So bleibt er ewig sanft und mild?
(Bei Seite.)
Nein, einen solchen Wicht
Den liebt sie nicht!
SOPHIE.
Zwar jenen Geist wird man in ihm nicht finden können,
Den einige Genie -- doch andre Pest benennen,
Und den nach kurzem Glanz wir überdrüssig werden,
Der tadelt was geschieht -- im Himmel und auf Erden,
Damit die Welt ihn nennt auf einen Augenblick;
Doch gründet solch ein Geist Familienglück?
TSCHATZKI.
Soll das Moral -- soll das Satyre sein?
(Bei Seite.)
Sie liebt ihn nicht, nein, nein!
SOPHIE.
Man kann Bewunderung ihm nicht versagen:
Wie nachgiebig, wie fein ist sein Betragen!
Nie hat sich seine Stirn in Falten je gelegt,
Selbst ruhig, läßt er andre auch in Ruh'
Und schlägt nicht gleich die Kreuz und Quere zu.
Und grade das, daß er so viel erträgt,
Das macht es, daß ich ihm gewogen.
TSCHATZKI (bei Seite).
Sie scherzt -- sie liebt ihn nicht -- sie hat mich nur betrogen!
(Laut.)
Ich kenn' Moltschálin; sparen Sie
Sein Bild zu malen sich die Müh' -- --
Doch Scalosúb -- das ist ein Mann
Bei dessen Anblick schon man sich vergessen kann.
Für unser Heer
Steht wie ein Felsen er,
Und ist durch seines Basses Allgewalt
Durch seine Taille und Gestalt
Ein Held --
SOPHIE (schnell).
Nicht im Romane meines Lebens.
TSCHATZKI.
Sie zu errathen ist vergebens.
Zweite Scene.
Die VORIGEN. LISETTE.
LISETTE (leise zu Sophie).
Mein Fräulein, kommen Sie herein,
Moltschálin wird sogleich bei Ihnen sein.
SOPHIE (leise zu Tschatzki).
Verzeihen Sie, wenn ich von Ihnen eile.
TSCHATZKI.
Wohin denn?
SOPHIE.
Zum Friseur.
TSCHATZKI.
Ei, das hat gute Weile!
SOPHIE.
Die Lockeneisen würden kalt.
TSCHATZKI.
Ei, immerhin!
SOPHIE.
Die Gäste kommen bald.
TSCHATZKI.
Nun Gott verzeih's! Sie lassen mich zurück
Mit einem Räthsel! -- Doch auf einen Augenblick
Erlauben Sie, daß ich in Ihr Zimmer gehe,
Damit ich jene Räume wiedersehe --
Wo alles mir so lieb! -- Erwärmen möcht' ich mich,
Aufathmen möchte ich
Nur einmal wieder,
Der Zeit gedenkend, die dahin!
Ich bleib' nur zwei Minuten drin.
Und dann -- bedenken Sie -- Mitglied bin ich vom Clubb --
Zum Dank will ich, zu aller Welt Erstaunen
Tagtäglich ausposaunen,
Daß klug Moltschálin ist, und geistreich Scalosúb.
(Sophie zuckt mit den Achseln, geht ab und schließt die Thür hinter
sich. Lisette ist ihr gefolgt.)
Dritte Scene.
TSCHATZKI, bald darauf MOLTSCHÁLIN.
TSCHATZKI.
Sophie! Ist wirklich dir bestimmt ein solcher Tropf? -- -- --
Und warum nicht? -- Er hat nicht viel im Kopf,
Allein zur Vaterschaft
Wem fehlt es da an Geisteskraft!
Gefällig ist er -- artig -- und hat rothe Wangen.
(Moltschálin schleicht herein und nähert sich zuerst Sophiens Thür,
als er aber Tschatzki bemerkt bleibt er stehn und macht sich was zu
schaffen.)
Da ist er -- auf den Zeh'n! Und stumm, -- wie hat er's angefangen
Sich in Sophiens Herz zu stehlen?
Wie war es möglich den zu wählen?
(Zu Moltschálin.)
Sieh' da! Herr Sekretair! Wie geht's denn Ihnen?
Wir konnten uns noch nicht zwei Worte sagen.
Es geht doch gut? -- Ich brauch' Sie kaum zu fragen.
MOLTSCHÁLIN (näher tretend).
Ganz nach dem Alten stets -- zu dienen.
TSCHATZKI.
Das heißt?
MOLTSCHÁLIN.
Nun heut' wie gestern -- Tag für Tag.
TSCHATZKI.
Und immer pünktlich mit dem Schlag?
Am Tag die Feder, Abends die Parthie,
Gleich Fluth und Ebbe? -- Wie?
MOLTSCHÁLIN.
Ich bin hier beim Archiv drei Jahr im Dienst
Und für etwaiges Verdienst,
Und meinen Eifer zu belohnen
Erhielt ich dreimal Gratificationen.
TSCHATZKI.
Sie lockt der Glanz der Ehrenstellen?
MOLTSCHÁLIN.
Nein!
Allein --
Da jeder Mensch so sein Talentchen hat --
TSCHATZKI.
Sie haben -- --?
MOLTSCHÁLIN.
Zwei!
Ich bin bescheiden und bin accurat.
TSCHATZKI.
Nun, meiner Treu!
Das sind Talente wunderbar! -- --
Doch -- es ist wahr --
Sie wiegen all' die unsern auf.
MOLTSCHÁLIN.
Sie hatten nicht viel Glück in Ihres Dienstes Lauf?
TSCHATZKI.
Nicht jeder dienet sich herauf.
Durch Menschen wird der Rang erreicht,
Und Menschen täuschen sich so leicht.
MOLTSCHÁLIN.
Wir wunderten uns sehr! Wie konnte das geschehn?
TSCHATZKI.
Ich kann hierin nichts wunderbares sehn!
MOLTSCHÁLIN.
Bedauert wurden Sie.
TSCHATZKI.
Sie konnten sparen diese Müh'.
MOLTSCHÁLIN.
Tatjána Júrjewna, die Excellenz
Erzählt' bei ihrer Rückkehr aus der Residenz,
Sie wären gut von wicht'gen Männern aufgenommen,
Doch plötzlich sei dazwischen was gekommen.
TSCHATZKI.
Geschwätz von Frauenzimmern!
Was hat sich doch die Alte drum zu kümmern?
MOLTSCHÁLIN.
Tatjána Júrjewna, die Excellenz?
TSCHATZKI.
Ich kenn' sie nicht!
MOLTSCHÁLIN.
Tatjána Júrjewna?! Die Excellenz?
TSCHATZKI.
Daß wir uns nicht gesehn, ist ewig
lange her.
Doch hörte ich, daß abgeschmackt sie wär'.
MOLTSCHÁLIN.
Die Excellenz? Um's Himmelswillen -- nein --
Das muß wohl eine andre sein.
Die Excellenz ist ja befreundet und verwandt
Mit allen, die in Moskau dienen,
Ich rathe Ihnen
Ihr einmal die Visite doch zu machen.
TSCHATZKI.
Ich dächte gar! Es wär' zum Lachen!
MOLTSCHÁLIN.
Wir finden Gönner oft
Wo wir es kaum gehofft.
TSCHATZKI.
Ich schätze, glauben Sie's, die Damen nicht geringe,
Und mache gern den Hof -- allein um andre Dinge.
MOLTSCHÁLIN.
Wie ist sie gut und wie gefällig,
Wie ist ihr Haus gesellig!
Den ganzen Winter giebt sie Bälle
Man kann nichts prachtvolleres sehn.
TSCHATZKI.
Ich werde über ihre Schwelle
Gewiß nicht gehn!
MOLTSCHÁLIN.
Im Sommer giebt sie Gartenfeste.
TSCHATZKI.
Ich bin nicht von der Zahl der Gäste.
MOLTSCHÁLIN.
Bedenken Sie, -- es kann doch dazu führen
Hier froh zu leben und zu avanciren!
TSCHATZKI.
Mein Herr, bin ich im Dienst, so bin ich ganz dabei,
Und trenne streng davon jedwede Narrethei.
Zwar giebt's gescheute Leute -- hier zumal --
Die beides zu vereinigen verstehn,
Doch wie Sie sehn, --
Gehör' ich nicht zu ihrer Zahl.
MOLTSCHÁLIN.
Verzeihen Sie -- ich seh' darin noch kein Verbrechen;
Sie werden, denk' ich, einst gewiß noch anders sprechen.
Phomá Phomítsch, zum Beispiel, den Sie kennen --
TSCHATZKI.
Nun was?
MOLTSCHÁLIN.
Bei drei Ministern dient' er schon
Und stets als Chef bei einer Section, --
Und jetzt -- --
Ist er aus Petersburg hierher versetzt.
TSCHATZKI.
Nun das ist mir ein Mann von Kopf!
Ein Mensch, ganz ohne Geist -- ein leerer Tropf!
MOLTSCHÁLIN.
Erlauben Sie, von aller Welt
Wird hier sein Styl als Muster aufgestellt.
Sie haben ganz gewiß noch nichts von ihm gelesen?
TSCHATZKI.
So närrisch bin ich nie gewesen;
Nie las ich dummes Zeug und Musterdummheit gar!
MOLTSCHÁLIN.
Was ich so las schien mir vorzüglich -- zwar
Schriftsteller bin ich nicht --
TSCHATZKI.
Ja, das ist klar,
An allem merkt man es.
MOLTSCHÁLIN.
Nie würd' ich mich erfrechen
Ein eignes Urtheil auszusprechen.
TSCHATZKI.
Warum denn so geheim?
MOLTSCHÁLIN.
Gott mög' in meinen Jahren
Vor eigner Meinung mich bewahren!
TSCHATZKI.
Mein Gott, Sie sprechen ja, als wären Sie noch Kind!
Als ob nur Meinungen von andern heilig sind!
MOLTSCHÁLIN.
Abhängig muß man doch einmal von andern sein.
TSCHATZKI.
Und weßhalb muß man's sein?
MOLTSCHÁLIN.
Ei nun -- mein Rang ist klein.
TSCHATZKI (halb laut).
Mit solcher Denkungsart, mit solchem Geist ihn lieben,
Sie hat mich nur getäuscht und ihren Scherz getrieben!
Vierte Scene.
Im Grunde öffnen sich mehrere Thüren auf einen zweiten Saal, alles
ist erleuchtet, Diener treten auf. Moltschálin geht ab. Tschatzki
bleibt im Vordergrunde.
EIN ÄLTERER DIENER.
He Philipp, Thomas, rührt euch, frisch!
Hierher noch einen Kartentisch,
Bringt Lichte, Bürsten her und Kreide!
(Er klopft an Sophiens Thür.)
Mamsell _Lisette_, hören Sie, Sie können nur dem Fräulein sagen:
_Natalie Dmítrewna_ ist hier
Mit ihrem Mann, und vor der Thür
Hält schon ein zweiter Wagen.
(Ab.)
Fünfte Scene.
TSCHATZKI. NATALIE DMÍTREWNA. GORITSCHEFF.
NATALIE DMÍTREWNA.
Wie, seh' ich recht -- ja -- es sind seine Züge!
Herr _Tschatzki_, wenn ich mich nicht trüge?
TSCHATZKI.
Sie seh'n mich zweifelnd an, vom Kopf bis zu den Füßen.
Es wär' doch wunderbar,
Daß mich verändert so drei Jahr!
NATALIE DMÍTREWNA.
Ich dacht' mir alles andre ehr
Als Sie in Moskau zu begrüßen.
Nun woher?
Wann sind Sie angelangt?
TSCHATZKI.
So eben.
NATALIE DMÍTREWNA.
Das ist schön!
Und auf wie lang?
TSCHATZKI.
Ich werde sehn!
Doch Sie? Ich kann nicht zu mir vor Erstaunen kommen.
Sie haben unbegreiflich zugenommen.
Was haben Sie nur angefangen?
Welch Gliederspiel und welche rothe Wangen!
Verjüngt, voll Geist, im Blicke welche Laune?
Was ist geschehen? Ich erstaune!
NATALIE DMÍTREWNA.
Ich habe mich vermählt.
TSCHATZKI.
Das mußten längst Sie sagen!
NATALIE DMÍTREWNA.
Mein Mann, ein einz'ger Mann -- ich darf mich nicht beklagen --
Gleich ist er hier. -- Nicht wahr -- ich mache Sie bekannt?
TSCHATZKI.
Ich bitt' Sie drum!
NATALIE DMÍTREWNA.
Gewiß, Sie finden ihn charmant.
Ein Blick genügt.
TSCHATZKI.
Ich glaub's! Es ist Ihr _Mann_.
NATALIE DMÍTREWNA.
O deßhalb nicht allein,
Man kann nicht liebenswürd'ger sein.
Durch eignen Werth, durch Geist und durch Verstand
Ist mein Platon als ganz vorzüglich anerkannt.
Er ist jetzt Civilist, war früher Militair,
Er dient nicht mehr, und alle Welt bedauert dieses sehr.
Denn dient' er weiter -- sehen Sie --
Bei solcher Tapferkeit und dem Genie
So meinen alle -- die ihn früher kannten --
Er hätt's in Moskau hier gebracht
Ganz sicher bis zum Commandanten.
Sechste Scene.
DIE VORIGEN. PLATON GORITSCHEFF.
NATALIE DMÍTREWNA.
Da ist er, mein _Platon Michailowitsch_!
TSCHATZKI.
Was, der?
Mein alter Freund! Nun sieh', welch Ungefähr!
PLATON.
Ah! -- -- --
Willkommen Bruder, bist _Du_ wieder da!
TSCHATZKI.
_Platon_ mein Freund -- es macht Dir Ehre,
Du führst Dich ja vorzüglich, wie ich höre!
PLATON.
Ja -- sieh -- was alles noch aus einem werden kann.
In Moskau leb' ich jetzt und bin ein Ehemann.
TSCHATZKI.
Und jene Zeit, wo Du im Felde standst
Und höchste Lust im Lärm des Lagers fandst --
Der Trommel und Trompete Ton --
Vergessen also alles schon?
Ich glaub' Du liegst jetzt auf der faulen Bank,
Und trankst in vollen Zügen Lethe?
PLATON.
O nein, ich übe jetzt auf meiner Flöte
Ein großes Duo in _A-moll_.
TSCHATZKI.
Nun, das ist toll,
Das übtest Du bereits in deiner Jugend!
Indeß bei einem Ehemann
Ist's gut -- wenn man doch rühmen kann
Beständigkeit als seine erste Tugend.
PLATON.
Freund -- denke an mein Wort:
Wird Dir einst eine Frau zu Theile,
Du pfeifst gewiß vor Langerweile
Ein und dasselbe immerfort.
TSCHATZKI.
Wie Langeweile -- ei, das ist nicht gut!
Zahlst Du ihr wirklich schon Tribut?
NATALIE DMÍTREWNA.
Mein Mann war früher an Beschäftigung gewöhnt,
Das fällt jetzt weg. -- Revue'n und die Parade,
Und dann die Reitbahn fehlt ihm Morgens nachgerade.
TSCHATZKI.
Was hält Dich ab, mein Freund? Zum Regiment mit Dir,
Such eine Eskadron -- Du bist wohl Stabsoff'zier?
NATALIE DMÍTREWNA.
Ach nein, zu kränklich ist mein armer Mann!
TSCHATZKI.
Ist's möglich, wie, Du kränklich und seit wann?
NATALIE DMÍTREWNA.
Er leidet an rheumatischen Beschwerden
Und auch am Kopf.
TSCHATZKI.
Hier wird's nicht besser werden.
Beweg' Dich, reite mehr, zieh' in den Süden hin.
Die Landluft ist allein schon ein Gewinn.
NATALIE DMÍTREWNA.
Mein Mann liebt Moskau gar zu sehr!
Er muß genießen doch sein Leben --
Was soll er in die Wildniß sich begeben!
TSCHATZKI.
Du liebst die Stadt? Wer hätte das gedacht!
Entsinne Dich, wie oft hast Du sie nicht verlacht.
PLATON.
Ach Freund, die alten Zeiten sind nicht mehr.
NATALIE DMÍTREWNA.
Mein Männchen, komm recht fort!
Hier ist's so frisch -- hör' doch ein Wort --
Dein Rock ist aufgeknöpft und auch die Weste --
PLATON.
Ich bin nicht was ich war!
NATALIE DMÍTREWNA.
Komm, knöpf' sie feste!
Hör' doch, mein Engelchen --
PLATON (ruhig).
Ja, ja!
NATALIE DMÍTREWNA.
Komm von der Thüre doch hierher,
Hier zieht der Wind.
PLATON.
Ja Bruder, ich bin nicht der alte mehr.
NATALIE DMÍTREWNA.
So höre doch ein Wort,
Um's Himmelswillen komm von der Thüre fort!
PLATON.
Ach liebes Kind!
TSCHATZKI.
Nun das geht weit!
Verwandelt in so kurzer Zeit?
Bei'm Regiment im vor'gen Jahr
Warst Du ja noch der wackerste Husar!
Bei Tagesanbruch schon zu Pferde
Verspottetest Du jegliche Beschwerde. --
Wie oft -- mit ungestümer Lust
Sah man auf wildem Hengst, mit offner Brust
Dem Herbst-Sturm Dich entgegenreiten!
PLATON.
Ach Camerad', das waren schöne Zeiten!
Siebente Scene.
DIE VORIGEN. FÜRST TUGOÚCHOFFSKI nebst GEMAHLIN und SECHS
TÖCHTERN.
NATALIE DMÍTREWNA (aufkreischend).
Fürst Peter Illjitsch, ah' die liebe Fürstin!
Und _ah mon Dieu_ -- Sisi, Mimi, die Lieben!
(Geräuschvolle Begrüßung, auch Tschatzki verbeugt sich. Die Damen
setzen sich links in einen Halbkreis und betrachten einander von
oben bis unten.)
ERSTE FÜRSTIN (zu Natalie).
Wie allerliebst ist die Façon von Ihrem Kleide!
ZWEITE FÜRSTIN.
Mit Garnitur besetzt --
ERSTE FÜRSTIN.
Und welche schöne Seide!
NATALIE DMÍTREWNA.
Mein Atlastürluru -- das sollten Sie erst seh'n!
DRITTE FÜRSTIN.
Es hat mir eine Schärpe der Cousin gebracht,
Nein, -- die ist wunderschön!
VIERTE FÜRSTIN.
Ach ja, -- und von _barège_, eine Pracht!
FÜNFTE FÜRSTIN.
Ganz köstlich ist sie.
SECHSTE FÜRSTIN.
Herrlich, ja!
DIE ALTE FÜRSTIN (zu Natalie).
Wer ist der junge Mann im Winkel da,
Er grüßte uns, als wir in's Zimmer traten?
Ich hab' schon hin und her gerathen.
NATALIE DMÍTREWNA.
Ein Angereister -- Tschatzki.
DIE ALTE FÜRSTIN.
Ah!
Hat er den Dienst verlassen?
NATALIE DMÍTREWNA.
Ja,
Vom Ausland kehrt er eben erst zurück.
DIE ALTE FÜRSTIN.
Ist ledig er?
NATALIE DMÍTREWNA.
Ja, noch _garçon_.
DIE ALTE FÜRSTIN (zum Mann).
Erlaucht, Erlaucht, -- auf einen Augenblick!
Geschwinder.
DER FÜRST (nähert sich mit seinem Hörrohr).
O! -- hm? --
DIE ALTE FÜRSTIN.
Den jungen Herrn dort
Natalie Dmítrewna's Bekannten -- den da --
Lad' ein zu unserm Ball, am Dienstag -- mach' nur fort!
DER FÜRST.
I--hm!
(Er schleicht um Tschatzki herum und hustet.)
DIE ALTE FÜRSTIN.
So geht es, wenn man Kinder hat!
Ein Ball ist einmal ihr Vergnügen;
Man quält sich müd', man quält sich matt,
Und weiß oft Tänzer nicht zu kriegen! --
Er ist doch Kammerjunker?
NATALIE DMÍTREWNA.
Nein.
DIE ALTE FÜRSTIN.
Doch reich?
NATALIE DMÍTREWNA.
O, nein!
DIE ALTE FÜRSTIN (so laut als möglich).
Erlaucht, Erlaucht, zurück, zurück sogleich!
Achte Scene.
DIE VORIGEN. Die GRÄFIN CHRUMIN und ihre GROSSTOCHTER.
DIE JUNGE GRÄFIN.
Ah! _grand-maman!_ Wer kommt denn auch so früh!
Wir sind die ersten hier!
(Beide entfernen sich in einen andern Saal.)
DIE ALTE FÜRSTIN (zu Natalie).
Nun hören Sie!
Sehr artig das! Die ersten hier!
Uns zählt sie nicht; ei welch ein Vornehmthun!
Ein boshaftes Geschöpf; und alte Jungfer nun
Schon eine Ewigkeit! Nun Gott verzeihe ihr!
DIE JUNGE GRÄFIN
(kommt zurück und nähert sich lorgnettirend Tschatzki).
Ah! Monsieur Tschatzki hier? Wer hätte das gedacht!
Und noch der alte stets?
TSCHATZKI.
Warum sollt' ich mich ändern?
DIE JUNGE GRÄFIN.
Sie sind ja doch gereist in vielen fremden Ländern
Und haben keine Frau vom Ausland mitgebracht!
TSCHATZKI.
Vom Ausland?
DIE JUNGE GRÄFIN.
Ja! Bei diesen fremden Damen,
Da fragt man nicht nach Herkunft, Stand und Namen,
Und unsre jungen Herrn, wenn sie nach Hause kehren,
Die pflegen uns gewöhnlich zu bescheren
Mit Schwägerinnen und Cousinen
Aus Modemagazinen.
TSCHATZKI.
Die Unglücksel'gen -- ja! -- Von Damen,
Die sich Modistinnen zum Muster nahmen,
Da werden sie nun ausgeschmählt,
Daß sie, statt der Copien --
Originale sich gewählt!
Neunte Scene.
DIE VORIGEN. MEHRERE NEUE GÄSTE, darunter SAGORÉTZKI. Die Herren
scharren, grüßen und gehen weiter oder auf und ab. SOPHIE kommt
aus ihrem Zimmer, Alle ihr entgegen.
DIE JUNGE GRÄFIN (zu ihr).
_Eh bonsoir, vous voilà! Jamais trop diligente,_
_Vous nous donnez toujours le plaisir de l'attente._
SAGORÉTZKI (zu Sophien).
Zu morgen -- haben Sie
Schon ein Billet zur Komödie?
SOPHIE.
Ach nein!
SAGORÉTZKI.
Hier ist eins -- wenn Sie mir erlauben!
Allein Sie können es mir glauben
Vergeblich hätte Ihnen
Ein anderer versucht darin zu dienen;
Wie bin ich aber deshalb auch gelaufen!
Erst wollt' ich's an der Kasse kaufen --
Doch -- auf mein Ehrenwort --
Es war schon alles fort.
Nun fuhr ich zum Direktor hin,
Da ich sein guter Freund ja bin --
Umsonst! -- Was glauben Sie!
Am Abend schon vorher konnt' niemand mehr was kriegen!
Zu dem -- zu jenem ging es nun in Einem Lauf --
Ich hetzte Alle auf!
Um dieses endlich mußt' ich einen Freund betrügen,
Ich nahm es gradzu mit Gewalt.
Es ist ein Stubenhocker, schwach und alt,
Was konnt's ihm nützen
Er mag zu Hause ruhig sitzen.
SOPHIE.
Ich danke Ihnen für's Billet recht sehr,
Für Ihre Mühe aber noch viel mehr.
(Es kommen NEUE GÄSTE. SAGORÉTZKI geht zu den Herren rechts.)
SAGORÉTZKI (zu Platon).
Ah, guten Abend!
PLATON.
Scher' Dich fort!
Geh pack' Dich dort
Zu deinen Damen,
Um deine Lügen auszukramen!
Wenn ich Dich schildre wie Du bist,
So kann von Dir ich manche Wahrheit sagen,
Die schlimmer wohl als jede Lüge ist. --
(Zu Tschatzki.)
Hier präsentir' ich Dir den Herrn
Antón Antónitsch Sagorétzki. --
Ich wüßte gern,
Wie man, doch ohne grob zu sein,
Dergleichen Leute fein
Und dennoch wahr bezeichnen könnte!
Er ist ein Weltmann und gewandt --
Als Schelm von allen anerkannt --!
Nimm Dich in Acht vor ihm, denn was Du sagst
Das hört er mit besondern Ohren;
Und wenn Du gar zu spielen mit ihm wagst,
So bist Du ganz und gar verloren.
SAGORÉTZKI.
Origineller Murrkopf Du!
Nun -- schimpf' nur zu,
Kein Tröpfchen Galle ist in Deinen Scherzen.
TSCHATZKI.
Drum nehmen Sie sich's nicht zu Herzen!
Auch außer Ehrlichsein giebt es der Freuden viel,
Hier schimpft man, dort erreichet man das Ziel.
PLATON.
Ach Bester, nein
Man schimpft bei uns
Und -- ladet dennoch ein.
(Sagorétzki verliert sich im Hintergrunde.)
Zehnte Scene.
DIE VORIGEN. MADAME CHLESTOW.
MADAME CHLESTOW (zu Sophien).
Na! Leicht ist's nicht mit fünf und sechzig Jahren
So weit zu Deinem Ball zu fahren.
Ich brauchte eine ganze Stunde von Pokrow.
(Setzt sich links in den Vorgrund neben Sophie.)
Ich kann nicht mehr! -- Ach Nichtchen, welche Plage --
Und dunkel ist's wie einst am jüngsten Tage.
Aus Langerweile nahm ich mit
Mein Mohrenmädchen und den Spitz -- ich bitt'
Befiehl, man soll sie heut' beim Abendessen
Zu füttern nicht vergessen. --
Gott grüß' Sie, Fürstin! -- Ja, Sophie, ich sage Dir
Die Mohrin ist ein Wunderthier.
Ein Krauskopf -- krumm das Schulterblatt und Tatze --
Voll Zorn und Bosheit -- ganz Manieren einer Katze.
Und ach wie schwarz und ach wie häßlich --
Was hat doch alles Gott der Herr erschaffen!
Ich sag' Dir gräßlich!
Frappant der Satanas! -- Willst Du sie sehn?
SOPHIE.
Es kann ein andermal geschehn.
MADAME CHLESTOW.
Und stell' Dir vor, wie wilde Thiere
So führt man sie herum, um sie zu zeigen.
Man hat mir das erzählt, da ist so eine Stadt
In der Türkei, der Name klingt so eigen --
Und rath' wer mir sie zum Präsent gemacht? -- --
Der Sagorétzki hat sie mir gebracht.
(Sagorétzki horcht auf und kommt näher.)
Er lügt ein bischen, spielt auch falsch und ist ein Dieb --
(Sagorétzki geht eilig fort.)
Allein er thut doch einem viel zu lieb.
Ich hatte mir schon ausgebeten
Er sollt' nicht über meine Schwelle treten,
Da bringt vom Jahrmarkt er die Mohrin mir --
Er sagte zwar, daß er gekauft sie hätte,
Ich glaub' es aber nicht, -- ich wette
Er hat gewonnen sie
Im Kartenspiele irgendwie!
Gott schenk' Gesundheit ihm dafür.
TSCHATZKI (zu Platon lachend).
Von solchem Lob pflegt man nicht zu gesunden!
Selbst Sagorétzki hielt's nicht aus und ist verschwunden.
MADAME CHLESTOW.
Wer ist der lust'ge Mann, der dort so laut gelacht?
Weß Stand's?
SOPHIE.
Der Tschatzki ist's --
MADAME CHLESTOW.
Das hab' ich gleich gedacht!
Was kann der Narr denn da zu lachen finden?
Es ist gewiß die größte aller Sünden
Sich über alte Leute lustig machen
Und graue Haare auszulachen.
Ich weiß, mit ihm hast Du als Kind getanzt, --
Ich hab' ihn oft curanzt
Ich zupft' ihn an den Ohren tüchtig,
Allein noch viel zu wenig, das ist richtig!
Elfte Scene.
DIE VORIGEN. FAMUSSOFF.
FAMUSSOFF (sehr laut).
Sieh' da, Erlaucht -- und Sie sind hier?
Und im Portraitsaal warten wir!
Ist denn der Oberst Scalosúb nicht hier,
Sergeí Sergéitsch? Wie? In aller Welt
Es ist ja doch ein Mann, der in die Augen fällt,
Der Oberst Scalosúb!
MADAME CHLESTOW.
Gott helfe mir!
Er hat mich ganz betäubt und schreit ja Zeter,
Und lärmt ja ärger noch als ein Trompeter!
Zwölfte Scene.
DIE VORIGEN. SCALOSÚB. Später MOLTSCHÁLIN.
FAMUSSOFF.
Ah, ah, ah, ah! Herr Oberster, zu spät! -- Nach zehn!?
Wir warteten und warteten! -- Nun das ist schön!
Erlauben Sie -- hier meine Schwägerin --
Die Sie dem Rufe nach schon lange kennt.
MADAME CHLESTOW.
Sie dienten -- glaub' ich -- hier -- beim Regiment --
Wie heißt es gleich? Da bei den Grenadiren?
SCALOSÚB.
Sie meinen Seiner Hoheit Regiment
Von Neuland -- bei den Musketiren.
MADAME CHLESTOW.
Ich hab' es nicht zur Meisterschaft gebracht
Um all' die Unterschiede zu begreifen.
SCALOSÚB.
Dazu sind formgemäße Streifen;
Die Litzen, Latzen und Lampassen
An den Monturen muß
Man ganz zuerst ins Auge fassen.
FAMUSSOFF.
Sergeí Sergéitsch, kommen Sie!
Wir wollen gleich ein Whistchen machen;
Ich sage Ihnen, die Parthie
Ist wirklich um sich todt zu lachen.
(Zum Fürsten.)
Erlaucht, ich bitte, folgen Sie!
MADAME CHLESTOW (zu Sophie).
Nun, Gott sei Dank -- fast wäre ich erstickt!
Dein Vater ist ja rein verrückt,
Und scheint bezaubert von dem Goliath zu sein.
So, mir nichts, Dir nichts, macht er uns bekannt,
Und fragt nicht ob's mir lieb, ob es mir ennuyant.
MOLTSCHÁLIN (mit einer Karte).
Madame, ich bracht' für Sie
Zusammen Ihre Whistparthie.
_Phomá Phomítsch_ und Monsieur _Kock_ und -- ich.
MADAME CHLESTOW.
Ach, tausend Dank, mein Lieber!
(Steht auf und nimmt Moltschálin's Arm.)
MOLTSCHALIN.
Ihr Spitz ist doch ein einz'ger Spitz!
Er ist ja wie ein Fingerhütchen klein
Ich streichelt' ihn, sein Fellchen ist so fein
Wie das von einem Biber. --
MADAME CHLESTOW.
Ach, tausend Dank, mein Lieber.
(Sie gehen ab, mehrere Gäste folgen ihnen.)
Dreizehnte Scene.
TSCHATZKI. SOPHIE. -- Im Hintergrunde EINIGE GÄSTE.
TSCHATZKI.
Bravissimo! Die Wolke ist zerstoben!
SOPHIE.
Ich bitte --
TSCHATZKI.
Ei, was fürchten Sie?
Den Zorn der Alten hat er ja gewendet,
Ich wollte ihn gerad' drum loben!
SOPHIE.
Mit einer Bosheit hätt' es doch geendet.
TSCHATZKI.
Soll ich jetzt sagen, was ich dachte?
Die alten Weiber sind verdrießlich,
Und darum ist's ersprießlich
Wenn man recht einen dienstbefliss'nen Mann
An ihre Seite stellen kann.
Moltschálin der erschien ja plötzlich
Dem Blitzableiter gleich. Es war ergötzlich!
Wer sänftigte wie er, so friedlich Zank und Streit?
Wer streichelt', so wie er, den Mops zu rechter Zeit?
Wer präsentirt' mit Scharfsinn und Geschick
Das Kärtchen in dem rechten Augenblick?
Nein, auf mein Wort,
In ihm lebt Sagorétzki einstmals fort. --
Sie haben
Mir alle seine Gaben
Erst hergezählt;
Doch glaub' ich, daß noch vieles fehlt.
(Ab.)
Vierzehnte Scene.
SOPHIE allein, dann HERR N. N.
SOPHIE.
Ach dieser Mensch, wie er mich stets verstimmt,
Wie beißend ist er, wie ergrimmt,
Wie voller Neid
Und Bosheit und Hochmüthigkeit!
N. N.
So in Gedanken! Wie?
SOPHIE.
Ich dacht' an Tschatzki.
N. N.
Wie finden Sie ihn denn nach seiner Reise?
SOPHIE.
Ich finde ihn verrückt!
N. N.
Verrückt, wahrhaftig? Ist es möglich?
SOPHIE (nach einer kleinen Pause).
Nun toll -- das grade nicht!
N. N.
Doch merkt man etwas, wenn er spricht?
SOPHIE.
Mir scheint es so.
(Sieht nach der Thür wo Tschatzki abging.)
N. N.
In seinen jungen Jahren
Wie konnt' ihm solch' ein Unglück widerfahren?
SOPHIE.
Ja, es ist schlimm! -- (bei Seite) Er glaubt daran!
Ah Tschatzki --! And're stets zu necken
Das lieben wir! -- Nun mag er's selber schmecken!
(Ab.)
Fünfzehnte Scene.
HERR N. N. HERR D.
N. N.
Verrückt -- so scheint es ihr!
Sehr möglich dünkt die Sache mir,
Wie wär' sie sonst auch drauf gekommen!
(Zu D.)
Ah, hast Du schon vernommen?
HERR D.
Und was?
N. N.
Von Tschatzki.
HERR D.
Nein, kein Wort!
N. N.
Er ist verrückt.
Herr D.
So geh' doch fort!
N. N.
Ich sag' es nicht, ich hab' es nur gehört.
HERR D.
Und bist nur froh, es weiter gleich zu tragen.
N. N.
Es wäre doch der Mühe werth
Auch noch bei andern nachzufragen.
(Ab.)
Sechzehnte Scene.
HERR D. allein, dann SAGORÉTZKI.
HERR D.
Ja, glaubt den Schwätzern nur!
Da hören sie das dümmste Zeug
Und wiederholen es sogleich.
(Zu Sagorétzki.)
Hast Du von Tschatzki was gehört?
SAGORÉTZKI.
Was denn?
HERR D.
Daß er gestört?
SAGORÉTZKI.