Opferberg und dem Falkenberg, zog ein hamburgisches Fähnlein tapfer
und fröhlich über die neugrünende Heide; oft blieb es stehen und hielt
Umschau, es verlängerte und verschönte sich den Weg mit Wald- und
Wanderliedern, und tat sich etwas darauf zugute, daß es Lerchen über
sich und Grillen unter sich hatte.
Zwei Schwestern waren es, schlanke, blonde Hamburger Deerns, mit
hellen Augen und kecken Nasen, ein junger Lehrer mit einem Kopf voller
Hochziele und ein kleines Schreiberlein, das aus einem der vielen
Schreibstuben ins Freie geflüchtet war. Es schritt an der Spitze der
Gruppe, hatte sogar einen Rucksack mit und war wohl guter Dinge. Auf
dem Steindamm hatte es sich den Dreien angehängt, weil es das eine
Mädchen kannte, und war bei ihnen geblieben, obgleich es schon anfing,
seinen Entschluß zu beklagen, denn es war gewohnt, allein zu wohnen
und zu wandern, auch wußte es nichts zu erzählen. Es hatte immer große
Angst, heimliche Furcht vor dem Leben und vor Menschen, zu denen es
nicht gehörte. Die empfand es auch jetzt wieder und um so schwerer, als
es sie durch äußerliche Lustigkeit verscheuchen wollte.
Armes Schreiberlein.
* * * * *
Das stille Fischbek mit seinen Eichen und Birken war durchquert, und
die kleine Gesellschaft ging auf der großen Landstraße entlang, die von
Hamburg nach Stade führt; sie suchten den Moorweg. Dieser fand sich
auch bald: aber als sie umbiegen wollten, stand gerade an der Ecke
ein Hund, ein schönes, weiß und gelb gezeichnetes, sauberes Tier mit
blanken, klugen Augen. Unbeweglich stand es da und sah den Kommenden
entgegen, als erwarte es sie. Vor allen wurde das Schreiberlein darauf
aufmerksam. Näher gekommen, fing es an, zu locken und zu schmeicheln.
»Non, Pulli! Wat makst du denn dor?«
»O, guckt bloß mal, was für 'n schöner Hund,« rief eins der Mädchen
lebhaft.
»Feiner Kerl,« lobte auch der Lehrer.
Der Hund aber sah das Schreiberlein an, dann bellte er freudig und heiß
auf und stieß mit den Vorderpfoten heftig in den Heidesand.
»Pulli, sitt dor 'n Rott?« fragte das Schreiberlein, belustigt
teilnehmend, aber das andere Mädchen gab ihm einen Rippenstoß.
»Ratte? Er will den Stein wiederholen, Sie. Werfen Sie ihn mal weit
weg. Man zu!«
Rasch bückte das Schreiberlein sich. Der Hund wurde toll vor Eifer
und wollte zuschnappen, aber die Hand entriß ihm doch den Stein und
warf ihn ein Stück den Weg voraus. Bellend stob er nach, daß der Staub
aufwirbelte, schoß mit Schnauze und Pfoten tief in den Sand hinein,
scharrte heftig den Stein heraus, nahm ihn mit dem Maule auf und sprang
eilig und schweifwedelnd mit ihm zurück. Vor dem Schreiberlein blieb er
stehen, das ihm den Felsen abnahm und den Kopf streichelte. Es war in
Fröhlichkeit gekommen, als es das Tier so fröhlich gehorchen sah: das
war ihm noch nicht begegnet und rührte es tief.
Pulli aber wollte von Liebkosungen nichts wissen, er suchte in den
Wagenfurchen nach andern Steinen, und als er sie entdeckt hatte, blieb
er davor stehen und sprang wie vorher mit den Vorderfüßen darauf los.
»Noch een, Pulli?« fragte das Schreiberlein freundlich, griff schnell
zu und warf einen zweiten Stein, der ebenso rasch geholt wurde. Des
Hundes Eifer wurde immer größer, je mehr Steine flogen. Die Augen des
Schreiberleins strahlten, so große Freude empfand es. Aber auch die
andern sahen dem prächtigen Tier gern zu und warfen auch Steine. Alle,
wenn sie nicht gar zu groß waren, holte es gehorsamst zurück, aber
wenn es sich des Gegenstandes entledigt hatte, sah es doch zuerst nach
dem Schreiberlein, stieß mit der Nase an dessen Hand und ermunterte es
durch Bellen und Scharren zu neuen Würfen. Diese Bevorzugung behagte
dem Schreiberlein über die Maßen, und es wurde nicht müde, mit dem
Hunde zu sprechen und ihm das Fell zu glätten, soweit die Ungeduld des
Tieres es zuließ, das sich in Kreuz- und Quersprüngen nicht genug tun
konnte.
Es trug kein Halsband, so mußte es doch gewiß aus dem Dorfe sein,
dachte das Schreiberlein und war betrübt, daß es mit dem Spiel zu Ende
ging, denn sie waren mittlerweile schon weit in das Moorgebiet geraten
und mußten daran denken, den vierbeinigen Spielvogel nach Haus zu
schicken. So flog denn ein Stein weit zurück, begleitet mit dem Rufe:
»So, Pulli, den nimm mit, un denn no Hus!«
Wohl sprang der Hund bellend nach, aber er kam getreulich mit dem Stein
wieder. Das Schreiberlein klopfte ihm den Hals und nahm ihm den Fund
ab, dann wies es mit der Hand zurück: »Goh no Hus, hörst!« Aber Pulli
blieb und wedelte.
»Na, denn gah noch 'n Stremel mit,« sagte das Schreiberlein gutmütig
und liebevoll, und das alte Spiel fand seine Fortsetzung im
Weiterwandern.
»Eigentümlich, was Sie für eine Gewalt über den Hund haben,« sagte der
Lehrer.
Das Schreiberlein sagte nichts darauf, aber das Wort erfüllte es doch
mit Stolz. Zu dem Hund sagte es: »Lat dat Bellen na, kiek mal hin, wat
du di utsehn mokst!« -- und wies nach den Beinen und dem Kopf, die arg
geschwärzt waren.
»Du mußt doch noch mehr können, als bloß Steine holen,« begann es nach
einer Weile wieder und hieß den Hund stehen bleiben. Es prüfte durch,
was es von Kunststückchen an andern Hunden gesehen hatte, und bekam
heraus, daß Pulli sich totstellen konnte, daß er über den Stock sprang,
Pfote gab und auf Geheiß bellte. Nur eins wollte ihm nicht glücken,
den wirklichen Namen des Hundes zu erforschen, obgleich es ihm alles
Erdenkliche zurief. Weder bei Hektor, Juno, Bruno, noch bei Seemann,
Feldmann, Mobbi, Max rührte das Tier sich.
»Denn blift dat bi Pulli!« entschied das Schreiberlein und warf einen
Stein. O weh, der plumpste in den sumpfigen Graben. »Hier! Komm hier!«
Aber das Rufen half nicht, der Hund stand schon tief in dem moorigen,
muddigen Wasser und wühlte es mit dem Maul und den Füßen auf. Naß und
beschmutzt, sich schüttelnd, kam er zurück, daß das Schreiberlein
traurig wurde, als es das schöne Fell so entstellt sah, aber es
vertröstete sich auf den breiten Graben, der kommen mußte. In dem
sollte der Hund schwimmen und sich rein spülen, dann mußte er nach Haus
geschickt oder gejagt werden.
Der Graben war bald erreicht, und der Zuruf des Schreiberleins ließ den
anfangs zögernden Hund in das tiefe Wasser springen. Als er hin und her
geschwommen war, rief es ihn zurück.
Er war wirklich reiner geworden, als er sich abgespuddert hatte.
»So, nu sall he no Hus,« sagte das Schreiberlein ernsthaft, trat ihm
entgegen, wies mit dem ausgestreckten Arm nach der Geest und befahl:
»Pulli, no Hus! No Hus! Hus! Hus!« Aber der Hund ging nicht von der
Stelle, er tat, als hätte er nichts gehört: nur daß er von einem Fuß
auf den andern trat, mochte kund tun, daß etwas in ihm vorging.
»Kannst du nich hörn?« drohte das Schreiberlein, drängte gegen ihn,
schob ihn vorwärts, wies ihm die Fäuste und suchte ihn ernstlich
wegzujagen. Auch die andern drei stampften auf und suchten ihn zu
scheuchen. »Nach Haus!«
Da schien er zu begreifen, was sie mit ihm vorhatten, und daß es Ernst
wurde. Alle Frische und Lebhaftigkeit wich aus seinen Bewegungen, er
zwinkerte mit den Augen und schlich unruhig bald vor und bald zurück.
»Man to, man to! No Hus!« Da kam er zu dem Schreiberlein gekrochen und
setzte sich vor ihn hin, hob bittend die Vorderpfoten, leckte mit der
Zunge und bettelte mit feuchten Augen. Das mochte ein anderer ertragen
als das gute Schreiberlein, das tief erschrocken war. »Hast wohl kein
Haus?« fragte es bewegt und legte ihm zärtlich die Hand auf den Kopf.
»Wenn du bei mir bleiben willst, so tu es. Ich verjage dich nicht.«
Da wedelte der Hund freudig und folgte ihm weiter.
Wieder galt es, Steine zu holen, über den Stock zu springen und hübsch
zu machen. Das Schreiberlein schien nur noch für das Tier da zu sein,
und das eine Mädchen begann schon, verdrießlich zu werden.
»Wollen Sie ihn mitnehmen?« fragte der Lehrer.
Das Schreiberlein zögerte mit der Antwort. »Ich weiß nicht. Wenn ich
wüßte, daß er ausgesetzt wäre und kein Haus hätte, nähme ich ihn mit.«
Und es sah nachdenklich aus.
»Wollen Sie ihn denn behalten?« begehrte ein Mädchen zu wissen.
»Ich könnte ihn ja auch nach dem Tierhaus an der Süderstraße bringen,«
antwortete das Schreiberlein fast ärgerlich.
»Ach, lassen Sie ihn doch wieder laufen,« sagte das andere Mädchen.
»Geht er denn?« fragte das Schreiberlein. »Er ist ja nicht
wegzubringen, nicht mit Gewalt.« Es nahm nochmals einen Anlauf und
lief den Hund fast um, aber es hatte wieder keinen Erfolg. Das Tier
legte sich erneut aufs Betteln, und das Schreiberlein war nicht der
Mann, dem zu widerstehen. Ich kann es nicht, ich bringe es nicht übers
Herz, dachte es still und bedrückt, atmete tief auf und streichelte den
dankbar winselnden Hund.
Später lief es mit ihm um die Wette und kam den andern dabei ein
beträchtliche Stück voraus. Pulli stellte sich an den Grabenrand und
schlappte Wasser.
»Büst ok all hungrig?« fragte das Schreiberlein und schnallte den
Rucksack ab. Der Hund kam fragend näher und als er Brot und Wurst
bekam, fing er es hastig und fraß mit lebhafter Freude. So frühstückten
die beiden Wandergenossen am Wegrande, und als die Vorratskammer
ausgeräumt war, legte das Schreiberlein sich längelang ins Gras, und
der Hund ruhte neben ihm. Die Hand ruhte auf dem Kopf des Tieres.
So lagen sie zwischen Löwenzahn und Butterblumen, bis die andern
herangekommen waren.
»Ich bin vom Berg der Hirtenknab,« sagte der Lehrer launig.
»Bin ich auch!« gab das Schreiberlein stolz zurück, reckte sich und
sprang auf die Füße.
»Soll er denn nun noch weiter mit?« fragte ein Mädchen, als sie wieder
eine Strecke gemeinsam zurückgelegt hatten.
Das Schreiberlein guckte wie verloren nach dem dicken, roten
Neuenfelder Kirchturm, der inmitten der Dächer stand wie eine
Gluckhenne zwischen ihren Küchlein.
»Wir kommen gleich an die Süderelbe,« sagte es, »da soll es sich
entscheiden. In das Fährboot kommt er nicht hinein. Schwimmt er uns
aber nach, dann soll er mit mir.«
Das war aber nicht seine richtige Meinung. Es war mit dem Hund in
Gedanken schon in seiner kleinen Stube angelangt, wie Doktor Faust mit
seinem Pudel, und Goethes Worte gingen ihm durch den Sinn.
Wie du draußen auf dem bergigen Wege
durch Rennen und Springen ergötzt uns hast,
so nimm nun auch von mir die Pflege
als ein willkommner, stiller Gast.
Es wußte gewiß, daß der Hund mitlaufen und auch den Weg in das Fährboot
finden würde.
Schon blitzte die Süderelbe hell durch das Weidengebüsch. Mit reißender
Strömung flutete sie ostwärts. Das Fährboot hielt gerade wartend an
dieser Seite, so daß die Gesellschaft nicht zu läuten brauchte.
Zwei Altländer Knechte mit Rädern standen schon im Boot.
Zuerst stiegen der Lehrer und die Mädchen ein, die sorglich ihre
Kleider rafften, dann wollte das Schreiberlein folgen, ohne sich nach
dem Hund umzusehen, aber dieser sprang behend vor ihm hinein und kroch
unter die Duchten.
»Da haben wir es,« bemerkte der Lehrer laut, »was nun?«
»Wollen Sie ihn wirklich mitnehmen?« fragte das ältere Mädchen.
Armes Schreiberlein!
Sechs Menschen guckten es an. Da mußte es wohl fremd und scheu werden.
»Ach, laßt es doch, wie es ist,« sagte es ablenkend und setzte sich auf
die hinterste Ducht, immerfort nach dem Wasser guckend.
Aber der Fährmann war aufmerksam geworden.
»Hört de Hund ne dorto?« fragte er.
»Nein,« sagte das Mädchen, »er ist uns von der Geest nachgelaufen.«
»Denn schall dat Oos ok ne mit,« entschied der Fährmann. »Rut mit
di! Rut!« Er erhob das schwere Ruder und scheuchte den Hund damit
ins Wasser, daß das Tier über und über bespritzt wurde und entsetzt
zurückwich.
Dann stieß er eilig ab.
Das Schreiberlein schwieg. »Sprich, steh auf, ruf!« schrie es in ihm,
aber die alte Lebensangst und Furcht hatte sich riesenhoch in ihm
erhoben und preßte ihm die Kehle zu. Wie ein geducktes Vöglein saß es
da und sah nach dem Hund.
In dessen Augen lag ein schmerzlicher Ausdruck der Verlassenheit, als
er das Boot sich entfernen sah, er winselte und heulte und kroch auf
und ab, lief hin und her und guckte verlangend über das Wasser. Ein
Altländer rief lockend: »Komm, komm!« Auch in dem Schreiberlein rief
es: »Komm, komm!« aber über seine Lippen rang sich kein Laut.
Der Hund watete bis an den Bauch in das Wasser hinein und streckte die
Schnauze vor, als wollte er schwimmen.
»De swümmt gliek,« rief ein Knecht.
»Ja, schwimm!« dachte das Schreiberlein und fühlte, daß des Hundes
Blick an seinem Gesicht hing, aber es vermochte kein lautes Wort zu
finden.
Das Boot kam immer weiter in den Strom hinein.
Der Hund blieb lange Zeit in dem strömenden Wasser stehen, dann
watete er langsam nach dem Trockenen zurück. Noch einige Male lief er
verlangend auf und ab, stand wieder still und sah dem Boote nach, dann
drehte er sich um und lief den Damm hinauf. Oben angekommen, stand
er wieder still, sah eine lange Weile zurück, dann lief er fort und
verschwand hinter den Weidenbüschen, die den Weg umgaben.
Armes Schreiberlein.
* * * * *
»Tut es Ihnen leid?« fragten die Wandergefährten, als sie am
jenseitigen Ufer angekommen waren und nach dem Deiche gingen.
Das Schreiberlein gab keine Antwort, es guckte sich aber immerfort
um und sah nach dem anderen Ufer, das still und verlassen dalag, und
wartete, daß der Hund wiederkomme. Dann wollte es rufen, so laut es
konnte, und er sollte herüberschwimmen. Es konnte nicht begreifen, daß
es so gekommen war, und begann den erbärmlichen Verrat zu erkennen, den
es sich an seinem treuen Genossen hatte zuschulden kommen lassen.
Der Lehrer gab sich Mühe, ihm einzureden, daß der Hund sein Haus auf
der Geest haben müsse, ein ausgesetztes Tier wäre gewiß nicht so
reinlich gewesen, daß es sich vermöge seines Geruchssinnes leicht
zurückfinden werde, vielleicht schon wieder auf der Geest spiele, aber
das Schreiberlein war nicht zu überzeugen. Es guckte nur über das
Wasser, schüttelte mit dem Kopf und sagte:
»Das mag *Sie* rechtfertigen, mich nicht!«
Schwere Dinge warf sein Herz auf. Wie brausendes Wasser gingen ihm die
Gedanken durch den Kopf. Es erkannte mit schmerzlicher Gewißheit, daß
es einen Schritt getan hatte, der es nach und nach ins Gleiten bringen
mußte.
Und der Hund erschien noch immer nicht wieder an der Fähre.
Da, als die Drei schon anfingen, sich heimlich anzustoßen, blieb das
Schreiberlein stehen und bot ihnen die Hände zum Abschied.
»Ich kann nicht weitergehen,« sagte es ernst, »ich muß zurückfahren und
den Hund suchen. Anders finde ich keine Ruhe.«
»Das ist verrückt!« rief der Lehrer, und sie redeten heftig auf ihn
ein, aber sie erreichten nichts, weder vermochten sie ihn mit dem
unwegsamen Moor zurückzuhalten, noch mit der nahen Dämmerung zu
schrecken.
Er müsse hinüber und sie müßten schon allein nach dem Dampfer gehen.
Das war alles, was sie zu hören bekamen.
Kopfschüttelnd mußten sie es schließlich aufgeben und weitergehen.
Über das Schreiberlein aber war mit dem Entschluß eine fiebernde Unruhe
gekommen. Es lief mehr, als es ging, nach der Fähre und trieb den
Fährmann zur Eile.
»Wedder röber?« fragte dieser.
»Jo, jo!« drängte das Schreiberlein, und wollte schon sagen, daß es
seinen Schirm im Altenland vergessen hätte, aber es war etwas in ihm,
das gewaltsam hervordrängte. »Ich will den Hund holen,« sagte es festen
Tones und empfand dieses Geständnis als etwas Wohltuendes.
Der Fährmann lachte, dann aber sagte er ernst: »De is all lang weg.
Ober dor sitt 'n Wulkenbank in 'n Westen, dat kann licht 'n Gewitter
geben. Blieft leber hier, ik wohrschoo jo.«
Das hatte das Schreiberlein, das immer nach dem Damm guckte, wohl gar
nicht verstanden, denn es gab keine Antwort darauf, sprang aus, noch
ehe der Kahn angelegt hatte, und lief in Sprüngen fort, daß der Mann
herzlich lachen mußte über den närrischen Kerl.
»Pulli! Pulli!«
Unbekümmert rief das Schreiberlein, einerlei, ob Menschen es hörten
oder nicht, spähte nach allen Seiten und schritt erregt weiter, dem
Moor entgegen.
Aber kein Hund war zu sehen.
Als es von dem weiten, düstern Moor umfangen war, begann schon die
Dämmerung ihre stillen Flügel ausbreiten. Da rief es lauter als zuvor,
daß die Regenspatzen in dem Schilf erschrocken das Piepen ließen. Die
Dämmerung nahm überhand, da suchte und rief das Schreiberlein noch
ängstlicher und strengte seine Augen an, daß es den vorherigen Weg
wiederfinde, was bei den vielen Moorwettern, Brücken und Stegen, bei
Kreuz- und Querstücken nicht leicht war. Die Weidenbüsche wuchsen wie
riesenhafte Tiere aus dem Gras und bekamen drohende Augen.
»Pulli, neem büst du?«
Draußen auf der Elbe war Ebbe eingetreten. Die vermochte aber nicht zu
verhindern, daß die Wolkenwand sich höher schob und sich ausbreitete.
Einige Sterne waren schon sichtbar: nun schoben sich dunkle
Wolkenhände über ihren stillen Schein.
Von den Moorburger Wiesen, den weit entfernten, scholl das ängstliche
Brüllen des Viehs. Gespenstisch schnell überzogen die Wolken den Heben.
Ferner, grollender Donner quoll langsam auf, als käme er aus dem
Wasser. Da fiel auch das erste Licht vom Heben, und ein Windstoß fegte
warnend über Baum und Halm.
Armes Schreiberlein -- warum stehst du still vor dem breiten Graben;
hattest du da einen Steg vermutet? Hast du dich verlaufen, weißt nicht
mehr, wo du bist? Und hast den Pulli immer noch nicht gefunden?
Such den Steg, das Gewitter hängt über dir. Die ersten schweren Tropfen
fallen wie Blei. Der Wind schwillt an. Den Steg!
Schreiberlein, mit Kriechen kommst du nicht von der Stelle! Da fliegt
dein Hut!
Armes Schreiberlein ...
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Als der lange Hinnik Quast am andern Morgen seine Moorkartoffeln hacken
wollte, hing etwas Braunes unter dem Steg, der über die breite Wettern
gelegt ist. Es war ein ertrunkener Mensch, der fehlgetreten sein mußte.
Armes Schreiberlein ...
Sonntagnachmittags.
Unten am Deich beim tiefen Sielgraben stehen kleine Jungen und fischen
nach Stichlingen, den Sperlingen im Reiche der Schuppen. Oft müssen
sie die runden braunen Netze auswerfen, weit hinaus bis an die Jollen,
die da ihren Winterschlaf halten, bis sie einige von den spaddelnden,
stacheligen Gesellen fangen. Das ficht sie nicht an. Sie fischen nicht
um vergängliche Erdengüter, sondern rein des Vergnügens wegen. Sie
werden gar nicht gewahr, daß das Wasser eiskalt ist und daß sie mit den
Stiefeln tief im Schlick waten, ebensowenig wie es sie stört, daß es zu
Hause für die Kleigräberei und Sabbatschändung vielleicht etwas auf die
Jacke, sicherlich aber eine gehörige Tracht Schelte geben wird -- sie
fischen und fischen und sind gesund und munter dabei.
Jung-Finkenwärder, Fischereigesellschaft mit blauen Hosen.
Dazu weißbunte Hemden. Die runde, graue Fischermütze steht ihnen wie
ein Glorienschein um die hellblonden Köpfe. Nur die blaugefrorenen
Gesichter und die lauten Reden stellen sich der Heiligkeit entgegen,
beim einen mehr, beim andern minder.
Ein grauer, stiller Wintertag will in Dunst und Nebel gehen, wie er
gekommen ist. Trübe ist der Himmel, mit farblosen Schatten behangen,
und die weite, breite Elbe liegt bleiern und matt da. Auch Blankenese
schaut düster und mürrisch drein, als könne es gar nicht blinken und
lachen. Einsam kriecht ein Stader Dampfer stromab. Der weiße Rauch
verliert sich in dem grauen Einerlei. Ein Tag ohne Sonne. Dem haftet
etwas Verlorenes an und etwas Verstimmtes. Wie Schlaf und Tod liegt
es auf der Welt, die auf einmal alt geworden zu sein scheint! Und ein
Grauen des Vergessens steht in den kahlen Ästen.
An solchen Tagen bringt es mich zu dem alten Harm Holst, der sein
kleines Haus am Deich warm und heimlich hält und weder den Ofen, noch
die Pfeife ausgehen läßt, auch nicht einmal selbst ausgeht.
Erst macht der struppige Hund wedelnd und niesend seinen Diener, und
dann gibt Harm mir nickend und lachend die Hand.
Dann sitzen wir am Fenster.
Nach den Jungen gucken wir, die immer noch fischen und kurren.
Leise nickt er mit dem Kopf: »Da hab ich auch mal gestanden und
Stichlinge gefangen.«
»Auch ich,« sage ich langsam, und wie ich so sinne, meine ich, der
kleinste aus der Schar zu sein, der am eifrigsten auswirft und am
wenigsten fängt.
Dann wird es wieder still.
In der Ecke steht breit und behaglich der hohe Kachelofen, wie eine
Bauernfrau, die in ihrer weißen Schürze dasteht und lacht ... leise
... aber doch so, daß es zu hören ist ... Oder sind es die rotbackigen
Äpfel, die in der Röhre piepen? Oder ist es der Tee, der in seiner
bunten Kanne sein mildes, feines Lied singt? Oben über dem Alkoven
aber hängt eine weise, weise Frau aus dem Schwarzwalde, mit rundem,
braunem Gesicht und gelben Ketten und Gewichten, und sagt vernehmlich
vor sich hin: »Ick weet allns! Ick weet allns!« Plattdeutsch hat sie
gut gelernt, aber es langt nur zu den drei Worten: auf eine längere
Unterhaltung läßt sie sich nicht ein. Wer alles weiß, der braucht
freilich auch nicht mehr viel zu reden.
Harm sagt in die Stille hinein:
»In Hamburg, Gorch, da ist alle Tage Sonntag. Wir haben bloß alle
sieben einen.«
Ich nickte bloß. Fast habe ich vergessen, daß es laute Straßen gibt mit
grellen Läden und sausenden Bahnen und einem dichten Gewühl elender und
glücklicher Menschen.
»Ick weet allns! Ick weet allns!« meinte wieder die Großmutter, und wir
hören ihr zu. Sanft und freundlich spricht sie uns die Sekunden ab, und
wir lassen sie gewähren.
Bis ich sage: »Nun könnt Ihr den Ofen bald kalt werden lassen.«
»Junge, wo denkst du hin? Wir haben ja noch den Februar vor uns. Und
der Februar, der ist ein strenger Mond. Was der einmal zum Januar
gesagt hat? Wenn ich soviel Kraft hätte wie du: auf der einen Seite im
Topf sollte das Wasser frieren und auf der andern Seite kochen.«
»Ick weet allns! Ick weet allns!« sagte die Stimme aus Baden.
»Da stehen sechs Fische im Kalender, Gorch. Das kann mir nicht
gefallen. Die sehen wir bald auf der Elbe.«
»Auf der Elbe?«
»Ja, Gorch. Die Seen kriegen weiße Köpfe. Sturm gibt es ... Der Sommer
ist noch weit weg, Junge. Erst muß die Natur sich noch brechen. Und
das tut sie nur im Sturm, Gorch. Erst muß sie ein paar Ewer und Kutter
kriegen, dann gibt sie uns Schollen und Zungen.«
Ich guckte ihn schweigend an.
»Das ist gewiß so, Gorch. Sieh mal: Bauern kriegt sie nicht. Was tut
der Bauer, Gorch? Die Scheune warbelt er zu und die Fenster setzt er
mit Luken zu, dann läßt er den Wind suchen und schnauben. Der wird
vergrillt und nimmt ein paar Fischerleute beim Flunk. Von denen sind ja
genug da!«
»Schwarze Kleider aber noch nicht,« setzte ich düster hinzu.
»Ick weet allns! Ick weet allns!«
»Da war auf dem Kreinhof mal ein großer Bauer, Gorch. Im Frühjahr, wenn
es ans Pflügen gehen sollte, fragte er einfach: Wieviel Fischer sind
geblieben? Erst wenn es drei waren, holte er den Pflug aus der Scheune.
Er wußte, was er tat, Gorch! Waren noch keine Fischer geblieben, so
waren auch die Stürme noch nicht dagewesen -- und die Stürme gingen mit
der Elbe über seinen niedrigen Deich und spülten die Furchen glatt,
wenn er vorher gepflügt hatte.«
Die Dämmerung ging säend über das Land und streute tausend dunkle
Körner über Weg und Wasser. Die Jungen packten die Netze zusammen,
nahmen die Eimer in die Hand und gingen fort, der dampfenden Pfanne und
dem rauchenden Stock entgegen.
An der andern Seite, zu Nienstedten und Blankenese, stecken sie die
Lichter an, eins nach dem andern. Immer stiller wird es.
Wir bleiben noch in der Schummerei sitzen und haben die Augen auf dem
Wasser, über das der Schein der Lampen zittert. Und weil es so geruhig
ist und so sinnig und die Formen weicher und unbestimmter werden, weil
die Dinge größer und geheimnisvoller erscheinen, erzähle auch ich
eine Geschichte, die ich gelesen, von Kai Jans, dem Matrosen, dem
Gottsucher, der um die ganze Welt segelte und Hilligenlei suchen wollte
und nur von ferne einen großen, guten Menschen stehen sah.
»Hast du dir die Geschichte ausgedacht, Gorch?«
»Nein, ein Dichter, Harm, einer, der früher Pastor gewesen ist, bei
Büsum da.«
»Den möcht ich mal sehen, Gorch. Der macht aus Jesus einen Menschen.
Das ist gut, Junge. Aber dann mußte er auch aus dem Menschen einen
Jesus machen, Gorch. Warum hat er das nicht getan?«
»Ick weet allns! Ick weet allns!« sagte wieder die Muhme von oben.
Und nun die Lampe brennt, wird es noch stiller in dem Stübchen, und wir
sagen gar nichts mehr.
Hans Otto.