mitgab. Und so ging er fort, tat aber gerade das Gegenteil von dem,
was ich ihm gesagt hatte. Hat er nun etwas abbekommen, so ist es seine
eigene Schuld. Warum hat er meine Ratschläge nicht befolgt? Er sagte
keck, er wüßte schon selber, was er zu tun hätte, und ging in die Höhle
hinein.
Da erblickte er nun die Meerkatzen, die wie die Teufel selbst aussahen.
›Hilf Gott!‹ rief er aus, ›was für scheußliche Tiere sind das! Sind
das Eure Kinder, oder sind sie aus der Hölle selbst entsprungen? Geht,
ersäuft sie, das ist mein Rat! Gehörten sie mir, so würde ich sie alle
hängen. Was soll solch böse Brut in der Welt? Wie garstig sehen sie
aus!‹
Die Meerkatze versetzte: ›Welcher Teufel hat Euch hergesandt? Was habt
Ihr uns zu verspotten? Was habt Ihr überhaupt hier zu suchen? Ob meine
Kinder häßlich oder schön sind, was geht es Euch an? Reineke, der
Fuchs, ist doch gewiß klug; der war heute auch bei uns und fand meine
Kinder schön, sittsam und von guter Art. Er begrüßte sie als seine
nahen Anverwandten, und das vor kaum einer Stunde. Gefallen sie Euch
nicht so gut wie ihm, wer hat Euch denn hierher gebeten? Das sage ich
Euch, Herr Isegrim, wenn Ihr es wissen wollt.‹
Da forderte der Wolf etwas zu essen von ihr. ›Gebt her,‹ rief er,
›oder ich werde Euch dabei helfen. Für mich sind die Speisen nötiger
als für diese Gespenster.‹ Da sprang die Meerkatze auf ihn zu, biß
und kratzte auf ihn los, und die Kinder machten es ebenso, bissen und
zerrten ihn aufs furchtbarste. Er fing an zu heulen und zu schreien.
Das Blut lief ihm über die Backen. Er setzte sich nicht einmal zur
Wehr, sondern lief, so schnell er konnte, aus der Höhle heraus. Ich
stand draußen und erwartete ihn. Er war jämmerlich zerschunden. Sein
Fell war zerzaust, ein Ohr war zerrissen. Mehrere Löcher hatten sie
ihm in den Kopf geschlagen. Das Blut floß in Strömen herab. Ich fragte
ihn: ›Habt Ihr etwa die Wahrheit gesagt?‹ ›Ja,‹ erwiderte er, ›ich
sagte, wie ich es fand. Die garstige Hexe hat mich arg beschimpft. Wäre
sie hier draußen, so sollte sie mir's teuer bezahlen! Wie gefallen Euch
ihre Kinder, Reineke? Sehen sie nicht garstig und häßlich aus? Da ich
ihr das aber sagte, war es um mich geschehen! Ich verscherzte mir damit
sogleich ihre Gnade und kam sehr übel dabei an.‹ Da erwiderte ich:
›Seid Ihr denn verrückt? So habe ich es Euch nicht gelehrt. Ihr hättet
zu ihr sagen sollen: Liebe Muhme, wie geht es Euch und Euren reizenden
Kinderchen? Sie sind alle, groß und klein, meine lieben Verwandten!‹
Isegrim versetzte darauf: ›Ehe ich sie Muhme und die Kinder meine
Neffen nennen würde, eher soll sie lieber der Teufel holen! Ihre
Freundschaft kann ich gar wohl entbehren, denn es ist das ärgste
Lumpengesindel von der Welt.‹
Seht, Herr König, so empfing Isegrim für sein schlimmes Benehmen
schlimmen Lohn. Hat er nicht unrecht, wenn er sagt, ich habe ihn
verraten und bin schuld daran, daß es ihm so übel erging? Fragt
ihn selbst, ob sich die Sache nicht so zugetragen hat, wie ich sie
erzählte.«
16. Kapitel.
Die Forderung und die Vorbereitung zum Zweikampfe.
Auf diese Aufforderung versetzte Isegrim: »Wir wollen endlich zu
schwatzen aufhören und dem Dinge ein Ende machen! Warum sollen wir
uns fortwährend zanken? Reineke, Ihr sollt Euren Willen haben, ich
will mit Euch einen Zweikampf wagen. Dann wird es sich zeigen, auf
wessen Seite das Recht ist. Ihr sprecht hier von der Affenhöhle, wie
ich großen Hunger litt und Ihr mir etwas zu essen brachtet. Das war
aber ein bloßer Knochen, von dem Ihr schon alles Fleisch abgenagt
hattet! Ihr spottet meiner und tretet meiner Ehre zu nah'! Ihr habt
schändliche Lügen ersonnen, wie ich dem Könige, meinem Herrn, nach dem
Leben getrachtet hätte. Alles, was Ihr dem König von dem Schatz erzählt
habt, ist Lug und Trug. Niemand wird je die Kostbarkeiten zu sehen
bekommen, da sie gar nicht vorhanden sind. Ihr habt mich und mein Weib
unzählige Male betrogen und verraten. Mit freundlichen Worten habt Ihr
mir geschmeichelt, aber weh mir, wenn ich Euch traute! Ich fordere Euch
also jetzt zum Zweikampf auf Tod und Leben! So soll unser Zwist endlich
aufhören! Ich sage, daß Ihr ein Mörder und Verräter seid, ein Dieb und
ein Räuber! Hier werfe ich meinen Handschuh hin. Nehmt ihn auf, und der
Kampf soll zwischen uns entscheiden. Ihr, Herr König, und alle ihr
Herren, habt es gehört und sollt Zeugen bei dem Zweikampf sein! Der
morgige Tag entscheide, wer im Recht ist, Reineke oder ich!«
So sprach der Wolf. Reineke aber dachte in seinem Sinn: »Das wird nun
um Gut und Leben gehen! Er ist groß, und ich bin klein. Er ist stark,
und ich bin schwach. Mache ich meine Sache diesmal schlecht, so ist
alles verloren. Doch wenn er auch stärker ist, so bin ich doch klüger
und weiß mir besser zu helfen. Auch kann ich schneller laufen als er,
denn ich habe noch die Klauen an meinen Vorderfüßen, während er sie
eingebüßt hat.«
Und zum Wolf gewendet, sagte er: »Isegrim, Ihr seid selbst ein
Verräter! Alles, was Ihr mir hier zur Last legt, das lügt Ihr! Ich will
es wagen, mit Euch zu kämpfen. Denn das war von jeher mein Wunsch.
Alles, was Isegrim sagt, ist Lüge. Darauf setze ich mein Gegenpfand
hier vor Gericht!« Damit warf er seinen Handschuh hin.
Der König empfing das Pfand von Isegrim ebenso wie das von Reineke und
sprach zu ihnen: »Ihr müßt nun beide Bürgen stellen, daß ihr morgen zum
Kampfe erscheinen wollt. Eure Angelegenheiten sind so verworren, daß
nur der Kampf zwischen euch entscheiden kann.«
Isegrims Bürgen wurden Hinze, der Kater, und Braun, der Bär; Grimbart,
der Dachs, und Mönke, der junge Affe, wurden Bürgen für Reineke.
Darauf wurde die Versammlung beendet. Zu Reineke aber trat Frau
Rückenau heran und sagte: »Freund Reineke, seid nur guten Mutes! Euer
Oheim Martin, der jetzt nach Rom gegangen ist, lehrte mich einst ein
gutes Gebet, das der Abt von Schluckauf verfaßt hat. Dieser Abt hatte
Martin lieb und schenkte ihm das Gebet und sprach: ›Dieses Gebet ist
allemal gut für den, der in den Streit geht. Man muß es frühmorgens
nüchtern über ihn lesen, so soll er den Tag über von aller Not frei
und selbst vor dem Tode sicher sein. An diesem Tage kann ihn niemand
verwunden.‹ Darum, lieber Oheim, seid guten Mutes! Ich will es morgen
früh über Euch lesen, so braucht Ihr Euch vor dem Tode nicht zu
fürchten.«
Reineke antwortete: »Meine liebe Muhme, ich danke Euch von Herzen
dafür! Meine Sache ist gerecht, deshalb sehe ich getrost dem kommenden
Tag entgegen!«
Reinekes Freunde blieben die Nacht über bei ihm, um ihm die Sorgen zu
vertreiben. Frau Rückenau, die Äffin, war beständig mit Rat und Tat
um ihn herum. Sie ließ ihm vom Kopf bis zum Schwanze alle seine Haare
abscheren und ihn ganz mit Öl bestreichen. Sie sprach zu ihm: »Reineke,
paßt wohl auf, was Ihr tut. Hört guter Freunde Rat, das wird Euch gut
tun und kann nie schaden. Ihr seid nun am ganzen Leibe rund und glatt;
Isegrim wird Euch nun mit seinen Tatzen nicht fassen und festhalten
können. Laßt Euch zuerst von ihm angreifen und jagen. Flieht eilig vor
ihm, aber -- vergeßt das nicht -- immer gegen den Wind. Da wirbelt Ihr
tüchtig Staub auf, der ihm in die Augen fliegt. Steht er dann still, um
sich die Augen auszuwischen, so schleudert Ihr ihm mit Eurem Schwanz
neuen Sand hinein. Er wird dann wie blind sein und nicht mehr wissen,
wohin er sich wenden soll. So, lieber Oheim! Nun legt Euch ruhig
schlafen, wir wollen Euch schon wecken, wenn es Zeit ist. Aber vorher
muß ich über Euch die heiligen Worte lesen, von denen ich Euch gesagt
habe.« Damit legte sie die Hand auf sein Haupt und sprach: »Gaudo
statzi salphenio, Caßbu, garfonns Barbas aßbulfrio! -- Seht, Reineke,
nun seid Ihr wohl verwahrt!«
Darauf legte sich der Fuchs zu Bett und schlief, bis die Sonne aufging.
Da kamen die Otter und der Dachs und weckten ihn.
Die Otter brachte ihm eine junge Ente und sagte: »Ich habe manchen
Sprung gewagt, ehe ich sie dem Vogelsteller bei der Hühnerburg rechts
vom Damm wegstibitzen konnte. Laßt sie Euch wohlschmecken, lieber
Vetter!«
»Das ist ein guter Morgengruß!« versetzte Reineke. »Verschmähte ich
das, so wäre ich ein Narr. Gott lohne es Euch, daß Ihr meiner so
gedenkt!«
Reineke aß und trank tüchtig, damit er sich recht gestärkt fühle, und
ging dann in Begleitung seiner Freunde auf den Platz, wo der Kampf
stattfinden sollte.
17. Kapitel.
Der Zweikampf und seine Entscheidung.
Als der König Reineke so geschoren und von Fett glänzend daherkommen
sah, lachte er aus vollem Halse und rief: »O, Fuchs, wer hat dich das
gelehrt? Wahrlich, an Schlauheit übertrifft dich niemand! Du weißt dir
immer zu helfen!«
Reineke verneigte sich tief vor dem König und grüßte auch die Königin
mit größter Ehrerbietung. Er zeigte sich zum Kampf bereit und sprang
munter in den Kreis hinein.
Da stand auch schon der Wolf mit seinen Freunden, die ihm alle das
Schlimmste wünschten. Sie sprachen manches boshafte Wort über ihn. Bald
darauf traten die Kampfrichter herbei, der Luchs und der Leopard, und
beide Kämpfer mußten den Eid leisten. Isegrim schwur, Reineke sei ein
Verräter, ein Dieb und ein Mörder, dafür wolle er sein Leben einsetzen.
Reineke dagegen tat den Schwur, Isegrim leiste einen falschen Eid,
jedes Wort, das er sage, sei eine Lüge. Und das wolle er ihm beweisen!
Da sprachen die Kreishüter: »Tut, was ihr zu tun habt! Wer im Recht
ist, das wird sich bald zeigen!«
Da gingen alle hinaus, groß und klein, die nichts darin zu tun hatten.
Nur der Wolf und der Fuchs blieben in dem Kreise.
Die Äffin flüsterte Reineke zu: »Vergeßt nicht, was ich Euch geraten
habe!«
Frohen Mutes erwiderte der Fuchs: »Ich weiß, Ihr sähet es gern,
wenn es gut endete! Glaubt mir, ich werde meinem Feinde unverzagt
entgegengehen! Bin ich doch schon mancher Gefahr entronnen! Wie oft
habe ich schon mein Leben aufs Spiel gesetzt; so will ich es auch gegen
diesen Bösewicht wagen. Und ich hoffe, ich werde siegreich aus dem
Kampfe hervorgehen und sowohl ihn wie sein ganzes Geschlecht in Schande
bringen! Mir aber und allen meinen Verwandten werde ich Ehre bereiten.
Ich will dem Wolf schon eintränken, was er über mich gesagt hat!«
Nun blieben diese beiden allein aus dem Kampfplatz, und ein paar
tapfere Kämpfer waren es, die man da bewundern konnte.
Es erschallte die Trompete zum Zeichen, daß der Kampf beginnen sollte.
Voll Ingrimm, mit offenem Rachen und blitzenden Augen sprang der
Wolf aus seinen Gegner los. Dieser aber, leichter und gewandter als
der schwerfällige Wolf, sprang rasch zur Seite. Dann lief er immer
gegen den Wind vor dem Wolf her, seinen Schwanz im Winde schleifend.
Absichtlich ließ er Isegrim nahe herankommen, und als dieser glaubte,
ihn schon fassen zu können, schlug ihm der Schlaue den mit Sand
gefüllten Schweif so heftig in die Augen, daß dem Wolf Hören und
Sehen verging. Während dieser nun stehen blieb, um sich die Augen
auszuwischen, wirbelte Reineke immer mehr Staub und Sand auf und schlug
dem Gegner mit dem Schweif in die Augen, daß dieser nicht das Geringste
mehr sehen konnte. Schnell faßte ihn Reineke bei der Kehle, biß und
kratzte ihn und gab ihm noch lose Worte dazu. »Ei, Herr Isegrim,«
spottete er, »Ihr habt oftmals manch unschuldiges Lamm gefressen und
manch anderes harmloses Tier verschlungen; ich hoffe, Ihr werdet es
künftig nicht mehr tun. Das gereicht Eurer Seele sicher zum Heile, daß
Ihr in Zukunft nicht mehr rauben und morden könnt. Seid nur geduldig,
denn es ist bald aus mit Euch, da Ihr in Reinekes Macht geraten seid.
Doch wollt Ihr abbitten und Euch versöhnen, so will ich Eures Lebens
gern schonen.«
Mit einem kräftigen Ruck riß sich Isegrim los. Da schlug ihm Reineke
ins Gesicht, daß er ein Auge verlor! Vor Schmerzen heulte er laut auf
und sprang wie rasend auf Reineke los. Er warf ihn auf die Erde nieder
und packte den einen Vorderfuß des Fuchses mit seinen Zähnen, indem er
rief: »O du Dieb, nun ist deine letzte Stunde gekommen! Erkläre dich
als überwunden, oder ich schlage dich tot. Deine Betrügereien sind zu
groß gewesen. Dein Staubaufwirbeln, dein Lügen und dein Fettschmieren
soll dir nun nichts helfen! Du kannst mir nicht mehr entgehen! Du hast
mir zu viel Schaden zugefügt und mir jetzt sogar ein Auge ausgerissen!«
Reineke war sehr übel zumute. »Jetzt bin ich in der größten Gefahr,«
dachte er. »Ergebe ich mich nicht, so ist es mein Tod; ergebe ich
mich aber, so gerate ich in Schimpf und Schande.« Er legte sich also
aufs Bitten: »Lieber Oheim, schont meiner, und ich will gern Euer
Lehnsmann werden. Ich will für Euch zum Heiligen Grabe wallfahren und
Ablaß für Eure Seele erflehen. Ich will Euch in Ehren halten, als ob
Ihr der Papst in Rom wäret, ja Euch einen teuren Eid schwören, Euer
Knecht in Ewigkeit zu sein. Auch meine Verwandten sollen Euch stets
dienen. Alles, was ich fangen kann, das steht Euch zu Gebote; es mögen
nun Gänse, Enten, Hühner oder Fische sein, so will ich sie an Euren
Tisch liefern. Nur was Ihr übriglaßt, will ich für mich beanspruchen.
Ich will jederzeit auf Euer Wohl bedacht sein, daß Euch kein Schaden
geschehe. Ihr seid stark, und ich bin klug. Halten wir nun zusammen,
der eine mit Rat, der andere mit Macht, wer will uns dann etwas
anhaben? Wir sind so nahe Anverwandte, daß wir nicht miteinander
streiten sollten. Ich bin auch ungern in diesen Kampf mit Euch
gegangen; wenn ich ihm nur hätte entgehen können! Allein Ihr habt mich
dazu herausgefordert, da mußte ich wohl kommen, so ungern ich es auch
tat. Doch bin ich bisher noch sehr gnädig mit Euch verfahren und habe
nicht meine ganzen Kampfmittel aufgeboten. Ich habe eine Ehre darin
gesucht, Euch als meinen Oheim zu schonen. Sonst wäre ich ganz anders
mit Euch verfahren. Jetzt ist Euch noch nicht viel Schaden geschehen,
außer mit Eurem Auge. Und das geschah aus Versehen! O, wie leid tut es
mir! Aber ich weiß einen Rat, Euch wieder zu heilen. Doch verliert Ihr
selbst das Auge, und Ihr seid sonst gesund, so ist es nicht so schlimm.
Denn Ihr braucht nur ein Fenster zuzumachen, wenn Ihr schlafen geht, da
andere zwei schließen müssen.
Noch eine andere Versöhnung will ich Euch anbieten. Alle meine Freunde,
mein Weib und meine Kinder, sollen sich vor Euch neigen in Gegenwart
des Königs, unseres Herrn, und sollen Euch um Reinekes Leben bitten.
Ich will auch öffentlich bekennen, daß ich nicht die Wahrheit gesagt
und Euch häufig belogen und betrogen habe. Schwören will ich, daß ich
nichts Böses von Euch weiß. Tötet Ihr mich aber jetzt, so müßt Ihr
allezeit in Angst vor meinen Verwandten und Freunden leben. Verschont
Ihr mich hingegen, so erwerbt Ihr Euch Ruhm und Ansehen und gewinnt
viele neue Freunde, die Euch jederzeit dienen werden. Tut nun, was Euch
gut dünkt. Mir ist wenig daran gelegen, ob ich lebe oder sterbe!«
Da sprach der Wolf: »O du falscher Fuchs, wie gerne wärst du wieder
frei! Und wäre die ganze Welt aus rotem Golde, und du bötest mir
dieselbe zum Ersatz, ich ließe dich doch nicht los. Du hast mich zu oft
betrogen, du falscher, treuloser Gesell! Und gäbst nur sicherlich nicht
eine Eierschale, wenn ich dir dein Leben schenkte. Nach deinen Freunden
frage ich nicht viel. Ich will ihre Feindschaft schon ertragen und
werde mich zu wehren wissen, wenn sie mich angreifen. Ach, wie würdest
du mich verspotten, wenn ich mich durch deine Verlockungen verführen
ließe, dich freizugeben! Wie würdest du künftighin noch manchen
betrügen, der sich auf dein Lügen nicht verstände! Du sagst, du habest
mich verschont! Schau' nur her, du Bösewicht! Hast du mir nicht ein
Auge ausgerissen? Hast du mir nicht an allen Teilen meines Körpers mehr
als zwanzig Wunden beigebracht? Du ließest mir ja nicht die Zeit zum
Atemholen. Wie töricht würde ich handeln, wenn ich dir Gnade erwiese.
Nein, nein! Diesmal sollst du es mit dem Leben büßen!«
Während der Wolf so sprach, hatte Reineke auf neue List gesonnen.
Er packte plötzlich den Wolf an der empfindlichsten Stelle seines
Körpers mit solcher Gewalt, daß Isegrim vor Schmerz laut aufschrie. Den
Augenblick benutzte Reineke, seine Pfote aus dem Rachen des Wolfes zu
ziehen, und nun hielt er den Wolf mit beiden Tatzen fest umklammert und
biß wie wild darauflos, wohin er eben traf. Isegrim schrie und heulte
vor Schmerz und sank endlich, von Blut und Wunden bedeckt, betäubt zur
Erde nieder.
Voll Schrecken und Betrübnis sahen die Freunde des Wolfes dem Ausgang
des Kampfes zu. Sie eilten zum König und baten ihn, den Befehl zur
Beendigung des Kampfes zu geben. Der König war damit einverstanden.
Er gebot den beiden Kampfrichtern, dem Luchs und dem Leopard, dem
siegreichen Fuchs mitzuteilen, es sei nunmehr genug, und er, der König,
wünsche, daß man den Kampf endige. Diese beiden eilten sogleich in den
Kreis und sprachen: »Hört, Reineke! Wir Kampfrichter verkünden Euch
den Befehl des Königs! Er will den Krieg zwischen euch beiden endigen
und euch trennen. Er bittet Euch, Isegrim freizugeben und am Leben
zu lassen. Es wäre dem König leid, wenn einer von euch beiden in dem
Kampfe bliebe! Ihr, Reineke, habt den Sieg davongetragen, das sagt hier
jung und alt, und alle rechtlich Denkenden zollen Euch Beifall.«
Reineke entgegnete darauf: »Dafür sollen sie alle meinen Dank haben!
Gern gebe ich den Worten des Königs Gehör und gehorche seinem Befehle.
Mehr verlange ich nicht als den Sieg. Doch bitte ich den König, mir zu
gestatten, daß ich erst meine Freunde befrage.«
Da riefen alle seine Freunde und Verwandten: »Ja, Reineke, es dünkt
auch uns gut, daß Ihr dem Willen des Königs folgt!«
Darauf kamen sie von allen Seiten herbei, denn es hatten sich eine
ganze Menge zu dem interessanten Schauspiel eingefunden. Der Dachs, der
Affe und der Biber, die Otter, der Marder und das Eichhorn drängten
sich nun alle an den Fuchs heran. Ja, viele, die gegen ihn geklagt
hatten und nichts von ihm hatten wissen mögen, erzeigten ihm jetzt die
größte Liebe. Jeder wollte sein nächster Verwandter sein und sich in
seine Gunst setzen. Ja, so geht es in der Welt. Wem es gut geht, der
hat viele Freunde, wem es aber übel geht, der hat gewiß keine! So war
es auch hier. Als Reineke gewonnen hatte, wollte jeder auf seiner Seite
stehen. Die einen pfiffen, die anderen sangen, bliesen auf Posaunen
oder schlugen die Pauken. Alle seine Freunde riefen ihm zu: »Reineke,
seid froh! Ihr habt Euch in dieser Stunde mit Ruhm bedeckt. Wir waren
schon sehr betrübt, als Ihr zu unterliegen schienet. Aber das Glück hat
sich bald gewendet. Ihr seid mit Ehren aus dem Kampf hervorgegangen!
Das war ein treffliches Meisterstück!«
Reineke dankte allen seinen Freunden und trat dann, von den
Kampfrichtern begleitet, vor den König. Demütig kniete er vor dem
Throne nieder. Der König aber hieß ihn aufstehen und sprach in
Gegenwart aller Herren zu ihm: »Ihr habt den Streit mit Ehren bestanden
und tapfer für Euer Recht gekämpft! So spreche ich Euch denn frei von
jeder Schuld, und keine Strafe soll Euch treffen. Alles übrige soll
entschieden werden, sobald Isegrim von seinen Wunden wiederhergestellt
ist.«
Reineke sprach: »Herr, Eurem Rate folge ich immer gern. Ehe ich herkam,
klagte manch einer über mich, dem ich nie Schaden zugefügt hatte.
Mancher stimmte wohl nur in das allgemeine Geschrei gegen mich ein
aus Furcht vor dem Wolfe. Sie merkten, daß Isegrim damals besser bei
Euch angeschrieben war als ich. Wer im Recht war, das kümmerte sie
nicht. Sie glichen jenen gierigen Hunden, die vor der Küche warteten,
ob man ihnen nicht einen Knochen hinauswerfe. Da sahen sie einen
Hund herauskommen, der dem Koch ein großes Stück gesottenes Fleisch
wegstibitzt hatte. Es war ihm aber auch schlecht bekommen. Der Koch
hatte ihm sein Hinterteil mit kochendem Wasser begossen und ihm den
ganzen Schwanz verbrüht. Gleichwohl hielt er das Gestohlene fest. Als
er nun zu den anderen Hunden kam, riefen diese: ›Seht, diesem geht
es gut! Er hat den Koch zum Freunde! Welch prachtvolles Stück hat er
ihm gegeben!‹ Da sprach der arme Verbrannte traurig: ›Ihr preist mich
glücklich, weil ihr mich nur von vorne seht und euch das Stück Fleisch
gefällt. Aber seht mich nur mal von hinten an, da werdet ihr eure
Meinung bald ändern!‹ Als sie ihn nun recht besahen und bemerkten, wie
verbrannt er war, wie ihm die Haare ausfielen, und wie die ganze Haut
eingeschrumpft war, da befiel sie ein Grauen. Kein einziger wollte in
die Küche; sie liefen weg und ließen ihn allein.
Herr, mit diesem Beispiel meine ich die Habgierigen. Kommen sie zu
Macht und Ansehen, so will sie ein jeder zum Freunde haben. Man sieht
täglich, ja stündlich auf sie, denn sie tragen das Fleisch im Munde.
Ein jeder sagt, was sie gern hören. Jeder lobt sie, ob sie gleich
nichts taugen. Und so wird ihre böse Sache immer von ihnen bestärkt.
Allein die Strafe folgt ihnen endlich nach. Ihr Regiment schlägt
schließlich um; zuletzt kann man sie nicht mehr leiden, und das Haar
fällt ihnen auf beiden Seiten aus; das sind ihre großen und kleinen
Freunde, die sämtlich von ihnen abfallen und sie allein stehen lassen,
wie diese Hunde taten, als sie ihren Kameraden verbrannt, blutig und
beschimpft vor sich sahen. Herr, versteht mich recht. Von Reineke soll
dies nicht gesagt werden. Ich will das beste Teil erwählen, und meine
Freunde sollen sich meiner nicht zu schämen haben. Ich danke Euer
Gnaden gehorsamst und bin jederzeit bereit, nach Eurem Willen zu leben.«
Der König sprach darauf: »Wohl habe ich Euch verstanden, Reineke! Ich
setze Euch wieder in alle Eure Ehren ein. Ihr sollt zu den ersten
Baronen meines Reiches gehören. Jederzeit sollt Ihr bereit sein,
in meinem geheimen Rat zu erscheinen. Der Hof kann Euren Rat nicht
entbehren. Wenn Ihr Eure Weisheit mit Tugend verbindet, so steht hier
niemand so hoch wie Ihr. In Zukunft will ich keine Klagen mehr gegen
Euch mit anhören. Ihr sollt als Kanzler des Reiches Euer eigenes Urteil
sprechen. Mein königliches Siegel lege ich in Eure Hand. Was Ihr
schreibt und siegelt, das hat Geltung, als hätte ich es selbst getan.«
So wurde nun Reineke der erste Staatsdiener an des Königs Hofe. Er
neigte sich vor König Nobel und sagte: »Gnädiger Herr, ich danke
Euch sehr, daß Ihr mir so große Ehre erweist! Ich werde mich immer
erkenntlich dafür zeigen und Eure Güte zu verdienen streben!«
Dem Wolf erging es indessen sehr übel. Zum Tode ermattet und in großen
Schmerzen war er auf der Erde liegen geblieben. Nur seine Frau, seine
Kinder, Braun, der Bär, und Hinze, der Kater, waren um ihn versammelt.
Sie schafften eine Bahre herbei, legten ihn vorsichtig hinauf und
trugen ihn traurig vom Kampfplatz. Man rief sogleich Ärzte herbei, die
seine Wunden untersuchten. Er hatte deren sechsundzwanzig. Er wurde
verbunden und mußte Arznei zu sich nehmen; denn er war sehr schwach
und krank. Endlich schlief er ein wenig ein. Aber es dauerte nicht
lange, und er erwachte wieder. Der Kummer über die erlittene Schmach
ließ ihn keine Ruhe finden. Sein Weib, Frau Gieremund, saß an seinem
Lager in tiefer Betrübnis. Sie jammerte über die Schmerzen, die ihr
armer Mann auszuhalten hatte, und ärgerte sich, daß der Bösewicht
Reineke den Sieg über ihn davongetragen hatte.
Reineke indessen weilte wohlgemut und frohen Sinnes im Kreise seiner
Freunde, die ihn umschmeichelten. Der König sagte ihm freundliche Worte
zum Abschied. »Reineke,« sprach er, »kehrt bald zurück, mein lieber
Kanzler!«
Der Fuchs kniete vor dem Throne nieder und sagte:
»Gnädiger Herr, ich danke Euch aus vollem Herzen, wie auch meiner
gnädigen Königin, Euren Räten und allen Herren am Hofe. Gott erhalte
Euch lange, reich an Ruhm und Ehren! Was Ihr anordnet, werde ich
jederzeit tun, nicht nur aus Pflicht, sondern auch aus Liebe! Denn ich
liebe und ehre Euch, wie Ihr es verdient. Wenn Ihr es gestattet, hoher
Herr, so will ich jetzt zu meinem Weibe und meinen Kindern reisen, die
ungeduldig meiner harren und gewiß über mein langes Ausbleiben schon
sehr bekümmert sind.«
Der König sprach: »So reist denn glücklich, mein lieber Reineke!«