Er warf zwei Goldstücke hin.
»Mien Verdeenst, Mudder,« sagte er stolz. Dann knüpfte er das Tuch
auf und breitete seine Schätze aus: springlebendige Schollen, rote
Muscheln, Seeäpfel und Seesterne und eine Handvoll Bernstein.
»Ick kann di seggen, up Bremerhoben is't fein, Mudder. -- Den
Kaiser hebbt wi ok dropen, Mudder. He güng mit sien witte Jacht no
Wilhelmshoben. -- Un up Nordernee sünd wi ok an Land wesen. Wi legen
dor twee Dog för Wind.«
Er erzählte munter darauf los, ohne sich stören zu lassen. Schließlich
guckte er sie aber doch an -- und da sah er, daß ihr die Tränen in den
Augen standen.
»Wees man still, Mudder. Dat is nu mol so komen. Ick bün Fischer, lot
mi man Fischer blieben.«
Sie war aufgestanden.
»In Gotts Nomen, Hinnik!«
Auf Helgoland.
Drei Skalden waren mit ihren Drachenschiffen angekommen, hoch aus dem
Norden, von Drontheims Fjorden. Ihre Harfen klangen in der Königshalle.
Aber es erging ihnen wunderlich.
Der erste wollte von der blauen See singen und sagen: aber als er
Schön-Helgas blaue Augen sah, die so viel blauer waren, vergaß er der
See und sang von ihren Augen.
Der zweite wollte von der goldenen Sonne singen und sagen: aber als er
Schön-Helgas helles Haar sah, das so viel heller leuchtete, vergaß er
der Sonne und sang von ihrem Haar.
Der dritte wollte von den weißen Möwen singen und sagen: aber als er
Schön-Helgas weiße Hände sah, die so viel weißer waren, vergaß er der
Möwen und sang von ihren Händen.
Als die Töne verklungen waren, ward es still ringsum, wie im tiefen
Wald um Mittag.
Da legte die Königin die Hände auf den jungen Scheitel und fragte leise
und versonnen:
»Dein Haar ist weich und lockig. Ist es blond und ist dein Auge blau?«
»Ja, Ahne.«
»Blond und blau ... so war auch ich ... als ich die Sonne noch *sehen*
konnte.«
»Du siehst sie wieder und strahlender als je.«
»Das ist mein Glaube.«
Da reichte die blinde, gute Frau den Sängern die Hände und dankte ihnen.
Und vom Strand herauf drang das Lachen der spielenden Wellen.
* * * * *
Blauer Heben und blaue See, so weit das Auge trug. Mitten darin sonnte
sich der riesige, hohe Felsen mit dem grünen Scheitel und dem weißen
Fuß.
Kein Schiff und kein Segel, kein Mast und keine Ra gaben sich an.
Eine kleine Kühlung aus Osten kräuselte das Wasser und ließ den
Sonnenschein in tausend blitzende Sternlein zerrinnen.
Die greise Königin saß gen Westen gewendet, wie sie immer zu tun
pflegte.
Schön-Helga stand neben ihr und ließ sich das Haar vom Winde kämmen.
Auf der Bank saß Herr Dietrich von Juist und schlief. Frühmorgens war
er mit seinen Schaluppen herübergekreuzt, um Schön-Helga zu freien.
Aber ehe er in das rechte Fahrwasser kam, waren das gute Essen und
der gute Wein ihm vor den Bug gekommen und hatten ihn über Stag gehen
lassen. Nun war er eingeschlafen.
»Ahne, schläfst du?«
Sie schüttelte leis den Kopf.
»Ich träume, Kind. Es tut mir wohl, wenn die Sonnenstrahlen mir das
Gesicht wärmen. Ein Gruß von dort ist es, eine milde Mahnung: Komm
bald. Sonnenbeschienen: so will ich einst hinüberschlummern in das
Sonnenland.«
»Du bist so gut und heilig, daß ich zu dir beten könnte.«
»Du bist mein Auge, Kind. Mein sonnenfreudiges Auge. Was sieht mein
Auge?«
»Die helle Sonne auf dem grünen Gras und den Wind, der durch die Halme
geht.«
»Das sieht es und die blaue See, die weißen Möwen, die helle Sonne. --
Die ganze Welt ist voller Licht und Freude.«
»Das ist sie, Ahne.«
»Blinken und schimmern unsere geschnäbelten Schiffe groß und frei auf
dem Wasser?«
»Die sind nicht da. Klaas fischt damit.«
»Mit meinen leuchtenden Königsschiffen? Klaas ist ein jämmerlicher
Grundkriecher. Statt zu jagen, zu erobern, zu gewinnen, statt sich
mit dem Schwert zu gürten, fiert er die Leine ab und wartet, bis
ein magerer Schellfisch oder eine armselige Makreel anbeißt. Wartet
geduldig -- und ist doch aus altem Wikingstamm. Sein Ohm hat in meinem
Kielwasser gesteuert, als wir südwärts segelten. Er fischt ... morgen
geht er hin und bettelt.«
»Ahne, der fremde Priester kommt.«
»*Wieder*, willst du sagen.«
Mit feierlichen Schritten kam er daher.
»Königin, der Herr sendet mich wieder zu dir.«
Sie verwandte das Gesicht nicht von der Sonne.
»Ein *Herr*? Hast du nicht von Jesus erzählt, einem milden,
freundlichen Menschen, der still und verträumt im Morgenlande ging und
segnete?«
»Er ist der Herr des Himmels und der Erden. Er nahm alle Sünde auf
sich, auch deine, er öffnet dir den Himmel: du sollst an ihn glauben
und dich taufen lassen.«
Ganz leise kamen Worte von ihren Lippen.
»Er wäre anders geworden, wenn er das Meer an die Felsen donnern
gehört hätte. Aber *so* ist er nicht für Helgoland. Hier lebt Odin,
hier walten die Nornen. Hast du schon all die Länder bekehrt, die im
Osten und Süden und Westen aus der See steigen, daß du das heilige Land
betrittst?«
»Überall wenden sie sich von den Götzen ab, überall richten sie das
Kreuz auf. Kapellen werden gebaut und Glocken geläutet. Wenn du nicht
blind wärst, Königin ...«
»Ich bin nicht blind, ich sehe, *seit* mein Auge sich trübte. Sieh:
wenn unsere Skalden singen, springt der reisige Held auf, streicht
das Haar aus der Stirn und stürmt nach den Schiffen. Eure Lieder sind
süß und lind, sie hören sich gut an, sie schläfern ein. Wer weiß,
ob Ihr nicht die ganze Welt in Traum und Schlaf singt. Wie lange
aber, Winfried? Dann stehen eherne Sänger auf und wecken sie mit
Riesenharfen, daß sie wieder nach Waffen und Feinden verlangt ... Höre,
wie die Sperlinge durcheinander schreien. Gewiß schlagen sie eine
Schlacht.«
»Wer achtet dessen?«
»Das eben ist es. Du kennst deinen Gott nur aus Büchern. Tu deine
Augen auf, und du siehst ihn vor dir und neben dir und über dir. Sogar
ein Sperling weiß von ihm zu erzählen. Und die Sonne: ist er's nicht
selbst, so licht, daß du ihn nicht anschauen kannst? Nimm dir ein Kind
und schau ihm in die Augen. Dann hast du wieder Gott, und was du dem
Kinde tust, das tust du ihm.«
Er gab keine Antwort.
»Hast du dich jemals gefreut? Einmal nur gelacht? Ich habe es nie
gehört. Seligkeit, Friede, Vergebung der Sünden: einem jungen,
sonnenstarken Volk? Ja, wenn du Sonne brächtest, Sonne und Kampf und
Freude! Aber auch dann sagt' ich noch: Nein! Wir haben genug Sonne um
uns, genug Kampf vor uns, genug Freude in uns ... Damit du nun nicht
wieder zu kommen brauchst: auf diesen Felsen kommt kein Christentum.
Ich laß es allen sagen. Wer sich taufen lassen will, mag's tun, ich
will es keinem wehren, aber den Felsen muß er verlassen. Der bleibt
Odin geweiht, und heute Nacht leuchtet ein riesiges, rotes Feuer über
das dunkle, schweigende Meer ... Geh, du stehst mir in der Sonne.«
Mittlerweile war auch der Juister munter geworden und rieb sich die
Augen. Und als er sah, daß da einer nicht recht wollte, wie er sollte,
rasselte *er* mit dem Schwert und knurrte.
Wohl richtete der Priester sich hoch auf, aber nur, um feierlich zu
gehen.
Dietrich lachte aus voller Kehle, weil er wußte, daß die Königin so
viel von Lachen und Freuen sprach.
Schön-Helga bekam er aber doch nicht.
»Eine Freude mußt du mir machen können, eine große Freude.«
Das schrieb er sich hinter die Ohren, als er im Korbe saß und sich
hinunterfahren ließ. Das Gehen wurde ihm zu sauer.
* * * * *
Frauen und Kinder standen um den Fremden herum, der auf dem Sande stand
und von Gott erzählte. Die Fischer und Schiffer hielten sich abseits.
Was ging sie der Kram an: sie machten sich aus Göttern verdammt wenig,
mochten sie heißen, wie sie wollten. Wie's kam, war's recht: war das
Wetter gut, so fischten sie, war es schlecht, so strandete wohl ein
Schiff auf den Bänken.
Nur Klaas hörte mit halbem Ohr hin und sah den Priester dunkel fragend
an. Er war der Baas der Fischer; er hatte die Drachen von den Schiffen
geschlagen und mit dem Fischen angefangen. Er war für das Neue --
und da war etwas Neues. Er mußte der erste sein. Aber da rief Kai
Rickmers: »Richtig: dein Gott kann aber keinen Wind machen. Der läßt es
immer totstill werden. Da hört das Segeln auf: wir können rudern und
schwitzen!«
Oben auf dem Felsen stand Schön-Helga und winkte. Klaas gewahrte sie.
Als sie einander begegneten, sagte sie ihm, daß jeder den Felsen
verlassen müsse, der Christ werde.
»Habt ihr's gehört, Leute?« sagte Klaas laut.
»Was die Königin sagt, das gilt. Wer Christ wird, muß von Helgoland!«
rief Kai.
»Muß von Helgoland!« hieß es ringsum.
Da mit einem Male sagte der Priester:
»Muß *den Felsen* verlassen. Ich stehe auf dem Unterland, auf dem Sand.
Der ist für das Christentum. >Der Felsen< hat sie gesagt!«
Und er blickte frei um sich.
»Gesagt, aber nicht *gemeint*!« sagte Kai; aber die andern waren doch
still. Daran hatte keiner gedacht.
»Sie will oben allein bleiben. Siedle dich hier an, kleine Gemeinde. Es
ist Gottes Finger, der dich leitet,« mahnte der Fremde.
Klaas hatte große Augen gemacht, aber er bezwang sich und sah finster
drein.
Solchen Kunststücken fühlte er sich nicht gewachsen.
* * * * *
»Onne Jansen ist krank?« fragte die Königin eines Tages, als sie wieder
in der Sonne saß. »Ich höre seinen Schritt nicht mehr.«
Kai Rickmers räusperte sich verlegen.
»Er hat sich taufen lassen.«
»Ja so: ich gebot. Er ist wohl nach Dithmarschen gesegelt?«
Kai hustete noch mehr.
»Er wohnt auf dem Sand.«
»Auf dem Sand?«
»Dem Unterland. Den Felsen mußt' er ja verlassen.«
»Den Felsen? Nur den Felsen? Ist dies nicht Helgoland?«
»Der Priester hat es anders ausgelegt.«
»Ausgelegt.« Sie sann eine Weile. Dann sagte sie ernst: »Es hilft uns
nicht, Kai. Er gewinnt. Nun weiß ich es. Wer *das* kann, kann alles.«
* * * * *
Es kam so.
Von Tag zu Tag mußte sie bekannte Schritte vermissen. Die Holzschuhe,
die Filzpantoffeln, die Seestiefel: aller Klang ging nach und nach
verloren.
Es wurde oben stiller und stiller.
Die Königin saß immer noch im Sonnenschein, aber sie hörte kaum noch
hin und fragte selten.
Eines Morgens aber horchte sie hoch auf. Da stieß einer hart mit dem
Schwert auf die Bohlen und lachte. Der von Juist war es.
»Da hab ich gesucht und gegrübelt, Königin, dir eine Freude zu machen,
bin gefahren von Amsterdam nach London und von Bremen nach Köln und
hab gefragt und getan -- und war doch alles nichts Rechtes. Erst eben
unten am Strand kam es mir zupaß. Stand er da breitbeinig, der Mann im
Weiberrock. Erzählt in einem fort, ich weiß nicht was. Aber als ich
hinzukomme, wird er dreist, guckt mich frech an und will mir das Eiland
verwehren, sagt, ich solle umkehren, und ich wäre auf falschem Wege
gewesen. Grad, als wenn er was von Seefahrt wüßte. Er gibt nicht nach,
-- umkehren, umkehren; da mußt' ich ihn still machen. Der sagt kein
Wort mehr.«
Und er lachte.
Sie verzog keine Miene.
»Nein -- es macht mir keine Freude. Er hatte kein Schwert.«
»Ich hab ihn wahrhaftig erschlagen, um dir eine Freude zu machen,«
sagte er. »Sonst hätt' er meinetwegen leben bleiben können.«
Aber sie schüttelte den Kopf.
Da knirschte der Sand, und Klaas trat ein.
Dietrich von Juist riß sein Schwert heraus.
»Versuch es mit mir,« rief Klaas. »Einen Unbewaffneten schlachten, ist
keine Kunst.«
Schön-Helga schrie laut auf, aber die Königin riß sie hastig an sich.
»Still -- hier ist lange nicht gekämpft worden,« sagte sie mit
verhaltener Freude und beugte sich weit vor und horchte dem Klirren und
Schwirren.
Der Juister mußte dran glauben. Ächzend brach er zusammen und
verröchelte auf dem Estrich.
Klaas ließ die Arme sinken und starrte düster zu Boden.
Eine tiefe Stille ging durch die Halle.
Endlich sagte die Königin:
»Du kannst also doch ein Schwert führen, Klaas! Ich hätt' es nicht
gedacht.«
Da ging er mit hastigen Schritten hinaus.
* * * * *
Den dritten Tag war *er* es, der unter den Helgoländern stand und
predigte. Es lag kein Friede auf seinem Gesicht, aber sein Mahnen war
so dringend und drohend, und er sprach so eindringlich, daß sie sich um
ihn drängten und taten, was er wollte. Sie ließen sich taufen.
Und Klaas vergaß des Schwertes, das in einer Felsenspalte rostete. Er
fand den Frieden.
Auch die letzten kamen vom Felsen.
Die Königin mußte alles hergeben, zuletzt ihre Augen. Vergeblich rief
sie nach Schön-Helga. Die kam nicht wieder. Sie stand Klaas zur Seite
und hörte ihm zu.
Da wurde es ganz still um die greise Frau.
Nur Kai Rickmers blieb bei ihr.
* * * * *
Am Abend kam ein Wetter auf, große, graue Wolken schoben sich
ineinander, Wind und Meer brausten auf. Die Seen donnerten gegen
den Felsen. In Nacht und Sturm stand die Königin auf der Höhe und
horchte auf die Rufe. Da erscholl Gesang. Dann wieder laute Rufe. Die
Drachenschiffe leuchteten in der Sonne, die Waffen klirrten, die Segel
blähten sich auf. Und Schön-Helga war es, die im Königsboot am Mast
stand und lachte. Ihr langes Haar wehte im Winde. Und als Klaas sah,
wie sie lachte, sprang er vom Steuer auf, nahm sie in die Arme und
küßte sie. Und die Fahrgesellen schlugen an die Schilde ...
* * * * *
Als aber die Sonne schien, saß die Königin wieder still in den
Strahlen. Die Sperlinge hüpften um sie her, und sie nickte ihnen
freundlich zu. Und sie hört, wie am Strand die Möwen lärmen, und wie
der Wind durch das Gras geht, und wie die Wellen über die Muscheln und
Steine glucksen.
Immer ist ihr Gesicht der Sonne zugewandt. Sie fragt nicht mehr nach
den Helgoländern, nicht mehr nach Klaas, auch nicht einmal mehr nach
Schön-Helga. Nur von der Sonne und von der Freude spricht sie noch.
Manchmal klingt ein Glockenton zu ihr herauf, aber sie weiß ihn nicht
zu deuten.
Im hellen Sonnenschein schläft sie ein.
* * * * *
Trübe, graue Nebel sind gekommen. Sturm und Regen hat es gegeben. Da
haben sie es gewagt und sind wieder hinaufgezogen, die Helgoländer, als
erste Klaas und Schön-Helga. Und haben alles vergessen, haben gelebt
und gelacht.
Aber an stillen, sonnigen Tagen ist es mitunter wie ein wunderliche
Grauen über sie gekommen, und sie haben gemeint, die alte, weise
Königin säße im Sonnenschein und erzähle leise ihr Märchen von Freude
und Licht und Sonne.
Die sieben Tannenbäume.
Weit ab von den Landstraßen und noch weiter von Dörfern und Höfen
steigt ein kleiner Berg aus der weiten, braunen Heide auf. Er liegt
in Einsamkeit da, und wenn auch manchmal ein Schäfer mit Hund und
Heidschnucken vorbeigeht, so treiben doch gewöhnlich nur Krähen und
Hasen auf ihm ihr Wesen.
Einst war's anders. Da war er nicht kahl, sondern trug auf seinem
Gipfel sieben Tannenbäume, so daß man meinen mochte, er hätte sich
eine dunkelgrüne Mütze über die Ohren gezogen. Und in dem Berge hauste
ein Zwerg, den sie das rote Männchen hießen, weil er immer in einem
feuerroten Röcklein zutage kam. Ihm gehörten die sieben Tannenbäume, er
hatte sie selbst angepflanzt, hatte sie gerichtet und gepflegt, hatte
an manchem warmen Sommernachmittag aus der kühlen Tiefe des Berges
Wasser getragen -- und freute sich nun, daß er sie so weit gebracht
hatte, daß sie sich selbst helfen konnten. Und ihm selbst mußten sie
auch auf manche Art helfen. Mit ihren feinen Wurzeln hielten sie den
Sand fest, daß seiner Höhlenwohnung nicht die Decke niederrieselte,
sie sogen den Regen auf bis auf den letzten Tropfen, daß es nicht
durchleckte, sie wehrten die Sonnenstrahlen ab, daß es ihm nicht zu
heiß wurde. Jedem hatte er einen Namen gegeben: Wegweiser, Regenschirm,
Sonnendach, Windbeutel, Gesangsmeister, Stiefelknecht und Spielvogel.
Wegweiser war der größte und höchste und wies dem roten Männchen den
Weg, wenn es über Geest war. Regenschirm war am dichtesten bezweigt,
unter ihm lag der Zwerg, wenn es von den Wolken tröpfelte. Sonnendach
war breitgeästet und mußte das Männlein deshalb vor der brennenden
Sonne beschützen. Windbeutel war besonders kräftig und stämmig; er
stand an der äußersten Ecke und drängte den kalten, scharfen Ostwind
beiseite, den der Alte nicht vertragen konnte. Gesangsmeister hatte die
beweglichsten Zweige und war der lustigste von allen: bei dem leisesten
Windzug strich er mit den Nadeln über das dürre Gras und das Kraut,
so daß eine herrliche Musik für Zwergenohren vernehmlich wurde, auch
lud er Mücken, Grillen, Brummer, Bienen zu Gast, an hohen Festen sogar
eine Meise oder einen Finken: an Gesumme und Gezirpe und Gezwitscher
war kein Mangel. Stiefelknecht hatte einen krummen Stamm, den benutzte
das Männlein jeden Abend beim Stiefelausziehen; es war aber Geheimnis,
ob der Stamm krumm gewesen war und ob der Alte ihn deshalb zum
Stiefelknecht gemacht hatte, oder ob der Alte zuerst seine Stiefel an
ihm abgezogen hatte und davon die Krümmung herrührte. Spielvogel war
noch zu klein und konnte noch nichts tun; er spielte wie ein Kind mit
Wind und Sonne.
Es wurde nach und nach Herbst und Winter. Die Bienen flogen nicht mehr,
die Grillen starben, die Sonne saß hinter grauem Gewölk, kalt und
feucht wurde es auf dem Berg und in den Tälern. Da verkroch sich das
rote Männchen tief in seine Höhle, verstopfte den Eingang mit Moos und
Steinen und wartete, daß die Sonne und der schöne Sommer wiederkommen
sollten. Die sieben Tannenbäume ließ es in Wind und Wetter allein und
quälte sich nicht weiter um sie. Das einzige, was es tat, war, daß es
morgens bald den einen, bald den andern bei den Wurzeln faßte, als zöge
es ein Kind an den Füßen.
»Bäumchen mein:
Sonnenschein?«
fragte es dann, und antwortete das Bäumchen wahrheitsgetreu:
»Zwerglein, nein!«
so legte es sich auf sein Bett von Heidekraut und verschlief den Tag
wie ein Murmeltier. So ging es wochenlang, da riß es wieder an den
Wurzeln, um zu wissen, was für Wetter sei -- und bekam mit einemmal
keine Antwort mehr. Es zog stärker, ja es ließ sich an den Wurzeln
baumeln, es fragte mit gräßlich lauter Stimme:
»Bäumchen mein:
Sonnenschein?«
aber es antwortete ihm niemand. Sehr erbost, aber auch ein bißchen
besorgt, stieß es die Tür auf -- o weh, wie erschrak es! -- alle sieben
Tannenbäume waren verschwunden. Nur Stammstümpfe standen da -- der Berg
war kahl wie ein Pfannkuchen! Da lief das Männchen umher, als wüßte
es nicht, was es tun sollte, guckte herum, schlug die Hände zusammen,
rief, fragte, weinte und grämte sich um seine Tannenbäume. Die Hasen
kamen angehüpft und erzählten ihm von den großen Menschen, die gekommen
wären, am hellen Mittag, und die Bäume abgesägt hätten; auf einen
großen Wagen hätten sie sie geworfen, und im Trab seien sie mit ihnen
weggefahren. Die Krähen kamen geflogen und wollten trösten. Aber das
rote Männchen wollte keinen Trost, es wollte seine Bäume wiederhaben.
Es wollte in die Welt hinein und sie suchen. »Du findest sie nicht,«
sagten die Krähen, »die Welt ist zu groß.« Das Männlein jammerte
wieder. Da nahmen die Krähen all ihren Verstand zusammen und dachten
nach, wie sie ihm helfen könnten, und wirklich -- sie fanden es.
»Wenn der Mond aufgeht,« sagte sie, »wollen wir ihn bitten, daß er sich
zum Spiegel der Welt mache. Dann guckst du hinauf und suchst deine
Tannenbäume.« Das war dem Männchen eine willkommene Botschaft, und da
es noch nicht dämmerte, lud es die Krähen zu Gast und setzte ihnen
Buchweizengrütze, Honig und Brot vor; darüber fielen die hungrigen
Brüder mit heißen Schnäbeln her. Als sie noch so saßen und von ihren
Reisen erzählten, da guckte der Mond groß und rötlich über die Geest.
»Fangt an!« rief das Männchen; aber die Krähen beschwichtigten es: sie
müßten noch warten, damit die Spiegelung besser werde. Endlich, nach
langem Warten, war es so weit. Der Mond stand groß und klar über dem
Heiderande.
Rauschend flogen die Krähen auf und krächzten oben in der Luft:
»Blanker, gelber Mond am Heben,
spiegle alles Erdenleben!«
Mehrmals und durcheinander schrien sie -- das Männlein fürchtete schon,
sie möchten es genarrt haben. Plötzlich fielen sie lautlos in das dürre
Kraut nieder, und sieh: der Mond wurde größer und größer, leuchtete
taghell auf, und wie in einem Spiegel zeigte sich auf ihm die Welt mit
allem, was darin war: Wasser und Berge, Städte und Wälder, Häuser und
Menschen und Bäume, alles war deutlich zu erkennen. Das rote Männchen
machte große Augen und suchte. Dann wies es mit beiden Händen nach
einer Gegend.
»Was für eine große Stadt ist das?« rief es zitternd.
»Hamburg,« gaben die Krähen leise zur Antwort.
»Da sind alle sieben, alle meine Tannenbäume!« rief es wieder. »Ich
sehe sie alle: Wegweiser in einer großen Kirche, Regenschirm in einem
prächtigen Herrenhause, Sonnendach vor einer Dombude, Windbeutel in
einer kleinen Stube, Gesangsmeister in einer armseligen Dachkammer,
Stiefelknecht an der Straßenecke, Spielvogel oben auf dem Schiffsmast.
O -- wie müssen sie sich nach mir und dem Berg zurücksehnen, wie mögen
sie jammern! Ich will nach Hamburg und sie holen. O -- bringt mich nach
Hamburg! Hasen und Krähen, liebe Freunde, helft mir!«
Das wollten sie. Das Männchen machte sich reisefertig, zog Handschuhe
an, setzte sich auf den Hasen, hielt sich an dessen langen Ohren fest,
und -- hast du nicht gesehn? -- ging's über die Geestberge, daß die
Heide wackelte. Als sie aber unter die Lichter von Hamburg gerieten,
warf das Hasenroß den Reitersmann ab und trabte angstbeklommen nach
Hause zurück. Das Männchen schwang sich kurzgefaßt auf den breiten
Rücken der größten Krähe und ließ sich über die Elbe nach dem
glänzenden, funkelnden Hamburg tragen. Wohl erschrak es über die Maßen
vor den hohen Türmen und den gewaltigen Häusern, wohl entsetzte es
sich vor dem vielen Licht und vor den Tausenden von Menschen und hielt
sich krampfhaft an den Nackenfedern der Krähe fest, um nicht auf die
krabbelnd vollen Straßen zu stürzen -- aber die Sorge um seine sieben
Tannenbäume hielt ihm den Kopf oben.
Auf dem Kirchendache landete das Rabenschifflein seinen Fahrgast, der
sich an dem Blitzableiter hinabgleiten ließ und durch eine Luftröhre
in die Kirche stieg. Vor all der Helle und Pracht konnte er kaum die
Augen offen halten. Orgelton und Gesang durchbrausten den Raum, in dem
kein unbesetzter Platz vorhanden war. Neben dem Altar stand ein großer,
hoher Tannenbaum, über und über mit Lichtern bedeckt: es war der
Wegweiser. Das Männchen erkannte ihn und schlich sich unter den Bänken
entlang zu ihm.
»Armer Wegweiser!« schluchzte es.
Der große Baum aber schüttelte leise die Krone, daß die Lichter
flackerten: »Arm?« fragte er, »ich bin nicht arm, ich bin der schönste
Baum auf der Erde, ich bin der Weihnachtsbaum. Sieh meine Pracht und
mein Leuchten!«
»Ist nur ein Traum, armer Wegweiser, nur ein Traum. Wenn du erwachst,
sind deine Lichter erloschen und du liegst vergessen im Winkel. Und
stirbst. Komm mit auf den Berg, eh es zu spät ist.«
Der Baum rüttelte wieder seine Krone: »Ich weise andere Wege,«
flüsterte er wie im Traum, »Wege zu Gott, Wege zur Freude, Wege zum
Kinderland, ich bin beglückt, wenn ich nur zwei Kinderaugen glänzen
machen kann. Und hier glänzen tausend. Mußt mir mein Glück schon
gönnen, rotes Männchen, und mich stehen lassen.«
Brausend erscholl Orgelton dazwischen.
»Und deine sechs Brüder?« fragte das Männchen.
»Die sind alle Weihnachtsbäume geworden,« sagte der Wegweiser, »tragen
Lichter und Nüsse und Äpfel, erfreuen arm und reich, großes und kleines
Volk. Um sie klingen Weihnachtslieder und alle Kinder lachen. Keines
geht zurück in den Wald. Einen Abend Weihnachtslichter tragen, ist die
Sehnsucht aller Tannenbäume. Ist die erfüllt, dann verdorren sie gern.
O Weihnacht!«
Als der Baum so gesprochen hatte, sah das Männchen ein, daß es ihn
nicht überreden konnte.
»Weihnachten und die Menschen sind dir in die Krone gefahren,«
sagte es und stahl sich hinaus. Die Krähe wetzte ihren Schnabel auf
dem Dach, das Männchen bestieg den Rücken, und weiter ging es. Zu
Regenschirm, der über und über mit Gold und Silber bedeckt war und
sich nach der Musik um sich selbst drehte wie ein junges Mädchen im
Tanzsaal. Zu Sonnendach, das mit elektrischen Glühlampen besteckt
von dem Karussell auf den Schwarm der Dombesucher herableuchtete. Zu
Windbeutel, der spärlich behängt eine kleine Arbeiterwohnung erhellte.
Zu Gesangsmeister, der in der Dachkammer stand, ein einziges Licht und
einen Hering trug; ein grauer Kater saß daneben und wollte sich an den
Hering machen, aber jedesmal stach Gesangsmeister ihn mit den Nadeln,
daß er miauschreiend zurückspringen mußte.