6. Kapitel: ^Richterweisheit^

Durch das Burkharder Tor drängte eine bunt zusammengewürfelte Menge.

Wie der Sturzbach, was er in seinem wilden Laufe zu erreichen

vermag, erfaßt und mit sich fortträgt, so ergriff der durch das

Tor hereinflutende Menschenstrom alles, was ihm auf seiner Bahn

entgegenkam, und riß es mit sich fort, ein Wildbach, der schnell zum

Strome anschwoll.

Ein Fähnlein Knechte, deren Hellebarden aus dem Menschenknäuel

herausragten, führte in seiner Mitte eine gar abenteuerliche

Gesellschaft. Wilde Gesellen, Gift aus den Lippen und Dolche in den

Augen. Ihre Hände sind auf den Rücken gebunden, das phantastische

Gewand hängt zerfetzt vom Leibe, das Auge des Kleineren ist

ausgeschlagen und sind noch die frischen Blutspuren auf dem dicken

Gesichte bemerkbar. Hinter ihnen, gleichfalls gefesselt, geht ein

altes und ein jüngeres Weib, die eine trotzig den Blick auf den Boden

heftend, die andere keck nach der Menge schauend und höhnisch Fratzen

schneidend, sooft ein derbes Wort, eine Verwünschung zu ihren Ohren

dringt.

»Zuckerwastl,« flüsterte der Pappenheimer, »wir gestehen nichts; sie

mögen uns drinnen fragen, wie sie wollen.«

»Keine Silbe sollen sie erfahren,« gab dieser fest zurück.

»Wenn nur das Weibsvolk schweigen kann,« warf der Neunaugen leise hin.

»Sag' ihnen, sie sind des Todes, wenn sie auch nur einen Laut --«

»Verstehe,« unterbrach der Neunaugen. Er wandte sich nach den Frauen

und rief: »_Penopel_!«

»_Pendl spendl_,« flüsterte Helena, sich vorbeugend.

»_Penopel!_« wiederholte ihr Mann zornig.

»_Schienglei!_« antwortete die alte Diebesmutter aus dem Wirtshause und

stieß Helena mit dem Arme.[K]

Der Rottenführer hatte kaum das heimliche Gespräch bemerkt, als er

mit seinem Lanzenschaft Helena in den Rücken stieß. »Ich will euch

rotwelsch plaudern, Gaunervolk! Hab' euch wohl verstanden. Hilft euch

doch nichts, wenn ihr tausendmal _Penopel_ sagt; deswegen werdet ihr

doch _gestranzt_ und _genabist_.«[L]

»Ah, auch schon Spitzbube gewesen?« spottete Helena.

»Da!« rief der Soldat und schlug ihr ins Gesicht, daß es hoch anschwoll.

Nun ging der Zug über die steinerne Brücke.

»Hei, was für Gesindel führen sie da in unsere Stadt!« rief der

Torbäck und kreuzte die fleischigen Hände auf dem stattlichen

Bäuchlein. »Sieht doch aus, als wäre es frisch vom Galgen gepflückt.

He, Freund,« und faßte einen Vorübergehenden am Wamse, »was ist das für

ein Volk?«

»Haben den Großhof außer Heidingsfeld angezündet und die Bäuerin

ermordet!« antwortete dieser flüchtig und eilte dem Zuge nach.

»Mordbrenner!« stammelte der dicke Bäck. »Ja, ja, das sieht den Kerlen

gleich. Nun, die Herren am Gericht wissen schon das rechte Mittel gegen

solches Ungeziefer.«

Dabei fuhr er sich mit der Hand um den Hals.

»Na, das muß man sagen, wir haben doch eine Justiz. Es wird zwar ganz

schrecklich geplündert und gemordet, aber so die Herren der Spitzbuben

habhaft werden, machen sie kurzen Prozeß. Und erst mit den Hexlein!

Puh, da geht das Geschäft dutzendweis. Recht so, brav; 's ist doch eine

Prachtstadt, unser Würzburg!«

»He,« rief der Rottenführer, am Schneidturm angelangt und mit seiner

Bande unter den finstern Torbogen eintretend, »he, Meister Ruprecht,

neue Gäste!«

»Hm,« brummte dieser und musterte mit scharfem Blicke die Ankömmlinge,

»schöne Ware das! Wohin damit,« polterte er und rasselte mit dem

Schlüsselbunde, »wohin damit? Ist alles übersetzt, alle Kerker voll!«

»Also heuer ein ganz gesegnetes Spitzbubenjahr?« lachte der andere.

»Ja!« gab der Alte kurz zurück. »Du,« fuhr er nach einer Pause fort,

mit seinem klugen Auge die Gefangenen stets wieder prüfend, »du, das

scheint mir besonderes Korn zu sein?«

»Mordbrenner!«

»Ah! Für die braucht es gute Mauern. Kommt nur mit!«

Er ging über einen engen Hof voraus. Links in der Ecke war ein niedrig

Türlein in gewaltigem Mauerwerke. Das erschloß er mühsam. Die Angeln

knarrten, und dumpfe Nacht gähnte von innen heraus. Dann zündete er

eine Laterne an und stieg behutsam die steinerne Treppe hinab in ein

Verließ, das wahrlich alle Schrecken eines Gefängnisses aus alter Zeit

in sich zu vereinigen schien. Das trübe Lampenlicht reichte mit seinem

matten Strahle nicht bis zur gewölbten Decke, sondern leuchtete nur

schwach von den feuchten Quaderwänden wider, von welchen dämmeriges

Naß herunterträufelte. Auf dem Boden lag halbverfaultes Stroh, von den

Steinquadern hingen schwere Ketten herab, mit denen die Gefangenen

festgeschlossen wurden.

»Ein schändliches Quartier!« rief der kleine, dicke Neunaugen, sich

rings umsehend. »Ich denke, daß wir bald ein besseres bekommen werden.«

»Am Galgen, ja,« antwortete trocken der Kerkermeister.

»Soweit sind wir noch nicht,« warf Zuckerwastl übermütig hin. »Ich

hoffe noch viel fröhliche Zeit zu verleben.«

»Wird sich zeigen!«

Die Gefangenen waren in Ketten gelegt, der Eisenmeister warf noch einen

prüfenden Blick nach allen Seiten, dann trat er seinen Rückweg an.

Immer düsterer ward es unten, -- und nun ist's tiefe -- tiefe Nacht.

Und draußen heller, froher Sonnenschein mit Vogelsang und Lerchenjubel!

-- --

-- Oben im Saale, wo gestern die Ammfrau Bernin den Anfang eines

Bekenntnisses gewimmert, an dessen Vollendung sie eine Ohnmacht

gehindert hatte, gehen in eifrigem Zwiegespräche zwei Männer auf und ab.

Der kleine Hagere mit seinen unruhigen Augen und beweglichen, kurzen

Armen ist der Oberschultheiß, der andere im langen, schwarzen Talar der

Jesuit Spee.

»Ich habe Euch bitten lassen, Pater, heute Zeuge der Vernehmung der

alten Ammfrau zu sein. Ihr habt ja ein so außerordentliches Interesse

an unsern Hexen,« fuhr er mit leichtem Hohne fort, »daß Ihr mir für

solches Anerbieten nur dankbar sein werdet.«

»Ganz gewiß,« entgegnete ruhig Spee; »denn um die Ärmsten in ihrem

Kerker zu verstehen, ist es geradezu unerläßlich, zu sehen und zu

wissen, wie mit ihnen hier verfahren wird.«

»Ich verstehe. Man ist nicht sehr begeistert vom peinlichen Rechte; ich

kenne das. Allein,« -- und er blieb stehen und tippte lebhaft mit dem

Zeigefinger der rechten Hand auf den Arm des Paters -- »allein man sage

mir, was würde aus uns, wenn uns nicht dieses peinliche Recht helfend

zur Seite stünde? Was? ich frage Euch, hochwürdiger Herr!«

»Vernünftige, gerechte Richter,« antwortete Spee in dem Tone fester

Überzeugung.

»Ah, das klingt ja, als ob wir Richter jetzt nicht vernünftig, nicht

gerecht urteilten!« rief der Oberschultheiß heftig aus. »Wißt Ihr,

Pater, daß das ein kühnes Wort ist?«

»Und wenn es wahr wäre? Wenn ich Euch hier vor Gott und meinem

Gewissen sagen muß, daß jedes arme Menschenleben, das Ihr bisher dem

Hexenwahn zum Opfer gebracht, nicht ein gerecht gerichtetes, nein, ein

gemordetes war? Stellt Euch vor, wie durch die ganze Welt viele arme,

gefangene Sünder und Sünderinnen, Schuldige und Unschuldige in Kerkern

und Banden liegen. Gar viele werden unschuldig gefoltert, gepeinigt,

gegeißelt, geschraubt und mit neuen unmenschlichen, grausamen Martern

ihnen so hart zugesetzt, daß sie, der Wucht der Qualen unterliegend,

sich selbst und andere dessen schuldig bekennen, was sie nie getan, ja

nicht gedacht haben. Und sind sie auch vor Gott frei von jeder Schuld,

sie finden bei euch Richtern keinen Glauben, sie müssen durch Gewalt

und Zwang -- es gehe, wie es wolle -- schuldig sein, und erst, wenn

sie sich schuldig lügen, finden sie Gehör. Nicht Wort, nicht Schwur,

nicht Tränen, ja das gebrochene Herz selbst nicht -- nichts kann sie

retten -- ^sie müssen^ schuldig sein! Man peinigt sie so lange, bis

sie bekennen oder sterben. Ertragen sie die Martern, ohne zu bekennen,

so saget ihr, der Satan stärke sie und binde ihre Zunge, und darum

müssen sie erst recht, als mit dem Bösen eng verbündet, hingerichtet

werden; bricht aber die Qual und der Schmerz des Widerstandes letzte

Kraft, sehnt sich der arme Mensch hinaus aus den Martern nach dem

Scheiterhaufen, der ja doch seines Schicksals sicherer Markstein

ist, kommt ein Bekenntnis, das man nur Lüge heißen kann, über die

todesdurstigen Lippen, dann -- dann hat der Ärmste sich dem sicheren

Tod geweiht, und ihr frohlockt und sagt, das ^Recht^ hat gesiegt.

Das Recht? O wenn ihr, die ihr hier oben strenge richtet, gleich mir

hinabgestiegen wäret in die tiefe Nacht des Kerkers und hättet dort

geschaut, was ich gesehen, und hättet hören können, was mir die Seele

zerrissen, ihr sprächet nicht von einem Rechte, das durch euch gesiegt.

Oder wollt ihr euer Herz mit eurem vermeintlichen Rechte waffnen,

wenn euch gräßlichste Verzweiflung entgegengrinst? Denkt euch eine

Seele, die sich rein und schuldlos weiß. Ihr quält und quält und kennt

kein Erbarmen! Wie gerne kaufte sich die Todesmüde durch Bekennen die

Erlösung, aber wie? Wenn du bekennst, was gräßlich ist und nie an dir

einen Teil gehabt hat, bist du dann nicht für ewig, unrettbar verloren?

-- So kämpft und ringt die Seele, bis die Kraft des Widerstandes

schwindet, die des Schmerzes, der Verzweiflung siegt. Endlich --

es ist wie schauriges Totengeläute -- endlich sagt die Ärmste >Ja<

auf alle euere Fragen, -- und ihr jubelt, indessen eine Seele in

Betrübnis, Schmerz, Verzweiflung untergeht! Ich habe das geschaut und

bebend mitempfunden und konnte nichts, als meinem namenlosen Wehe des

Predigers Worte leihen: >Ich wendete mich zu anderem, und ich sah die

Gewalttaten, welche unter der Sonne geschehen, ich sah die Tränen der

Schuldlosen und keinen Tröster; sie können der Gewalt nicht widerstehen

und sind allerseits der Hilfe beraubt. Da pries ich die Toten

glücklicher als die Lebenden und hielt für glücklicher als beide den,

der noch nicht geboren und die Übeltaten nicht geschaut hat, welche

unter der Sonne geschehen.<«

Der Oberschultheiß schaute finster. »Ihr predigt gut, sehr gut, mein

werter Pater; nur schade, daß Ihr von Dingen redet, die Ihr nicht

versteht. Glaubt Ihr, wir ^zwingen^ einem Angeklagten ein Bekenntnis

ab? Wir fragen, fragen peinlich, ja, 's ist wahr! Im übrigen aber

halten wir uns strenge an das Recht und an die vorhandenen Indizien.«

»Ihr schlagt euch selbst,« sprach Spee. »Denn nichts ist armseliger,

nichts ist himmelschreiender, als was ihr sichere Anzeichen für die

Rechtmäßigkeit der Anklage nennet. Ist eine Angeklagte schlechten

Rufes, so ist euch dies Beweis genug fürs Hexentum; denn eine

Schlechtigkeit erzeugt die andere, sagt ihr. Ist aber ihr Ruf so rein

wie Sonnenstrahlen, so ist euch dies erst recht ein Beweis für das, was

ihr behauptet; denn also, sagt ihr, pflegen sich die Hexen zu verhüllen

und streben jederzeit nach äußerm guten Scheine. Man führt sie in den

Kerker. Zeigt sie keine Furcht, da sie doch weiß, welch großen Martern

sie entgegengeht, so zeugt das davon, daß sie auf des Satans Hilfe

hofft und ihrem eigenen Trotz vertraut. Quält aber Furcht und Angst die

Seele, dann ist das ein stilles Bekenntnis ihrer Schuld, ihr eigenes

Gewissen klagt sie an. Noch mehr! Ihr schreitet zum Verhöre. Bekenntnis

besiegelt euch die Schuld als eine unfehlbare. Beteuerung der Unschuld

ist euch nichts als Trotz, den nur der Satan in die Seele blasen kann.

Und findet ihr kein Ja und Amen auf das grausame Fragespiel, so greift

ihr zur Marter. Beugt sich der Schmerz, so habt ihr, was ihr wollt; und

widersteht die Zunge und das Herz dem Zwang des Henkers, so ist's der

Satan, der die Kraft zum Widerstande leiht.«

»Ihr laßt nicht gelten,« zürnte der Oberschultheiß, »was dem Rechte

feste Stütze ist. Ich hätte nie geglaubt, daß ein Gottesdiener mit dem

Rechte so verfährt; freilich --« und seine Stimme nahm eine ganz eigene

Färbung an -- »freilich, die Herren sind auch ganz eigene Leute.«

»Wie meint Ihr das?« fragte mit größter Ruhe Pater Spee.

»Weil Ihr mich fragt, mag ich es Euch wohl sagen,« gab rasch der andere

zurück, mit seinen Armen um sich fahrend. »Ihr Herren nennt alles

schlecht und unbrauchbar, was nicht von euch gemacht und gutgeheißen

ist. Ihr wollt die Welt regieren, ihr wollt Gewalt über alles haben,

alles wollt ^ihr^ ordnen und regeln, alles soll euch dienen, euch

untertänig sein. Daß ich es Euch nur frei gestehe, es ist mir gar nicht

lieb, daß überhaupt ein Jesuiter mit den Hexen zu verkehren hat, und

daß gerade Ihr es seid, das ist mir mehr als leid.«

Es trat eine Pause im Gespräche ein. Der Oberschultheiß sah in hellem

Zorne auf den Boden. Eigentümlich; so keck die Rede war, er wagte doch

nicht, dem Angegriffenen ins Auge zu schauen. Er fühlte wohl, er hatte

seiner Zunge freieren Lauf gestattet, als es klug gewesen, und zu laut

wohl das gesagt, was bisher nur als leises Geflüster von Ohr zu Ohr

ging.

»Ihr redet gut,« sprach Spee mit sanftem Lächeln; »nur schade, daß auch

Ihr von solchem redet, was Ihr nicht gut versteht. Euch geht es wie

so vielen: Ihr fürchtet das, was Ihr nicht kennt, und gebt schmähend

wieder, was Euch die Verleumdung ins Herz geblasen. Wir Jesuiten sind

die Männer nicht, vor denen Ihr zu zittern braucht. Wir wollen keine

Herrschaft, wir wollen nicht regieren und dort nicht dazwischentreten,

wohin unsere Pflicht uns nicht ruft. Aber wo es sich um Recht und

Wahrheit handelt, wo Gottes Ehre auf dem Kampfplatz steht, wo es die

Liebe Gottes und des Nächsten gilt: da werdet Ihr uns Jesuiten allzeit

kampfgerüstet finden; da kennen wir kein kleinliches Wägen, ob es

der Welt gefällt, ob nicht, ob man uns lobt oder nicht: hie Recht und

Pflicht und Jesuit -- so ist's, so muß es bleiben.«

»Nun ja,« entgegnete der Oberschultheiß höhnisch, »ihr Herren seid die

Lämmlein, wir die Wölfe. Wir kennen das! Nur müßt ihr dafür sorgen,

daß man euch auch alles glaubt, was ihr von euch behauptet. Kann euch

versichern, ihr habt große Gegner hier!«

»Das bringt der Name Jesuit mit sich,« scherzte Spee. »Seid überzeugt,

wir fürchten keinen Gegner, wie wir keinen hassen. Das Maß der Liebe

ist für alle gleich.«

-- -- Der Eintritt der beisitzenden Räte unterbrach das Zwiegespräch.

Spee verfügte sich in eine Ecke des Saales, um dort dem Gange der

Verhandlung folgen zu können, indes die Herren ihre Plätze einnahmen

und die Angeklagte, begleitet von zwei Schergen, eintrat.

Der Stuhl des Rates Gering blieb unbesetzt; ein leichtes Unwohlsein

hinderte den Ehrenwerten an Erfüllung seiner Richterpflicht.

Die alte Ammfrau stand zitternd vor dem Gerichtshofe. Die Folgen der

ausgestandenen Torturen zeigten sich noch deutlich an den geschwollenen

Gelenken, das Antlitz deckte eine geisterhafte Blässe.

»Die Angeklagte soll in dem Bekenntnis weiterfahren!« befahl der

Oberschultheiß.

Die Alte schüttelte den Kopf und sah mit schmerzlicher Miene zu Boden.

»Ich kann nicht!« seufzte sie.

»Gedenke Sie der Peinen!« mahnte der Richter.

Sie zuckte zusammen und ein glühender Blick traf den Quäler.

»Gibt's keine Gnade?« fragte sie zögernd.

»Nein.«

»Und wenn ich nichts mehr sage? Wenn ich all Euerem Drängen

beharrliches Schweigen entgegensetze?«

»Umsonst! Hat Sie denn nicht bereits bekannt daß Sie mit dem Satan

einen Bund geschlossen, daß Sie Gott verleugnet hat? Hat Sie nicht

damit schon den Tod verdient?«

»Den Tod!« wiederholte tonlos die Ammfrau. »Ein eisigkaltes Wort --

der Tod! Ist's nicht schon Schrecken genug, wenn er am Lebensabend

sich allmählich in die welken Glieder schleicht und Mark und Kraft mit

wachsender Begierde frißt, bis sich die Augen brechend schließen und

das kleine Ding da drinnen in der Brust sein Hämmern und sein Pochen

endet? -- Muß denn der Tod als Flamme, Rad und Schwert das Leben

morden? Wohlan,« -- und ihre Stimme wuchs an Kraft und schneidender

Schärfe -- »wohlan, ihr Herren, ich frage euch, wollt ihr mich zwingen,

eueren Fragen Rede zu stehen, auch dann zwingen, wenn über diese welken

Lippen ein Strom von Jammer fließt, der euere ganze Stadt erzittern

macht? Sagt, bebt ihr nicht zurück vor dem Gedanken, daß, wenn mein

Mund sein letztes Wort gesprochen, des Klagens und der Tränen unter

euch kein Ende sein wird? Ihr könnt mich quälen, foltern, unter euere

Füße treten, ich kann es nicht verhindern. Aber ^eine^ Macht ist mir

geblieben, die, wie der Fels hoch übers Meer, so über mein Elend weit

hinausragt -- meine Zunge!«

Ein kalter Schauer bemächtigte sich der Richter, als sie des Weibes

Worte hörten und in das Antlitz schauten, aus dem die Rache und der

Wahnsinn grinsten.

»Hier steht das Kreuz,« sprach der Oberschultheiß mit leicht bebender

Stimme. »Gott die Ehre -- uns die Wahrheit! Rede Sie!«

Die Alte warf einen schnellen Blick nach dem Kruzifixe. »Laßt unsern

Herrgott aus dem Spiele, er hat mit euch und mit mir nichts gemein.

Gebt acht auf jegliches Wort, das ich zu euch nun rede, 's ist Blut

und Mord. Und wenn es euch das Herz im Leibe erstarren macht, wenn

hoch und immer höher des Elendes Fluten steigen, bis Ungezählte sie

verschlungen, dann flucht nicht mir, flucht euch!«

»In einer Erchtagnacht war's und um Andreastag, da führte mich der

Satan in seinem Gespenste an die Wegscheid auf dem Kreidenberg. Die

Nacht war grimmig kalt und rabenschwarz. Da sah ich, wie von allen

Seiten rote Flämmchen niederzuckten; ein Licht, wie ich noch keines

gesehen, warf seinen Schein rings auf den Plan. Ein Sausen und ein

Schwirren zog durch die Luft, und ehe ich mich versah, füllte sich der

Kreidenberg mit Hexen an. Es mögen an dreitausend dort gewesen sein.

Der Teufel ließ zum Tanze spielen und alles drehte sich, wie wenn

der Sturmwind, ist es Herbst geworden, mit dem Laube sein wirbelndes

Spiel treibt. Dann ward gezecht. Es war Kinderfleisch, das uns gegeben

wurde, doch ohne Salz. Der Wein war gut. Wir stahlen sieben Fuder aus

des Fürstbischofs Keller. Darauf hielten wir geheimen Rat, wie wir die

Frucht des Feldes verderben, Mensch und Vieh verzaubern und selbst der

Kinder nicht verschonen wollten.«

»Schrecklich,« stöhnte der Oberschultheiß.

Das Weib sah ihn durchbohrend an. »Das Schrecklichste kommt erst.

Ich soll euch auch wohl sagen, wer mit auf jenem Hexensabbat war? --

Daß ihr so schüchtern nickt, seid doch sonst so fest und hart! --

Nun hört! Ich habe dort gesehen über zwanzig Mädchen unter dreizehn

Jahren. Die haben gräßlich Wehe über ihre Mütter ausgerufen. Dann das

Göbel Babelin, die schöne, stolze Dirne, des Ratsherrn Gering blinde

Elsa, den dicken Baunach, Batsch, den Gerber, meine Nachbarin, die

Hüterin auf der Brücke, den Spittlmeister vom Dietricher Spital und

des Dompropstes Vögtin.[M] Habt ihr genug gehört? -- Was sitzt ihr da,

ihr harten Herren, als wäret ihr zu Stein geworden? -- Ich habe euch

gewarnt, ihr sollet mich nicht zu reden zwingen. Ihr habt's gewollt --

nun sterb' ich nicht allein.«

Die Richter saßen wie gelähmt vor Schrecken und Angst. Selbst der

Oberschultheiß war in seinen Stuhl zurückgesunken und glich fast einer

Leiche. Die Alte aber ließ einen triumphierenden Blick über alle

gleiten, ihr Auge trank mit Wollust die ersten Tropfen eines Wehe, das

nur zu bald zum Strome werden sollte.

Pater Spee war bisher stille in seiner Ecke gestanden und hatte der

Rede der Alten gelauscht. Seine Seele blutete, als er jene Worte hörte,

aus denen die Rache drohend tönte. Dem tiefblickenden Manne war es

klar, daß das, was hier als Geständnis gesprochen wurde, nichts anderes

war als ein Massenmord, erst mit der Zunge begonnen, um dann mit Rad

und Feuer vollbracht zu werden. Sein Herz duldete ihn nicht mehr in dem

verborgenen Winkel, er mußte seinem Schmerze, seiner Entrüstung, wie

seiner brennenden Liebe Worte leihen.

»Bernin,« sprach er, neben die Angeklagte hintretend, »haben Euere

Lippen nichts Böses gesprochen?«

Die Alte fuhr bei seinem Anblicke erschrocken zurück. Dann maß sie ihn

mit einem Blicke tiefen Hasses.

»Was wollt Ihr hier?« grinste sie. »Hab' ich nicht an denen dort genug?

Laßt mich in Ruhe!«

»Seid nicht hart! Ich will Euch ja nicht quälen. Es ist die Liebe, die

mich zu Euch sprechen heißt.«

»Die Liebe?« rief die Ammfrau. »Herr, das Wort ist schön, wunderschön.

Aber was Ihr Liebe nennt, das ist schon längst gestorben und begraben.

Lügt mich nicht an, es gibt keine Liebe mehr, und auch in Euerem

Herzen ist sie tot. Ja,« fuhr sie fort, »wenn die Liebe lebte, dann

wäre es nicht Nacht auf Erden, dann rauchte nicht das Blut der

Gemordeten und gäbe die Luft nicht alle die Seufzer wieder, die das

Unglück ihr vertraut. Es gibt keine Liebe -- nein -- nein, sie ist

gestorben -- tot -- und steht nicht wieder auf!«

»Armes Weib!« klagte Spee; »wahrhaftig arm, weil sie den Glauben an die

Liebe ganz verloren hat. O denket, wenn Ihr an den Menschen zweifelt,

an die Gottesliebe, die nicht gemessen, nicht erschöpft werden kann.

Legt Euer Elend in sie nieder, Ihr findet dort Heilung -- Friede!«

»Zu spät -- zu spät!« sprach die Alte und ließ das Haupt auf die Brust

herabsinken. -- »Ja, es war eine Zeit, da konnte ich glauben, beten und

im Gebete glücklich sein! Da war ich noch ein Kind -- es ist lange her

--, doch die Erinnerung ist in mir nicht gestorben. O schöne Zeit, daß

du entschwinden mußtest! Dann kam es anders. Wild, wie die Jagd den

Wald durchtobt, durchtaumelte ich das Leben -- immer schneller, immer

rasender, berauscht von wermutbitterer Lust. Ein böser Mensch brachte

mich auf böse Wege, nicht der Satan. Das hat ein Mensch getan! -- Er

sei verflucht! -- Nun herrscht der Teufel über mich und tausend andere,

die gleich mir sich ihm ergeben durch das Laster. Hu, wie mich friert,

und doch, wie's drinnen brennt und wie im Kopfe hier sich die Gedanken

drehen! Ja, ja, der Teufel herrscht!«

Sie hatte die letzten Worte im schrillen Tone wachsenden Wahnsinnes

ausgestoßen, dann sank sie auf das Pflaster nieder.

Spee wollte ihr zu Hilfe eilen, doch sie wies ihn mit finsterem Blick

zurück.

»Laßt mich,« sprach sie, »ich bin nur müde. -- He, ihr Herren dort,

setzt euch zu mir, wir wollen Hochzeit halten. Ihr wollt nicht? Was ihr

spröde seid!«

»Bernin!« sprach der Oberschultheiß mit zitternder Stimme.

Die Alte horchte auf.

»Wie ist's denn möglich, daß unschuldige Kinder bei eueren Hexentänzen

sollen gewesen sein? Sie sprach doch von mehr als zwanzig Mädchen, die

mit ihr den Hexentanz am Kreidenberge hielten?«

»Geht mir erst aus den Augen, Pater,« sprach sie, Spee mit dem Arme

von sich drängend. »Ich kann nicht reden, wenn ich Euch in meiner Nähe

weiß.«

»Ihr sollet auch nicht reden,« entgegnete der Jesuit. »Ihr Herren,«

fuhr er, sich an die Richter wendend, fort, »fragt sie nicht mehr, es

ist ja Wahnsinn, was sie redet.«

»Pater,« gab stolz der Oberschultheiß zurück, »ich sollte Euch nicht

erst darauf aufmerksam machen müssen, daß Ihr hier nichts zu sprechen

und zu raten habt. Laßt es Euch belieben und ziehet Euch zurück! Und

nun rede Sie!«

»Es gibt Priester, die taufen im Namen des Vaters und des Sohnes und

des Heiligen Geistes. Dann setzen sie dazu: und in des Teufels Namen!

Dadurch verfallen die Kleinen dem Satan.«[N]

»Es ist nicht möglich!« rief Spee, vom Unwillen überwältigt, und

verbarg das tränenfeuchte Antlitz in seinen Händen.

»Warum nicht möglich?« gab der Oberschultheiß in spitzem Tone zurück.

»Heutzutage ist alles möglich. Die Angeklagte nenne Namen!«

»Die ich weiß, die will ich Euch wohl sagen. Da ist erstlich der

Schwerdt, Vikarius im Dom, dann der Nikodemus Hirsch, Chorherr im

neuen Münster, der Melchior Hammelmann, Vikarius zu Hach, und endlich

Christophorus Barger, Vikarius im neuen Münster.[O] Mehr weiß ich

nicht. Laßt's Euch genügen!«

Die Ammfrau verfiel nach diesen Worten in ein dumpfes Brüten, aus dem

sie nichts zu wecken vermochte. Sie kauerte auf dem Estrich und fuhr

mit dem Zeigefinger der rechten Hand an den Fugen der Steinplatten auf

und ab, schüttelte den Kopf, daß die grauen Haare über das Gesicht

herunterhingen, und brach dann plötzlich in ein lautes Lachen aus, das

grausig vom Gewölbe widerhallte.

Zwei Schergen faßten sie und trugen sie auf des Oberschultheißen Befehl

nach dem Kerker zurück.

Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle · 第 11 / 38 题