Emma und Olga sehen sich an. Ach, daß sie beide denselben Gedanken
hatten! Ist er verrückt?
Sie sahen sich an und lachten, Emma und Olga.
»Ja, in wen Sie eigentlich verliebt sind, wollten wir ja wissen?«
Er holt tief Atem, lehnt sich zurück und steckt die Hände in die
Hosentaschen.
Dann fing er wieder an:
»Sie waren gespannt auf eine Pointe, die der ganzen Sache so
gewissermaßen eine Krone aufzusetzen hätte; sehen Sie, eine Pointe«, und
er wog mit der Hand ...
»Ich aber würde Wahrheit erzählen, liebes Fräulein Emma und Fräulein
Olga, o Wahrheit,« sagte er glühend. »Und Wahrheit hat keine Pointe.
Nein, sie bedarf ihrer nicht! Holla, sie geht nicht auf dem Schreibtisch
spazieren!«
Er sprang auf und eilte fort.
Einmal sah ich sie beisammen sitzen. Sie und ihn. In einer Nische des
Hotelparks. Sie besahen sich gerade ein fadendünnes Goldkettchen, ein
Medaillon war daran.
Und er mußte sie lehren, wie man das Medaillon öffnet und wieder
zumacht. Und gleich, gleich nimmt sie es ihm aus der Hand.
Ach, voll Eifer ist sie ...!
Da entdeckt sie etwas darin, und die Freudenröte breitet sich über ihr
Gesicht. Strahlt sie nicht? _Sicuro_, sie strahlt ...
Und dann, was tat sie nicht alles mit ihrem Medaillon und in ihrem
Glück! Sie legt das Medaillon auf den Handrücken, läßt es da eine Weile
so liegen und betrachtet es, das gelbe, glatte Gold, auf dem hellen
Handrücken.
Dann, als sie sich das Medaillon um den Hals hängen will, nimmt er es
ihr aus der Hand, schaut ihr in die Augen, hängt es ihr um.
Mit eigener Hand ...
Sie hält sich still und willig. Es leuchtet aus ihren Augen, _frattanto_
sie vor sich hin auf den Boden blickt ..
Windstill war es im Garten.
Dieses Medaillon ist von ihm.
Wohl, wohl, ihm, dem kahlrasierten Herrn. Aber wartet nur bis die
Jahreszeit kommt, da man die Haare wachsen läßt! Hähä! ...
Aber wo gerate ich hin!? Elastizität! Elastizität!
Da sehe ich, wie ein Herr plötzlich in seinen Taschen sucht. Seine
Finger übereilen alle die Gegenden an seinem Leib, wo Taschen sein
könnten; da bin ich bei ihm und lächle: Bitte?
Er springt auf, nickt, nickt und brennt sich die Zigarette an, und die
Hand in der Rocktasche bleibt darin. Dann verbeugt er sich, ich sehe an
ihm vorbei und auf die Bank, und von da blicken mich zwei graue Augen
an. --
Ob man will oder nicht. Es ist nichts auszusetzen an ihm ... Und ich
gehe wieder fort und an der Brustwehr entlang.
Da bleibe ich stehen, gerade da, und aus der Brusttasche nehme ich die
Karte von Damenhand und lasse sie in das Wasser fallen.
Fast möchte ich sagen: Mit Elastizität.
Es macht ein paar Ringe, das Wasser.
Es ist ihm ganz gleichgültig, dem Wasser.
Bitte, wäre es vielleicht löblich, von einem Stück alten Papier, Anderer
(des Wassers), glückliche Ruhe zu stören?
Nein, das nimmermehr.
Und es ist schon so gut wie es ist, und ich lobe Gott den Herrn:
O mögest du mir dieses in meiner Einfalt so naseweis geredete, nicht als
Sünde anrechnen ...!
Der, dieser glattrasierte Herr!
Wie lange ist es wohl, daß ich mir ein Reklameschild gemerkt habe ...?
O, genau gemerkt ...
Eine Engelshand streicht über mein Angesicht, wenn ich an dieses
Reklameschild denke ... Und es ist doch nur ein gewöhnliches
Reklameschild, Wind und Wetter haben sich daran gut getan.
Freilich, es gehört noch ein Stückchen Trottoir dazu und ganz, ganz
wenig von der Straße, _strada_, gerade genug für einen schmalen Fuß ...
Und meine Sehnsucht ist:
Wenn ich mich damals, damals an dieses Reklameschild gedrückt hätte,
ganz platt daran ... Und wie mir später einfiel, mit dem Kopf genickt
und mit dem Hut ...
Vielleicht ... Vielleicht ...
Aber für diese meine Sehnsucht ist keine Erfüllung mehr, nein. Und das
Datum, das könnte ich noch genauer aufschreiben. O, viel genauer!
Aber das brauche ich wohl nicht, nein, denn ich habe es ja im Gedächtnis
...
Auf der Promenade vor dem Hotel Viertelsiebenuhrsonne.
Der Asphalt ist wie mit rötlichem Goldpapier belegt. Eine Brustwehr ist
da, aus Schmiedeeisen, und ihr entlang eine Reihe wohlsituierter Bäume.
Und da sitzen die Passagiere des Hotels bis spät in die Nacht. In
angenehmen Korbstühlen und die Bäume machen: www ... Und dann reden die
Passagiere nur ganz gedämpft. Oder sie schauen auf das Meer hinaus. Auf
das Meer ...
Eine kühle Windwoge kommt vom Meer, die Meerbrise, und fältelt den Saum
eines farblosen, spinnewebedünnen Schleiers zwischen Zeige- und
Mittelfinger einer Sechzehnjährigen.
Und die ist Frau ... Ihre Rechte aber ruht in der Hand ihres Mannes, der
mit ihr logis genommen hat im Hotel.
Als die Passagiere des Zuges Nr. 54 noch eine halbe Stunde zu ihrem Ziel
hatten, riefen sie: der See, der See! Also war es der See und nicht das
Meer? Aber als sie das riefen, war es ihr Thalatta. Und somit ist es das
Meer. -- Und weit weg von der Brustwehr taucht ein Dampfer auf. --
Alles sieht die Lichter und vielleicht auch noch den weißgestrichenen
Schiffskörper. Das nicht mehr, daß auf dem Bug »Himmelsschlüssel«
aufgemalt ist und Blumen dazu, mit Liebe.
Und aller Augen begleiten das Schiff auf seiner Fahrt. Auf dem einsamen
Meere draußen, Ozean ...
Sie reden jetzt fast nichts, die Passagiere des Hotels, sie schauen nur
und horchen noch so nebenbei auch auf die (Miniatur-) Wogenkämme, die
sich unter der eisernen Brustwehr brechen.
Zerschellen Tag und Nacht!
Rote Feuerpunkte im Dunkel, unter den tiefen Baumkronen, in den
Strandkörben und hinter, d. h. ober den Lehnen der Rohrsessel. Aber das
ist nichts Gefährliches, nein, das sind nur Zigaretten ... Viele von den
Herren haben weiße Strandanzüge und biegsame Stöckchen, und einer ist
unter ihnen (von denen mit weißen Strandanzügen und biegsamen
Stöckchen), der seinen Schädel glatt rasiert hat, ganz glatt.