Alle vier bat das rote Männchen, aber alle antworteten ebenso wie

ihr großer Bruder, sie waren glücklich, Weihnachtsbäume geworden

zu sein und dachten nicht daran, wieder nach dem kalten, dunkeln

Berg zu wandern. Nicht einmal einen Gruß an die braune Heide hatten

sie aufzutragen, und mochte das Männlein sie treulos und undankbar

schelten, sie spiegelten sich im Schein ihrer Lichter und lachten wie

Kinder.

Traurig schwebte der Zwerg wieder durch die Luft, bis er vor

Stiefelknecht stand. Der lag auf einem großen, dunkeln Platz in einem

Haufen anderer Tannenbäume. Wegen seines alten Fußleidens hatte ihn

niemand kaufen wollen.

»Deinen Brüdern will ich es gar nicht mal so sehr verdenken,« sagte der

Alte zu ihm, »sie tragen Lichter und sind Weihnachtsbäume -- aber du

bist keiner.«

»Doch -- ich bin ein Weihnachtsbaum, so gut wie die andern,« sagte

Stiefelknecht, »der schönste Baum auf Erden. Ich sehe viele glückliche

Menschen vorbeigehen: ist das nicht Glück genug? Und vielleicht, nein,

gewiß kommt heute abend, ganz spät, noch jemand und nimmt mich mit,

steckt mir Lichter an und schmückt mich. Nach der Heide will ich nicht

zurück.«

Das Zwerglein bat und bat, aber Stiefelknecht sah nach den Kindern, die

jubelnd vorbeistürmten, und hörte nichts.

Da ging es wieder zu seinem schwarzen Rößlein und ließ sich nach dem

Hafen fliegen. Der Spielvogel, an dem sein Herz am meisten hing, würde

ihm treu bleiben, das hoffte er von seinem Lieblingsbäumchen. Aber am

Hafen war kein Spielvogel mehr zu entdecken. Das Schiff wäre schon in

See gegangen, erfuhr die Krähe von einigen weitläufigen Verwandten,

weißen Möwen, die über dem Wasser schwebten.

»Dann seewärts,« befahl das rote Männchen. Die Krähe flog westwärts

über Wasser und Deiche und Schiffsmasten hin, aber als sie bis Cuxhaven

gekommen war, setzte sie sich nieder, denn auf die große, endlose See

zu fliegen, getraute sie sich nicht. Doch rief sie eine große Seemöwe

herbei, die breitete ihre weißen Schwingen und trug das Männchen

stolz und schnell über das dunkle, schäumende Meer, bis weit hinter

Helgoland. Da tauchte ein einsames Schiff in den Wogen auf und ab und

wurde von einer Seite nach der andern geworfen. Der Wind blies gewaltig

in die großen, braunen Segel. Auf dem Topp, der höchsten Spitze des

Großmastes, tanzte ein kleines Tannenbäumchen im schneidenden Wind

auf und ab: das war Spielvogel. Er lachte hellauf und schüttelte die

Zweiglein vor Lust, wenn eine Sprühwelle zu ihm heraufspritzte. Und

guckte einer der Matrosen zu ihm hinauf, so nickte er ihm freudig zu.

»Armer Spielvogel.«

»He, he, Männlein klein, bist du's?« rief Spielvogel. »Hier ist es

lustig, nicht?«

»Komm mit nach der Geest.«

»Nein, nein, nein! Ich bin Weihnachtsbaum, der schönste Baum auf Erden.

Und was kann schöner sein, als Weihnachten auf See. Grüß die Heide! Ich

muß singen!«

Und Spielvogel sang, so laut er konnte, daß die Matrosen mitsingen

mußten und Träume von Land und Licht träumten.

* * * * *

Da sah das rote Männchen ein, daß es seine sieben Tannenbäume verloren

hatte, er dachte daran, daß es nun ohne Wegweiser über die Geest irren

müsse, daß niemand mehr da sei, der es vor Regen, Sonne und Wind

beschützen könne, der ihm vorsinge, der ihm beim Stiefelausziehen

helfe, der es durch sein Kinderspiel erfreue -- der Berg war so kahl,

Regen drang in seine Wohnung -- armes Männchen! Mit einemmal breitete

es die Arme aus, rutschte von den Möwenflügeln und stürzte sich in das

dunkle Wasser hinab.

Seit jener Nacht schwimmt ein seltsamer, leuchtender Fisch in der

See. Die Fischer nennen ihn das Petermännchen und halten es für etwas

Besonderes, wenn sie ihn fangen.

Ein Sterben.

Es war wieder still in dem kleinen, dämmerdunklen Zimmer mit den dicht

verhängten Fenstern und der eben glimmenden Lampe, die dem Erlöschen

nahe war. Der Kranke war ruhig geworden. Er hatte die Augen geschlossen

und schien zu schlafen, denn sein Atem ging tiefer und gleichmäßiger,

und der Mund war nicht mehr so schmerzhaft verzogen. Schwere Schatten

lagen unter den Augen, und das Gesicht war fahl und eingefallen: nur

das volle, blonde Haar ließ erkennen, daß er jung war.

Heinrich, der Konfirmand, saß am Tische und hielt die Wache bei dem

Bruder. Erst hatte er gelesen, nun war er damit fertig und guckte nach

dem bunten Schnitzwerk der mächtigen eichenen Truhe und tastete mit den

Fingern über den Namen und über den Spruch und die Blumen.

Keine Uhr tickte, die Zeit war stehen geblieben.

Plötzlich rührte Gorch sich.

»Mutter!« sagte er leise.

Heinrich erschrak wie einer, der sich ertappt weiß, und zog die Hand

zurück und ließ Truhe Truhe sein.

»Mutter schläft, Gorch. Ich bin bei dir.«

Der Bruder öffnete die Augen und richtete sich mühsam im Bette auf.

»Was ist, Heinrich, Abend oder Morgen?«

»Die Klock muß so bei Zehn herum sein.«

»Ist das Wetter sichtig?«

Heinrich bog die Vorhänge etwas auseinander.

»Es ist heller Mondschein, Gorch.«

»Laß mich sehen!« bat der Kranke, und als der Junge zögerte, verlangte

er dringender: »Laß mich sehen!«

Da schob Heinrich die weißen Laken zurück. Und Gorch starrte unverwandt

hinaus und sah den dunklen Deich und die weite, graue Elbe und die

vielen Lichter, wie sie blinkten, wie sie kamen und gingen, und die

hohen, schwarzen Segel der Fischerjollen. Und sah den Mondschein, der

den Schatten der kahlen Linden auf die Steine warf, und den gelben

Mond, der groß und kalt am Heben stand.

Was in ihm vorging, was er sann und grübelte, was für Gedanken ihn

überkamen, ließ sich nicht sagen. Er sprach kein Wort und verzog keine

Miene. So blickte er lange in die Nacht, bis ihm die Augen zufielen und

er schwer in die Kissen zurücksank.

Da stand Heinrich leise auf und verhängte das Fenster wieder, und

wieder blieb die Zeit stehen.

Bis Gorch abermals erwachte.

»Mein Seefahrtsbuch, Heinrich!«

»Was willst du damit?«

»Mein Seefahrtsbuch!«

Er griff erregt in die Decken.

»Ich weiß nicht, wo es ist.«

»Mein Seefahrtsbuch!«

Heinrich zog den Mund schief, es blieb ihm aber doch nichts übrig, als

hinzugehen und es aus dem Schrank herauszusuchen. Hastig griff Gorch

danach, legte das abgegriffene Buch vor sich hin und blätterte darin

und sah nicht mehr, daß er es auf dem Kopfe hielt, und fing an zu

erzählen:

»Sieh her, Heinrich!... als Leichtmatrose mit der >Pisagua< von Hamburg

nach Iquique und zurück. Salpeter geladen, Junge. Um Kap Horn. Zweimal.

Und zweimal über die Linie. Sieh her, Heinrich!... Als Matrose mit der

>Lesum< von Bremen nach Ostindien. Um Afrika herum. Einhundertfünf

Tage. In Kalkutta von Bord. Mit dem englischen Steamer >Crawford<

nach London. Durch den Suezkanal, Heinrich. Mit einer norwegischen

Bark... der Deubel mag den Namen behalten haben... in Ballast nach

Frederikstad, zurück mit Holz nach Emden. Stille Leute, diese Norweger,

haben es aber hinter den Ohren, Heinrich. Mit der Jacht >Nebelung< in

der Levante herumgekreuzt. Feines Essen und nichts zu tun. Bloß putzen

und scheuern, rein als 'n Köksch. Mit dem Fischdampfer >Poseidon<

neun Monate bei Spitzbergen im Eise gedonnert. Eisbären gefangen,

Heinrich. Waren aber nicht zahm zu kriegen. Mit dem Viermaster >Marie<

sechshundert Polacken nach Honolulu geschafft. Böse Fracht, Junge.

Sechshundert Seekranke. Dann von Rangoon mit Reis nach Liverpool.

Mit der >Columbia< von Hamburg nach Neuyork, dreimal hin und her.

Eine Notreise mit Harm Focks Ewer. Es war gerade in der Schollenzeit,

Heinrich. Ich weiß es noch wie heute...« Er brach ab, seine Gedanken

verwirrten sich auf ihrer Weltenwanderung. Mit schwächerer Stimme gab

er drein: »Kanton... Singapore... Aden... Gibraltar... Lissabon...

Bordeaux... Reval... Stockholm... New Orleans... Kingstown...

Maracaibo...« Hier schwieg er ganz: das Fieber war gekommen und hatte

einen dicken Strich über sein Seefahrtsbuch gemacht.

Heinrich hatte genau zugehört. Wie sie sich in seinem vierzehnjährigen

Kopfe abmalten, so sah er all die fremden Häfen und Küsten vor sich:

mit hohen Leuchttürmen, mit runden Kuppeln, mit Palmen und Zedern, mit

gelben Mongolen und schwarzen Negern.

Gorch ermunterte sich wieder.

»Das alles habe ich gesehen, Heinrich. Die ganze Erde, die ganze

Welt. Im Osten und Westen, im Süden und Norden. Und nun ich krank

zurückgekommen bin und keinen Sack voll Geld mitgebracht habe, bedauern

sie mich bei Euch am Deich und sagen, mein Leben sei umsonst gewesen,

und ich hätte nichts davon gehabt. Sind große Hansnarren, Junge! Große

Hansnarren! Mein Leben ist *nicht* umsonst gewesen, und ich *habe* was

davon gehabt. Mehr, als sie denken können, und mehr, als ich selbst

glaubte. Ich habe gelebt und gelacht und gekämpft und bin immer weiter

gesteuert, immer weiter... aber, weißt du, Heinrich, immer gerade aus.«

»Hattest du kein Heimweh?« fragte der Junge.

Der Weltumsegler schüttelte den Kopf.

»Nein, Heinrich. *Da* war der Heimatswimpel schon, er lag nur ganz zu

unterst in meiner Teakholzkiste. Einmal hätte ich ihn schon aufgeholt,

aber erst wollte ich noch mehr sehen, immer mehr. Die Welt war ja so

groß und wurde immer größer. Junge, du weißt ja nicht, wie es auf dem

Kai von Singapore wimmelt von Menschen, braun, schwarz, gelb und weiß,

wie schön die Sonne auf dem Golf von Neapel blinkt, wie eigen einem

das Nordlicht vorkommt, wie viel klarer im Süden die Sterne sind, wie

im Atlantik der Sturm rast, wie es tut, wenn man hundert Tage auf dem

Wasser gewesen ist und dann einen dunklen Streifen vor sich sieht. Wie

Kolumbus begrüßt du dein Indien. Und glücklich habe ich gefahren, immer

gute Reisen, kein Schiffbruch, keine Havereien, keine Krankheit ... bis

Maracaibo. Ich tausche mit denen nicht, die bis Altona oder Helgoland

gekommen sind. Ich habe gelebt.«

Er verpustete sich einen Augenblick und schob sich das Kopfkissen unter

den Rücken.

»Nun bin ich krank. Auf den Tod krank. Und kann nicht den kleinen

Finger rühren, ohne mir weh zu tun. Und habe keinen Willen mehr, als

den: nur erst still zu sein, nur erst unter der Erde zu liegen. Ich

kann kaum sitzen und habe bei Sturm und Nacht auf der Ra gestanden.

Wäre ich hinuntergeweht. Aber so hinzuschmelzen, wie der Schnee im

Frühjahr, der auch wochenlang liegen bleibt. Und so schwach und klein

zu werden, das ist bös, Heinrich! So zu liegen und zu jammern.«

Der Fieberfrost schüttelte ihn.

»Lach mich aus, Heinrich! Du bist gesund und die Gesunden tun am

besten, wenn sie über die Kranken lachen... Und hör' nicht auf mein

Klagen, Heinrich. Wenn es zu weh tut, jammere ich mitunter, daß es

schlecht gewesen und verkehrt von mir zu fahren. Es war nicht verkehrt,

Junge! Es war recht, war schön, schön und gut. Windstille, Regen,

Nebel, Sturm: alles war schön.«

»Sprich nicht so viel, Gorch. Es tut dir weh.«

»Nicht lange mehr, Heinrich... Heinrich! Du kommst nun Ostern aus der

Schule und willst zur See. Aber du sollst nicht, weil es mit mir schief

gegangen ist, und weil Vater und Jan geblieben sind. Sie raten dir

alle ab, ich höre es ja jeden Tag. Und ich soll dir auch abraten. Aber

ich rate dir *zu*, Heinrich! Glaube mir, es ist draußen doch schöner

als binnen, und auf See weht die reinste Luft und am besten schläft es

sich, wenn die Seen an der Schiffswand plätschern und glucksen. Die

Welt ist nicht so fremd, Heinrich, wie sie erzählen, wenn sie um den

Ofen sitzen. Sie ist bloß groß. Sie wollen dich Jungen dumm schnacken,

dich breitschlagen... hör' nicht darauf ... sie sind jung *gewesen* und

können die Jungen nicht mehr verstehen.«

Heinrich sah ihn fest an.

»Ich tu auch doch, was ich will, Gorch.«

»Tu es, Junge! Begucke dir die Welt und denke an deinen Bruder, wenn du

um Kap Horn kreuzest. Und singe mit, wenn die andern Matrosen singen,

und bleibe nicht an Bord, wenn sie abends an Land gehen. Geh zur See,

Heinrich ... Und nun ... ruf' die Mutter ... ich fühle, daß ich zu Ende

bin ... ich möchte ihr gern noch einmal die Hand ...«

Damit fiel der wilde, ruhelose Weltumsegler zurück und verschied, um

höheren Ortes Verklarung abzulegen.

Schiff vor Anker: Erzählungen · 第 7 / 7 段