EDUARD: Soldat war er, wie soll der anders in diesem unaufklärbaren
Falle handeln!
Fr. SONNTAG: Ich glaubte, diese Zeit hätte er längst vergessen.
EDUARD: Aber Mutter, der Soldat lag ihm im Blut wie in Achill der Sieg.
Fr. SONNTAG: Wie Du ihn zu verherrlichen suchst, Eduard.
MARTA: Schneidig standen ihm die Schnüren und der Galahelm.
EDUARD: (Marta in die Rede fallend) Er hätte Soldat bleiben sollen,
Mutter, auch nach Papas Tod.
Fr. SONNTAG: Du sagst das so vorwurfsvoll, sollte ich mich vielleicht
ins Bureau der Fabrik setzen?
EDUARD: Mutter, Du bist nervös.
Fr. SONNTAG: Er hat damals Papa versprechen müssen, die Leitung zu
übernehmen.
EDUARD: Ich hätte ihm das Versprechen nicht gegeben, wenn ich Heinrich
gewesen wäre.
Fr. SONNTAG: Du? (erstaunt) Daß ich meine Kinder so wenig kenne .... Es
hätte sich schon ein Stellvertreter in der Verwandtschaft gefunden.
MARTA: Wenn Ihr Euch jetzt immer so ernst unterhaltet -- es ist schon
trist genug bei uns im Haus.
Fr. SONNTAG: (melancholisch) Ich bin auch keine Gesellschaft für Dich.
EDUARD: Bald habt Ihr mich los.
Fr. SONNTAG: (Frau Sonntag und Marta sprechen fast zusammen) Ich hoffte,
Du würdest nun bleiben, Eduard?
MARTA: Bringst Du auch mal einen Mönch mit nach Hause?
(Mutter und Sohn lächeln.)
EDUARD: Wie denkst Du Dir das?
MARTA: Ich möchte mal so jemand ganz Frommes kennen lernen.
Fr. SONNTAG: (wehmütig mokant) Du bist ihr nicht fromm genug.
EDUARD: Kinder und Narren -- (kleine Pause).
MARTA: Mama, kann man eigentlich _rosa_ auf dem Standesamt tragen?
Fr. SONNTAG: (unterbricht Marta erschrocken) Daß Du es übers Herz
bringen kannst, Eduard.
EDUARD: Wenn Du Gott liebtest, Mutter, würdest Du nicht versuchen, mich
wankend zu machen.
Fr. SONNTAG: Ich liebe Gott nicht.
EDUARD: Weil Du ihn mit menschlichen Empfindungen suchst.
Fr. SONNTAG: (melancholisch) Ich habe keine andern.
EDUARD: (legt den Arm um sie.) Un doch leidest Du unmenschlich,
Mütterchen. (Kleine Pause.) Ich möchte Dir, so lange ich noch bei Dir
bin, Vater und Heinrich ersetzen. -- Warum lächelst Du so fremd?
Fr. SONNTAG: Das wirst Du nie, Kind.
EDUARD: Wenn ich mir nun alle Mühe geben werde?
Fr. SONNTAG: Du _könntest_ es, Gott sei Dank, nicht.
MARTA: Ich habe einmal zwei Mönche im Kölner Dom gesehen. Ihre Köpfe
waren geschoren, wie bei Verbrechern und barfuß gingen sie später durch
den Schnee.
MUTTER: (seufzend) Du hältst es nicht ein Jahr im Franziskanerorden aus,
Eduard.
AUGUSTE: (öffnet behutsam die Tür des Zimmers) Herr Pius ist da un will
die Frau ganz allein sprechen.
Fr. SONNTAG: (zu Eduard) Er meint Dich gewiß, Eduard.
AUGUSTE: Nä, er sagt ganz ausdrücklich, _die_ Frau.
Fr. SONNTAG: (erhebt sich achselzuckend. Auguste flüstert Marta leise
ins Ohr.)
AUGUSTE: Ihr Bräutigam is auch wieder da.
(Marta blickt forschend auf Eduard, der aber nichts gehört hat
und geht leise trällernd aus dem Zimmer. Auguste deckt Eduard mit
der Gebärde der Frau Sonntag eine Decke über die Füße.)
EDUARD: Bei der Wärme, Auguste?
AUGUSTE: Wenn es Herr Eduard hab'n will, leist ich ihm en bißchen
Gesellschaft.
EDUARD: (nickt gütig).
AUGUSTE: Ich hör für mein Leben gern von Herrn Jesus erzählen.
EDUARD: (nickt. Auguste nimmt Platz und zieht ihren breiten, blauen
Strickstrumpf aus der Tasche.)
AUGUSTE: Sie müssen nich immer auf den Heinrich gucken, er kriegt kein
Frieden.
EDUARD: Und eigentlich war ich doch an der Reihe.
AUGUSTE: Das helft Alles nicks, passen Se auf, Herr Eduard. (Freudig
verheißend) nach de Trauer folgt de Hochzeit.
EDUARD: (blickt sie fragend an).
AUGUSTE: Euch mein ich doch verdeck nich oder der liebe Herrgott müßt
sich auch eine Tochter machen.
EDUARD: (lächelt).
AUGUSTE: De Marta mein ich.
BERTA: (tritt mürrisch ins Zimmer, sie bringt auf einem Tablett eine
Kanne Milch und ein Glas. Zu Auguste). Ihnen alles nachzutragen habe ich
auch keine Lust mehr. (Sie verläßt das Zimmer.)
AUGUSTE: Das dumme Blag tut ens so zimperlich wie'n Fräulein.
EDUARD: Sie sieht seit einigen Tagen sehr unzufrieden aus.
AUGUSTE: Gekündigt hat se Mamma Sonntag, sie geht nach Schlamerika.
EDUARD: So?
AUGUSTE: Ich glaub, de Mutter Pius hat ihr das aus de Karten prophezeit.
EDUARD: Mutter Pius hält Euch nur zum Besten -- sie ist doch eine kluge
Frau, dünkt mich?
AUGUSTE: Sie gucken ja immer in den Himmel rein.
EDUARD: Nein, ist sie keine kluge Frau?
AUGUSTE: Wie man's beguckt; aus ihrer Schlauigkeit krauchen die
Narrheiten.
EDUARD: Das ist mir ganz neu.
AUGUSTE: (Kleine Pause.) Ich könnt Euch alles beichten, Herr Eduard.
(Sie hebt eine Masche auf, die während ihres Sprechens gefallen ist.)
EDUARD: Tun Sie das, Auguste!
AUGUSTE: Ich habe Mamma Sonntag vorige Woche was vorgelogen.
EDUARD: (ein Lächeln unterdrückend) Was denn, Auguste?
AUGUSTE: Ich hab mich gar nicht verschlafen, im Leichenhaus war ich. Ich
wollt dem lieben Herrn Heinrich addjüß sagen.
EDUARD: Das hätte Ihnen meine Mutter ja nicht verwehrt, Auguste. (Eine
Schar Jungens mit Waldbeeren in Kannen klingeln an der Haustür und
klopfen und surren.)
AUGUSTE: (schließt die Tür) Und was denken Sie, wem seh ich da -- de
alte Pius! De Augen standen scheel wie beim Geripp un gedreht hat se
sich (spricht immer tiefer) um de Leichen immer rund um ohne aufzuhören,
un gesungen hat se dabei (sie singt ganz tief, fast im Baß) O Du lieber
Augustin Alles is hin, hin, hin.
EDUARD: Was erzählen Sie da, Auguste?
AUGUSTE: Regen Se sich deshalb nich auf. Carl sein Großvater der hat vor
langer Zeit zu mich gesagt, de Mutter Pius wär das Karussell, wo wir All
drin sitzen.
Fr. SONNTAG: (Sie kommt entstellt ins Zimmer, sie sieht ganz gelb im
Gesicht aus. Die Jungens sieht man beim Hereintreten sich vor der
Haustür drängen. Der größte hält ein Öllämpchen in der Hand.)
AUGUSTE: De Jungens machen mir ganz nervös.
(Ahmt Frau Sonntag nach, erhebt sich gemächlich vom Stuhl und
geht behutsam aus dem Zimmer.)
DIE JUNGENS: Gitzhals! Gitzhals!
Fr. SONNTAG: Du weißt es wohl schon? (Eduard ist noch immer erregt von
Augustens Erzählung.)
EDUARD: (Nickt fragend Nein) Du schüttelst Dich, als ob Du über ein
gedüngertes Land gegangen bist.
Fr. SONNTAG: Du weißt es wirklich nicht, Eduard?