MARTA: Ich habe ein Bouquet Kamillen nach der Natur darauf gestickt.
PIUS: Sie sind selbst eine Kamille, (leise) man möchte Sie immer fragen
.... Und es paßt auch viel besser für Sie, mit bunten seidenen Fäden zu
spielen als uns zwei Kandidaten Examenarbeiten zu helfen. (Man versteht
die letzten Worte kaum mehr, sie biegen in den Seitenweg des Gartens
ein.)
EDUARD: Mutter, warum bist Du nicht freundlicher zu Pius?
Fr. SONNTAG: Aber Kind, ich gebe mir doch die erdenklichste Mühe.
(Sie legt ein Tuch um seine Füße.)
EDUARD: (scherzend) Wenn ich mal oben im Himmel bin, wirst Du abends
heraufkommen und das große Sternenfenster schließen, Mütterchen.
Fr. SONNTAG: Wie Du sprichst ....
EDUARD: O, ich habe noch viel, viel zu erledigen.
(Er legt seinen Arm lächelnd um ihre Schulter.)
Fr. SONNTAG: Du solltest mehr an Dich denken, die vielen
Nachhilfestunden, die Du wieder für Pius übernommen hast! -- Ich gebe
ihm lieber das Geld.
EDUARD: Das würde ihn beschämen; mir macht es faktisch Vergnügen; Pius
ist zu gesund, Geduld zu üben. (Kleine Pause.) Er hat mächtige Wellen,
Mutter, die überstürzen sich.
Fr. SONNTAG: Dir tun seine Schüler leid, ich kenne Dich, Eduard.
EDUARD: (lächelt) Hier waltet nur höhere Gerechtigkeit.
Fr. SONNTAG: Du dichtest ihn Dir, Eduard.
EDUARD: (scherzend) Wie sollte der, der den Himmel verkündet, nicht ein
Dichter sein. (Kleine Pause.) Dich stört seine breite, ungeschickte Art.
Fr. SONNTAG: Ich verlange von ihm doch keine weltmännischen Finessen.
EDUARD: Seine einfache Umgebung selbst respektiert instinktiv seine
geistige Stärke.
Fr. SONNTAG: Seine geistige Stärke -- Kind, Kind, diese Leute haben nur
Respekt vor Fäusten.
EDUARD: Denke an Petrus, Jakobus ....
(Marta und Carl werden sichtbar.)
Fr. SONNTAG: Du glaubst nicht, wie unsympathisch es mich berührt, wenn
ich ihn neben Marta sehe.
(Eduard erhebt sich betrübt. Er hustet leicht.)
Fr. SONNTAG: Willst Du zu Bette gehen, Eduard?
EDUARD: (kleine Pause) Durch den Garten wollen wir wieder wandeln,
Mutter, weltentrückt, wie durch einen duftenden Psalm.
Fr. SONNTAG: Du machst mir das Herz schwer ....
EDUARD: Das will ich nicht. Dein Herz ist ein Teil meines Himmels, darum
werde ich Dir ja bleiben, Mutter.
(Frau Sonntag und Eduard biegen um die Rosen ein. Pius und Marta
treten in den Vordergrund -- sie setzen sich auf eine Bank vor
dem Springbrunnen.)
PIUS: (streng, schüttelt energisch den Kopf) Seinen Glauben respektier
ich.
MARTA: Aber Mama weint immer, er will doch in den strengsten Orden
eintreten, barfuß geht er dann und seine schönen Locken werden ihm
abgeschnitten.
PIUS: (neidvoll) Das empfinden Sie wohl am schmerzlichsten?
(Pause.)
Aber Sie erzählten mir doch, die Ärzte sagen, es käme nicht dazu.
MARTA: Denen kann man ja nicht glauben -- und Mama haben sie es
verschwiegen, sie würde sterben an seinem Tod.
CARL: (sarkastisch) Also der Tod wäre demnach Ihrer Frau Mutter sicher.
MARTA: Bitte, spotten Sie nicht!
CARL: Ich bin nicht zum Spotten aufgelegt.
MARTA: (forschend) Ist er eigentlich schon katholisch geworden?
CARL: Fragen Sie ihn doch selbst.
MARTA: Sie sind frech!
CARL: (theatralisch, primanerhaft) Darum will ich auch der Welt den
Schoß der Mutter nehmen.