Die Kugelbake vor Cuxhaven ist die große Nebelfrau der Elbmündung. Wer

sie einmal bei Daak und Dunst über die Watten starren gesehen hat, weiß

das. Vor ihr stand bei Nebel und trüber Luft eine Fischersfrau von

Döse, ein armes, irres Weib, das ihren verschollenen Mann auf der See

suchte; jahrelang hat sie dort gestanden, alle alten Schiffer haben sie

gesehen, -- bis die riesige Bake sie ablöste.

An dem Balkengestell dieser Bake zog ich die Schuhe aus, streifte die

Strümpfe ab, nahm auch meine Mütze in die Hand und watete barhäuptig

und barfüßig, von der Sonne erwärmt und von dem salzigen Wasser

gekühlt, über das weite Watt dem stillen Duhnen entgegen.

Die auf der Reede von Cuxhaven -- twüschen de Baaken, wie die Schiffer

sagen -- liegenden drei großen, dicken Barken kamen aus Sicht, dafür

aber stieg der graue Normannsturm von Neuwerk höher aus den Watten,

die beiden binnensten Feuerschiffe der Elbe leuchteten herüber, und

vor und hinter ihnen wurde es nicht leer von Schiffen. Krabbenjollen

und Fischerewer segelten ein, Tjalken und Gaffelschuner kreuzten

seewärts, tiefgehende, schwarze Kohlendampfer zogen zu zweien und

dreien ostwärts, Holzdampfer mit gelbleuchtender Decksladung pflügten

gen Westen. Sogar hinter der Kimmung, ganz im Norden, hatte der Handel

noch schwache Rauchwolken auf der See. Lloydkähne, braunrot, mit

großen gelben Nummern an den Seiten, an langen Trossen hinter ihrem

zierlichen Schlepper, klüsten von der Weser herüber. In der Weite

standen die dunkelbraunen Segel eines Störfischers regungslos auf dem

weißen Wasser, und dahinter tauchten wie Maulwurfshügel die Bäume von

Büsum-Hilligenlei auf. Seenot und Seeluft erfüllten mein Herz, als

ich vor meinen Füßen nach fliehenden, spinneflinken Krabben und auf

der See nach Schiffen suchte. Dann dachte ich an die beiden Türme von

Altenbruch, die wir vorher passiert hatten, und an das Schifferwort:

»Wenn de beiden Turns upenanner stoht, denn hett de Froo dat Seggen

an Burd« -- also daß die Frau so gut wie gar keine Zeit an Bord zu

sagen hat, -- an den kleinen, zwergenhaften Mann dachte ich, der mir

gegenüber gesessen hatte, mit dünnen Mädchenfingern und einem alten

Gesicht, aber mit großen, unschuldigen, neugierigen Kinderaugen, die

guckten, als sähen sie zum ersten Male ein Schiff, die von den großen

Leuten ängstlich abirrten und sich vertrauend den Kindern zuwandten,

-- und an das schöne, braune Mädchen dachte ich, mit dem viel zu

großen Hut, das von einem Kranze junger Herren und Damen mit heftigen

Vorwürfen überschüttet wurde, weil sie sich zu lange im Tanzkreis

aufgehalten und mit anderen Herren schön getan haben sollte. Erst

verteidigte sie sich klug und gewandt: ein Mädchen dürfe nichts tun,

das ihm nicht verdacht werde, hörte ich als heimlicher Lauscher heraus;

dann, als die Meute nicht nachgab, schwieg sie, und ihre blaugrauen

Augen sahen in die Weite, während ihre Lippen zuckten. Nachher kam

sie an die Reihe beim Rundgesang: sie richtete sich auf, warf den

Kopf zurück und sang keck, trotzig und übermütig aus dem Rigoletto:

»... Ach, wie so trügerisch sind Weiberherzen ...« Je mehr sie sang,

desto lauter und bitterer wurden die Worte »... alles ist Lüge ...« da

überwältigte sie das Gefühl, und sie barg aufschluchzend ihr Gesicht

und ihre Tränen in ihr Tuch ... Die Gesellschaft wurde stumm und

verlegen und schämte sich ihrer fast.

Als ich unter solchen Gedanken eine Stunde der Gilde der Wattenläufer

angehört hatte, verspürte ich Hunger, und weil ich einiges Eßbares

mitgenommen hatte, suchte ich mir am Dünenrande einen sonnigen Fleck

aus und legte mich auf den weißen, reinen Sand nieder, kurz vor den

ersten Zelten und Körben von Duhnen.

Zum Zeichen meiner Rast aber steckte ich den langen Erlenstock, den

ich unterwegs aufgefischt hatte, fest in den Sand und knotete mein

Taschentuch daran, das nun flatternd im Winde wehte. Das war gut so,

denn wer weiß, ob Hans Otto sich sonst nach mir umgesehen hätte, oder

ob er von so viel Zutrauen erfaßt worden wäre.

Ich saß noch nicht recht, da rief es von weitem:

»Ist das deine Fahne? Ist das deine Fahne?«

Und als ich mich umwandte, kam ein sonnenbraunes Kerlchen von

vielleicht drei Jahren, nur mit einer Hemdhose bekleidet, in Eile

herangestäubt und rief immerfort:

»Ist das deine Fahne? Ja?«

Das war Hans Otto.

Ich mußte seine Frage bejahen. Er winkte, stellte sich neben mich und

begutachtete nun die Fahne nach Farbe und Größe, er prüfte, ob der

Flaggenstock fest genug stand, ob die Knoten ihrer Bestimmung Genüge

leisten konnten, und ob der Wind von der rechten Seite kam. Nach einem

Rundgang um den Flaggenhügel wandte er sich wieder mir zu:

»Hast du die Fahne selbst gemacht?«

»Wenn es nicht unbescheiden klingt, mein Junge, ja.«

»Du kannst fix was!« lobte er.

Ich wehrte ab: »Nur mit Einschränkungen, mein Junge, in andern Dingen

bin ich ein großer Stümper.«

»Nun weht sie ja nicht mehr,« klagte er dann.

»Man hat es oft am Mittag, daß der Wind mit einem Male einschläft,«

sagte ich auskunftgebend. »Die Schiffer draußen auf See wecken ihn dann

schnell wieder auf.«

»Wie machen sie das?« begehrte er zu wissen.

»Sehr einfach. Sie kratzen am Mast. Tu du es auch. Ich will dir aber

gleich sagen, daß es ein toller Aberglaube ist.«

Und der kleine Kerl bearbeitete den Stock mit den Nägeln so eifrig, daß

ich für die Fahne fürchtete, und rief aus Leibeskräften:

»Wind! Wind!«

Zufälligerweise frischte der Wind in diesem Augenblick wesentlich auf,

und der Kleine freute sich königlich über die Zauberei.

Seine junge Mutter, die drüben in der Sonne lag, rief ihn: »Hans Otto,

komm! Komm hierher!« Aber er verwies ihr solche Störung ernstlich mit

der keinen Widerspruch duldenden Antwort: »Du, ich hab' jetzt kein'

Zeit!« Diese Sentenz wiederholte er mehrfach, so daß ich darin eins

seiner geflügelten Worte anzusprechen geneigt bin.

Als er indessen hinsah, wurde er gewahr, daß seine Mutter ihm auch

eine Fahne gemacht hatte: er lief hin und brachte sie schnell in unser

Lager, wo wir sie neben meiner aufpflanzten. Wir stellten fest, daß

jede ihre besonderen Vorzüge hatte: meine war bunt, seine weiß, meine

klein, aber sie wehte hoch, seine groß, aber sie wehte niedrig.

Danach besann Hans Otto sich auf sein Spiel, das er beiseite geworfen

hatte, als er meine Flagge flattern sah, und er unterwies mich in

seinem ebenso umfangreichen, wie verzwickten Straßenbahnbetrieb, den er

ohne Schienen und Drähte nur mittels eines deichsellosen Groschenwagens

und mit Hilfe seiner Hände und einer Anzahl Steine und Korkstücke

auf dem Strand von Duhnen unterhielt. Ich arbeitete mich allmählich

ein und lernte auch die Haltestellen von Hans Ottos Lingelingbahn

kennen und -- was schon schwieriger war -- unterscheiden, die wohl

auch die Haltestellen seiner kleinen Lebensreise waren: Sternschanze,

Hauptbahnhof, Wilhelmsburg, Altona, Kiel und Blankenese. Die ganze Bahn

war eigentlich nur eine Familiengründung, denn Hans Otto beförderte

ausschließlich Onkel und Tanten. Und sonderbare Onkel und Tanten waren

darunter. Tante Emma zum Beispiel (ein großes Korkstück) war sehr dick

und ging nicht gern, weshalb wir sie immer bis zur Endstation mitnehmen

mußten. »Onkel Hermann müssen wir stets einen Fensterplatz einräumen,

weil er zu gern ausgucken mag.« Tante Wilhelmine war schwerhörig und

kurzsichtig -- die arme Frau! -- und wir mußten ihr deshalb den Namen

von jeder Haltestelle ganz laut ins Ohr trompeten. Onkel Fritz war

dreist und ging immer mit der brennenden Zigarre in den Wagen, weshalb

wir ihn jedesmal auffordern mußten, die Zigarre wegzuwerfen oder nach

draußen zu gehen. Weiß Gott, es gab mancherlei zu bedenken und zu

beachten!

Als wir unseren Betrieb stillegten, um zu frühstücken, setzte Hans

Otto sich neben mich und half mir wacker bei der Mettwurst, mehr noch

beim Kuchen und am allermeisten bei den Bananen. Der geneigte Leser

mag daraus ersehen, daß Hans Otto ein Leckermaul ist; fragte er aber

weiter nach ihm, so bliebe ich stumm, denn ich weiß Hans Ottos Zunamen

nicht, auch weiß ich nicht, wo er wohnt. Wir haben einander nicht nach

dem Namen gefragt: ich mochte es schon deswegen nicht tun, weil ich als

Arbeiter bei der Straßenbahn doch gewissermaßen sein Untergebener war.

Die Einwände seiner kopfschüttelnden Mutter gegen unsere gemeinsame

Tafel wehrte ich lachend ab und er mit seiner bekannten und beliebten

Redensart: »Du, ich hab' kein' Zeit!«

Nach dem Essen erbot ich mich, dreister geworden, ihm ein Blankenese

zu bauen, wenn er mir dabei an die Hand gehen wolle. Er sagte es zu,

und wir gingen an den Bau wie die Fronarbeiter an die Pyramiden. Armer,

kleiner Hans Otto. Du hattest nicht einmal eine Schaufel und nanntest

auch keinen Eimer dein eigen, aber ist es nicht dennoch gut gegangen?

Haben wir nicht unermüdlich mit Händen und Füßen gebaut und gegraben

und ausgeschachtet? Haben wir nicht ein breites tiefes Bett für die

Elbe zurechtgemacht und auf ihr Nordufer einen hohen, gewaltigen Berg

getürmt, das getreue Abbild des Süllbergs, fast so groß wie du, Hans

Otto? Hätte da einer kommen und zweifelnd fragen können: Soll das etwa

Helgoland sein? Gewiß nicht, was?

Und als der Berg hoch und breit genug war, haben wir die Abhänge platt

und glatt geklopft, ich mit meinen großen Händen und du mit deinen

kleinen.

Haben wir dann nicht aus roten Steinen einen Turm auf den Gipfel

gebaut, hatte der Turm nicht eine richtige Flaggenstange und wehte von

ihrem Topp nicht ein Tanghälmchen als Wimpel? Hast du nicht hundert

rote, weiße und blaue Häuser herangeschleppt, Steine und Muscheln, und

habe ich sie nicht nach einem großartigen Bebauungsplan über den Abhang

verteilt? Entdeckten wir nicht in den Dünen eine Art von Immergrün,

vortrefflich geeignet für die Bepflanzung unseres Berges mit Baum und

Strauch?

Und als alles fertig war und wir etwas zurücktraten, um es besser

überschauen zu können, hat es da nicht überaus prächtig und lustig

ausgesehen, unser buntes großes Blankenese? Sind nicht die Leute

bewundernd stehen geblieben und hat dein kleines Ohr auch nur eine

ungünstige Kritik gehört? Von deiner eigenen Freude will ich ja noch

gar nicht mal so viel Aufhebens machen, denn du warst als Teilhaber

und Miterbauer vielleicht nicht ganz objektiv; aber sind nicht sogar

die drei Marineartilleristen, die großen braunen Gestalten, stehen

geblieben, die doch gewiß schon an Brockeswalde und an die Mädchen

dachten; haben sie nicht Lobesworte gefunden und nicht gleich auf

Blankenese geraten?

Wir können auf alle diese Fragen getrost und freudig Ja antworten, Hans

Otto, und wir werden der Wahrheit am nächsten sein. -- Wie lange wir

noch dagestanden und uns unseres Werkes gefreut haben ... ich weiß es

nicht, wie ich auch nicht weiß, ob die großen Baggerungen in der Elbe,

die wir noch unternahmen, wirklich notwendig waren oder ob sie hätten

gespart werden können.

Auch das weiß ich nicht, warum ich dann mit einem Male aufstand und

weiterging, Duhnen zu, denn es lag mir im Grunde nichts mehr an Duhnen

...

Du hast mich nicht festgehalten, Hans Otto, als ich dir zum ersten und

letzten Male die Hand gab. Nur gesorgt hast du dich, ob ich morgen

wiederkäme, und ich habe es bejaht. Ich sehe noch dein betroffenes

Gesicht, als ich wegging. Es war, als könntest du nicht glauben, daß

ich von dir ginge. Ratlos standest du neben dem großen Süllberg und

sahst mir nach. Und wie lange hast du mir nachgesehen!

* * * * *

Als ich im Abenddunkel mit der »Cobra« zurückfuhr und nach den Feuern

und Lichtern der dunklen Elbe guckte, da habe ich an dich gedacht, Hans

Otto, und es ist mir sogar aufs Herz gefallen, daß ich dich belog, als

ich dir sagte, daß ich am anderen Tage wiederkommen wolle. Wie wirst du

nach der Kugelbake blicken, daß ich kommen soll, dein Blankenese von

neuem aufzubauen, das die übermütigen Mädchen in der Nacht, als die

Matrosen sie zu greifen versuchten, zertreten haben ...

... und nun sitze ich in deinem Hamburg, Hans Otto, zwischen

scharrenden Federn und klappernden Schreibmaschinen und blicke in

Bücher und auf Papiere, rechne mit Dollaren und Peseten und kann es

doch nicht verhindern, daß ich geheimerweise auf einen Rechenzettel

schreibe: Hans Otto.

Das soll ein Gruß für dich sein!

Ditmer Koels Tochter.

Der kleine, dicke Bäckergeselle, den die Sonne von 1525 besonders

freundlich beschien, als er breitbeinig auf der Kaje saß und mit

Steinen nach den Stichlingen warf, die um die Bollwerkspfähle

schwärmten, dachte nicht an seine Stutenmacherei, sondern an Venedig

und Grönland, an Apfelsinen und Eisbären. Er erschrack sehr, als ihm

mit einemmal ein schweres Tau auf den Buckel sauste, und glaubte in die

Hände von Seeräubern zu fallen: da erblickte er zu seiner Beruhigung

aber nur einen Norderneyer Schellfischangler, der mit seiner grünen

Schaluppe heranglitt, und ihm zurief, in jenem selbstverständlichen

Ton, den unsre Schiffer noch heute führen: »Hak mal öber!«

Der Gesell tat es, rächte sich aber doch für die Apfelsinen und

Eisbären und fuhr den Eilandsmann giftig an: »Wat wullt du Spöcker hier

up'n Namiddag? *Morgens* köpt wi Schellfisch: nu is de Brück leddig!«

-- »Mien gode Jung, ick heff ok keen Fisch,« sagte der Schiffer

gemütlich, »ik heff moi Tiding for den ehrbaren Rat. Moi Tiding! Ik

will mi blos'n beeten afdweilen, denn seil ik up't Rathus.«

»O vertell, Schipper! Wat de Borgermester eten kann, dat smeckt ok wol

'n lütten Bäckergesellen,« bat darauf der Gesell und er gab nicht nach,

versprach zu schweigen wie eine tote Krähe, und bettelte solange, bis

der Fischer sich herbeiließ, ihm zu erzählen, daß er Nachricht von den

Schiffen hätte, die seit Pfingsten die Seeräuber jagten. Die See wäre

rein gefegt: die Gallion, der flegende Geest, der Bartum und die Jacht

seien im Sturm genommen, Klaus Rode sei von den ergrimmten Bootsleuten

in Grapenbratenstücke gehauen, dazu zweihundert Mann erschlagen: der

Rest von einhundertsechzig Mann aber und der Hauptmann Klaus Kniphof

seien von Ditmer Koel gefangen genommen. Diese Seeschlacht sei in der

Osterems geschehen und hätte acht Stunden gedauert. Das Geschwader

liege windeshalber achter den Greeten: die erste gute Luft könne es

aber schon nach der Elbe wehen ...

Hier sprang der Gesell auf, schüttelte sich und rief: »Un wenn de Dübel

mi halt, dit kann ik nich verswiegen. Back mi tein Pickplasters up'n

Mund, un dat mutt doch rut!« Und ohne auf den fluchenden Norderneyer zu

achten, sprang er an Land und rannte stadtein. Die Hände an den Mund

gelegt, gröhlte er laut und durchdringend: »Tiding von uns' Schepen,

gode Tiding! Ditmer Koel, unse Admiral, hefft Klaus Kniphof mit alle

Schepen und alle Mann gefangen genommen!« So schrie er ins Millerntor

hinein und ließ nicht nach, und bald hatte er einen Haufen von Kindern

und Burschen um sich, die seinen Ruf aufnahmen und ihn gewaltig

verstärkten. Nicht lange dauerte es: da hatte man sogar schon eine

Weise für die Zeitung erfunden, die also lautete:

»Gode Tiding von uns' Schepen!

Ditmer Koel hefft Kniphof grepen!

Söben Schep un hunnert Mann,

öbermorgen kommt se an.«

Wie eine Windflage, die Staub und Blätter aufwirbelt, so drängte es

durch die engen Straßen, und die Rotte vergrößerte sich von Ecke zu

Ecke. Hamburg, das schon mondelang auf eine Kunde geharrt hatte,

horchte auf, lachte und freute sich des Sieges. Da wurden Fenster

aufgestoßen, da wurde gefragt und getan, da traten die Handwerker

aus den Türen zu nachbarlichen Gesprächen. Einige steckten die alten

Schiffsflaggen heraus, andere ließen einen Krug Braunbiers aus dem

Keller holen und machten sich einen lustigen Tag aus der Begebenheit.

Die brausende Woge brandete auch an das Fachwerkhaus, das sich an

der Nigentwiete in beschaulicher Stille sonnte und dem Schiffer und

Admiral Ditmer Koel gehörte. Die Großmutter des Hauses saß feiernd

am halbgeöffneten Fenster und horchte auf die Stille, die hinter all

den feinen Geräuschen des Tages ruhte. Neben ihr lehnte Ditmer Koels

Tochter, die schöne Gesa, ein blühendes, taufrisches Mädchen von

achtzehn Jahren, am Fensterpfosten und spielte nachlässig mit den zwei

kleinen grauweißen Katzen, die auf dem Brett übereinander kugelten ...

»... Ditmer Koel hefft Kniphof grepen ...« Das Siegeslied brach um

die Ecke und erfüllte die Twiete. -- »Grotmoder, hört ji? hört, hört!

Se singt von Vader! He kummt wedder!« rief das Mädchen vor Freude

erglühend, warf die Kätzchen ritsch -- ratsch auf den Fußboden, stieß

das Fenster vollends auf und beugte sich hinaus, um zu sehen und zu

hören, was da nahte. »O, wat frei ik mi, Grotmoder!«

Grad unter dem Fenster machte der kleine Bäckergesell halt, der schon

vor Heiserkeit kaum noch sprechen konnte. »Leewe Gemeende,« krächzte

er roten Kopfes, »mal 'n Spier Gehühr!« Und als der Lärm sich etwas

verminderte, denn alle warteten, daß nun etwas abfallen sollte: da

berichtete er den Frauen weit ausholend und mit umständlichen Gebärden

alles, was er wußte und was sich so up'n Stutz schicklicherweise

hinzulügen ließ. Zum Schluß nahm er seine Mütze ab und hielt sie

treuherzig-verlangend auf. »De Kehl is all bannig drög, aber wat

deiht'n Hamborger Jung nich all for unsen Admiral Ditmer Koel.«

Die Greisin schüttelte halb belustigt, halb geärgert den Kopf.

»Wat hett se seggt?« -- »Se seggt, Water smeckt söt!« -- »O Mann, wat

is de Olsch nährig!« »Free Licht bi Dagen un wieder nix!«

Aber Ditmer Koels Tochter sprang leichtfüßig ins Zimmer zurück und

durchsuchte Schrank und Schublade, bis sie eine Hand voll Münzen

gefunden hatte, die sie dem Gesellen laut klirrend in den Hut warf.

»Ho -- nu drinkt Warmbeer un lat Ditmer Koel hoch leben!« rief sie in

fröhlicher Unbefangenheit den Weiterdrängenden nach.

Dann fiel sie der Ahne um den Hals: »Grotmoder, lat mi doch nich alleen

lachen: Freit jo doch mit! Vader kummt ja doch!« Die Alte strich ihr

das blonde Haar aus der Stirn. »Büst so wild, Deern, so wild!« -- »As

du fröher west büst, nich, Grotmoder?« fragte das Mädchen schalkhaft

und erhielt es lächelnd bestätigt. »Ja, Kind, as ick west bün.«

Und dann horchten sie auf den schon halb verschollenen Lärm, dem sich

noch die Rufe mühsam entrangen:

»Ditmer Koel schall leben: een, twee, dree ...«

* * * * *

Ditmer Koel sollte leben: er *lebte* -- und es kamen der Tag und

die Flut, die ihn mit der hamburgischen Kriegsflotte, den Kraffeln

(Caravellen) und Bojers, bei raumem Wind die Elbe heraufbrachte. Mit

den erbeuteten Koggen war das Geschwader zehn Schiffe stark und nahm

den ganzen Strom ein. Von allen Toppen flatterten die Wimpel. Am Hafen

war kein Platz unbestanden: es wimmelte am ganzen Ufer von Menschen,

die den Seeräuber und seine Maaten sehen wollten. Der Katarinenglöckner

läutete die Glocken.

Der Admiral Ditmer Koel, mit dem bloßen Schwert gegürtet, trug in

der Rechten trotzig die zerschossene Flagge des Seeräubers. Er war

immer ein hoher, aufrechter Mann gewesen: aber nie ist er größer

und gewaltiger erschienen als an diesem Tage, auch dann nicht, als

er Ratmann und Bürgermeister geworden war. Sein Gesicht war erregt;

nur als er seine Tochter erblickte, die in einem Kränzlein ihrer

Altersgenossinnen stand, lief ein freudiges Lächeln über seine Züge.

Neben ihm gingen die Schiffer Simon Parseyal, Klaus Hasse und Dietrich

von Minden und wechselten hier und da einige Worte mit den ihnen

bekannten Bürgern.

Pfeifen- und Trommelklang nahte. Fünf Fähnlein folgten, und hinter

ihnen schritt, geleitet von zwei Edelleuten, der Seeräuber Klaus

Kniphof, der Hauptmann. Der jugendliche, vierundzwanzigjährige

Kopenhagener sah blaß aus, doch war nichts Unmännliches in seinem

Gesicht. Er war barhäuptig und trug ein weiches Hemd, dessen Ärmel von

Kugeln durchlöchert waren, ein zugeschnittene Wams und blaue Hosen.

Hinter ihm gingen die hamburgischen Hauptleute, die Kriegsknechte und

das Schiffsvolk, in ihrer Mitte die Menge der einhundertzweiundsechzig

Seeräuber, gefesselt und gekettet.

Als Klaus Kniphof die Gruppe der schönen Mädchen gewahrte, sah er mit

großen hungrigen Augen hin. Er war von Jugend auf Seemann gewesen und

hatte nach den Hoffrauen Karstens von Dänemark und Margaretens von

Burgund nur braune, friesische Muschelsucherinnen gesehen: da war ihm

der Anblick dieser weißen, glänzenden Jugend wie ein Blick in die

Sonne. Ditmer Koels Tochter erschauerte bis ins Herz vor seinen Augen,

und ihr verging Lachen und Neugierde zugleich. Die Trommeln wirbelten

dumpf: der Zug ging weiter. Die Mädchen wurden von Mitleid ergriffen

und erzählten von dem Jüngling, der dem flüchtigen Dänenkönig sein

Reich hatte zurückerobern wollen und dabei ein Seeräuber geworden

war. Ditmer Koels Tochter stand wie im Traum und sagte kein Wort.

Sie sah nur dem Hauptmann mit dunklen Augen nach, und er erwuchs ihr

zum treuesten Helden, zum Hagen, der für seinen König in Not und Tod

gegangen war. Es war mehr als Mitleid, was sie erfüllte, und in ihrer

Mädchenseele regte sich unbewußt ein namenloses Geschöpf, das Weib.

Da haßte sie beinahe ihren Vater, dessen gewaltiges Haupt alles Volk

überragte. Dann wieder sah sie unverwandt nach dem blonden Scheitel des

Dänenhauptmannes.

Ihre Freundinnen hatten genug zu gucken und achteten nicht sonderlich

auf sie: aber einem Mannesblick blieb nicht verborgen, was in ihr

vorging. In der hintern Reihe, nicht weit von ihr, hatte schon lange

ein bleicher, junger Mönch gestanden und sich schier nicht satt sehen

können an ihrem lieblichen Gesicht und ihrer schlanken Gestalt. Stefan

Kempe war es, der »Ketzermönch« aus dem Magdalenenkloster, einer von

den Lutherischen. Seit drei Jahren schon hing seine Feuerseele dem

Wittenberger Doktor an, und er predigte laut und unerschrocken das

lautere Gotteswort, dem Volk zu freudigem Aufhorchen, den Papisten

zu großem Ärgernis. Viel verklagt und verdächtigt, geschmäht und

gescholten, blieb er unverzagt bei der neuen Lehre und vertraute seinem

Gott. Im Anschauen des reinen Mädchens stieg wie ein Stern am Himmel

in seiner Seele der Gedanke an einen lieben Kameraden in ihm auf und

bekränzte sein Herz mit roten Rosen: er dachte daran, alle Fesseln zu

sprengen, das dunkle Gewand abzulegen und sein Leben zu krönen, wie

Luther es getan hatte, als er die Nonne freite.

Da aber sah er, wie Ditmer Koels Tochter nach dem Seeräuber sah, und er

fühlte, wie seine Augen schmerzten. Leise wandte er sich ab und ging

davon.

Die Arbeitsleute aber spotteten der Seeräuber, und derbe holländische

und dänische Flüche schollen hinwider.

* * * * *

Der Admiral wurde seiner Tochter fremder in jenen Tagen, als er sich

der Freude über seine Seefahrt überließ und versicherte, daß Klaus

Kniphof als ein Seeräuber dem Scharfrichter verfallen sei. Sie kam

nicht, um Abenteuer zu erfahren, und sprach weniger als sonst. Er

jedoch machte sich wenig Sorge darum, er dachte an nichts als an seine

Sache. Kniphofs Fähnlein hänge im Dom unter der Kanzel, verkündigte er

eines Tages. Da ging Gesa hinaus, ohne ein Wort zu sagen, und weinte

sich auf ihrer Kammer aus. Und als er ein andermal wieder von der Ems

erzählte, wie er seinen Leuten zuvor ein kräftig Süpplein zu kosten

gegeben hätte, Warmbier mit Büchsenkraut (Schießpulver), das sie

teufelswild gemacht hätte, da kam ein Grauen über sein Kind, das es

nicht abschütteln konnte. Über ihre Träume aber schaltete der junge,

blonde Hauptmann, der auf dem obersten Boden des Winserturmes saß und

durch die Eisenstangen auf Fleete und Schuten starrte.

Schiff vor Anker: Erzählungen · 第 4 / 7 段