sprach:
»Majestät, Euer ergebener Knecht ist nunmehr bereit, die heilige
Wanderung anzutreten. Befehlt gütigst Eurem Priester, mir den Segen des
Himmels mit auf den Weg zu geben.«
Da rief König Nobel Bellyn, den Widder, herbei, der damals Kaplan und
Schreiber am Hofe war, und befahl ihm, Reineke den Segen zu erteilen
und seinen Wanderstab zu weihen.
Bellyn stand einen Augenblick ratlos da, dann sprach er schüchtern:
»Majestät, Ihr wißt, daß Reineke noch in des Papstes Bann ist, und
keinem Verbannten darf ich den Segen erteilen. Was würde der Bischof,
Herr Ohnegrund, und der Propst, Herr Losefund, sagen, wenn ich mich so
gegen die kirchlichen Bestimmungen verginge? Meines Amtes würde ich
gewiß sofort entsetzt.«
Da wurde der König sehr zornig und bestand auf seinem Willen.
»Was kümmert mich der Propst und der Bischof?« rief er aus. »Reineke
soll nach Rom und sich bekehren. Macht also nicht so viele unnütze
Worte, sondern sprecht den Segen über ihn.«
Da sah Bellyn ein, daß er sich nicht länger widersetzen durfte, zog
sein Buch hervor und las die passenden Segenssprüche und weihte den
Wanderstab. Reineke achtete nicht viel darauf, sondern lachte im Innern
seines Herzens. Er tat aber sehr ergriffen, das Haupt tief gebeugt und
die Augen voll Tränen der Reue. Empfand er aber wirklich Reue, so war
es nur deshalb, weil es ihm nicht gelungen war, alle seine Feinde ins
Unglück zu bringen.
Er nahm nun Abschied und bat alle, fleißig für ihn zu beten. Darauf
ergriff er Ränzel und Wanderstab und wollte eilig von dannen ziehen, da
er sich noch nicht so ganz sicher am Hofe fühlte.
»Warum eilst du dich plötzlich so sehr, fortzukommen?« fragte der König.
Da versetzte Reineke: »Es ist hohe Zeit. Wer etwas Gutes vollbringen
will, muß nicht säumen. Habt also die Gnade, mir Urlaub zu erteilen,
und laßt mich ziehen!«
Da gewährte ihm der König den gewünschten Urlaub, nahm Abschied von
ihm und befahl allen Herren seines Hofes, den frommen Pilger ein Stück
Weges zu begleiten.
So verließ Reineke den Hof des Königs, um den nächsten Weg nach Rom
einzuschlagen. Im Fortgehen rief er noch dem Herrscher zu: »Laßt
wohl achtgeben auf die beiden Verräter im Gefängnis, daß sie nicht
entweichen. Kämen sie los, so stände Euer Leben in Gefahr! Es sind ein
paar schlimme Bösewichte!«
Mit frommer Miene, Gebete murmelnd, schritt der Heuchler an der Spitze
des Zuges dahin. Nachdem sie ein Stück gegangen waren, nahmen alle
Abschied von dem Fuchs und kehrten an den Hof zurück. Nur Lampe, den
Hasen, und Bellyn, den Widder, hielt Reineke zurück, indem er mit
Tränen der Rührung sagte: »Muß ich denn nun wirklich allen Lebewohl
sagen? Auf so lange Zeit soll ich mich von dir trennen, Freund Lampe?
Und auch du, teurer Bellyn, willst jetzt von mir scheiden? Ihr könntet
mich wohl noch ein Stück weiter begleiten. Denn euch liebe ich vor
allen. Ihr seid brave Leute von guten Sitten und redlichem Sinn. Jeder
lobt eure Frömmigkeit. Ihr seid genügsam und stillt euren Hunger mit
Laub und Gras, wie auch ich es tat, als ich Mönch war, und fragt weder
nach Fleisch und Brot noch nach anderen verbotenen Speisen.«
O, wie ließen sich die beiden Einfältigen durch solches Lobreden
betören! Sie gingen immer weiter mit ihm und begleiteten den
Hinterlistigen schließlich bis zu seinem Schlosse Malepartus.
Als sie das Schloß erreicht hatten, sprach Reineke zum Widder: »Neffe
Bellyn, wartet hier draußen auf mich und erlabt Euch indessen an den
saftigen Kräutern, die hier in Menge stehen. Ihr seid gewiß hungrig
von dem weiten Wege. Und Ihr, Freund Lampe,« wendete er sich an den
Hasen, »kommt mit mir hinein und helft mir mein armes Weib trösten.
Sie wird sich gewiß sehr grämen, wenn sie hört, daß ich eine so lange
Pilgerschaft antreten will.« So betrog Reineke diese beiden mit vielen
süßen Worten.
Frau Ermelyn war inzwischen in großer Sorge gewesen, wie es wohl
Reineke vor Gericht ergehen würde. Als sie ihn nun vor sich sah,
war sie sehr erfreut und fragte ihn, wie es ihm ergangen wäre. Er
antwortete: »Ich war verurteilt, gehängt zu werden. Aber der König
hat mich begnadigt. Braun und Isegrim sind ins Gefängnis geworfen.
Ich muß nach Rom pilgern, um Buße zu tun. Zur Sühne gab mir der König
den Hasen, mit dem ich tun kann, was mir beliebt. Denn er ist es, der
mich verraten hat, wie mir der König sagte. Drum sage ich Euch, Frau
Ermelyn, er verdient eine große Strafe.«
Als Lampe diese Worte vernahm, erschrak er furchtbar und wollte
fliehen. Reineke aber vertrat ihm den Weg und packte ihn am Halse.
In Todesangst schrie er auf: »Bellyn, zu Hilfe, rettet mich! Ich bin
verloren! Der Pilger tötet mich!« Mehr konnte er nicht hervorbringen,
Reineke hatte ihm die Kehle durchgebissen. »Komm,« sprach er zu seiner
Frau, »nun wollen wir es uns fein schmecken lassen. Es ist ein guter,
fetter Hase. Nun ist doch der Geck zu etwas in der Welt nütze! Ich habe
es ihm lange nachgetragen; nun wird er niemals mehr über mich klagen.«
Nun machten sich alle über den Hasen her, Reineke, seine Frau und die
Kinder, und ließen sich's prächtig schmecken. Einmal übers andere Mal
rief die Füchsin aus: »Dank sei dem König, daß er uns ein so herrliches
Mahl bereitet hat! Möge der Himmel es ihm lohnen!« Reineke sagte: »Eßt
nur, soviel euch beliebt! Es ist genug da! So sollen alle, die Reineke
verklagen, es zuletzt mit dem Leben büßen!«
Als sie nun gesättigt waren, fragte Frau Ermelyn ihren Gatten: »Wie ist
es denn gekommen, daß der König Euch wieder begnadigt hat und sich uns
so gütig erweist?«
Da lachte der Fuchs und sprach: »Wollte ich Euch das alles genau
erzählen, so brauchte ich viele Stunden dazu! Kurzum, ich habe den
König und seine verehrte Frau Gemahlin gewaltig beschwindelt. Freilich,
die neue Freundschaft zwischen uns ist nur zart und gebrechlich und
kann leicht in die Brüche gehen. Kommt er erst hinter die Wahrheit,
so wird er rasen und mich mit Gewalt ergreifen lassen. Weder Gold
noch Silber werden mich dann befreien können. Ich käme sicher nicht
ungehängt davon! Darum müssen wir entfliehen, weit fort von hier in
ein Land, wo uns niemand kennt. Am besten ist es, wir ziehen nach
Schwaben! Das ist ein herrliches Land! Da gibt es Hühner, Gänse, Hasen
und Kaninchen in Menge. Auch an Süßigkeiten fehlt es da nicht für
unsere Kleinen, wie Feigen, Datteln, Rosinen und andere wohlschmeckende
Früchte! O, wie armselig ist unser Land dagegen! In Schwaben gibt es
viele große und kleine Vögel und in den Gewässern köstliche Fische.
Ich lernte sie schätzen, als ich Klausner war und kein anderes Fleisch
essen durfte. Die Namen der vielen Fische habe ich vergessen; Ich weiß
nur, daß sie von größtem Wohlgeschmack waren. Man bäckt dortzulande
das Brot mit Butter und Eiern. Die Luft ist erfrischend, das Wasser
klar und gesund. Seht, liebe Frau! Dorthin wollen wir ziehen und da in
Frieden leben!
Damit Ihr mich aber recht versteht, so wisset: Der König begnadigte
mich nur darum, weil ich ihm einen großen Schatz versprach. Ich sagte
ihm, bei Krekelborn liege der Schatz des Königs Emmerich vergraben. Nun
wird er dort Nachforschungen anstellen, aber soviel er auch gräbt, er
wird weder Gold noch Silber noch die Königskrone finden. Denn solch ein
Schatz ist ja gar nicht vorhanden! O, wie zornig wird er werden, wenn
er merkt, daß er betrogen ist!
Was meint Ihr wohl, was ich für schöne Lügen ersann, ehe ich entkam?
Es war aber auch in der höchsten Not, denn schon stand ich auf der
Leiter und hatte den Strick um den Hals. In solcher Angst bin ich
noch nie gewesen! In Zukunft muß ich mich jedoch hüten, wieder in die
Gewalt des Königs zu geraten, denn es würde mir ein zweites Mal gewiß
nicht gelingen, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen! Darum laßt uns
rechtzeitig fliehen!«
Traurig erwiderte Frau Ermelyn: »Sollen wir in ein fernes Land ziehen,
wo wir fremd und elend sein werden? Haben wir doch hier alles, was
wir brauchen! Warum wollt Ihr Abenteuer suchen und das Ungewisse fürs
Gewisse nehmen? Ein Spatz in der Hand gilt mehr als zehn Tauben auf dem
Dache!
Wir können auch hier in Sicherheit leben! Unsere Burg ist stark und
gut gebaut. Und wenn uns selbst der König mit großer Heeresmacht
angreift, so sollte es ihm schwer werden, uns zu ergreifen. Ihr wißt ja
besser als ich, wie viele Seitentore unsere Festung hat, aus denen wir
entwischen können! Nur das betrübt mich, daß Ihr geschworen habt, fern
übers Meer zu fahren!«
»Besser geschworen, als verloren!« sagte der Fuchs. »Ein gezwungener
Eid taugt nicht viel. Und kurz, der Eid kümmert mich keinen Deut. Ich
gehe nicht nach Rom, und hätte ich auch zehn Eide geschworen! Euer
Rat aber ist klug, wir wollen hier bleiben! Wer weiß, wie es uns in
Schwaben ergehen würde! Was der König gegen mich unternehmen wird,
muß ich abwarten. Er ist mir zwar an Macht überlegen, das schadet
aber nichts! Vielleicht kann ich ihn nochmals überlisten und ihm eine
Narrenkappe mit Schellen über die Ohren ziehen!«
»Lampe, Lampe!« erklang da die Stimme von Bellyn. »Wollt Ihr denn ewig
da bleiben? Kommt doch heraus, wir müssen gehen.«
Alle Kräuter hatte der Widder schon abgeweidet, und die Zeit wurde ihm
lang.
Auf den Ruf trat Reineke hinaus und sprach: »Bellyn, Lampe läßt Euch
sagen, Ihr möchtet es nicht übelnehmen, daß er noch nicht kommt, und,
wenn es Euch zu lange dauert, immer vorangehen. Er sitzt noch sehr
vergnügt bei meiner Frau.«
Da fragte Bellyn: »Was war denn das vorhin für ein Geschrei? Warum
rief Lampe so kläglich: ›Helft mir, Bellyn!‹? Was habt Ihr ihm zuleide
getan?«
Reineke versetzte: »Hört nur, als ich meinem Weibe sagte, daß ich eine
weite Seereise antreten müßte, fiel sie in Ohnmacht. Da erschrak Lampe
und rief: ›Bellyn, helft mir, oder meine Muhme bleibt tot!‹«
Der Widder sagte zweifelnd: »Er hat doch recht jämmerlich nach mir
gerufen!«
Aber Reineke versetzte: »Ihr braucht Euch nicht um ihn zu ängstigen.
Lampen ist kein Haar gekrümmt worden! Ich wollte lieber selbst Schaden
erleiden, als daß Lampen ein Leid widerführe! Doch hört, Bellyn, der
König bat mich gestern, ihm noch ein paar Briefe zu schreiben. Wollt
Ihr sie ihm bringen, lieber Neffe? Sie sind schon geschrieben und ganz
fertig. Ich habe dem König darin manchen klugen Rat erteilt. Während
ich schrieb, plauderte Lampe mit meiner Frau; sie redeten von alten
Zeiten, aßen und tranken und waren seelensvergnügt!«
Bellyn sprach: »Lieber Reineke, gern will ich die Briefe besorgen. Aber
wie soll ich sie gut verwahren, daß kein Siegel zerbricht?«
»Da weiß ich Rat,« sprach Reineke. »Das Ränzel aus Brauns Fell ist
dicht und stark. Da hinein will ich die Briefe legen. Der König wird
Euch gewiß mit Ehren empfangen und Euch reichlich belohnen!«
Das alles glaubte der einfältige Widder dem Falschen.
Reineke ging ins Haus zurück, nahm den Ranzen und steckte Lampens Kopf
hinein, den er abgebissen hatte. Aber das durfte Bellyn nicht wissen.
Deshalb sagte Reineke zu ihm: »Seht, hier ist das Ränzlein; hängt
es Euch um den Hals! Doch hütet Euch, die Briefe zu lesen oder den
Ranzen auch nur zu öffnen! Ich habe den Knoten so verschlungen, wie es
zwischen dem König und mir ausgemacht ist. Hört mich also recht, und es
wird Euer eigener Vorteil sein. Sagt auch dem König, daß Ihr mir bei
den Briefen mit Rat und Tat beigestanden habt, so bekommt Ihr gewiß
großen Lohn und Dank dafür.«
Bellyn sprang vor Freude hoch in die Luft und rief: »Reineke, lieber
Oheim, nun sehe ich, wie gut Ihr es mit mir meint! Was für Ehre werde
ich bei Hofe einlegen, wenn sie hören, daß ich bei den schönen Briefen
mitgeholfen habe! Ich danke Euch von Herzen! Wie gut war es, daß ich
Euch so weit begleitete! Aber sagt, soll Lampe jetzt gleich mit mir
gehen? Ich möchte doch so schnell wie möglich die Briefe dem König
überbringen!«
»Geht nur voran!« antwortete der Fuchs. »Lampe soll bald nachfolgen,
ich habe nur noch etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen.«
»So seid Gott befohlen!« sagte Bellyn. »Ich mache mich auf den Weg.«
Und er eilte fröhlich von dannen.
8. Kapitel.
Die Sühne. Reineke wird abermals angeklagt.
Es war gegen Mittag, als Bellyn bei Hofe ankam und vor den König trat.
Dieser war sehr verwundert, als er Reinekes Ränzel sah, und fragte:
»Wo kommst du her, Bellyn? Und wo ist Reineke geblieben, da du seinen
Ranzen trägst?«
Bellyn sprach: »Gnädiger Herr, Reineke bat mich, ich sollte Euch Briefe
bringen, an denen ich mit Rat und Tat geholfen habe. Sie sind hier im
Ranzen, öffnet ihn gütigst.«
Da ließ der König den Biber kommen. Er hieß Bokert, war Schreiber und
Notar am Hofe und verstand vielerlei Sprachen. Auch Hinze, der Kater,
der klug und gelehrt war, mußte erscheinen.
Als diese beiden den künstlichen Knoten gelöst hatten, zogen sie zu
ihrem Entsetzen Lampes Kopf aus dem Ranzen hervor. O, wie erschrak da
der König. Voll Zorn rief er: »O Reineke, schändlicher Verräter, hätte
ich dir nur nicht geglaubt. Wie furchtbar hast du mich betrogen!« Und
der König erhob ein so gewaltiges Gebrüll, daß alle Tiere herbeigeeilt
kamen, um zu sehen, was sich ereignet hätte. Der Leopard, des Königs
naher Verwandter, bat den König, sich zu beruhigen, und sprach ihm Mut
zu. Da sagte der König: »Wundert Euch nicht, daß ich so verzweifelt
bin! Habe ich mich doch selbst an meinen nächsten Freunden vergangen.
Auf den bösen Rat des arglistigen Schelmen habe ich Braun und Isegrim
ins Gefängnis geworfen. Das reuet meine Seele. Aber meine Frau trägt
mit die Schuld daran. Hätte ich nur nicht auf ihre Worte gehört, als
sie für den Betrüger bat! Aber nun ist es zu spät; ich habe ihn nicht
mehr in meiner Gewalt!«
Der Leopard sprach: »Hört mich, Herr König! Grämt Euch nicht gar zu
sehr! Ist etwas übel getan, so kann man es doch wieder gut machen.
Braun, Isegrim und seine Frau müssen sofort in Freiheit gesetzt werden.
Als Sühne für das ungerecht ihnen zugefügte Leid soll man ihnen den
Bock Bellyn übergeben. Er bekannte ja selbst, daß er zu Lampes Tode
mit Rat und Tat geholfen habe. Dafür soll er seinen Lohn empfangen.
Dann wollen wir Reineke aufsuchen, ihn fangen und, ohne ihn zu Worte
kommen zu lassen, hängen. Denn kommt er zum Reden, schwatzt er sich
gewiß wieder los. Mit dieser Genugtuung werden auch Braun und Isegrim
zufrieden sein.«
Dieser Rat gefiel dem König, und er sprach: »Ich will Euren Rat
befolgen. Geht und setzt die beiden Herren in Freiheit. Man soll sie
mit großen Ehren wieder in meinen Rat setzen. Darum bitte ich Euch:
ruft meinen ganzen Hof zusammen. Jeder soll erfahren, wie listig
Reineke entkommen ist, und wie er, im Verein mit Bellyn, den armen
Lampe getötet hat. Ein jeder soll auch Braun und Isegrim alle Ehre
erweisen. Zur Genugtuung gebe ich ihnen den verräterischen Bellyn und
sein ganzes Geschlecht.«
Sogleich begab sich der Leopard ins Gefängnis, wo Braun und Isegrim
gebunden lagen. Unverzüglich wurden ihnen die Fesseln abgenommen,
und der Leopard sagte zu ihnen: »Ich bringe euch gute Botschaft, ihr
Herren! Der Betrug Reinekes kam an den Tag. Der König sieht ein, daß
man euch unverdient Übles zugefügt hat, und bereut es von Herzen. Um
euch dafür Genugtuung zu geben, überläßt er euch den Widder Bellyn
mit seinem ganzen Geschlechte für jetzt und für alle Zeiten. Er gibt
euch das Recht, sie anzugreifen, wo ihr sie auch trefft, im Wald und
im Feld, bei Tag und bei Nacht. Außerdem gibt mein gnädiger Herr
Reineke, der euch verraten hat, in eure Gewalt. Ihr mögt ihn mit aller
Macht verfolgen, sowohl ihn selbst, wie auch sein Weib und alle seine
Angehörigen. Dies alles soll ich euch im Namen des Königs verkündigen.
Ihr sollt dann aber auch das Vergangene vergessen und ihm von neuem
Treue schwören. Es wird euch nie mehr eine Ungerechtigkeit durch den
König widerfahren!«
So ward die Aussöhnung durch den Leoparden bewirkt. Noch an demselben
Tage mußte Bellyn seinen Hals hergeben. Und von der Zeit an sind Bären
und Wölfe die schlimmsten Feinde der Schafe und überfallen und töten
sie, wo sie nur können.
Der König aber ließ den Hof zwölf Tage länger beisammen bleiben und
gab große Feste zu Ehren von Braun und Isegrim. Großer Jubel herrschte
im ganzen Reiche, denn überall hin sandte der König seine Boten,
um alle seine Untertanen ins Schloß einzuladen. Von allen Seiten
strömten die Gäste herbei, um an der Freude teilzunehmen. Weithin
erschollen Trompeten und Schalmeien, Pauken und Flöten. Große Turniere
wurden veranstaltet, zierliche Tänze aufgeführt, und lustige Lieder
erklangen. Der König hatte alles im Überfluß anschaffen lassen. An
wohlschmeckenden Speisen gab es, was jedes Herz begehrte, und der Wein
floß in Strömen.
Als nun acht Tage in solchem Taumel vergangen waren und der König mit
den Großen des Reiches gerade an der Tafel saß, um zu speisen, trat ein
Kaninchen in den Festsaal hinein, das aus einer tiefen Wunde am Halse
blutete. Es trat dicht vor den König und die Königin hin und sprach
mit trauriger Gebärde: »Mein Herr König und alle, die ihr hier zugegen
seid! Hört meine Klage und erbarmt euch meiner! Gestern früh machte
ich mich auf den Weg zum Königsschloß, um der Einladung Eurer Majestät
zu den Festen zu folgen. Ich mußte an der Festung Malepartus vorüber.
Da saß Reineke vor seiner Tür, wie ein Pilger gekleidet, und schien
eifrig im Gebetbuch zu lesen. Ich wollte ruhig weitergehen. Allein
sowie er mich bemerkte, kam er mir entgegen, als wollte er mich
freundlich begrüßen. Aber plötzlich sprang er auf mich zu und packte
mich im Genick, daß ich glaubte, es wäre mein Ende. Er warf mich auf
den Boden nieder und wollte mich verspeisen. Doch Gott sei Dank! Als
sich einen Augenblick sein fester Griff lockerte, gelang es mir,
seinen Klauen zu entschlüpfen. Freilich hatte ich bei dem Kampf ein
Ohr eingebüßt und vier große Löcher im Kopf davongetragen. Ein Wunder
ist's, daß ich dem Tode entrann! Er war sehr ergrimmt und fluchte noch
lange hinter mir her. Seht, gnädiger Herr, so bricht der Fuchs den von
Euch angeordneten heiligen Frieden! Wer darf künftighin noch wagen,
über Land zu gehen, wenn Reineke die Straßen so unsicher macht?«
Kaum hatte das Kaninchen seine Klage beendet, da kam Merkenau, die
Krähe, herbeigeflogen und jammerte: »Hochwürdiger König, gnädiger
Herr! Ich bringe Euch eine traurige Nachricht! Vor Aufregung kann
ich kaum sprechen; das Herz zerspringt mir fast, so Schreckliches
ist mir passiert! Heute morgen flog ich mit Scharfenibbe, meinem
treuen Weibe, übers Feld. Da sah ich Reineke, den Fuchs, tot auf der
Erde liegen. Er hatte alle Viere von sich gestreckt, das Maul stand
weit offen, die Zunge hing lang zum Halse heraus, beide Augen waren
verdreht. Vor Schreck fing ich an zu schreien, aber er rührte sich
nicht, er war mausetot. Das betrübte mich sehr, und mein Weib fing
an zu weinen, so sehr jammerte sie sein Tod. Wir traten näher an ihn
heran und betasteten seinen Leib. Dann horchte meine Frau, ob noch ein
Atemzug zu bemerken sei. Aber es war nichts zu spüren; wir hätten
beide geschworen, er wäre tot! O, der Schändliche, wie betrog er uns!
Als meine Frau recht nahe an seinem Haupte stand und nach seinem Atem
horchte, packte er sie plötzlich am Hals und biß ihr den Kopf ab.
Darauf sprang er auf mich los und hätte mich auch fast erschnappt,
aber ich entkam noch mit knapper Not und rettete mich auf einen Baum,
der dicht dabei stand. Von hier aus mußte ich nun mitansehen, wie der
Bösewicht mein liebes Weib auffraß. Er war so gierig, daß er auch
nicht ein Knöchelchen zurückließ. Als er fort war, flog ich herab und
sammelte die blutigen Federn, um sie als teures Andenken aufzubewahren.
Ich habe sie mitgebracht, um sie Eurer Majestät zu zeigen als Beweis
des furchtbaren Mordes. Gnädiger Herr, rächet die grausige Tat! Laßt es
den Verräter mit seinem Leben büßen! Denn wenn Ihr diese Sache gering
achtet und Reineke ungestraft laßt, so wird es Eurem Namen keine Ehre
machen. Man wird im ganzen Reiche schlecht von Euch sprechen. Denn man
sagt: Wer Missetat nicht straft, der ist der Tat mitschuldig! Doch das
wäre Eurer fürstlichen Ehre zu nahe getreten.«
Als die Krähe ihre Klage beendet hatte, sprang König Nobel vom Throne
auf und rief in höchstem Zorn: »Wahrlich, ich schwöre es, diese Untaten
will ich strafen, daß man noch lange davon sprechen soll! Wie konnte
der Frevler es wagen, mein Gebot zu übertreten und den Frieden zu
brechen! Wie töricht war ich, daß ich ihn freigab! Daß ich allen seinen
Lügen glaubte, mit denen er mich so listig hinterging! Ich stattete ihn
noch selbst als Pilger aus, der nach Rom wandern sollte. Allein meine
Frau trägt die größte Schuld daran. Ich bin freilich nicht der einzige,
der durch den Rat der Frau zu Schaden kommt, es ist schon manchem so
gegangen. Lassen wir Reineke noch länger sein ruchloses Wesen treiben,
so müssen wir uns vor der ganzen Welt schämen. Darum, ihr Herren,
denkt eifrig darüber nach, wie wir seiner am schnellsten habhaft
werden können. Wenn wir es mit Ernst anfangen, so kann er uns unmöglich
entkommen!«
Isegrim und Braun waren mit den Worten des Königs äußerst zufrieden,
denn sie hofften, dem Fuchs würde nun alles Üble, was er ihnen zugefügt
hatte, doppelt und dreifach vergolten werden. Da sprach die Königin:
»Ich bitte Euch, mein Gemahl, zürnt nicht zu sehr. Schwört auch nicht
so leicht, damit Ihr bei Macht und Ansehen bleibt. Noch wißt Ihr ja
nicht genau, wie sich die Sache zugetragen hat. Wäre nur Reineke
zugegen! Vielleicht würden die dann schweigen, die jetzt über ihn
klagen. Oft klagt auch der, der selber Übles tut. Ich hielt Reineke
für klug und rechtschaffen, darum half ich ihm nach Vermögen. Ich tat
es aber nur in der besten Absicht, Euch zu nutzen. Leider ist es nun
zu Eurem Schaden ausgefallen. Doch, teurer Herr, übereilt Euch nicht!
Vergeßt nicht, daß der Fuchs aus edlem Geschlecht ist! Straft ihn
nicht, ohne ihn gehört zu haben! Ihr seid ja Herr im Lande, er kann
Euch nicht entgehen. Wollt Ihr ihn fangen oder töten, Euer Urteil muß
vollstreckt werden. Aber ich bitte Euch inständig, übereilt Euch nicht!«
Da sprach der Leopard: »Herr, folgt ruhig dem Rate Eurer Frau Gemahlin!
Was kann es Euch schaden, wenn Ihr den Fuchs erst anhört? Es steht
immer in Eurer Macht, Euch an ihm zu rächen. Darum schlage ich vor,
ihm noch einmal freies Geleit zu sichern und seine Verteidigung
mitanzuhören.«
Isegrim sagte darauf: »Es kann nicht schaden, wenn jeder seine Meinung
sagt. Hört mal, Herr Leopard! Wäre Reineke hier zur Stelle und könnte
beide Klagen von sich abschütteln, die heute gegen ihn vorgebracht
sind, so kann ich doch eine so böse Sache von ihm melden, daß er
durch sie sicher dem Tode verfallen wird. Allein ich will jetzt davon
schweigen, bis ich in seiner Gegenwart die Klage vorbringen kann. Aber
er wird nicht freiwillig kommen. Denn wie könnte er es wagen, dem
König vor das Angesicht zu treten, nachdem er ihn in so schamloser
Weise belogen hat. Wie konnte er es wagen, eine Geschichte zu erfinden
von Hüsterloh und Krekelborn und dem verborgenen Schatze des Königs
Emmerich, und das alles dem Könige für bare Münze auszugeben! Uns alle
hat er betrogen, mich und Braun aber obendrein am eigenen Körper arg
geschädigt. Ich werde mein Leben daran setzen, mich an ihm zu rächen.
Sein Leben lang hat er nicht die rechte Wahrheit geredet. Nun raubt
und mordet er auf der Heide. Wenn es dem König beliebt, so kann ja
ein Bote zu ihm gesendet werden. Aber ich sage Euch: er wird nicht
kommen. Er fühlt sich sicherer in seiner Festung Malepartus, die er für
unbezwinglich hält.«
Der König erwiderte: »Isegrim hat recht, er wird nicht an den Hof
kommen. Wozu sollen wir also die Zeit mit Worten verlieren? Ich will
den Klagen bald ein Ende machen. Der Bösewicht richtet mir sonst mein
ganzes Land zugrunde! Darum wollen wir alle nach Malepartus ziehen und
die Festung belagern. Ich gebiete, daß ihr euch alle bereit haltet,
mir in sechs Tagen dorthin zu folgen. Bewaffnet euch mit Harnischen,
Spießen und Bogen, mit Donnerbüchsen, Pallaschen und Hellebarden. Dann
wollen wir mal sehen, ob die Feste wirklich uneinnehmbar ist!«
Diesen Befehl des Königs hörten alle gern, und sie riefen: »Wir werden
bereit sein, Euch nach Malepartus zu folgen!«
9. Kapitel.
Grimbart in Malepartus.