Kniphof hatte um einen rechtskundigen Mann gebeten, dem er seine

Sache betrauen wolle: der Rat hielt es aber für geratener, ihm einen

Beichtvater zu bestellen. Das war der Ketzer Stefan Kempe, der nun

jeden Tag die Hühnerstiege hinankletterte und dem Gefangenen Trost

zuzusprechen suchte. Kniphof jedoch hatte noch Segel und Wind. Er

berief sich auf den Kaperbrief der Burgunderin und auf seines Königs

Bestallung. Als kriegsführende Macht habe er den Gebrechen der Vitalie

steuern können, ohne darum ein Seeräuber zu werden. Margarete von

Burgund, seines Königs Schwägerin, Karls des Fünften Tochter, werde ihn

schützen. Der Rat schickte nach Brüssel und ließ hansisch-stolz fragen:

wat se mit den steden to donde hadde? -- worauf Margarete den Brief

verleugnete und den Seeräuber fallen ließ. Kniphof aber wollte es nicht

glauben.

Ditmer Koels Tochter ging hellhörig um ihren Vater herum, bis sie

wußte, daß Kniphof noch eine Mutter hatte, die bei Kopenhagen lebte.

Da packte sie sich heimlich hinter Schiffer und Kaufleute, die die

Ostsee befuhren, schrieb der Greisin, gab ihr von allem Kunde und bat

sie dringend, nach Hamburg zu kommen. Die alte Frau kam auch zu Schiff

herüber, und Gesa Koel nahm sich ihrer liebevoll und zärtlich an,

brachte sie im Kloster unter und stand ihr bei, daß sie vom Rat die

Gnade erwirkte, ihren Sohn wiederzusehen.

Es kamen aber zwei Frauen und begehrten Einlaß, und die zweite nannte

sich die Schwester von Kniphof. Der Turmhauptmann kratzte sich am Kopf

und machte Einwendungen, denn der Ratsbrief ging nur auf die Mutter,

aber weil die Schwester ein schönes Weib war, erhoffte er sich einige

Gunst und ließ sie mit hinein.

Klaus Kniphof war im Gespräch mit seinem Beichtvater. Als er

seine Mutter erblickte, wurde er bleich, er wollte aufstehen und

ihr entgegengehen, aber kraftlos brach er zusammen und barg laut

schluchzend sein Haupt in ihrem Schoß. Erschüttert stand Gesa Koel

dabei.

Nach einer Weile sah Kniphof auf und wurde ruhiger. Stefan Kempe,

dessen dunkle Augen um das Mädchen brannten, das er wohl erkannte,

schickte sich an hinauszugehen, aber Kniphof bat ihn, zu verweilen.

Dann erst sah der Seeräuber das Mädchen und erkannte sie wieder vom

Millerntor her und wußte, daß sie aus edlem Geschlecht sein mußte.

Er gab ihr die Hand und dankte ihr, daß sie sich seiner guten Mutter

angenommen hätte. Gesa aber wies ihn an Stefan Kempe, der der alten

Frau das Kloster erschlossen hatte und für sie sorgte. Kniphof schöpfte

neue Hoffnung, und er begann zu erzählen. Sein ganzes Leben und seine

wilde Meerfahrt breitete er vor den Frauen aus, und Stefan Kempe

lehnte düster am Fensterkreuz und kam sich armselig vor. Die Höfe von

Kopenhagen, London und Brüssel wurden bedacht: Kniphof redete sich in

Jugendlust hinein und berichtete von der holländischen Zeit: wie sie

bei Amsterdam die vier großen, schwerbestückten Schiffe ausgerüstet

hätten, wie er seine dreihundert Leute angeworben hätte, und wie er

dann mit bunten, geschwellten Segeln unter dem Donner der Kanonen in

See gestochen sei, Norwegen zu zwingen und Dänemark zurückzuerobern.

Dann kamen die Seeschlachten bei Bergen und vor Kopenhagen, der

gewaltige Nordsturm bei Skagen. Haushohe Wogen und ein unerschrockenes

Herz! Die Lust an der Meerfahrt leuchtete in Kniphofs Zügen auf: Gesa

Koel aber sah Stefan Kempe an, als wenn sie vergleichen wollte, und

dieser wußte den Blick recht zu deuten.

Kniphof kam auf die Seeräuberzeit. Sein Freibrief müsse ihn schützen,

er sei kein Seeräuber. Es könne nicht sein, daß Margarete ihn den

Städten überließe: der Bote sei wohl von Oranien abgefertigt worden. Es

müsse noch einmal geschickt werden.

Die Glocke erscholl und verkündete, daß die Besuchszeit zu Ende sei.

Kniphof verabschiedete gefaßt seine Mutter, die zu weinen begann, und

gab dem Mädchen die Hand zum Lebewohl.

Unten am Turm aber standen sich Gesa Koel und Stefan Kempe Aug in Aug

gegenüber. Das Mädchen sah ihm offen ins Gesicht, und dann kam es über

sie, daß sie ihm vertrauen könne wie einem Bruder, und sie streckte

ihm die Hand hin. Da sagte sie ihm, daß sie mit der Frau nach Brüssel

reisen und sich der Statthalterin zu Füßen werfen wolle für Kniphof,

damit er gerettet werde. Er versuchte nicht sie umzustimmen, denn er

fühlte, daß sie diesen Gang tun mußte, aber er bat sie, ein Nonnenkleid

anzulegen, das ihre Schönheit der Landstraße verhülle: er werde es ihr

bringen. Die Fahrt werde den Seeräuber nicht retten, denn Margarete

könne es nicht mit Hamburg verderben: aber um den Frieden ihrer Seele

solle sie reisen. Sie schüttelte dazu den Kopf. Dann bat sie ihn,

Kniphof noch nichts zu sagen.

* * * * *

Einen Tag danach verließen eine alte Frau und eine verschleierte Nonne

in aller Stille die Stadt. Stefan Kempe stand am Klostertor und sah

ihnen lange nach. Wunderliche Gedanken wehten über sein Herz, und sein

Gewissen schlug, weil er nicht wußte, ob er recht getan hatte. Er lag

vor seinem Gott auf den untersten Stufen und sollte Raubmörder und

Seeräuber trösten und dem Volk einen neuen, freudigen Glauben predigen!

Und sein Kamerad zog für einen anderen davon ...

* * * * *

Den Morgen dann, als die Greisin reise- und lebensmüde vor der hohen

Frau Margarete zu Boden sank, daß Graf Egmont sie aufrichten mußte, als

Ditmer Koels Tochter kühn und dringend für Klaus Kniphof sprach und die

Herzogin an Brief und Wort mahnte, ohne mehr erreichen zu können als

ein rasches Wort Egmonts, einen ausweichenden Spruch Margaretens und

eine abweisende Entscheidung des düsteren Oranien -- da läutete das

Armsünderglöcklein von St. Katrinen zu Hamburg und die Winser Wache

brachte Klaus Kniphof nach dem Brook. Stefan Kempe ging an seiner

Seite: Der Seeräuber war gefaßt. Er hatte das bunte Leben und die

weite See fahren lassen und sich in Gott ergeben. In dieser letzten

Stunde sagte ihm Stefan Kempe, daß die beiden Frauen nach Brüssel

gereist seien. Kniphof schüttelte den Kopf -- er glaubte nicht mehr

an die Burgunderin, aber es war ihm doch ein Trost, daß seine Mutter

ihn nicht diesen Weg gehen sah. Dann fragte er nach seinen Leuten. Und

schließlich wollte er den Namen des schönen Mädchens wissen. Da sagte

ihm der Mönch, daß sie des Mannes Tochter sei, der in der ersten Reihe

säße und am ernstesten drein schaue. Und Kniphof sah auf und erkannte

seinen gewaltigen Widersacher Ditmer Koel.

Danach aber mußte er im Angesicht der blauen Elbe den Nacken beugen.

* * * * *

Grauer nordischer Nebel lag auf der Stadt. Stefan Kempe, der Mönch,

stand auf offenem Markt und predigte das lautere Wort der Bibel.

Schiffer und Handwerker, Bürger und Freunde umdrängten ihn, denn er

war des Wortes mächtig und sprach freundlich und gewaltig zugleich.

Noch hätte er keine Kirche, sagte er, noch müsse er in Wind und Wetter

reden, aber das Licht, das zu Wittenberg angesteckt sei, könne kein

Wind und kein Wetter mehr verlöschen, und er werde nicht ruhen, bis es

in allen Kirchen Hamburgs brenne. Es geriet aber ein Haufe von Papisten

hinzu, die ihn mit Geschrei und Gegenrede zu stören versuchten und ihn

überteufeln wollten. Er wurde Ketzer und Volksaufwiegler gescholten.

Man werde ihn beim Rat verklagen. Der Mönch wich nicht: immer

gewaltiger erhob er seine Stimme, und immer mehr Volk strömte ihm zu.

Da geschah es, daß ein Ratmann zu ihm trat und ihm sagte, er sei ein

alter Schiffer und verstünde sich auf Wolken und Wind: es würde gleich

regnen, darum wäre es besser, wenn er auf die Katrinenkanzel stiege.

Stefan Kempe lächelte und begab sich mutig mit seinem Volk in die

Kirche. Die Papisten aber liefen ob des neuen Greuels wutschnaubend

nach dem Rathaus und erhoben ein wildes Geschrei über den Ketzer.

* * * * *

Als der Mönch dann in der Dämmerung seinem Kloster zuschritt, folgte

ihm eine Nonne, die mit in der Kirche gewesen war. Und als er sich

umwandte nach diesem Schatten, da erkannte er Ditmer Koels Tochter. Sie

sagte ihm von Burgund, und daß sie Klaus Kniphofs Mutter zu Osnabrück

begraben hätte: die Kunde von der Hinrichtung hätte sie getötet. Sie

wolle nun in ein Kloster gehen und still leben.

Da aber regte sich in Stefan Kempes Seele ein mächtiger Wind, der nicht

vom Himmel kam, sondern von der Erde. Und er sprach zu ihr wie zu einem

guten Kameraden: daß er die Kutte ausziehen und ein neuer Mensch werden

wolle. Ob sie gewillt, ihr Leben im Kloster zu vertrauern, oder ob sie

ihm helfen wolle, wie Katerine von Bora dem Luther.

Ditmer Koels Tochter gab keine Antwort, aber sie hatte doch schon den

Mut, den Abend noch an Stefan Kempes Seite zu ihrem Vater zu gehen.

Schiffbrüchig.

Auf meiner dritten Reise.

Acht Tage waren wir schon mit unserm Ewer draußen, aber wir hatten noch

nicht ein einziges Mal die Kurre aussetzen und noch keinen einzigen

Streek tun können. Drei Tage hatte es für toll gebriest, nun war es zu

still zum Fischen.

Das heißt, nur die Luft lag still, die See war noch in hoher Dünung

und warf unser Fahrzeug wie einen kleinen Kahn hin und her. Und das

Donnern und Klappern der Segel, das Quieken und Knarren der Gaffeln,

das Klirren und Hämmern der Schoten hörte sich unheimlich genug an.

Wir drei Fahrensleute waren just mit dem Abendbrot fertig und standen

an Deck. Und wie Kolumbus einst nach Indien suchte, so guckten wir

jetzt nach Wind aus.

»Vunobend kummt ok noch keen Käulns,« verkündete der Knecht, und der

Schiffer ließ sich vernehmen: »Ick gläuf, dat ward dick van Dook,« und

deutete nach Süden, wo eine blaue Wolkenwand auf dem Meere stand. Dann

sagte er, daß er die Wache nehmen wollte, -- und er hatte es noch nicht

ganz gesagt, da war von unserm Knecht auch schon nichts mehr zu hören

und zu sehen. Ich blieb oben, fühlte mich noch nicht müde, war *bange*

-- um es ehrlich zu sagen -- bange vor dem »Dook«. Vor Wind und Regen

fürchtete ich mich nicht, aber Nebel hatte ich noch nicht mitgemacht.

Der schlich und kroch, tückisch und trugvoll.

»To! Man rup'n Bitt,« mahnte der Schiffer rauh.

»Schall ick ne leber up Deck blieben?« fragte ich und sah an ihm vorbei.

»Worüm?«

»Jä, wenn 't dick van Dook ward,« sagte ich.

Nun lachte er.

»Pannkoken, ick hebb doch ok noch Ogen.«

Der Spott tröstete mich, und ich kletterte langsam hinunter, maß

meine Koje aus und stellte wieder einmal fest, daß die Diagonale

die längste Linie war. Nur daß das diesmal meine schweren Gedanken

nicht verscheuchen konnte. Das dunkle Angstgefühl wollte nicht

gehen. Und immer wieder überkam es mich, als stünde mir ein Unglück

bevor. Obgleich ich in voller Kleidung war und die Decke bis an den

Hals gezogen hatte, fror mich, und ich vermochte lange Zeit nicht

einzuschlafen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Da -- -- -- ich weiß nicht, hatte ich schon geschlafen oder wachte

ich noch halb, ertönte ganz nahe der schrille Ton eines Dampfers.

Wie ein menschlicher Angstruf klang er. In demselben Augenblicke ein

Krachen und Donnern und Brechen, als ginge die Welt unter. Zugleich

fühlte ich einen furchtbaren Druck. Meine Beine -- saßen sie fest?

In jähem Schreck schnellte ich auf ... da neigt sich der Ewer zur

Seite ... und ich stürze kopfüber aus der Koje auf die Kajütenbohlen.

Stöhnend will ich mich wieder aufrichten, da fliegt der Knecht aus dem

gegenüberliegenden Hock und fällt mir auf den Rücken, daß ich abermals

zusammenbreche ... Herr Gott, wo waren wir? ... Ich wollte schreien und

konnte nicht ... nur ein banges Stöhnen brachte ich heraus. Ich wollte

aufstehen und konnte nicht ... wie Blei waren meine Glieder. Endlich

sah ich, wie der Knecht sich aufraffte und nach oben hastete. Das gab

mir soviel Kraft, daß ich ihm nachkriechen konnte. Da stand ich nun an

Deck und erbebte.

Stickendüster war die Nacht, meilenweit schienen unsere Lichter

entfernt zu sein, so dunkel glommen sie. Wildes, verworrene Rufen und

Schreien. Da -- -- -- eben hinter dem Großmast saß das Ungeheuer, ein

schwarzer, steil aufsteigender Dampfersteven. Bis zur Mitte des Ewers

war er hereingebrochen und schob ihn immer noch vor sich her, so daß er

sich gurgelnd seitwärts senkte.

»Stopp doch! Stopp doch!« hörte ich meinen Schiffer wie wahnsinnig

rufen, immer wieder rufen. In schrecklicher Angst versuchte ich, an der

glatten Bordwand des Dampfers hinaufzuklettern, aber vergeblich, immer

wieder rutschte ich hinunter.

Mit einem Mal ging der Dampfer rückwärts und machte sich langsam von

unserm Fahrzeug frei. Ich hatte eben einige Platten erklommen, nun

mußte ich zurück und fiel schwer auf den Setzbord nieder.

»Wi sinkt jo! Wi sinkt!« ächzte ich.

»Hol dien Flapp!« gröhlte der Schiffer mich an. »Klau inne Boot, dat wi

weg kommt.«

Das half. Hastig kletterte ich zu ihnen in das Boot und eilends machten

wir uns daran, alles überflüssige Gerümpel über Bord zu werfen. Immer

mehr sank der Ewer weg ... das Wasser spülte über das Deck ... unser

Boot wurde flott. Wir griffen nach den Riemen, um aus dem Bereich der

drohenden Segel zu kommen, die uns erdrücken wollten. Unser großes,

stolzes Schiff gurgelte tiefer und tiefer ...

Kamen wir denn nicht von der Stelle? ... Ein Ruck im Steven ... warum

bloß? ... Die Bootsleine! Die ...

Der Schiffer hatte mich am Tage vorher geneckt und gemeint, ich könne

noch nicht einmal einen richtigen Fischerknoten machen. Das ihm zu

beweisen, hatte ich die Leine an den Mast befestigt, und er war mit

meiner Sache zufrieden gewesen. Und nun -- saßen wir fest, fest an dem

untergehenden Ewer.

»Een Messer, een Biel, een Messer!« so pochten wir gegeneinander auf

und wühlten in den Taschen und rissen die Lohnen aus und tasteten

unter den Duchten, aber kein Messer, kein Beil gab sich an. Unter uns

ein Kochen und Gurgeln und Brodeln, die letzten Lebenszeichen unseres

armen Ewers. Und nun kamen *wir* an die Reihe. Wir drängten wild nach

hinten, als unser Steven sich immer weiter duckte. Dann strömte die See

schäumend um unsere Füße ... das Boot tauchte unter und mit ihm ging

der Knecht zugrunde. Sein Fuß mußte sich irgendwie festgeklemmt haben.

»Greut Finkwarder,« flüsterte er, dann stiegen Luftblasen auf.

»Helpt uns!« rief ich, und »Helpt uns!« antwortete der Schiffer, der

dicht bei mir trieb. Wer sollte uns helfen? Allein mit der Nacht und

der See und den aufschießenden Blasen.

Schwimmen hatte ich schon von jeher gut können, und so hielt ich mich

auch jetzt oben. Ja, ich wurde ruhiger und *dachte nach*, während

ich mich mit der Dünung abmühte. Ich hatte geglaubt, das Leben finge

erst an -- und nun war es zu Ende. Nun sah ich den grünen Deich und

unser kleines, weißes Elternhaus niemals wieder. Und die Sonne schien

niemals mehr. Und Mutter guckte sich umsonst die Augen nach mir aus.

Meine Kräfte ließen nach, auch fing mein Bein wieder an zu schmerzen.

Lange konnte ich es nicht mehr machen, das fühlte ich. Da kam mir der

Gedanke, umzubiegen und zurückzuschwimmen. Vielleicht, daß ich ein

Stück vom Ewer antraf. Bald stieß ich mit der Schulter an einen harten

Gegenstand. Es war unser Kurrbaum. Ich langte nach ihm. Nun war ich

fürs erste geborgen, aber noch lange nicht gerettet, denn wie oft ich

auch versuchte, mich quer über ihn zu legen, es gelang mir nicht --

jedesmal rollte er herum und ich glitt wieder ab und mußte wieder und

wieder Salzwasser schlucken. Todesmatt gab ich endlich das Ringen auf

und ließ den Baum los, um weiter zu suchen. Von meinem Schiffer hörte

und vernahm ich nichts mehr, auch dann nicht, als ich nach ihm rief:

die schweren Seestiefel hatten wohl schon das Nötige getan. Die See

wurde nun auch noch gröber. Alle Augenblicke lief mir eine Woge über

den Kopf -- und doch war ich immer noch bei klarem Bewußtsein. Wieder

blinkte die Elbe, wieder grüßte unser Haus, wieder stand Mutter vor der

Tür, wieder lachten und schwatzten die Mädchen auf dem Deiche ...

Nun ruderte ich kaum noch mit den Armen. Dann schlug mir die See über

dem Kopfe zusammen ... ich sank. Tiefer und tiefer. Und konnte doch

noch denken. War erstaunt, daß ich noch nicht ertrunken war, und

wunderte mich, daß ich den Grund noch nicht erreicht hatte, sagte mir

dann aber auch wieder, daß wir dwars vom Weserfeuerschiff in 22 Faden

waren.

Und 22 Faden ... nun war ich unten. Weicher Schlick. Bis über die

Enkel sank ich ein, dann blieb ich schräg im Wasser stehen und wurde

leise hin- und hergespült. Nun ging es auch mit meinen Gedanken

durcheinander, und ich wußte nichts mehr zu denken und zu erkennen.

War ich mit dem Kopfe an einen Stein gestoßen oder war mir etwas Hartes

auf den Schädel gefallen, ich wußte es nicht, aber ich fühlte, wie

mir ein Tau über das Gesicht scheuerte. War das nicht ein Lot, ein

Senkblei? Ja es mußte ein Lot sein! Mit allerletzter Kraft griff ich

danach, mit beiden Händen, und hielt es fest.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

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Im Schweiße gebadet lag ich in meiner Koje und starrte auf das

vermeintliche Senkblei in meinen Händen. Es war -- einer meiner

sonntäglichen Schnürschuhe, der mich dadurch, daß er zur rechten Zeit

vom Bord auf meinen Kopf fiel, zwar nicht vom Ertrinken, aber doch von

meinem bösen Traum errettete. Denn: ich hatte geträumt. Ich *lebte*,

lebte, so gut, wie nur ein Fischermann leben kann, saß hoch und

trocken in meinem Bett, während mein Gegenüber derart schnarchte, daß

er das Knarren der Gaffeln übertönte.

Noch nicht eins mit mir kletterte ich an Deck.

Schön und sternenklar war die Nacht.

Der Schiffer ging summend auf und ab. Als er mich erblickte, wunderte

er sich und fragte:

»Na, wat is er los?«

»Is dat ne dick van Dook worden?« fragte ich, um etwas zu sagen.

»Ne, mien Jung,« lachte er, »büs woll wedder bang?«

»Ne, bang bün ick ne,« gab ich langsam zurück und verschwand wieder in

der Koje.

»In Gotts Nomen, Hinnik!«

Langsam ging der Schiffszimmerbaas Jan Siebert an einem

Sonntagnachmittag den grünen Elbdeich entlang und guckte mehr nach dem

Wasser als nach den Häusern.

Einige von den Booten fielen besonders durch ihre feine Bauart auf.

Kein Wunder -- Jan Siebert hatte sie gezimmert.

Einige von den Jollen segelten verteufelt fix durch die Binsen. Kein

Wunder -- Jan Siebert hatte sie gebaut.

Einige von den großen Kuttern leuchteten wie Königsschiffe über das

Wasser. Kein Wunder -- Jan Siebert hatte sie zusammengeklopft.

So grüßten ihn auf Schritt und Tritt seine Schiffe und machten ihm das

Herz warm.

Als er bei Gesine Külpers Strohdach angelangt war, sah er ihren

ältesten Sohn im Gras sitzen und einen Aalkorb ausbessern.

»Kumm mol rup, Hinnik,« rief er, und der Junge lief in Sprüngen.

»Gu'n Dag, Jan-Unkel.«

»Segg mol, Junge ... Du kummst nu Ostern ut de Schol ... Wat wullt du

denn beschicken?«

Hinrich guckte nach der Elbe.

»Ick will giern up'n groten Kutter.«

»No See, Junge?«

»Jo.«

Der Baas sah ihn lange und prüfend an.

»Dien Vadder is bleben, Hinnik.«

»Großvadder is ok bleben -- un Vadder is dorüm doch wedder no See

gohn,« antwortete der Junge.

»Is din Mudder dormit inverstohn?«

Der Junge stockte.

»Ick weet 't ne. Ick hebb' er noch ni van seggt,« gab er dann zögernd

zu.

Der Baas nickte vor sich hin. -- »Is good,« sagte er mehr zu sich als

zu dem Jungen und klinkte die Tür auf.

Hinnik aber steckte beide Hände tief in die Hosentaschen und schwankte

nach Seefahrerart von einer Seite nach der andern wie ein rollendes

Schiff, als er den Deich hinunterstieg, denn er fühlte sich schon als

Fischerjunge.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Die schmale, schwarzgekleidete Frau erschrak heftig, und ihr Gesicht

wurde noch bleicher.

»Hett he dat seggt?« fragte sie schon zum dritten Mal. »He will no

See?«

Jan Siebert nickte ernst.

Sie faltete die mageren Hände.

»He schall ne up 't Woter. Jan Siebert, dat kann gewiß ne gohn. Segg

doch sülbst, kann he no See? Sien Vadder is verdrunken, un he will ok

no buten? Nee, nee -- ick *kann* keen wedder no See seiln sehn. Ick hol

't ne ut.«

Er schwieg.

»He mütt an Land blieben, Jan Siebert,« fuhr sie erregter fort. »Lot

em Buer warn oder Schoster oder Snieder, -- ganz egol -- ober no See

schall he ne. Du büs Vörmund: segg em dat.«

Der Baas war sich einig geworden.

»Denn is 't dat beste, wenn ick em up de Warf nehm un wi em Timmermann

warn lot. Denn süht he doch wenigstens Scheep un Woter.«

Sie atmete erleichtert auf.

»Jo, Jan Siebert, nimm em hin.«

»De dree Johr verdeent he ober nix,« sagte der Baas, aber sie

schüttelte nur den Kopf.

»Dat deit nix. Min lütj Tügloden smitt woll so veel af, dat wie Brot

hebbt.«

Er war aufgestanden.

»Schall ick 't em seggen?«

Sie bot ihm die Hand zum Abschied.

»Jo, segg du 't man. Ick kann 't ne.«

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»Hinnik!«

»Wat schall ick?«

»No See kannst du ne kommen. Dat geiht ne. Din Mudder will 't ok ne

hebben. Du kummst Ostern no mi un lierst de Timmeree. Dor hest ok jo

fix Lust to, ne?«

Der arme Junge stand regungslos da und konnte nicht Ja und nicht Nein

sagen. Ihm war, als habe man ihm das Herz in der Brust umgedreht und

ihm die Fenster, in die die liebe Sonne schien, mit großen grauen

Säcken verhängt.

»Hest du 't hürt, Junge?« fragte der Baas, als er noch immer keine

Antwort bekam.

»Jo,« sagte Hinnik da heiser und guckte traurig vor sich hin.

Erst als der Baas fortgegangen war, rührte er sich wieder und sah

finster und feindlich nach der Elbe. Die war zwischen ihn und die

See getreten. Sie war nun nicht mehr der blaue, blinkende Weg zu der

bewegten, unendlichen See: -- ein häßlicher, breiter Graben, der ihm

alles versperrte. Es war auch ganz gleich, ob er mit dem Aalkorb noch

wieder nach dem Priel hinabwatete oder ob er ihn im Gras liegen ließ.

Mit zusammengezogenen Brauen und fest aufeinander gepreßten Lippen

kletterte er müde den Binnendeich hinunter, wo er die Elbe nicht sehen

konnte, und warf sich ins Gras. Ihm war zum Weinen zumute.

Aus dem Fenster aber folgten ihm zwei todestraurige Augen, und eine

bekümmerte Mutter legte die Hände für ihr Kind zusammen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Seit dem Tage war Hinnik anders. Mit keinem Wort war das Geschehene

erwähnt worden -- seine Mutter vermied es ängstlich, davon anzufangen

-- aber es stand etwas zwischen ihnen, das nicht vergehen und nicht

verwehen wollte. Hinnik war scheu und zurückhaltend und wich ihren

Blicken aus. Strich sie ihm mit der Hand über die Stirn, so trat ein

gequälter Ausdruck in sein Gesicht. Sie hatten ihm die große, schöne

Lampe weggeholt und dafür ein armseliges Talglicht auf den Tisch

gestellt und glaubten, er merke keinen Unterschied: -- das konnte er

nicht verwinden.

Es war noch nicht viel besser geworden, als er schon auf der Werft

stand und mit Hobel und der Axt umzugehen lernte. Wohl begriff er

alles leicht und war anstellig und willig, aber in seinem Gesicht war

deutlich zu lesen, daß die Arbeit ihn nicht freute, und daß er nicht

mit dem Herzen dabei war.

Jan Siebert war aber dennoch guten Mutes und meinte zu Gesine, daß gut

Ding seine Weile haben wolle.

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Wer weiß -- -- --

Vielleicht wäre Hinnik doch ein Zimmermann geworden.

Wenn nicht die Elbe so nahe gewesen wäre!

Wenn nicht so viele Ewer und Kutter vorbeigesegelt wären!

Wenn nicht die alten Fahrensleute immer von draußen erzählt hätten!

Und wenn Rudolf Holst an dem Tage in Hamburg einen Koch gekriegt hätte,

wäre es vielleicht auch noch anders gekommen. Er kriegte aber keinen

und schimpfte im Vorbeigehen, daß er nun liegen bleiben müsse und doch

so gern mit der Nachttide hinuntergesegelt wäre.

Da konnte Hinnik nicht anders: er lief ihm nach und ließ sich als Junge

annehmen.

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Abends erzählte ein aufgekommener Lüttfischer, daß er ihn auf dem

Kutter gesehen habe.

»Mi hett dat ahnt,« sagte Jan Siebert zu Gesine, die trostloß dasaß.

»Den leet de See keen Ruh.«

Sie weinte nur noch mehr.

»He *will* verdrinken als sin Vadder.«

Er schüttelte verweisend den Kopf.

»So nich, min Diern. Nu he mol so wiet is un de See *sehn* hett, holt

wi em ne mihr an Land. Lot em Fischer warn. Von tein bliff doch jümmer

bloß een, un he hürt to de negen annern, de wedderkommt.«

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Der böse Ostwind hatte den Kutter schon zweimal nach der Weser gejagt,

-- nun brachte eine gängige Brise aus Westen ihn mit vollem Zeug die

Elbe herauf.

Gesine bekam gleich Order von Jan Siebert, daß er aufgekommen sei, --

und wartete am andern Tage auf ihren Jungen. Er mußte doch kommen?

Hinnik kam.

Erst zu Jan Siebert.

»Ick hebb di ok 'n poor Fisch mitbröcht,« sagte er und ließ eine Stiege

Schollen aus dem Taschentuch springen.

»Weest, wat du verdeent hest,« grollte der Baas und sah ihn schief an.

Heimlich freute er sich aber über den wetterbraunen jungen Kerl.

Der sagte keck: »Nee,« sprang aber zur Vorsicht rasch auf den Deich,

denn er war nicht sicher, ob nicht doch ein Stück Holz geflogen kam.

»Büs ok seekrank wesen?« scholl es ihm freundlicher nach.

Er lachte.

»Keen Gedanke!«

Schiff vor Anker: Erzählungen · 第 5 / 7 段