Dann stand auf dem Spiegel die Fabel von dem Wolf, der für empfangene

Wohltat nicht dankte. Der Wolf lief einstmals übers Feld und fand ein

totes Pferd, dem das Fleisch schon von den Knochen abgezehrt war. Der

Wolf war aber sehr hungrig und fiel über die abgenagten Überreste her.

Da blieb ihm ein spitzer Knochen im Halse stecken, den er nicht wieder

herausbringen konnte. Er war in großer Gefahr und glaubte sterben zu

müssen. Zu den berühmtesten Ärzten schickte er und bot demjenigen

großen Lohn, der ihn aus seiner Not befreien würde. Aber vergebens,

keiner konnte ihm helfen. Da kam auch Lütke, der Kranich, herbei.

Er trug ein rotes Barett auf dem Kopfe, weswegen der Wolf ihn Herr

Doktor nannte. ›Hilf mir geschwind,‹ sagte Isegrim zu ihm, ›und zieh'

mir den Knochen aus dem Hals, dann will ich dich reich belohnen.‹ Der

Kranich glaubte den schönen Worten und steckte Schnabel und Kopf dem

Wolf in den Rachen und zog den Knochen heraus. Da schrie der Wolf:

›Weh mir! weh mir! Was machst du mir für Schmerzen! Doch ich will es

dir verzeihen! Hätte mir das ein anderer getan, niemals hätte ich es

erduldet!‹

›Seid zufrieden!‹ sagte der Kranich, ›Ihr seid nun geheilt. Darum gebt

mir meinen Lohn!‹

Da sprach der Wolf: ›Höre mir nur einer diesen Narren! Er tut mir

weh und begehrt noch Lohn dazu! Habe ich nicht genug des Guten an

ihm getan? Er steckt seinen Kopf in meinen Rachen, und ich lasse ihn

denselben wohlbehalten herausziehen! Hätte hier jemand ein Recht auf

Lohn, so wäre ich es doch, denke ich!‹

So belohnen Schurken ihre Wohltäter!

Seht, solche Geschichten und noch andere waren in den Spiegel

geschnitzt und mit goldener Schrift erklärt. Ich hielt mich für

unwürdig und zu geringe, so köstliche Dinge zu besitzen. Darum sandte

ich sie der Königin und dem Könige, meinem Herrn. Meine beiden Kinder

waren sehr betrübt darüber; sie guckten gern in den Spiegel hinein,

tanzten und sprangen davor und sahen, wie ihnen ihr Mäulchen stand, und

wie ihnen die Schwänzchen hingen.

Diese Kleinodien nun vertraute ich Bellyn und Lampe auf Treu und

Glauben an. Ich zweifelte nicht an ihrer Redlichkeit, sie waren meine

besten Freunde. Wie hätte ich ahnen können, daß Lampe dem nahen Tod

entgegenging! Jetzt rufe ich wehe! über den Mörder. Aber ein Mord

bleibt nicht lange verborgen. Die Wahrheit muß an das Tageslicht

kommen. Ich will nicht eher ruhen, bis ich erfahren habe, wer die

Kleinode gestohlen hat. Vielleicht ist sogar jemand unter den

Versammelten, der weiß, wo die Schätze geblieben sind, und wie Lampe

ums Leben kam.«

14. Kapitel.

Neue Lügen Reinekes und seine Freisprechung.

Da alles im Saal ruhig blieb und sich keiner zum Wort meldete, fuhr

Reineke fort: »Seht, gnädigster Herr und König! Es kommen so viele

Sachen vor Euch, daß Ihr unmöglich alles im Gedächtnis behalten könnt.

Oder erinnert Ihr Euch vielleicht noch des großen Dienstes, den mein

Vater dem Euren erwies? Euer Vater lag im Sterben, und mein Vater

rettete ihm das Leben. Ich glaube zwar, Ihr könnt Euch dessen nicht

entsinnen, denn Ihr wart damals erst 3 Jahre alt.

Es war ein sehr kalter Winter. Euer Vater lag schwerkrank danieder.

Er litt große Schmerzen und konnte sich nicht bewegen. Man mußte ihn

heben und tragen. Er ließ von weit und breit alle Ärzte rufen; doch

keiner konnte ihm helfen, alle erklärten, er sei dem Tode verfallen.

Endlich schickte man zu meinem Vater. Der war damals sehr angesehen bei

Hofe, denn er verstand die Kunst der Arzneimittel, konnte Zähne ziehen,

Brechmittel geben und hatte schon manchem in der Not geholfen. Als er

nun zu Eurem Vater kam und ihn so krank und schwach liegen sah, ging

es ihm sehr zu Herzen, und er rief: ›O, mein König, gnädigster Herr!

Könnte ich doch mein Leben hingeben, um Euch zu helfen! Ich täte es

mit Freude und Stolz! Aber es gibt nur ein Mittel, um Euch zu retten.

Ihr müßt die Leber eines siebenjährigen Wolfes essen. Dann werdet Ihr

genesen. Aber Eile ist vonnöten, sonst stehe ich für nichts!‹ Der

Wolf, der zugegen war, hörte diese Worte mit Schrecken. Der König

sprach zu ihm: ›Hört Ihr es, Herr Wolf? Ich brauche Eure Leber, um

gesund zu werden!‹ Der Wolf antwortete bebend: ›Herr, fürwahr, was

nützt Euch meine Leber? Ich bin noch nicht fünf Jahr alt.‹ Da sagte

mein Vater: ›Ich werde es der Leber schon ansehen, ob sie sich für den

König eignet.‹ Darauf führte man den Wolf in die Küche und riß ihm die

Leber heraus. Der König aß sie und wurde gesund.

O, wie dankbar war er meinem Vater! Er schenkte ihm eine goldene Spange

und ein rotes Barett. Das mußte mein Vater immer tragen, und alle Leute

redeten ihn ›Herr Doktor‹ an. Der König schätzte ihn hoch und ehrte

ihn sein Leben lang; er mußte stets zur Rechten des Königs gehen. Wie

hat das Blatt sich jetzt gewendet! Mein Vater ist vergessen, und die

eigennützigen Schelmen werden erhöht. Man trachtet nur nach Vorteil und

Gewinn, aber rechte Weisheit wird nicht geschätzt. Leute aus niedrigem

Stand spielen sich als große Herren auf und drücken die Armen. Sie

vergessen ihre Herkunft und sind taub für alle Bitten, wenn nicht

gleich eine Gabe dabei ist. Ihre Meinung ist: Bringt nur her, dies

zuerst und hernach noch mehr! Solcher gierigen Wölfe gibt es viele. Die

besten Bissen nehmen sie für sich. Und könnten sie auch ihres Herrn

Leben mit einer Kleinigkeit retten, so täten sie es doch nicht. Jener

Wolf wollte auch nicht seine Leber für seinen König hingeben. Und

gleichwohl sähe ich es lieber, daß zwanzig Wölfe ihr Leben einbüßten,

als daß der König oder die Königin von uns genommen würde!

Dies alles, Herr König, geschah in Eurer frühsten Kindheit, und ich

weiß wohl, daß Ihr Euch dessen nicht mehr erinnern könnt. Mir aber

hat es sich so eingeprägt, als wäre es erst gestern geschehen. Diese

Geschichte nun war auch auf dem Spiegel angebracht mit Gold und

Edelsteinen, wie es mein Vater haben wollte. Könnte ich nur diesen

Spiegel wieder ausfindig machen, so wollte ich mein Leben und Vermögen

daransetzen.«

»Reineke,« sprach der König, »Eure Worte habe ich wohl gehört und

verstanden. War aber Euer Vater so tugendhaft und stand hier so hoch in

Ehren, so muß das schon sehr lange her sein. Ich erinnere mich dessen

nicht; auch hat mir's niemand berichtet. Von Euren schlimmen Ränken

aber weiß ich viel. Jeder weiß davon zu erzählen. Tut man Euch damit

unrecht? Das werdet Ihr schwerlich beweisen können! Wenn mir doch auch

mal etwas Gutes von Euch berichtet würde! Aber nein, das geschieht

niemals!«

»Gnädigster Herr!« erwiderte Reineke. »Gestattet, daß ich hierauf

antworte. Ihr selbst wißt ja Gutes von mir. Nicht als ob ich mich

dessen rühmen wollte; denn ich bin jederzeit verpflichtet, alles

für Euch zu tun, was in meinen Kräften steht. Denkt Ihr nicht mehr

daran, wie einst Isegrim und ich ein Schwein gefangen hatten? Da es

fürchterlich schrie, bissen wir es gleich tot! Da kamt Ihr, Herr König,

und die Königin herzu. Ihr wart müde und hungrig und batet uns, die

Beute mit Euch zu teilen. ›Ja,‹ sprach Isegrim brummig, denn er tat es

höchst ungern. Ich aber sagte: ›Herr, es soll Euch von Herzen gegönnt

sein! Ja, hätten wir noch der Schweine viel mehr, sie ständen Euch

zu Diensten! Befehlt, wer es teilen soll!‹ ›Das soll der Wolf tun!‹

spracht Ihr. Da freute sich Isegrim. Er teilte in seiner gewohnten

Weise, ohne jede Gerechtigkeit, nur zu seinem eigenen Vorteil. Ein

Viertel gab er Euch, ein Viertel Eurer Frau, die andere Hälfte nahm er

für sich selbst. Er aß über die Maßen gierig. Nur die Ohren und die

Schnauze und die halbe Lunge gab er mir. Alles andere behielt er für

sich, wie Ihr selbst saht. So zeigte er seinen Edelmut. Als Ihr aber

Euren Teil aufgegessen hattet, wart Ihr noch nicht satt. Das merkte ich

wohl. Auch der Wolf sah es, tat aber, als merkte er nichts, und fraß

ruhig weiter, ohne Euch etwas anzubieten. Da bekam er von Euch einen

Schlag hinter die Ohren, daß er furchtbar heulend und mit blutiger

Platte davonlief. ›Teile ein andermal besser,‹ rieft Ihr ihm nach,

›sonst will ich's dir beibringen! Eile jetzt und schaffe uns was zu

essen!‹ Da sprach ich: ›Herr, gebietet Ihr, so gehe ich mit ihm. Ich

weiß etwas Gutes aufzufinden.‹

Das war Euch recht, und so ging ich mit dem Wolfe. Seufzend und

blutend trollte er neben mir her. Bald glückte es uns, ein fettes Kalb

zu erlegen. Das gefiel Euch wohl; Ihr freutet Euch sehr, als wir es

brachten, Ihr lobtet mich auch und sagtet, ich wäre gut, in der Zeit

der Not ausgesendet zu werden. Darauf befahlt Ihr mir, das Kalb zu

teilen. Ich sagte zu Euch: ›Herr, die eine Hälfte gehört Euch, die

andere der Königin. Was darinnen ist, Herz, Leber und Lunge, gehört

Euren Kindern. Mir gehören die Füße, und der Wolf soll das Beste haben

-- den Kopf.‹ Als Ihr das hörtet, spracht Ihr: ›Reineke, wer hat Euch

so hübsch teilen gelehrt?‹ Ich versetzte: ›Herr, jener mit dem blutigen

Kopf hat's mich gelehrt! Denn heute, als Isegrim das Schwein teilte,

paßte ich gut auf und lernte, wie man Schweine und Kälber teilen muß.‹

Seht nun, Herr König, so habe ich Euch stets die Euch gebührende Ehre

bewiesen. Alles was ich besitze und erwerbe, gehört Euch und der

Königin. Wenn Ihr nur an die Teilung des Schweines oder des Kalbes

denkt, so werdet Ihr erkennen, bei wem die rechte Treue ist, bei

Reineke oder bei Isegrim? Nun steht aber der Wolf hoch in Ehren und ist

Euer erster Minister. Euren Vorteil sucht er nicht; er ist stets nur

auf seinen eigenen bedacht. Er und Braun führen das große Wort, aber

Reinekes Sache wird nicht gehört.

Es ist wahr, Herr, daß ich schwer verklagt bin. Doch will ich nicht

eher weichen, bis mir mein Recht geworden ist. Ist hier bei Hofe

jemand, der mir Böses nachweisen kann, so trete er mit seinen Zeugen

hervor. Er setze da sein Vermögen, ein Ohr oder sogar sein Leben ein

zum Pfand für die Wahrheit seiner Behauptungen. Solch Recht hat hier

jederzeit gegolten -- ich nehme es auch für mich in Anspruch.«

Dem König gefiel diese mutige Rede, und er erwiderte: »Es sei, wie

es sei, Recht muß Recht bleiben. So sollst du auch, Reineke, mit

Gerechtigkeit gerichtet werden. Man hat dich schwer angeklagt und dir

Lampes Tod zur Last gelegt. O wie ungern habe ich ihn verloren. Denn

ich hatte ihn sehr lieb. Und als mir Bellyn sein Haupt brachte, war

ich im tiefsten Herzen betrübt. Dennoch ist es möglich, daß der Widder

die Schandtat allein verübt hat. Ist aber sonst noch jemand, der über

Reineke klagen will, so trete er vor. Was mich selbst betrifft, so will

ich ihm vergeben, denn Reineke hat mir stets in Treue und Ergebenheit

gedient. Hätte aber jemand glaubwürdige Zeugen, so bringe er sie her,

und das Recht soll walten!«

Reineke versetzte: »Gnädiger Herr, ich danke Euch sehr für Eure große

Gnade und Gerechtigkeit. Ich schwöre es bei meinem Eide: als Lampe und

Bellyn von mir schieden, tat mir das Herz recht weh; denn ich hatte

diese beiden sehr lieb. Wie konnte ich aber ahnen, daß Lampe der Tod so

nahe bevorstand!«

So verstand es Reineke, den König und alle Anwesenden zu täuschen.

Er sprach so sicher und sah so ernst dabei aus, daß niemand an der

Wahrheit seiner Worte zweifeln konnte. Er hatte die Schätze so genau

beschrieben, daß man unmöglich annehmen konnte, die ganze Geschichte

sei nur erfunden. In dem König hatte er solche Begier nach den

Kostbarkeiten erweckt, daß dieser nur danach trachtete, sie wieder

aufzufinden. Darum sprach er zu dem Fuchs: »Seid ohne Sorgen,

Reineke! Ihr sollt frei reisen und versuchen, die Kostbarkeiten wieder

aufzufinden. Meine Hilfe soll Euch dabei zu Diensten stehen.«

»Gnädiger Herr,« versetzte Reineke, »ich danke Eurer Majestät sehr für

die trostreichen und ermutigenden Worte. Euch kommt es zu, Raub und

Mord zu strafen, die leider der Schätze wegen begangen worden sind.

Ich will allen Fleiß anwenden und Tag und Nacht reisen. Erfahre ich es

dann, wo die Schätze geblieben sind, und reicht meine Kraft nicht aus,

sie Euch zurückzugewinnen, so werde ich Euer Gnaden um Hilfe anrufen.

Gelingt es dann, Euch die Kleinodien zu überliefern, so wäre meine Mühe

reichlich belohnt.«

Mit Wohlgefallen hörte der König diese Worte. Er glaubte alles, was

Reineke sagte, obwohl ihn dieser so furchtbar betrogen und belogen

hatte. Aber auch alle anderen hatte der Schelm betört, und sie fanden

es ganz richtig, daß dem braven Reineke wieder die volle Freiheit

gewährt wurde. Nun konnte er tun und lassen, was er wollte, denn er

stand wieder in der Gunst seines Herrn.

15. Kapitel.

Neue Anklagen Isegrims und Reinekes Verteidigung.

Einer aber war in der Versammlung, dem die Freisprechung Reinekes

durchaus nicht gefiel. Aufgeregt und zornig trat Isegrim vor den König

und sagte: »Herr König, gnädiger Herr! Glaubt Ihr Reineke jetzt aufs

neue, der Euch so viel vorgelogen hat? Wie könnt Ihr dem losen Schalk

nur trauen? Er betrügt sicherlich uns alle, denn er lügt immer und

sagt niemals die Wahrheit. Aber ich lasse ihn so noch nicht ziehen.

Ihr sollt es noch hören und erkennen, daß er ein falscher Bube ist.

Ich weiß noch drei schlimme Geschichten von ihm. Die will ich hier

öffentlich bekannt machen und meine Aussage mit Leben und Ehre

verfechten! Zeugen habe ich zwar nicht. Aber ist es denn möglich, für

alles Zeugen zu finden? Es wagt ja auch niemand gegen ihn zu zeugen,

denn er behält ja immer recht. Außerdem ist er niemandes Freund und

weder Euch noch Eurem Hause zugetan. Ich will ihn aber heute nicht von

hinnen lassen, ehe er mir nicht Rede gestanden hat. Gnädigster Herr,

Reineke hat stets meinem ganzen Geschlechte zu schaden getrachtet. Was

hat er nicht mir und meinem Weibe für Schimpf angetan?

Einstmals führte er sie an einen Teich und befahl ihr, in den Schlamm

zu treten. Er sagte, er wolle sie lehren, Fische zu fangen. Sie solle

nur den Schwanz ins Wasser hängen, da würden so viele Fische anbeißen,

daß sie gar nicht alle essen könnte. Sie watete also hinein und schwamm

so lange, bis er ihr zurief, an der Stelle zu bleiben und den Schwanz

ins Wasser zu hängen. Der Winter war kalt, und es fror sehr scharf.

Endlich konnte es mein Weib nicht mehr aushalten, denn der Schwanz

war fest eingefroren. Da er aber so schwer war, glaubte sie, es wären

lauter Fische daran. Sie zog und zog, konnte aber den Schwanz nicht

herausbekommen. Reineke aber freute sich seines schändlichen Streiches.

Er stand am Ufer und verspottete sie. Da kam ich von ungefähr des

Weges. Wie erschrak ich, als ich mein Weib laut jammern und um Hilfe

rufen hörte! ›Reineke, was hast du getan?‹ rief ich. Aber kaum wurde

er mich gewahr, so lief er spornstreichs davon. Traurig ging ich

näher heran. Durch tiefen Morast mußte ich waten, durch kaltes Wasser

schwimmen, bis ich zu ihr gelangte. Nun bemühte ich mich, das Eis zu

brechen. Sie riß und zerrte, und endlich war sie frei. Aber ein Stück

des Schwanzes war im Eise geblieben. Ihr lautes Schmerzensgeschrei

war von den Bauern des Dorfes gehört worden. Sie wurden uns im Teiche

gewahr und kamen herbei mit Knütteln, Äxten und Prügeln. Auch Weiber

mit Spinnrocken liefen herzu. Alle riefen durcheinander: ›Fangt ihn,

schlagt ihn, tötet ihn!‹ Nie war es mir banger zumute. Wir liefen

beide, daß uns der Schweiß ausbrach. Da war ein böser Bube, der mit

einer langen Pike nach uns stach. Dieser tat uns den meisten Schaden.

Denn er war stark und leichtfüßig. Zum Glück war es Abend, und die

Nacht brach herein; sonst wären wir nicht mit dem Leben davongekommen.

Seht, Herr König, das war ein schändlicher Verrat, den Ihr sicher ohne

alle Gnade strafen werdet.«

Auf diese Klage Isegrims sagte der König: »Um gerecht zu urteilen, will

ich erst hören, was der Verklagte zu sagen hat. Reineke, tretet vor!«

»Wäre alles wahr, was Isegrim gesagt hat,« versetzte der Fuchs, »so

würde es mir nicht zur Ehre gereichen. Verhüte Gott, daß man es für

Wahrheit halte. Richtig ist, daß ich der Wölfin einmal zeigte, wie man

Fische fangen sollte. Aber sie war so begierig danach, daß sie auf

nichts weiter hörte. Das Schlimme war, daß sie den Schwanz zu lange im

Wasser ließ. Darum fror er fest. Hätte sie ihn schneller herausgezogen,

so würde sie genug Fische gehabt haben. Allein sie wollte sich nicht

genügen lassen. Allzuviel begehren ist niemals gut. Einen Habgierigen

kann niemand sättigen. So erging es auch Frau Gieremund, als sie im

Eise festgefroren saß. Das ist jetzt der Dank dafür, daß ich ihr nach

Kräften half, sie herauszuheben. Allein es war umsonst, sie war mir

zu schwer. Da kam Isegrim dazu. Er stand am Ufer und schimpfte und

fluchte, denn er meinte, ich sei an dem Mißgeschick seiner Frau schuld.

Als ich seinen Zorn sah, machte ich, daß ich davonkam. Das war gewiß

auch das Klügste, was ich tun konnte, denn er war sehr aufgebracht und

drohte, es mir heimzahlen zu wollen. Sehet, Herr König, er klagt, daß

ihn die Bauern verfolgt haben. Oh, das tat beiden sehr gut. Es erwärmte

ihnen das Blut, nachdem sie im Wasser so sehr gefroren hatten. Was soll

man also weiter darauf hören? Hier steht ja Frau Gieremund. Man mag sie

befragen. Ich aber bitte mir eine Woche Frist aus, daß ich mich mit

meinen Freunden besprechen und mich mit ihnen beraten kann, wie ich die

Klage des Wolfes beantworten soll.«

Da sprach Frau Gieremund: »Seht, Reineke, all Euer Wesen ist

Schalkheit, List und Spitzbüberei, Lug, Trug und Verrat. Ja, wer

Euren Worten traut, wird gewiß zuletzt hintergangen. Eure Worte sind

leichtfertig und betrügerisch, wie ich es bei dem Brunnen wohl erfahren

habe. Es hingen zwei Eimer daran. Ihr waret in den einen gestiegen

und damit niedergesunken, daß Ihr nicht wieder in die Höhe konntet.

Ich hörte Euch stöhnen und rief Euch zu: ›Wie seid Ihr denn da

hineingeraten?‹ Da sagtet Ihr zu mir: ›Steigt nur in den anderen Eimer

und kommt zu mir herab, so könnt Ihr Fische in Menge haben. Ich habe

schon so viele gegessen, daß mir der Leib davon weh tut.‹ Ich dummes

Weib glaubte das auch. Ich stieg in den Eimer und sank herab. Aber da

stieg der andere Eimer, in dem Ihr saßet, in die Höhe. Darüber war ich

sehr verwundert und fragte Euch, wie das zugehe? Darauf antwortetet

Ihr: ›Das ist nun so der Lauf der Welt! Der eine steigt, der andre

fällt! So geht es auch uns beiden. Der eine wird erniedrigt, der andere

erhöht, nach den Tugenden, die ein jeder hat!‹

Darauf sprangt Ihr aus dem Eimer und lieft davon. Ich mußte aber

den ganzen Tag da sitzen und war hungrig und sehr betrübt. Da kamen

zwei Bauern an den Brunnen, und wie sie mich sahen, riefen sie: ›Ha,

da sitzt der Räuber, der uns unsere Lämmer würgt! Und sie zogen

mich heraus und prügelten auf mich los, daß ich knapp mit dem Leben

davonkam. Einen schlimmeren Tag habe ich nie erlebt!«

»Das war zu Eurem Besten!« sprach Reineke, »daß Ihr so geschlagen

wurdet. Und mir war es auch sehr angenehm. Ich hätte die Schläge nicht

so gut vertragen können. Und einer von uns beiden mußte daran glauben.

Ihr habt aber auch eine weise Lehre dabei erhalten: daß Ihr ein

andermal besser auf Eurer Hut sein sollt und niemand zu viel Glauben

schenken dürft. Denn die Welt ist voller Bosheit!«

»Das ist wahr,« sprach Isegrim, »ich habe es besonders an Reineke

erfahren. Wie oft hat er mich hintergangen! Ich habe noch lange nicht

alles erzählt. Einst kamen wir an einen Berg im Sachsenlande, wo ein

Geschlecht von Affen hauste. Er hieß mich in ihre Höhle kriechen und

wußte recht gut, daß es mir übel darin ergehen würde. Wäre es mir

nicht gelungen, den Ausgang zu erreichen, so hätte es mir gewiß ein Ohr

gekostet. Den meisten Schaden tat mir die Äffin, seine Muhme. Ihm aber

war es zuwider, daß ich mit dem Leben davonkam. Ich glaubte, ich sei in

der Hölle gewesen!«

Da wendete sich Reineke an alle Herren, die mit ihm bei Hofe waren, und

sprach: »Isegrim ist nicht recht bei Sinnen, was er jetzt von der Äffin

spricht. Und seine Worte sind nicht zu verstehen. Es ist wohl zwei und

ein halbes Jahr her, daß ich mit ihm ins Sachsenland reiste. Es ist

aber alles gelogen, was er sagt. Denn es war ein Meerkatzen-Geschlecht.

Und auch das ist eine Unwahrheit, daß Meerkatzen meine Muhmen sind.

Frau Rückenau und Martin, der Affe, das sind meine Verwandten. Er ist

Notar und versteht das Recht. Was aber Isegrim von den Meerkatzen

erzählt, das sagte er bloß mir zum Spott. Denn ich habe nichts mit

ihnen zu tun. Sie sind niemals meine Freunde gewesen und sehen aus wie

die Teufel in der Hölle. Daß ich aber die Meerkatze meine Muhme hieß,

das tat ich nur aus Klugheit, um mir eine gute Aufnahme zu verschaffen.

Die Sache verhielt sich nämlich so: Wir gingen einstmals um einen

hohen Berg herum und kamen an eine tiefe, dunkle Höhle. Isegrim war

vor Hunger ganz matt. Ich habe ihn übrigens nie so satt gesehen, daß

er nicht gern noch mehr gehabt hätte. Ich sagte zu ihm: ›In der Höhle

dort ist gewiß Speise genug vorhanden, und wer da wohnt, gibt einem

wohl davon ab.‹ Da versetzte Isegrim: ›Oheim Reineke, ich will hier

unter dem Baum warten. Geht hinein und fragt danach! Ihr eignet Euch

besser dazu als ich.‹ Und so wollte er mich in die Falle bringen. Wenn

ich aber etwas zu essen fände, so sollte ich es ihn wissen lassen. Ich

ging in die Höhle hinein, einen langen, dunklen Gang hindurch, in dem

mir angst und bange wurde. Solche Angst möchte ich um alles Gold in

der Welt nicht noch einmal ausstehen. Denn es waren da viele häßliche

Tiere, große und kleine. Das schlimmste aber war die alte Meerkatze.

Als ich sie erblickte, glaubte ich den Teufel selbst zu sehen. Sie

lag in der Ecke zusammengekauert. In ihrem großen, weit aufgesperrten

Maul standen lange Zähne. An Händen und Füßen hatte sie furchtbare

Krallen. Ihr Rücken endete in einem langen Schwanz. Nie habe ich ein

häßlicheres Tier gesehen! Die Jungen waren kohlschwarz und sahen wie

die leibhaftigen Teufel aus. Sie lagen in verfaultem Heu, bis an die

Ohren mit Schmutz bedeckt, und ein Geruch war in der Höhle, daß mir

übel davon wurde. Sie sahen mich sehr grimmig an, und ich dachte:

Ach, wäre ich nur glücklich wieder hier heraus! Die Alte war größer

als Isegrim und ihre Kinder fast ebenso groß. In dieser gefährlichen

Gesellschaft schien es mir nicht ratsam, die Wahrheit zu sagen. Denn

ihrer waren viele, und ich war allein, und alle sahen sehr böse aus.

Da fand ich einen Ausweg. Ich grüßte sie höflich und tat, als ob ich

sie kennte. Ich nannte die Meerkatze Muhme und die Kinder meine Neffen.

Ich sagte: ›Gott erhalte Euch lange gesund! Diese sind Eure Kinder, das

sehe ich wohl an der Ähnlichkeit. Sie gefallen mir über die Maßen gut.

Wie schön, wie lustig sie sind! Ein jeder davon könnte eines Königs

Sohn sein!‹

Als ich sie nun so ehrerbietig begrüßte, wie ich es doch gar nicht

meinte, tat sie auch, als ob sie mich kennte. Sie war sehr vergnügt

und nannte mich Oheim, obgleich wir gar nicht verwandt sind. Und was

schadete es, daß ich sie Muhme nannte, wenn mir auch der Angstschweiß

dabei ausbrach?

›Freund Reineke,‹ sprach sie zu mir, ›seid uns willkommen! Es ist mir

eine rechte Freude, daß Ihr mich besucht! Ihr seid ein kluger Mann und

könnt Eure kleinen Verwandten lehren, wie sie zu Ehre und Ruhm in der

Welt kommen könnten.‹

Seht, solch freundlichen Empfang hatte ich mir bloß dadurch verdient,

daß ich sie Muhme nannte und ihre Kinder lobte! Ich wäre gern so

schnell wie möglich fortgegangen, allein sie sagte: ›Oheim, ich lasse

Euch nicht fort, ehe Ihr eine gute Mahlzeit bei mir gegessen habt.‹

Darauf brachte sie voll Eifer so viel Speisen herbei, daß ich sie

nicht alle aufzählen kann, Hirsche, Rehe und anderes Wildbret. Ich war

verwundert, wie sie zu all dem gekommen war. Ich nahm davon, was mir

gefiel, und aß mich recht satt. Als ich fertig war, gab sie mir noch

ein Stück von einem Hirsch für mein Weib und meine Kinder mit. Darauf

nahm ich Abschied von ihr, und sie sprach: ›Reineke, kommt oft wieder

her!‹ Ich versprach es und machte, daß ich hinauskam. Denn hätte ich

noch länger in dem Gestank aushalten müssen, ich hätte den Tod davon

gehabt.

Draußen fand ich Isegrim stöhnend und matt unter dem Baume liegend.

›Wie geht es Euch, Oheim?‹ fragte ich ihn. ›Nicht gut,‹ erwiderte er.

›Ich muß umkommen, ich sterbe vor Hunger.‹ Ich erbarmte mich seines

Elends und gab ihm das Stück Fleisch, das ich geschenkt bekommen hatte.

Er aß, und es schmeckte ihm sehr gut. Ja, er war mir sehr dankbar,

obwohl er das jetzt vergessen zu haben scheint. Als nun der Wolf

gegessen hatte, sagte er zu mir: ›Oheim Reineke, sagt mir doch, wer

dort in der Höhle wohnt, und wie es darin aussieht, gut oder übel.‹ Ich

sagte die Wahrheit und gab ihm die besten Lehren. ›Es ist ein garstiges

Nest,‹ sagte ich, ›doch zu essen gibt es genug; wenn Ihr was haben

wollt, so geht nur hinein. Aber hütet Euch wohl, die Wahrheit zu sagen.

Die liebe Wahrheit müßt Ihr diesmal verbergen, wenn es Euch gut gehen

soll. Wer immer die Wahrheit sagt, muß viel Verfolgung erdulden. Redet

nur, was gerne gehört wird, und schweiget über das, was nicht zu sagen

nötig ist.‹

Reineke Fuchs(#77153) · 第 6 / 8 段