So eine kleine Schwäche ist Schuld daran, eine kleine menschliche
Eitelkeitsschwäche, wie ich in diesem Falle erklären müßte ...
Hähä!
Und ich stehe an der schmiedeeisernen Brustwehr und nehme einen Brief
aus der Tasche, den ich gestern geschrieben habe, um ein Uhr nachts, und
jetzt lasse ich ihn ins Wasser fallen, an einer ganz ruhigen Stelle. Das
Wasser macht ein paar Ringe, das ist seine ganze Aufregung ...
In fünf Minuten Abfahrt.
Und ach, die Träumer vom Hotel!
Jeder, der gerade nichts zu sagen hat, seine Gedanken schon weit und
dabei plötzlich tief aufatmet, verspürt den leisen Schauer auf dem
Rücken und er sieht seinen Gefährten an ...
Sogar die Apparate, ach die Apparate, auf dem Bahnhofe tragen etwas bei
und machen einen Höllenlärm.
Ich schreite die Waggons ab, in gemessener Ruhe, wie eine Ew.
Herrlichkeit.
Dann, da bleibe ich stehen, bei dieser Bank mache ich Halt. Es sind ja
so viele Bänke hier auf dem Perron, aber gerade, _accurato_ bei dieser
Bank machte ich Halt ...
Da sehe ich ja genau in einen Waggon hinein!? Bitte, alle Ehre seinem
Fabrikanten; eine junge Dame darin nimmt einem Herrn eine Hauskappe ab.
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Hauskappe?! Reisekappe ...
Nein: Hauskappe, und nichts habe ich gesagt, nein ...
Jawohl, und sie haben auch faktisch ein kleines Zimmer für sich in
diesem Waggon. Ein Zimmer mit Betten ...
Aber ich habe noch etwas zu sagen, ich bin noch nicht fertig, noch etwas
sah ich von meiner Bank aus, auf dem Perron ...
Kusch!
Die junge Dame streicht mit ihrer Hand über sein Haupthaar ... Und was
war das für ein Haupthaar ...?
Kusch!
Sie streicht darüber hin und lächelt und der breite Ring glänzt an ihrer
Hand und ein Medaillon hing an ihrem Hals, das sah ich auch ...
Und er, was tat er?
Er, er schaut unter ihrer Hand ... Hand ... auf zu ihr ..., wie man das
so tut.
Und das Haupthaar, ja das Haupthaar ... weißgefleckt ... weiß-ge-fleckt.
Der Zug rollt davon.
Und während ich dem Verbot zum Trotz, just über die Schienen steige, sag
ich zu mir: Guten Grund hast du, es zu bedenken, daß noch windig deine
Erfahrungen sind ...
Da faßt mich ein Uniformmann.
Der Brief hinter dem Spiegel.
Paris, den ...
Mio Signore!
Ihren kleinen Brief, den Sie mir nach Trouville schrieben, habe ich
heute hier vorgefunden, er wurde mir nachgeschickt. Wir bleiben noch
einige Zeit in der Seinestadt, dann geht's nach Hamburg und von da
schauen wir, daß wir nach Hause kommen, das heißt von nun an Chigago.
Ich bin neugierig, wie ich mich in meiner neuen Heimat fühlen werde.
Jetzt werde ich wohl längere Zeit meine Lieben und mein Goldorangenland
nicht sehen!
In Trouville war es ganz hübsch. Wir waren die ganze Zeit im Kasino beim
Baccarat, ich habe sogar ein wenig gewonnen. Courmachen ist dort nicht
üblich, die Menschen haben nichts im Kopfe als das Spiel und _le neuf_
ist ihnen lieber, als die reizendste Frau.
Hier habe ich sehr viel zu tun. Herbsthüte anschauen, Briefschreiben und
Dummheiten kaufen. Mein Mann ist furchtbar nett zu mir, er hat sich
bereits alle meine Gewohnheiten gemerkt und respektiert sie.
Augenblicklich schreibt er die Adressen auf unzählige Karten, zu denen
ich Grüße dranzuschreiben habe; an Sie ist auch eine darunter.
Also ich grüße Sie herzlichst und verspreche Ihnen auch eine schöne
Ansichtskarte aus Chigago zu senden.
Adelina Farweller.
_P. S._ Grüßen Sie meine Freundin, die Luise, von mir, wenn Sie wieder
einmal bei der Handelsschule warten, Sie Araber!
Ich will alles aufschreiben, der Reihe nach und wie es vorfiel!
Am 25. Dezember, am Weihnachtstage, war ich wieder im Hamerlingpark.
Luise war da und alle die anderen. Alle hatten sie Weihnachtsgeschenke
mitgenommen, zeigten sich die und besprachen. Luise brachte einen großen
schwarzen Muff, aus Astrachan in Sibirien.
Ein Neuling, Hella, war auch da, und ich fragte Lockenberg aus.
Lockenberg, der alle kannte.
Da promeniert Luise an uns vorbei, sie hat einen breiten, schwarzen
Samthut mit einem Kranz weißer Samtrosen darauf. Die tiefschwarzen
Haare, romantisch um ein ophelienbleiches Antlitz, stark gewellt. Und
laut sage ich:
Heute ist die Luise schön.
Zu Lockenberg sage ich das und Luise geht an uns vorbei.