diese beiden das Feld räumten. Der König aber rief: »Wer etwas zu
klagen hat, der trete vor!« Doch es meldete sich keiner; alles blieb
stumm. »Merkwürdig!« sagte der König, »gestern kamen so viele! Heute
ist Reineke hier, aber wo sind die Kläger geblieben?«
»Herr,« versetzte der Fuchs, »mancher klagt einen anderen schwer an,
der es wohl bleiben ließe, wenn sein Widerpart ihm gegenüberstände!
So machen es auch jetzt diese beiden Verleumder, der Rabe und das
Kaninchen, die mich gern in Schande und Strafe gebracht hätten.
Würden sie mich um Gnade bitten, so hätte ich ihnen in Gegenwart
dieser Herren gern vergeben. Nun haben sie sich aber aus dem Staube
gemacht, die schlimmen, bösen Buben! Sollte man auf solche hören, das
wäre ewig schade! An mir allein ist nicht viel gelegen, aber mancher
rechtschaffene Mann, der Euch Tag und Nacht treu dient, könnte durch
ihre Verleumdung leicht in Ungnade geraten!«
»Höre mich an!« sprach der König. »Du bist und bleibst ein Betrüger und
ein treuloser Verräter! Was trieb dich dazu, Lampe, den braven Ritter,
ums Leben zu bringen? Eben erst hatte ich dir deine Sünden verziehen.
Ich hatte dir Ränzel und Stab gegeben; du solltest nach Rom und übers
Meer, und ich glaubte, du würdest ein besseres Leben beginnen. Allein
das erste, was ich über dich zu hören bekam, war, daß du Lampen getötet
hattest. Bellyn brachte mir den Ranzen mit Lampens Kopf. Er hat es mit
dem Leben büßen müssen, und dir, du böser Bube, soll jetzt der gleiche
Lohn zuteil werden!«
»Was?« rief Reineke mit erheucheltem Erstaunen. »Ist Lampe tot? Und
Bellyn auch? O, weh mir, daß ich je geboren bin! So habe ich den
kostbarsten Schatz verloren! Denn ich sandte Euch durch diese Boten,
Lampe und Bellyn, die herrlichsten Kleinodien, die je die Erde gesehen!
Wer hätte auch ahnen können, daß Bellyn die Schätze rauben und den
guten Lampe morden würde!«
Der König hatte genug gehört. Zornig verließ er den Saal und war
entschlossen, Reineke einen schmählichen Tod erleiden zu lassen.
[Illustration: Reineke Fuchs 3.
O, wie erschrak der König. Wie furchtbar hat mich Reineke betrogen!]
12. Kapitel.
Der Mann mit der Schlange.
Im anstoßenden Gemach fand der Herrscher die Königin, seine Gemahlin,
im Gespräch mit der Äffin, Frau Rückenau. Diese stand bei dem
Königspaare in hohem Ansehen; sie war weise und unterrichtet, und jeder
hörte auf sie, wohin sie nur kam.
Als sie nun den König zornig sah, sprach sie: »Edler Herr, ich bitte
Euch, zürnt doch nicht so sehr! Und gestattet mir, daß ich ein Wort
zugunsten des armen Reineke spreche. Er ist doch meinem Geschlecht
nahe verwandt, und sein Unglück geht mir sehr zu Herzen. An seine
Schuld kann ich nicht glauben, er ist doch jetzt freiwillig vor Gericht
erschienen! Sein Vater stand an Eurem Hofe in hohem Ansehen, weit mehr
als jetzt Braun und Isegrim. Diese beide verstehen zu wenig von Urteil
und Recht.«
»Kann es Euch wundern,« versetzte der König, »daß ich gegen Reineke in
Zorn bin? Vor kurzem erst nahm er Lampen das Leben und stürzte Bellyn
mit ins Verderben. Jetzt tut er so, als wüßte er von der ganzen Sache
nichts. Täglich bricht er den Frieden! Hättet Ihr nur gehört, was alles
für Klagen sie gegen ihn vorbrachten, von Rauben, Stehlen, Verrätereien
und Mordtaten!«
»Gnädiger Herr,« erwiderte die Äffin, »Reineke wird sehr verleumdet!
Er ist klüger als die anderen alle und erregt deshalb ihren Neid. Wie
oft hat er Euch mit treuem Rat zur Seite gestanden! Ihr wißt wohl noch,
wie vor einiger Zeit der Mann mit der Schlange vor Euren Thron kam?
Damals wußte keiner von Euren Ratgebern die Sache zu entscheiden. Da
ließet Ihr Reineke kommen, und er wußte gleich das Rechte zu treffen
und erntete Lob von Euch in reichem Maße.«
»Wie war doch die Geschichte?« fragte der König. »Ich erinnere mich
ihrer nur noch undeutlich. Wenn Ihr es noch genau wißt, so laßt mich's
hören.«
»Mit Eurer Erlaubnis soll es geschehen!« sagte die Äffin. »Es sind nun
zwei Jahre her, da kamen eines Tages eine Schlange und ein Mann vor
Euren Thron. Die Schlange klagte sehr zornig, daß der Mann sich dem
zweimal gefällten Urteilsspruch nicht fügen wolle. Und dann erfuhrt Ihr
folgende Geschichte:
Die Schlange war durch ein Loch in einem Zaun gekrochen und in einer
Schlinge hängen geblieben, aus der sie sich nicht wieder freimachen
konnte. Sie hätte gewiß da ihr Leben verloren. Da kam zufällig ein Mann
des Weges daher. Die Schlange rief ihm zu: ›Ich bitte dich, erbarme
dich meiner und mache mich los!‹ ›Von Herzen gern,‹ sagte der Mann,
›wenn du geloben willst, mir nichts Böses zu tun. Denn du tust mir
leid.‹ Da schwur die Schlange, ihm niemals Schaden zufügen zu wollen.
Und da erlöste er sie aus ihrer verzweifelten Lage.
Sie gingen miteinander weiter. Da die Schlange aber sehr verhungert
war, schoß sie plötzlich auf den Mann zu, um ihn zu töten und zu
fressen. Mit knapper Not entsprang ihr der Mann und sprach: ›Ist das
der Dank dafür, daß ich dir in deiner Not geholfen habe? So hältst
du deinen Schwur, mir nicht zu schaden?‹ Die Schlange erwiderte:
›Der Hunger treibt mich dazu. Das ist meine Rechtfertigung. Not kennt
kein Gebot.‹ Da sagte der Mann: ›Ich bitte dich, laß mich noch so
lange frei, bis wir einige unparteiische Leute treffen, die mögen
entscheiden, was Recht und Unrecht ist.‹ ›So lange will ich warten,‹
versetzte die Schlange.
Sie kamen über einen Graben und trafen dort den Raben Pflückebeutel
mit seinem Sohne Quackeler. Diese rief die Schlange herbei, erzählte
ihnen die Geschichte und fragte sie nach ihrer Meinung. ›Du darfst
den Mann fressen!‹ entschied der Rabe, denn er hoffte dabei auch für
sich ein Stück zu gewinnen. Die Schlange rief: ›Hurra, gewonnen! Nun
will ich auch nicht länger warten, meinen Hunger zu stillen.‹ ›Halt,‹
rief der Mann, ›frohlocke nicht zu früh! Sollte ein Räuber das Recht
haben, mich zum Tode zu verdammen? Dann soll er wenigstens nicht allein
über mich richten! Es müssen zum mindesten vier ihr Urteil sprechen!‹
›Meinethalben!‹ erwiderte die Schlange. ›So wollen wir weitergehen!‹
Da begegneten ihnen der Wolf und der Bär. Dem Mann ward sehr schlecht
zumute, als er sich in der Gesellschaft sah. Fünf gefährliche Feinde
umstanden ihn: die Schlange, der Wolf, der Bär und die beiden Raben.
›Wie wird es mir ergehen!‹ dachte er bei sich. Bär und Wolf entschieden
so: ›Die Schlange darf den Mann töten, weil der Hunger sie dazu zwingt.
Die Not hebt den Eid auf.‹
Da ward dem Mann angst und bange, denn alle trachteten ihm nach dem
Leben. Die Schlange schoß auf ihn zu und spritzte ihr böses Gift auf
ihn aus. Er sprang zur Seite und rief: ›Du tust mir unrecht, du darfst
mich nicht töten.‹ ›Wie kannst du das sagen?‹ zischte die Schlange.
›Schon zweimal ist für mich entschieden worden. Du gehörst mir, und ich
fresse dich.‹ ›Ja,‹ sprach der Mann, ›das haben die gesagt, die selbst
rauben und morden. Ich will mein Schicksal dem König anheimstellen.
Bringt mich vor ihn; was er ausspricht, mag geschehen. Seinem Urteil
unterwerfe ich mich, wie es auch sei.‹ Da sprachen Wolf und Bär zur
Schlange: ›Das kannst du ruhig gewähren, denn auch der König wird zu
deinen Gunsten entscheiden.‹
So kamen sie alle an Euren Hof, gnädiger Herr: der Mann, die Schlange,
die beiden Raben, der Bär und drei Wölfe, denn der Wolf hatte noch
seine Kinder mitgebracht, Eitelbauch und Nimmersatt. Sie kamen in der
Absicht, auch an dem Mahl teilzunehmen, wenn der Mann gefressen wurde.
Sie heulten und benahmen sich so plump und grob, daß Ihr ihnen den Hof
verbieten mußtet. Der Mann flehte Euch um Hilfe an. Er klagte, die
Schlange wolle ihn töten. Und doch habe er ihr eine so große Wohltat
erwiesen, und sie habe geschworen, ihm keinen Schaden zu tun. ›Das ist
freilich wahr!‹ versetzte die Schlange. ›Allein der Hunger zwang mich
dazu. Und der löst alle Eide!‹ Ihr, mein gnädigster Herr König, wart
sehr bekümmert über diese Angelegenheit und wußtet nicht, wie jeder zu
seinem Rechte kommen sollte. Eure Majestät hielt es für unbillig, den
Mann zum Tode zu verurteilen, der der Schlange so aus der Not geholfen
hatte. Ihr hattet aber auch Mitleid mit dem großen Hunger der Schlange.
Deshalb rieft Ihr Eure Ratgeber zusammen. Die meisten stimmten für den
Tod des Mannes. Da sandtet Ihr Boten an Reineke, denn was die anderen
rieten, gefiel Euch nicht.
Als der Fuchs kam, spracht Ihr: ›Wie Reineke entscheidet, so soll
es geschehen!‹ Dieser sagte darauf mit Bescheidenheit: ›Herr König,
laßt uns gleich hingehen und sehen, wo und wie der Mann die Schlange
fand. Soll ich ein gerechtes Urteil sprechen, so muß ich die Schlange
gefesselt sehen, wie der Mann sie angetroffen hat.‹ So gingen alle zu
der Stelle hin, und die Schlange mußte in die Schlinge kriechen.
Darauf sprach Reineke: ›Nun sind beide wieder in der Lage, in der sie
vorher waren; sie haben weder gewonnen noch verloren. Der Mann mag nun,
wenn er Lust dazu hat, die Schlange schwören lassen und sie befreien,
oder er kann sie in der Schlinge lassen und ungefährdet seines Weges
ziehen. Dies, denke ich, ist ein gerechtes Urteil; weiß aber jemand
etwas Besseres, so sage er es.‹
Sehet, Herr König, dieses Urteil gefiel Euch und auch Eurem Rate.
Der Mann war frei und dankte Euch sehr für Eure Gnade; die Schlange
aber kam in der Schlinge um. Reineke ward sehr gepriesen wegen seiner
Klugheit. Braun und Isegrim, so sagte man, sind zwar stark und groß,
und bei Fressereien sind sie stets die ersten. Aber an Klugheit fehlt
es ihnen. Sie prahlen mit ihrem Mut; kommt es aber zur Tat, so zeigt
es sich, was für Helden sie sind. Setzt es Schläge, so rücken sie aus,
aber wirkliche Helden sollen vor dem Feind nicht weichen. Bären und
Wölfe verderben das Land, sie fragen wenig danach, wessen Haus brennt,
wenn sie sich nur an den Flammen wärmen können. Sie haben miteinander
Erbarmen, wenn sie nur ihren Magen füllen können. Dem Armen rauben sie
die Eier und meinen noch sehr gut zu handeln, wenn sie ihm die Schalen
lassen. Kurz, ihr eigenes Wohl geht ihnen über alles! Wie anders
Reineke Fuchs! Er liebt das Recht und die Weisheit. Braucht Ihr einen
guten Rat, so könnt Ihr ihn nicht entbehren. Hat er einmal ein Unrecht
getan, so ist er ja auch ein Sterblicher wie wir alle. Wie schwer
würdet Ihr ihn vermissen, wenn Ihr ihm jetzt im Zorn das Leben raubt!
Darum bitte ich, nehmt ihn wieder zu Gnaden an!«
Der König erwiderte: »Ich will mir's überlegen. In der Angelegenheit
mit der Schlange hat er freilich einen guten Rat gegeben, das ist wahr.
Aber er ist trotzdem nicht viel wert und ein großer Betrüger. Alle,
denen er erst Freundschaft heuchelt, verrät er schließlich. Dem Wolf,
dem Bären, dem Kater, dem Kaninchen und der Krähe ist er zu schlau, sie
lassen sich alle von ihm hintergehen. Er tut ihnen nichts wie Spott und
Schande an. Der eine muß ihm ein Ohr, der andere ein Auge zum Pfande
lassen, mancher kommt sogar dabei ums Leben. Ich weiß nicht, wie Ihr
für den Bösewicht noch ein gutes Wort einlegen könnt! Er verdient es
sicherlich nicht!«
Die Äffin erwiderte: »Herr König, er ist mir nahe verwandt, und ich
fühle die Verpflichtung, ihm in der Not zu helfen. Aber auch Ihr,
großer König, bedenkt, daß sein Geschlecht groß und edel ist!«
13. Kapitel.
Reineke verteidigt sich weiter. Der wunderbare Ring, der Kamm und der
Spiegel.
Darauf schwieg die kluge Äffin, und der König ging wieder in den Saal
zurück, wo alle auf ihn warteten. Viele von Reinekes Freunden und
Verwandten waren herbeigekommen, um ihrem Vetter Beistand und Hilfe
zu gewähren. Aber auch seine Feinde waren zahlreich erschienen und
hofften, den verhaßten und gefürchteten Fuchs bald am Galgen hängen zu
sehen.
»Reineke,« sagte der König, »wie ging es zu, daß Bellyn und du dem
frommen Lampe das Leben nahmt? Wie konntet ihr euch unterstehen, mich
so zu verhöhnen, daß ihr mir Lampes Kopf zusandtet? Bellyn hat seine
Strafe schon empfangen, und dir soll es nicht besser ergehen.«
»Weh mir! in dieser großen Not!« rief Reineke aus. »O daß ich lieber
schon tot wäre! Hört mich, gnädiger Herr, und findet Ihr mich
schuldig, so laßt mich gleich töten! Der Verräter Bellyn hat mir einen
furchtbaren Streich gespielt. Er hat den kostbarsten Schatz geraubt,
der je auf Erden war. Ich vertraute ihm und Lampe die Kleinodien an,
um sie meinem gnädigen König zu senden. Bellyn muß sie unterschlagen
haben, und um nicht verraten zu werden, brachte er den armen Lampe ums
Leben. O, könnte man nur erfahren, wo die Sachen geblieben sind!«
»Wenn diese Schätze nur über der Erde sind,« sagte die Äffin, »so
wollen wir sie schon auskundschaften. Wir wollen ohne Ermüden danach
suchen, bis wir sie gefunden haben. Sagt nur, wie waren sie beschaffen?«
Reineke antwortete: »Sie waren so kostbar, daß ich fürchte, wir
bekommen sie niemals wieder. Wer sie einmal hat, gibt sie gewiß nicht
wieder heraus. O, wenn mein Weib das erfährt, so wird sie außer sich
sein. Sie riet mir dringend ab, den beiden diese Schätze anzuvertrauen.
Hätte ich nur auf sie gehört! Nun bin ich betrogen und verraten! Wer
hätte aber auch dem Widder so etwas zugetraut! Doch ich will nicht
ruhen und rasten und durch die ganze Welt reisen, ja selbst mein Leben
daran wagen, die Kostbarkeiten wiederzufinden! Gnädiger König!« fuhr
Reineke fort, »gestattet mir, zu erzählen, welcher Art die Schätze
waren, die ich Euch zum Geschenk bestimmt hatte, die Ihr aber leider
nicht bekommen habt.«
»Sprich,« sagte der König, »aber fasse dich kurz.«
Da begann Reineke: »Das erste Kleinod, das der Widder Bellyn von
mir empfing, war ein Ring. Dieser Ring besaß seltsame, wunderliche
Eigenschaften. Er war aus feinstem Gold gemacht, und an der Innenseite
standen Buchstaben eingeätzt. Die Schrift war in hebräischer Sprache
und wies drei Namen auf. In diesen Landen war niemand so gelehrt, daß
er diese Schrift gründlich verstanden hätte, außer dem Meister Abryon
in Trier. Er versteht alle Sprachen von Poitou bis Lüneburg. Auch kennt
er alle Kräuter und Steine und ihre Eigenschaften.
Ich zeigte ihm diesen Ring, und er sprach: ›In diesem Ring sind
wunderbare Kräfte verborgen. Als Seth das Öl der Barmherzigkeit im
Paradiese suchte, brachte er auch diesen Stein mit. Auch die Namen
stammen aus dem Paradiese. Wer diesen Stein bei sich tragt, der bleibt
von Donner und Blitz und allem Bösen unberührt.‹ Er sagte ferner: Wer
diesen Ring trüge, der könnte selbst in der grimmigsten Kälte nicht
erfrieren, und die größte Hitze könnte ihm nichts anhaben. Außen an
dem Fingerreife war ein heller Karfunkel, der so leuchtete, daß man in
finsterster Nacht alles sehen konnte. Und noch andere Tugenden besaß
der Stein. Alle Krankheiten heilte er: wer ihn berührte, der wurde
gesund. Nur gegen den Tod vermochte er nichts. Wer den Ring am Finger
trage, der käme glücklich durch alle Lande; Wasser und Feuer könnten
ihm nicht schaden, und er könnte weder verraten noch gefangen werden.
Kein Feind könnte ihn besiegen. Ja er würde die Gegner überwinden, und
wenn ihrer hundert an der Zahl wären. Ferner schützte er vor Gift und
anderen bösen Säften. Kurz, ich kann es nicht aussprechen, wie gut
und köstlich der Ring war. Ich hielt mich auch nicht für würdig, ihn
an der Hand zu tragen. Deshalb sandte ich ihn dem Könige, denn er ist
der Edelste und Herrlichste im Lande. All unser Glück hängt von seinem
Wohlergehen ab. Darum sollte der Ring ihn vor Krankheit und Gefahr
schützen.
Ferner übergab ich dem Widder für die Königin einen Kamm und einen
Spiegel, dergleichen in aller Welt nicht zu finden sein mag. Diesen
Kamm und Spiegel nahm ich auch aus dem Schatze meines Vaters. O, wie
oft habe ich dieser Sachen wegen mit meinem Weibe Streit und Zank
gehabt! Denn sie begehrte sonst nichts auf der Welt als diese Kleinode.
Ich aber hatte sie für meine gnädige Königin bestimmt, denn sie hat mir
oft Gutes getan. Ja, vor allen meinen Wohltätern steht sie obenan. Sie
hat oft ein gutes Wort für mich eingelegt. Sie ist von edlem Stamm,
tapfer und tugendhaft, kurz sie allein verdiente, Kamm und Spiegel
zu besitzen. Doch leider wird sie diese Schätze wohl nie zu sehen
bekommen! Der Kamm war aus dem Knochen eines Panthers gemacht. Der
Panther ist ein edles Tier, das zwischen Indien und dem Paradiese zu
Hause ist. Sein Fell ist bunt und prächtig. Er verbreitet einen süßen
Geruch, so daß alle Tiere, groß und klein, ihm nachfolgen, wohin er
auch geht. Aus einem Knochen von diesem Tiere war der Kamm gefertigt;
so klar wie Silber, rein und weiß und wohlriechend. Denn wenn das Tier
stirbt, so geht sein Geruch in die Knochen über; sie verderben niemals
und bleiben immer wohlriechend.
In diesen Kamm waren köstliche Bildnisse hineingeschnitzt aus rotem und
blauem Lasurstein, von Goldranken durchzogen.
Da sah man die Geschichte des Paris: wie er einstmals nahe bei einem
Brunnen lag und die drei Göttinnen Pallas, Juno und Venus kommen
sah. Sie hatten einen goldenen Apfel und zankten sich darum, wer ihn
besitzen sollte. Als sie Paris erblickten, beschlossen sie, sich seinem
Urteil zu unterwerfen. Diejenige, die er für die Schönste erklärte,
sollte den Apfel erhalten. Jede der Göttinnen versuchte nun, Paris
zu ihren Gunsten zu stimmen. Juno sprach zu ihm: ›Gibst du mir den
Apfel und preist mich für die Schönste, so mache ich dich so reich,
wie noch nie ein Fürst vor dir war.‹ Pallas sagte: ›Wenn du mir den
Apfel zusprichst, so sollst du groß und mächtig werden, daß Freund und
Feind dich fürchten sollen.‹ Venus sprach: ›Was nützen ihm Reichtum
und Macht? Ist nicht König Priamus sein Vater? Sind nicht alle seine
Brüder reich und mächtig?. Alles, was ihr ihm geben wollt, hat er ja
schon! Willst du mich aber als die Schönste preisen und mir den Apfel
übergeben, so soll dir das Kostbarste auf Erden zuteil werden. Ich
gebe dir das schönste Weib, das je auf Erden gelebt hat, Helena, die
Königin der Griechen. Sie ist schön und edel, tugendhaft und weise!‹
Da gab Paris der Venus den Apfel und pries sie als die Schönste der
drei Göttinnen. Sie aber führte ihn nach Griechenland und half ihm, die
schöne Königin zu gewinnen und nach Troja zu bringen. Diese Geschichte
stand auf dem Kamm in erhabener Arbeit, so klar und deutlich, daß es
jeder verstehen konnte.
Nun höret noch, wie der Spiegel beschaffen war! An Stelle des Glases
war ein schöner, klarer Beryll eingesetzt. Man sah darin alles, was
eine Meile entfernt geschah, bei Tag oder bei Nacht. Hatte jemand in
seinem Auge einen Flecken oder in seinem Antlitze einen Fehler und sah
in diesen Spiegel, so verschwanden die Gebrechen im selben Augenblick.
Ist es da ein Wunder, daß ich mich gräme, einen so köstlichen Schatz
verloren zu haben? Das Holz, aus dem der Rahmen gefertigt war,
hieß Sethym. Es glich dem Ebenholz, war fest und blank und konnte
nie verfaulen oder von Würmern zerstochen werden. Es war kostbarer
als Gold. Aus solchem Holze war zu König Krompardes Zeit das Pferd
gearbeitet, auf dem er in einer Stunde hundert Meilen weit reiten
konnte. Das Pferd hat nie seinesgleichen gehabt, aber leider ist meine
Zeit zu kurz, um Euch diese Geschichte gründlich erzählen zu können.
Der Rahmen des Spiegels war anderthalb Fuß breit. Viele Bilder waren in
ihn hineingeschnitzt, deren Bedeutung in goldener Schrift darunterstand.
Die erste Geschichte handelte von dem Pferde, das neidisch war, weil es
nicht wie der Hirsch laufen konnte. Es ging daher zu einem Hirten und
sprach: ›Glück auf! Setze dich auf meinen Rücken und folge meinem Rat.
Dort im Walde hat sich ein Hirsch versteckt. Den sollst du fangen, und
ich sage dir, deine Mühe wird sich reichlich belohnen. Sein Fleisch,
sein Geweih und sein Fell werden dir großen Nutzen bringen. Setze
dich also auf und laß uns jagen!‹ Der Hirt sagte, er wolle es wagen,
sprang auf den Rücken des Pferdes, und fort ging es in den Wald hinein.
Bald kamen sie auf die Spur des Hirsches und jagten ihm, so eilig
sie konnten, nach. Der Hirsch hatte aber einen großen Vorsprung, und
es gelang ihnen nicht, ihn einzuholen. Da sprach das Pferd zum Mann:
›Sitze ein wenig ab und laß mich etwas ruhen, denn ich bin sehr müde.‹
›Nein,‹ erwiderte der Mann, ›wahrlich nicht! Wir reiten weiter. Und
wenn du mir nicht gehorchst, sollst du meine Sporen fühlen.‹ Seht, so
wurde das Pferd ein Sklave des Menschen. Es wurde hart gestraft für
seine Absicht, dem Hirsch Tod und Verderben zu bringen. So geht es
manchem, der einem anderen Schaden zufügen will!
Ferner stand auf dem Rahmen die Geschichte von dem Hund und dem Esel.
Beide gehörten einem reichen Manne. Der Hund aber stand bei dem Herrn
in größerer Gunst als der Esel. Er saß an seines Herrn Tisch und
bekam die besten Bissen zu essen. Er wurde auf den Schoß genommen und
geliebkost. Dafür hatte er nichts weiter zu tun, als mit dem Schwanz zu
wedeln und zu schmeicheln. Das sah der Esel Boldewein und grämte sich
darüber. Er sprach zu sich selbst: ›Wie ist es nur möglich, daß mein
Herr so freundlich zu diesem faulen Hund ist, der nichts weiter tut
als lecken und schmeicheln? Ich aber muß die ganze Arbeit verrichten.
Ich muß schwere Säcke tragen und in vier Wochen mehr tun als fünf, ja
selbst zehn Hunde in einem ganzen Jahr ausrichten könnten. Er bekommt
feine Speisen zu essen, mir aber gibt man nichts als Heu. Er schläft
auf weichen Kissen, ich muß auf der harten Erde liegen. Ja, überall
spottet man über mich. Ich will das aber nicht länger ertragen, sondern
auch versuchen, die Huld meines Herrn zu erwerben.‹ Da kam der Herr
gerade nach Haus. Der Esel lief ihm entgegen, wedelte mit dem Schwanz
und schrie: Y--a -- Y--a. Er stellte sich auf die Hinterfüße und leckte
seinem Herrn das Gesicht, wie er's vom Hunde gesehen. Dabei war er
aber ungeschickt und stieß dem Herrn zwei große Beulen. Da rief dieser
in großer Angst: ›Ergreift den Esel und schlagt ihn tot!‹ Die Knechte
prügelten alle auf ihn los und trieben ihn wieder in den Stall. So
blieb er, was er war -- ein Esel.
So gibt es manchen dummen Esel, der anderen ihr Glück mißgönnt und
es doch selbst nicht erringen kann. Ja, gelingt es einem auch, so
eignet er sich nicht besser dazu als ein Schwein, das mit Löffeln ißt.
Man lasse die Esel Säcke tragen und Disteln und Heu fressen. Tut man
ihnen größere Ehre an, so bleibt es bei der alten Lehre: Wo Esel die
Herrschaft haben, da sieht man selten großes Gedeihen. Meist suchen sie
ihren eigenen Vorteil und fragen wenig nach anderer Leute Wohlfahrt.
Dabei ist das Traurige, daß die Esel täglich an Macht höher steigen.
Ferner war auf dem Rahmen zu sehen, wie mein Vater einstmals mit dem
Kater Hinze Freundschaft schloß. Sie schwuren einander, alle Beute
redlich zu teilen und sich in Gefahr treu beizustehen. So machten sie
viele Reisen zusammen. Einstmals sahen sie einen Jäger und Hunde auf
sich zukommen. Da rief Hinze in großer Angst: ›Jetzt ist guter Rat
teuer!‹ Mein Vater aber sagte: ›An gutem Rat fehlt es uns nicht, ich
habe noch einen ganzen Sack voll davon! Wir wollen aber unseren Schwur
halten und treu beieinander bleiben, dann wird noch alles gut werden.‹
Hinze versetzte: ›Hier gibt es nur einen guten Rat, den will ich mir
zunutze machen.‹ Und damit sprang er auf einen Baum, wo ihn die Hunde
nicht erreichen konnten. Meinen armen Vater ließ er in größter Gefahr
allein. Spottend rief Hinze noch vom Baum herab: ›Wie steht es denn
nun mit Eurem Rat? Ihr hattet doch eben noch einen ganzen Sack voll!
Nehmt doch davon!‹ Da kamen auch schon Jäger und Hunde ganz nahe heran.
Mein armer Vater wurde durch dick und dünn gehetzt, bis er endlich, zum
Tode ermattet, seine Burg erreichte. Dort war er vor den Verfolgern
sicher. So verriet ihn der, dem er am meisten vertraute. Es müßte also
ein Wunder sein, wenn ich dem bösen Schelm, dem Hinze, gut wäre. Solche
falschen Freunde gibt es häufig in der Welt, die uns im Glück anhangen
und in der Not verlassen.