Was man zu hören kriegt bei Euch,
Das lockt mich nicht. Wirb andre an
Und sag' an Fürst Gregor, ich sei erbötig
Euch zuzuschicken einen Korporal,
Den hättet ihr sehr nöthig.
Er stellte in drei Glieder euch
Vor allen Dingen
Und mukstet ihr, er würde gleich
Mit einem Blicke euch zur Ruhe bringen.
REPETÍLOFF.
Du hast nur stets den Dienst im Kopf, _mon cher_!
Sieh einmal her:
Ich blieb' gewiß nicht ohne Rang und Stelle
Und wäre ein gemachter Mann,
Allein ich hatte Unglücksfälle
Wie man nicht ärger haben kann.
Ich diente im Civil auch damals schon
Als Baron Klock Minister werden wollte
Und ich -- sein Schwiegersohn.
Ich ging ganz blindlings auf mein Ziel
Und ließ mich ein in solches Spiel
Mit ihm und seiner Frau. -- Die haben mich geschoren!
Herr Gott, was habe ich für Summen dort verloren!
An der Fontanka wohnt der Mann
Ich baute nebenan
Mir einen Palast auf
Mit ungeheueren Colonnen
Was gingen da für Summen auf den Lauf!
Die Tochter aber hatt' zuletzt ich doch gewonnen.
Allein -- o weh -- die Mitgift die war -- Gott zu klagen!
Und dann -- was wirst Du sagen:
Im Dienste wurd' ich doch nicht avancirt,
Es war ein Deutscher, doch wozu hat's mich geführt?
Er fürchtete den Vorwurf, siehst Du,
Daß er Verwandte protegirt'
Er fürchtet' -- hol' ihn der und jener --
Mir half er nichts.
Dagegen seine Schreiber, seine frechen
Sekretaire, Dintenkleckser, Buben
Aus Schreiberstuben,
Die waren alle zu bestechen
Und sind nun avancirt
Und im Adreßkalender angeführt.
Der Henker hole Rang und Dienst und Orden!
Es ist doch nichts als Prellerei,
Lachmotjeff Selekstei
Hört' ich vortrefflich sagen
Daß hier ein radikales Mittel nöthig sei,
Verdauen will sie nicht mehr unser Magen --
(Er hält plötzlich an, da er statt Scalosúb, der fortgefahren ist,
Sagorétzki erblickt, der an Scalosúbs Stelle getreten ist.)
Sechste Scene.
REPETÍLOFF. SAGORÉTZKI.
SAGORÉTZKI.
Ich bitte fahren Sie nur fort --
O, ich versteh' Sie auf mein Wort!
Ich bin ja ganz wie Sie ein großer Liberaler,
Allein mir ging es noch fataler,
Ich trug zu kühn die Wahrheit vor,
Sie glauben nicht, was ich dadurch verlor.
REPETÍLOFF (ärgerlich).
Verschwunden! -- Alle fort!
Und sagen nicht ein Wort.
Erst der -- nun jener -- kaum sieht man sich um;
Erst hatt' ich Tschatzki hier gefunden,
Drauf Scalosúb und beide sind verschwunden!
SAGORÉTZKI.
Was meinen Sie von Tschatzki?
REPETÍLOFF.
Nun, er ist nicht dumm!
Wir sprachen hier von Possen -- allerhand,
Dann aber hat sich das Gespräch
Zum Vaudeville gewandt.
Ein wichtiges Gespräch! -- Sehr wichtig
Ist doch das Vaudevill,
Doch alles übrige ist nichtig.
Und ich und er -- ich hab' -- ich sag' es offen
Den nämlichen Geschmack bei ihm getroffen.
SAGORÉTZKI.
Bemerkten Sie denn nicht
Daß es bei ihm im Kopf nicht richtig?
REPETÍLOFF.
Ei was!
SAGORÉTZKI.
Ich sage nur, was jeder spricht.
REPETÍLOFF.
Wie abgeschmackt!
SAGORÉTZKI.
So fragen Sie doch!
REPETÍLOFF.
Wind!
SAGORÉTZKI.
Da kommt der Fürst mit Frau und Kind
Recht _à propos_.
REPETÍLOFF.
Ach Possen!
Siebente Scene.
REPETÍLOFF. SAGORÉTZKI. FÜRST TUGOÚCHOFFSKI nebst GEMAHLIN und
sechs TÖCHTERN; MAD. CHLESTOW von MOLTSCHÁLIN geführt.
SAGORÉTZKI.
Ich bitte Sie, Erlaucht, mir doch zu sagen:
Ist Tschatzki toll geworden oder nicht?
ERSTE FÜRSTIN.
Wer kann da zweifeln oder fragen?
ZWEITE FÜRSTIN.
Wovon die ganze Welt schon spricht!
DRITTE FÜRSTIN.
Kränklinski's, Schmuzowski's,
Dibrinki's, Klatschkowski's --!
VIERTE FÜRSTIN.
Das ist was altes schon. Wem ist die Sache neu?
FÜNFTE FÜRSTIN.
Wer zweifelt noch daran?
REPETÍLOFF.
Ei,
Dieser Mann!
SECHSTE FÜRSTIN.
Sie?
ALLE ZUSAMMEN (ihn umringend).
Wie?
_Msjë_ Repetíloff. Nein?
_Msjë_ Repetíloff, ach, wie kann das sein!
Was wollen Sie, man weiß es schon im ganzen Lande,
Was denken Sie? Es ist ja Sünd' und Schande!
REPETÍLOFF (hält sich beide Ohren zu).
Verzeih'n Sie mir, ich wußte nicht
Daß man davon so laut schon spricht.
DIE ALTE FÜRSTIN.
So laut? -- Nicht laut genug. -- Ei, das ist sonderbar!
Sie müssen wissen
Mit ihm zu sprechen bringt Gefahr.
Man hätte längst ihn binden müssen,
Er ist ja wüthend wie ein Tieger,
Und doch -- hört man ihn an --
So scheint sein kleiner Finger klüger
-- Im Disputiren -- das versteht er --
Als alle Welt -- und selbst mein Mann, Fürst Peter.
Ich glaube -- gradheraus -- er ist ein Jakobiner
Ihr saubrer Freund! -- Nun gute Nacht!
REPETÍLOFF.
Ihr Diener!
DIE ALTE FÜRSTIN.
Ach, Herr Gemahl, Du mußt Dich schon bequemen
Sisi und Kätchen mitzunehmen,
Wir haben, sechs Mann hoch, erst gar zu eng gesessen.
MAD. CHLESTOW
(erscheint oben und ruft herab).
Eh, liebe Fürstin, eh!
Sie haben Ihre Kartenschuld vergessen.
DIE ALTE FÜRSTIN.
Notiren Sie's, mein Schatz. Adieu!
ALLE (gegenseitig).
Adieu, Adieu, Adieu! --
(Die fürstliche Familie und Sagorétzki ab.)
Achte Scene.
REPETÍLOFF. MAD. CHLESTOW. MOLTSCHÁLIN.
REPETÍLOFF.
Du großer Gott!
Ach, meine Gnädigste, was soll man dazu sagen?
Der arme Tschatzki! Ach! die Weisheit ist nur Spott!
Und wozu hilft es nun mit Lernen sich zu plagen!
MAD. CHLESTOW.
Gott hat es ihm geschickt! Es ist ein schlimmer Fall,
Allein vielleicht ist er noch zu kuriren;
Indeß, mit Ihnen, Freund, würd' man die Zeit verlieren,
Ist das nun wohl erhört! Jetzt kommen Sie zum Ball!
(Zu Moltschálin.)
Nun, bester Freund, da ist dein Kämmerlein,
Geh' nur hinein
Und Gott behüt' Dich. (Moltschálin geht ab.)
(Zu Repetíloff.)
Nun, Alterchen, schön gute Nacht
Wie lange soll die Tollheit währen?
Ich dächt', es wäre Zeit, mit Rasen aufzuhören.
(Ab.)
Neunte Scene.
REPETÍLOFF und dessen DIENER.
REPETÍLOFF.
Wo fahre ich nun hin?
Es fängt wahrhaftig an zu tagen.
Mach' fort und hilf mir in den Wagen
Und fahr' gleichviel wohin.
(Beide ab.)
Zehnte Scene.
TSCHATZKI
(kommt aus der Loge des Portiers).
Wie? Hab' ich recht gehört --? Kann es wohl sein?
Ist's nicht ein Scherz? O nein
Nur reine Bosheit! Wie?
Durch welches Wunder, welche Zauberei
Verbreitet sich ein solch Geschrei?
Für ein'ge schien es ein Triumph zu sein,
Und and're schienen Mitleid mir zu weih'n.
O, könnt' man in der Menschenbrust doch lesen
Wer hier am meisten Schuld gewesen,
Ob ihre Zunge, ob ihr Herz.
Wer hat erdacht den abgeschmackten Scherz?
Der Dumme glaubt's und gleich muß er es weiter tragen,
Die alten Weiber sind gleich fertig Lärm zu schlagen,
Und allgemein wird's dann als Wahrheit anerkannt.
Das also ist mein Vaterland!! --
Nein, nein -- ich fühl's -- bald habe ich genug
Von diesem herrlichen Besuch! --
Ob wohl Sophie davon gehört?
Wahrscheinlich sagte man's auch ihr.
Sie ist gesinnt -- nicht g'rade feindlich mir,
Doch ihr ist's ein's, ob ich gestört
Ob es ein andrer ist; sie liebt ja keinen.
Allein, wie sollte ich damit die Ohnmacht einen?
Sind's ihre Nerven, die sich dazu neigen,
Ist's eine Schwäche, ihr nur eigen?
Ein Nichts erschreckt, ein Nichts beruhigt sie.
Ich glaubt' es wäre Sympathie,
Lebhafte Leidenschaft wär' hier im Spiel,
Ach, nicht die Spur davon! Vielleicht
Hätt' sie gezeigt
Das nämliche Gefühl
Wenn einer Katze, einem Hund' von ungefähr
Man auf den Schwanz getreten wär'!
(Unterdessen ist die letzte Lampe erloschen.)
SOPHIE
(erscheint oben auf der Treppe mit einem Licht und beugt sich über
das Geländer).
Moltschálin? Wie!
(Sieht Tschatzki, zieht sich schnell zurück.)
TSCHATZKI.
O Himmel -- das war sie! --
Sie selbst! -- Es kocht mein Blut,
Die Sinne schwanken wie in Fiebergluth.
War es ihr Geist? Verlor ich den Verstand?
Was geht hier vor?
Nein, keine Täuschung konnt' das sein;
Es war ein Stelldichein.
Wozu mich länger selbst noch täuschen,
Sie rief Moltschálin ja,
Und hier -- hier ist sein Zimmer! -- da!
TSCHATZKI'S DIENER (kommt eilig von draußen).
Der Wa-- -- --
TSCHATZKI.
St! Fort mit Dir!
(Diener ab.)
Ich bleibe, muß es sein, selbst bis zum Morgen hier;
Soll ich den Kelch der Leiden trinken
So will ich's lieber auf einmal,
Durch Zaudern, ach, entgeht man nicht der Qual.
Man kommt! --
(Verbirgt sich hinter einem Pfeiler.)
Elfte Scene.
TSCHATZKI (verborgen). LISETTE (mit einem Licht).
LISETTE.
O Gott, ich möcht' vor Angst vergehn!
Des Nachts im leeren Vorhaus hier zu stehn! --
Ich fürcht' mich vor Gespenstern sehr
Und vor Lebend'gen noch viel mehr.
Gott mag dem Fräulein das verzeih'n
Da schickt sie mich gerad hinein.
Sie sagt, sie hätte Tschatzki hier gesehn:
Wie ein Gespenst sieht überall sie den.
(Sieht sich um.)
Das fehlte auch noch, hier zu bleiben,
Und sich im Vorhaus hier herum zu treiben!
Ich wette:
Der liegt mit seinen Liebessorgen
Schon längst zu Haus im Bette,
Und sinnt auf einen Plan zu morgen.
Doch muß ich ja zum Herzensfreunde geh'n,
(Sie setzt das Licht auf den Boden und pocht an Moltschálin's
Zimmerthüre.)
Moltschálin hören Sie? Ich bitt' Sie aufzustehn;
Das Fräulein ruft. Ich soll Sie gleich zum Fräulein führen.
Doch schnell, wir dürfen nicht die Zeit verlieren.
Zwölfte Scene.
TSCHATZKI (verborgen). LISETTE. MOLTSCHÁLIN (gähnt und dehnt sich).
Bald darauf erscheint SOPHIE oben unbemerkt.
LISETTE.
Sind Sie von Eis heut' oder Stein?
MOLTSCHÁLIN.
Ach, Lieschen mein,
Kamst Du aus eignem Antrieb? Sprich!
LISETTE.
O nein, das Fräulein schickte mich.
MOLTSCHÁLIN.
Wer sollte glauben, daß in diesen Zügen,
In diesen Aederchen
Der Liebe sanft Erröthen nie gespielt! --
Kann Dir das Botenlaufen denn genügen,
Hast Du denn selber Liebe nie gefühlt?
LISETTE.
Da Sie auf Freiersfüßen gehn
Kann ich Ihr Gähnen nicht verstehn.
Den lobte ich, der vor dem Hochzeitstag
Nicht essen und nicht schlafen mag.
MOLTSCHÁLIN.
Was Hochzeit? Und mit wem denn, sprich?
LISETTE.
Nun mit dem Fräulein, dächte ich.
MOLTSCHÁLIN.
Ach geh! Die Hoffnung liegt noch weit;
Auch ohne Hochzeit bringt man hin die Zeit.
LISETTE.
Ich weiß nicht recht, mein Herr, wie man so sprechen kann!
Wir wollen ja doch keinen andern Mann.
MOLTSCHÁLIN.
Mag sein! Ich hab' seither nur immer Angst gehabt,
Daß uns der Alte nicht ertappt.
Der würde uns verfluchen und verjagen! --
Hör', soll ich Dir die Wahrheit sagen?
In Deinem Fräulein hab' ich niemals was erblickt
Was mich entzückt;
Ich wünsche ihr auf allen Wegen
Des Himmels reichsten Segen;
Doch sie hat Tschatzki gern gesehn,
Und nun! -- Mir wird's nicht besser gehn.
Ach Engel mein, ach könnte ich
Nur halb für sie empfinden, wie für Dich! --
Ich thue was ich kann,
Ich stell' mich zärtlich an,
Allein -- der Himmel weiß --
Sobald ich sie nur seh', so werde ich zu Eis.
SOPHIE (bei Seite).
Wie niedrig! O, kaum kann ich mich bezähmen!
TSCHATZKI (bei Seite).
Der Schuft!
LISETTE.
Sie sollten sich doch schämen!
MOLTSCHÁLIN.
Im Testament rieth mir mein Vater, daß ich _Allen_
Bemüht sein müßte zu gefallen:
Dem Wirth des Hauses, wo ich im Quartier,
Sodann dem Chef, der über mir;
Auch dessen Diener, der die Kleider putzt,
Dem Schweizer und dem Hausknecht dann --
Weil man sie oft benutzt,
Und suchen sollte ich
Des Knechtes Hund zum Freunde zu bekommen.
LISETTE.
Ei, ei, da haben Sie viel Arbeit übernommen!
MOLTSCHÁLIN.
Und darum stelle ich verliebt mich an,
Nur aus Gefälligkeit,
Weil sie die Tochter ist von einem solchen Mann.
LISETTE.
Durch den Sie gastfrei aufgenommen
Von dem Sie manchen Rang bekommen?
Doch bitt' ich eilen Sie --!
MOLTSCHÁLIN.
Wohlan, so laß uns zu Sophie
Zu unsrer weinerlichen _Coeur-madam_
Mit ihrem Liebesgram.
Doch erst erlaub' mir mit Entzücken
Dich an dies volle Herz zu drücken. --
(Er will sie umarmen; sie entzieht sich ihm.)
Warum ist sie nicht Du!
(Indem er hinauf gehen will, tritt ihm Sophie entgegen.)
SOPHIE.
Zurück, ich hab' genug gehört!
O Ungeheuer Sie! So also mußt' es enden!
Ich schäm' mich vor mir selbst, ich schäm' mich vor den Wänden.
MOLTSCHÁLIN.
Sie da?
Sophie Pawlowna!
SOPHIE.
Um Himmelswill'n, kein Wort --! Sie schweigen! --
Entschieden ist schon alles hier.
MOLTSCHÁLIN (wirft sich zu ihren Füßen).
Ach Gott, verzeih'n Sie mir,
Gedenken Sie, ach seh'n Sie auf mich her!
SOPHIE.
Ich denk an gar nichts mehr --
Und schwiegen Sie, so wär' es besser.
O die Vergangenheit, sie ist ein scharfes Messer!
MOLTSCHÁLIN.
Erbarmen Sie sich doch!
SOPHIE.
Wozu dies Kriechen noch?
Wozu am Boden liegen!
Kein Wort! Ich weiß wie Sie betrügen.
MOLTSCHÁLIN.
Die einz'ge Gnade nur! --
SOPHIE.
Nein, nein, nein!
MOLTSCHÁLIN.
Ich scherzte, sprach ja nur verschlafen,
O Gott, wie können Sie so hart mich strafen!
SOPHIE.
Auf, sage ich -- sonst wecke ich das Haus
Und dann ist's mit uns beiden aus.
(Moltschálin steht schnell auf.)
Von heute an will ich von Ihnen nicht mehr wissen;
Und daß Sie es zu denken selbst nicht wagen,
Als ob mit Thränen und mit Klagen
Sie von mir würden je beehrt --
Das sind Sie wahrlich gar nicht werth.
Und daß Sie sich nicht untersteh'n
Ihr Auge länger hier zu zeigen.
MOLTSCHÁLIN.
Was Sie befehlen soll gescheh'n.
SOPHIE.
Ich würde nichts verschweigen,
Ich sagte Alles meinem Vater frei,
Mein Schicksal wär' mir einerlei.
Sie können gehn! Nein, halt! -- Es ist Ihr Glück
Daß Feigheit mehr Sie hielt zurück
Wenn ich in tiefster Nacht Sie sah,
Als selbst, wenn es am Tag geschah;
Sie sind so kühn nicht, wie gemein.
O ich bin froh, daß es jetzt Nacht und wir allein;
Daß Augenzeugen nicht zugegen!
Welch eine Meinung müßt' man von mir hegen;
Wenn, wie heut' Vormittag,
Als ich in Ohnmacht lag,
Hier Tschatzki wär'.
TSCHATZKI
(hinter dem Pfeiler rasch hervortretend).
Hier ist er, Heuchlerin!
LISETTE UND SOPHIE.
Ach! -- Ach! --
(Lisette läßt das Licht vor Schrecken fallen. Moltschálin läuft in
sein Zimmer und verschließt es.)
Dreizehnte Scene.
TSCHATZKI. LISETTE. SOPHIE.
TSCHATZKI.
Jetzt schnell in Ohnmacht hin!
Denn mehr als heute früh, wär's grade jetzt am Ort.
Das also war das große Räthselwort!
Und diesem bin ich aufgeopfert!
Ich weiß nicht, wie ich mich
Und meine Wuth bezähmte -- ha --
Ich sah und schaut' und glaubt' nicht was ich sah!
Und dieses Herzblatt, das mir vorgezogen,
Für den Sie Ihren alten Freund betrogen,
Der Mensch, durch den Gefühl und Scham
Von Ihrer Wange kam,
Der läuft jetzt fort voll Angst und Schrecken
Sich hinter Schloß und Riegel zu verstecken.
Wer faßt des Schicksals launenhaftes Spiel!
Der Mann von Seele und Gefühl
Wird unter einer Last von Leiden fast erdrückt,
Und die Moltschálin's -- sind beglückt.
SOPHIE
(in Thränen zerfließend).
Nichts mehr, ich bin voll Schuld -- ich sag' es frei --
Doch konnt' ich's ahnen wohl, daß er so schändlich sei?
LISETTE.
Man kommt! Ihr Vater ist's, ach Gott, das ganze Haus!
Der Alte wird sich freu'n, nun ist auch alles aus!
Vierzehnte Scene.
DIE VORIGEN. FAMUSSOFF (kommt mit mehreren Dienern, die Fackeln,
Lichte und Laternen tragen).
FAMUSSOFF.
Hierher! Mir nach! Geschwind, geschwind!
Mehr Licht! Laternen! Nun, wo sind
Denn die Gespenster? Wie? Was seh' ich da?
Wie? meine Tochter? Ha!
Verworfne Dirne, ohne Scham!
Und wo? Und sag' mit wem? Infam!
Ja! Topp auf Topp! Ganz auf ein Haar
Wie meine sel'ge Frau, wie ihre Mutter war.
Kehrt' ich den Rücken nur, so wußt' ich's schon'
Gleich steckt' sie irgendwo mit einer Mannsperson.
Du! fürchte Gott!
Wie hat Dich dieser Mensch denn so berückt?
Du selbst erklärtest ihn ja für verrückt;
Ja so!! -- Ich war ja blind und dumm!
Erfunden war's und alle wußten drum.
Er selbst war im Complott
Mit allen meinen Gästen.
Wodurch verdient' ich, lieber Gott,
Daß man mich also hält zum Besten!
TSCHATZKI (zu Sophie).
Das Mährchen also haben Sie erdacht?
FAMUSSOFF.
Schatz, keine Finten hier gemacht!
Ich lass' mich länger nicht betrügen
Und würdet ihr euch hier gleich in den Haaren liegen.
(Zum Portier.)
Du, Philipp, bist ein Klotz, wie ich nun deutlich seh' --
Ein Rindvieh macht' ich zum Portier.
Er hört und sieht nicht; -- sag' -- wo hast Du denn gesteckt?
Wie hast Du denn nicht alles gleich entdeckt?
Warum verschlosst Du nicht die Thüre jetzt?
Und warum passest Du nicht auf bis ganz zuletzt?
(Zu den übrigen Dienern.)
Wo war't ihr alle hingelaufen? --
Zur Arbeit -- nach Sibirien mit euch!
Für einen Groschen wär't ihr fertig gleich
Mich zu verrathen und mich zu verkaufen.
(Zu Lisette.)
Und das, Du Falkenaug', sind deine Schelmenstücke!
Da haben wir die Schmiedebrücke
Und Putz und Modennarrethei.
Da hast Du es gelernt
Wie man den Seladon läßt ein
Und wieder ihn entfernt.
Wart' nur, Dir leg' ich Deine Suiten,
Auf's Dorf mit Dir, da kannst Du Gänse hüten!
(Zu Sophie.)
Auch Du, Mamsell, Du bleibst nicht länger hier.
Zwei Tage Zeit noch geb' ich Dir,
Dann wirst Du fort aus Moskau gehn
Und nicht mehr Menschen sehn.
Ich halte Dich schon fern
Von solchen abgefeimten Herrn.
Zur Muhme, nach Saratow -- in die Wüste hin,
Das wird kuriren Deinen Sinn.
Da kannst Du seufzen in der Oede,
Von Liebelein ist dort nicht mehr die Rede;
Da kannst Du Dich am Rahmen dehnen
Und hinter der Postille gähnen.
(Zu Tschatzki.)
Erlauben Sie, mein Herr, daß ich Sie ernstlich bitte
Zu unterlassen alle weitern Schritte,
In jeder Art, nicht grad', nicht krumm --
Sie werden schon für Ihre Streiche büßen,
Und hier im ganzen Publikum
Wird jede Thür vor Ihnen sich verschließen --
Denn ich versprech's -- ich werde Lärmen schlagen,
Ich werde jedermann in Moskau fragen
Wie solch Betragen ihm gefällt.
Erfahren soll es alle Welt,
Ich schrei' es aus in alle Häuser,
Ich reich' es ein in den Senat,
Ich klag' es dem Ministerrath,
Ich gehe bis zum Kaiser!
TSCHATZKI.
Ich fass' es nicht, ich muß gestehn,
Ich hör' es zwar, doch kann ich's nicht begreifen.
Betäubt davon was hier geschehn
Steh' ich noch da und die Gedanken schweifen.
Ich Thor! Wo suchte ich den Preis für meine Leiden?
Ich eilte, flog, ich zitterte vor Freuden,
Dem Glück schon nah mich wähnend;
Nur Eines wünschend, Eins nur sehnend
Verschwendet' ich der Liebe heißes Flehn,
Und Sie -- Sie wählten -- wen?! --
Und wollten Sie mich denn verschmäh'n --
Warum denn heucheln
Und mir mit Hoffnung schmeicheln?
Warum mir denn nicht deutlich sagen:
Hin sei der Traum aus jenen Jugendtagen,
Und nur noch Gegenstand für Ihren Spott!
Warum mir denn nicht sagen,
Daß lau geworden die Erinnerung sogar
An die Gefühle, die wir theilten,
Und die in mir nicht Trennung, nicht die Zeit,
Zerstreuung nicht und weite Reisen heilten;
Die jedem Athemzug verwebt --
Mit denen ich gelitten -- mit denen ich gelebt!
Ach hätten Sie die Wahrheit nicht gescheut,
Daß meine schnelle Rückkehr, mein Betragen,
Mein Anblick, meine Worte Ihnen nicht behagen,
Ich hätte Sie sogleich von mir befreit.
Ich hätte nicht in meinem blinden Wähnen
Nach _dem_ gestrebt, was er, Ihr Liebling da --
(Er lacht.)
Haha!
Sie werden sich versöhnen!
Wenn reiflich Sie's bedenken,
Wozu sich selber kränken?
Und dann -- Sie können windeln ihn und plagen
Und in Geschäften aus dem Hause jagen,
Solch Ehejüngelchen, solch einen Eheknecht --
Zum Pagen wie geschaffen
Für's ganze weibliche Geschlecht,
Der Eheherren hohes Ideal
In Moskau -- o -- ein sauberer Gemahl.
Genug! Es ist mein Stolz Sie zu vergessen.
(Zu Famussoff.)
Sie, alter Herr, auf Rang stets so versessen,
O träumen Sie unwissend -- glücklich fort!
Ich gebe Ihnen hier mein Ehrenwort:
Ich werbe nie um Ihrer Tochter Hand,
Weil sich ein andrer Ritter fand.
Ein Männlein sehr erfahren und geschickt,
Ein Speichellecker, der sich ewig bückt,
Und der auch ganz, so wie mir däucht,
Dem künft'gen Schwiegervater gleicht.
Die Schuppen ha, sind mir vom Aug' gefallen,
Die Binde sank -- die Täuschung hörte auf!
Jetzt thäte es mir wohl, zu gießen meine Galle
Und meinen Hohn
Auf Vater, Tochter, Schwiegersohn,
Mit einem Wort -- auf Alle!
Zu welchen Menschen führte mich
Das Schicksal doch so wunderlich!
Verfolgung, Spott, des Hohnes Klänge
Erfuhr ich nur von dieser blinden Menge;
Verräther an der Treu und Liebe,
Und unersättlich in des Hasses Triebe.
Unbänd'ge Schwätzer, boshaft alte Weiber,
Dummkluge Weise,
Verschmitzte tück'sche Pinsel, matte Greise,
Die zum Kind
Herabgesunken unter Possen sind! --
Ihr habt posaunt in vollem Chor,
Daß ich Verstand und Sinn verlor!
Und Ihr habt Recht! -- Wenn ein verständ'ger Mann
Nur einen Tag mit Euch durchleben kann
Und es gelingt Euch nicht den Kopf ihm zu verdreh'n
So kann er dreist durch's Feuer gehn.
Aus Moskau fort!
Nein, Moskau ist nicht mehr das Ziel von meinen Reisen.
Ich suche nichts als einen stillen Ort
Um hin mein wundes Herz zu tragen.
Mein Wagen, schnell, wo ist mein Wagen!
(Schnell ab.)
Fünfzehnte Scene.
DIE VORIGEN (ohne Tschatzki).
FAMUSSOFF.
Nun siehst Du! Ist's nicht sonnenklar,
Daß niemand je verrückter war?
Sag' selbst, im Ernst, -- was sprach er gleich
Für tolles abgeschmacktes Zeug!
Von Speichelleckern fing er an
Von einem Schwiegervater dann;
Und das war sonderbar,
Was er auf Moskau böse war.
Doch Du -- Du bringst mich um -- ja Du!
Bin ich nicht _so_ schon zu beklagen?
Ach großer Gott, was wird dazu
Nun unsre alte Fürstin sagen!!
(Gruppe. Der Vorhang fällt.)
Ende des vierten und letzten Akts.
Bemerkungen
über das vorliegende Stück.
Über jedem ächten Kunstwerke liegt der Hauch der Ursprünglichkeit
gebreitet, den der Mechanismus des Copirens, der Nachbildung abstreift.
-- Aber wer eine Statue, ein Bild copirt, arbeitet wenigstens in dem
nämlichen Stoff; -- der Übersetzer dagegen soll den geistigen Stoff in
einem ganz anderen Material, in einer anderen Sprache wiedergeben, und
Übersetzungen gleichen daher, wie der sonst verständige, tolle Junker
von la Mancha sagt, -- _verkehrten Tapeten_. Am schwierigsten erscheint
nun die Übersetzung eines dramatischen Stückes, wenn die Sprache je nach
den Characteren eine ganz verschiedene ist, und wenn verschiedene
Bildungsstufen und Zustände eigenthümlicher, ja lokaler Art dargestellt
sind. Und dieses ist der Fall mit dem vorliegenden Drama Gribojädoff's.
Es ist nicht schwer die Sprache von Sophie oder Tschatzki wiederzugeben:
sie sprechen die Sprache aller gebildeten Menschen; wer aber vermöchte
in einer andern Sprache solche eigenthümliche Erscheinungen
wiederzugeben, wie einen Famussoff, einen Scalosúb, einen Repetíloff.
Jeder von ihnen führt eine verschiedene Sprache, welche die
verschiedenen Bildungsstufen bezeichnet, auf der jeder sich befindet.
Noch einer andern Schwierigkeit muß ich erwähnen: Oft ruft der Gegensatz
von Fremdwörtern mit der familiären Sprache eine unwiderstehliche Komik
hervor, die also nicht sowohl im Sinne als in der Wortstellung liegt.
Von solchen Stellen wimmeln die Reden Famussoff's, und wie selten kann
die treue Übersetzung zugleich mit einer ähnlichen Wortstellung
verbunden werden!
Nach diesen Ansichten von Übersetzungen, nach diesem Bekenntniß des
Unvermögens wird man mir hoffentlich nicht die Absicht unterschieben
wollen, als ob ich diese Übersetzung unternommen hätte, um solchen, die
nicht russisch verstehen, das Original zu ersetzen.
Mein Endzweck war ein ganz anderer. Ich schrieb diese Übersetzung nicht
sowohl für Deutsche oder solche die deutsch und nicht russisch
verstehen, sondern vor allen Dingen für -- Russen. Man verstehe mich
nicht unrecht. Jeder wird mir zugeben, daß es angenehm wäre eine Sprache
zu erlernen ohne das Lexicon immerfort aufschlagen zu müssen. Wenn nun
ein Russe z. B. deutsch lernen wollte, so würde er, glaube ich, dieses
am bequemsten aus getreuen Übersetzungen derjenigen russischen
Meisterwerke, die er bereits im Original auswendig kennt. Hierzu rechne
ich Kryloff's Fabeln, Puschkin's Onägin und das vorliegende Drama. In
meiner Übersetzung habe ich, dem Original Vers für Vers folgend, die
Redeweisen durch ähnliche deutsche wiederzugeben versucht. Hierbei ist
nicht zu vergessen, daß die Sprache des Stücks die gewöhnliche
Umgangssprache ist, und ich hoffe, daß man mir nicht den Vorwurf machen
wird, eine andere als die bürgerliche Conversationssprache in der
Übersetzung gebraucht zu haben. Der Russe wird also aus ihr deutsch
_sprechen_ lernen und zwar mit den _eigentlichsten_ Redeweisen an ihrem
Ort.
Aber auch demjenigen, der russisch erlernen will kann ich keinen
besseren Rath ertheilen, als _Gore ot uma_ zu lesen, denn die Sprache
ist, wie gesagt, die Umgangssprache und durch die gebundene Rede ist der
Werth der Sylben, die Betonung, der Accent sogleich gegeben. Solchen
würde denn meine Übersetzung eine willkommene Beihülfe werden zum
Verständniß des Originals, da die dunkelsten Stellen nach sorgfältiger
Kritik der verschiedenen Auslegungen übersetzt sind.