BERTA: Wenns nun Herr Eduard erfährt? .....
Dr. v. SIMON: Der Narr ist wohl auch schon _Dein_ Beichtvater?
BERTA: Und unsere Frau?
Dr. v. SIMON: (blickt durch seine kleine, goldene Lorgnette -- beruhigt)
Er kann nicht mehr gerade sitzen.
BERTA: Mich kanns ja gleich sein, ich will doch nicht mehr lange für
andere Leute arbeiten.
Dr. v. SIMON: (ergreift aufatmend die Gelegenheit) Du mußt mir Dein
Herzchen ausschütten, liebes Kätzchen. (Er will mit ihr umkehren.)
BERTA: Der bleibt ja nicht lange hier, er reitet ja jetzt immer schon um
6 Uhr früh spazieren. (Sie gehen in die Taucherbude, das Karussell
bewegt sich etwas langsamer. Man hört im Vorbeifahren Heinrichs Stimme.)
HEINRICH: Noch einmal, Puppel?
LIESCHEN: Sicher, lieber Herr!
Ein Weibsbild: (aus der Rutsche) Kommt ens bei mich rein!
LIESCHEN: Stell Dir doch an de Stange, dann kriegst De den Ring. (Einige
Gassenkinder schreien.)
Gassenkinder: Der Schimpanse ist ausgekniffen, de große Chimpanse is
ausgekniffen! (Es entsteht eine Panik, zu einem Knäuel strömen die
Menschen zusammen, fast alle Fahrenden springen vom Karussell herunter,
Lieschen will das Gleiche tun.)
Gassenkind: Der große Chimpanz mit dem kleinen Schwanz is ausgekniffen,
ausgekniffen!!!!
LIESCHEN: Hörn Se denn nich, der wilde Affe is ausgekniffen, der beißt,
ich hab Angst vor das Tier. De Lehrer sagt, an Kinder machen sich de
großen Tiere am ersten ran. (Der Taucher läuft aus der Bude,
gestikuliert mit dem Eisenkopf und den Eisenfäusten, was furchtbar
komisch aussieht.)
HEINRICH: (hält Lieschen fest).
Mutter PIUS: (kommt ans Karussell) Bleibt man sitzen, das is ja nur eine
geriebene Reklame von de Zirkusleute.
LIESCHEN: Is es auch sicher nich wahr, liebe Mutter Pius?
HEINRICH: (nickt) Nein. Haben Sie das Pulleken kaltgestellt, Mutter
Pius?
Mutter PIUS: (zynisch und wehmütig) Un mich dabei. (Die vorzeitig
Abgestiegenen nähern sich wieder dem Karussell, zwei Weibsbilder
schlendern Arm in Arm herbei.)
Weibsbild: (zu Heinrich) Nehm mich doch, Du zerbrichst ja Dein
Riesengespielzeug.
Ein anderes Weibsbild: Er is doch de _Puppenhangri_!
(Die Herren im Zylinder lachen ermuntert auf.)
HEINRICH: (zu Lieschen) Was sie nich alles vom lieben Heinrich wollen,
was Liescken? (Einer der beiden Schätze des Geschäftsfreundes sagt zu
ihrem Begleiter.)
Die erste: Zu de Riesendame wollen wir ens rin (zu ihrer Mitliebsten)
Kuck, Minna, die hat en Bart wie en Kerl. (Das Karussell bewegt sich
wieder, ohne zu spielen; in ihm sitzen nur noch vereinzelt Kinder
zwischen Heinrich und Lieschen.)
HEINRICH: (unsicher, da er angeheitert ist) Lieschen, spielt es denn
nicht?
LIESCHEN: Es ist schon spät in die Nacht, Mutter Pius sagt, die
Polizisten kämen sonst.
HEINRICH: Dann wollen wir auch machen, daß wir runterkommen. (Er läßt
die Kleine vom Leoparden auf seinen Rücken steigen, springt mit ihr vom
Karussell, juchheit, läßt Lieschen zur Erde fallen, hebt es wieder in
die Höhe, läßt es wieder fallen, hebt es wieder in die Höhe, läßt es
wieder fallen, fängt es auf, mit ihm springend durch die Menge, Mutter
Pius kommt ihnen bis zur Taucherbude entgegen. Die Herren mit den grauen
Zylindern sind vorangegangen mit den Schätzen und bleiben an der
Schießbude stehen und schießen.)
Mutter PIUS: (etwas neidisch zu Heinrich und Lieschen) Wie die Blagen.
(Es kommen eine Menge neue Arbeiter.)
LIESCHEN: Ich hab Angst, der Vater kömmt und holt mir.
HEINRICH: Ich versteck Dich in meinen Mantel, Puppel.
LIESCHEN: Meinen Taler nimmt er mich ab für die Sparkass.
HEINRICH: Dann schenk ich Dir einen goldenen Puppel.
LIESCHEN: So reich sin Se? (Mutter Pius, Heinrich, Lieschen gehen
weiter.)
Eine Frau: (erstaunt fragend) Das Kleine von Puderbachs! ... (Sie sperrt
grinsend den Mund auf.)
Mutter PIUS: Nu, un was alles! Das Kleine helft mich hier. (Sie biegen
nach links ein.)
(Dr. v. Simon und Berta treten aus der Taucherbude.)
v. SIMON: Du mußt nicht immer so laut meinen Namen nennen, Kätzchen, das
ist nicht fair.
BERTA: (beleidigt) O, ich weiß mir doch zu benehmen. (Sie ahmt die
Bewegung Martas nach.) Du willst mir wohl los sein, Bruno?
v. SIMON: Bewahre. (gereizt): Aber es wäre Deine Pflicht gewesen, mich
auf den Betrieb hier aufmerksam zu machen. Bedenke die Konsequenzen,
falls mich einer meiner Arbeiter hier überrascht.
BERTA: Unser Heinrich geht doch auch immer auf die Messe.
v. SIMON: All right! Die Arbeiter wissen auch, was sie von ihm zu halten
haben.
BERTA: (mürrisch) Dann hätten wir ja überhaupt bei Dir bleiben können.
v. SIMON: Das können wir ja noch nachholen. (Er kitzelt sie heimlich in
die Taille.)
BERTA: (schüttelt den Kopf. Dr. v. Simon schiebt sie langsam vorwärts am
Karussell vorbei zum vorderen Ausgang.)
v. SIMON: Wann feiern wir Hochzeit, Kätzchen?
BERTA: (versöhnt) Ich dachte nach Weihnachten; so lang bleib ich auch
noch. Die Frau hat mir durchs Fräulein fragen lassen, was ich mir
wünsche.
v. SIMON: Lass Dir mal weiche Kopfkissen schenken (sagt ihr noch etwas
ins Ohr) mit einem _rosa_ Himmelchen darüber ....
BERTA: (verschämt geziert).
v. SIMON: Also vorher wird nichts?
BERTA: Ich bin doch ein anständiges Mädchen (geziert), ich dürfte nicht
mehr nach Hause kommen.
v. SIMON: Auch nicht mir zu Liebe? (Er kitzelt sie wieder in die Seite.
Sie biegen beide ein, man sieht sie nicht mehr. Färber, deren Hände
durch ihren Beruf bunt angelaufen sind, -- August Puderbach ist unter
ihnen, und Weber in gestreiften Kitteln und andere Arbeiter in blauen
Blusen kommen über den Jahrmarkt. Mutter Pius tritt wieder in den
Vordergrund.)
AUGUST: (Zu Mutter Pius) Wo ist es?
Mutter PIUS: Liesken oder meine Rarität?
AUGUST: Es!
Mutter PIUS: Guck ens selber.
AUGUST: Deine Bude ist ja schon zugeschlossen.
Mutter PIUS: Meinst De, ich laß se bis zum frühen Morgen offen stehen?
AUGUST: (Springt auf's Karussell, er dreht selbst die Orgel, die noch
die letzten Töne des Liedes O Du lieber Augustin dumpf abgibt. Er setzt
sich dann auf den Hirsch und lutscht an einer langen Stange Süßholz;
Herr v. Simon kehrt alleine nach Heinrich spionierend zurück, ein
Weibsbild tritt zu ihm heran.)
Weibsbild: Lassen Se mir ens schießen, ich möcht en Taschenmesser
gewinnen.
WILLEM: Das sag ich Dich, läßt de Dir mit _dem_ ein, hau ich Dich de
Backzähn aus!
v. SIMON: (ihn wiederkennend, ängstlich) Nicht gleich so heftig, ich
werd sie Dir nicht fortschnappen.
WILLEM: Du dünnet Geripp, durch wen bin ich so heruntergekommen, wenn
nicht durch Dir (droht.)
v. SIMON: (zitternd) Sind Sie nicht der Willem?
WILLEM: So heiß ich.
v. SIMON: Warum hat Sie denn eigentlich der Chef gehen lassen?
(fixiert ihn durch die Lorgnette.)
WILLEM: Tu man das Glas von de Nas runter, de Hauptsach is, daß ich Dir
wieder kenn, miserabel Verführer!
v. SIMON: (zitternd und devot) Kalt Blut, Willem.
WILLEM: (Zu den Zuhörenden) Ich hab auch zu meiner Schwester gesagt,
wenn ich den ens zwischen de Finger krieg!
August PUDERBACH: (springt komisch vom Karussell) Ich wollt meine Stange
Süßholz ens zu End lutschen.
(Zu v. Simon idiotisch tückisch.) Seine Schwester haben Sie aufs
Gewissen; nu kann sie lange warten, bis ich sie nehm, Sie fiser
Seidenwurm.
WILLEM: Meine Schwester Laura auf Dir warten? Auf son Pitter? (Er spuckt
ihn an.)
v. SIMON: (will sich aus dem Staub machen, aber die Herren im Zylinder
halten ihn auf mit Fragen.)
AUGUST: Ich heirat überhaupt nich und die abgeknutschte Laura verdek
nich.
WILLEM: (Haut August eine Backfeife herunter; die Herren im Zylinder
kommen in den Vordergrund und und ziehen v. Simon mit sich.)
v. SIMON: (zu den Herren) Es wird die höchste Zeit sich zu entfernen.
Shoking! Shoking!
Einer der Herren mit dem grauen Zylinder:
Sie verstehen nicht mit den Leuten zu scherzen.
v. SIMON: (verächtlich sich mit den Fingerspitzen affektiert abstäubend)
Allerdings!
DER GESCHÄFTSFREUND: Hat man Ihnen das nette Dingelchen stiebitzt?
EIN ZWEITER VON DEN HERREN MIT DEM GRAUEN ZYLINDER: (auf Heinrich
zeigend) Der Chef versteht es besser mit den Leuten. (Heinrich taumelt
stark betrunken an der Hand Lieschens, das selbst sehr angeheitert ist,
fiebernde Backen und Augen hat, in den Vordergrund.)
HEINRICH: (zu Lieschen) Kannst mich leiden, Puppel?