des Königs gehört. Er lief nun, so schnell es ihm möglich war, nach
Reinekes Schloß, um ihm diese Nachricht zu überbringen. Er war sehr
betrübt und sprach zu sich selber: »Ach, armer Oheim, wie wird es dir
nun gehen! Du bist das Haupt unseres ganzen Geschlechts, und wir alle
trauern um dich!«
Als Grimbart in Malepartus anlangte, fand er Reineke vor der Tür seines
Hauses stehen. Er hatte ein paar junge Tauben gefangen, die ihren
ersten Flug aus dem Neste gewagt hatten. Ihre Flügelein waren aber noch
zu schwach, um sie zu tragen. Sie fielen zur Erde nieder, Reineke sah
es und erhaschte sie. Als Reineke den Dachs kommen sah, ging er ihm
entgegen und sprach: »Willkommen, Neffe! Ihr lauft ja so sehr, daß Ihr
schwitzt! Was bringt Ihr denn für frohe Botschaft?«
Grimbart versetzte: »Eine Botschaft bringe ich Euch freilich, es ist
aber leider eine recht schlechte. Hab und Gut, Leib und Leben, alles
ist verloren! Der König hat geschworen, daß er Euch töten will. Er
hat alle seine Ritter aufgeboten, sich mit Schwertern, Büchsen und
Bogen zu bewaffnen. Mit Heeresmacht will er vor Malepartus ziehen und
die Festung belagern. In sechs Tagen ist er hier. Wehe, teurer Oheim,
dann seid Ihr verloren! Der König ist furchtbar erzürnt gegen Euch.
Er war ganz außer sich über Euren Verrat an dem armen Lampe. Nun
haben auch noch das Kaninchen und die Krähe schwere Klagen gegen Euch
erhoben. Isegrim und Braun sind wieder hoch in Ehren am Hofe. Alles,
was sie wollen, geschieht. Es wird nicht lange dauern, so wird der
König Isegrim zum Marschall ernennen. Er ist schon jetzt mit dem König
vertrauter als ich mit Euch. Seit er durch Eure Schuld ins Gefängnis
geworfen wurde, hegt er einen furchtbaren Haß gegen Euch in seinem
Herzen und schwört, sich an Euch zu rächen, sollte er auch sein Leben
daran wagen. Er schimpft Euch Räuber und Mörder und drängt den König,
das Todesurteil über Euch auszusprechen. Glaubt mir, Oheim, werdet Ihr
gefangen, so müßt Ihr Abschied vom Leben nehmen.«
»Weiter habt Ihr mir nichts zu sagen?« versetzte lachend der Fuchs.
»Das ist ja nicht der Rede wert. Darum seid Ihr so sehr erschrocken?
Wenn es weiter nichts ist! Hätten der König und alle seine Räte noch
zehnmal mehr geschworen, so hilft es ihnen doch nichts. Komme ich
nur zu Worte, so will ich meine Verteidigung schon führen, daß ich
schließlich als Sieger dastehe und sie die Unterlegenen sind.
Schlagt Euch die Sache aus dem Sinn, lieber Neffe. Kommt mit hinein und
seht, was ich Euch vorzusetzen habe! Ein Paar Tauben, jung und fett!
Ich esse keine Speise lieber, denn sie ist leicht zu verdauen, man mag
sie ganz verschlucken oder klein gekaut haben. Auch die Knöchelchen
schmecken süß; sie sind halb Milch, halb Blut. Ich esse gern leichte
Speisen, und meine Frau hat denselben Geschmack. Kommt also herein,
sie wird Euch wohl empfangen. Aber von der bewußten Angelegenheit
müßt Ihr sie nichts merken lassen. Sie ist gar zu ängstlich und sieht
bei kleinen Dingen oft große Gefahr. Seid darum verschwiegen! Morgen
wollen wir an den Hof gehen. Aber werdet Ihr mir auch beistehen wie ein
Verwandter dem anderen?«
»Mit Leib und Seele stehe ich zu Euren Diensten!« rief Grimbart aus.
»Habt Dank!« sprach der Fuchs, »wenn ich mit dem Leben davonkomme, so
soll es Euer Schade nicht sein!«
»Ihr könnt getrost vor den König treten!« sagte Grimbart, »um euch zu
verantworten. Denn der Leopard gab den Rat, es solle Euch nichts Böses
geschehen, ehe Ihr Euch nicht selbst verteidigt habt. Derselben Meinung
ist auch die Königin. Ihr wißt, was für Macht sie über den König hat.
Nutzt das zu Eurem Vorteil!«
»Das werde ich tun!« sprach Reineke. »Hört mich der König nur erst an,
so wird es mir auch gelingen, ihn umzustimmen!«
Beide gingen nun in das Haus hinein und wurden von Frau Ermelyn
freundlich empfangen.
Sie bereitete ihnen ein köstliches Mahl von den mitgebrachten Tauben.
Jeder aß sein Teil davon, aber satt wurde keiner. Jeder hätte mit
Leichtigkeit noch ein halbes Dutzend solcher jungen Täubchen verzehrt.
Nach Tisch rief Reineke seine Kinder herbei und zeigte sie dem Gast.
»Seht, Neffe,« fragte er den Dachs, »wie gefallen Euch denn meine
Kinder, Rossel und Reinhart? Sie fangen schon frühzeitig an, sich in
mancherlei Geschicklichkeiten auszubilden. Der eine fängt ein Huhn,
der andere ein Küchlein. Sie können auch schon unter Wasser tauchen,
um Enten und Kibitze zu erhaschen. Ich könnte sie wohl öfter auf die
Jagd schicken, aber ich will sie erst klüger machen und sie erst
lehren, wie sie sich vor Jägern und Hunden in acht nehmen sollen. Wenn
sie das erst recht verstehen, dann werden sie uns manche köstlichen
Braten verschaffen, die wir jetzt entbehren müssen. Ich sage Euch, sie
schlagen ganz nach mir. Kein Tier, dem sie nachstellen, kann ihnen
etwas anhaben; sie beißen ihm gleich die Kehle durch, ganz wie Vater
Reineke es zu machen pflegt! Mit einem schnellen Sprung ergreifen sie
ihr Opfer. Kurzum, ich kann sie nur loben, sie sind geschickt und brav.«
Grimbart sagte darauf: »Das gefällt mir, daß diese beiden unserem
Geschlechte Ehre machen! Wer wohlerzogene Kinder hat, die schon früh
nach Erwerb streben, hat alle Ursache, sich zu freuen.«
»Doch jetzt, lieber Grimbart,« sprach Reineke, »wollen wir zur Ruhe
gehen. Ihr seid gewiß müde von der weiten Wanderung!«
Und sie gingen alle in den mit Heu bestreuten Saal und legten sich zum
Schlafen nieder. Reineke aber konnte kein Auge schließen, ihm war doch
sehr ängstlich zumute, und er sann hin und her über seine Rettung.
So lag er in schweren Gedanken bis an den hellen Morgen. Dann stand er
auf und sagte zu seiner Frau: »Ich muß heute mit Grimbart an den Hof
gehen. Aber macht Euch deshalb keine Sorgen. Spricht jemand Schlechtes
von mir, so denkt nur immer das Beste. Sorgt gut für die Kinder und
verwahrt unsere Festung wohl!«
»Das ist ja eine seltsame Sache!« sagte Frau Ermelyn. »Was habt Ihr
denn bei Hofe zu suchen? Wißt Ihr nicht, wie schlecht es Euch neulich
dort erging?«
»Es ist freilich wahr,« erwiderte Reineke, »ich war damals in großer
Gefahr. Manch einer war mir nicht gut gesinnt. Aber es geht bisweilen
wunderlich in der Welt zu und kommt oft besser, als man denkt. Darum
ängstigt Euch nicht! Ich muß nun einmal an den Hof, aber spätestens in
fünf bis sechs Tagen bin ich wieder daheim. Lebt wohl indessen!«
So nahm er Abschied von Frau und Kindern und verließ mit Grimbart die
Burg.
10. Kapitel.
Reinekes zweite Beichte.
Reineke und Grimbart wanderten also miteinander über die Heide,
geradeswegs nach des Königs Schlosse zu. Da sagte der Fuchs: »Es mag
nun kommen, wie es will; aber ich ahne doch, daß mir die Reise zu
großem Vorteil gereichen wird. Doch möchte ich gern meine Verteidigung
mit leichtem Herzen führen können, und deshalb bitte ich Euch nochmals,
meine Beichte mitanzuhören. Denn leider habe ich seitdem wieder manche
Sünde begangen.«
Grimbart erklärte sich bereit dazu, und der Fuchs begann: »Ich ließ
Braun ein großes Stück aus seinem Fell schneiden und einen Ranzen
daraus machen. Ich ließ dem Wolf und seiner Frau das Fell von den
Füßen abziehen und Schuhe für mich davon machen. Das tat ich aus Haß
und brachte es durch Lügen so weit, daß der König ihnen sehr zürnte
und sie ins Gefängnis werfen ließ. Den König selbst habe ich furchtbar
betrogen. Ich erzählte ihm von einem Schatz, der aber nirgends zu
finden sein wird.
Lampe habe ich getötet und verspeist. Darauf habe ich den ahnungslosen
Bellyn mit Lampes Kopf zum König geschickt, der den Widder für den
Übeltäter hielt und in großen Zorn geriet. Dem Kaninchen riß ich ein
Ohr ab und tötete es beinahe.
Auch die Krähe klagt mit Recht, ich fraß ihr Weibchen, Frau
Scharfenibbe. Alles das habe ich seit meiner letzten Beichte begangen.
Allein ich habe noch ein älteres Unrecht auf dem Gewissen, das ich
neulich zu beichten vergessen hatte. Das sollt Ihr jetzt auch erfahren,
lieber Neffe. Es war freilich ein recht loser Streich, den ich dem Wolf
gespielt habe, und ich wollte nicht, daß mir widerführe, was ich ihm
getan habe. Wir gingen einmal beide zwischen Kakys und Elverdingen.
Da sahen wir auf der Wiese eine kohlschwarze Stute mit ihrem Füllen
weiden. Das Junge mochte etwa vier Monate alt sein. Isegrim erblickte
es kaum, als schon sein Gelüste nach dem zarten Bissen erwachte. Der
Hunger plagte ihn überdies sehr. Da bat er mich: ›Lieber Freund, geht
doch zu der Stute und fragt sie, ob sie mir das Fohlen verkaufen will!‹
Ich tat ihm den Gefallen und fragte die Stute.
›Ja,‹ sprach sie, ›wenn Ihr gut bezahlen wollt, könnt Ihr es haben.‹
›Was fordert Ihr denn dafür?‹ fragte ich weiter. ›Der Preis steht auf
meinem rechten Hinterfuß geschrieben. Wenn Ihr ihn wissen wollt, so
lest ihn dort ab,‹ antwortete die Stute. Ich wußte gleich, was sie
damit meinte, ließ mich's aber nicht merken, sondern sagte: ›Nein, gute
Frau, lesen und schreiben kann ich nicht. Ich selbst begehre auch Euer
Kind nicht. Isegrim hat mich zu Euch gesandt, er wünschte den Preis zu
erfahren. ›So laßt ihn herkommen,‹ sprach sie, ›er mag ihn ablesen.‹
Da ging ich zu Isegrim zurück und sagte: ›Die Alte will Euch das Fohlen
lassen, der Preis steht auf ihrem rechten Hinterfuße geschrieben. Sie
wollte es mich lesen lassen, ich bin ja aber leider des Lesens und
Schreibens unkundig und habe oft Verdruß davon. Seht also selbst,
Oheim, ob Ihr es entziffern könnt.‹
›Wenn es weiter nichts ist!‹ versetzte Isegrim. ›Warum soll ich es
nicht lesen können? Es sei, was es sei: Deutsch, Latein, Französisch!
Habe ich doch zu Erfurt die hohe Schule besucht. Und was für Schriften
man mir auch zeigt, ich lese sie so glatt und leicht wie meinen Namen.
Wartet hier auf mich, ich will gehen und den Handel abschließen.‹ Er
ging also hin und fragte die Stute, wofür sie das Füllen geben wolle,
und zwar nach dem geringsten Preis. Sie erwiderte: ›Der Kaufpreis steht
auf meinem rechten Hinterfuß geschrieben.‹ ›Laßt sehen,‹ sagte der
Wolf. ›Gut,‹ versetzte sie und hob ihren Fuß hoch, der mit neuen Eisen
und sechs Hufnägeln beschlagen war. Er bückte sich, um zu lesen. Da
schlug sie aus und traf ihn so gewaltig vor den Kopf, daß er betäubt
zur Erde stürzte und wie tot liegen blieb. Die Stute sprang mit ihrem
Füllen davon, so schnell sie konnte. Es dauerte wohl eine halbe Stunde,
ehe Isegrim wieder zur Besinnung kam. Er lag verwundet auf dem Boden
und heulte vor Schmerzen. Ich ging zu ihm und fragte ihn: ›Herr, wo ist
die Stute? Seid Ihr auch satt von dem Fohlen? Warum gabt Ihr mir nicht
auch etwas ab, da ich doch die Botschaft gebracht habe? Habt Ihr etwa
schon nach der Mahlzeit geschlafen? Was war es für eine Schrift unter
ihrem Fuße? Ihr seid doch so weise und gelehrt!‹
›Ach Reineke!‹ stöhnte er, ›spottet doch nicht! Mir armen Schelmen
ist es so übel ergangen, daß es einen Stein erbarmen möchte. Die
langbeinige Mähre hat ihre Füße mit Eisen beschlagen. Es stand auch
keine Schrift darunter, sondern mit den sechs scharfen Nägeln, die
darin steckten, schlug sie mir sechs tiefe Wunden in den Kopf.‹
So kam Isegrim mit knapper Not mit dem Leben davon. Seht, Neffe, nun
habe ich Euch alles gebeichtet und bitte Euch, mir meine Sünden zu
vergeben. Ich will mich auch gern nach Eurem Rat bessern und in Zukunft
ein frömmeres Leben führen.«
Grimbart versetzte: »Eure Sünden sind groß. Da Ihr aber einem so
schweren Schicksal entgegengeht, will ich sie Euch alle vergeben. Ich
spreche Euch also feierlich davon los. Freilich, die Toten stehen
nicht wieder auf. Wie gut wäre es, wenn sie noch lebten! So aber wird
es Euch bei Hofe schlimm ergehen! Das, was Euch am meisten schaden
wird, ist Lampes Tod. Und eine unerhörte Kühnheit war es von Euch, dem
König seinen Kopf zuzuschicken!«
»Teurer Neffe!« sagte Reineke, »wer durch die Welt kommen soll, kann
sich unmöglich so heilig halten wie ein Mönch im Kloster. Lampes
Anblick reizte mich so sehr. Er sprang vor mir her und sah so fett und
appetitlich aus, daß ich Lust bekam, ihn zu fressen; und da tat ich es
auch. Den Widder Bellyn konnte ich niemals leiden, er ist so plump und
dumm und ungeschickt in allen Sachen. Ich gönnte ihm nie viel Gutes.
Nun heißt es zwar: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Aber, um die
Wahrheit zu sagen: diese beiden habe ich nie recht geachtet. Warum
sollte ich also viel Umstände mit ihnen machen? Sie haben nun den
Schaden, ich aber die Sünde davon. Indessen, wie Ihr selbst sagt, die
Toten kehren nicht wieder. Sprechen wir von etwas anderem!
Es ist jetzt eine gefährliche Zeit! Welches Beispiel wird uns von oben
gegeben? Ich meine vom König? Raubt er nicht selbst? Oder läßt sich
alles durch Bären und Wölfe heranschleppen? Gleichwohl meint er, das
wäre sein gutes Recht. Niemand ist, der ihm die Wahrheit sagt oder
zu sprechen wagt: Das ist unrecht getan! Weder sein Beichtvater noch
sein Kaplan tut es. Warum? Sie genießen es alle mit und schweigen um
ihres eigenen Vorteils willen. Will jemand kommen und klagen, so redet
er in den Wind! Er vertrödelt nur unnütz die Zeit. Und was man ihm
genommen hat, ist und bleibt fort. Seine Klage wird nicht beachtet, und
schließlich muß er schweigen! Ja, es geht schlimm in der Welt zu! Und
wird noch schlimmer werden jetzt, wo Wolf und Bär wieder beim König in
Ansehen sind. Sie werden jetzt stehlen, rauben und morden, und immer
heißt es, es sei im Namen des Königs. Nimmt aber mal ein armer Mann,
wie Reineke, ein Huhn, dann wollen sie ihm gleich an den Hals. Ja, ja!
Die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen! Seht, Neffe,
ist es nicht ganz natürlich, daß man auch an seinen eigenen Vorteil
denkt? Die Großen nehmen, was sie kriegen können, also nehme ich mir
auch so viel wie möglich. Bisweilen quält mich dann mein Gewissen,
und ich bereue meine Taten. Lange dauert das aber nie. Und ich greife
wieder zu, wo es etwas zu greifen gibt. Aus dem Gerede, das darüber
entsteht, mache ich mir nichts. Denn wer kommt heutzutage nicht ins
Gerede? Selbst über die Besten und Bravsten wird hergezogen! Ja,
die Welt ist voll Lug und Trug, voll Heuchelei, Verrat und falschen
Schwüren! Pfui, pfui und nochmals pfui!«
Grimbart antwortete: »Lieber Oheim, warum beichtet Ihr mir eigentlich
die Sünden der anderen? Ich denke, Ihr habt mit Euren eigenen gerade
genug zu tun! Was gehen uns die anderen an? Jeder muß sehen, wie er mit
sich selbst fertig wird!«
Indessen waren sie am Schlosse des Königs angelangt. Reineke wurde
nun sehr verzagt, denn er wußte noch nicht, wie er sich aus all den
Anklagen herausschwindeln sollte. Doch raffte er seinen sinkenden Mut
wieder zusammen und schritt stolz aufgerichtet geradeswegs auf das
Schloß zu. Da kam ihm Martin, der Affe, entgegen. Er stand im Begriff,
nach Rom zu reisen, und sagte zu Reineke: »Habt nur guten Mut, lieber
Oheim! Ich weiß es wohl, wie Eure Sache steht.«
Reineke erwiderte: »Das Glück hat sich in diesen Tagen sehr gegen mich
gewendet. Ich bin abermals verklagt, und zwar von etlichen Verrätern,
nämlich von der Krähe und dem ehrlosen Kaninchen. Der eine hat seine
Frau und der andere sein Ohr verloren. Könnte ich nur mit dem König
sprechen, so sollte es den Verleumdern schon schlecht bekommen! Das
schlimmste ist, daß ich noch immer im Bann bin. Und das habe ich
Isegrim zu verdanken. Als er in Elkmar im Kloster war, verhalf ich ihm
zur Flucht. Er klagte, daß er das lange Fasten und Beten nicht ertragen
könnte. Jetzt bereue ich es bitter, daß ich ihm zu Hilfe kam. Denn als
Dank dafür verleumdet er mich beim König und schadet mir, wo er kann.
Ginge ich nun nach Rom, um von dem Bann befreit zu werden, so täte er
gewiß meiner Frau und meinen Kindern Böses an, und mit ihm die anderen,
die mir gram sind. Darum muß ich hier bleiben und sie beschützen. O,
wäre ich nur von dem Banne frei, so würde ich mit viel ruhigerem Herzen
vor den König hintreten und meine Verteidigung führen!«
»Reineke,« sprach Martin hierauf, »lieber Oheim, ich gehe gerade jetzt
nach Rom und will sehen, was ich da für Euch tun kann. Bin ich doch des
Bischofs Schreiber und verstehe gar wohl den Lauf des Rechts in Rom.
Ich will den Domprobst, der Euch zürnt, nach Rom kommen lassen und dort
ernstlich mit ihm rechten. Auch habe ich viele Freunde von mächtigem
Einfluß in Rom. Seid versichert, ich verschaffe Euch Absolution!
Geht nur getrost an den Hof. Dort findet Ihr mein Weib, Frau Rückenau.
Sprecht nur mit ihr, sie ist klug und erfahren, und ihr Rat gilt viel
beim König und der Königin. Der König weiß schon, daß ich Eure Sache in
Rom führen will. Er weiß auch, daß es mir gelingen wird, Euch vom Bann
zu erlösen. Er wird auch dessen eingedenk sein, daß viele vom Affen-
und Fuchsgeschlechte ihm oft die besten Ratschläge gegeben haben. Und
das wird Euch helfen, und Ihr werdet wie bisher siegreich aus dem
Kampfe hervorgehen!«
»Das ist ein guter Trost!« sagte Reineke. »Und ich will Eurer gedenken,
wenn ich frei und los komme.«
Hierauf schieden sie, und der Fuchs und der Dachs traten in das
Königsschloß ein.
11. Kapitel.
Reinekes Verteidigung.
Reineke kam also an den Hof des Königs, wo er so hart verklagt war. Er
fand daselbst viele, die ihm nichts Gutes gönnten, ja ihm sogar nach
dem Leben trachteten. Er sah sie alle versammelt, und ihm wurde gar
ängstlich zumute. Doch faßte er sich bald wieder ein Herz und schritt
frei durch all die Fürsten und Grafen hindurch. Der Dachs aber ging
ihm zur Seite, bis sie beide vor den König kamen. Leise flüsterte ihm
der Dachs zu: »Freund Reineke, seid nicht blöde in dieser Stunde. Dem
Blöden ist das Glück selten hold, dem Kühnen aber steht es bei.«
Reineke versetzte: »Ihr redet die Wahrheit; ich danke Euch für Eure
ermutigenden Worte!«
Darauf trat er dicht vor den Thron des Königs, kniete zur Erde nieder
und sprach: »Gott der Herr, dem alle Dinge bekannt sind, beschütze
meinen Herrn, den König, und meine Gebieterin, die Königin! Er verleihe
ihnen Weisheit, zu richten, wer Recht und Unrecht hat! Es gibt viele
Bösewichte in der Welt, und manchen, der von außen schön gleißt, im
Innern aber falsch und häßlich ist. Wollte Gott, daß es jedem an der
Stirn geschrieben stände, was in ihm ist! Dann würde mein Herr und
König sehen, daß ich nicht lüge, und daß ich nur darauf bedacht bin,
Euch zu dienen. Gleichwohl bin ich von Boshaften, die mir zu schaden
trachten, verklagt und durch schändliche Lügen angeschwärzt. Ohne
alles Verschulden hat man mir Eure Huld geraubt, mein gnädiger König!
Ich aber weiß, daß Ihr klug und weise seid und Euch nicht verleiten
laßt, vom Wege des Rechtes abzuweichen. Ihr habt das Euer Leben lang
nicht getan und werdet es auch jetzt nicht tun. Darauf setze ich mein
Vertrauen!«
Der König antwortete: »Du Bösewicht Reineke! Alle deine losen Worte
helfen dir nichts. Du hast sie schon gar zu oft verschwendet und mir
zu viel vorgelogen. Das alles soll nunmehr ein Ende nehmen. Wie treu
du bist, das lehrt die Geschichte von der Krähe und dem Kaninchen. Und
hätte ich sonst nichts wider dich, so wäre das schon allein genug, mich
zu erzürnen. Aber täglich kommen neue Übeltaten von dir ans Licht. Du
bist ein Schelm durch und durch! Und jetzt soll dir der Lohn für deine
Schandtaten werden!«
»O weh!« dachte Reineke. »Wie wird es mir ergehen! Wäre ich nur auf
meiner sicheren Burg geblieben! Jetzt ist guter Rat teuer! Nun heißt es
alle Kräfte zusammennehmen, um durchzukommen!«
Und zum König gewendet, sagte er: »Großer König, edler Fürst! Habe
ich nach Eurer Meinung den Tod verdient, so ist Euch die Sache nicht
richtig mitgeteilt worden. Ich bitte Euch, mich anzuhören! Ich habe
Euch in früherer Zeit manchen guten Rat gegeben und bin oftmals in
der Not bei Euch geblieben, wenn manche von Euch wichen, die sich
jetzt zwischen uns stellen und mich in meiner Abwesenheit Eurer Gnade
berauben wollen. Edler König! Hört mich darum an! Und findet Ihr mich
dann schuldig, so ergehe das Recht. Noch eins: Habe ich schuld, so
dienet mir nichts besser als Geduld! Ihr, hoher Herr, habt meiner
nicht viel gedacht, während ich oft an den Grenzen Eures Landes Wacht
hielt. Meint Ihr, daß ich hier an den Hof vor Euer Angesicht und
in die Schar aller meiner Feinde gekommen wäre, wenn ich mir das
Geringste vorzuwerfen hätte? Nein, um alles Gold der Welt hätte ich das
nicht getan! Dann wäre ich lieber auf meinem eigenen Grund und Boden
geblieben, wo ich frei war. Aber ich kam, da ich mir keiner Missetat
bewußt bin. Als mir mein Neffe Grimbart die Nachricht brachte, daß ich
an den Hof kommen sollte, hatte ich mir gerade vorgenommen, mich von
dem Banne zu befreien. Das sagte ich Martin, dem Affen, der eben im
Begriff war, nach Rom zu pilgern. Er versprach mir, sich meiner Sache
anzunehmen. Er riet mir, getrost an den Hof zu gehen, und gelobte mir
auf Treu und Glauben, mich von dem Banne zu erlösen. So schieden wir,
und ich kam an den Hof.
Hier bin ich nun von dem Kaninchen sehr schwer verklagt worden. Jetzt
steht Reineke hier, und wenn es die Wahrheit gesprochen hat, so trete
es vor und klage öffentlich. Es ist leicht, jemanden zu verleumden,
der abwesend ist. Nach Klage und Antwort erst soll man richten. Ich
habe bei meiner Treu diesen beiden falschen Kerlen, der Krähe und dem
Kaninchen, manches Gute getan. Gestern früh saß ich vor meiner Burg
und las in den Gebeten. Da kam das Kaninchen vorbei, grüßte mich und
erzählte, daß es an den Hof wollte. ›Geh' hin,‹ sagte ich, ›und Gott
sei mit dir!‹ Da klagte es mir, es wäre müde und hungrig. Ich fragte
es, ob es etwas essen wolle. ›Ja,‹ sprach es, ›gebt mir einen Bissen.‹
›Von Herzen gern,‹ sagte ich, und holte Brot und Butter und etliche
Kirschen. Es ist nämlich jetzt Fastenzeit, wo ich kein Fleisch zu essen
pflege. Als es nun schon tüchtig zugegriffen hatte, kam mein kleiner
Sohn hereingesprungen und wollte sich von dem Übriggebliebenen etwas
nehmen. Kinder lieben das Essen und sind selten ganz satt. Wie er nach
den Kirschen griff, schlug ihm das Kaninchen aufs Maul, daß ihm das
Blut herunterlief. Da sprang mein älterer Sohn, Reinhartchen, herbei
und packte das Kaninchen an der Kehle, daß es laut aufschrie. Ich lief
hinzu, trennte die Kämpfenden und schlug meine Kinder. Hat aber das
Kaninchen etwas davon gekriegt, so ist ihm recht geschehen, es hätte
wohl noch mehr verdient. Sie hätten ihm unfehlbar das Leben genommen,
wenn ich ihm nicht zu Hilfe gekommen wäre. Das ist nun der Dank dafür!
Nun sagt es, ich habe ihm sein Ohr abgerissen!
Seht, gnädiger Herr, da kommt nun der Rabe und klagt, er habe sein
Weib verloren. Wie das geschehen ist, weiß er selbst am besten. Sie
wollte ihren Hunger stillen und fraß einen Fisch mit allen Gräten auf.
Die blieben ihr im Halse stecken, und sie ist daran erstickt. Nun sagt
er, ich hätte sie totgebissen! Vielleicht hat er sie selbst ermordet!
Ja, könnte ich ihn nur recht verhören, er würde vielleicht ganz anders
aussagen! Wie hätte ich ihr auch so nahe kommen können, da sie fliegen
kann und ich nur gehen? Will aber sonst jemand mich eines Unrechts
beschuldigen, so tue er es mit gültigen Zeugen, wie es einem Edelmann
gegenüber geziemt. Oder soll kein gütlicher Vertrag abgeschlossen
werden, so ordne man einen Zweikampf an, bestimme Ort und Zeit und gebe
mir einen Gegner, der mir an Geburt nicht nachsteht. Da kämpfe dann ein
jeder für sein Recht, und wer dann die Ehre gewinnt, bei dem bleibe
sie. So ist es von jeher Brauch gewesen, und ich, Herr König, werde mir
mein Recht nicht nehmen lassen.«
Alle, die zugegen waren, staunten über Reinekes kühne Worte. Der Rabe
aber und das Kaninchen erschraken sehr. Was sollten sie aber tun? Sie
wagten kein Wort zu sagen, und verließen schleunigst das Schloß. »Wie
können wir den König überzeugen,« sprach eins zum anderen, »Reineke
ist uns ja doch mit Worten überlegen. Zeugen für unsere Sache gibt es
ja nicht, da niemand dabei gewesen ist. In einen Zweikampf mit ihm
können wir uns doch nicht einlassen. Er ist falsch, behende, listig und
boshaft. Ja, wenn unsrer auch noch fünfe wären, wir müßten's alle mit
Leib und Leben bezahlen. Es bleibt uns also nichts weiter übrig, als
den Schaden zu tragen! Möge es ihm der Teufel lohnen, was er an uns
verbrochen hat!«