Die Sitten, die von Alters her noch rühren.
Zum Beispiel nur -- man ehrt den Sohn
Hier um des Vaters willen schon.
Ist auch nicht viel an ihm, es wird ihm doch nicht fehlen,
Besitzt er erblich nur so ein paar tausend Seelen --
Der Bräutigam ist fertig --
Und wär' er noch so widerwärtig.
Ein andrer, sei er auch gescheut
Voll Klugheit und Belesenheit
Und vollgepfropft mit hohen Dingen,
Er wird in unsere Verwandtschaft doch nicht dringen;
Denn darin sind wir ohne Tadel
Wir halten noch allein auf alten ächten Adel.
Und das ist's nicht allein! -- was Gastfreiheit betrifft!
Wer hat vollkommner sie gefunden,
Und hätt' er auch die ganze Welt umschifft --!
Die Thür ist auf -- zu allen Stunden;
Geladen oder nicht, es strömt der Gäste Menge,
Den Wirth erfreut besonders das Gedränge,
Ausländer, die natürlich ganz voran --
Es sei ein Schelm, es sei ein Ehrenmann,
Das ist uns ziemlich gleich, in jedem Falle
Steht unser Mittagstisch gedeckt für Alle.
Ja -- wie man uns betrachten möge,
Vom Hacken bis zum Nacken --
Wir Moskowiter haben ein absonderlich Gepräge.
Da, nehmen Sie zum Beispiel unsre Jugend
Die junge Welt, die Söhnchen, Enkelein;
O, die sind fein!
Zwar predigen wir streng Moral und Tugend,
Und doch kann oft mit funfzehn Jahren
Der Lehrer viel von ihnen schon erfahren.
Dann unsere alten Herren, welche Geister!
Im Disputiren sind sie Meister.
Wenn es so losgeht über Staat und Krone,
So sprechen sie wie lauter Salomone.
Ein jeder weiß, er ist aus altem Haus,
Was andre denken, was macht er sich draus!
Und die Regierung, wie mit der sie fahren!
Wenn's jemand hörte, lass' uns Gott bewahren! --
Nicht daß sie grad' was neues wollten -- nein
Behüte Gott; allein sie schrei'n
Und streiten über dies und das
Und wissen selber oft nicht -- was.
So geht es fast bei jedem Schmaus,
Man lärmt und tobt und -- fährt nach Haus.
Wahrhaftig, lauter Kanzler außer Diensten!
(Leiser.)
Und im Vertraun -- noch unreif ist die Zeit --
Doch ohne diese Herrn kommt man gewiß nicht weit. --
Die Damen gar, das sind die höchsten Richter,
Doch richt' sie einer nur, da machen sie Gesichter,
Und wenn beim Kartenspiel die Stimme sie erheben
Da giebt es oft Tumult,
Daß wirklich alle Fenster beben.
Mit Frauen schenk' uns Gott Geduld,
Ich weiß es leider ganz genau
Ich selber hatt' ja eine Frau!
Wir haben Frau'n, wahrhaftig desperat!
Sie sind in allem firm, schickt sie in den Senat,
Schickt vor die Fronte sie; zum Beispiel da
Irina Wlássjewna, Lukérja Alexiéwna,
Tatjana Júrjewna, Pulcheria Andréewna!
Dann unsere Töchter! Ist's nicht wahr?
Die königliche Majestät im vor'gen Jahr
Als sie geruht zu uns zu kommen zum Besuch,
Konnt' sich verwundern nicht genug.
Sie fand sie grad' nicht klassisch schön,
Doch klassisch wohlerzogen.
Und wahrlich, unsere Töchter sind's auch -- ungelogen --
Wie sie verstehen sich zu kleiden,
In Mousselin und Sammt und Seiden!
Sie können selbst -- es ist ein Ohrenschmaus
Französische Romanzen singen,
Und von den Noten zwingen
Die allerhöchsten sie heraus. --
Besonders hängen sie am Militair,
Das -- kommt vom Patriotismus her.
Ja, ja, man suche nach in allen Reichen,
Man forsche nach von Land zu Land,
Nichts ist mit Moskau zu vergleichen.
SCALOSÚB.
Ja wohl, und seit dem großen Brand
Ist unser Moskau ganz charmant.
FAMUSSOFF.
O nichts davon! Da haben uns geklungen
Die Ohren schon genug! Ja, was für Neuerungen
Seitdem sieht doch ein jedes Haus,
Trottoirs und Straßen anders aus.
TSCHATZKI (in den Vordergrund tretend).
Die Häuser wurden neu, die Vorurtheile blieben! --
Sie brauchen sich nicht zu betrüben.
Was können Moden, Jahre, Brand und Krieg!
Den Vorurtheilen blieb der Sieg.
FAMUSSOFF (leise).
Mach' Dir doch einen Knoten zum Gedächtniß.
Zu schweigen bat ich Dich so sehr,
Wird Dir denn das so schrecklich schwer?
(Zu Scalosúb.)
Herr Oberst -- hier -- wenn Sie erlauben --
Des seel'gen Tschatzki, meines Freundes, Sohn,
Er dient nicht -- sollten Sie es glauben!
Ein Eigensinn!
Das heißt -- er sieht im Dienste nicht Gewinn.
Doch wenn er wollte, könnt' er vieles leisten.
Er schreibt vortrefflich, übersetzt --
Schad, schade das, -- das muß man sagen!
TSCHATZKI.
Recht schade -- daß Sie nicht wen anders so beklagen,
Denn selbst Ihr Lob hat mich verletzt. --
FAMUSSOFF.
So richt' ich nicht allein, ich höre es von Allen.
TSCHATZKI.
Und wer sind diese Richter? Wie?
Sind es nicht etwa die,
Die ihrer Glatze wegen schon allein
Uns Jugendsinn und Freiheit nicht verzeih'n?
Sie schlagen in Journälen nach
Und möchten alles Alte gleich vergöttern.
Sie schöpfen Urtheil aus vergessnen Zeitungsblättern,
Aus jener Zeit, die von Otschákoff sprach
Und der Eroberung der Krimm. --
Woher der ew'ge Haß und Grimm?
Das neue lassen sie nicht gelten
Und singen stets das alte Lied,
Stets fertig sind sie nur zu schelten
Und sie bekritteln, was geschieht,
Und merken's an sich selber nimmer
Das: um so _älter_ um so _schlimmer_!
Wer nicht so denkt wie sie -- den nennen sie Verräther!
Wo sind sie denn, des Landes Väter,
Von denen man als Muster spricht!
Ich seh' sie nicht! --
Ist's etwa der?
Ein Millionär
Durch Dieberei geworden?
Und der mit vollem Sack und seiner Brust voll Orden
Dem Schwerdt der Themis trat entgegen?
Natürlich sank der guten Göttin Degen
Herab, so viel Verdienst zu lieb,
Und sehen Sie -- nun baut der Dieb
Sich einen prächtigen Pallast
Wo festlich er mit dem gestohlnen Gute prasst,
Die Gäste strömen hin zu Hauf;
Doch stände wohl ein Gast
Als Kläger seines Wirthes auf?
Wer würde wohl in Moskau sich erfrechen
So weit zu gehn
Von irgend jemand schlecht zu sprechen,
Der Bälle giebt und Assembleen? --
Ist wohl mein Richter der, vor dem ich einst den Rücken
In meiner Kindheit mußte bücken?
Gott weiß aus welchen räthselhaften Gründen! --
Der Nestor -- alt und grau in Sünden,
Der seine Diener oft verwettet
Wenn er im Zorne und berauscht:
Und den, der Ehre ihm und Leben oft gerettet
Weil es ihm so gefällt, mit einem Windhund tauscht? --
Ist's jener, der zu ganzleibeigenem Ballet
Die Kinder von den Aeltern reißt
Und sie nach Moskau kommen heißt?
Sie werden auch in großen Schaaren
Und fuderweis hierher gefahren
Wo er, der nur vom Zephyr träumt
Und Amoretten-Reigen
Stolz ist der Stadt sein Werk zu zeigen.
Doch leider steckt er sehr in Schulden,
Die Gläub'ger woll'n sich nicht gedulden
Und all die Seelen da, von ihm getauft
Zu Amoretten und Zephyren
Sie werden nun nach Rechtsgebühren
Stückweise unterm Hammerschlag verkauft! -- -- -- --
Da haben Sie's! Und das sind unsre Richter!
Das sind die Sterne und die Lichter!
Das sind die Alten und die Weisen
Die Sie mir stets als Muster preisen.
Und was geschieht? Versuch's ein junger Mann,
Der nicht das Kriechen leiden kann --
Und lege sich mit ganzer Kraft
Allein nur auf die Wissenschaft:
Er will nicht Stellen, will nicht Rang,
Er fühlt nun einmal einen andern Drang --
Der Himmel goß vielleicht in seine Brust
Des künstlerischen Schaffens Lust,
Sogleich erhebt man ein Geschrei
Mordjo! Verrätherei!
Man fliehet ihn, wie einen tollen Hund
Und munkelt von geheimem Bund. --
Die Uniform -- nur sie, ja! ja! -- In frührer Zeit
Hat ihre Stickerei manch Eselsohr bedeckt.
Wie viel Verächtlichkeit
Wird unter ihrem Glanz versteckt!
Und wir, wir sollen nun dieselben Wege gehn?
Es ist nicht auszustehn!
Und eben die Manie kann man ja schau'n
Bei unsern Mädchen, unsern Frau'n!
Ich selbst war unlängst noch verliebt in die Livrei,
Doch jetzo lach' ich über solche Narrethei.
Doch anders ging es damals her,
Wer war nicht ganz vernarrt in's Militär?
Einst bei'm Besuch von Gardeoffizieren
Schien unsre Damenwelt die Sinne zu verlieren:
Sie schrien Hurrah! Kaum ist's zu glauben,
Und warfen in die Luft die Hauben.
FAMUSSOFF (bei Seite).
Es wird ihm noch gelingen
In's Unglück mich zu bringen! --
(Laut zu Scalosúb.)
Verzeihen Sie, Herr Oberst, ich muß fort,
Doch ich erwarte Sie im Kabinette dort.
(Geht ab.)
Sechste Scene.
SCALOSÚB und TSCHATZKI.
SCALOSÚB.
Was mich besonders intressirt
Ist, wie Sie so geschickt berührt
Die Vorurtheile unsrer Stadt
Die man hier für die Garde hat.
Die Garde -- das ist ihre Wonne!
Man schaut sie an wie eine Sonne.
Warum zieht man sie vor
Zum Beispiel unserm ersten Corps?
Worin blieb dieses vor der Garde je zurück?
Hat's schlecht're Taillen etwa und Geschick?
Was wollen diese Evastöchter,
Sitzt unsre Uniform denn schlechter?
Ich kann gleich ein'ge Offiziere nennen
Die selbst französch parliren können.
Siebente Scene.
SCALOSÚB. TSCHATZKI. SOPHIE (stürzt zum Fenster). LISETTE.
SOPHIE.
Ach Gott -- er fiel -- er ist verloren! ah!
(Sinkt hin auf einen Stuhl.)
TSCHATZKI.
Wer fiel?
SCALOSÚB.
Sag', was geschah?
TSCHATZKI.
Vor Schreck liegt sie in Ohnmacht ja!
SCALOSÚB.
Wer denn! Woher! Was ist passirt?
TSCHATZKI.
Hat sie sich weh gethan?
Stieß sie wo an?
Was ist geschehn?
SCALOSÚB.
Ist was dem Alten arrivirt?
LISETTE (immer bei Sophien beschäftigt).
Ach seinem Schicksal kann man nicht entgehn!
Moltschálin stieg zu Pferde
Es bäumte sich, er stürzt' zur Erde
Und grade Kopfvoran.
SCALOSÚB.
Zu straff zog er die Zügel an,
Ja, so ein Sonntagsreiter vom Civil!
Ich will doch hören wie er fiel
Ob seitwärts oder ob nach vorne.
(Geht ab.)
Achte Scene.
TSCHATZKI. LISETTE. SOPHIE (in Ohnmacht).
TSCHATZKI.
Wie soll man helfen, sage schneller!
LISETTE.
Dort steht ein Glas auf einem Teller.
(Tschatzki läuft fort und holt Wasser -- alles wird halbleise und
schnell gesprochen.)
Schnell gießen Sie 's ins Glas!
TSCHATZKI.
Das ist schon lang gescheh'n!
Lös ihr das Mieder! --
Die Schläfen reib' mit Essig doch!
Besprenge sie mit Wasser noch!
So, so -- sie athmet wieder
Nun fächle sie. -- Sophie?
(Sophie seufzt.)
LISETTE.
Da seufzte sie!
TSCHATZKI.
Sieh' aus dem Fenster -- da --
Da steht Moltschálin ja!
Und diese Kleinigkeit konnt' sie erschrecken!
LISETTE.
Es muß in Damen-Nerven stecken.
Das Fräulein kann es nicht ertragen,
Fällt Jemand über Kopf und Kragen.
TSCHATZKI.
Besprenge sie mit Wasser doch,
So recht -- noch einmal -- noch!
SOPHIE.
Ach!
Was ist geschehn, mir ist so schwach!
Wer ist um mich?
(Springt auf, heftig.)
Wo ist er, sprich?
Was ist's mit ihm?
TSCHATZKI.
Ei, welch ein Ungestüm!
Ich wollt' er hätte sich den Hals gebrochen,
Er schreckte Sie zu Tode fast.
SOPHIE.
Das war unmenschlich doch gesprochen,
Sie wollen es, daß man Sie haßt!
TSCHATZKI.
Ich sollte mich auch noch mit ihm befassen?
SOPHIE.
Ja! eilen, laufen, ihn erretten!
TSCHATZKI.
Und Sie in Ohnmacht liegen lassen?
SOPHIE.
Was sind Sie mir? Doch war es fremdes Unglück ja!
Und läg' der eigne Vater da,
Sie rührt' es nicht.
(Zu Lisette.)
Komm' schnell, was stehst Du noch?
LISETTE (führt Sophie zum Fenster).
Wohin, besinnen Sie sich doch!
Er lebt, es ist ihm nichts geschehn,
Sie können ihn hier aus dem Fenster sehn.
(Sophie eilt zum Fenster.)
TSCHATZKI (bei Seite).
Entsetzen, Ohnmacht, Zorn! -- So kann man nur empfinden
Wenn den Geliebten man verliert!
SOPHIE (zu Lisette).
Siehst Du, wie sie den Arm ihm binden!
Er kommt, er wird herauf geführt!
TSCHATZKI.
Ich wollt', ich hätt' mit ihm den Hals gebrochen!
LISETTE.
_Per compagnie!_ Nun das ist brav gesprochen.
SOPHIE.
Ach, lassen Sie's beim Wunsch!
Neunte Scene.
DIE VORIGEN. SCALOSÚB. MOLTSCHÁLIN (den Arm in der Binde).
SCALOSÚB.
Da ist er! Er erstand!
Und unverletzt! -- Nur seine Hand
Bekam was ab und etwas hier der Arm
Das ganze war »_un faux allarm_!«
MOLTSCHÁLIN.
Ich habe Sie erschreckt? Ach nein?
Mein Gott, Sie werden doch verzeih'n!
SCALOSÚB.
Ich glaubte nicht -- auf Ehre!
Daß man durch solche Kleinigkeit
Codille gleich verlöre!
Sie stürzten her in großer Eile,
Und ich erschrak, so wahr ich ehrlich bin!
Sie fielen gar in Ohnmacht hin
Und alles für die Langeweile!
Für nichts und wieder nichts.
SOPHIE (ohne aufzublicken).
Ich seh' es ein -- und doch
Am ganzen Leibe zittr' ich noch.
TSCHATZKI (bei Seite).
Und zu Moltschálin nicht ein Wort?
SOPHIE (wie oben).
Es fehlt mir nicht an Muth
Wirft auch der Wagen um, ich fahr' gleich weiter fort --
Doch konnt' ich nie mit kaltem Blut
Es sehn, wenn andre in Gefahr,
Und wenn es gleich ein Unbekannter war. --
Und wenn der Schaden auch geringe
Es ist unmöglich, daß ich mich bezwinge.
TSCHATZKI (bei Seite).
Will sie bei jenem sich vielleicht
Entschuldigen, daß sie Gefühl gezeigt
Für irgend einen in der Welt!
SCALOSÚB.
Erlauben Sie, da fällt
Mir ein Histörchen ein;
Die Fürstin Lassoff hier ist Reiterin,
Ob Wittwe zwar, von Profession,
Doch meistens reitet sie allein,
Den Cavalieren scheint sie nicht sehr zu gefallen.
Die Arme ist in diesen Tagen
Vom Pferd gefallen
Und hat sich arg zerschlagen;
Die Schuld lag an dem Tölpel von Jokei,
Er zählte Mücken wohl und sprang nicht schnell herbei!
Sie soll schon ohnedem sehr unbeholfen sein,
Nun, sagt man, soll ihr eine Rippe fehlen --
Und darum möcht' sie wieder sich vermählen,
Und sucht jetzt eifrig einen Mann
Der sie als Rippe stützen kann.
(Er lacht.)
SOPHIE.
Mein Gott, Herr Tschatzki, das ist was für Sie!
Was meinen Sie zu der Parthie?
Sie sollten recht so menschenfreundlich sein,
Als Rippe sich der Wittwe weih'n --
Denn fremdes Unglück rührt Sie ja so ungemein!
TSCHATZKI.
Sie haben Recht! Ich hatte ja das Glück
Und rief zum Leben Sie zurück,
Als bleich und athemlos Sie hier in Ohnmacht lagen;
Allein für wen ich's that, das weiß ich nicht zu sagen.
(Nimmt den Hut und geht ab.)
Zehnte Scene.
DIE VORIGEN ohne TSCHATZKI.
SOPHIE (zu Scalosúb).
Nun heute Abend -- sehn wir Sie?
SCALOSÚB.
Wie früh?
SOPHIE.
Ich bitte nicht zu spät -- wir haben unser Kränzchen,
Und zum Klavier macht man ein Tänzchen,
Sie wissen ja, der Trauerfall
Gestattet jetzo keinen Ball,
Sie werden Freunde nur vom Hause sehn.
SCALOSÚB.
Sehr wohl -- doch muß ich jetzt zu Ihrem Vater gehn;
Ihr Diener!
SOPHIE.
Adieu!
(Verbeugung und Abschiednehmen. Scalosúb geht ab, schüttelt aber
erst Moltschálin die Hand.)
Elfte Scene.
DIE VORIGEN ohne SCALOSÚB.
SOPHIE.
Moltschálin, sprechen Sie, was haben Sie gemacht!
Ich weiß nicht, wie ich noch bei Sinnen,
Ach hätten Sie an mich gedacht,
Sie setzten nicht Ihr -- mir so theures Leben
So muthwillig auf's Spiel.
Doch sagen Sie -- wie ist's mit Ihrem Arm?
Hat sich der Schmerz gegeben?
Zum Doktor schicken Sie vor allen Dingen,
Soll man nicht Tropfen bringen?
MOLTSCHÁLIN.
Seitdem der Arm in dieser Binde
So schmerzt er nur noch ganz gelinde.
LISETTE.
Es ist ja nichts, ich will gleich wetten!
Die Binde steht ihm nur so gut --
Doch wer kann Sie vor bösen Zungen retten,
Ich bitt' Sie, sei'n Sie auf der Hut.
Denn Tschatzki -- ach, der kann's schon machen,
Daß über Sie die Leute lachen;
Und wenn der Oberst erst sich in die Haare fährt
Um sein Toupé recht schön
Zurecht zu drehn,
Dann fängt er sicher an, die Ohnmacht zu erzählen
Und an Verschönerungen wird's nicht fehlen.
Selbst dieser Mensch will witzig sein!
Ach Gott! Wer ist nicht witzig heut zu Tage!
SOPHIE.
Als ob nach diesen Zwei'n ich frage!
Wer mir gefällt, den mag ich
Und was ich will, das sag' ich.
Moltschálin ach, wie hab' ich mich bezwungen!
Als Sie in's Zimmer traten,
Mich um Verzeihung baten,
Wie hab' ich da im Innersten gerungen!
Vor jenen durft' ich es nicht wagen
Sie anzusehn, Sie zu befragen.
MOLTSCHÁLIN.
Und doch -- Sie müßten besser sich verstellen.
SOPHIE.
Wie sollt' ich das, wenn alle Pulse schwellen!
Ich wollt' hinaus zum Fenster springen,
Ich war halb todt und sollte mich bezwingen.
Es mag die Herrn da ärgern und verdriessen,
Was geht's mich an, was mach' ich mir aus diesen,
Aus irgend jemand, aus der ganzen Welt!
Mag sie doch reden, wie es ihr gefällt?
MOLTSCHÁLIN.
Möcht' diese Offenheit uns nur nicht Schaden bringen!
SOPHIE.
Man wird Sie doch nicht zum Duelle zwingen?
MOLTSCHÁLIN.
Ach schlimmer wohl als Degen und Pistolen
Sind scharfe Zungen.
LISETTE.
Bei Ihrem Vater sind die Beiden drin,
Wie wär's, Sie gingen gleich dahin
Und stellten sich ganz unbefangen,
Wir glauben gern, was wir verlangen. --
Den Tschatzki müssen Sie vor allen Dingen
Zum Schwatzen bringen --
Indem Sie jene Jugendzeit berühren.
Ein bischen Liebelei, ein Wort, ein Blick
Damit kann man zum Glück
Bequem Verliebte an der Nase führen.
MOLTSCHÁLIN.
Ich wage Ihnen nicht zu rathen --
(Küßt Sophiens Hand.)
SOPHIE.
Wie?
Auch Sie?
Sie wollen's also auch?
Ach, liebenswürdig sein, mit Augen ganz in Thränen?
Ich kann mich an Verstellung nicht gewöhnen,
Es fällt mir nichts so schwer.
Was schickte Gott doch diesen Tschatzki her!
(Geht ab.)
Zwölfte Scene.
DIE VORIGEN ohne SOPHIE.
MOLTSCHÁLIN.
Du Engel, allerliebster Engel Du!
LISETTE.
Mein Gott, ihr seid schon zwei, laßt mich doch nur in Ruh!
MOLTSCHÁLIN.
Welch ein Gesichtchen! Höre:
Ich bin verliebt in Dich, auf Ehre!
LISETTE.
In mich -- verliebt? -- Sind Sie gescheut?
Ich denke doch -- Sophie,
Das Fräulein lieben Sie.
MOLTSCHÁLIN.
Dienstpflicht und Schuldigkeit;
Allein zu Dir fühl' ich die reinste Liebe --
LISETTE.
Aus Langerweile? Ja --
Ich kenne diese heißen Triebe!
Ich bitte Sie -- nur nicht zu nah --
Nein, nein, nur fort!
MOLTSCHÁLIN.
Hör' nur -- ein Wort!
Ich habe drei ganz allerliebste Sachen,
Sie könnten manche glücklich machen;
Hör' nur Lisette:
Vor allem eine Toilette
Von einer Arbeit -- wunderfein!
Ein kleiner Spiegel drauf, ein kleiner Spiegel drin.
Und alles ringsum ächt vergoldet.
Ein Kissen, ganz mit Perlen ausgenäht
Und allerlei perlmutternes Geräth,
Und Nadelbüchsen gar zu niedlich!
Und Scheeren, alles so apptitlich!
Zerriebne Perlen -- Schminke auch dabei
Und dann auch sonst noch allerlei.
Verschiedene Pomaden
Für Lippensprung und andre Schaden.
LISETTE.
Sie wissen es -- ich bin nicht intressirt --
Doch sagen Sie, woher das rührt,
Daß Sie so blöd beim Fräulein sind,
Und bei der Zofe recht ein Sausewind?
MOLTSCHÁLIN.
Ich bin heut' krank und komme nicht zum Essen,
Du schleiche zu mir unterdessen
Ich sag' Dir alles heimlich dort.
(Geht ab.)
Dreizehnte Scene.
LISETTE. SOPHIE.
SOPHIE.
Ich komm' vom Vater, Beide waren fort;
Ich bin nicht wohl und will nicht speisen mit dem Alten,
Geh' zu Moltschálin hin
Und bitte ihn
Daß er herauf kommt, mich zu unterhalten.
(Geht ab.)
Vierzehnte Scene.
LISETTE allein.
Nun das ist eine tolle Wirthschaft hier!
Das ist ergötzlich.
_Sie_ läuft nach _ihm_, und _er_ nach _mir_,
Und _ich_ -- ich fürcht' die Liebe ganz entsetzlich, -- --
Doch, -- -- unser Diener beim Büffet,
Der Peter -- ist doch gar zu nett!!
(Der Vorhang fällt.)
Ende des zweiten Akts.
Dritter Akt.
Eleganter Saal.
Erste Scene.
TSCHATZKI, etwas später SOPHIE.
TSCHATZKI.
Erwarten will ich sie --; ich muß sie sehn.
Sie muß es mir gestehn
Wen sie denn liebt. Ist es der Sekretair,
Ist es der Oberst -- oder wer?
Moltschálin? dieses gute Tröpfchen!
Ein so armseliges Geschöpfchen!
Wie kam er zu Verstand? -- und Jener? lieber Gott!
Solch heis'res, halberwürgtes Baßfagott! --
Gewohnt als Sternbild stolz zu glänzen
Bei den Maneuvern und Masurkatänzen!
Geschick der Liebe, du --
Spielst mit uns blinde Kuh!
(Sophie tritt auf.)
Sie sind's? Wie mich's erfreut
Ich wünscht' es grad!
SOPHIE (bei Seite).
Zu äußerst ungelegner Zeit!
TSCHATZKI.
Mich suchten Sie zwar nicht?!
SOPHIE.
O nein!
TSCHATZKI.
Und freilich mag es nicht ganz passend sein,
Doch -- einerlei -- ich muß Sie drum befragen:
Wen lieben Sie? -- Ich bitt' es mir zu sagen!
SOPHIE.
Ach Gott! die ganze Welt!
TSCHATZKI.
Doch wer am besten Ihnen drin gefällt
Das sagen Sie.
SOPHIE.
Gar viele, -- die mit mir verwandt -- --
TSCHATZKI.
Und Alle mehr als ich?
SOPHIE.
Ja -- einige! -- --
TSCHATZKI.
Entschieden also ist's! Was ist dabei zu machen --
Mich bringt's zum Rasen -- Sie zum Lachen!
SOPHIE.
Versteh'n Sie Wahrheit zu ertragen? --
Ich möchte Ihnen nur zwei Worte sagen:
Warum ist Ihre Lust so groß
Giebt sich ein andrer etwas bloß?
Ist etwas lächerlich -- Sie werden's gleich gewahr,
Und selbst --
TSCHATZKI.
Ich selbst bin lächerlich? Nicht wahr?
SOPHIE.
Ja -- dieser böse Blick -- der scharfe Ton,
In jedem Worte bittrer Hohn, --
Und -- Sie besitzen
Unzähl'ge Eigenheiten noch,
Und Strenge gegen sich -- die könnte Ihnen nützen.
TSCHATZKI.
Ich eigen? Gut! So sagen Sie mir doch
Wer keine Eigenheiten zeigt?
Moltschálin wohl, der einem Dummkopf gleicht
So wie ein Ei dem andern? -- Wie?
SOPHIE.
Die alten Beispiele! Ich kenne sie!
Klar ist's, Sie sind gestimmt, auf Alle
Zu gießen Ihre schwarze Galle.
Ich -- stör' Sie ungern drin.
(Will fort.)
TSCHATZKI (hält sie auf).
Sie wollen fort?
O hören Sie nur noch ein einz'ges Wort!
(Bei Seite.)
Einmal will heucheln ich -- und mich bezwingen.
(Laut.)
Den Streit -- den lassen wir -- vor allen Dingen --
Sie haben Recht! Es thut mir Leid,
Und gegen ihn, Moltschálin, ging ich wohl zu weit.
Es sind verflossen fast drei Jahr,
Er ist vielleicht ein andrer, als er war.
Auf Erden sieht man vieles sich verändern,
Verfassungen und Sitten und Verstand,
Das Clima selbst von ganzen Ländern!
Gar wicht'ge Leute, wohlbekannt,
Die wurden früher Dummköpfe genannt,
Schlecht als Soldaten und Poeten;
Noch andre -- nun, ich fürcht' mich sie zu nennen
Sie werden sie -- wie alle Welt -- ja kennen --
Von diesen hat man nun erfahren,
Daß in den letzten Jahren
Sie ganz gewaltig wurden klug.
Mag sein, Moltschálin ist -- ein solches Kraftgenie,
Doch frag' ich eins, versteht er Sie?
Und brennt in ihm ein solches Feuer,
Daß ihm auf Erden nichts so theuer
Und nichts so heilig ist, als Sie?
Sein Herz -- wird es mit schnellern Schlägen
Bei Ihrem Anblick sich bewegen?
Sind Sie die Seele seines Strebens?
Sind Sie der Endzweck seines Lebens?
Und so fühl' ich -- doch kann ich's nicht beschreiben.
Allein die stumpfe Wuth, die bittren Schmerzen
In meinem wundzerriss'nen Herzen,
Die wünsch' ich meinem Todfeind nicht! -- -- --
Und er? -- Er schweigt
Und neigt
Das Köpfchen auf die Seite,
Natürlich ist er zahm, denn solche Leute
Die kennen edle Hitze nicht!
Gott weiß, was für ein Schatz in ihm verborgen liegt!
Gott weiß, mit was für Eigenschaft,
Mit welcher hohen Geisteskraft
Sie ihn geschmückt! -- Er dachte nicht daran.
Sie haben alles das aus ihm gemacht
Was Ihre Phantasie sich liebend ausgedacht;
Er ist an gar nichts schuld -- Sie sind's allein.
Nein, nein!
Ich gebe zu, was man auf Erden
Nur irgend kann.
Mag er doch klug sein, stündlich klüger werden;
Doch ist er Ihrer werth?
Das muß ich Sie nur fragen,
Um den Verlust mit kaltem Blut zu tragen. --
Hierüber geben Sie mir Licht,
Als einem Bruder, einem Freund,
Der's immer ehrlich doch mit Ihnen hat gemeint.
Der einst mit Ihnen auferzogen
Und dem Sie doch als Kind gewogen;
Sobald ich überzeugt von Ihrem künft'gen Glück,
So zieh' ich mich sogleich zurück.
Dann will ich mich bemüh'n
Dem Wahnsinn zu entflieh'n.
Dann eil' ich in die Welt hinein
Um zu vergessen, um mich zu zerstreun
Und nie will ich mehr an die Liebe denken.
SOPHIE (bei Seite).
Da hab' ich einen toll gemacht
Und ohne daß ich dran gedacht.
(Laut.)
Was soll ich's läugnen?
Es konnte sich was Schreckliches ereignen --
Moltschálin konnt' um seinen Arm erst kommen,
Und lebhaft hab' ich Antheil dran genommen;
Doch Sie vergaßen etwas zu bedenken:
Kann man nicht jedem Antheil schenken
Und ohne Ansehn der Person?
Doch könnte schon
In dem -- was Sie vermuthen -- Wahrheit sein,
Und eifrig will ich seinem Schutz mich weih'n.
Sie nehmen ihrer Zunge wenig wahr,
Sie achten niemand -- offenbar!
Und selbst der sanfteste -- kann's nicht vermeiden.
Er muß von Ihrem Zorne leiden
Und wird mit Spott von Ihnen überhäuft:
Wenn man ihn nennt -- wenn ihn Ihr Blick nur streift --
So werden Sie gleich bitter
Und hageln ein Gewitter
Von Witz und Bosheit auf ihn los!
Ist wirklich der Genuß so groß?
Nur Scherz und immer Scherz! Welch ein Vergnügen!
Kann solches Ihrem Geiste wohl genügen?
TSCHATZKI.
Mein Gott -- gehör' ich wirklich zu den Schwachen,
Die nichts im Leben thun, als lachen?
Ich lache -- ja --
Wenn ich recht lächerliche Leute sah,
Doch öfter noch sind sie mir ennuyant.
SOPHIE.
Vergeblich weisen Sie den Vorwurf von der Hand,
Und schieben andern zu, was Ihnen selbst gebührt;
Moltschálin hat Sie sicher niemals ennuyirt,
Denn wer, wie ich, ihn oft und näher sah --
TSCHATZKI (bitter).
Wie traten Sie ihm denn so nah?
SOPHIE.
Ich sucht' ihn nicht, der Himmel hat's gewollt
Und hier im Hause ist ihm jeder hold.
Bei meinem Vater dient er nun drei Jahr,
Oft schilt der ihn, denn es ist wahr --
Das Alter macht so eigen,
Doch stets entwaffnet er ihn durch sein Schweigen;
Verzeiht ihm alles -- weil er seelengut; --
Er könnte doch, wie mancher andre thut
Auf Lustbarkeiten sich zerstreun
Doch nein!
Nie geht er aus.
Beim Alten bleibt er stets zu Haus
Und wenn wir andern lachen
Und scherzen, Possen machen,
Sitzt er beim Vater oft zu ganzen Tagen,
Es mag ihm -- oder mag ihm nicht behagen,
Und spielt mit ihm. --
TSCHATZKI.