3. Kapitel: Jahrmarkt

Es ist Sonntag und Jahrmarkt in Heidingsfeld, einem gewerbsamen Orte,

eine Stunde oberhalb Würzburg gelegen. Der Weg dahin führt zwischen

Weinbergen, die sich eben mit dem ersten Laube schmücken, und dem

Maine, der sich hier hart an die staubige Straße drängt.

Rings buntes, fröhliches Leben, das sich auf Straße und Fluß singend

und lachend fortwälzt. Lustiges Studentenvolk, Arm in Arm und

kecken Lebensmut im frischen, klaren Auge. Dralle Dirnen, stolz im

Sonntagsrocke, flüsternd, kichernd, nach den Jungen schielend und dann

wieder züchtig schmollend. Handwerksgesellen, derb in Wort und Lied,

das Wams vorne aufgenestelt, um mit der ganzen Brust zu atmen; ihr

Sang ist keck, ihr Lachen kräftig, wie die Faust, die sonst den Hammer

oder Hobel führt. Nun ehrenfeste Meister mit bärtigen Gesichtern,

die zufrieden schauen, wuchtig schreitend, jede Linie Bürgerstolz.

Das Tuch ist fein und tadellos die Krause, echt das Geschmeide wie

der Stein im Ringe. Und erst die Frauen, die an ihrer Seite gehen,

züchtig, freundlich, reich geschmückt in Sammet und Spitzen! Und gar

die minnereichen Töchterlein, des Vaters und der Mutter Stolz! Wie

sie die Augen senken und heben, je nachdem sie von Jünglingen gegrüßt

werden oder in Neugier da und dorthin schauen! Dann ehrentapfere

Herren vom Rate, gnädig grüßend, langsam schreitend, alles helle

Würde und Erhabenheit. Nun Junker, tänzelnd, fein vom Bärtchen

bis zur Degenspitze, jeder Dirne dreist ins Antlitz schauend, den

Bürgergruß kaum gnädig achtend, blitzend in Geschmeide -- und endlich

Landsknechte, in festem, gleichem Schritte die Straße stampfend,

brüllend, lachend, mit den Dirnen schäkernd.

Und über all dem bunten Wogen und Drängen helle Sonnenflut und von den

Bäumen her und rings aus allen Büschen Vogelsang und Frühlingsgruß.

Am Marktplatze von Heidingsfeld floß all dies wogende Leben, wie im

Meere die Ströme, zusammen und staute sich. Rings um die wetterschwarze

Kirche standen schlechte Buden, aus Brettern leicht gezimmert. Dort

pries der Krämer wie der Jude seine Ware feil und lockte die Dirnen und

die Frauen, daß sie lüstern nach dem Taffet und den Ringlein schielten.

»Zum Brautschmuck,« schmeichelt süß der Jude und fängt mit solchem

Worte ein Maidlein um das andere in seinem Netze. Und wie sie glücklich

sind, die guten Dirnen, daß ein goldener Ring nun an ihrem Finger

glänzt! 's ist helle Pracht!

Die Bürger schreiten stolz vorüber. »Ist schlechte Ware; und wollt ihr

gute, kauft bei mir. Das Judenpack und das fahrende Krämervolk betrügen

euch nur!« Und ob die Hausfrau auch zuweilen meint, 's ist gute Ware,

und just dies und das tät' dem Haushalt not -- der Alte brummet: »Nein;

's ist Lumpenware.«

Doch sieht der Meister den Schild zum »grünen Drachen«, so blickt er

minder strenge. 's ist gute Herberg, die dort winkt, der Wein so

goldig blinkend und so blumig duftend.

In der großen Stube mit den schweren Eichentischen herrscht lautes

Leben! Becherklirren, froher Sang und ernstes Wort. Das Naß ist wonnig

gut. Siehst du, wie oben auf dem flüssigen Golde der Kobold froher

Laune, heitern Scherzes sich schaukelt; und weiter unten sitzt der

Minnebub und spitzt die Pfeile, und auf dem Grunde liegt ein wüster

Geselle, das ist der Rausch!

»He, Meister Rimphold, tapfern Gruß und Trunk! Ich bring' es Euch und

Euerer werten Hausfrau!« ruft ein dicker Zecher, neue Ankömmlinge mit

dem Becher grüßend.

»Dank' Euch, Meister Brinhard. Euer Wohl!«

»Ei, nehmt hier Platz; viel Schaf' in einem Schafstall,« lachte er,

gegen die Ecke rückend.

»Wie wohl es tut, die frische Luft zu trinken, statt der Stadtluft,«

sprach Meister Rimphold.

»Trink lieber Wein!«

»Ist auch nicht schlechte Wahl!«

»Was wißt Ihr neue Zeitung?«

»Just nichts Gutes. Das arme Würzburg!«

»Was meint Ihr damit?«

»Nun, was denn sonst, als jenes leidige Hexenverbrennen.«

»Ah,« rief Brinhard und stemmte seine Arme auf den Tisch, »das nennt

Ihr leidig? Bei Gott, ich nicht! Seht, Rimphold, wenn ich Vogt oder

Ratsherr wäre, ich ginge noch viel schärfer drein. 's ist ausgemacht

und so gewiß, als über uns die Sonne scheint, daß Hexen, Zauberer und

Unholde in ganz schrecklicher Menge Luft und Brunnen, Mensch und Vieh

und Feld und Frucht verderben. Da ist's doch wahrlich gute Pflicht,

dies Satansvolk zu verbrennen.«

»Woher wißt Ihr, daß es Hexen gibt?«

»Sagen's nicht die Richter und die weisen Räte?« gab dieser stolz

zurück. »Also muß es wahr sein. Erlaubt, daß ich Euch das Ding genau

erkläre. So ist die Sache. So eine eine Hexe werden will, ruft sie den

Teufel. Der kommt, als Jäger meistens, macht den Handel ab, verlangt

die Seele und einen Pakt, mit Blut geschrieben, und gibt dafür Gewalt,

an Mensch und Vieh zu schaden. So ist's.«

»Glaub's nicht. Wo bliebe da unser Herrgott?«

»Was schiert ihn das? Will er es nicht hindern, daß ich ihn durch die

Sünde verleugne, warum soll er mich hindern, daß ich des Teufels werde?«

»Hört, werter Meister, tut mir den Gefallen, und lasset den

Gottseibeiuns aus unserer Rede! Mir ist's, als röch' ich Schwefel und

atmete siedendheiße Luft.«

»Wir Ihr wollt. Aber das müßt Ihr mir zugeben, daß in unserer schönen

Stadt schon lange kein so verdienstliches Werk geschehen als nun in

unseren Tagen, da die Herren mit dem Hexenvolke kurzen Handel machen.«

Meister Rimphold schüttelte den Kopf und schaute trüben Blickes in

seinen Weinbecher.

»Begreif' Euch wohl,« fuhr Brinhard eifrig fort. »Ihr seid gar weich

gemütet, da tut Euch solches Morden weh. Aber gut und recht ist's doch,

ich kann's Euch sagen. Es muß das schlimme Volk mit Stumpf und Stiel

ausgerottet werden, sonst ist die ganze Welt verloren. So ist's!« Und

trank den Becher leer.

»Hört mal die Kunde, die aus dem Bambergischen kam!« fuhr er wieder

fort. »Da haben sie in Zeil in kurzer Zeit mehr denn hundert Menschen,

darunter acht vom Rate, wegen Hexerei verbrannt. Item: Zwei Metzger --

denkt euch solche Bosheit! -- haben die Weide um Bamberg vergiftet, daß

das Vieh elendiglich umkam. Dann haben sie der Leute Augen verblendet,

daß sie das tot in die Stadt geschleppte Vieh für lebend hielten, haben

das Fleisch verkauft und nicht wenig Menschen dadurch um Leben und

Gesundheit gebracht. Was sagt Ihr jetzt zu solcher Kunde?«

»Erklärt mir erst, wie jene die Weide vergiftet haben und wie sie der

Leute Augen blenden konnten?« warf Rimphold zweifelnd ein.

»Das ist ganz klar,« gab jener schnell zurück, »das taten sie durch

Satanskunst.«

»Das ist, verzeiht mir, fades Gerede!«

»Sind aber doch justifiziert worden!«

»Das ist erst gar kein Beweis für solche Schuld.«

»Hört, Meister Rimphold, Ihr seid ganz schrecklich ungläubig!«

»Ich halte es mit dem Pater Spee.«

»Weiß schon, weiß schon,« eiferte Brinhard, »der junge Jesuiter meint,

er wüßte allein, was Wahrheit ist. Will Euch was sagen. Mag sie alle

nicht, sind ein gar stolzes Volk, die Jesuiter! Die hätten wohl aus

unserem Würzburg wegbleiben können.«

»Wie mögt Ihr solches reden!« tadelte Rimphold.

»Sag's ich allein? Gewiß nicht! Ihr wißt nicht, was ich weiß. Die

Räte und die Herren am Gerichte maulen schon ziemlich laut, man soll

die Jesuiten weiterjagen. Stecken ihre Nase in alles, was sie nichts

angeht, sogar ins Hexenwesen. Als ob sie davon nur ein Tüpfelchen

verstünden! Gott steh' mir bei! Hätten wir nicht so kluge Räte und

Richter, es wäre längst um uns geschehen.« -- --

-- -- Hinter den Häusern ist eine große Wiese, deren östliche Seite von

einem sanft ansteigenden Hügel begrenzt wird. Hier hat der Jahrmarkt

seine Genüsse für das tanzlustige und gaffende Volk ausgebreitet.

Einige zigeunerhafte Gestalten vollbringen eine schrille, quiekende

Musik, zu der die Dirnen und die Burschen sich in wildem Tanze drehen.

Dort raufen stramme Handwerksgesellen mit übermütigen Soldaten, bis der

Büttel Ordnung schafft. In einem Winkel, überschattet von dem jungen

Grün einer Buche, sitzt ein altes Weib. Vor ihr steht ein kleiner

Tisch, und auf diesem liegt ein Pack grober Zettel.

»Kommt, Jungferchen,« ruft sie mit kreischender Stimme, »kauft Euch

einen Zettel! So Ihr ^den^ im Hause habt, geschieht Euch alles, was

Ihr wünscht, wär's noch so viel.«

Die Dirne schaut verlegen bald auf die Alte, bald auf die Zettel.

»Zeigt mir 'mal!«

Die Alte breitete ein Stück Papier aus. Auf demselben stehen folgende

Buchstaben:

_I. C. H. G.

D.

W.

S.

M. S. P._

»Und was soll dies heißen?« fragte das Mädchen.

»Das heißt, merk' fein auf,« mahnte die Alte und fingerte an den

Buchstaben, »das heißt also: _I_ch _C_hristus _H_eiße _G_eschehen

_D_ies _W_under _S_ei _S_ehend. Und hier _M. P._ das bedeutet, daß

unser Herr den Zettel selbst geschrieben hat. Wird also wohl ein

wertvolles Schreiben sein!«[D]

»Ei freilich!« stammelte die Dirne. »Ist aber der Zettel auch geweiht?«

»Dummes Ding,« schmähte die Alte; »was braucht es hier noch Weihe!

Untersteh' dich nicht, den Zettel einem Priester zu zeigen! Hast du

gehört?«

»Hab' schon gehört! Und was kostet denn dies kostbare Papier?«

»Einen Batzen.« -- -- --

* * * * *

»He, Alte,« ruft ein Landsknecht, »kannst du auch wahrsagen?«

»Vielleicht mehr als Euch lieb ist,« gab diese kurz zurück.

»Hoho, wüste Krähe,« lachte der Soldat, »nur nicht so patzig! Laß 'mal

hören!«

»Was wollt Ihr wissen?«

»Ja, was denn nur? Sag' meinetwegen, ob's nicht bald ein lustig

Krieglein gibt? Aber so du mich anlügest, klopf' ich dir dein altes

Fell!«

»Ihr Herren seid doch immer ungeschlacht!« zürnte die Alte, ein Brett

mit bunten Zeichen auf den Tisch legend. »Ihr könnt leicht übermütig

sein; euch ist fürs Tagedieben ein besserer Tisch gedeckt als dem

Bürger für die Arbeit.«

»Nimm guten Rat an und schweige!« mahnte der Landsknecht.

»Soldatengeduld reißt leichter als dünner Zwirn.«

»Seht hier das Horoskopium. Die Frage ist, ob Krieg. Nun hört: Weil

[Symbol: Mars] als der Herr des Horoskopes des Fragenden Bedeuter und

das Gefragte ist, und [Symbol: Konjunktion?] darüber steht und zwar quer

von [Symbol: Venus], so wird's bald großen Krieg geben, absonderlich,

da [Symbol: Mond] das _VII._ Haus über sich hat, selbes mit einem

[Symbol: Trigon] ansieht und damit in glücklichem Fortgange steht, in

[Symbol: Konjunktion?] [Symbol: Sonne] sich befindet und wachsend ist,

und dabei [Symbol: Jupiter] im _VIII._ Hause die [Symbol: Konjunktion?]

[Symbol: Mars] [Symbol: Venus] mit einem [Symbol: Trigon] aus

[Symbol: Merkur] günstig anschaut.«[E]

»So,« sagte der Landsknecht, spreizte die Beine und stemmte die Arme in

die Hüften. »Wo hast du denn den unsinnigen Hokuspokus gelernt? Hahaha,

das Ding ist dir wie Rotwelsch aus dem Maul gegangen!«

Und lachend wandte er sich zum Gehen.

»Einen Sechsbätzner!« herrschte die Alte.

Der Landsknecht drehte den Kopf nach ihr. »Einen Sechsbätzner?« höhnte

er. »Den zahle ich nach dem Kriege.«

Die Alte murmelte einen Fluch zwischen den Lippen, nahm das Horoskop

und wickelte es wieder sorgfältig in ein Tuch. -- --

-- -- -- Hinter einer Ecke abseits dem Tummelplatze kauerten drei

Gestalten, zwei Männer und ein Weib. Ihre Rede ist flüsternd, ihr Auge

streift zuweilen forschend, lauernd durch das Dickicht.

»Heute nacht ist's passende Zeit.«

»Du oder ich?«

»Das Feuer leg' ich.«

»Und ich plündere?«

»Ja. Helena muß aber erst auskundschaften.«

»Wo treffen wir uns wieder?«

»Hier!«

»Wann?«

»Um zwölf Uhr.«

»Daß du mir nüchtern bleibst!« mahnte der Zuckerwastl.

»Sei ohne Sorge. Morgen ist bessere Zeit zum Trinken,« gab der

Neunaugen zurück. -- --

-- -- Eine Schaubude. Vier Stämme sind in die Erde gesteckt und mit

Brettern umzogen. Vor dem Eingange steht ein widerlicher Kerl und

schreit mit heiserer Stimme: »Wer das größte Wunder sehen will, der

komme hieher. Ein leibhaftiger Alrunn, vor hundert Jahren schon ganz

ausgewachsen.«

Das Volk gaffte, zögerte und trat ein. Da lag auf einem Tische eine

gespaltene Mandragorawurzel,[F] die Gestalt eines verstümmelten

Menschen im Dämmerlichte einigermaßen wiedergebend.

»Bst!« mahnte der Gaukler die langgestreckten Hälse. »Geht zurück und

seid stille! Ihr seht ja, daß der Alrunn schläft, und wenn er erwacht,

dann ist er so gewaltig böse, daß er alles zerreißt. Nehmt euch in

acht!«

Noch ein schneller, scheuer Blick, und hinaus drängt sich das

verblüffte Volk.

-- -- An einer anderen Stelle steht auf einer Tribüne ein großer,

starker Mann. Er weiß sich mit großer Würde zu tragen und sieht auf die

dichtgedrängte Menge mit unverkennbarer Geringschätzung herab. Er ist

ein sogenannter Wasserspritzer und Feueresser, eine für jene Zeit ganz

unheimliche Erscheinung.

Nachdem er einen Augenblick hinter einen Vorhang, der ihn den Blicken

der Zuschauer entzog, getreten war, kehrte er wieder auf die offene

Bühne zurück, ließ sich acht Gläser frischen Brunnenwassers geben und

trank dieses. Dann gab er es in einzelne Gläser wieder von sich, aber

nicht als Wasser, sondern als Wein von jeder Färbung, vom dunkelsten

schwärzlichen Neapolitaner angefangen bis zum hellgoldigen Würzburger

Landwein herab. Dann ließ er wohlriechende Wasserstrahlen aus seinem

Munde ausgehen, oder er schoß Wasser wie ein Röhrenbrunnen aus seinem

Magen in die Luft.[G]

Die verblüffte Menge ward starr vor Erstaunen, als sie dies alles sah.

»Der hat den Teufel im Leibe,« flüsterten die Leute untereinander; »ein

gewöhnlicher Mensch kann solche Wunder niemals tun.«

Unterdessen hatte sich der Gaukler ein Becken glühender Kohlen bringen

lassen. Davon nahm er etwelche in den Mund, zerkaute und aß sie. Dann

zündete er einen Klumpen Schwefel und Pech an und verschluckte ihn mit

der blau brennenden Lohe. Ein glühendes Eisen leckte er mit der Zunge,

daß es zischte, und ein anderes nahm er zwischen die Zähne und trug es

eine gute Weile im Munde umher.[H]

»Nun sag' mir einer, daß es nicht Zauberei und Hexenkünste gebe,« rief

Meister Brinhard, der unter der Menge stand, händeringend aus. »Wer

von uns begreift solch arge Kunst? Da gibt es nur ^einen^ Schlüssel,

das ist der leidige Satan. Hätte der Mann da aber nicht Gemeinschaft

mit dem Bösen, nimmer könnte er Feuer essen; aber der Teufel hat ihn

fest gemacht. Liebe Leute, 's war großes Unrecht, daß wir ihm zugesehen

haben, und eine richtige Obrigkeit sollte solch ein Höllenspiel gar

nicht dulden. Mich reut der Anblick, verzeih' mir Gott die Sünde!«

»Ja, ja, 's ist Teufelsspuk,« murmelten die Männer kopfnickend nach,

die Weiber aber schlugen Kreuze und liefen weit davon.

-- -- Am nördlichen Ende von Heidingsfeld steht ein großer Hof. Hohe

Mauern umschließen ihn und gewähren nur durch das Tor von der Straße

her den Eingang in das Innere. Rechts im Hofraume stehen lange Ställe,

links Getreidekästen, in der Mitte mehr nach rückwärts befindet sich

das stattliche Wohnhaus.

Die Abendschatten liegen bereits in langen Dämmerstreifen über dem

stillen Gehöfte. Die Bewohner sind alle nach dem Markte gegangen, um

an dem frohen Treiben, muntern Zechen sich die Laune neu zu beleben;

nur in der Küche steht ein junges Weib, damit beschäftigt, über

hellflackerndem Feuer aus brodelndem Schmalze jene starkduftigen

Kücheln zu backen, die auf dem deutschen Bauerntische der willkommene

Markstein festlicher Zeit sind. Der Hausstand muß wohl zahlreich sein;

denn trotz der Berge von goldbraunem Gebäcke fährt die Hausfrau emsig

fort, neuen Teig in das heiße Schmalz zu legen.

Das Anschlagen des Hofhundes stört sie aus ihrer geschäftigen Ruhe.

Durch das nach dem Hofraume gehende Fenster sieht sie ein scheu um sich

blickendes Weib dort eintreten, das bald vor ihr unter der offenen

Küchentüre steht. Die demütige Miene paßt schlecht zu dem rohen

Gesichte, das unter den halbgeöffneten Lidern hervorlauernde Auge

schlecht zu der bittenden Rede.

Die Bäuerin hatte nach etwas Kupfermünze gesucht, um die Bettlerin

damit zu beschenken.

»Vergelt's Euch Gott und Unsere Liebe Frau!« dankte die

Landstreicherin. »Stoßt mich nicht von Eurer Schwelle, bin ein armes

fahrendes Weib, das kein Heim hat. Gönnt mir einen Augenblick Rast in

Euerem Hause; Gott möge es Euch an Eueren Kindern lohnen!«

»Hab' keine Kinder,« gab das Weib kurz zurück. »Kommt in die Küche, da

mögt Ihr rasten, solange es Euch gefällt.«

Helene folgte schüchtern der Einladung und setzte sich in einen Winkel,

wo sie die ihr geschenkten Speisen verzehrte. Dabei ließ sie ihre Augen

bald nach allen Seiten rollen, bald schlug sie dieselben nieder, als

wäre sie ein Bild von Zucht und guter Sitte.

»Ihr sagtet vordem, Ihr hättet keine Kinder. Habt Ihr wohl Feinde, die

Euch solches Leid angetan haben?«

»Kann man denn das?« fragte die Bäuerin nicht ohne Schrecken.

»Ei freilich; durch böse Kunst, durch Hexen, Zauberer wird solches

leicht bewirkt.«

»Wißt Ihr das gewiß?«

»Gott sei's geklagt!« seufzte die Landfahrerin. »Ihr ahnet nicht, was

böse Menschen alles können.«

»Ihr seid wohl reich?« fuhr Helena nach einer Pause weiter. »Da fällt

Euch solch Entbehren doppelt hart. Dem Armen ist's oft Wohltat, wenn

er Not und Hunger nicht mit einem Kinde zu teilen braucht. Aber der

Reiche, der dem Kinde ein sorgloses Dasein schenken könnte, ist

wahrlich arm bei allem Reichtume, wenn ihm der Kindersegen fehlt.«

»Ist wahr; hab' Geld und Gut genug, um zehne zu ernähren. Gäb' all das

Silber im Kasten oben gerne her, hätt' ich ein Kind dafür. Will's aber

unser Herrgott nicht, so murre ich auch nicht.«

»Ich hätte wohl ein sicheres Mittel gegen Euren Kummer. Soll ich Euch

helfen?« fragte Helena nach einer Weile.

Die Bäuerin sah sie lange mit ihren klugen Augen an. »Ich meine, wenn

Ihr hier Rat und Hilfe wüßtet, so brauchet Ihr nicht betteln gehen. Da

gäb' es Gold genug. Dank' Euch für Eueren Willen.«

»Wie's Euch beliebt,« sprach Helena in weniger demütigem Tone. »Laßt

Euch bedankt sein für Speise und für Rast. Behüt' Gott!«

Sie erhob sich und ging, als bände Müdigkeit noch ihre Glieder,

schleppend aus dem Hause, spähend, in alle Winkel lugend. Doch kaum

aus dem Hoftore getreten, ward ihr Wesen wieder keck und fest. Mit

einem trotzigen Blicke schaute sie über die Mauer nach dem Dache des

Gehöftes, über welchem eben die ersten Mondlichter zitterten. --

Der Abend war zur Nacht geworden. Die Fiedeln in den Schenken wurden

stille, das Lärmen, Johlen, Singen war zu Ende. Ein Licht ums andere

erlosch und immer dichter ward die Nacht. Wetterwolken zogen ihren

düsteren Schleier über Mond und Sterne und der Sturmwind heulte

klagend, pfeifend, zürnend durch die Gassen.

Es ist Mitternacht. Zwölf dumpfe Schläge, die der Sturm sich aus den

Glocken bricht und mit sich fortträgt über die nächtige Flur!

Was glüht dort durch die Nacht? -- Nun schwache Röte gleich dem

Dämmerlichte im Nebel, nun plötzlich wachsend bis zur Flammenflut, den

schwarzen Mantel der Nacht mit rotem Glaste überströmend!

Hilf Gott im Himmel, welch ein Feuer! Und wie die Glocken wimmern,

Menschen klagen, Tiere brüllen! -- Ein schreckliches Bild!

Die Hexenrichter von Würzburg: Historische Novelle · 第 6 / 38 题