4. Kapitel: ^Eine Hexe^

Unterhalb der Mainbrücke in Würzburg steht ein altes, düsteres Haus.

Die Mauern sind schwarz geworden von Ungewitter, Sturm und jeglicher

Unbill der Zeit; regellos starren aus dem kalten Gestein wie Augen aus

dem Totenschädel die Fenster mit teils erblindeten, teils gebrochenen

runden Scheibchen. Ein kleiner Erker, mit Holzwerk durchzogen, hängt

müde gegen die Straße und auf seinem Spitzdache knarrt eine rostige

Wetterfahne.

Der Eingang ist niedrig. Die Pfosten massiv aus Stein, die Türe aus

Eichenholz, in dem der Wurm schon längst sich heimisch fühlt. Eine

enge, unter jedem Fußtritt ächzende Wendeltreppe führt nach dem

ersten Stockwerke und in eine große Stube. Das Getäfel der Decke ist

tiefdunkel und drückt wie ein Alp. Der große grüne Kachelofen mit

seinen unbeholfenen Schildereien auf den morschen Kacheln drängt sich

fast bis zur Mitte des Gemaches.

Die Wände sind grau und schmucklos. Kein Bild, kein Kreuz winkt frommen

Gruß. In der einen Ecke steht ein hohes Bett, daneben ein alter

Schrank mit einer Unzahl von Gläsern und Töpfchen, ferner ein alter

Totenschädel, Büchschen, aus denen Kräuter hängen, ein dickes Buch,

schmutzig und abgegriffen, darauf eine Brille, mächtig groß und schwer.

Die andere Ecke füllt ein breiter Tisch und hochlehnige Stühle. Das

Glas der Fenster ist mit Staub und Schmutz überzogen, ein eigen

Dämmerlicht liegt kalt und frostig über diesem Raume.

Ein altes, häßliches Weib steht am Fenster und starrt mit den

stechenden, schielenden Augen träumend ins Weite. Die große, hagere

Gestalt ist noch ungebeugt von den Jahren, die den Scheitel gebleicht

und die Wangen tief gefurcht haben. Zuweilen zuckt ein Blitz aus diesen

Augen, dann spielt ein höhnisch grinsendes Lächeln um die dünnen

Lippen, und wieder ist's wie Sturm und drohendes Ungewitter, was auf

tiefem rätselhaften Angesichte wetterleuchtet.

Nun geht sie zurück zum Schranke neben dem Bette. »Hm,« brummt sie

verdrießlich, »die Herren machen Ernst. Schütteln sie doch die Hexlein

wie Äpfel von den Bäumen. Puh! die Luft riecht nach Menschenfett,

und nachts heult der Wind klagend, als wären es die Seufzer der

Gemordeten. Haben sie erst gestern wieder so ein armes Geschöpf unter

meinen Fenstern vorbei nach der Richtstätte gefahren, und das Volk hat

gejohlt und geflucht und nur wenige haben geweint. War ein junges Blut

und schier zum Erbarmen, wie ihm die heißen Tränen so brennend übers

Totenhemd rollten und aus den wunden Augen ein gebrochenes Herz schrie.

Habe nun auch den Pater Spee gesehen, von dem sie in der Stadt so

vieles reden. Mag ihn nicht; kann das fromme Volk nicht leiden, nicht

Kutte und nicht Priester. Aber es hat mir doch gefallen, daß er mit auf

den Karren stieg und dem Hexenblut die Höllenfahrt leichter machte.«

»Höllenfahrt?« fuhr sie nach einer Pause fort. »Weiß ich's, wohin der

Weg vom Sterbebett und vom Galgen führt? Hu, es ist ein frostiger

Gedanke -- wenn's zum Teufel ginge!«

»Zum Teufel! Habe soviel Spott mit dummen Menschen in des Teufels Namen

getrieben und nichts von Furcht und böser Ahnung empfunden; und heute

ist's mir, als packte eine Totenhand mich an der Seele, wenn ich an den

Teufel denke. Tolles Zeug! He, Totenschädel dort, gibt's einen bösen

Geist? Du redest nicht! Glaub's wohl, hihi! Aber wie du grinsest, als

zuckten Höllenlichter durch die leeren Augenhöhlen. -- Dummes Gebein!«

knurrte sie und stieß ihn auf den Boden.

»Wen haben sie nun schon verbrannt, diese weisen Herren?« fuhr sie in

ihrem Selbstgespräche weiter. -- »Habe sie mir alle wohlgemerkt! Da

ist die Lieblerin, des Ankers alte Witwe, die Gutbrodin und die dicke

Hökerin. Das war der erste Brand. Gleich darauf die alte Beutlerin,

die Schenkin und zwei fremde Weiber. Dann kam der Tungersleber, der

lustige Spielmann, die Kulerin, die Stierin, die Goldschmiedin und

ihre Nachbarin, die Bürstenbinderin, an die Reihe.[I] Und gestern das

junge Mägdelein! Ob sie nun genug Menschenfleisch geschmort haben, die

Schakale und Hyänen? Ich glaube es nicht! Nein, sie ruhen nicht, bis

nicht die schöne Stadt leer steht und das Land entvölkert ist! Und wenn

sie nun auch mich für eine Hexe hielten?«

Die Alte schnellte bei diesem Gedanken bebend in die Höhe.

»Mich?« keuchte sie, und ihre Brust hob und senkte sich in fliegender

Hast. »Mich? Nein, mich lassen sie in Ruhe. Die alte Ammfrau Bernin

wagt keiner anzugreifen, sonst wehe ihm! Da drinnen in dem alten Herzen

kocht und brandet Leidenschaft genug, und in meinem Hirn, so müde es

seit siebzig Jahren auch geworden ist, ist immerhin noch Witz genug,

um mit den Herren am Gerichte manch scharfes Wort zu reden. Bin kein

junges Gänschen, das nicht Red' noch Antwort weiß, haha! Ob nicht die

Herren alle zuschanden würden, wenn sie an mir ihr Recht und ihren Witz

versuchen wollten!«

Ein Poltern von der Stiege her unterbrach der Alten Selbstgespräch. Sie

horchte auf und ihre Augen starrten in fiebernder Neugierde nach der

Türe.

»Ist's vielleicht der Henker?« flüsterte sie und drückte die Rechte

aufs pochende Herz.

Ein Jüngling trat ein, ein frischer, fröhlicher Student. Sein

Angesicht, von dunkeln Locken beschattet, widerstrahlte Lust und

Schalkheit und sprudelnden Geist. Einen Augenblick blieb er betroffen

stehen, der erste Eindruck des ihm völlig neuen Bildes streifte seine

Seele mit frostigem Erstaunen. Dann nahm er, rasch sich wiederfindend,

seine Mütze ab und grüßte freundlich.

»Verzeiht, liebwerte Frau, daß ich Euere Ruhe störe! So Ihr mir

Gunst erweisen wollet, schenkt mir ein Stündlein Euerer Zeit und

ein Körnlein Eueres tiefen Wissens. 's ist wahr, hab' viel gelernt

auf Schulen und bei weisen Meistern. Bin vieler Sprachen kundig[J]

und gar wohlgerühmt bei allen ob meines lieblichen Gesanges und gar

süßen Lautenspieles. Und doch, was hilft mir all dies tote Wissen, was

Sang und Lautenschlag, wenn hier das Herz in Leid und Trübsal ringt?

Wo aller Menschenwitz ein Ende hat und jeder Weisheit Lehrer seine

Ohnmacht bekennt, da beginnt Euer Reich und Euere Kunst. Seid mir

gewogen und laßt Euch mein Leid erzählen. Dann gebt mir guten Rat und

frohen Trost. Ich will's Euch tapfer danken.«

Die alte Ammfrau hatte dem Jünglinge mit steigendem Vergnügen zugehört.

»Und könnt Ihr schweigen?« fragte sie mit Nachdruck.

»Wie diese ehrwürdigen Wände hier oder, wenn Ihr wollt, wie dieser

Totenschädel,« beteuerte der Student.

»Den laßt in Ruhe,« knurrte die Alte und hob den Schädel auf, um ihn

wieder auf den Kasten zu stellen. »Und nun Euer Begehren?«

»Bin, wie Ihr seht, ein junges, frisches Blut voll Lebensdrang und

keckem Mut. Von armen Eltern stammend, doch mit hellem Geist begabt,

hab' ich, dank edlen Priestern, des Wissens viel errungen. Doch nicht

genug! Mein Geist will weiter forschen, bis er satt geworden, aber --

dies macht mein Glück nicht voll. Zwei Fragen sind es, die mich quälen.

Und diese sollt Ihr lösen durch Euere Kunst.«

»Erstlich sagt mir: Worin und wo ich mein Glück finden werde?«

Der Blick des Jünglings und jener der Alten begegneten sich und

ruhten eine Weile forschend aufeinander. Dann erhob sie sich,

ging nach dem Ofen und kehrte mit einem Stück Kohle zurück. Sie

zeichnete mit demselben einen Kreis auf die Tischplatte und teilte

ihn durch Ellipsen. Die einzelnen Segmente füllte sie mit Zahlen und

kabbalistischen Zeichen, nur die Mitte ließ sie frei.

Der Jüngling sah mit lächelnder Miene ihrem Treiben zu. »Habt Ihr gut

schreiben gelernt!«

»Stille!« mahnte die Alte und schrieb weiter. »So; nun gebt mir Blut,

einen Tropfen.«

Der Student reichte der Alten seine Hand und ließ sich mit einem

scharfen Messer die Haut ritzen. Das aufgefangene Blut ward in die

Mitte der sich kreuzenden Ellipsen gestrichen.

»Setzt Euch!« sprach sie, nach einem Stuhle hinterm Tische zeigend.

»Euer Stern steht hier. Ihr seht dies Zeichen? Es deutet hohes

Lebensglück und stolzes Hoffen. Ehre und Amt winken Euch, und Gold und

Minne.«

»Das klingt ganz gut,« warf der Jüngling zufrieden ein.

»Schweigt!« herrschte die Alte und horchte nach der Straße, von der

herauf verworrene Stimmen drangen. Einen Augenblick starrte Angst aus

ihren Zügen, dann fuhr sie fort: »Dies Zeichen hier sagt Euch nichts

Gutes. Übermut verleitet Euch zu einer Tat, die Euch das Leben kostet,

ehe Ihr noch wißt, wie süß das Leben sei. In langer Kerkernacht wird

Euch ein Trost noch werden, -- das deutet dieses Bild, doch dann --«

Mit einem Stoße flog die Türe auf und Vogt und Schergen traten ein.

Die Alte ward zu Stein, die Augen drangen aus ihren Höhlen und stierten

auf den Richter.

»Was wollt Ihr?« krächzte sie und hielt sich mit der Rechten an dem

Tische fest.

»Dich, Gertrud Bernin, insgemein die schielende Ammfrau genannt,«

entgegnete der Vogt mit hoher Amtsmiene.

»Mich? Und warum?« grinste die Alte.

»Sie ist dringend verdächtig, ja schier schon überwiesen, daß Sie sich

mit höchst verdammlicher Zauberei und Hexenkünsten befaßt hat.«

»Schier schon überwiesen?« wiederholte die Alte höhnisch. »Die Herren

sind schnell.«

Der Vogt blieb in einiger Entfernung von der Alten stehen, indes diese

von den Schergen an den Händen gebunden und ihr überdies noch zu

größerer Sicherheit ein Strick um den Hals gelegt wurde. Die Bernin

ließ dies mit scheinbarer Ruhe an sich geschehen; wer ihr aber tiefer

ins Auge schaute, konnte dort Schrecken und Ingrimm flammen sehen und

an dem konvulsivischen Zucken, das zuweilen ihre Glieder schüttelte,

die furchtbare Erregung, die sie erfaßt hatte, erkennen.

Unterdessen hatte sich der Vogt dem Studenten genähert, der mit

nicht geringer Überraschung den Vorgängen folgte, deren Zeuge er so

unverhofft geworden.

»Ah, also auch hier?« zürnte er. »Wie ist es möglich, daß man, da man

doch in Künsten und Wissenschaften so wohlerfahren ist, auch bisher

sich eines christlichen guten Rufes erfreute, nun in solch höchst

gefährlicher Gesellschaft sich befindet?«

»Herr Vogt,« entgegnete der Studiosus mit schwer verhaltener

Entrüstung, »ich hoffe --«

»Ihr habt hier gar nichts zu hoffen,« eiferte jener. »Mitgefangen,

mitgehangen. Juridischer Grundsatz das. Doch,« fuhr er fort, den Kreis

mit den kabbalistischen Zeichen auf dem Tische erblickend, »was seh'

ich hier? Gott stehe mir bei! Reine Teufelskünste! Und Blut!« rief er

schauernd.

»Blut von mir!« gab der Student mit mürrischem Trotze zurück.

»_Indicium maximum!_ Man binde auch diesen Studenten, da solcher sonder

Zweifel eine höchst gefährliche Malefizperson ist.«

Der Student zog seinen Degen, um die Schmach von sich abzuwenden;

allein die Schergen fielen ihm von rückwärts in die Arme und fesselten

ihn nach kurzer Gegenwehr.

Nun hatte der Gestrenge auch Muße, sich im Zimmer umzusehen, was

unter nicht geringem Kopfschütteln und allen möglichen Ausrufen des

Entsetzens geschah. Und als er seinen Amtsschreiber vorrief, daß

dieser ein kurzes Protokoll aufnehme, weigerte sich dieser ganz

entschieden, auf einem Tische zu schreiben, auf welchem Teufelszeichen

und Menschenblut zu sehen seien, oder auf einem Stuhle zu sitzen, auf

dem gewiß Hexen, wenn nicht gar der leibhafte Gottseibeiuns gesessen.

Lieber wollte er sein kleines Amt und mageres Brot verlieren.

»Kann ihm nicht ganz unrecht geben,« bestätigte der Vogt, mit seinem

tiefroten Kopfe gnädigst nickend. »Aber ein Protokoll muß sein, und

müßte es in der Luft geschrieben werden.«

»Solches wäre doch reine Hexerei!« spottete der Student.

»Ein ganz erschrecklich böses Maul!« polterte der Gestrenge. »Man wird

augenblicklich schweigen. Er aber, Petrus Hänflein, mag sein Protokoll

dort am Fenstergesimse schreiben. _Quod non est in actis, non est in

mundo._ Pah, man weiß, was Rechtens ist. Also, ist Er bereit?«

»...... Nach solchem ging man an Untersuchung des Zimmers und fand, wie

folgt:

1. Auf dem Tische mit Kohle gezeichnete, sonder Zweifel ganz teuflische

Gestalten und böse Zeichen, beinebst einigem Blute.

2. Auf dem Schranke neben dem Bette einen greulichen, wahrhaften

Totenkopf, höchst wahrscheinlich bei einem Hexensabbate vom Bösen zu

zauberischen Zwecken gegeben.

Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle · 第 7 / 38 题