Der Greis sah mit tiefem Kummer auf sein Kleinod nieder, das ein ihm
unbekanntes Leid zum Tode verwundet hatte.
»Setzt Euch, Vater, nahe zu mir und laßt mich reden! Das macht das Herz
mir leichter und das Leid wohl weniger hart. Hinter ihr,« fuhr sie in
ihrer Erzählung flüsternd fort, indes ihr geistiges Auge alles noch
einmal schaute, -- »führten sie gebunden, schmerzzerrissen unseren
Heinrich.«
»Nicht möglich!« rief der alte Göbel händeringend aus. »Heinrich, der
goldene Junge?«
»Es ist so. Nun sollt' ich Euch ein ernst Geständnis machen; doch
versagt die Seele und die Zunge ihre Kraft. So Ihr mich liebt, mein
teurer Vater, schickt nach dem Pater Spee. Sagt ihm, es gelte einer
wunden Seele Trost und Labung zu bringen und, wenn es möglich ist, auch
Heilung tiefem Schmerze.« --
Die Schatten des Abends wurden länger und tiefer und der Hauch der
Lüfte kühler. Die Rosen an dem Erker des alten Ratsherrn Göbel senkten
müde das Haupt und schlossen ihre Kelche mit zartem Blattwerk, damit
nicht Mondlicht zu tief ins kleine Blumenherz sich drängte.
Ein letzter Sonnenstrahl flog grüßend über Edeltraut -- vielleicht hat
er ihr Licht ins dunkle Herz geschienen.
-- »Gott segne es Euch, mein Pater, daß Ihr gekommen seid,« grüßte
der Ratsherr, den eintretenden Jesuiten in seinem Gemache empfangend.
»Meine Tochter verlangt nach Euch. Das Kind drückt tiefes Leid, das Ihr
ihm lindern sollt. Doch erst noch eine Frage. Kennt Ihr den Heinrich
Schmauß, den prächtigen Studenten? Ihr kennt ihn also! Der Junge kam
gar oft in unser Haus, weil mich sein Lautenspiel und Sang, sowie sein
reines, frisches Herz erfreute. Ich liebte ihn wie ein zweiter Vater
und er hing einem guten Sohne gleich an mir. Nun haben sie ihn heute
eingefangen, zugleich mit dem alten, bösen Weibe, der Ammfrau Bernin.«
»Ich weiß darum,« entgegnete der Pater. »Ich komme eben aus Heinrichs
Kerker, da er sogleich nach seiner Gefangennahme nach mir verlangte.
Er ist rein und schuldlos, dies Wort mag Euch zum Troste dienen; aber
töricht war es von ihm, jetzt, da die Welt in Finsternis sich badet,
auch nur den Schein des Bösen auf sich zu laden. Nennt es Keckheit,
Übermut, vielleicht auch Frevel, was er tat. Er hatte längst von
jener Alten gehört, die mit ihrem abergläubischen Treiben aus reinem
Eigennutz so vieles Unheil stiftete. Er stritt und kämpfte mutig
überall mit seinem klaren Geiste gegen Wahn und Aberglauben, und um
dies noch besser tun zu können, suchte er die Alte selbst auf und ließ
sich zeigen, worin denn ihre Kunst und ihr Geheimnis bestünde. Und
eben, als die Ammfrau Bernin ihm ihr gottlos albernes Handwerk zeigte,
traten Vogt und Schergen bei ihr ein.«
»Glaubt Ihr, mein Pater, es könnte für den Jungen von übeln Folgen
sein?« fragte bekümmert der Ratsherr.
»Ich fürchte alles, hoffe wenig,« antwortete Spee. »Ja,« fuhr er fort,
»wenn Vernunft und Gerechtigkeit zu Gerichte säßen, dann könnte die
Unschuld wieder frei aus Kerker und Banden hervorgehen. Solange aber
eine verblendete Justiz die Mordfackel schwingt, Scheiterhaufen baut
und Verbrecher ^macht^, ist jede Hoffnung Torheit. Doch, überlassen
wir die Zukunft Gottes weiser Fügung! Er wird auch hier stets und
überall der Sieger sein.«
Der Pater trat mit dem Ratsherrn Göbel in Edeltrauts Gemach, das von
einer Lampe schwach erleuchtet war.
»Gott segne dich, mein Kind!« sprach Spee zum Gruße.
»Dank, ehrwürdiger Vater,« entgegnete das Mädchen, die Augen
niederschlagend. »Ich hab' Euch zu mir gebeten, damit Ihr Ruhe in mir
schafft. Ihr kennt mich, wie ich bin. Seit Ihr meine Seele leitet, habe
ich Licht und Schatten Euch vertraut. Und doch -- es ist -- wie soll
ich's nennen nur -- ein Fühlen in der Seele mir erwacht, das --«
»Sprich, Edeltraut! dein Leid will einen Namen und dann guten Rat.«
»Ich war ein Kind, als sie die Mutter für ewig schlafen legten. Am
Schmerz, den ich um sie getragen, maß ich meine Liebe. Mein ganzes
Herz trug ich vom Grabe weg in meines Vaters Liebe über, ein großes,
heiliges Glück! Sonst liebte ich wenig mehr auf dieser Erde. Meine
Blumen, diese Gottesaugen, hatte ich freilich innig lieb; doch war's
ein kindlich reines Minnen. Nun ist es anders geworden. Gnade, Pater,
-- habt Erbarmen, Ihr, mein alter Vater, wenn ein Geständnis über
meine Lippen kommt, das Euch erschreckt. Als sie den Heinrich heute
einem Verbrecher gleich an meinem Fenster vorüberführten, da stach ein
Schmerz durch meine Seele, der nicht Mitleid war -- 's war Liebe! Wie
oft, wenn er zur Laute Euch die schönsten Lieder sang, schaute ich
begeistert in dies reine Auge! Wie oft hatte ich einem Kinde gleich
seinem Worte gelauscht, wenn er von Herrlichem so herrlich sprach --
ich ahnte es nicht -- er wollte es nicht -- und doch, es ist geschehen!«
Die letzten Worte sprach das Mädchen mit immer leiserem Geflüster. Ein
tiefes Rot lag über ihrem Antlitze -- ein Engel hatte es wohl über sie
gehaucht.
»Ist's Sünde, Vater, was ich fühle, so sagt es, ist es auch hart -- ich
kann vergessen; denn Sünde will ich nicht! Ist es aber gut vor Gott,
vielleicht selbst Gottes liebendes Werk, dann laßt mich es wissen, laßt
mich glücklich sein!«
»Es ist nicht Sünde,« sprach der Jesuit in mildem Ernste, »wenn reinen
Herzens sich der Mensch zum Menschen kehrt. Doch ist's ein Weg voll
bunter Blumen, die viel Gift enthalten und Schlangen bedecken. Da
bedarf es treuen Betens und steter Wachsamkeit.«
»Und was sagt Ihr, mein teurer Vater?« fragte schüchtern das Mädchen.
»Gott segne dich und deine Liebe, wenn sie sein Wille ist!« sprach
feierlich der Greis.
»Nun bin ich ruhig. Doch eine Bitte, guter Pater! Ich weiß es und mein
Herz sagt mir das gleiche, sie haben Heinrich unschuldig ins Gefängnis
geworfen. Sorgt für ihn und sprecht für ihn und macht ihn wieder frei.
Sagt selbst, ist es möglich, daß Schuld auf diesem Herzen lastet?
-- Ihr saget nein -- habt Dank! Und ist er frei geworden, dann will
ich mit der Lerche Dankeslieder jubeln. Dann soll mein Herz der Rose
gleichen, die dem Himmel Lust und Schönheit dankt und, wenn auch in der
Erde wurzelnd, doch dem Himmel angehört!«