4. Eine nicht geringe Menge von Gläsern und Fläschlein, gefüllt mit
Wassern und Fett, so vermutlich von gebratenen Kindern herrührt.
5. Ist sonderlich auch als ein gar schrecklich Zeichen sicheren
Bündnisses mit dem Satan zu bemerken, daß im ganzen Zimmer nicht Kreuz
noch Weihbronnen zu finden.«
Der Schreiber spritzte die Feder aus, und der Vogt wischte sich den
Schweiß von der Stirne. Als er die Alte ansah, bemerkte er, daß ihr
Blick fest nach einem Winkel des Zimmers gerichtet war. Und als er
dort eine mächtig große Spinne erschaute, die langsam mit ihren
dünnen Beinen an der grauen Wand hinankrabbelte, da drückte er seinen
Hut fester auf den Kopf und eilte mit den Worten: »Das ist der
Teufel selbst!« aus der Stube. Ihm nach folgten die Schergen mit den
beiden Gefangenen und zuletzt Herr Petrus Hänflein, große Kreuze mit
zitternder Hand schlagend.
Unten auf der Straße wogte viel Volk auf und ab und flüsterte sich in
die Ohren. Tiefe Stille herrschte, als der Vogt und die anderen mit
ihm ins Freie traten. Wie sie die Köpfe zusammensteckten, die Vettern
und Basen, und wie sie die Hälse reckten, die Ehrentapfern, und sich
anstießen: -- »'s ist 'ne Hexe, hab's schon längst gesagt.«
Der Zug setzte sich in Bewegung. Voraus ein Scherge, dann die alte
Bernin, am Halsstricke geführt von einem Knechte. Hinter ihr der
Student, die Hände über dem Rücken gebunden, das schöne Antlitz von
Zorn und Schmerz und Beschämung verzerrt. Rings Schergen und zuletzt
stolz aufgerichtet wie ein siegreicher Feldherr der Vogt und ihm zur
Seite schleichend, zitternd der Schreiber mit dem Protokolle.
Die Menge folgte schiebend und drängend und wandte ihre Aufmerksamkeit
immer mehr dem Studenten zu, dem infolge der bis aufs äußerste
gesteigerten Aufregung die hellen Tränen über die zuckenden Wangen
rollten.
»Was es nur mit dem sein mag?« flüsterten sie und bückten sich, um ihm
recht unters Gesicht schauen zu können. »Sieht doch mehr einem frischen
Jungen als einem Hexenmeister und Zauberer gleich!«
»Mein Gott,« schalt ein anderer mit lauter Stimme und schielte dabei
nach dem Vogte, »heutzutage ist alles verhext und verteufelt, am Ende
auch noch die Herren am Gerichte. 's ist ein häßlich Leben in unserer
Zeit!« -- --
Gegenüber dem Grafeneckersturm an der Ecke des Platzes mit dem großen
Brunnen steht ein stolzes Haus. Aus seinen geöffneten Erkerfenstern
schaut hinter lieblichen Rosen ein herrliches Mädchenangesicht auf
die vorüberwogende Menge nieder. Das dunkelblaue Sammetgewand, von
goldgesticktem Gürtel umschlossen, blickt wie nächtiger Himmel hinter
dem blühenden Blumengesträuche hervor, während das engelmilde Antlitz
mit den großen Vergißmeinnichtaugen und mit der goldenen Lockenpracht
dem Monde gleich in sanftem Glanze widerstrahlt.
Der Zug ist vorüber; ein tiefschmerzlicher Blick aus schönen Augen hat
ihn mit einer Träne gegrüßt. Nun schließen sich die Fenster, und es
ist, als sei der Mond untergegangen.
Edeltraut war auf ihre Kniebank vor dem Bilde des Gekreuzigten
niedergesunken. Die zarten Hände bedeckten das glühende Antlitz, die
Seele suchte nach Gebet und fand es nicht und rang sich fruchtlos müde.
»Tochter,« unterbrach der Greis das Schweigen, »Edeltraut, du weinst!«
Das Mädchen erhob sich langsam, strich die Locken aus der Stirne und
küßte den Alten.
»Ja, Vater, ich habe geweint,« sprach sie, mit dem weißen Tuche sich
die Augen trocknend.
»Und warum, Kind? Bist du nicht glücklich? Bist du nicht die schönste
Maid im Frankenlande, hast du nicht einen Vater, der dich innig liebt?
Bist du nicht reich und angesehen, und, was dein höchster Schatz
und Schmuck ist, bist du nicht gut und rein und schuldlos wie ein
Morgensonnenstrahl? Und dennoch Tränen?«
»Ich will's Euch klagen, Vater. Als ich dort am Fenster stand
und auf meine Rosen glücklich niederschaute, und sie mir duftige
Frühlingsmärchen erzählten, drang dumpfes Wogen von der Straße
herauf zu mir. Sie brachten wieder ein armes Opfer des schrecklichen
Hexenwahnes an unserem Hause vorüber. Die alte Bernin war's, du kennst
sie ja! Und hinter ihr ging -- zwischen Schergen -- gebunden -- ach!«
»Um Himmels willen, Tochter, golden Kind!«
Das Mädchen war wie zur Leiche geworden und vor des Vaters Füßen
zusammengebrochen.
Der Greis zog mit stürmischer Hand die Glocke, und bald hatten helfende
Hände die Bewußtlose auf ein Ruhebett gebracht. Das Leben kehrte
allmählich in den schönen Leib zurück, schwach zitterte der Atem aus
der Brust herauf und durch die blassen Lippen, und dann drang zwischen
den Lidern eine große, volle Träne hervor und erstarrte wie ein Demant
auf den blassen Wangen. Und nun schlug sie langsam die schönen Augen
auf, Vergißmeinnichte ohne anderen Glanz als den des Schmerzes.