Wie oft schon hab' ich's hören müssen!
Es ging ja ganz besonders dabei her:
Dem pfiffigen Oheim ward's nicht schwer
Im Narrenhause ihn zu betten;
Sie banden ihn und nun sitzt er in Ketten.
HERR D.
Erbarme Dich, er war ja eben hier,
Vor einem Augenblick sah ich ihn neben Dir.
SAGORÉTZKI.
Dann ist's gewiß
Daß er sich los von seiner Kette riß.
HERR D.
Nun, liebster Freund -- mit Dir
Ist weiter keine Zeitung nöthig;
Doch will ich gleich und ohne Säumniß
Die andern dort befragen.
Doch darfst Du es beileibe niemand sagen --
Noch ist es ein Geheimniß.
(Ab.)
Siebzehnte Scene.
SAGORÉTZKI, dann NATALIE DMÍTREWNA.
SAGORÉTZKI.
Was kann das für ein Tschatzki sein?
Verbreitet ist der Name --
Mit einem Tschatzki war ich einst bekannt --
(Zu Natalie Dmítrewna.)
Sie wissen's doch Madame?
NATALIE DMÍTREWNA.
Was denn?
SAGORÉTZKI.
Von Tschatzki, nun, er stand noch eben hier.
NATALIE DMÍTREWNA.
Ich weiß -- er sprach mit mir.
SAGORÉTZKI.
So gratulir' ich Ihnen -- er ist toll!
NATALIE DMÍTREWNA.
Was?
SAGORÉTZKI.
Ja; man sagt mir er verlor
So eben den Verstand.
NATALIE DMÍTREWNA.
Nun stellen Sie sich vor!
Ich merkt' es auch schon und was gilt die Wette,
Daß gleich das nämliche gesagt ich hätte.
Achtzehnte Scene.
DIE VORIGEN. DIE ALTE GRÄFIN.
NATALIE DMÍTREWNA.
Nein das ist wunderbar, das ist was neues!
Gestört?
Frau Gräfin haben Sie gehört
Von dem _malheur_, das hier gescheh'n --
Das ist doch einzig -- das ist schön!
DIE ALTE GRÄFIN.
Mein Schatz, es liegt mir in den Ohren heut',
Du mußt mir's etwas lauter sagen.
NATALIE DMÍTREWNA.
Ich hab' dazu durchaus nicht Zeit,
Ich muß die andern ja befragen.
_Il vous dira toute l'histoire._
(Ab.)
Neunzehnte Scene.
DIE ALTE GRÄFIN. SAGORÉTZKI.
DIE ALTE GRÄFIN.
Wie, -- was, es ist hier doch nicht Feuer ausgebrochen?
SAGORÉTZKI.
Nein -- Tschatzki hat den Sturm erregt.
DIE ALTE GRÄFIN.
Was? Tschatzki hat man in den Thurm gelegt?
SAGORÉTZKI.
In der Türkei ist er verwundet worden
Beim Aug' und wurde davon toll.
DIE ALTE GRÄFIN.
Freimaurerorden?
Was, oder ist er Türk' geworden?
SAGORÉTZKI.
Der bringt man es nicht bei!
(Ab.)
DIE ALTE GRÄFIN.
Antón Antónowitsch! Auch er läuft fort!
Erschreckt und außer sich scheint alles dort
Zu sein --
Zwanzigste Scene.
DIE ALTE GRÄFIN. DER FÜRST.
DIE ALTE GRÄFIN.
Erlaucht, Erlaucht! Ach Gott --! der alte Mann
Auf Bällen, wenn man kaum noch kriechen kann!
Na, haben Sie gehört?
DER FÜRST.
A? hm? --
DIE ALTE GRÄFIN.
Er hört auch gar nichts mehr!
Vielleicht hat er's gesehn,
Was hier gescheh'n --
War nicht die Polizei im Haus?
DER FÜRST.
E? hm? --
DIE ALTE GRÄFIN.
Wer brachte Tschatzki hier hinaus?
DER FÜRST.
I! hm? --
DIE ALTE GRÄFIN.
Ja, Tschatzki wird Soldat --
Ist das ein Spaß? Er ist ein Renegat.
Er wurde ja Mahomedaner!
So ein verdammter Voltairianer!
Was? -- ah? -- Taub Alterchen? -- Sie hören schwer?
So geben Sie Ihr Rohrchen her.
Ach nein!
Es ist doch arg so taub zu sein!
Einundzwanzigste Scene.
DIE GANZE GESELLSCHAFT, später FAMUSSOFF, zuletzt TSCHATZKI.
MAD. CHLESTOW.
Verrückt? Nun bitt' ich Sie!
Wie ist das so ganz plötzlich denn gekommen.
Sophie --
Hast Du es schon vernommen?
PLATON.
Wer bracht' nur das Gerede aus?
NATALIE DMÍTREWNA.
Ach, liebes Männchen -- Alle!
PLATON.
Nun freilich in dem Falle
Da muß ich hier
Wohl schweigen;
Doch zweifelhaft erscheint es mir.
FAMUSSOFF (kommt rasch hinzu).
Wie? Was? Von Tschatzki ist die Rede?
Und jemand zweifelt noch? Ich hab's zuerst entdeckt,
Und wunderte mich längst, daß er nicht eingesteckt.
Probier' es einer nur den Rücken
Vor irgend jemand tief zu bücken
Und sei der Mann auch noch so groß und mächtig --
Ja, wär' es der Monarch --
Gleich nennt er's niederträchtig.
MAD. CHLESTOW.
Ein Spötter ist er noch dabei:
Ich sagte erstlich was, da fing er an zu lachen.
DIE JUNGE GRÄFIN.
Mich wollt' er zur Modistin machen!
MOLTSCHÁLIN.
Mir sagte er -- ich rathe Ihnen
In Moskau beim Archive nicht zu dienen.
NATALIE DMÍTREWNA.
Und meinem Mann rieth er in Moskau nicht zu leben,
Er sollte fort und sich auf's Land begeben.
SAGORÉTZKI.
Aus allem klar: -- verrückt -- verrückt!
DIE JUNGE GRÄFIN.
Ich hab' es gleich in seinem Aug' erblickt.
FAMUSSOFF.
Er schlägt der Mutter nach. -- Es ist bekannt
Achtmal verlor die Sel'ge den Verstand.
MAD. CHLESTOW.
Was fällt nicht alles vor auf Erden!
In seinem Alter toll zu werden!
Er trank gewiß
Nicht im Verhältniß seiner Jahre.
DIE ALTE FÜRSTIN.
Gewiß!
DIE JUNGE GRÄFIN.
Das muß es sein!
MAD. CHLESTOW.
Champagner goß er gläserweis hinein.
NATALIE DMÍTREWNA.
Oh, nein, -- ich kann's betheuern
In Flaschen und dazu in ungeheuern!
SAGORÉTZKI (eifrig).
Was Flaschen, nein, ich weiß es besser
Er trank, Gott straf' mich, ganze Fässer.
FAMUSSOFF.
Ach geht mir doch -- ein großes Unglück das,
Guckt eine Mannsperson auch etwas tief in's Glas,
Nein, nein -- der Unterricht -- das ist die wahre Seuche,
Gelehrsamkeit die macht's, daß jetzt in unserm Reiche
Der Wahnsinn um sich greift und solche Schändlichkeiten
Und arge Meinungen sich mehr und mehr verbreiten.
MAD. CHLESTOW.
Und grad' heraus -- wie könnt' es anders sein?
Verrückt wird man schon ganz allein
Von dieser ungeheuren Zahl
Von Schulen und Pensionen und -- Geschichten,
Lyceen und _Landkartenschulen_ allzumal
Wo sie sich wechselseitig unterrichten.
DIE ALTE FÜRSTIN.
Ach nein!
Mir ist ein Institut in Petersburg bekannt,
Das Pä--da--go--gische, so, glaub' ich, wird's genannt,
Die Professoren legen sich dort recht auf Ketzerei'n!
Ein junger Mann, verwandt mit unserm Haus,
Studirte dort und kam vor kurzem erst heraus.
Was glauben Sie? Er könnte auf der Stelle
In jeder Apotheke sein Geselle!
Er flieht die Damen -- mich sogar -- der Spötter --!
Die Ränge haßt er, denken Sie!
Und treibt Botanik und Chymie --
Fürst Theodor, mein Vetter!
SCALOSÚB.
Ich will Sie allgesammt erfreun
Mit einer Neuigkeit: Ganz allgemein
Sagt man, wie es im Werke sei,
Daß mit Gymnasien und Schulen und Lyceen
Ein großer Fortschritt soll geschehn:
Man wird dort lehren jetzt auf unsre Art: -- eins -- zwei!
Die Bücher aber hebt man auf
Für feierliche Fälle.
FAMUSSOFF.
Nein, Feuer drunter auf der Stelle!
Will man vom Bösen sich befrein,
So muß es mit der Wurzel sein.
SAGORÉTZKI (mit affectirter Bescheidenheit).
Bitt' um Vergebung sehr,
Die Bücher muß man unterscheiden.
Wenn ich, zum Beispiel, Censor wär',
Die Fabeln würde ich nicht leiden!
O Gott, die sind mein Tod! die ew'gen Witzelein
Auf Löw' und Adler da -- wie sie nach Raube dürsten --
Man sage, was man will, es sind doch immer Fürsten.
MAD. CHLESTOW.
Ach meine Herrn, mir scheint es wirklich einerlei,
Wenn man verrückt wird, -- ob Gelehrsamkeit,
Ob Trinken Schuld dran sei!
Um Tschatzki thut's mir leid,
Aus Christenpflicht muß man ihn schon bedauern
Er hatte Mutterwitz und -- hat dreihundert Bauern.
FAMUSSOFF.
Vierhundert!
MAD. CHLESTOW.
Nein, mein Bester, drei!
FAMUSSOFF.
Vierhundert hat er.
MAD. CHLESTOW.
Drei!
FAMUSSOFF.
In dem Kalender steht's --
MAD. CHLESTOW.
Ach die Kalender lügen!
FAMUSSOFF.
Vierhundert auf ein Haar --
Das Schrei'n und Streiten ist nun Ihr Vergnügen.
MAD. CHLESTOW.
Es ist nicht wahr!
Dreihundert sind es -- drei --
Als ob ich das nicht weiß, was andre Menschen haben.
FAMUSSOFF.
Begreifen Sie denn nicht!
Vierhundert sind's.
MAD. CHLESTOW.
Nein, drei, drei, drei!
Zweiundzwanzigste Scene.
DIE VORIGEN. TSCHATZKI.
NATALIE DMÍTREWNA.
Da kommt er selbst herbei!
DIE JUNGE GRÄFIN.
Scht!
ALLE.
Scht!
(Ziehen sich zurück.)
MAD. CHLESTOW.
Nun, wenn er seinen Raptus kriegt,
So kommen wir noch alle vor's Gericht.
FAMUSSOFF (bei Seite).
Ach! Gott sei mir jetzt gnädig!
(Laut.)
Mein liebster Freund --
Es scheint --
Du bist nicht recht bei Laune.
Nach einer Reise braucht man Ruh'.
Zeig' deinen Puls -- ich glaube Du
Bist nicht ganz wohl? Geh' recht nach Haus.
TSCHATZKI.
Ich halt's auch nicht mehr aus!
Ich hab' so viel umarmen heut' gemußt,
Mir schmerzt davon die Brust;
Die Füße sind erlahmt vom Scharren und vom Bücken,
Die Ohren thun mir weh vom Schreien und Entzücken.
Und ach der Kopf ist fast
Verrückt von all dem dummen Zeuge!
(Er nähert sich Sophien.)
Mein Geist erliegt des Kummers Last;
Ich bin in dieser Menge wie verloren.
Warum ging ich nach Moskau hin,
Wo ich nicht mehr ich selber bin!
MAD. CHLESTOW.
Ei, hört doch an!
Nun ist gar Moskau Schuld daran.
FAMUSSOFF (giebt Sophien Winke).
Geh' nicht so nah' Sophie! --
(Bei Seite.)
Sie hört nicht, was ich sage!
SOPHIE (zu Tschatzki).
Was hatten Sie denn nun für eine neue Plage?
TSCHATZKI.
Ach, eine Kleinigkeit!
Ein wind'ger Franzmann aus Bordeaux
Erzählt' dort ein'gen Damen froh,
Wie er sich früher unser Land gedacht,
Und was er für Ideen sich gemacht,
Und wie er fest geglaubt, daß wir Barbaren wären.
Doch alle Angst sei nun vorbei,
Man sollte, sagt' er, wirklich schwören,
Daß Moskau noch in Frankreich sei;
Denn Sitte, Sprache, so wie Moden
Versetzten ihn auf vaterländ'schen Boden.
Ihn freut' es ohne Gleichen, --
Uns kann's zur Freude nicht gereichen.
Kaum endete der kleine Mann,
Als alle Welt zu seufzen laut begann:
Ah, Frankreich, einzig Land, ach göttliches Paris,
Ja Frankreich ist das ird'sche Paradies!
So stöhnten zwei geschminkte Damen,
Die mir so vor wie Papageien kamen,
Zwei Fürstinnen, die ihre Lection
Herplapperten aus der Pension.
Wo sollt' ich hin vor diesen Fürstinnen!
Ich stand unweit und äußerte bescheiden,
Doch laut genug, daß sie's gehört,
Gott möge diesen Geist, von dem wir so bethört,
Der blinden, knechtischen Nachahmung Sitte,
Ausrotten bald aus unserer Mitte. --
Er mögte doch in irgend eine Brust,
Die selbstbewußt,
Ergießen Muth und Kraft,
Durch Beispiel und durch Wort
Zu zügeln unsere Leidenschaft,
Dies Schmachten nach der Fremde!
Und möcht' man einen Finsterling mich schelten,
Altgläubig möcht' ich ihnen gelten,
Mir schiene es -- der Geist in unserm Norden
Sei von der Zeit an schlecht geworden
Seitdem wir unserer Sprache Herrlichkeit
Und unsre alten herrlichen Gebräuche
Vertauscht mit dieser neuen Seuche.
Die schöne Volkstracht wurde abgelegt,
Damit nun jeder wie ein Narr sich trägt;
Sind wir mit diesem Schwalbenschweif
Nicht gradezu für's Tollhaus reif?
Ein lächerlicher Ausschnitt in der Mitten,
Und kaum kann man sich frei bewegen.
Und dann die Haare kurz verschnitten,
Vernunft und Klima gleich entgegen!
Wie lächerlich erscheint ein Graubart nicht,
Der sich rasirt das Greisenangesicht!
Kurzum -- ich mußt' gestehn, -- ich fand
So Haar als Kleider kurz, wie den Verstand.
Und müßt' es sein -- und sind wir einmal schon geschaffen
Zu fremder Völker Affen,
O möchten wir denn doch von den Chinesen lernen
Die fremden Sitten zu entfernen!
Ach, machen wir uns je wohl frei
Von fremder Moden Tyrannei,
Daß unser Volk, das bravste in der Welt
Uns unsrer Sprache nach nicht mehr für Fremde hält!
»Allein wie kann man denn Europas Sitten,«
Brummt' einer da aus ihrer Mitten,
»Mit Nationalgebräuchen
Und Volksgewohnheit wohl vergleichen!
Nun übersetzen Sie mir schnell
Madame oder Mademoiselle?
Sie werden doch nicht »»Herrin«« sagen?
Und haha! -- Herrin --! ach wie häßlich!
Und haha! -- Herrin! -- ach wie gräßlich!«
So wurd' auf meine Kosten nun gelacht;
Natürlich hat mich das doch aufgebracht,
Und eben -- auf mein Wort --
Wollt' ich die derbste Antwort geben,
Da liefen alle fort --!
Das ist begegnet mir,
Und so was sehen täglich wir,
In Moskau und in Petersburg
Und in dem ganzen Reich geht das so durch --
Kommt so ein Männlein aus Bordeaux
So drängt sich Alles um ihn froh,
Und alle Damen in der Runde,
Die hängen wie an seinem Munde. --
Die Fürstinnen vor allen
Die haben dran ein Wohlgefallen.
Doch wer in unsern Residenzen
Es nicht versteht durch allerlei
Gezierte Redensart und Narrethei
Zu glänzen --
Wer die verschriebenen Gesichter
Nicht leiden kann,
Und wer zum Unglück fünf bis sechs Gedanken,
Wodurch er aus der Menge ragt,
Frei auszusprechen wagt --
Der sehe zu!
(Er sieht sich um, die Tänze haben begonnen, die älteren Personen
haben sich zu den Kartentischen gesetzt -- er zieht sich zurück.
-- Zum Schluß eine französische Quadrille und Mazurka mit
Grotesktouren aus der Zeit des französischen Krieges. -- Der
Vorhang fällt.)
Ende des dritten Akts.
Vierter Akt.
Schwach erleuchtete Hausflur im Erdgeschoß. Im Hintergrunde eine
Paradentreppe zu Famussoff's Wohnung. Links im Vorgrunde
Moltschálins Zimmerthür, -- rechts vorn die Thüre zum Portier,
weiter hin die Hausthür. Viele Bediente mit Mänteln und Pelzen
auf dem Arm, sitzen oder schlafen auf Stühlen und Bänken, man
hört noch Ballmusik.
Erste Scene.
DIE ALTE und JUNGE GRÄFIN (kommen die Treppe herab.)
DIENER (ruft zur Hausthür hinaus).
Der Gräfin Chrumin Wagen!
DIE JUNGE GRÄFIN.
Das muß ich sagen,
Das war ein saub'rer Ball!
Wo Famussoff nur hergekriegt
Die Mißgeburten all'?
Ich wußt' wahrhaftig nicht
Mit wem ich sprechen oder tanzen sollte,
So gern ich beides wollte.
DIE ALTE GRÄFIN.
Ach, Liebchen, komm; ich bin recht mitgenommen,
Ich werde schwächer doch mit jedem Jahr;
Es wird gewiß noch einmal dazu kommen,
Daß ich vom Ball grad auf den Kirchhof fahr'!
(Man hat ihnen die Pelze umgelegt, sie gehen ab.)
Zweite Scene.
NATALIE DMÍTREWNA und PLATON GORITSCHEFF.
DIENER (an der Hausthür).
Der Goritscheff'sche Wagen!
NATALIE DMÍTREWNA.
Mein Engelsmann, ich will Dich etwas fragen:
Mein Herzchen, meine Seele,
Erzähle: --
(Küßt ihn auf die Stirn.)
Was fehlt' Dir heute,
Wo alle Welt sich doch so freute?
PLATON.
Ach, liebe Frau, ich kann mich nicht verstellen;
Ich -- schlafe auf den Bällen.
Du weißt, ich kann sie für den Tod nicht leiden,
Doch ist's nicht zu vermeiden,
Ich muß ja schon die Nächte dejouriren,
Für Dich ist ja ein Ball -- Genuß, --
Allein wer auf Kommando tanzen muß,
Wie soll sich der nicht ennüyiren!
NATALIE DMÍTREWNA.
Du stellst Dich an!
O, ich durchschau' den Herrn;
Er möcht' den alten Mann
Schon spielen für sein Leben gern.
(Geht ab, der Diener folgt.)
PLATON (kaltblütig).
Besieht die Sache man bei Licht,
So ist ein Ball so übel nicht,
Ich kann mich nur nicht in den Zwang bequemen;
Wer hieß ein Weib mich nehmen!
Ja -- manchem kann man's an der Wiege sagen --
DIENER (kommt zurück).
Die Gnäd'ge sitzen schon im Wagen,
Und haben zu »verzürnen« sich geruht.
PLATON (seufzend).
Schon gut, schon gut!
(Ab.)
Dritte Scene.
TSCHATZKI.
(Zum Diener.) Geh' -- such' den Wagen -- mach' geschwind! --
(Der Diener läuft hinaus.)
So wär' der Tag dahin und alle Hirngespinste! --
Der Hoffnung leichte Nebeldünste
Die meine Brust mit Täuschung füllten --
Sie sind zerstreut -- verweht nach allen Winden!
Und was denn hoffte ich zu finden?
Wo ist der Antheil nur? Das Mitempfinden?
Wo ist der freudige Empfang?
Sie schreien, sind entzückt, umarmen
Und alles nichts als leerer Klang!
So ging es mir auf meiner Reise,
Die Rosse flogen auf dem Eise,
Und müssig blickt' ich aus dem Schlitten
Wie durch die Steppe hin wir glitten,
Die blau und endlos vor uns lag.
Man fährt und fährt -- aus Stunden wird ein Tag,
Und endlich ist das Nachtquartier erreicht,
Doch ach -- was sich dem Blick auch zeigt --
Es ist das alte Bild, die alte Noth,
Dieselbe Wüste leer und todt.
O, es ist ärgerlich und unausstehlich,
Je länger man darüber sinnt;
Ist es nicht schmählich
Wie wenig Hoffnung oft gewinnt! --
DER DIENER.
Der Kutscher ist nicht aufzutreiben.
TSCHATZKI.
So geh' und such' ihn auf; soll ich die Nacht hier bleiben?
Vierte Scene.
TSCHATZKI. REPETÍLOFF (in Pelz gehüllt kommt eilig von außen,
stolpert auf der Schwelle und fällt hin; die Diener helfen ihm.
Er ist etwas angetrunken).
REPETÍLOFF (springt hastig auf).
Pfuh! -- Ungeschickt! -- Was? -- Güt'ger Gott!
Laß mich die Augen nur erst reiben; --
Mein Herzensfreund, mein lieber Schatz -- _mon cher_!
Nun sieh' die Menschen da mit ihrem Spott:
Da sagen sie, daß ich ein Schwätzer sei
Und dumm und abergläub'sch dabei,
Weil ich für alles Zeichen
Und Vorgefühle habe.
Allein -- jetzt eben -- bitt' ich Dich -- erklär':
Als ob ich es gewußt -- so eilt' ich her --
Mein Fuß hackt an -- und ich -- ich falle hin
So lang und breit ich bin! --
Ja, lach' Du nur; denk' immerhin
Daß ich ein Narr und Lügner bin,
Ich weiß nicht, was es ist,
Und wie es kommt, daß Du mein Liebling bist.
Es ist ein Muß -- ich bin dazu gezwungen
Und bin von Liebe und Respekt ganz wie durchdrungen.
Für Dich möcht' ich
Die Frau -- die Kinder aus dem Hause treiben,
Für Dich könnt' meine Seele ich verschreiben.
Und sollte mich die ganze Welt verlassen --
Und sollt' ich auf der Stelle hier erblassen --
Und sollt' mich Gottes Donner gleich erschlagen --
TSCHATZKI.
Ei, höre auf, den Unsinn da zu sagen!
REPETÍLOFF.
Du liebst mich nicht! Ach! Das ist ja natürlich!
Mit andern -- bah! Da bin ich nicht genirt,
Jedoch mit Dir -- Du hast mir unwillkührlich
Von jeher imponirt.
Ich bin ja ungebildet -- ohne Kopf --
Ich bin ein Narr, ein lächerlicher Tropf! --
TSCHATZKI.
Ein eigenes Bekenntniß!
REPETÍLOFF.
Dir mach' ich gerne das Geständniß;
Ich fluch' dem Tag, an welchem ich geboren;
Wenn ich bedenk', wie ich die Zeit verloren!
-- -- Was ist es an der Zeit?
TSCHATZKI.
Lang' Zeit zu Bett zu gehn.
Du wolltest auf den Ball? Da fahr' nur gleich nach Haus,
Denn grade eben ist er aus.
REPETÍLOFF.
Was Ball? Wo wir die Nacht bis in den Tag hinein
In Anstandsfesseln uns erfreu'n --
In's Joch gespannt! Hast Du gelesen --
Es giebt ein Buch --
TSCHATZKI.
Du liest?
Wie soll ich dieses Räthsel lösen?
Bist Du denn _Repetíloff_? Wie?
REPETÍLOFF.
Nenn' gradezu mich ein Vandalenvieh;
Den Titel hab' ich redlich mir erworben:
Wie bin ich durch und durch verdorben!
Ach -- wie viel Zeit hab' ich nicht auf Gelagen
Mit Essen und mit Trinken todtgeschlagen!
Ich habe meine Kinder nicht erzogen;
Ich habe meine Frau betrogen;
Ich hab' gespielt und zwar so arg zuletzt,
Daß man mich unter Kuratel gesetzt --
Und _nota bene_ -- _per Ukas_! --
Ich liebte eine Tänzerin -- was -- nein --
Ich hielt's zu gleicher Zeit mit drei'n.
Ich trank -- --
Und schwärmt' allnächtlich wochenlang.
Ich warf von mir Gewissen und Verstand,
Gesetze, Glauben, Vaterland --
TSCHATZKI.
Nun höre mal, das ist zu viel!
Lüg' immerhin, doch halte Maaß und Ziel.
Du sprichst von Dingen --
Die könnten einen zur Verzweiflung bringen.
REPETÍLOFF.
Drum, Bester, wünsch' mir Glück,
Ich kam von diesem Rausch zurück.
Mit klugen Leuten geh' ich jetzt nur um
Und treibe mich nicht mehr des Nachts herum.
TSCHATZKI.
Zum Beispiel -- heute! -- --
REPETÍLOFF.
Was -- eine Nacht -- die zählt nicht -- das ist klar!
Und dafür frag' mich -- wo ich war!
TSCHATZKI.
Das Räthsel ist nicht schwer zu lösen
Du bist gewiß im Klubb gewesen.
REPETÍLOFF.
Im Englischen -- um meine Beichte anzuheben.
Ich hatte mich zu einer Sitzung hinbegeben;
Es ging heut' äußerst stürmisch her --
Ich gab mein Wort zu schweigen -- und
Ich bitt' Dich, schweig daher.
Es ist ein ganz geheimer Bund
Der sich versammelt an den Donnerstagen
Zu allerhand besondern Fragen.
TSCHATZKI.
Da hör' ich wundersame Dinge.
Im Klubb?
REPETÍLOFF.
Im Klubb.
TSCHATZKI.
Mein Bester, hör'!
Ich fürchte sehr
Kommt man Euch auf die Sprünge
So ist's um Euch und Euren Klubb geschehn.
REPETÍLOFF.
Du glaubst, daß es gefährlich ist?
Ei, wie Du immer ängstlich bist!
Wir schreien zwar, doch niemand kann's verstehn.
Ich selber -- fängt es an recht heiß erst herzugehn
Von Parlament und Jury -- oder kommt
Lord Byron auf's Tapet -- ich sag' Dir, wicht'ge Dinge!
Dann sitz' ich allermeist und höre zu wie stumm,
Es ist für mich zu hoch -- dann fühl' ich, daß ich dumm.
Freund -- Du bist nie bei uns gewesen --
Ich sag' Dir, Männer auserlesen.
Hör', Alexandre, sei ein prächt'ger Junge
Und fahre gleich mit mir dahin;
Jetzt sind sie grade recht im Schwunge
Und recht im Disputiren drin.
Ach was für Köpfe! Ungewöhnlich,
Und mir nicht im Geringsten ähnlich.
Ich sage Dir, _mon cher_, die Quintessenz
Der jungen Herrn in unserer Residenz.
TSCHATZKI.
Ei geh' mit Gott! Das wäre schön!
Wozu? In tiefer Nacht? Ich will zu Bette gehn.
REPETÍLOFF.
Ach was! Wer schläft jetzt? Nein, noch heute,
Entscheide Dich -- denn wir -- wir sind entschiedne Leute.
Ein Dutzend heißer Köpfe -- ehrenwerth --
Wenn man uns schreien hört,
So ist man ganz verwundert,
Man glaubt gewiß es seien an die hundert.
TSCHATZKI.
Doch sag' mir nur, wofür Ihr denn so schwärmt?
REPETÍLOFF.
Es wird gelärmt, mein Freund -- gelärmt.
TSCHATZKI.
Allein wozu? Das möcht' ich fragen.
REPETÍLOFF.
Es ist hier weder Zeit noch Ort Dir das zu sagen
Es ist so ein -- Verein.
Behutsamkeit muß bei der Sache sein.
Siehst Du, die Frucht braucht Zeit zur Reife,
Es geht nicht auf einmal. --
Doch was für Köpfe -- _ah mon cher_ --
Ich zähle sie der Reihe her:
Da ist zuerst -- der Fürst Gregor
Ein einz'ger Sonderling -- man lacht sich fast zu Tode!
Er ist ein Angloman und kleidet sich als Britte,
Die Haare kurz, nach englisch steifer Sitte.
Und spricht auch durch die Zähne so --
Du kennst ihn nicht? Ich mach' euch gleich bekannt.
Ich sage Dir, er ist _charmant_.
Dann haben wir noch einen Sänger
Workuloff, -- Jewdokim --
Er singt sublim!
Du solltest hören seine Lieder
Besonders seinen Bollero
_Ah, non lasciar mi no! no! no!_
Dann sind auch noch zwei Brüder,
Zwei prächt'ge Jungen da,
Leon und Borinka.
Man weiß von ihnen sonst wohl nichts zu sagen.
Doch willst Du nach Genies mich fragen,
Dann nenne ich Dir unsern Hyppolit.
Du last doch was von ihm? Und wär' es nur ein Lied,
Lies sag' ich Dir -- doch leider schreibt er nichts!
Er ist Genie -- an Sitzfleisch nur gebricht's.
Mit Ruthen müßt' man solche Herrn zur Arbeit treiben
Und in die Ohren schreien: Schreiben, schreiben!
Doch fällt mir ein, daß für ein Zeitungsblatt
Er ein Fragment geschrieben hat,
»Ein Blick und Etwas« ist es überschrieben.
Und wovon, glaubst Du, daß dies Etwas handelt?
Von Allem, denk' Dir! Nichts ist unberührt geblieben.
Denn er weiß alles -- wir bewahren
Ihn uns auch für den Fall der Noth.
Doch unser Cheff -- nun da ist nicht zu streiten --
Im ganzen Reiche giebt's nicht einen solchen zweiten
Ich brauche ihn Dir nicht zu nennen,
Du kannst ihn am Porträt erkennen.
Er ist ein Duellant von unerhörtem Muthe,
In böse Händel war er stets verstrickt.
Er wurde nach Kamtschatka einst verschickt,
Und kam zurück als Aleute.
Und freilich geht er nicht in reinen Schuh'n,
Denn lange Finger hat er -- doch was ist zu thun --
Kein kluger Kopf kommt ehrlich durch das Leben.
Doch kann's nichts Herrlicheres geben,
Als wenn er von der Ehre deklamirt.
Wie oft hat er uns nicht dadurch gerührt!
Dann scheinen finstere Dämonen
Auf seiner Stirne Brau'n zu thronen,
Die Augen füllen sich mit Blut,
Er scheint in einer heil'gen Wuth,
Er selber weint -- und wir -- wir schluchzen.
Sieh', das sind Leute! Ich bin überzeugt,
Daß uns auf Erden niemand gleicht.
Ich freilich -- muß es selber sagen --
Ich bin das fünfte Rad am Wagen,
Ich blieb zurück,
Weil ich entsetzlich faul im Denken.
Indeß, wenn ich mein bischen Hirn nur zwinge
Und hin mich setze -- keine Stunde --
Da fährt mir unverhofft zum Munde
Ein Calembourg heraus.
Die andern putzen ihn dann aus,
Und thun zusammen sich zu sechsen,
Ein Vaudevill heraus zu hexen;
Sechs andre machen gleich im Nu
Die niedlichste Musik dazu,
Die andern klatschen, was das Zeug's nur hält,
Und -- lache wie Du willst -- mein Vaudevill gefällt!
Der Himmel gab mir nicht viel Fähigkeiten,
Allein mein gutes Herz gefällt den Leuten,
Und darum halten sie die Lügen mir zu gut.
EIN DIENER (ruft hinaus).
Den Wagen vor vom Oberst Scalosúb!
REPETÍLOFF (kehrt sich um).
Wie? Wessen Wagen vor?
Fünfte Scene.
Die VORIGEN. SCALOSÚB.
REPETÍLOFF
(geht Scalosúb entgegen und erstickt ihn fast mit Umarmungen).
Wie -- Seelenfreund -- halt an -- wohin?
Thu' mir die Liebe --!
TSCHATZKI (bei Seite).
Wo soll ich nur vor diesen mich verbergen?
(Er schlüpft in's Zimmer des Portiers.)
REPETÍLOFF.
Man hat ja lange nichts von Dir gehört
Es hieß Du seist zurück zum Regiment gekehrt.
Kennt ihr euch schon?
(Sieht sich um.)
Fort ist der Eigensinn!
Gleichviel, Dich hab' ich unverhofft getroffen,
Und Du mußt ohne weitres mit mir gehn.
Bei Fürst Gregor sind heute
Versammelt eine Menge Leute --
Ein Stücker Vierzig wirst Du sehn,
Potz Tausend, was für große Geister!
Die ganze Nacht wird disputirt
Und niemand merkt's, daß er sich ennüyirt.
Zuerst sieh, daß Du in Champagner nicht ersäufst,
Und zweitens kriegst Du Dinge dort zu hören,
Die weder ich noch Du begreifst.
SCALOSÚB.