Inkognito schreibe ich jetzt an meinem Tagebuch. Mein Glück!
Ich muß es auf jemanden abwälzen, deshalb schreibe ich inkognito fortan.
Ach, mein an Leid gewöhntes Herz!
Das wird gewiß wieder mein längstes Tagebuchblatt.
Ich werde nicht versäumen, auch das kleinste Unbedeutendste
aufzuschreiben und mich daran freuen.
Heute, den fünften Mai, ist es bereits der dritte Tag.
Ich wollte alles schon am ersten Tage aufschreiben, aber es blieb nur
dabei, daß ich die Feder in die Hand nahm.
Ich sah immer anderswohin, und die Worte fielen mir aus der Hand. Ach,
in welchem Fiebertaumel befand ich mich!
Jetzt, am dritten Tage, habe ich mich schon mehr gesammelt, kann nun
schreiben. Ach alles, alles!
Aufschreiben, und nichts vergessen ...
Diesmal war es im Schönbornpark. Und da ich Schönbornpark schreibe,
denke ich wieder an alles, was im Hamerlingpark geschah. Auf dem Boden
latern- und mondbeglänzt der glatte Schnee, um sechs Uhr ...
An das mit der Hand ...
Aber jetzt habe ich schon ein weißes Blatt vollgeschrieben. Also:
Fräulein Kammacher ging mit mir in der Allee und sagte: »Jetzt sollte
ich daheim sitzen und lernen. Mineralogie. Wir haben ja so viel auf,«
fing sie zu klagen an. »Der Schremmer sagte: Besonders die Kammacher
werde ich mir am Freitag ausleihen. So ein ekliger Mensch!
Aber das gute Fräulein Kammacher geht mit Herrn (pst!) spazieren. Ich
steh halt morgen um sechs auf.«
Das sagte sie.
Er sah sie an und lachte und zog die Schultern über die Ohren. In diesem
Augenblick kommt Luise mit ihrer Freundin.
Ach diese beiden, unzertrennlich waren sie!
Ich nehme die Gelegenheit wahr und grüße. Sie dankte, aber sie sah ihn
nicht an ...
Das ganze Stück Weges, das sie ihn sehen mußte, hatte Luise auf den
Boden geblickt und so geht Luise an ihm vorbei ...
Jetzt sah ich auch, daß sie ein neues Kleid anhatte. Das stand ihr gut
...
Luise und Freundin kamen an die kleine Parkpforte, da will Luise die
Stufen hinunter und meine Füße bleiben stehen: Er hatte etwas gesehen
..., gleich bedenkt er sich aber und setzt seinen Weg fort.
Was er zu Fräulein Kammacher sagte?
Gott mag wissen, was es war, sie lachte hell auf. An was haben _Sie_
jetzt gedacht, rief sie ...
Luise aber wird von ihrer Freundin am Arm gezogen und Luise muß wieder
herein in den Park.
Als Werther einige Stunden später in sein Zimmer trat, begegnete er sich
in dem kleinen Wandspiegel, er sah bleich aus. Sein Blick verweilte
nicht darin; er sah überhaupt nirgends hin, obgleich er die Augen offen
hatte. Der Türschlüssel fällt zu Boden ...
Er hatte die Tür mit aller Ruh zugedrückt? Werther stand eine Weile und
sah dorthin, wo der Schlüssel fiel, dann geht er ans Fenster, läßt den
Rollvorhang herunter und warf er sich aufs Bett.
Jetzt war Werther sich gewiß, daß er alles verdorben hatte. Sein
Schuhabsatz bohrt sich in die zarte Rohseidene, die er immer so
schonungsvoll behandelt hatte, aber plötzlich steht er auf, schlägt die
Bettdecke zurück und warf er sich wieder hin, und Messingbett kreischt
auf ...
Sein Gesicht drückt sich in den Polster, Schultern rissen am Körper. Er
weint: ...
Luise hatte wieder ihr neues Kleid an, sie war heute allein ... Es war
im Hamerlingpark, um 6 Uhr.
Als sie sich zum zweitenmal begegneten, kam sie auf ihn zu und machte
einen Scherz, sie sagte lieb: »Soll ich Ihnen aushelfen, heute?«
Sie lachte und sah ihn von der Seite an. Die linke
Halbschuh(...)schuhspitze stellte sich auf dem Wegsand auf und so blieb
Luise stehen, die linke Hand in den weißen Spitzen am Hals. Und der
kleine emaillierte Amor hing daran und hielt sein Füllhorn ...
Da wurde in Werther ein böser Gedanke lebendig; er fühlte, wie dieser
seinen ganzen Körper angriff, und mit einer von tausend Gefühlen
gepeinigten Stimme sagt er langsam: Nein, danke ...
Luise stellte den linken Fuß nieder, fast stampfte er, ihr Kopf machte
eine unvollendete Bewegung, die Finger ließen die Spitzen los, aber die
Hand blieb an der Brust. Selbst der kleine Amor wird konfus und verliert
das Gleichgewicht unter seinem Füllhorn. Luisens Mund öffnet sich, und
schweigt ...
Plötzlich fixiert sie ihn, einen Schritt zurücktretend, ihre Nasenflügel
beben, etwas Hartes liegt in ihrem Gesicht und sie macht
Kurzsichtigkeitsfältchen bei den Augen ...
Sie lachte auf, ha, ha!
Er verharrt auf seinem Platz.
Pause.
Luisens Freundin kam gerade die Stufen in den Park herauf. Luise ruft
sie an, und eilt ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen ...
Er drehte sich langsam auf dem Absatz herum, die Hand auf dem Rücken und
schaut ihr nach, Lächeln im Gesicht ...