Einst

Mai, Firmlingssonntag.

Warum so traurig, fragte ein fünfzehnjähriges Fräulein mich. Aber ich

wußte es ganz bestimmt, ich war nicht traurig. --

Warum höre ich niemand heimlich hinter der Tür flüstern: Heute hat er

wieder seinen melancholischen Tag.

Jeder geht darüber hinweg, summt sein Liedchen und merkt nichts.

Ich hörte mich: Ach, das ist nur heute so. Und vielleicht ist es nur

Laune. Aber wie oft tröstete ich mich so?

Nein, Launen können nur verwöhnte Hündchen haben, oder doch nur

minderwertige Menschen. Und ich möchte doch kein minderwertiger Mensch

sein. Und wollt ihr jetzt noch, es sei Laune, kann ich euch erwidern:

Könnte da ohne jedes Arg sein, was ich sage, tue und denke? Aber alles

und alles habe ich lieb und so kann es wieder nicht Laune sein ...

In der Adriaausstellung hörte ich, wie die Kalanderlerche leise

trillert.

Aus einem kleinen, finstergemachten Bauer kam dies Vögleintrillern.

Aber es fand keine Beachtung, nein, man hörte es ja kaum.

Wenn sie aber viele Meter hoch oben in der Luft singt, unter dem Himmel,

im Äther ... wer lauscht ihr da, der kleinen Kalanderlerche?

Der liebe Gott, basta.

Die Hände gekreuzt über die Brust, den Kopf auf die Seite geneigt, so

ist er ganz Ohr ... Dann sah ich einen Firmling ...

Blaßgelbe Halbschuhe. Und Strümpfe von blaßgelber Seide. Und ein

blaßgelbes Seidenspitzenkleid, darunter ein rosa ... War es wohl schon

ein sechzehnjähriges Fräulein und das Kleid, schon etwas länger war es

...

Schmale langsüße Beine, wie die der kaffeeschänkenden Luisen in den

Frühlingsgärten auf den Wandgemälden ... Offenes, kastanienbraunes Haar,

Langlocken, Locken der Jenny Lind.

Die Kähne glitten unter den Seufzerbrücken weg, und die zahllosen

Wimpel, von einem Mast zum andern, flattern im Maiwind und die Schnüre,

an denen Glühlampen aufgehängt waren, baumelten.

Ein Boot legt an, und in dieses wird er einsteigen, der Firmling ... der

Gondeliere, Plecha von der Donaulände, graziös reicht er die Hand ihrem

Leben. Und die Augen des Firmlings glänzen, und unter seinen Augen glüht

es heiß ...

Ach, wie ich diesen Firmling gleich liebte und alles ...!

Westbahnhof. Im Gewühl der Menschen schreibe ich dieses:

Wir fahren aufs Land!

Ich machte die Milchglastür hinter mir zu. Das Milchglas zitterte leise

und die Milchglasgenie, mit dem Fruchtkorb auf dem Kopfe, zitterte mit.

Es war zwölf Uhr und ich ging schlafen.

Mein Großvater, der Herr Waldförster, hatte gesagt: Trab, trab, Kinder,

schlafen gehen, und damit meinte er seine vielen Enkel, die alle in

Großvaters und Großmutters Stuben zusammengekommen waren, aus der Stadt

und von dort und von da.

Großvater und Großmutter hatten diamantene Hochzeit zu halten gehabt und

auch ein wenig getanzt. Und jetzt war es zwölf Uhr nachts und Wein,

Braten und Torten, Birnen und Nüsse lagen verlassen auf der langen

Tafel.

Und als er das gesagt hatte, der Großvater, sagte ich auch gute Nacht

und fromme Wünsche, war folgsam und ging in das Zimmer, das Großvater

und Großmutter für mich bestimmt hatten.

Über den Gang ging ich und hier war es schon längst stockfinstere Nacht,

auch als in den Stuben noch heller Sonnenschein brannte und nicht die

vielen Lichter, die Großvater und Großmutter angezündet hatten, zu ihrem

Fest in der Augustnacht ...

Über den Gang ging ich und machte die Milchglastür hinter mir zu ...

Welch herrlich feuchter Grasduft, der das Zimmer erfüllt!

Die Fenster waren offen und weiße Vorhänge schwanken langsam und blähen

sich auf. Jedesmal, wenn ein Windzug draußen an den Baumblättern

herabglitt, der auch die Hirschzungen am Fenster nicht ruhen ließ ...

Ich gehe einen Augenblick ans Fenster und spreite meine Ellenbogen auf

das weiße Fensterbrett. Ach, alles hier war mir lieb und teuer.

Die Garten- und die Wiesenvögelchen wollten noch nicht schweigen!?

Von ganz hinten im Garten hörte ich einen Vogel. Aber es war keine

Nachtigall, nein, ich hätte noch nie eine gehört, antwortete ich einmal

auf eine Frage ...

Da trillert plötzlich irgendwo eine Lerche empor. Von meines Großvaters,

des Herrn Waldförsters Graswiese!

Jetzt um zwölf!?

Was mochte ihr da eingefallen sein?

Aber ganz oben verstrickte sich ihr Gesang wie eine zarte Spinnwebe im

Buschgezweig und brach ab ...

Ich gehe vom Fenster weg und die Kommode (liebes altmodisches Wort), ein

Klavier, Stühle, Vasen und Photographien blickten mich freundlich an,

obwohl ich ja hier nur ein Fremdling war ...

Dann legte ich mich in das Bett. Auf dem Sofa.

Corra und ich hatten sie ausgeführt, diese eine Improvisation.

Decken und Leintuch! Es fröstelte einem beim Hineinlegen, so frisch

waren sie und die Zusammenlegefalten konnte man von der Tür aus sehen,

bei aller Dunkelheit -- --

Um zwei Uhr früh zündete ich die Kerze an, Adelina, dann las ich deinen

Brief ...

Adelina; oder, Der Abschied vom neunzehnten Lebensjahre. Aufzeichnungen · 第 17 / 40 题