Es war ein frischer Sonntagsmorgen. Vom wolkenlosen Himmel flutete
weiches, mildes Sonnenlicht herab auf die herrliche Frankenstadt am
Main und vergoldete all die Zacken und Zinnen, die Türme und Türmlein
mit goldenem Glanze. Und wie das Lichtmeer den feingegliederten Turm
der herrlichen Marienkapelle umfloß und dann die alten gemalten Fenster
mit den frommen Schildereien durchglühte, daß die Farben wie Smaragde
und Rubinen brannten! Und dort der Dom in seiner stillen Majestät, ein
zu Stein gewordenes Gebet voll heiliger Gedanken!
Ein herrliches, farbenprächtiges Bild! Die langgedehnte Domstraße
mit ihren alten stolzen Häusern, dran gar trauliche Erker, aus deren
Fenstern frische Rosen auf all das frohe Leben niedergrüßen, das da
unten wogt. Um so finsterer schaut das Rathaus: wuchtig, ohne Schmuck
und ohne Zier, hart und kalt wie ein Richterspruch auf Rad und Tod.
Man sieht's ihm an, nicht froher Bürgermut hat dieses Haus gebaut und
seinen Reichtum dem Steinmetz und Künstler anvertraut; mürrisch, wie
ein lebensmüder Alter, lehnt es sich an den Grafeneckartsturm, nur hie
und da zeigt ein zartgewundenes Säulchen, daß auch Kunst im Rathaus
gerne eingezogen wäre, wenn nicht die kecke Bürgerschaft Zeit und Geld
zu Meutereien gegen ihre Bischöfe verbraucht hätte. Dort ist der grüne
Baum angemalt -- ein lustig Wahrzeichen, das dem jungen Volk vom
Kilanstanze und Adauktusjubel frohe Märe flüstert.
Und nun zur Brücke! Da unten der milde, mächtige Main, belebt von
Hunderten von Schiffen mit schwerer Fracht und leichtem Volke. Und
rings die Ufer! Hier noch finsteres Mauerwerk, sich keck und trotzig
an die kühle Wasserstraße drängend, dort weiter hinaus der Reben grüne
Flut, von sanften Hügeln nach dem Strome fließend und mit ihm kosend
wie ein eitel Kind mit seinem goldenen Spiegel. Und drüber schmucke
Dörfer, Burgen und Kapellen.
Doch wieder zurück zur Stadt. Am Brückenkopfe steht ein altes, niederes
Haus. Aus dem halbgeöffneten Fenster grinst ein häßliches altes Weib.
's ist wahrlich schade um den Sonnenschein, der auf diesem starren
Menschenantlitz zittert!
Rechts hinein in enge Gassen, wo das Leben ruhiger ist und die Schatten
länger sind. Hei, welche Mauern, tot und kalt wie Grabeswände! Und wie
die Menschen hier so nüchtern schauen und so schlicht gewandet sind,
nicht Gold und Sammet und strahlendes Geschmeide.
Dort um die Ecke steht ein mächtiger Bau in hochgereckten,
langgestreckten Massen. 's ist eigener Glast, der aus diesen Fenstern
strahlt; 's ist eigene Luft, die um diese Mauern streicht. Alles still!
Doch nein, dort singen frische Knabenstimmen:
_O Jesu! ego amo te,
Non quia tu amasti me...._
Ein Kloster!
Ja, gottlob ein Kloster! 's ist wie ein frommes Feldkreuz, das zum
Beten mahnt, wenn mitten in der Städte hastendem Gewirre ein Kloster
aufsteigt, dem Monde gleich über giftigen Nebeln, den Sternen gleich
über Erdennacht.
Am Ende eines langen, kühlen Korridors ist eine Türe und an ihr ein
Schild mit der einfachen Aufschrift: _P. Fridericus de Spee S. J._
Treten wir ein.
Die Zelle ist geräumig, weiß getüncht und mit einem ganz einfachen
Hausrate versehen. Nichts, wohin unser Auge schaut, was auch nur
eine Linie über den notwendigsten Bedarf des Lebens hinausginge,
nichts, was der Annehmlichkeit oder dem Überflusse diente. Durch das
geöffnete Fenster zieht die Frühlingssonne ihre goldenen Fäden über
das Bild klösterlicher Armut und küßt mit glücklichen Lippen dieses
Heim des Friedens. An einem Tische, auf dem sich ein großes Kruzifix
und einige Bücher befinden, sitzt ein Priester, angetan mit dem
Kleide der Jesuiten. Sein Antlitz zeigt neben unendlicher Milde einen
unverkennbaren Zug tiefen Seelenleidens. Der kurze Bart sowie das
Haupthaar sind fast ganz gebleicht, ein rätselhafter Gegensatz zu dem
frischen, blühenden Aussehen des Paters und dessen hochaufgerichteter
Gestalt.
An seiner Seite sehen wir einen andern jungen Mann von etwa
zweiundzwanzig Jahren mit einem schön geschnittenen Angesichte, aus dem
eine große Seele leuchtet. Das sanftglühende Auge schaut mit liebender
Begeisterung auf den Pater, im jungen Manne paart sich edles Blut mit
edlem Geiste. Es ist der Kanonikus Johann Philipp von Schönborn, der
sich als nachmaliger Bischof von Würzburg und späterer Kurfürst von
Mainz ein goldenes Blatt in der Geschichte als Wohltäter der Menschheit
und ^wahrer^ Aufklärer erworben hat. Von ihm sagt eine alte Inschrift:
»Er streute das lautere göttliche Wort aus, und was in diesem Worte
gesagt wird, ^das tut er selbst^.«
Ein schönes Lob für einen Kirchenfürsten, so schlicht die Sprache auch
ist, in die es gekleidet ist.
Während draußen auf dem bunten Markte des Lebens sich große Pläne und
Torheiten um die Zukunft stritten; während die Gerichtshöfe, wie die
Schenken und innersten Räume des Familienlebens -- nun verurteilend,
erbarmungslos, von blutigem Wahne angestachelt, nun zitternd und bange
flüsternd -- nur von Hexen widerhallen, und der Sturmflut gleich, die
alles mit sich reißt, sich all die Kerker mit den Opfern jenes Wahnes
füllten; und während Vogt und Räte um so stolzer durch die Gassen
gingen, je mehr sie Henker und den Scheiterhaufen in Bewegung setzten:
ist's eine einsame Klosterzelle, wo in einem Priesterherzen das Mitleid
mit den armen Hexen zur Morgenröte einer besseren Zukunft wird.
P. Spee ließ die Perlen seines Rosenkranzes durch die Finger gleiten
und schaute lächelnd zu seinem Freunde hinüber.
»Nicht doch, mein lieber Schönborn. Ich möchte dich gar nicht in
unserem Kloster wissen. Nicht, daß ich dich nicht mit freudigem Herzen
Bruder nennte, nicht, daß ich dir den Frieden vorenthalten wollte,
der in diesen Mauern lebt; dein Platz ist da, wo du bist. Dorthin hat
dich Gott gestellt, und damit sei du zufrieden. Und was das innere
Glück betrifft, so findet das mein teurer Philipp auch, umrauscht vom
Weltgetümmel, in seinem guten Herzen und seiner edlen Gesinnung.«
»Immer zu gut, immer zu nachsichtig,« antwortete kopfschüttelnd der
Kanonikus. »Der Schönborn möchte gerne gut sein; aber er ist es nicht.«
»Er ist es,« entgegnete Spee mit fester Stimme. »Er ist es; und
ich sage das mit heißem Danke gegen Gott. Denn je mehr die Geister
der Menschen einer unheilvollen Verblendung anheimfallen; je mehr
die dreifache Lust an Glaube, Zucht und Sitte rüttelt; je dichtere
Nebel eitler Menschenwahn vor Gottes wahres Bildnis breitet: desto
notwendiger sind in dem großen Wirrsale Menschen von hellem Kopf und
treuem, goldigreinem Herzen, wie mein Schönborn ist.«
»Mein teurer Spee, heute bist du böse. Du solltest mich die Demut
lehren und machtest mich so leicht hochmütig, wenn ich nicht wüßte, daß
deine Worte mehr gut gemeint, als auf mich passend wären.«
Spee antwortete nicht. Seine erst so milden Züge sanken plötzlich
wieder in jene tiefschmerzlichen Linien, die seit einiger Zeit fast
beständig auf seinem Antlitze lagen. »Hier ist wieder ein großes Stück
Sorge,« sprach er, auf einen Stoß Papiere zeigend. »Wahn, schrecklicher
Wahn -- und Blut.«
»Schon wieder ein Hexenprozeß?« fragte schüchtern Schönborn und
streifte mit bangem Blicke die verhängnisvollen Blätter.
»Ja, immer das alte, schreckliche Thema,« bestätigte der Jesuit.
»Aber, mein lieber Pater,« wendete Schönborn ein, »du nimmst dir diese
Angelegenheit auch gar zu tief zu Herzen. Können wir wenden und ändern,
was wir schmerzlich beklagen? Ist's ^unsere^ Schuld, daß solches Elend
an dem Herzen der Christenheit frißt?«
»Ja, wenigstens zum Teile!« gab der Jesuit mit steigender Wärme zurück.
»Auch ^wir^ tragen einen Teil der Schuld an diesen Greueln, die zum
Himmel schreien. Warum sind wir keine Paulus, die mit des Wortes
zündender Gewalt gegen dieses Brennen, Rädern und Morden eifern;
warum sind wir keine Johannes, die mutig vor Thron und Richterstuhl
hintreten und sagen: Es ist dir nicht erlaubt! Warum gehen wir nicht
durch die Gassen und über alle Wege, warum nicht in die entlegensten
Schlupfwinkel und predigen wieder und wieder Christum den Gekreuzigten,
^der die Sünde und den Satan besiegt hat^? Freilich, man würde uns
an vielen Orten mit halbem Ohre anhören, mit halbem Herzen glauben.
Wie der Löwe, nachdem er Blut gerochen, mit heißen Nüstern nach neuer
Beute spürt, nicht Rast und Ruhe kennend, bis die lechzende Zunge sich
wieder am Blute satt geleckt hat, so spürt auch das, was man jetzt
Gerechtigkeit nennt, nach neuen Opfern, deren eines die Gier nach
einem andern weckt. Ist nicht die Welt zum großen Irrenhause geworden,
wo Wut und Wahn die Geister rastlos peitschen und die Vernunft zum
Aschenbrödel erniedrigt ist? Philipp, diesen Scheitel deckten jüngst
noch dunkle Haare. Nun sind sie greisenhaft geworden. Das hat das Leid
getan, das tiefe Leid um jene armen Wesen, die unter unfaßbaren Qualen
den Hexenstempel sich auf die Seele drücken lassen müssen, stumpf
geworden unter Henkers Hand, im Geist umnachtet durch des Kerkers
Nacht, nur einen Gedanken noch mit heilen Sinnen denkend, den der
Unschuld, nur eine Sehnsucht in dem todgehetzten Herzen tragend --
Erlösung!«
»Schrecklich, schrecklich, lieber Pater!« rief mit bebender Stimme der
junge Kanonikus. »Das Bild, das du entwirfst, erfaßt die Seele mit
namenlosem Grauen und tränkt sie mit unnennbarem Schmerze.«
»Dich faßt eisigkalt mein armes Wort,« sprach der Jesuit; »wie erst,
wenn dein Auge in den Kerkern jenen Jammer schauen müßte, den dort
die wahnwitzig gewordene Gerechtigkeit aufhäuft! Wahrlich, man müßte
ein Herz von Stein in seinem Busen tragen, um nicht aufzubranden in
wildem Schmerze gleich der sturmgepeitschten See. Und doch, so tiefe
Nacht, der Greuel voll, auch jetzt sich auf der Menschheit niederläßt,
du, Herr am Kreuz, du Gott im Himmel droben, siegst auch hier! O sei
gegrüßt, _spes unica_!«
Bei diesen Worten nahm Spee das Kruzifix von seinem Tische und küßte es
mit heiliger Inbrunst.
Und wie wenn plötzlich sich die Wetterwolken teilen und zwischen ihrem
unheilvollen Dunkel milde Sonnenstrahlen leuchten, so ward auch unseres
Paters Antlitz immer weicher -- milder, je länger er den Blick dem
Kreuze zugewendet hielt.
»Mein lieber Schönborn,« fuhr er fort, dem jungen Manne die Rechte
reichend, »in dir schlägt ein Herz, das stets der Wahrheit dient.
Mag dich Gott hohe Wege führen, mag dein Leben still und unbemerkt
verfließen, das eine sei dein Vorsatz -- mit Wort und Tat gegen den
Wahn Krieg zu führen und ein wahrer Freund aller derer zu sein, die,
sei's aus Schuld, sei's ohne Schuld, mit Leiden ringen. Das Gute, das
wir tun im Alltagsleben, reicht nicht zum Himmel aus, wenn nicht der
Armen gestillter Schmerz, ihre in Trost gekehrten Tränen, wenn nicht
das goldene Werk der Nächstenliebe die schönsten Stufen baut.«
»Es sei! Solch einem Worte kann ein Schönborn nicht sein Herz
verschließen,« rief begeistert der junge Priester aus. »Es ist ein
beneidenswerter Weg, der meinem Geistesauge sich erschließt. Schmal,
steil, voll spitziger Dornen zwar für das spröde Körperauge, doch voll
des Friedens für die Seele. Gleich dem guten Hirten heilt der Mensch,
was rechts und links an seinem Lebenswege krank und bittend die Hände
hilfesuchend breitet, und wo die Macht zu helfen und zu heilen fehlt,
da mag ein Wort der Liebe die Dornen in Rosen verwandeln und dem Leide
die Ergebung als Trösterin beigesellen.«
»Und welche Zeit wäre geeigneter,« sprach Spee mit einem dankbaren
Blick nach dem jungen Priester, »als die unsere? Was ist es, was die
Scheiterhaufen aufrichtet und ihre mordenden Flammen durch das Land
verbreitet? Ist es nicht des Volkes Unwissenheit und Aberglaube, was
die Hexen schafft? Ziehen dunkle Wetterwolken übers Firmament und
senden Wolkenbrüche, Verderben nieder, verwüstet Hagelschlag des Feldes
Segen, unterwühlen Mäuse rings die Äcker, bricht ein Sterben unter
Menschen oder Tieren aus, ja, weicht eine Krankheit der Kunst des
Arztes nicht: so ist's dem Volke nicht des Himmels Strafe, nicht ein
Werk der zürnenden Gottheit, -- nein, die Hexen und der Satan sind es,
welche die Natur auf böse Bahnen gezwungen. Mit der Unwissenheit ist
gepaart der Neid. Dem Nachbar geht es wohl, ein reicher Gottessegen
füllt sein Haus. Da neigt der Neid sein grinsendes, giftiges Angesicht
zum Menschenherzen und flüstert ihm zu: Warum dort Glück und Wohlstand
und warum nicht bei dir? Weißt du warum? Jener dankt es dem Bösen, dem
er seine Seele verkaufte für irdisches Glück. -- Er betet doch und
ist fromm? -- Gerade dieses ist ein sicheres Zeichen, daß er es mit
dem Bösen hält. -- Mußt' ich doch kürzlich von angesehenen Männern
den Ausspruch hören, daß, wenn sich einer als frommer Sohn der Kirche
zeigt, sich öfters mit Weihwasser besprengt, in den Kirchen fleißig
betet und besonderer Andacht pflegt, er sogleich dem Verdachte der
Zauberei verfalle. Denn, so urteilen die verblendeten Menschen: jene
müssen einer besonderen Frömmigkeit sich befleißen, sonst haben sie
vor dem Satan keine Ruhe. Welch ein Urteil! Und so gräßlich töricht
und vermessen auch dasselbe ist, so übte es doch bereits solche Macht
über die Menschen aus, daß jedermann sich scheut, seine Frömmigkeit
nach außen kundzugeben, ja, daß selbst Priester, die sonst täglich
Messe lasen, dies nun schon lange unterlassen, oder wenn sie das
heilige Opfer darbringen, es im geheimen tun, damit das Volk nicht
ihre Namen mit dem Verdachte der Zauberei befleckt.[B] Wohin, um der
Barmherzigkeit Gottes willen, soll es führen, wenn das, was heute Recht
und Gerechtigkeit genannt wird, solche Früchte zeitigt! Müssen wir
nicht immer mehr der Gottlosigkeit, ja dem nackten Unglauben verfallen,
wenn Gottesliebe und Gottesdienst die Zeichen frevler Zauberei sind und
über Schmach und Qual und Schande nach dem Scheiterhaufen führen! Steht
nicht die Welt an ihrer Neige, wenn das Herz nicht mehr sich frei zum
Schöpfer erheben darf, ohne daß ein frommes Gebet den Richter zürnen
macht und ihn in blindem Wahne Gott mit dem Satan, Gottesdienst mit
Gottesmord verwechseln heißt!«
Schönborn sah dem Pater mit wehmütiger Bewunderung ins flammende
Gesicht.
»Dem Wahne Krieg und Haß,« sprach er, seinen Arm auf Spees Schulter
legend. »Es ist Wind und Sonne nicht gleich geteilt unter den
Kämpfenden, wenn wir beide gegen eine Welt in Waffen stehen. Aber Gott
ist mit uns, die Wahrheit unser Schild, die Gerechtigkeit unsere Liebe
und die Liebe unsere Macht!«
Die Freunde schieden.
Spee trat an das Fenster seiner Zelle und lauschte dem kunstlosen
Gesange eines Vögleins, das sich im Schatten einer Fliederstaude
wiegte. Die Züge des Mönches gewannen wieder jene schmerzliche
Weichheit, die ein Widerschein einer in rastloser Liebe ringenden,
schaffenden Seele war.
Ein Lächeln glitt, einem flüchtigen Sonnenblicke gleich, über sein
Antlitz. »Hab' Dank, du kleiner, gefiederter Gottessänger! Du hast mir
Friede gesungen.«
Dann kehrte er an seinen Tisch zurück, betete mit Inbrunst, zog ein
Heft Papiere aus dem Schiebfache und schrieb eifrig, mit dem Herzblute
seiner Liebe, jenes unsterbliche Werk: Die _Cautio criminalis_.[C]