* * * * *
Dann schwieg der greise Pastor.
Der junge Bauer war aufgestanden.
»Die Bibel weiß nichts davon, Herr Pastor. Wenn die alte Frau selbst
Hand an sich gelegt hat und nicht in der Reihe liegen kann und keine
Rede kriegen kann, Herr Pastor, dann muß ich sie auf meinem eigenen
Lande beerdigen und ihr selbst ein Gebet mitgeben.«
Und seine schweren Schritte verklangen auf der Treppe.
Am Staket stand der Schimmel. Er schwang sich hinauf und ritt davon.
* * * * *
Den Abend vor Ostern war es.
Da brannten zwei lange, dünne Kerzen in der verräucherten Kate zu
Häupten der alten, toten Frau, deren spitzes, weißes Gesicht aus dem
Sarg guckte.
In den Ecken steckte schon die Nacht.
Hans saß neben der Leiche und hatte den Kopf in die Hand gestützt und
blickte unverwandt nach der Toten. Ein tiefer, grüblerischer Zug lag um
seinen Mund.
Geeschen streifte ihn ab und zu mit scheuen Blicken. Sie war fast bange
vor dem starren Bauer, der sich nicht rührte und nicht regte. Sie
lehnte am Fenster und sah nach den Lichtern auf dem Wasser. Sie hatte
ein feines, schwarzes Kleid an, das Hans ihr aus der Truhe gesucht
hatte. Es stand ihr wunderfein. In dicken Flechten lag das Haar um den
Kopf. Und die Augen hatten nichts von ihrem Glanz verloren. An ihnen
war kein Weinen zu sehen.
Aber Hans sah davon nichts.
Die Kerzen flackerten auf, als die Tür ging und Peter eintrat.
Der Bauer stand müde auf.
»Ward Tied,« sagte er dumpf und sah Geeschen an. Fragend begegnete sie
seinem Blick. Dann begriff sie, preßte die Lippen aufeinander und ging
an den Schrein. Sie drückte die kalte Hand zum letzten Male und ging
wieder nach dem Fenster.
Peter sagte treuherzig: »Adjüst, Angk.«
Dann legte Hans das weiße Kleid zurecht, klappte leise den Deckel zu
und verschloß den Sarg.
Die beiden Männer trugen ihn langsam den Deich hinunter und setzten ihn
in den grünen Kahn, der am Bollwerk lag.
Es war eben Hochwasser gewesen.
»Du bruks ne mit. Ick kann alleen klor warn,« sagte Hans und nahm die
Riemen zur Hand.
»Wenn du 't meens,« gab Peter zur Antwort und steckte die Hände in die
Taschen und drehte bei. Unterwegs dachte er an die hundert Pülle grünen
Kohls, die er für Angk noch auf dem Felde stehen hatte. Die kriegte sie
nun nicht mehr und sie hätte sich so sehr darüber gefreut. Nun konnten
sich die Hasen freuen.
Geeschen hatte ein wollenes Tuch um den Kopf gebunden und den Kranz in
die Hand genommen. Auf der Achterducht nahm sie Platz und legte den
Kranz auf den Sarg.
Sie band das Tuch fester. Es fror sie. Der Nachtwind kam kalt von Osten.
Hans ruderte schweigend ab.
Aus dem Sielgraben waren sie bald hinaus.
Es war tiefe Nacht geworden. Tiefe, stille, feierliche Nacht. Am Heben
ging der Mond durch die weißen Wolken wie ein König durch sein Volk.
Auf dem Wasser blinkte und leuchtete er. Die Elbe war ruhig. Kaum daß
die Lichter von der andern Seite, von Nienstedten und Teufelsbrücke,
herüberglitten und -schwankten. Nur das Knarren der Riemen war zu
hören, das Surren der wilden Enten, das Tropfen und Lecken der Riemen.
Auf dem Perlenkranz stand der Mondschein starr und kalt, und über das
düstere Gesicht des Bauern huschte er fast ängstlich.
Geeschen guckte bald hierhin, bald dorthin.
»Lot dat Kieken no,« sagte er.
Da sah sie den Mond auf dem Wasser und griff mit den Händen danach. Er
zerging in Stücke und wurde wieder gelb und rund. Vollmond und Halbmond
hatte sie schon gemacht. Nun sollte das erste Viertel an die Reihe
kommen.
Da fragte Hans: »Wat heß du dor?«
»Ick griep den Mon.«
»Leß em sitten, hürs?«
Sie hatte die Hand zurückgezogen, aber es dauerte nicht lange, da hatte
sie sie wieder heimlich über Bord gestreckt und ließ sich das Wasser
durch die Finger strömen.
Er hörte es.
»Nolaten!«
»Warüm?«
Da guckte er ernst auf den Sarg und tauchte die Riemen tiefer ein.
Sie saß da mit ihrem raschen Herzen, mit ihrem warmen Leibe, mit ihrer
köstlichen, goldenen Jugend und ihrer neuen, tauigen Freiheit. Wie
Blumen und Sonne war es in ihr. Und sie mußte sich ducken, konnte nicht
singen. Mußte frieren.
Frieren? Es fror sie nicht. Nicht mehr. Das Tuch fiel ihr von den
Schultern. Der Mond spielte mit ihrem Haar und floß um ihr junges
Angesicht.
Sie hielt das Schweigen nicht mehr aus.
»Hans Banidt?«
Er sah kaum auf.
»Sitt dor ne so benüßt. Kiek mi an un snack 'n Wurd. Wi levt jo doch,
Hans Banidt. Segg doch wat. Mi ward jo rein angs un bangen.«
Er schüttelte den Kopf.
»Wi hebbt Beerdigung.«
»Hans Banidt, di deit dat leid, dat't so kamen is, ne? Du wulls, dat du
mi ne sehn hars, wat?«
Er unterbrach sie schroff.
»Wees still, Diern.«
Da gab sie es auf und schwieg.
Auf dem Neß und am Süllberg flammten Feuer auf, große, rote Feuer.
Sie wies mit der Hand hin.
»Kiek, kiek, Hans Banidt! De Ostermonen! Wo grot, wo fein! Dat is
Ostern! Ostern, Hans Banidt!«
Er knurrte. Das Gespreche störte ihn. Er wollte nichts wissen.
Sie sah ihn groß und fragend an, bis das kleine Eiland erreicht war.
Es war der Swiensand, der verlorne Posten zwischen Blankenese und dem
Alten Land, hundert Schritt im Umkreis Sand und Schlick, in der Mitte
Weidenbüsche.
Scharrend stieß der Kahn auf den Sand und saß fest. Hans stand auf und
zog ihn hoch aufs Trockene.
Da konnte Geeschen ausspringen und lief behend nach den Weiden.
»Kiek, Bur! De feinen, weeken Katten!« Und riß gleich an einem Zweig.
Aber der war zäh. Sie mußte ihn zuletzt durchbeißen.
Der Bauer hörte nicht darauf.
Er hatte den Sarg auf den weißen Sand gesetzt und war mit Schaufeln und
Äxten dabei, das Grab zu machen. Durch die Wurzeln mußte er sich hauen,
mußte graben und graben fast eine Stunde lang.
Geeschen umkreiste das kleine Land und lief in Sprüngen über den Sand.
Sie ahmte das Schreien der Möwen nach und machte sich ein Erdbeben in
dem feuchten Sand.
Von Zeit zu Zeit wischte Hans sich die Tropfen von der Stirn und schalt:
»Lot dat Speelen no.«
»Ans frier ick.« rief sie.
Dann schlich sie sich behutsam hinter ihn und strich ihm mit den
Weidenkätzchen die Backen und war wie ein Iltis davon.
Von den bunten Muscheln suchte sie einen ganzen Berg zusammen. Sie
baute aus ihnen ein Haus mit geschickten Händen.
Ordentlich warm wurde ihr dabei.
Hans kam.
»Ick mok 'n Gruft un du?«
»Ick mok 'n Hus,« sagte sie wichtig. »Kiek mol, Hans, wat för 'n Hof.«
»Du bis 'n Kind.«
Dann mußte sie mit ihm gehen.
Der Sarg stand schon in der Tiefe.
Geeschen ließ den Kranz hineinfallen, und es schauderte sie. Hans nahm
die Mütze ab und betete laut ein Vaterunser und setzte hinzu:
»Du ligs hier eensom, Angk, bi Meben und Kreien, ober still un geruhig
-- un mihr wulls du jo ne. Amen.«
Dann rauschte der Sand hinab, und Sarg und Kranz verschwanden. Als der
Hügel sich wölbte, steckte er die Schaufel beiseite und sah Geeschen an.
Langsam streckte er ihr die Hand hin.
»De Dode is versorgt. Nu kommt de Lebendigen wedder anne Reh.«
Ein fester Lebenswille stand in seinen Augen. Da legte sie ihre kleine
Hand in seine große und sah ihn lange an. Und in beider Augen glomm es
auf.
Dann lief sie fort, und als er ihr noch verwundert nachsah, da hatte
sie schon einen Haufen Feeks zusammengeworfen und zündete ihn an. Und
eine helle, rote Flamme prasselte auf.
»Wat schall dat denn nu?« fragte er.
»Is doch Ostern!« rief sie, »smiet man Feek up!«
Und er tat es. Ihm war wunderlich geworden. Größer und größer wurde das
Feuer.
Der Schein wallte auf dem Wasser, als sie heimfuhren. Da sagte er es:
»Wullt du mien Fro warn?«
Sie sah ihn groß und schweigend an, -- und schweigend fuhren sie ans
Ufer.
* * * * *
Fern auf dem Swiensand leuchtete noch das Osterfeuer durch die Nacht.
Aber die Hähne krähten schon, und Ostern wollte es werden.
Kassen Witt sin Freeree.
Kassen Witt lewt sin Gild.
He hett dat Arbein ne mihr neudig. Söbentwintig Joahr hett he no See
foahrn, up allerhand Oart un Wies', as Jung, as Knecht, as Settschipper
un as Schipper. Doarbi hett he bi lüttjen so veel up'n Dutt kreen, datt
he dat geruhig mit ansehn kann, wenn de annern sich afrieten möt. He
hett sin lüttj egen Hus, hett Hof un Diek, hult sich 'n poar Hünner,
mokt sich 'n Swien fett -- un wat dat doarbi to schirrwarken gift, dat
kann he meist in'n wittbunten Buscherump un mit 'n Brösel in 'n Mund
af. De Nobers segt: he harr sich dat fein utklamüstert, em kunn keen
See un keen Wind wat mihr dohn, un he much woll lachen, wenn de annern
schreen müssen.
Letzt wür Kassen Witt ober ne tofreden. He kunn ne recht mihr kloar
warn un dacht, he kunn bi sin Joahrn woll noch ganz leiflich freen. As
he noch foahrn dä, harr he doar nix van af weeten, do harr he an so'n
Krom ne dacht: ober nu kreupen de Heiratsgedanken obends mit em up 'n
Bitt un stünn'n morgens mit em up. Wokeen he freen wull, harr he ok
all fastsett. Sill schull dat wesen, de swatthoarige Sill, de mit em
ut de School kommen wür un de he do woll all 'n ganz lüttig beetjen
lien mucht harr. De harr ok keen afkreen, sünder dat he jüst to seggen
wüß, worüm se oberbleeben wür. Enkelte sän, se harr ne uppaßt, oder, se
harr to veel snootert; welk meenen, se harr ne wullt, welk, se harr all
bitieds dat Hexen van ehr Mudder lihrt -- un dorüm harr doar keeneen
anto wullt. Mucht wesen as't wull: Sill wür 'n glatte Diern wesen, harr
danzt un rümjucht as de annern, se wür nu ok noch 'n troße, gohtliche
Fro. Kassen harr doar woll Lust to. Datt se beetjen to veel snacken
dä, versleu em nix, doar wull he woll mit kloar warn; he kunn ok 'n
deftigen Kurrboom snacken. Un wenn se keen hebben wullt harr: 'n gralle
Diern brukt doch ne jeden Hans un Franz to nehmen -- un kunn Sill ne
ganz god up em teuft hebben? -- Bloß mit de Hexerei wüß Kassen sich ne
recht to stilln: dat wür noch dat Leegste. Wenn Sill hexen kunn, denn
harr he den Mot woll batz sacken loten mucht, ober för gewiß wüß dat jo
keeneen un de Lüe snacken sich oberlingen eendeel trech.
Dem Deubel ook, wat wür dat noch förn fein Wief, wat güng se noch troß
langs 'n Diek! Ehr Ploten weih inne Wind. Folten würn in ehr Gesicht
noch ne gewohr to warn, un 'n Gang harr se as 'n junge Diern, de no
Musik geiht. Kassen keek ehr 'n ganze Tied noh. Ne, nu kunn he dat ne
mihr utholn. Un inne Schummeree pett he sich mol no ehr langs.
Sill seet in ehr Kök un wür bi't Knütten. De griese Koater seet blangn
ehr up de Bank.
Kassen füng an to hoffen.
»Nobend, Sill.«
»Nobend! ... Kassen? ... Non? ... Wat heß du denn, dat du mi besöchst?
Legt din Hünner keen Eier genog oder fritt din Borch ne good?«
Kassen sett sich up 'n Löhnstohl.
»Ne, Sill, dat wull jüst ne. Dat Veehwark is good up 'n Schick. Ober
ik much woll giern mol 'n Wurd mit di alleen snacken, Sill. Kiek mol,
Sill, so geiht uns dat: Du sittst hier alleen un ik sitt doar alleen,
du kookst för di und ik för mi, dat is eensom un köst duppelte Füerung.
Wenn wi nu tohoop kooken däen, Diern, schull dat ne beter gohn? Ik
gleuwt meist! Wollt wi uns Plünnen tohoop smieten?«
»Och, Kassen Witt! -- Dat harrst man leeber ne seggen schullt. Du
harrst den Krom sinnig angohn loten müßt, ne gliek so mit de Klumpfust
uppe Nees!« --
Dat güng em schetterig. He kreeg keen Been mihr anne Grund. Sill güng
mit Würden up em dol, as de Klimmer up 'n Heenküken oder as de Floot bi
vulln Moon un harten Wessenwind up 'n Diek. Wat he woll wüß un wat he
woll müß, wat he woll schull un wat he woll wull, so neihte se em. Ehr
Doog ne! Freen! Wenn se dat wullt harr, harr se noch 'n ganz annern
krien kunnt, un wenn se dat wull, denn kree se vundoog noch 'n ganz
annern. Ober nee, se wull mit de Mannslüe nix to dohn hebben, se kunn
dat so beter hebben. So güng dat lustig wieder.
Kassen dreew bannig oberstür bi düsse Gelegenheit. He füng noch 'n
poarmol wedder an to krüzen un uptoluven, ober he keem gegen Sill ne
an. Ehr Koater wür ehr leber as een Mann, sä se. Se harr ehrn Koater,
un solang se denn noch harr, wür se ne alleen. De wür trohartiger as 'n
Minsch. Doarbi nehm se dat ole griese, täsige Diert up 'n Schoot, un ei
dat van 'n Kupp bit no 'n Stiert, as wenn't ehr eegen Kind wür.
»Ne, min seute Koater?«
Dat kunn Kassen ne mit ankieken. Dat wür em all lang to stur wurden up
düsse See. He dreih bums bi un seil no Hus.
»Wi snackt doar noch mol ober, Sill,« sä he batz un rabaster den Diek
langs as 'n Peerd, dat fillenloopen is.
»Hö! Hö! Kassen, wat büs du denn so inne Foahrt?« reep Ol-Gierd em no,
ober Kassen hür doar goarne no hin un leep wieder.
As he in 'n Hus wür un blangen den Oben seet, den Krom noch mol eulich
nodacht, güng de Dör open un Ol-Gierd keem inne Dönß rin.
»Hest mi goarne antert, Kassen,« sä he un güng an 'n Disch ran. Doar
kreeg he den Tabakskassen her un stopp sich sien Piep vull.
Kassen bier, as harr he nix hürt.
»Lang mi mol 'n Rietsticken her.«
Kassen geef em Füer un Gierd füng an to paffen. Tiedlang duert, to füng
Kassen an:
»De Wieber döht all nix.«
»Non? Wat kummt dat denn? Dat lot jüm man ne wies warn, ans kratzt se
di woll dien scheune Nees twei.«
»Könnt se all weeten.«
»Kassen, wat hest denn mit jüm hatt? Hest woll freen wullt un hest
'n poar Schoh kreen? Se hebbt doar all van snackt, dat du an't Freen
dinkst.«
Kassen wör gnatterig.
»Denn lot jüm man van wat anners snacken,« gnurr he, »ik will ne mihr
freen.«
Nu kree Gierd dat Gucheln.
»Härrhärrhärr! Büs woll bi Sill wesen un hest dat Jowurd holn wullt?
Dat is nich so leicht.«
Kassen keek sin Makker scharp an, do sä he: »Kanns swiegen, Gierd?«
Gierd nicküpp: »As 'n doode Nebelkreih, dat kann ik di flüstern.«
Kassen snack sinniger.
»Denn will ik di wat seggen, Gierd. De Sill, dat is 'n Hex, 'n Hex up
'n Hauböön, mags dat gleuben oder ne. De is mit 'n Dübel verfreet, un
dorüm kann se sich ne verheiraten. Un weeß, keen de Dübel is? Ehr
griese Koater: de mok erst 'n poar Oogen as Ewerklüsen.«
»Wat sä Sill denn, as du ehr froogen däst, wat se dien Fro warrn wull?«
»Se sä: ne! Se harr dat so beter un solang se ehrn Koater noch harr,
nehm se keen Mann.«
Gierd puß, dat all meist dick van Dook inne Dönß wür. Mit 'n Mol kneep
he de Oogen tohoop:
»Mann, Kassen! Nimm ehr den Koater weg! Drull ehr dat Diert! Denn mütt
se jo 'n Mann hebben un denn nimmt se di oberlingen.«
»Mi?« Kassen wür noch ungläubig as Thomas. »Denn holt se sich 'n annern
Koater.«
»Wat woll! So'n Wief geweuhnt sich ehr an'n Mann, as an'n anner Stück
Veehwark. Drull ehr man den Koater.«
»Ik mag't ne dohn, Gierd. Dat Wief kann hexen. Wenn de Katt weg is,
kloppt se dreemol up 'n Disch: denn hett se ehr wedder.«
Gierd teuh em an'n Arm.
»Dat ward sich doarbi utwiesen,« sä he plietsch. »Hext Se di den Koater
wedder ut't Hus rut, denn is se 'n Hex un du letts ehr loopen. Ans
nimmst du ehr to Fro.«
»Ik bün man bang för den Koater, un woneem schall ik doarmit hin?«
»Sett em up din Böön fast, doar grippt he sich woll so veel Müüs, dat
he leeben kann. Jeden Dag noch 'n Schöttel Melk -- doarmit basta.«
Kassen stöker dat Füer no.
»Wees wat, Gierd? Ik nehm ehr den Koater weg.«
* * * * *
Seit de Tied luer Kassen Witt denn nu Sill ehrn griesen Koater up. Ober
so licht as'n Snööf wür de ne to krien, dat harr Kassen bald spitz.
Wenn dat düster wür, schul he sich in'n Binnendiek langs un smeet
Fisch un Fleesch hin. Swatte und witte Katten keemen bald ankroopen un
freeten un gnurrten, ober de griese Koater wür doar ne twüschen. Oder,
wenn he mol doartwüschen seet, wür he so wild, dat he sich ne griepen
leet. Een Obend ober still Kassen sich achtern groote dicke Esch, un
do harr he Glück un kree den Koater in'n Nacken to packen. As he miaun
wull, steek he em gau in'n Sack un do in Sprüngen twüschen de Wicheln
langs un no Hus hin! De Bööntripp rup, de Dör open gereten, den Sack
utschütt, de Dör towarbelt, de Tripp dolsust: dat würn Oogenblick
Sook. Kassen frei sich, dat he dat Diert harr, ober bang wür he doch
bannig, un as dat boben an to russeln füng un to jauln, puß he bums
dat Licht ut, kreup inne Kubutz, scheuf de Bree to un weuhl sich deep
inne Küssens rien, dat he nix hürn un sehn kunn. Annern Morgen slirrk
he up Strümpfsööcken rup'n Böön, mok de Dör 'n lüttj beetjen open un
keek ünner de Pannen langs. Wat verjeuch he sich, de Kater wür narrns
to blicken. He kreup wieder inne Dör, to verjeuch he sich wedder; de
Koater leeg up 'n ol Goarn un sleep. No dat Verjohn ober frei he sich
bannig, hol den Koater 'n Stück Fleesch un 'n Schöttel vull Melk, un as
de mit de roote Tung slappen dä, to wüß Kassen, dat dat 'n euliche Katt
wür, de nix vanne Hüll afwüß, un dat Sill keen Hexenkrom moken kunn, --
un he keem sich bannig kloog vor. As he den Koater wedder bemokt harr,
steek he de Hann inne Büxentaschen un slarp gemütlich den Diek lang.
Doarbi mok he so'n unschüllig Gesicht, as wenn he keen Swien schreen
hürn kunn. Bi Sill ehr Koat bleef he bistohn un keek no't Woater
hindool. Un luer up. Richtig duer dat ok ne lang un Sill wör em gewohr.
»Kassen?« ... »Jo!« ... »Kassen?« ... »Jo!« ... »Kassen?« ... »Jo!« ...
Kassen sä jo, ober he keek ne üm.
»Vergeew noch mol to, Kassen! Hür doch mol up! Heß min Koater ne sehn?«
»Soll ich deines Katers Hüter sein?« freug Kassen un keek ehr an, as
wenn he ehr dull to wür.
»Ne, eulich! Heß em ne sehn?«
»Kiek ik no Katten? Ik hebb din Koater ne sehn! De sitt woll up 'n
Böön!«
»Nee, nee, Kassen. Up 'n Böön is he ne. De is weg.«
Kassen dach: hex em doch wedder her! un meen:
»Dien Koater is di wegloopen?«
»Wegloopen? De löppt ne weg. Drullt is he mi!«
Kassen keek no Hamborg rup:
»Anner Week is de Doom, Sill,« sä he trurig. »Doar ward 'n barg Heiße
mokt. Wokeen harr dat dacht!«
Sill leet em ne utsnacken.
»Snack ne so dwatsch,« schüll se, »kumm rin un drink 'n Taß Kaffee mit.«
Dat dä Kassen un höh sich in'n Stillen ober Sill, de noch jümmer söch
un reep. Se keek allerwärts to, ober de Koater wür weg un bleef weg. He
wull em mit seuken hilpen, sä Kassen toletzt un güng rut -- ober de un
seuken!
Middogs seh he Sill inne Höf rümstreupen un hür ehr: »Koater! Koater!«
roopen.
Annern Dag söch se noch.
»Kassen, wat komm ik ok doch an.«
He nicküpp, ober he sä nix. He leet noch sinnig 'n poar Doog vergohn.
To füng he bi lüttjen an mit ehr dorvon to snacken, wie trurig dat för
ehr wür, so ganz alleen to husen. Un se kunn doch man 'n anner Katt
nehmen.
Sill keek em an, as wenn he 'n Spleen kreen harr. Ober he mok 'n ganz
trohartig Gesicht, as wenn he ne bit fief tillen kunn.
Poar Doog loater keem he wedder.
»Sill, wat bün ik ok doch meuh. De ganzen Doog hebb ik nu wedder
rümsöcht un rümfroogt. De Koater is un blifft weg. De Lüe lacht een all
wat ut. Beduern kinnt dat Hansjochenpack ne.«
Sill schüer sich de Oogen.
»Ik weet, Kassen. Se lacht mi arme Fro all wat ut. Bloß du ne. Du büs
'n vernünftigen Kirl.«
Kassen mark up, ober he sä noch wieder nix. Langsam un wiß, dach he.
Morgen för Morgen klau he up 'n Böön rup un geef den Koater wat to
freeten, un Morgen för Morgen keek he mol bi Sill rin un beduer ehr.
Up't letzt nehm he 'n Tofoahrt:
»Sill, dat mütt di doch eensom wesen.«
»Kassen, ik bün doar unglücklich ober. Ik mag in min eegen Hus ne mihr
wesen.«
»Sill, war ne krank doarbi.«
»Kassen, dat kann kommen.«
Se snack lang so veel ne mihr, so dull nehm se sich de Geschichte to
Harten, un wenn se ne noch van ehr Mudder her swatt gohn harr, gleuf
ik stiew un fast, harr se nu swatte Kleeder anthon un üm ehrn Koater
truert.
Kassen güng Tritt för Tritt un keem jümmer beetjen wieder. Sill leep
ne mihr weg, wenn he van Heiraten snack. Toletzt kunn he ehr liekuplos
froogen, wat se em staats 'n Koater hebben wull. Se sä ne jo un sä ne
nee -- den ersten Dag, den tweeten sä se half jo und half nee, denn
drütten wör dat »jo« jümmer gröter, dat »nee« jümmer lüttjer -- un
no'n Week sä se jo, ober se sett doch noch doarbi: »Wenn ik min Koater
noch harr, denn harr ik ne mihr freet. Ober nu is't eendohnt.«
Kassen Witt keem sich vör as 'n Keunig. He güng no'n Pastur dol un leet
upbeeden un leet sich bi'n Snieder 'n nee Pattje anmeeten.
Doarbi seet de Koater noch jümmer in sin Gefängnis. Kassen dach doar
mannichmol ober no. He wüß ne recht, wat he doarmit moken schull.
Doodslogen much he em ne. Ganz toletzt säh he sich: wenn de Hochtied
wesen is, lot ik em loopen, denn is Sill min Fro un mütt bi mi blieben.
* * * * *
So dach Kassen Witt un wüsch sien Hannen in Elwwoater un meen, sin
Streich wür em glückt.
Ober dat keem doch 'n beetjen anners.
Sill kree up'n mol Lust, Kassen sin Gewees, Hus un Hof, to bekieken,
mol to sehn, wat se as Fro all ünner de Hannen kree. Kasten dach doar
woll an, dat de Koater vullicht jauln kunn un em oahn nix goods, ober
nee kunn he doch ne seggen, wenn se ne oahnig warn schull. He wies ehr
nu den Diek, den Groaben, den Hof, dat Schuer, den Killer un teuh dat
allens gehürig inne Ling. To güng he wieder.
Ober Sill wull dat Hus noch boben sehn. He müß ehr Köök, Dönß, Komer un
Krom wiesen, ober he mok dat so gau af, as he kunn.
»So, Sill, dat wür allens,« sä he un mok de Dör open, as wenn he
weggohn wull. »Uh, kiek mol den grooten Damper doar in't Foahrwoater!«
»Den Böön hebb ik doch noch ne sehn,« sä do ober Sill un sett den Foot
up de erste Tripp.
Kassen still sich an, as wenn he nix hürt harr. He wies wedder no't
Foahrtwoater hin.
»Kumm doch mol rut, Sill,« reep he noch harter, »un kiek di bloß mol
den grooten Steamkassen an. Wat dat förn Koloß is! Dat is jo woll de
Ameriko! Wat förn Diert!«
Ober Sill keem ne.
Se reep wedder:
»Ik will mi erst den Böön besehn. Lot den Damper man susen.«
»Den Böön wies ik di morgen, dat is nu all to düster,« sä he gau un
dach: wenn se morgen kummt, sett ik den Koater solang up't Schuer, denn
ward se em ne gewoahr.
Se güng ober spöttenup.
De Sook wör mau.
»Doar kanns du ne rup, Sill,« reep Kassen iernst un keem neuger.
»Worüm ne?«
»Diern, dat geiht ne. Jerst mol is dat all to düster, un denn steiht
doar allens up 'n Kupp. Doar bricks du Arms un Been.«
»Dat deiht nix. Ik will doar wenigstem mol rupkieken,« sä se.
De Sook wör mau.
»Au ... au ... au ...« jaul Kassen.
Se stünn still.
»Wat heß?« freug se.
»Au ... au ... au ... mi is de Ramm int Been schooten. Ik kann ne mihr
stohn. Smeer mi gau 'n beetjen.«
Ober se wür neeschierig worden un wull nu mol den Böön sehn.
»Au ... au ... au ...« jaul Kassen wedder.
Mit 'n Mool füng *de Koater up'n Böön an to jaulen*.
Sill hür dat gliek un kenn ok de Stimm gliek.
»Dat is min Koater! Verdreihte Kassen Witt! Nu weet ik Bescheed, du heß
em drullt! Teuf! Lot mi em erst mol wedder hebben!«
Doarmit se de Bööntripp rup.
Kassen sin Been wür werkwürdig gau wedder heelt, he stünn batz up, as
he den Koater miaun hür, neem sin Been inne Hand, leep in Sprüngen
den Diek dol, klau gau in'n Kohn un schipper van'n Diek af, bit he in
Sicherheit wür.
Mit de Hochtied wör dat nix, dat mark he woll, ober he wull doch
wenigstem sien gesunden Oogen un Backen beholen.
Kiek: doar keem Sill ut de Husdör un achter ehr ran de Koater. Kassen
kreup meist ünner de Ducht, ober se wör em doch gewoahr. Jüst wull se
losleggen, to schufudern, to seh se all de Lüe up'n Diek stohn, de all
de Sook markt harrn un lachen. Sill besünn sich: dat harr ok woll noch
Tied.
To nehm se ehrn Rocksoom mit de Hand up un teuh den Rock so hoch, dat
de bunte Ünnerrock to sehn wür, un güng as 'n Gräfin den Diek langs. Sä
keen Goodendag un nix.
Un de Koater mit hoogen Stiert achteran.
* * * * *
Dat heet: twee Doog noher harr Kassen Witt doch een verbunden Gesicht,
woneem he 'n poar Weeken mit rümloopen is.
Sien Gild lewt he noch -- ober van dat Freen will he nix mihr weeten.
* * * * *
Anhang.
schirrwarken=bewerkstelligen, utklamüstert=ausgetüftelt,
leiflich=leicht, troß=stolz, gohtlich=annehmbar, Sill=Cäcilie,
Leegste=Schlimmste, oberlingen=vielleicht, eendeel=irgendwas,
blangen=neben, Klimmer=Habicht, bannig (unbändig)=sehr,
all=schon, oberstür=zurück, rabastern=rasen, bier=tat,
Gucheln=Lachen, ans=sonst, drull (v. nord. Troll)=stahl,
stiehl, schul=schlich, he vejeuch sich (verjagte sich)=er
erschrak, bemookt=eingesperrt, klau=kletterte, Tofoahrt=Anlauf,
eendohnt=einerlei, Pattje=Anzug, spöttenup=treppauf, Ramm
inne Been=Hexenschuß, schufudern=schelten, enkelte=einzelne,
nicküpp=nickte.
Pulli.
Hamburg war Baas.
Es war Baas zu Wasser und zu Lande, weil die Sonne schien und weil
Sonntag war; ihm gehörten der grüne Sachsenwald und das rote Helgoland,
der weiße Timmendorfer Strand und die blitzenden holsteinischen Seen,
ihm eigneten die Deiche von Vierlanden bis zur Lühe, die Elbe von
Lauenburg bis zum letzten Feuerschiff, die Berge von Geesthacht bis
Schulau, die Heide von Lüneburg bis vor die Tore von Buxtehude. Das
alles, mit Wegen und Wogen, Blumen und Häusern, nahm es breit und
selbstverständlich in Besitz.