind ist in des
Richters Gewalt; welch eine Gelegenheit, der Rache ungehinderten Lauf
zu lassen! Der Richter aber leiht dem Feindesmunde offenes Ohr, als
spräche dieser die Wahrheit! Es mag der Angeklagte unter der Wucht der
auf ihm lastenden Ungerechtigkeit laut aufschreien, er mag bei Gott
und seiner Seligkeit seine Unschuld beteuern, man glaubt ihm nicht!
Und wenn ein anderer für ihn sprechen wollte, man hört ihn nicht!
Dem Diebe und Mörder ist ein Fürsprecher gestattet, der Hexe nicht!
Freilich wehe dem, der mutig vor die Richter träte als Anwalt jener
Armen, welche die ^Dummheit^ Hexen nennt: er gälte jenen Weisen nur als
Mitschuldiger, der sich selbst dem Tode überliefert. Und so schweigen
jene, welche reden sollten; geschlossen sind die Lippen der Guten und
Einsichtsvollen, und der Wahnwitz und die Bosheit triumphieren!«
»Da möchte ich doch um des Allerbarmers willen wissen, welcher Weg,
mag nun die Angeschuldigte mit oder ohne Bekenntnis sterben, sich hier
zum Entrinnen öffne, ist auch das Herz so rein und schuldlos gleich
dem eines Kindes? Unglückliche, worauf hast du gehofft? Warum hast du
nicht beim ersten Schritte in den Kerker dich als schuldig bekannt?
Armes Weib, warum willst du vielmals sterben, wenn du mit ^einem^ Male
dich des Lebens entledigen kannst? Folge meinem Rate: ehe alle Pein
in deinem Körper wütet, gib dich gefangen, schuldig -- und stirb!
Entrinnen kannst du nicht mehr; du weißt ja, welches das Ziel des
Gerechtigkeitseifers in Deutschland ist.«
»Und die Richter möchte ich fragen: warum habt ihr euch doch erst
umgesehen, warum nach Zauberern und Hexen gesucht? Ich will euch
zeigen, wo sie sind! Wohlan, nehmt den ersten besten Kapuziner oder
Jesuiten, den ersten besten Priester! Schlagt ihn an die Folter,
quält ihn mit eueren Marterwerkzeugen -- sofort wird er bekennen. Und
ist er anfangs stumm und schützt er sich nach euerer Meinung durch
Zaubermittel, so fahrt mit eueren Martern fort: endlich werdet ihr ihn
brechen. Wenn ihr noch mehr wollt, so nehmt die Prälaten, Domherren,
nehmet Gottesgelehrte, und ich versichere euch, sie alle -- alle werden
schnell bekennen.«
Spee schwieg einen Augenblick. Sein Antlitz ging aus dem Feuer heiligen
Eifers wieder in die gewohnte schmerzliche Weichheit über. Er nahm
das Kreuz von seinem Rosenkranze und sprach, dasselbe küssend, mit
milder Stimme: »Du, Herr am Kreuze, du weißt es allein, wie meine Seele
blutet, daß ich dem Leid nicht Hilfe bringen kann. Wie gerne wollte
ich niederknien und mein Haupt zum Opfer geben, könnte ich damit dem
Wahn ein Ende machen und tausend Fesseln lösen! Du Quell der Milde,
süßer Jesus, wie kannst du dulden, daß Unschuldige solche Qualen
leiden? O komme durch dein Blut den tief Bedrängten zu Hilfe! Gib du
Erkenntnis aller Obrigkeit, daß sie wohl sehe, wie sie richte, und
nicht Gerechtigkeit in Grausamkeit und Gottlosigkeit verkehrt werde![R]
Gib Priester, die den Ärmsten wahre Väter sind, und Tröster diesen
Leidenden! Ja, ihr Priester Gottes, hebt die Hände bittend zu jenen
Unglücklichen auf, damit sie euch vertrauen, sagt ihnen, daß ihr sie in
euer Herz schließen wollt.
O lernet Mitleid haben mit dem Jammer, fühlt die Leiden, als wären sie
die eueren. Sagt, ihr wolltet euer Leben für sie opfern, wenn es euch
gestattet wäre; versprechet, daß ihr sie niemals verlassen werdet. Es
wäre schrecklich, könnten jene Opfer klagen, sie hätten selbst aus
Priestermund keinen Trost empfangen. Wenn ihr der Gottesliebe Boten
seid, dann bringt den Armen das, was Heilung jedem Schmerze ist, bringt
Liebe!«[S]
Des Paters Worte verursachten eine große Bewegung. Während der
Fürstbischof sein sinnendes Haupt auf die Rechte stützte und in seinem
Auge eine Träne glänzte, und während Schönborn in heiliger Begeisterung
des Jesuiten Hände küßte, standen die anderen Herren rings mit
finsteren Mienen, aus denen Groll, Zorn und Rache glühte. Spee aber war
gleich dem Fels im brandungswilden Meere und blickte ruhigen Auges nach
dem Fürsten.
»Nun, ihr Herren,« sprach Philipp Adolf, den Blick langsam erhebend,
»was sagt ihr zu des Paters Rede?«
»Erlaubt, mein Herr und Fürst,« nahm, mühevoll nach Fassung ringend,
der Oberschultheiß das Wort, »erlaubt, daß ich Euch Red' und Antwort
stehe. Der Pater Spee hat früher schon in einer Weise sich der Hexen
angenommen, die sehr verdächtig ist. Mit dem, was er vor Euch und uns
gesagt, hat er sich offen auf ihre Seite gestellt. Das ist doch sehr
auffällig. Während alle Welt, gleichviel ob katholisch oder lutherisch,
mit Schwert und Feuer gegen das Hexenwesen zu Felde zieht, nimmt der
fromme Pater die Unholde unter seinen Schutz. Das ist sehr bedenklich,
gnädigster Fürst! Es ist nur eine Wahl: entweder wir bleiben bei
unserer ausgezeichneten Praxis und töten alle Hexen und Zauberer und
retten dadurch die Menschheit, oder wir folgen dem Rate des Paters,
entsagen dem, was er in ^seiner^ Weisheit Hexenwahn nennt, und lassen
uns dafür vom aufrührerischen Volk ermorden, das an Hexen glaubt und
Schutz vor ihnen bei uns sucht. Ist's besser, daß ein junger Jesuiter
recht behält, dafür aber das ganze Volk zugrunde gehe? Soll er allein
die Wahrheit kennen, da doch die ganze Welt an Hexen glaubt? Soll
alles des Satans werden, weil einer anderer Meinung ist? Wenn wir das
Schwert, mein Fürst, aus unseren Händen legen, dann begebt Euch auch
Eueres Zepters und Euerer Lande und laßt, verzeiht das Wort, den Satan
herrschen. Es scheint,« fuhr er mit leisem Spotte fort, »die Herren
Jesuiter haben unseres Heilandes Evangelium nicht gelesen, wo doch
von Besessenen die Rede ist. Wir, die wir nicht jener Gesellschaft
angehören, glauben noch an Teufel und an Hexen und lassen uns darin
auch durch den Pater Spee nicht irremachen.«
»Ganz richtig!« nahm ein Prälat das Wort. »Der junge Pater ist ein
junger Brausekopf und mischt sich ungerufen in den Gang irdischer
Gerechtigkeit. Ich rate ihm, sich seiner klösterlichen Einsamkeit
mehr zu befleißen und mit seiner Zelle sich zu begnügen. Was draußen
geschieht, was für ein Elend in den Kerkern ist, wie schwer die Ketten
lasten, wie sehr die Werkzeuge der Tortur peinigen und wie groß die
Klagen der Gefangenen sind, das überlasse er den Richtern und schweige
über Hexentum; was kann er von solchen Dingen verstehen?«[T]
»Er mehr als jeder andere!« rief Schönborn in hellem Eifer aus.
»Wohlan, ihr Herren, steigt gleich ihm hinab in jene gräßlichen
Gefängnisse, schaut kalten Herzens, wenn ihr's vermögt, das ungeheure
Elend, hört unbewegt die Klagen und die Seufzer, hört, wie sie in
rührenden Gebeten ihre Unschuld Gott befehlen und dann, von Grimm und
Schmerz getrieben, ihren ^Henkern^ fluchen! Stellt euch hinein, ihr
weisen Herren, ins Meer des tiefsten Elendes, laßt seine Wogen über
eueren Häuptern branden, sprecht nicht hier unterm hellen Sonnenlichte
solche kalte Sprache, nein, steigt hinab in rabenfinstere Nacht und
hört den Aufschrei der armen Menschen! Und wenn ihr das getan habt
gleich unserm Pater Spee, wenn ihr gleich ihm dem tiefsten Jammer euer
Ohr und Herz geliehen habt, dann werdet ihr gleich ihm die Sprache der
Erbarmung und Gerechtigkeit reden.«
»Hab' Dank, mein edler Schönborn, für das Zeugnis, das du der Wahrheit
gabst!« sprach Spee, dem jungen Kanonikus mit Innigkeit die Hand
drückend. »Euch aber, hoher Fürst, und euch, ihr werten Herren, gebe
ich ein offenes Geständnis, das so treu und wahr ist, als stünde ich
vor Gott! Wenn ich mit größtem Fleiße untersucht und auch des Ansehens
der Beichte mich bedient hatte, so habe ich doch noch in keinem der
Unglücklichen, die ich zum Feuer begleitet habe, etwas entdeckt, was
mich hätte überzeugen können, daß derselbe mit Recht des Verbrechens
der Zauberei sei angeklagt worden. Alle haben mit herzzerreißendem
Jammergeschrei die Bosheit und Unwissenheit der Richter und ihr Elend
beweint und in ihren letzten Nöten zu Gott als dem Zeugen ihrer
Unschuld gerufen.[U] Ich schwöre es bei Gott, daß ich wenigstens
bis jetzt keine Hexe zum Scheiterhaufen geleitete, von der ich nach
allseitiger Erwägung vernünftigerweise behaupten könnte, sie sei
schuldig gewesen.«[V]
* * * * *
Hinter zerrissenem Gewölke glänzt in mildem Scheine die silberne Sichel
des Mondes. Ihr Licht fließt wie Geisterkuß an den Kirchtürmen und
Häusern herab und in manches stille Gemach, wo ein Ruheloser zu ihr
aufschaut. Und da kommt der leise schreitende Wächter der Nacht zu
einem Fürsten, den quälende Zweifel nicht schlafen lassen, zu einem
Richter, der an einem finstern Racheplan gegen den Pater Spee brütet,
und zu diesem selbst, der auf den Knien liegend betet:
»Zu Gott ich hab' gerufen zwar
Aus tiefen Todesbanden;
Dennoch ich bleib' verlassen gar,
Nicht Hilf' noch Trost vorhanden.
Der schöne Mon will untergahn,
Für Leid nicht mehr mag scheinen;
Die Sterne la'n ihr Glitzen stahn,
Mit mir sie wollen weinen.
Kein Vogelsang noch Freudenklang
Man höret in den Lüften;
Die wilden Tier' trau'rn auch mit mir
In Steinen und in Klüften.«[W]