Die Idee, die diesem Stücke zu Grunde liegt, ist eine schon bekannte.

Sie ist in einer Gellert'schen Fabel anmuthig und bündig gegeben.

»Du Narr willst klüger sein als wir?

»Man zwang den Pez davon zu laufen.«

Goethe hat den nämlichen Gedanken in den schönen Versen im Faust

ausgedrückt:

»Die Wenigen, die ihr Gefühl, ihr Schaun

»Dem Pöbel offenbarten

»Hat man von je gekreuzigt und verbrannt!«

Wir sehen im _Gore ot uma_ einen strebenden, mit glühender

Vaterlandsliebe begabten, jungen Mann von seinen Reisen zurückkehren;

auf diesen hat er mit Verdruß erkannt, daß die Gesellschaft seiner Zeit

in Rußland eine Copie darstellt, und dieser Gedanke erfüllt ihn auf's

schmerzlichste. Mit diesem Unfrieden im Herzen kehrt er ins Vaterland

zurück, und findet zum Unglück noch seine Jugendgeliebte kalt und

abgewendet. Seine Mißstimmung steigert sich dadurch, sein Mund geht über

wovon sein Herz voll ist, er macht sich aller Welt verhaßt, und durch

ein Mißverständniß, das jeder befördert, sieht er sich für verrückt

erklärt und steht einsam da.

Der Dichter schwingt die unbarmherzigste Geissel des Spottes über die

verderbten sozialen Zustände in einer Hauptstadt; alle Charactere sind

aus dem Leben gegriffen und von einer solchen inneren, menschlichen

Wahrheit, daß wir immer glauben bekannten Erscheinungen und Personen zu

begegnen, und dem Verfasser daher immer von Herzen Recht und Beifall

geben.

Ich theile übrigens nicht die Ansicht Vieler, als ob Gribojädoff

geglaubt habe _Russen_ zu schildern; wenn er diese Ansicht hatte, so ist

es ihm ergangen wie Wilhelm Meister, der nur _Schauspieler_ kannte, sich

über sie bitter beschwerte und in ihrer Beschreibung auf's treffendste,

ohne es zu wissen, -- _Menschen_ schilderte. Ich glaube in jedem Lande

in Europa und besonders in den größeren Provinzialstädten wird man

ähnliche Erscheinungen mit geringer Modification, durch Nationalität

bedingt, wiederfinden, und eine freie und gehörig modificirte

Übersetzung würde daher gewiß in jedem Lande Beifall finden. Über den

Werth des Stücks hat die Zeit bereits entschieden, die strengste Kritik

muß entwaffnet werden durch die Thatsache, daß jedermann, ehe das Stück

gedruckt wurde -- es bereits in der Abschrift besaß und fast auswendig

wußte, so daß nach Polewoi's Ausdruck _die Buchdruckerkunst für

Gribojädoff nicht erfunden zu sein brauchte_.

Die in den Namen der Personen in dem Wortlaut involvirte Bezeichnung der

Charactere wäre etwa folgende:

Famussoff dürfte von _famose_ abzuleiten sein, in ironischem Sinne, wie

man z. B. sagt -- ein famoses Subject oder ein sauberes Subject.

Famussoff ist ein selbstzufriedener, geld- und titelsüchtiger gemeiner

Büreaucrat.

Tschatzki (von [Kyrillisch: chad`] -- Dunst?), der einzige würdige

Character im ganzen Stück. Sein Schicksal ist in dem Titel des Stücks

ausgesprochen. Wollte der Dichter durch seinen Namen bezeichnen, daß er

ein Träumer war? Tschatzki macht sich freilich Luftschlösser, er

schwärmt -- aber er ist ein edler Schwärmer.

Moltschálin (von [Kyrillisch: molchat'] -- stille sein, schweigen) ist

ein armseliger Character; ein Mensch von niederer Herkunft und

Gesinnung. Er spielt die Flöte und schreibt eine gute Hand.

Scalosúb (Zähneblecker, Spottvogel), ein bornirter Kamaschenheld, der

keine Ahnung von der wahren Bedeutung eines Kriegers hat. -- Bezeichnend

ist es, daß er als Formenmensch nur immer Zahlen im Munde hat.

Goritscheff (von [Kyrillisch: gorest'] -- Herzeleid), ehemals ein

tüchtiger Mensch, ist er durch eine sinnliche und herrschsüchtige Frau

ganz verweichlicht; er fühlt das und ist daher verdrüßlich und

melancholisch.

Repetíloff (von _répéter_), ein leerer, verlebter Wüstling, der selbst

ohne Bedeutung sich an bedeutendere Naturen anhängt und repetirt was

andere sagen. Er ist das Bild eines Mannes, der schon im vorgerückten

Alter noch nicht zur Besinnung gekommen ist und der jung zu bleiben

glaubt, wenn er die Thorheiten und Ausschweifungen der Jugend in sein

Alter hinübernimmt.

Sagorétzki (von [Kyrillisch: zagorät'] -- durch Brennen schwarz

werden?), ein berüchtigter (gebrandmarkter) Spieler, Lügner und Dieb,

der aber durch allerlei Gefälligkeiten, die ihm nichts kosten, in der

Gesellschaft sich zu erhalten weiß. Ein Beweis von dem Mangel einer

öffentlichen Meinung, von der laxen Moral großer Städte.

Mad. Chlestow (von [Kyrillisch: khlest'] -- Spießruthe), eine alte,

brutale zänkische Dame.

Chrumin (von [Kyrillisch: khromät'] -- lahm werden), eine abgelebte

Dame, die sich von dem schaalen Treiben der Bälle nicht losmachen kann.

Tugoúchoffski (von [Kyrillisch: tugo] und [Kyrillisch: ukho] --

Steifohr), ein stocktauber und armer Fürst.

Analyse des ersten Akts.

Die Personen dieses Aktes sind: Fámussoff, Sophie, Tschatzki,

Moltschálin, Lisa und ein Diener. Wir sehen in ein unheilvolles Innere.

Die Frau vom Hause ist längst verstorben, und die Erziehung ihres

einzigen hinterbliebenen Kindes hatte der vielbeschäftigte Vater, ein

Mann von laxer Moral, Miethlingen überlassen. Sehen wir nun, daß Sophie

mit einer lebhaften Sinnlichkeit, dem Erbtheil ihrer Eltern begabt und

mit einer listigen und leichtfertigen Soubrette wie Lisa zur Vertrauten,

in ihrem siebzehnten Jahre schon den zweiten Roman ihres Lebens spielt

-- bedenken wir, daß diese Natur auf dem üppigen Boden einer großen

Stadt emporwuchs, so erscheint diese Frühreife ganz motivirt. Der Held

ihres ersten Romanes war ihr Vetter und Spielgefährte Tschatzki, der

Held auch des Stückes. Mit einer feurigen Einbildungs- und Urtheilskraft

und mit einem rechtlichen Sinne begabt, waren ihm seine

Dienstverhältnisse und dann besonders das ganze Wesen im Hause

Fámussoff's unerträglich geworden; drei Jahr vor Beginn des Stückes

hatte er Moskau plötzlich verlassen. Wie aus der zweiten Scene im

dritten Akt hervorgeht, hatte er sein Glück in Petersburg versucht, und

auch die Gunst eines Ministers gewonnen, aber er verlor sie ebenso bald

durch eine Lebhaftigkeit, die hochgebildeten, edlen Seelen nie gestattet

zu schweigen wo die Klugheit es auch gebietet. So hatte er durch seine

Reise nichts gewonnen, in seiner Abwesenheit aber das Herz Sophiens

verloren; denn das Sprichwort: _les absents ont tort_ bewahrheitet sich

wieder hier vor uns. Theils aus Langerweile -- denn aus einer

unerklärlichen Bizarrerie hat Tschatzki in den drei Jahren nichts von

sich hören lassen, -- theils aus Herzensbedürfniß hat Sophie sich einen

andern Helden gewählt, und dieser, der stärkste Gegensatz von Tschatzki,

der geistlose, geschniegelte Allerweltsdiener Moltschálin, mit einem

leidlichen Äußeren und einer hündischen Geduld ausgestattet --

erheuchelt Gegenliebe, aus Furcht, die Tochter seines Chefs zu

beleidigen. Es folgt daraus eine ganz schiefe Stellung; -- das

Verhältniß muß vor dem ehrgeizigen Vater streng verheimlicht werden, und

Moltschálin, der die früheren Gefühle Sophiens für Tschatzki kennt,

betrachtet sich nur als Spielzeug ihrer Laune, und denkt nicht an die

Möglichkeit einer festen Verbindung. Ebenso unheimlich ist der Soubrette

zu Muthe, weil Moltschálin arm ist und bei Entdeckung des Verhältnisses

_sie_ vorzüglich als die Vertraute gestraft werden würde. -- Indeß muß

sie, von ihrer jungen Herrin gezwungen, die heimlichen Zusammenkünfte

bewachen, bei denen es übrigens durch Moltschálins Disposition nur auf

viel Musik und frostige Liebeleien herausläuft. -- Diese Beziehungen der

Hauptpersonen zu einander glaubte ich zu einem besseren Verständniß der

nun folgenden Scenen voranschicken zu müssen.

Mit einer Nachtwache Lisa's und einer heimlichen musikalischen Soirée

die bis zum dämmernden Morgen gedauert hat, beginnt das Stück. -- Lisa

erwacht erschreckt, klopft an die Thür des Zimmers und sucht die

Liebenden zu trennen. Da nichts hilft, so will sie sie dadurch

auseinanderjagen, daß sie die Spieluhr in Bewegung setzt; darüber kommt

der Alte hinzu, der auf der andern Seite des Hauses wohnt, zu dem aber

auch allerlei Töne hinübergeklungen sind; die Spieluhr erklärt ihm

dieses so ziemlich, aber er traut doch dem listigen Kammermädchen nicht

recht und gestattet sich bei der Gelegenheit allerlei Freiheiten. --

Indem hört man Sophiens Stimme und das böse Gewissen treibt den Alten

von der Scene; die jungen Leute treten nun auf und nehmen Abschied, aber

der Alte erscheint in dem Augenblick wieder und ist nicht wenig

erstaunt, sie schon so früh am Tage zusammenzufinden. Sein erster

Gedanke ist, daß es ein _Rendez-vous_ sei; es wäre ihm nichts verhaßter,

als wenn seine Tochter einen blutarmen Menschen zu lieben sich in den

Kopf gesetzt hätte, und in ärgerlicher Stimmung ergießt er in dieser

Scene seine Galle über die jungen Damen in Moskau, sowie über das

Unterrichtswesen und schiebt die Schuld alles Unheils schließlich auf

die Franzosen und ihre moralischen und physischen Leckereien. -- Er

geht, nur halb beruhigt, mit Moltschálin fort, und in dem Zwiegespräch

der beiden Mädchen erfahren wir nun, daß der Alte sich den reichen

Oberst Scalosúb zum Schwiegersohne wünscht, daß dieser aber durchaus

nicht Sophiens Beifall hat. Lisa horcht nun ihre Herrin in Bezug auf

Tschatzki aus, aber es ergiebt sich, daß ihre frühere Neigung zu ihm

einer vollkommenen Kälte Platz gemacht hat -- indessen hegt sie noch

große Achtung vor seinem gebildeten Geiste. In diesem Augenblick wird

die Ankunft Tschatzki's gemeldet. Sein Auftreten ist stürmisch und

feurig, Sophie ist kalt und einsylbig; Tschatzki erscheint ihr wie ein

Gespenst, wie ein lästiger Gläubiger, und sie ist nicht willens seine

Forderungen anzuerkennen. Tschatzki ist hier sowohl, als das ganze Stück

hindurch so verblendet wie ein wahrhaft Liebender. Es ist vergeblich,

daß Sophie sich voll des lebhaftesten Gefühls für Moltschálin zeigt und

gegen Tschatzki kalt, spitz, unbarmherzig, ja endlich im dritten Akt

ganz aufrichtig ist. -- Tschatzki hält es wohl für möglich, daß er ihr

Herz verloren habe, daß sie es aber an Moltschálin habe schenken können,

begreift er nicht, und sein ganzes Bestreben geht nun dahin, den

Nebenbuhler zu finden, der an dem kalten Empfang Schuld sein muß. --

Tschatzki's Character, auf den wir durch Sophiens Schilderung schon

vorbereitet wurden, zeichnet sich in dieser Scene aufs trefflichste;

seine Bildung und ein tiefes Gefühl hebt ihn hoch über seine

Zeitgenossen und seine Umgebung, aber er handelt unrecht es merken zu

lassen, er lacht laut wo er lächerliche sieht und hieraus erfolgen

tausend Unannehmlichkeiten und jene Leiden, die der Dichter die _Leiden

des Gebildeten_ nennt. Sophie, obgleich durch Tschatzki's Erscheinung

beunruhigt, nimmt doch einen gewissen Antheil an seinen witzigen

Schilderungen lächerlicher Charactere von Moskau, wie er aber

unglücklicherweise auch Moltschálins erwähnt und ihn unbarmherzig

kritisirt, so verwandelt sich ihr Rest von Achtung in bittern Haß. Nun

tritt Fámussoff herein, abermals erschreckend über den neuen mißliebigen

Prätendenten; denn Tschatzki's Grundsätze, sowie sein sehr mittelmäßiges

Vermögen, lassen ihn als solchen durchaus nicht erwünscht erscheinen.

Sophie durchschaut alles schnell und mit ächt-weiblicher List wälzt sie

den Verdacht des Vaters von Moltschálin ab auf Tschatzki; -- der

Stoßseufzer Fámussoff's, der nun in Zweifeln zwischen zwei unerwünschten

Schwiegersöhnen über die Plage mit erwachsenen Töchtern klagt, schließt

den Akt ganz vorzüglich ab.

Analyse des zweiten Akts.

Personen: Sämmtliche Personen des ersten Akts und der Oberst Scalosúb.

-- Es ist etwas später am Tage, aber noch Vormittags um die Zeit der

Visiten. Fámussoff kommt in seinen Empfangssalon und beschäftigt sich in

einem köstlichen Monologe Einladungen aller Art, die er erhalten hat,

durch einen Diener in einen Kalender eintragen zu lassen. Der erste

Fremde ist Tschatzki; in dem nun folgenden Gespräch zeichnet sich beider

Character aufs deutlichste; die Kluft zwischen ihren Ansichten deckt

sich auf; Tschatzki sagt die Wahrheit ganz freimüthig und als er gar die

Ideale Fámussoff's lächerlich und niedrig findet, so fängt letzterer an,

ihn entschieden zu hassen. Der Oberst Scalosúb erscheint nun und wird

von Fámussoff aufs schmeichelhafteste empfangen -- theils um ihn zu

gewinnen, theils um Tschatzki zu demüthigen. Der Oberst erscheint in

seinen lakonischen Reden, die sich nur um das handwerksmäßige seines

Standes drehen, als ein Glückspilz und gänzlich bornirter Kamaschenheld,

der von der höheren Bedeutung des Militairstandes keine Ahnung hat.

Nachdem Fámussoff ihm seinen Herzenswunsch, nämlich daß er um Sophiens

Hand werben möchte, sehr deutlich zu verstehen gegeben hat, geht er zu

einem allgemeinen Lobe Moskau's über, welches aber durch Übertriebenheit

und einen naiven Unverstand zur bittersten Persiflage wird. Tschatzki

mischt sich zum Ärger des Alten zuletzt ins Gespräch, geräth in Feuer

und schildert in einem lebhaften Gemälde eine Reihe von Schwächen oder

gar Schändlichkeiten, die in der vornehmen Welt Moskau's vorgekommen

waren. -- Der Alte ist in Verzweiflung, daß solche Reden in seinem Hause

gehört würden und läuft davon; gleich darauf stürzt Sophie außer sich

herein -- sie hat aus dem Fenster gesehen, daß Moltschálin vom Pferde

gestürzt ist und fällt darüber in Ohnmacht. Bei dieser Gelegenheit tritt

ihre Liebe zu Moltschálin und ihr Haß gegen Tschatzki immer schärfer

hervor; aber so gering denkt Tschatzki von Moltschálin, daß ihm ein

Liebesverhältniß Sophiens mit diesem doch ganz unmöglich erscheint. Von

Sophien gereizt und beleidigt geht er voller Sorge ab; Moltschálin

findet Gelegenheit Lisetten seine Liebeserklärung zu machen und diese

deckt in einem komischen Monologe die Liebesintriguen aller Personen des

Stücks auf. -- Tschatzki liebt Sophie, diese Moltschálin, dieser

Lisette, diese aber gesteht ihr Ideal im Silberdiener Petrúscha gefunden

zu haben. -- (Eine ähnliche Idee liegt einem Lustspiel von Calderon:

»das offene Geheimniß«, zum Grunde.) Wir erfahren in diesem Akt, daß am

Abend noch ein kleiner Ball bei Fámussoff Statt finden soll.

Analyse des dritten Akts.

Personen: Sämmtliche Personen des Stücks mit Ausnahme Repetíloff's. --

Tschatzki, dem die Heftigkeit seiner Liebe keine Ruhe läßt, erscheint

noch vor der gewöhnlichen Versammlungszeit; er will endlich klar sehen

und seinen wahren Nebenbuhler entdecken. -- Ein leidenschaftliches

Gespräch mit Sophien dient nur dazu ihren Haß und Tschatzki's Schmerz zu

vermehren -- sie geht in ihr Zimmer, wo sie Moltschálin hinbestellt hat

und läßt ihn in seinem alten Zweifel; -- wie Moltschálin in Sophiens

Zimmer will, bemerkt er plötzlich Tschatzki, erschrickt und bleibt wie

eingewurzelt stehen. Tschatzki läßt sich in ein Gespräch ein, in dem

Moltschálin sich in der ganzen Jämmerlichkeit eines bornirten

Actenmenschen zeigt. Er ist das im Civil, was Scalosúb im Militair ist.

Tschatzki wird im Betreff Sophiens ganz beruhigt. Die Gesellschaft

versammelt sich indessen, und nacheinander treten allerlei moskau'sche

oder besser gesagt großstädtische und menschliche Charactere auf. Die

sinnliche Natalie, Góritscheff, der unter ihrem Pantoffel aus einem

tapfern Soldaten ein weibischer Ehemann geworden ist; eine armselige,

fürstliche Familie, -- eine alte taube Gräfin, die kaum noch lebt, aber

alle Bälle besucht, ihre Enkelin, eine ältliche Unvermählte, die mit

vielem Stolz auf die andern herabsieht; -- (bei der großen Unzahl

russischer Fürsten und der sehr begränzten Zahl russischer Grafen wird

auf letzteren Titel im Grunde fast ein höheres Gewicht gelegt.) --

Sagorétzki, ein falscher Spieler, Lügner, Spion und Dieb -- dennoch

überall wegen seiner Dienstfertigkeit wohl aufgenommen, -- endlich eine

Tante vom Hause, eine unbarmherzige alte Klatschschwester, eine von den

Plagen einer Stadt, die, nach verblühten Reizen, durch eine böse Zunge

und unverschämte Intriguen sich einen Kreis von Verehrern und gefüllte

Salons zu verschaffen wissen.

Tschatzki findet Gelegenheit sich mit all dieser Welt zu verfeinden ohne

ein schlimmes Wort gesagt zu haben, nur weil er so spricht und urtheilt,

wie ein gebildeter Mann. Durch ein Mißverständniß theils, theils durch

Sophiens Rachsucht wird er zuletzt für verrückt erklärt. -- Vortrefflich

hat der Verfasser den Gang des Gerüchts geschildert; und wie von Mund zu

Mund eine Sache in kurzer Zeit entstellt wird. Unser Autor findet in

diesem Akt häufig Gelegenheit zu einer lebendigen Sittenschilderung. Die

Grundsätze, die Sagorétzki, Fámussoff und Scalosúb an den Tag legen,

sind der Kern der Opposition, die der ungebildete Theil einer

Gesellschaft der Bildung und Civilisation stets entgegensetzen wird. So

erzählt Scalosúb mit frohem Munde, daß aller Unterricht fortan im

Exerciren bestehen soll, und daß Bücher nur für feierliche Gelegenheiten

aufbewahrt würden: -- Fámussoff will sie lieber alle verbrannt wissen.

Sagorétzki findet Fabeln vorzüglich gefährlich; die alte Fürstin erzählt

mit Schaudern, daß ihr Vetter, ein _Fürst_, in Petersburg _Chemie_

studirt habe! -- Dagegen spricht Tschatzki die Ansichten einer andern

Fraction in Rußland aus, die gegen die Halbheit eifern, die eine Folge

einer zu schnellen Annäherung an den europäischen Westen war. In der

Annahme der Gebräuche des Abendlandes sieht er das größte Unglück für

Rußland; er opponirt gegen die _Form_, seine Gegner gegen das _innerste

Wesen_ des Westens. Vorzüglich ergrimmt ist er gegen die leichtsinnigen

Franzosen und die Einführung ihrer Sprache in alle geselligen

Verhältnisse, sowie gegen pedantische und unwissende Deutsche. Die

Schwächung des Nationalgefühls und eine demüthigende Abhängigkeit des

Urtheils scheint ihm die Folge solcher Zustände. -- Dieser Haß gegen das

Ausland ist das, was die beiden Extreme dieser Gesellschaft, Fámussoff

und Tschatzki, gemeinschaftlich haben; daß beide hierin übereinstimmen

ist beherzigenswerth. Doch gehen sie nicht beide zu weit? Fámussoff

sieht in den Fremden nicht den fleißigen Colonisten, nicht den

geschickten Fabrikanten, nicht den gebildeten Gelehrten, er sieht in den

nach Rußland strömenden Fremden nur die Hefe, Abentheurer, Landstreicher

und Kuchenbäcker. Tschatzki nimmt vorzüglich daran Anstoß, daß jedes

Französchen wie ein Orakel angehört wird und Tanzmeister Orden erhalten

und ihr Auge zu Fürstinnen zu erheben wagen, sowie daß man in jedem

Deutschen ein _Lumen mundi_ erblickt. -- Dieß mag einer jetzt

verschollenen Zeit angehören; die Aristokratie in Rußland mag liberal

genug denken, sie geht gern um mit Gebildeten, weß Standes diese auch

sein mögen; aber in gewisse Gesellschaften und Familienkreise wird kein

Adliger zweiten Rangs, ja kaum ein Würdenträger des Reichs gelangen,

wenn er nicht von altem, nationalem Adel ist. (Es giebt also wohl

Exclusivität, aber für gewisse Zeiten nur.) Mit Fremden nimmt man es

endlich nirgends sehr genau -- eine momentane, vorübergehende Artigkeit

verpflichtet ja zu nichts; wird der einfachste russische Reisende in

Paris nicht ebenso schnell zum Grafen und in Italien zum Principe

gestempelt?

Wir können die Bemerkung nicht unterdrücken, daß unser Autor in den

Fehler der meisten russischen Lustspieldichter verfallen ist: er trägt

mit zu starken Farben auf. Manche Charactere sind dadurch ans Absurde

gerückt. Die nämliche Erscheinung wiederholt sich wohl bei allen jungen

Literaturen; Molière und Holberg wären solche Beispiele.

Der Akt wird mit allerlei Tänzen aus der Restaurationszeit beschlossen;

eine ritterliche Mazurka von Scalosúb, wobei er zuletzt hinkniet und

sich von seiner Tänzerin umschweben läßt, verfehlt nie eine allgemeine

Hilarität hervorzurufen.

Analyse des vierten Akts.

Personen: Sämmtliche Personen des dritten Akts und Repetíloff. Die

Herren N. und D. brauchen nicht wieder zu erscheinen. Die Scene ist eine

Vorhalle mit Säulen und einer im Hintergrunde sichtbaren oberen Treppe,

die zur Thür des Balllokals im zweiten Stock führt; außer dieser Thür

sind noch drei Thüren unten zu merken, die Aussenthür und neben ihr die

des Portiers und gegenüber die Thür zu Moltschálins Zimmer. Es ist etwa

drei Uhr Morgens; der Ball ist zu Ende und die Gesellschaft zieht sich

nach und nach zurück. So begegnen wir allen nochmals und in kurzen

Worten prägt sich der Character eines jeden aufs wahrste und

ergötzlichste aus. Tschatzki kommt sehr unglücklich über diesen fatalen,

ersten Tag die Treppe herab, noch ahnt er nichts davon, was die

Gesellschaft über ihn erfunden hat. Er muß unten etwas auf seinen Wagen

warten und indem öffnet sich die Aussenthür und der Wüstling Repetíloff

fällt, so lang er ist, hinein. In einer starken Weinlaune überhäuft er

Tschatzki mit Freundschaftsversicherungen und Zärtlichkeiten und

beschwört ihn, mit ihm zu einer Compagnie von Bacchusbrüdern zu kommen,

in deren meisterhafter Schilderung man eine zu jener Zeit berüchtigte

Gesellschaft junger, unruhiger und unzufriedener Köpfe zu erkennen

gemeint hat. -- Tschatzki weiß nicht, wie er sich losmachen soll, da

kommt Scalosúb herbei; mit einer ähnlichen Aufforderung und gleicher

Zärtlichkeit geht Repetíloff auf diesen los und den Moment benutzt

Tschatzki um in die Loge des Portiers zu schlüpfen. -- Von hier hört er

mit seinen eigenen Ohren, was die fortgehenden Gäste über den

angeblichen Verlust seines Verstandes äußern. Als alle fort sind, tritt

Tschatzki empört hervor -- er kann es zuerst nicht fassen -- aber bald

denkt er sich den Zusammenhang, nur das ahnt er nicht, daß Sophie die

Urheberin des Gerüchts war, und daß diese mit wenigen Worten die

Lächerlichkeit desselben darthun konnte und es nicht that, ist auch das,

was man ihr nicht wohl verzeihen kann.

Indem er der Quelle dieser Bosheit noch nachsinnt, erscheint Sophie oben

auf der Treppe, glaubt in ihm Moltschálin zu erkennen und ruft ihn leise

an, -- wie sie sieht, daß sie sich getäuscht hat, verliert sie ihre

gewöhnliche Geistesgegenwart und eilt schnell zurück. Diese Eile verräth

sie, -- denn jetzt erst entdeckt Tschatzki den wahren Zusammenhang der

Sache; -- er bleibt um keine Zweifel mehr zu haben, und versteckt sich

hinter einer Säule. Bald erscheint Lisa um sich nach Tschatzki umzusehen

und Moltschálin zum Fräulein zu beordern. Moltschálin kommt aus seiner

Stube und macht Lisetten ein aufrichtiges Bekenntniß von seinem

Verhältniß zu Sophien; oben horcht Sophie, die ihrer Soubrette leise

gefolgt war, wahrscheinlich auch aus Unruhe über Tschatzki's

Erscheinung; Tschatzki hinter dem Pfeiler verborgen, hört ebenso wie

Sophie alles mit an. Sophie wird empört über Moltschálin und behandelt

ihn überhaupt so, daß man sieht, es war nicht Liebe was sie zu ihm

fühlte, sie liebte sich nur selbst in ihm. -- Sie gebietet ihm für immer

das Haus zu verlassen. Nun tritt Tschatzki vor; Moltschálin entflieht;

Tschatzki überhäuft Sophie mit den bittersten Vorwürfen. -- Auf die

lauten Reden erscheint der Alte und glaubt an ein _Rendez-vous_, und in

seiner tragi-komischen Wuth droht er die Sache bis vor Senat und Kaiser

zu bringen. Tschatzki entfernt sich mit tiefgekränktem Gefühl im Herzen

und beissendem Spott auf den Lippen; er fühlt, daß seine Bildung ihn aus

diesem Kreise verbannt, und gekränkt in seinen heiligsten Empfindungen

einer glühenden Liebe zu Sophien und seiner Vaterstadt, entflieht er

beiden.

Anmerkung des Übersetzers.

Die Schwierigkeit einer Übersetzung des ganzen Stücks spiegelt sich

schon in der Übersetzung der Worte des Titels ab. _Verstand schafft

Leiden_ ist wohl zu allgemein gesagt -- und das meinte Gribojädoff

eigentlich nicht. Man könnte übersetzen: _Die Leiden der Bildung_ oder

_Bildung und Leiden, Verstand und Leiden_; -- meinem Ohr gefiel noch am

besten: _Verstand schafft Leiden. Kummer von Verstand_,[2] wie Schneider

in der Übersetzung in Prosa sagt, klang mir unerträglich.

Verstand schafft Leiden: Schauspiel in vier Akten · 第 6 / 7 段