Nicht angekettet sein, wie die rote Leuchtboje hier an Backb

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Schiff vor Anker

[Illustration: Gorch Focks Elternhaus auf Finkenwärder, im Vordergrund

seine Mutter]

[Illustration: Gorch Focks Grab auf Stensholmen in Schweden]

Schiff vor Anker

Erzählungen von

Gorch Fock

Aus dem Nachlaß herausgegeben

von Aline Bußmann

Mit Bildern von Gorch Focks Elternhaus

auf Finkenwärder und seinem

Grabe auf Stensholmen in Schweden

Hamburg

Verlag von M. Glogau jr.

1920

1.-10. Tausend.

Mit Umschlagzeichnung von Bernhard Klein.

Zeilenguß-Maschinensatz und Druck

von Oscar Brandstetter in Leipzig.

Inhalt.

Seite

An Gorch Focks Freunde 7

De solten See 9

Herbst entgegen 20

Karen 29

Vor Ostern 40

Kassen Witt sin Freeree 54

Pulli 68

Sonntagnachmittags 83

Hans Otto 89

Ditmer Koels Tochter 99

Schiffbrüchig 115

»In Gotts Nomen, Hinnik!« 123

Auf Helgoland 131

Die sieben Tannenbäume 143

Ein Sterben 154

An Gorch Focks Freunde.

Längst ist Gorch Focks Schiff vor Anker gegangen. Und wir haben seine

Schätze davongetragen, die er in der Unendlichkeit des Meeres, in Ferne

und Nähe, in Stürmen und Stille in seine Seele gesammelt hatte. Und wir

sind mit vollen, schweren Händen davongegangen.

Nacht und dunkle Nebel haben sich nun auf das Land gelegt, für das

Gorch Fock sich hingegeben, wenig matte Sterne leuchten am verhüllten

Himmel. Wir sind noch einmal den Weg zurückgegangen zu Gorch Fock, an

seinem Schiffe glommen noch leise das rote Licht seiner Lebensliebe,

das grüne seines hoffenden, unverzagten Herzens, und inmitten der

beiden das helle, gelbe, strahlende Licht seines Daseins. Und in

dem still gewordenen Schiff haben wir noch einmal nach vergessenen,

liegengebliebenen Kostbarkeiten gesucht und fanden Dinge, die nicht

untergehen sollen in Vergessenheit.

Bunt ist die Kette, die daraus wurde, Altes und Neues ist

nebeneinandergereiht, aber in jedem ist Gorch Focks Geist, der in

allen, die ihm nahe sind, lebendig bleiben möchte.

Aline Bußmann.

Hamburg 1919.

De solten See.

Ein Tropfen Tinte sitzt in meiner Feder und will verschrieben sein.

Was ist es, das mich wiegt? Wo bin ich? Was klirrt da? Ist es mein

Schwert? Oder habe ich nur geträumt? Sind wir schon auf der Nordsee,

haben wir das Skagerrak schon hinter uns, und ist unser Ziel, das

Eiland Heiligland, schon in Sicht gekommen? Was da unter und neben mir

gluckt und plätschert und gurgelt: ist das schon das grüne Wasser der

Nordsee, von dem der Skalde gestern erzählte? Es muß wohl so sein,

denn diese Dünung ist nicht mehr so lang wie die des Atlantischen

Weltmeeres! Es wird den alten Seekönig von Herzen freuen, daß unser

Drachenschiff so schnelle Fahrt gemacht hat, in vier Tagen vom

Hardanger bis Heiligland, und er wird morgen lachen, wenn es Tag

geworden ist! Vielleicht gießt er wieder einen Becher roten fränkischen

Weins in das Meer, wie er tat, als der junge König von Heiligland

um seine Enkelin warb! O Gerda, nach der sich die Augen aller

Schiffsgenossen immer noch drehen, ob du gleich Braut bist und zu

deinem Bräutigam fährst, du bist schön wie die Sonne, die aus der See

steigt! Die stillste See kann den blauen Himmel nicht so widerspiegeln,

wie dein Auge es tut. Stünde ich mit dir auf dem hohen, roten Felsen,

blickte ich mit dir über das weite Meer, wiese ich dir die Segel in

der Tiefe und die Wolken, die an der Kimmung aus dem Wasser steigen,

du Königskind, ich wollte lachen wie der lichte Balder! Denn ich liebe

dich wie die See, und die See liebe ich wie dich -- und niemals hat ein

Wiking ein größeres und tieferes Wort gesprochen als dieses. Steuern

wir nach der Hochzeit nordwärts, der Mitternachtssonne entgegen, so

lehnst du nicht mehr mit wehendem Haar am Mast, Gerda. Niemals höre

ich dein Lachen wieder -- aber mir bleibt die See, die hohe Trösterin,

deren Atem alle Wunden heilen kann. Sie wird dem Wiking helfen! Murmelt

nur weiter, Wellen am Bug, und erzählt mir vom Meere ...

Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben

sein.

Ich habe die Augen geöffnet und erkenne, daß ich geträumt habe!

Ich liege nicht im Bauch des nordischen Drachens, sondern auf der

Diele eines Fischerfahrzeuges, unseres Ewers, und stecke in einem

alten, geflickten Focksegel, in das ich mich der Sommerhitze und der

aufrührerischen Wanzen wegen eingewickelt habe. Unter meinem harten

Lager strömt das Wasser, das wir im Raum haben, von einer Seite nach

der andern. Es gurgelt im Bünn, dem großen Fischkasten, und es klatscht

im Wasserfaß. Die Ölröcke und Südwester, die an der Decke hängen,

scheuern unruhig hin und her, als baumelten sie im Winde. Gegen den

Bug aber springen und hüpfen die Wellen der Nordsee und kluckern wie

junge Enten im Graben. Was sie mir erzählen wollen, das haben sie

schon Siegfried und Hagen sagen wollen, als sie die Fahrt nach Island

unternahmen! Und wenn es auch noch kein Menschenohr begriffen hat:

gefreut und erquickt hat es schon abertausend Menschenherzen und wird

sie immer erquicken, so lange es eine See auf der Welt gibt. Aber

nun singt mich wieder in Schlaf, ihr Wellen, ihr Seen, denn wir sind

mitten im Streek, fischen zwischen Helgoland und dem Weserfeuerschiff

auf Zungen, und wenn ich nicht geschlafen habe, kann ich keine gute

Wache gehen. Noch einmal blicke ich durch die offene Kapp nach dem

tiefdunklen, sternenbesäten Nachthimmel hinauf, sehe den dunklen

Großtopp durch die Sterne wandern, höre die Gaffel knarren und den

Bestmann schnarchen, dann nimmt der schwere, gleichmäßige Schritt des

wachhabenden Schiffers an Deck mich mit, und der Schlafbaas mustert

mich wieder an.

Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben

sein.

Immer noch dieser schwere Schritt auf dem Achterdeck! Oder ist es ein

anderer? Ja, der Schritt ist dumpfer ... Schwarz und tot treibt die

mächtige Kogge hinter Borkum auf der stillen See. Bis auf den Mann im

Krähennest und den leise summenden Posten auf dem hohen Bord scheint

das ganze Schiff zu schlafen. Über die Stengen und Wanten kriecht

der Mondschein. Wie in schwerem Bann ist die See erstarrt. Zu Stahl

scheint sie geronnen zu sein. Ringsum kein Schiff und kein Land, nur

die tote See. In der Admiralskajüte aber wacht ein Licht und wachen

zwei Menschen. Wie ein Gespenst wandelt der Schatten des langen Klaus

Störtebeker an der Wand. Ruhelos geht der junge Seeräuber auf und ab.

Mitunter hebt er das geblümte flandrische Tuch und blickt aus dem

kleinen Guckloch über die mondbeschienene Wasserfläche, dann nimmt

er seine Wanderung wieder auf. Quälen ihn seine wilden Taten, oder

hält der Madeirawein ihn wach? Der rotbärtige Godeke Michels, sein

Spießgeselle, der auf der halbmondförmigen Bank sitzt und kaum noch

die müden Augen offenhalten kann, sagt zuletzt: »Tu es, Klaus, nimm

die junge Gesina und bleib an Land, tu dem alten Grafen den Gefallen

und gib die Seefahrt auf, überlaß mir die Schiffe, laß Messen lesen

und werde ein ehrlicher Kerl an Land. Von Schottland bis Tunis gibt es

kein zweites Weib wie Gesina, und sie liebt dich.« »Sie liebt mich,«

wiederholt Störtebeker langsam. »Ein geruhiges Leben hinter Deichen,

zwischen Menschen und Weibern und Blumen, keinen Sturm und keine Not.

Gesina ist schön. Und doch: nein, Godeke! Meine Meerfahrt ist mir

lieber als das beste Weib!« »Du bist ein Hansnarr,« murrt Michels,

als Störtebeker jetzt an den alten Ostfriesen schreibt. Geräusche und

Gespräche unterbrechen jäh die nächtliche Stille an Deck: die Schaluppe

muß zu Wasser, damit der Brief sofort bestellt werde. Als das Geknarr

der Riemen in der Weite verklingt, wendet der Seeräuber sich von der

Reling, blickt noch einmal nach den riesenhaften Fledermausflügeln

hinauf und tritt wieder in seine Kajüte. Er hat sich der See

verschrieben, das weiß er.

Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben

sein.

Ich muß auf einer Segelöse, auf einer Kausch gelegen haben, denn

mein Rücken schmerzt. Oder hat die mütterlich-sorgliche Natur mich

geweckt, die weiß, daß wir alle drei Stunden unsere Kurre einziehen.

Ist es an der Zeit? Ich öffne die Augen: es ist hell, die Sterne

sind verblaßt! Da ruft es auch schon singend zum Einziehen. »Intehn!

Intehn!« »Jo,« antworte ich und »Jo« echot es in der Steuerbordkoje.

Wir schlafen während der Fahrt und Fischerei in voller Kleidung, ich

brauche deshalb nur die langen, schweren Seestiefel anzuziehen, die

von Tran und Schuppen glänzen; dann stehe ich an Deck und muß mich

wundern, denn von der See ist nicht das geringste zu sehen. Segeln

wir auf der Milchstraße? Alles Wasser ist mit einer dünnen, aber

dichten, undurchdringlichen Schicht weißen Gewölkes bedeckt, daß nicht

eine Welle zu erkennen ist. Und die weiße Decke liegt nicht still,

sondern fliegt schnell mit dem Morgenwind nach Osten und reißt doch

nirgends ab. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Seltsam ist es.

Wären luvwärts nicht die holländische Tjalk und der Fischdampfer in

Sicht, die mit Steven und Wanten aus der Morgenmilch ragen, ich könnte

glauben, mit einem Luftschiff über den Wolken zu fahren. Mit einem

Luftschiff, wie wir es dwars von Spiekeroog sahen, als wir, von einer

Windstille heimgesucht, mit schlaffen Segeln und schlagenden Schoten

in der stetigen Dünung trieben und nicht fischen konnten. Da stieg

es im Nordosten aus der See wie ein helles Segel. Wir wußten erst

nicht, was wir aus dem Wölkchen machen sollten, dann aber erkannten

wir durch das Glas den Zeppelin, der den Meeresflug wagte, und sahen

ihn nun in unsere Einsamkeit hineinwachsen. Immer höher stieg und

immer größer wurde die gelbe, kantige Leinwand. Da sickerte schon der

Lärm der Motoren herab. Das singende Brausen der neuen Zeit erhob

sich. Unglaublich schnell kam das Luftschiff näher: wir hatten schon

die Köpfe im Nacken, da, als es über uns stand und seinen Schatten

auf die helle See warf, senkte sich der Bug des Riesen, bis der

Kiel seiner Stahlgondeln die See berührte. Er fuhr auf dem Wasser

entlang, wie um uns recht zu verhöhnen, uns Windjammerer. Ich hätte

mich gar nicht gewundert, wenn er eine Kurre zu Wasser gelassen und

gefischt hätte. Die Leute schöpften Wasser als Ballast aus der See.

Keine dreißig Faden von unserm Ewer brauste die hohe Wand vorbei. Ich

winkte nicht mit, aber Tränen stiegen mir ob solcher Menschenkraft und

Menschenschönheit in die Augen. Das neue Geschlecht der Meeresherren!

Das alte der Meeresknechte trieb regungslos mit alten Segeln in der

Windstille und blieb meilenweit zurück. Ein Riesenvogel, der aus der

See getrunken hatte, erhob der Zeppelin sich wieder vom Wasser und

zog in Leuchtturmhöhen davon. Wie wünschte ich in diesem Augenblick

der Hilflosigkeit einen Sturm herbei, um dem fliegenden Schiff zeigen

zu können, daß auch wir lebten und webten! Wie seine deutsche Flagge

wehte! Immer mittelalterlicher und zurückgebliebener kam ich mir

vor. Erst am andern Abend, als wir ein starkes Gewitter bekamen, als

der ganze Heben eine Feuersbrunst war und der Donner uns umstürmte

und umknallte, als der Regen auf uns niederströmte, als wäre er mit

Eimern ausgegossen, als wir auf der hochgehenden Dünung tanzten, erst

dann vergaß ich des Luftfahrers. Alles konnte der Zeppelin doch nicht

machen: hier brauchte es doch noch der Schiffe und der Seeleute! Und

das tröstete mich, so viel Seen auch über den Setzbord stiegen, und

so heftige Sprünge der Ewer auch machte, wir hielten stand. Nun

stehen wir auf dem weißen Daak, lassen die Fock fallen und hieven,

schwer arbeitend, das Schleppnetz, die Kurre, auf. Wie seltsam, ob es

gleich alle Tage so ist: eben noch nichts zu erblicken, und nun sind

wir schon von hundert äugenden und schreienden Seemöwen umflogen und

umkreist! Hiev, hiev! Wer denkt an Möwen, wenn die Kurre eingezogen

wird! Hiev! hiev! Endlich haben wir den Steert, das Ende des Netzes,

in der Talje, der Knoten wird gelöst, und die See speit ihre Fische

aus, ihre Zungen und Schollen, ihre Steinbutten und Rochen, Knurrhähne

und Petermännchen. Wie glänzen die Schuppen, die weißen Bäuche in der

Morgensonne, die aus der See gestiegen ist und den weißen Nebel von der

Diele gefegt hat! Wie schnappt alles nach Wasser, wie springt alles in

Angst und Todesnot durcheinander! Sonst habe ich das nicht gesehen,

ich sah immer nur ein fröhliches Klappern und Spaddeln, das mir das

Herz erfreute, aber seit dem furchtbaren Traum habe ich Augen für die

Qualen bekommen. Wir lagen vor Wind in Bremerhaven und hatten einen

alten Janmaaten in der Kombüse, der mit unserm Bestmann verwandt war:

das gab einen Abend alter deutscher und englischer Matrosenlieder,

einen Abend Passatwind, Liniensonne und Kapsturm. Die Nacht darauf

träumte mir das Grauenhafte, daß ich an Deck ging, als gerade die

Kurre aus der See kam! Heftig erschrak ich, denn die Luft war erfüllt

von tausend Schmerzenslauten, von tausend Todesschreien, von tausend

Angstrufen! Alle Fische hatten Stimmen bekommen und jammerten ihre

Qual in die Luft! Und es schrie nicht nur bei uns, sondern auch auf

den andern Schiffen: die ganze Nordsee war erfüllt von diesem Röcheln

und Schreien, das so furchtbar anschwoll, daß wir es nicht auszuhalten

vermochten! Wir flüchteten zitternd, verkrochen uns in die Kajüte und

bebten, als erwarte uns ein Weltgericht! Furchtbares Grauen!

Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben

sein.

In Lee steht ein mächtiges Viermastvollschiff in der Sonne und schiebt

sich langsam vorwärts! Es ist ein deutsches! Mit hundert weißgrauen

Segeln steuert es dem Weltmeer entgegen. Meine Wünsche schwirren wie

fliegende Fische um seinen Steven, und meine Sehnsucht hängt sich an

seine höchsten Rahen! Da mit können! Große Fahrt tun! Nimm mich doch

mit, du großer Laeisz, du Königin des Atlantik! Ich sehne mich nach

hundert Tagen ohne Land, ich möchte unter der Linie getauft werden

und möchte auch das düstere Kap Horn einmal in mein Leben hineinragen

sehen! Ich möchte dich sehen, wenn du die Stürme abschüttelst, du

Viermaster!

Schöne Geschöpfe gehören dir, Meer, herrliche Kinder sind dein! Was ist

ein Haus gegen ein Schiff, was ist ein Schreiber gegen einen Seemann?

Was ist das erstarrte Land gegen dich, atmende, wogende See? Ein

Leichnam gegen einen Lebendigen!

O, ihr Schiffe auf der See, und du Dünung du! Ihr Tage und Nächte, ihr

Wolken und Winde: was seid ihr an Land? Nichts! Und was seid ihr auf

See? Alles, alles, was uns die Seele bewegt!

Ich grüße dich, du kleine Galliote, die du so tapfer deinen Kurs

steuerst. Kommst du von Schweden und willst nach England? Du kleiner

Mann auf der Back: wiegte dich deine Mutter dort in dem schönen Land

der Wälder und Seen auch so gut, wie die See dich jetzt wiegt?

Da -- das große »Vaterland«, die schwimmende Stadt, das mächtigste

Schiff der Welt! Wie eine Erscheinung! Ich hole die Flagge aus der

Achterplicht. Wir brauchen sie sonst nur, wenn ein Kriegsschiff in

Sicht kommt, aber das größte und schönste Gebilde der deutschen Hand

zu grüßen, hole ich sie dennoch freudig auf! Überschiff du! Wie der

englische Kohlenkasten qualmig auf seiner schwarzen Schornsteinpfeife

raucht, als ob es ihn verstimmte, dieses _Made in Germany_!

Noch ein Blick nach dem Schoner und den nachbarlichen Fischerkuttern,

und dann laß es genug sein, See. Die Möwen sind weggeflogen, unsere

Fische sind auf Eis gebettet, die Kurre pflügt wieder den Meeresgrund,

und das Deck ist gedweilt: ich kann wieder drei Stunden schlafen!

So wiege mich wieder in Träume hinein, du große, gute See! Und laß

mich bei der harten Fischerei niemals vergessen, daß du schön bist

wie nichts auf der Welt, wie kein Wald und kein Berg! Noch habe ich

es keinen Augenblick vergessen, und allen Witwenkleidern und Tränen

zum Trotz soll das Herz daran festhalten! Und sollte mir einmal der

Fliegende Holländer begegnen, das todverkündende Geisterschiff, sollte

die Sonne ihren Schein verlieren wie auf Golgatha, sollten meine Masten

brechen und meine Segel in den Wind fliegen, sollten die Notanker nicht

mehr halten, sollten die Luken einschlagen und die große Sturzsee ehern

heranwogen und Klar Deck machen, solltest du mich holen, schöne, wilde

See, so will ich in aller meiner Not doch erkennen, daß mein letzter

Blick deiner größten, höchsten Schönheit gegolten hat.

Ihr aber, ihr Jungen, Lebendigen, setzt weiter Segel auf! Beflaggt eure

Schiffe und grüßt die deutsche See, ihr deutschen Jungen! Wiegt euch

auf der Dünung und freut euch der Sonne auf den Meeren und Gewässern!

Herbst entgegen.

Ich schwimme beim Swiensand, südsüdost von Falkental im tiefen Priel

und ringe mit der starken Strömung. Eisigkalt ist das Wasser. Es soll

mich heilen von der Herbstmüdigkeit, von den Spinneweben, die meine

Sinne umfangen wollen. Schwere, fremde Tropfen sind in meinem Blut. Und

wären es die letzten, verzitternden Wellenkreise eines Winterschlafes

in grauen Zeiten: ich schüttle sie ab und lache ihrer. Ich brauche den

Herbst und seinen Wind, ich rufe ihn: damit meine Wimpel hoch am Mast

flattern, damit meine Segel sich blähen, damit meine Mühlen mahlen.

Mit weißen Geisterhänden greif ich aus: dreimal noch um das Boot, nein

viermal, nein solange, bis die Sonne wieder aus den Wolken kommt.

Riesengroß ist mein Fahrzeug: es überragt alle Bäume, alle Deiche,

alle Türme, alle Gipfel. Eben komme ich beim Achtersteven aus seinem

Schatten und steure auf das kleine, grüne Eiland zu. Die Weidenblätter

haben schon helle Farben. Das Reet ist graubraun geworden. Da waten

keine Störche mehr, da jagen keine Schwalben, da tanzen keine Mücken

mehr umher. Die Kuhblumen, die Butterblumen haben ausgeblüht, die

Binsen liegen schwer auf dem Schlick. Still und vereinsamt harrt der

Sand der Stürme und Hochfluten. Schwarze Muscheln liegen am Strande,

wie Fußtapfen im Schnee. Eine Nebelkrähe schreitet beschaulich am

Wasser entlang. Mitunter streckt sie den Kopf vor und gibt sich durch

tiefes Krächzen kund. Wilde Enten streben hastig dem Neste zu.

Es wird hell und blank um mich her, es blitzt und schimmert: die

Sonne ist da. Ich schwinge mich an Bord und springe von Ducht zu

Ducht, derweil die Sonne und der Wind mich abtrocknen. Um Kiel und

Steven plätschern die Wogen, sie schlucken und glucken, heimlich und

stillvergnügt. Die Augen zu: es ist, als wenn die Glocken gehen,

Hochzeitsglocken, Freudenglocken, als wenn die Kinder fern auf der

Wiese lachen und spielen, als wenn die Pappeln im Sommerwinde rauschen

und erzählen, als wenn die silbernen Quellen über glatte Kiesel und

knorrige Tannenwurzeln springen, tief, tief im Walde ... Gluck ...

gluck ... gluck ... Eine Henne lockt ihr Küchlein -- und das Küchlein

legt das Ohr an die Bordwand und horcht und lacht. Das Segel reiß

ich mit *einer* Hand empor, und der Anker kommt schnell genug ans

Tageslicht. Dann ziehe ich mich an. Das Boot schwoit, der Lappen fällt

voll, und leise gurgelt und zischt es am Steven. Gute Fahrt bei raumem

Wind und mit der Tide. Nach Schifferart einen Blick prüfend zu dem

braunen Segel hinaufgeschickt -- dann halte ich hellen Ausguck.

Der Swiensand schaut mir nach. Blanke, glatte Flächen, dunkle, krause

Windstreifen auf der Elbe. Einen langen, breiten Weg hat die Sonne

sich gepachtet: da blinkt und gleißt es, da spielen ihre strahlenden

Kinder. Hinter Schulau dehnt sich die See, da sind der Himmel und das

Wasser allein auf der Welt und halten einander still an den Händen.

Rauchwolken bei Rauchwolken, als wär's die Straße zur Hölle. Segel über

Segel teilen sich in den mächtigen Strom: graue und braune, hohe und

breite, neue und geflickte. Schleppdampfer, Seedampfer, Fischdampfer,

Fährdampfer, schwarze und bunte Schornsteine. Weiße, schimmernde

Eiderschuner, unförmige holländische Kuffen, breite, protzige,

ostfriesische Tjalken, schwere, wetterfeste Finkenwärder Fischerkutter,

spitznasige, verwitterte Altenwärder Ewer, braune, runde Lühjollen,

alles klüst nach Osten. Weiße, schlanke Leuchttürme verträumen den Tag.

Graue Heidehäupter stehn am Wege, wie Nordlandsrecken. Blankenese,

Luginsmeer und Luginsland, Utkiek und Kiekut von Hamburg -- ein

rechtes Sonntagsnest, Tag für Tag in Sonntagskleidern, immer geziert

und geschmückt. Die weißen Giebel und die blauen Dächer schauen aus

den Baumkronen. Die Fenster sind wie dunkle, kluge Vogelaugen. Helle

Streifen leuchten aus dem Grün: das ist der Herbst. An den Brücken

liegen Fährdampfer, die grünen, breit und bürgerlich, die schwarzen,

schlank und aristokratisch. Ihre weißen Rauchwolken verfliegen an

den Abhängen. Die efeuumsponnene Burg der guten Frau äugt still und

weltfremd von der waldigen Höhe: sie träumt vom grünen Rhein. Überall

spielen die bunten Farben: gelb und rot und braun in hundert Tönen.

Der liebe Nienstedter Turm spiegelt sich in der Elbe. Sein grünes Dach

und seine goldnen Zeiger glänzen im Sonnenschein. Um seinen Knauf

fliegen die Dohlen. Aus allen Schornsteinen qualmt die breite, rote

Brauerei. Auf der andern Seite grüßen die grauen und grünen Häuser

von Finkenwärder über die Hamburger Dünen hinweg. Auch die trotzige

Kirche guckt über den Deich und der Neß mit seinen Eichen. Der helle,

zierliche Wasserturm lacht herüber.

Die Mühle mahlt im Winde, und auch im Alten Lande drehen sich die

Mühlen. Brotes genug. Mein Segel giekt, mein Fahrzeug schwankt. Die

Dünung des glänzenden, hohen Amerikadampfers hat uns erreicht: mein

Boot und ich verneigen uns und danken für den Gruß aus der großen,

weiten Welt.

Sei mir gegrüßt, du bunte Welt, sei mir gegrüßt, du großes Leben. Du

rinnst und jagst durch meine Adern, reißest mich auf und wirfst mich

nieder. Nieder? Fortan nicht mehr! Wer so lachen kann, wie ich, der

läßt sich nicht mehr niederwerfen. Ich *lebe*, und hoch will ich leben.

Ich lebe mit Wissen und Willen, fühle jeden Atemzug, jeden Windhauch,

jeden Wellenschlag. Ich sehe jeden Baum und jede Wolke, deute jeden

Schritt und jeden Klang, forsche in allen Mienen und in allen Zügen.

Umflutet, umbraust, umkost -- und König meines Lebens bin *ich*!

Mittelpunkt der Welt, aller Augen warten auf mich und über meinem Kopfe

ist der Himmel am allerhöchsten. Was *ich* sehe, was *ich* tue: darauf

kommt es an, und für mich scheint die Sonne. Umreißen oder aufbauen,

das ist mir gleich, nur wirken, arbeiten, die Arme aufkrempeln können.

Und dabei singen mögen! Wenn zwei streiten: hei, dazwischen gesprungen

und mitgestritten! Leben, lachen, siegen!

Nicht angekettet sein, wie die rote Leuchtboje hier an Backbord, deren

mattes Blinkfeuer mit den Sonnenstrahlen kämpft. Von den Torfewern, die

auf die Ebbe lauern, liegt ein ganzes Rudel vor Anker. Sie sind nicht

mehr so tief geladen und haben nur noch wenig Decklasten: die unruhige

Jahreszeit ist angebrochen. Auf einem Holländer spielen die Kinder

Verstecken. Hinter dem Kompaßhäuschen, auf dem Roof, vor der Winde:

überall krabbelt es. Ein kleiner Kerl kriecht sogar in das Großsegel

hinein. Die Mutter sitzt auf den Luken, schält Kartoffeln und guckt

ihnen zu. Ein weißes Landhaus mit riesigen Eulenaugen schmiegt sich bei

Flottbek dicht an die hohen Buchen, die es einrahmen. Auf der Chaussee

schnauft ein Automobil: ein Augenblick und der Komet ist verschwunden,

nur sein Schweif verkündet noch seinen Weg. Helle Kleider, rote

Schirme. Mühelos überhole ich ein Segelboot von Neumühlen: weiße

Segel allein tun's eben nicht. Vornehm und verbindlich steht das

Parkhotel da, und die Schiffe ziehen an ihm vorbei und spiegeln sich

in seinen Fenstern. In glänzender Reihe krönen die Landhäuser den

waldigen Höhenkamm, weltklug und weltüberlegen, gegenwartkundig und

zukunftfroh. Auf dem Sande liegt junges Volk in der Sonne. Ein Mädchen

winkt mit der Hand, die beste von allen hebt nur eben das Bein zum

Gruße. Spielend rollen die Wellen hinan, kehren zurück und ergießen

sich wieder über die Steine. Die Zweige gehen im Winde auf und ab: das

ist ein immerwährendes Schmeicheln und Fächeln. Da ziehen sie schon die

Boote auf den Strand, schlagen die Segel ab und scheren die Leinen aus.

Die Herrlichkeit neigt sich. Heute aber wehen noch die Fahnen, laufen

noch die Kellner umher, sitzen noch muntre Gäste an den weißgedeckten

Tischen unter den Ulmen, perlt der Wein im Römer, paradiert die dicke

Kaffeekanne zwischen Stapeln von Kuchen.

Ree -- und mein Boot stößt hart gegen den Brückenkopf. Die Mädchen

gucken mir lachend zu, wie ich das Segel herunternehme. Und ich lache

mit, denn blühende Rosen und leuchtende Mädchenaugen ... ach was,

ich gehe raschen Schrittes dem Lande zu, wie ich immer tue, wenn die

Sonne scheint. Bunt wie ein Narrengewand ist das Laub, hier dunkelgrün,

da grau, da braun, da rot, da gelb. Rote Vogelbeeren schimmern aus

den Büschen. Hinter den Fenstern der altmodischen Lotsenhäuser bunte

Blumen. In den Gärten noch Astern und Rosen, etwas welk, zerzaust, aber

Rosen, Sommerrosen. Die Elbschlucht hinauf geht es in Sprüngen: Stufen

sind für alte Leute und dürfen nicht abgenutzt werden. Graues Laub in

allen Ecken und auf allen Wegen, das rauscht und raschelt. Recht in den

Sonnenschein setz ich mich und recht angesichts der Elbe. Vorposten!

Da unten kreist das Leben, da kräuselt sich das Wasser und wiegt sich

auf und ab. Die Schiffe kommen und gehen, und keins läuft vorbei,

das ich nicht messe und nach dem Kurs frage und ein Stücklein Wegs

begleite. Über mir spielt der West in den Blättern, und an der Erde

fegt er das abgefallene Laub auf einen großen Haufen. Dann und wann

wirbelt ein Blatt herab. Helle Wolken ziehen in der Luft. Bald scheint

die Sonne, bald läuft der Wind mit dem Schatten über die Welt. Auf dem

Dach sitzt eine Schar von Spatzen und piept laut durcheinander. Aus

den Gärten steigt ein herbstlich feuchter Odem auf. Alle Augenblicke

legt ein Dampfer an der Brücke an. Breit und schwarz steigt der Rauch

auf. Deutlich ist zu hören, wie die Stege ausgelegt werden, wie das

Wasser schäumt, wie die Räder schlagen. Dazwischen Rufe. Tuten und

Pfeifen. Hoch und leer kommen die Kohlendampfer herab: die Schraube

haut halb in der Luft und wirbelt einen Berg von Gischt auf. Einer von

Woermann, einer von Sloman, ein Neptun, ein Kosmos, ein Engländer,

ein Normann, so wechselt es ab. Eine schwedische Bark mit der neuen

Flagge. Im Südosten das Schuppen- und Masten- und Schornsteingewirr von

Kuhwärder, der riesige Laufkran. Die Schlote von Harburg, der Turm von

Altenwärder, das helle Band des Köhlbrandes. Dahinter die dunkelgrauen

Berge, die tiefblaue Geest, wo die Nebel brauen. Der Schopf des

Falkenberges, das kahle Haupt des Opferberges bewachen den Eingang der

stillen Heide.

Einzelne Boote rudern noch in der Tiefe. Es muß Hochwasser sein:

die braunen Segel erscheinen: die Strohewer, Torfewer, Steinewer,

Fruchtewer, Kornewer. Schwerfällig kreuzen sie vorbei und ist doch ein

farbenfrohes Bild. Das singt und juchheit nicht und reckt mir doch die

Arme, denn es lebt und webt und fährt mit allen Winden.

Marienfäden fliegen umher.

Die Wolken haben den ganzen Himmel überdeckt. Die Dämmerung geht über

Strom und Strand. Es dunkelt rasch. Mit Siebenmeilenschritten kommt die

Nacht, und riesenhaft ragen Bäume und Giebel in das letzte Abendrot

hinein. Die Heide verliert sich. Nur die Elbe schimmert noch grauweiß

herauf. Überall sind Lichter entglommen. Eins nach dem andern wird

angesteckt. Gelb und grün und rot, matt und hell, groß und klein. Alles

wirbelt auf dem bewegten Wasser hin und her. Irgendwo zirpt eine Grille

von gelben Ähren, rotem Mohn und blauen Kornblumen. Die Elbchaussee

entlang wanken Laternen. Zwei bei zwei halten sich die Kinder an den

Händen und blicken mit großen, dunklen Augen auf ihr gelbes Licht.

Und singen verträumt von ihrer lieben Laterne. Mählich verklingen die

feinen Stimmen in der Ferne.

Leise summe ich die schlichte Kinderweise vor mich hin, als ich langsam

den Abhang hinuntergehe. Dann ziehe ich mein Segel wieder auf und

kreuze die Elbe hinab.

Hoch und steil steigt das Ufer an und wirft seinen riesigen Schatten.

Groß und gespenstisch gehen die Schiffe an mir vorbei. Von allen

Seiten umspielen mich die Lichter. Wie Leuchtkäfer schwirren sie

durcheinander. Verhaltene Stimmen zittern durch die stille Luft.

Am Strand wird es dunkler und einsamer. Auf einem Ewer klagt eine

schwermütige Harmonika. Je weiter ich treibe, desto ruhiger,

traumvoller wird die Welt. In tiefem Frieden zieht die Elbe dahin. Nur

am Steven plätschern die kleinen Wellen.

Droben haben sich die Wolken geteilt und freundliche Sterne schauen

herab zur »Guten Nacht«.

Karen.

In *einem* Atemzuge schnob der Nordwest von Esbjerg nach Kopenhagen: so

klein war Dänemark in dieser Sturmnacht geworden. Nur als die Fackel

auf der See erlosch, hart an der jütischen Küste, die zitternde,

schwankende Notfackel, als die grauen Segel jäh aufs Wasser schlugen,

da ward es urplötzlich stiller, und es schien, als müsse der Wind sich

besinnen. Wo eben noch der gewaltige, wilde Nordlandswolf geheult hatte

und umhergesprungen war, lag eine riesenhafte, graue Katze auf der

Lauer.

Fünf weiße Häuschen, die in der Dünenmulde standen, waren die Mäuse,

die sie nicht aus den Augen ließ. Und kaum daß einer zehn zählen

konnte, richtete sie sich pfauchend und zischend auf. Der aufgewühlte

Dünensand hagelte schwer gegen die Fensterläden. Lange, wehe Klagetöne

hallten um Dächer und Giebel. Die See aber schrie noch zorniger gegen

die Wolken, hob die weißen Häupter noch höher und rollte noch wilder

über den Strand.

Es war Flut geworden.

* * * * *

Das kleine gelbe Nachtlicht wurde unruhig.

Ein großes, starkes Mädchen stand neben dem Tisch und band sich die

Flechten auf. Eine Weile guckte sie fragend in den Spiegel und dachte:

bist bald alt geworden, Karen! -- dann suchte sie Rock und Jacke und

zog sich dick und warm an. Sie band ein schwarzes Wolltuch um den Kopf

und zog Handschuhe an.

Das Gekeuch des Windes und das Gebrüll der See hatten sie geweckt.

»Karen!«

Niels streckte sein bärtiges Gesicht aus den roten Kissen und richtete

sich halb auf. Verschlafen sah er sie an.

»Flut.«

Sie hatte sich eine Tasse Kaffee eingegossen und trank langsam.

Er brummte etwas Undeutliches, dann stieß er den neben ihm

schnarchenden Jens an und rüttelte ihn wach.

»Flut, Jens. Steh auf, Jens. Mach dich klar, Jens.«

Aber Jens schalt und knurrte. »Laßt mich schlafen. Morgen -- nachher --

gleich -- ja, ja.«

»Dann haben die andern den Strand rein,« brummte Niels, aber Jens

schnarchte und war nicht wieder zu ermuntern.

»Allein geh' ich auch nicht los,« sagte Niels und legte sich die Kissen

zurecht. Es war unter der Decke doch wärmer als draußen.

»Leg dich auch wieder hin. Schlaf noch 'ne Stunde oder zwei ...

meinetwegen ... zwei ...«

Aber Karen schüttelte den Kopf und ging hinaus.

»Wenn was da ist, holst uns,« rief Niels ihr nach und hörte noch im

halben Traum, wie die Tür klappte und der Wind aufheulte. Zugleich

fühlte er, wie die Kälte hereinschlug, und er zog ohne Bedenken die

Beine etwas höher und steckte den Kopf tiefer unter die Decke. Dann

flog die Tür zu und es wurde stiller.

Das Mädchen tastete vornübergebeugt über die Dünen nach dem Strand.

Der Wind war so stark und so kalt, daß er ihr fast den Atem benahm und

sie sich dann und wann umdrehen mußte. Wie scharfer Schnee schlug der

Sand ihr ins Gesicht. Erst als sie den Strand erreicht hatte, wurde es

besser.

Es war tiefdunkel. Kein Licht. Und die See war nicht weit zu sehen.

Nur fünfzig Faden weit leuchteten die weißen Köpfe. *Ein* Brausen und

Keuchen und Zischen und Brodeln war die Luft, war die See. Das Wasser

stieg rasch: der weiße Schaumstreifen wurde von jeder See höher an den

Strand gespült.

An diesem Strich entlang ging das Mädchen und bückte sich, wenn sie

etwas Dunkles gewahr wurde. Dann stieß sie es mit den Füßen an, zu

erfahren, was es sei. Alles Holz las sie auf und steckte es in einen

Sack, den sie unter dem Arm trug. Tang und Muscheln lagen viel da --

weiter auch fast nichts.

Als es Morgen werden wollte, hatte sie immer noch keine Tracht.

Hinter den Dünen erschien ein grauer Streifen, der höher und höher

gekrochen kam.

Der Sturm raste noch mit voller Kraft. Drohender und gewaltiger

schüttelte die See ihre Stierhäupter.

Kein Holz, kein Schiff, kein Wrack, kein Notschuß, kein Feuer -- nur

schwarzes Wasser und weißer Schaum.

Sie blieb stehen ... Da trieb etwas ... etwas Dunkles, Undeutliches,

Unförmiges ... es kam näher. Aus Gewohnheit hielt sie die Hand über die

Augen, wie sie an hellen Tagen oft getan hatte, wenn Sonnenschein um

Dach und Dünen brannte und die Luft flimmerte.

Es konnte ein Schiff sein, ein Kahn wohl oder ein Boot.

Das Seeräuberblut regte sich in ihr, ungeduldig lief sie am Strand auf

und ab. Ihre scharfen Augen unterschieden schon, ein Boot war es, voll

Wasser geschlagen, eben, daß es trieb und ausguckte. Nur wenn eine

große See es auf den breiten Rücken nahm und dann zurücklief, ragte es

höher auf. Langsam schoben die Seen es näher heran und endlich saß es

am Sand als Strandgut.

Erst wollte Karen zurücklaufen und den Vater Niels, den Bruder Jens

rufen. Aber sie besann sich anders und tat es nicht. So ging es nicht:

Die Nachbarsleute konnten unterwegs sein, fanden es und hatten es. Sie

überlegte, was sie machen sollte, dann zog sie eilig ihre Schuhe aus

und streifte die Strümpfe ab. Ihr schauderte vor Kälte. Aber was half

das? Sie schürzte den Rock auf und watete mit zusammengebissenen Zähnen

in das eiskalte Wasser.

Den Steven hatte sie erfaßt und schwang sich auf den Bordrand. Tastend

suchte sie nach der Fangleine, um das Boot aufs Trockene zu ziehen,

da stürzte eine riesengroße See heran und schäumte über das Fahrzeug

hinweg. Sie war durchnäßt. Fast hätte sie das Gleichgewicht verloren,

aber sie hielt sich im letzten Augenblick krampfhaft an der Ducht fest.

Die See hatte es gut gemeint; als sie zurücklief, saß das Boot hoch auf

dem Strand.

Wegtreiben konnte es nun fürs erste nicht mehr. Wenn sie noch den Anker

aufs Land brachte, war das Strandrecht gewahrt und sie konnte Hilfe

holen.

Sie wollte es. Es war so bitterkalt.

So kalte Hände hatte sie.

Sie schauderte vor sich selbst. Wie Totenhände waren sie, wie *fremde*

Hände. Plötzlich fühlte sie eine andere Hand ... ein Fremder war bei

ihr im Boot ... ein Toter ... Als gehöre es sich so, fühlte sie die

Haare, die Nase, den Mund ... als wenn sie träume ...

Wollte es denn nicht Tag werden?

Über den Dünen wurde es doch schon hell ...

Sie drehte sich wieder um und suchte nach der fremden Hand. Dann zog

sie den Toten halb aus dem Wasser und legte ihn mit dem Rücken auf die

Ducht.

Der stille Mann war schwer.

Er steckte in Ölzeug. Der Südwester hatte sich in den Nacken geschoben.

Die Augen waren weit geöffnet und das Gesicht schneeweiß. Die Lippen

waren fest geschlossen.

»Jung,« dachte sie, als sie keinen Bart sah.

Um die Hüften war das Bootstau geknotet -- so waren Boot und Mann

zusammengeblieben.

»Wer bist du?« murmelte Karen und beugte sich tiefer über ihn, um seine

Züge zu erkennen, aber der Tag war noch zu grau.

Wieder schlug eine große See klatschend über den Setzbord.

Da ließ sie die Hände los und löste das Tau. Auf ihren starken Armen

trug sie den Toten durch das Wasser und bettete ihn auf das Dünengras.

Leise und scheu strich sie ihm das Haar aus dem Gesicht und schaute

verwundert in die hellblauen Augen. Verwundert ... einen kurzen

Augenblick.

Dann stand sie auf und machte sich wieder mit dem Boot zu schaffen,

über das die See fortwährend schäumte. Sie zog es etwas höher, dann

entdeckte sie eine Pütz unter den Duchten und machte sich daran, das

Wasser auszuschöpfen. Wenn auch die Seen immer wieder hereinschlugen

und sie bei dem Winde kaum auf der Ducht stehen konnte, es glückte ihr

doch, und als das Boot erst Luft hatte, kam es von selbst höher aus dem

Wasser. Bald hatte sie es soweit leer, daß sie auf den Lohnen stehen

konnte.

Das Boot war fast neu. Sie beugte sich über den Achtersteven. »Gesine

von Hamburg« stand da. Von Hamburg, von Deutschland, dachte sie und sah

nach dem Toten hinüber.

Es war Tag geworden -- sie gewahrte es und hielt inne. Dann sprang sie

heraus und zog das leere Boot so hoch auf den Strand, wie sie konnte,

band das Tau um einen herangeschleppten Felsen und lief die Dünen

hinan. Der Wind wehte sie hinauf.

Oben auf der Höhe kam es über sie, als habe sie etwas vergessen; sie

mußte sich umdrehen und nach dem Toten gucken.

So sonderbar war ihr zumute. Erst hatte sie sich gefreut, Vater und

Bruder den Fund zu melden; nun war sie beklommen, war es ihr nicht mehr

recht, was sie tat.

Sie sah von oben mit einemmal auf ihr Leben hinab, auf ihr graues,

stumpfes Leben. Ein Tag war wie der andere gewesen. Und die Gesichter

immer dieselben. *Eine* Arbeit, *ein* Schelten und *ein* Gespräch.

Immer das Alte, keinen Tag etwas Neues. Fünf Häuser waren es, und fünf

Häuser blieben es. Und auf den Dünen wuchsen ewig keine Blumen. So

war es immer gewesen und sie hatte es nicht gewußt: nun aber kam es

über sie. Draußen auf der See, ganz weit hinten, daß sie eben noch zu

sehen waren, gingen mitunter Schiffe vorbei: Segelschiffe und Dampfer.

Die Segel erschienen so weiß und rein, und der Rauch stieg steil in

die Luft. Da war die Welt, da fing sie an: da sangen und lachten die

Menschen und trugen schöne Kleider. Wie oft hatte sie als Kind barfuß

auf dem Sand gestanden und gewartet, daß ein Schiff, ein einziges nur,

heransegele und sie abhole. Aber alle zogen vorbei und kamen ihr aus

den Augen. *Einer* mußte kommen, einer, der anders war, als die sie

kannte, der lachen und singen konnte, der sich freute und sie bei der

Hand nahm, der ihr erzählte und sie fragte. Der hatte immer kommen

sollen und war nicht gekommen.

Sie schauderte ... da hinten lag einer mit hellblauen Augen ... ob er

es war, der zu ihr gewollt hatte?

Sie wollte nicht -- und trat doch ins Haus.

»Vater! Jens!«

Der buschige Schopf wurde zuerst sichtbar.

»Was ist los?«

»Ein Toter, Vater.«

»Weiter nichts?«

Niels wollte sich schon wieder umdrehen.

»Ein Boot auch.«

Das half. Niels richtete sich auf.

»Ein Boot?«

Er stieß Jens heftig an.

»Ein Boot, Jens! Aufstehn!«

Das ließ sich selbst Jens nicht zweimal sagen.

Niels stand schon in der blauen Unterhose da und suchte nach seiner

seemännischen Ausrüstung. Zwischendurch fragte er in einem fort:

»Wo ist es? ... Neu? ... Treibt es noch? ... oder sitzt es schon auf

Land? ... Was steht dran? ... Und der Tote? ... Was für Zeug? ...«

Jens war auch bald reisefertig, und alle drei wateten durch den Sand.

Niels war guter Laune und erzählte von Schiffen und Gütern, die in

früheren Jahren angetrieben waren. Daß der Sturm ihm fast den Mund

verschloß, störte ihn nicht.

Karen wies mit der Hand.

»Seht! Da!«

Karen war stehen geblieben.

»Vater!«

Niels drehte sich um.

»Was willst du?«

»Dem Toten müßt ihr seine Ruhe lassen. Den dürft ihr nicht anfassen.

Versprecht mir das!«

Jens lachte höhnisch.

»Dumme Deern! Wenn das Zeug mir paßt, zieh ich's an. Der braucht nichts

mehr.«

Niels hustete.

»Und wenn wir ihn melden, müssen wir ihn beerdigen lassen und vom Boot

bleibt nichts nach. Wir begraben ihn in den Dünen und damit gut.«

Jens schüttelte den Kopf.

»Seemannsgrab, Vater, Seemannsgrab. Das wünscht sich jeder Matrose.«

»Das tut ihr nicht! Das nicht! Versprecht mir das!« flehte das Mädchen.

»Das dürft ihr nicht. Hört ihr?«

»Mach doch nicht so 'n Lärm um den toten Mann,« knurrte Niels. »Freu

dich, daß wir 'n Boot haben.«

»Dann geh ich nicht mehr mit,« drohte Karen.

»Geh meinetwegen nach Haus und koch Kaffee,« sagte Jens gleichmütig.

»Wir können's allein.«

Karen begann mit großen Schritten zum Strand zu laufen.

»Willst du hierbleiben!« rief Niels, aber Jens sagte trocken:

»Laß sie laufen!«

»Was hat sie mit einemmal?«

»Mag der Deubel wissen. -- Das Boot sieht gut aus.«

»Das können wir brauchen.«

»Nanu? Ist sie verrückt geworden?«

»Lauf, Jens, und halt sie auf.«

»Karen! Karen!«

Die beiden fingen an zu laufen, aber bei dem schweren Wind kamen sie in

dem tiefen Sand mit den großen Seestiefeln nur langsam vorwärts.

* * * * *

Als sie am Strand ankamen, war das Boot schon ein gutes Stück vom Lande.

Karen stand auf der Ducht und schob mit dem Haken ab. Schwer haute der

Steven in die Seen, und das Fahrzeug dümpelte gewaltig hin und her,

aber das starke Mädchen zwang es.

»Karen! Karen!«

»Dumme Deern, komm her.«

Aber der Sturm verschlang jedes Wort, und das Mädchen sah sie gar

nicht; ihre Augen waren bei dem Matrosen, der still und friedlich auf

den Lohnen lag.

Als sie weit genug war, kniete sie neben ihm nieder und faßte seine

kalten Hände.

Und setzte sich so, daß die blauen Augen sie ansahen.

»Ich bring dich heim. Nach Esbjerg und nach Haus,« flüsterte sie und

strich mit der Hand weich über seine Stirn.

Sie sah die fürchterliche Flage nicht herankommen und gewahrte die

riesige See nicht, die das Boot wie einen Käfer auf den Rücken warf ...

Niels und Jens sahen es mit an.

Es war ein stürmischer Novembertag ...

Vor Ostern.

Hans Banidt las in der Bibel.

Er war grad vom Feld gekommen. Und vom Pflügen. Der dicke Schlick saß

noch an seinen Schuhen. Die wollene Mütze hatte er abgesetzt. Mit

aufgestützten Armen saß er an dem schweren Eichentisch und war mit

allen Gedanken bei Johannes, dem vierten Evangelisten.

Auf dem Hof und um die Wurt wurde es still. Die Knechte ließen das

laute Erzählen, und die Mägde gaben das Juchen auf. Das Vieh in den

Ställen verhielt sich sinniger. Die Hühner kletterten schlaftrunken auf

den Wiemen. Der Hund lag müde an der Kette und rührte sich nicht. Sogar

die Sperlinge verlegten ihre Abendschule von den Lindenzweigen nach dem

Katendeich.

Die Uhr tickte langsam und leise.

Peter, der alte Knecht, saß am Fenster. Der sah die Sonne größer und

roter werden, und tiefer und tiefer sinken. Bis sie mitten auf der Elbe

stand. Bis sie unterging. Dann guckte er um die Ecke nach dem jungen

Bauern, der so alt und gelehrt aussah und doch nichts von der Welt

gesehen hatte, kaum vom Hof hinuntergewesen war. Er sagte aber kein

Wort, der alte Peter.

Still war es. Überall.

Nur in der Küche nicht. Da klapperten Pütt und Pann und Teller und

Tassen. Da war jemand, der es hild hatte. Da sang jemand. Helle Lieder,

neue und alte. Bunt aus der Reihe. Und ließ nicht nach.

Peter freute sich heimlich.

Der Junge hatte es aber doch spitz gekriegt.

»Mok de Kökendör mol to,« sagte er, ohne aufzusehen.

Peter ging und tat es. Aber das half nichts. Der Gesang frischte auf

wie der Wind bei der Flut und wurde nur umso lauter.

Es dauerte nicht lange, da ließ Hans sich wieder vernehmen:

»De Diern schall dat Singen nolaten.«

Wieder ging der Knecht die halbe Diele entlang und unterhandelte mit

dem Feinde. Aber die Deern ließ das Singen nicht sein.

»Wenn se ne singen schall, kann se ok ne arbein, segg se.«

Damit kam Peter zurück.

Hans las Kapitel sechs noch zu Ende. Dann wurde es ihm über und er

stieß die Tür auf.

»De Heidenlarm schall uphürn,« scholl es laut und herrisch über den

Flur.

Das half auf dem Stutz. Ein paar Teller klapperten noch nach, dann flog

die Tür knallend zu, und es wurde still.

Hans Banidt konnte geruhig weiter lesen. Er tat es auch: aber lag es

nun daran, daß das siebente Kapitel ihm nicht recht in den Kram paßte,

oder daß die Schummerei schon zu hoch vor dem Fenster stand, oder daß

da sonst eine kleine Käulnis über die Schallen gelaufen war: -- genug,

er kam nicht weiter als bis zum dritten Vers. Eine Weile sah er es noch

mit an, wie die Reihen durcheinander liefen, dann stand er auf und ging

hinaus.

Er wollte nach der Scheune und nach den Kälbern gucken. Aber als er

niemand auf der Diele sah, dünkte ihn das nicht mehr so wichtig.

Er blieb bei der Küchentür stehen. Ob die auch innen so braunrot

gestrichen war? Das ging ihn wohl was an. Ganz gewiß. Er hatte die

Klinke schon in der Hand -- aber die Küche war leer. Der Singvogel

war ausgeflogen. Die Schüsseln standen noch da, und die Schürze lag

groß und breit am Boden. So unklug, die feine Schürze so hinzuwerfen.

Er mußte sich doch wohl bücken und sie aufheben. Glatt strich er sie

auch mit den großen braunen Händen. Und die Spitzen und Fransen am

Hals betrachtete er lange mit besonderer Sachkenntnis. Behutsam hängte

er sie an den Nagel, und wieder hallte sein schwerer Schritt über die

lange, dämmerdunkle Diele. Niemand war zu erblicken. Die Leute waren

wohl alle nach dem Deich gegangen und klönten mit den Fahrensleuten.

Die Fülltür stand noch sperrweit offen. Er machte sie zu und spähte wie

zufällig über die Wurt.

Dann ging er langsam auf die Bodentreppe zu. Das war keine Art von

der Deern, einfach alles stehen und liegen zu lassen. Mir nichts, dir

nichts fortzulaufen. Er wollte es ihr sagen. Morgen. Denn heute kam sie

ja doch zu spät. Oben in ihrer Stube konnte sie nicht sein. Das war

gewiß. Er brauchte gar nicht zuzusehen oder hinzuhören. Nur, damit er

seiner Sache gewiß war, stieg er hinauf.

Im Fenster glomm das Abendrot. Und am Fenster stand die Deern. Zwischen

den Truhen. Nicht in ihrer Kammer, im langen, braungetäfelten Saal,

wo bei den großen Hochzeiten getanzt worden war. Da stand sie, nur im

kurzen, roten Röckchen und im Hemd und kämmte sich ihr Haar, das dunkel

und schwer auf den Schultern lag. Der Nacken schimmerte weiß aus den

Spitzen, und die runden Arme waren rosig vom Schein des Abends. Sie

guckte hinaus.

»Uuch, de Bur,« fuhr sie plötzlich herum und lachte ihn an. Aber sie

schrie nicht auf wie die andern Mädchen, und lief nicht weg. Sie kämmte

ruhig weiter.

Er zog die Stirn in Falten.

»Schamst di gornix?«

Sie schüttelte übermütig den Kopf.

»Schamen? Weil ick lange Hoor un runne Arms hebb? Nee, Bur!«

Da holte er aber lang aus:

»Weil du jümmer rümjuchs und springs un lachs. Lachen schimpt, Diern.

Un mit jedereen geihs los und frees mit em und les di von Hans und

Franz no Hus bringen.«

So viel hatte er manche Woche nicht gesprochen.

Sie lachte.

»Ick bün *jung*, Buer.«

»Dat bün ick *ok*.«

»*Du?* Du? Mann, goh af! Du un jung? Du büs jo'n olen Knast, olen Kirl

in 'n Löhnstohl. Lachs ne un spricks ne! Gott schall mi bewohrn!«

Sie sah ihn spöttisch an.

Da trat er einen Schritt näher und vergaß viel. Noch mehr aber lernte

er hinzu. Sein Atem ging schwer.

Sie fühlte es wohl, und eine wilde Freude kam über sie. Das Weib in ihr

stand auf. Wie im Traume drehte sie sich herum.

»Jung bün ick, Hans Banidt. Un den ick mag, den nehm ick.«

Es war etwas Heiseres in ihrer Stimme, denn sie war zu weit gegangen.

Da riß es auch den ernsten Bauern mit.

»Nämst du mi ok?« fragte er schwer.

So spricht kein Herr zu seiner Magd.

Sie sah ihn von der Seite an, so seltsam --

»Wenn du jung würs.«

»Ick *bün* jung,« brach es da jach bei ihm los, wie im Sommer der erste

Donner über das stille Land hallt. Dann riß er sie in seine Arme und

drückte sein Gesicht in ihr weiches Haar und fühlte den warmen Leib und

wußte nichts mehr als:

»Du ... Du ...«

* * * * *

Am Heben leuchteten die Sterne, und wache Träume woben um die

Pferdeköpfe am First.

* * * * *

Den andern Morgen aber schirrwerkte Hans finster und unzufrieden auf

dem Hof und knurrte mit den Knechten und schalt, daß es zu hören war.

Über die ganze Wurt hallte seine harte Stimme. Nichts war ihm recht.

Die Knechte sahen ihn schief von der Seite an.

Geeschen stand am offenen Fenster. Die Sonne schien ihr ins Gesicht.

Und die Deern lachte in sich hinein und summte vor sich hin und freute

sich über das Geschimpfe des großen Bauern und dachte: »Ji schull'n 't

man weeten.«

Als sie zum Melken über die Diele ging, begegneten sie einander.

»Morgen, Hans Banidt,« raunte sie leise.

Er nickte nur und sah in eine Ecke.

»Du denkst der woll aber no, wanehr du no'n Pasturn hinwullt, wat?«

neckte sie.

Da ging er batz aus der Tür.

Sie aber blickte ihm sinnend nach und strich sich das Haar zurück.

* * * * *

Als der Heben wieder mit Sternen besät war, gingen wieder junge Träume

unter dem riesigen Strohdach um. Und die Nacht hatte flüsternde Stimmen.

* * * * *

Peter brachte das Mehl von der Mühle und die Nachricht, daß Angk, die

Katenalte, krank war und sich hingelegt hatte.

Das war Geeschens Großmutter.

Schiff vor Anker: Erzählungen · 第 1 / 7 段