Mutter PIUS: Sie guckt sich nach Dich die Augen aus. (Kleine Pause.)

CARL: Wer sagt das?

Mutter PIUS: Ich!

CARL: Das is gelogen.

Mutter PIUS: All de Leut sagen es in de Nachbarschaft.

CARL: Weibergeklatsch. (Kleine Pause. Flehentlich erregt) Wer hat Dir

das gegeben, Großmutter?

Mutter PIUS: Weißt De nich genug, daß Du es auf Deine Haut trägst, Carl?

CARL: (plötzlich glücklich) Großmutter! (Er küßt sie auf den Mund) Du

bist eine Teufelin!!!

Mutter PIUS: Kriegt de Mutter Pius ens Schimpfe für die Gabe. (Kleine

Pause.) Du heulst ja!

CARL: (unterdrückt die Erregung) Ich glaub es Dir bald!

Mutter PIUS: Wat zitterst Du denn?

CARL: Ich hab Angst, ich fall im Examen durch. (Plötzlich hart) Ihr

Weiber stört mich! (Kleine Pause.)

Mutter PIUS: Carl, ich muß Dich was recht Intimes sagen. Keiner darf es

hören.

CARL: Laß mich zufrieden.

Mutter PIUS: Sprech mit Deine Schwiegermutter.

CARL: Was?

Mutter PIUS: Wenn Dus Examen bestanden hast.

CARL: (grübelnd).

Mutter PIUS: Sie weist Dir nicht ab, glaub es Mutter Pius.

(Kleine Pause,) Du guckst mir an, als wenn ich Dir zum Narren halt.

CARL: (gespannt).

Mutter PIUS: So en wackerer Mann wie Du bist, Carl -- un de feine

Herrschaften stärken gern man das Treibhausblut mit den natürlichen

seines.

CARL: (immer gespannt).

Mutter PIUS: Liest De dann nich in de Zeitung öfters, daß de Gräfinnen

sich mit die Lakais einlassen?

CARL: (naiv) Hinter den Rücken der Mütter?

Mutter PIUS: Die Olschen wissen immer davon. (Listig): Mamma Sonntag

weiß auch von das viele Leckers un de Cigarretten, was de Marta Dich in

de Manteltaschen stopft?

CARL: (trotzig) Wer sagt Dir, daß sie es herein stopft?

Mutter PIUS: Das riech ich im Dampf, Carl. Nä, wie ein kleines Gockel

bist de noch! (Von der Seite kommen August Puderbach und andere Färber

(mit bunten Händen) durcheinander redend, von der Fabrik zurück; sie

bleiben vor Pius' Häuschen stehen.)

AUGUST: Se streiken wieder.

Mutter PIUS: (ärgerlich) Und Du?

DIE ARBEITER: (durcheinanderredend) Aufhängen soll man die Krakäler.

CARL: Das sag ich auch.

AUGUST: Sind wir ens einmal eine Ansicht.

(Amanda kommt zurück, rechts vom Hause her; sie hat die letzten

Worte gehört.)

AMANDA: Gut bist De dem Carl ens doch, August. Den Scheitel trägst De ja

am Sonntag wie er an der Seit'.

EINER DER ARBEITER: Was hab'n wir von der Streikerei?

AUGUST: Drei un ein halben Taler weniger im Monat. Mich war de

Arbeitszeit nich zu lang.

Mutter PIUS: Das muß man Dich lassen, ein fleißiger Jung bist De, --

aber was tust De auch zu Haus bei Dein mukkerigen Vater?

AUGUST: (zu Carl) De Pastoren, die streiken nich, was, Carl? --

Vielleicht sattle ich noch um.

CARL: Halts Maul!

EIN ANDERER ARBEITER: Was sollen wir machen, Mutter Pius, wir dürfen uns

so nich zu Haus sehen lassen.

Mutter PIUS: Kümmert Euch doch nicht um Eure Brüders.

EINER DER ARBEITER: Was sollen wir machen gegen so viel

Sozialdemokraten? Wir sind ja all Sozialdemokraten, aber darum brauchen

wir doch keine Dummheiten machen.

Mutter PIUS: Nä, wahrhaftig nich.

DERSELBE ARBEITER: Wat rätst De uns Mutter Pius?

AMANDA: Geht man wieder zurück zu Euren Herrn und klatscht ihm die

Vorgänge.

EIN ANDERER ARBEITER: Nä, verraten tun wir de Brüder nich.

CARL: (herablassend brutal) Schlagt Euern Herrn tot, wie s'es in Rußland

machen.

DERSELBE ARBEITER: Un dann?

Mutter PIUS: (lachend) Dann wirst Du der Besitzer, August.

EIN ANDERER ARBEITER: Lieber bleiben wir en Arbeiter, als en Herrn

werden über se Alle.

Mutter PIUS: Ich würd schon mit ihm tauschen. Alte Schafsköppe, wo man

Euch hintreibt, freßt Ihr!

EINER DER ARBEITER: Recht hat Se man.

EIN ANDERER ARBEITER: Mein Jung soll lieber in unser eigenen Schweiß (er

zeigt auf die Wupper) versaufen, als en Färber werden.

EINER DER ARBEITER: Kannst Du uns was borgen, Mutter Pius?

EIN ANDERER ARBEITER: Guck ens in Dein Beutel nach ....

Mutter PIUS: Ich hab von Tag nich en Kastemänneken über. De Carl muß

doch auf de Universität ne ganze Bux am Hintersten hab'n.

(Lieschen läuft, vom Brotaustragen zurückgekehrt, zu August -- er

und die Arbeiter gehen weiter sich zu beraten etc. Der Großvater

Wallbrecker kommt keuchend über die Wiese; er ruht sich vor

der Brücke aus. Er trägt einen Wäschesack auf dem Rücken. Von der

Gasse hört man Getrampel und Fluchen, eine Schar Arbeiter

kommt auf Pius' Häuschen zu.)

Mutter PIUS: (Nimmt mit einem Griff Carls Bücher und ihre Spitzen) Komm

wacker herein, Carl, ich muß mir neutral halten un wenn Bebel selber mir

um Rat fragen tät. -- (Der Großvater sieht Lieschen, das noch vor dem

Haus von Pius steht.)

Großvater: Lieschen!

LIESCHEN: (Mit raffiniertem Einverständnis zu Mutter Pius) Soll ich heut

wieder helfen, Mutter Pius? (Mutter Pius ist aber schon im Haus und hat

Lieschens Frage nicht gehört. Die Arbeiter verziehen sich, Lieschen geht

der Gasse zu.)

Großvater: (Ruft; aber Lieschen will scheint's nicht hören; er pfeift

den Pfiff, der Lieschen ein Signal geworden ist. Nun steht der Großvater

vor dem Häuschen.)

Großvater: Nä, wie sich das Blag verändert hat! Amanda, mein Puckel

stürzt ein! (Er geht ins Haus.)

Die Wupper: Schauspiel in 5 Aufzügen · 第 59 / 73 题