wurden, sprach Hinze: »Herr Isegrim, erinnert Euch nur, wie Eure Brüder
durch Reinekes Verrat am Galgen enden mußten! Wie froh er darüber
war, und wie er selbst mitging, als sie gehangen wurden! Bezahlt es
ihm jetzt mit gleicher Münze! Und Ihr, Herr Braun, vergeßt nicht, wie
er Euch in Rüsteviels Hofe verriet, wie Männer und Weiber auf Euch
losschlugen und Ihr an Kopf und Tatzen verwundet waret! Seht wohl zu,
daß er nicht entwische, denn seine List ist groß. Käme er uns diesmal
aus den Händen, so könnten wir uns nimmermehr an ihm rächen. Drum laßt
uns eilen und sehr auf der Hut sein!« Isegrim versetzte darauf: »Was
braucht es vieler Worte? Hätten wir nur ein Seil, so wollten wir ihm
die Pein schon verkürzen.«
Reineke hatte alles mitangehört, aber geschwiegen. Jetzt begann er zu
sprechen: »Da ihr euch alle rächen wollt, so wundert's mich, daß ihr
nicht kurzen Prozeß macht. Hinze kennt ja ein starkes Seil. Er hatte es
ja auf der Mäusejagd in des Pfaffen Scheune um den Hals. Es brachte ihm
freilich wenig Ehre! Und ihr, Braun und Isegrim, ihr eilet auch gar zu
sehr, euren Oheim und Vetter ums Leben zu bringen, und ihr meint, es
müsse euch jetzt sicher gelingen.«
Der König, die Königin und der ganze Hof waren inzwischen erschienen,
um das Todesurteil vollstrecken zu sehen. Ihnen folgte eine große
Menge, Hohe und Niedere, Reiche und Arme. Sie alle wollten dem
Schauspiel beiwohnen.
Isegrim befahl seinen nahen Verwandten, ja recht acht zu geben, daß
Reineke nicht entwische. Zu seiner Frau sprach er: »So lieb dir dein
Leben ist, hilf mir den Fuchs festhalten! Denn käme er diesmal wieder
davon, so würde es uns übel ergehen!« Zu Braun sprach er: »Bedenket,
was er Euch für Schaden zugefügt hat, das soll er jetzt reichlich
bezahlen! Hinze soll den Strick oben am Ast befestigen, er ist leichter
zu Fuß und behender als wir. Ich werde die Leiter zurechtstellen.
Haltet Ihr nur einen Augenblick noch fest, dann ist's geschehen!« Braun
erwiderte: »Setzt nur die Leiter recht fest an, ich will ihn schon
halten, ich bin stark genug.«
Reineke sprach: »Isegrim und Braun, ihr seid ja sehr geschäftig, euren
Oheim hängen zu sehen! Ihr, die ihr euch seiner erbarmen und ihn
beschützen müßtet! Gern flehte ich um Gnade! Doch sehe ich wohl, daß
mein Tod beschlossen ist, und ich wollte, es wäre schon vorbei! Mein
Vater starb auch in großen Ängsten, aber als es ans Sterben ging, da
war es in kurzem getan. Beeilt euch also, und verschont mich nicht
länger!«
Während er nun die Leiter hinaufstieg, dachte Reineke in seiner großen
Angst: »Wenn mir nur ein Gedanke käme, wie ich mein Leben retten
könnte und die Schande dagegen auf meine drei Henker fiele! Gelänge es
mir nur, zum König zu sprechen, so könnte ich vielleicht seinen Sinn
wenden, und er schenkt mir das Leben.«
Darauf erhob er laut seine Stimme, um durch den Lärm und das
Stimmengewirr durchzudringen, und sprach: »Ich sehe nunmehr den Tod vor
Augen, dem ich nicht entgehen kann. Ehe ich aber sterbe, möchte ich vor
allen hier Versammelten meine Beichte ablegen. Ich will der Wahrheit
gemäß alle Sünden bekennen, die ich begangen habe, damit ich mit
leichterer Seele in den Tod gehen kann!«
Durch diese Worte wurden viele Zuhörer gerührt. Sie baten den König,
Reinekes Beichte entgegenzunehmen, und als der König seine Einwilligung
gegeben hatte, begann der Fuchs:
»Nun helfe mir der heilige Geist! Denn ich sehe hier niemanden, dem
ich nicht Böses zugefügt hätte. Leider begann ich mein schlimmes Leben
schon in frühester Kindheit. Das Blöken der Schafe und Ziegen lockte
mich, ihnen zu folgen. Eines Tages biß ich ein Lämmchen tot. Sein Blut
schmeckte mir so gut, daß ich bald darauf vier junge Ziegen tötete.
Dann ward ich immer dreister und gieriger und schonte weder Hühner
noch Vögel, weder Enten noch Gänse. Ja, ich tötete mehr, als ich essen
konnte, und verscharrte sie im Sand.
Später verlebte ich einen Winter am Rhein und traf dort mit Isegrim
zusammen. Er rechnete mir vor, daß wir nahe verwandt wären, ja daß er
sogar mein richtiger Oheim sei. Darauf wurden wir gute Kameraden und
gelobten einander Treue. O, wie schmählich hat er den Eid gebrochen!
Wir gingen zusammen auf die Wanderschaft, um zu rauben. Die Beute
sollte redlich geteilt werden. Aber wie schlecht kam ich dabei fort!
Er teilte selbst, und wie es ihm gefiel; niemals bekam ich die Hälfte.
Hatte er ein Schaf oder eine Ziege erlegt, so stellte er sich davor und
zeigte mir die Zähne, wenn ich herankam. Hatten wir einmal einen Ochsen
oder eine Kuh gefangen, so rief er sein Weib und seine sieben Kinder
dazu, und ich hatte das Nachsehen. Ja, bekam ich einmal eine kleine
Rippe, so hatten sie das Fleisch davon schon abgenagt. Doch gottlob!
Ich litt keine Not. Denn ich hatte ja den großen Schatz an Silber und
Gold, daß sieben Wagen ihn nicht fortfahren könnten.«
Da unterbrach ihn der König: »Was sagst du von einem Schatz? Hast du
ihn noch? Und woher hast du ihn bekommen?«
Reineke antwortete: »Was hülfe es mir, wenn ich es verschwiege? Mir
kann er ja zu nichts mehr nützen! So will ich das Geheimnis vor meinem
Tode offenbaren: der Schatz war gestohlen. Er war dazu bestimmt,
Verräter zu bezahlen, die Eure Majestät ermorden sollten. Meinem Vater
brachte der Diebstahl den Tod, Euch aber rettete er das Leben.«
Die Königin fiel fast in Ohnmacht, als sie von dem geplanten Morde
hörte. Schreckensbleich sprach sie zu Reineke: »Bedenket es wohl,
Reineke! Ihr geht jetzt in den Tod! Sprecht nur die lautere Wahrheit!
Sagt uns jetzt alles, was Ihr von der Verschwörung wißt!«
Der König aber sprach mit gebietender Stimme: »Jedermann schweige jetzt
und trete beiseite! Du aber, Reineke, steige herab, daß ich genau
vernehme, was du mir zu sagen hast!«
Braun, Isegrim, Hinze und alle übrigen Tiere hörten diesen Befehl
mit größtem Verdruß, aber es half nichts, sie mußten den Fuchs von
der Leiter herabsteigen lassen. Seelensfroh folgte Reineke der
Aufforderung. Er dachte bei sich: »Welch ein Glück wäre es für mich,
wenn es mir gelänge, die Gnade des Königs und der Königin zu gewinnen
und meine Feinde ins Verderben zu stürzen! Was werde ich alles
zusammenlügen müssen!«
6. Kapitel.
Die Geschichte von der Verschwörung.
Als Reineke vor dem Königspaar stand, ermahnte ihn die Königin
nochmals, nur die lautere Wahrheit zu sagen.
Reineke erwiderte: »Das will ich tun. Ich muß ja sterben und will mit
reinem Gewissen ins ewige Leben hinübergehen! Deshalb darf ich auch
meine nächsten Verwandten nicht verschonen, ja selbst meinen Vater muß
ich anklagen, so schwer es mir auch wird.«
Da ermahnte ihn der König noch einmal: »Reineke, sagst du auch die
volle Wahrheit?«
»O edler Herr,« versetzte Reineke. »So sündig ich auch sonst bin, heute
werde ich nur die Wahrheit sagen. Wie könnte ich lügen, da mir der Tod
vor Augen steht? Wenn es Euch recht ist, Majestät, so will ich jetzt
alles bekennen, was ich von der Verschwörung weiß, und Euch die Namen
der Verräter nennen.«
Nun höre man die Lügen, die Reineke ersann, um sich zu retten und seine
Feinde zu verderben! Seinen eigenen Vater beschimpfte er im Grabe. Und
seinen treuen Freund, den Dachs, der ihm doch in allen Nöten beistand,
schwärzte er an. Er hielt dies für notwendig, um seine Erzählung
glaubhafter zu machen.
»Mein Vater,« so sprach er, »hatte das Glück, König Emmerichs Schatz
zu finden. Durch den Besitz dieser unermeßlichen Reichtümer wurde er
stolz und hochmütig. Er schätzte seine früheren Kameraden nicht mehr,
sondern suchte sich Freunde unter den Angesehenen und Hochstehenden
des Reiches. Zuerst wollte er sich den Bären verpflichten. Er sandte
Hinze, den Kater, zu Braun in das wilde Ardennerland und forderte ihn
auf, nach Flandern zu kommen, um König an Eurer Statt zu werden. Braun
gefiel der Vorschlag; er reiste sogleich nach Flandern und wurde von
meinem Vater wohl aufgenommen. Er sandte nun nach Isegrim und Grimbart,
dem Weisen, und diese vier, mit Hinze als fünftem im Bunde, berieten
den ganzen Plan. Zwischen der Stadt Gent und dem Dörfchen Ifte kamen
die Verräter zusammen, und hier war es, wo in finsterer Nacht Euer Tod,
o Majestät, beschlossen wurde. Sie schwuren einander Treue und gelobten
einstimmig, daß sie Braun zum König machen, ihn auf den Thron zu Aachen
führen und ihm die goldene Krone aufs Haupt setzen wollten. Würde sich
jemand von des Königs Anverwandten oder Freunden zu widersetzen wagen,
so sollte er mittels Gold bestochen oder aus dem Reiche vertrieben
werden.
Dies alles bekam ich folgendermaßen zu wissen: Als Grimbart eines Tages
in trunkenem Zustand war, erzählte er seiner Frau von dem Anschlage,
gebot ihr aber, das tiefste Schweigen darüber zu bewahren. Sie schwieg
auch so lange, bis sie es meinem Weibe sagte. Diese schwur ihr, bei
allem, was ihr heilig sei, das Geheimnis treu zu hüten. Aber sie
hielt nicht Wort; sobald sie zu mir kam, sagte sie mir alles, was sie
vernommen hatte. Ich erschrak bis ins Innerste meiner Seele. Mir fiel
die Geschichte von den Fröschen ein, die, ihrer Freiheit überdrüssig,
Gott anriefen, ihnen einen König zu geben. Gott erhörte sie und sandte
ihnen den Storch, der sie nach Belieben verfolgt und tötet. Da sahen
sie ihre Torheit ein. Aber zu spät! Ihr Klagen half ihnen nichts: sie
haben für immer die Tyrannei des Storchs zu ertragen. So, glaubte ich,
würde es auch uns ergehen, wenn wir Braun zum Könige bekämen. Ich kenne
seine Bosheit und Tücke. Ich weiß aber auch, wie edel und gütig unser
jetziger, angestammter König ist. Das wäre ein schlimmer Tausch, dachte
ich mir, an Eurer Majestät Stelle den plumpen Taugenichts zu setzen!
Ich überlegte nun hin und her, wie dieser Plan zu zerstören sei.
Behielt mein Vater seinen Schatz, so konnte er viele Tiere für seine
Zwecke gewinnen. Ich mußte also vor allem darauf ausgehen, den Schatz
zu rauben. Aber wo steckte er? Um das zu erfahren, schlich ich meinem
Vater nach, wo er auch war, in Wald und Feld, bei Hitze oder Kälte, bei
Tag und Nacht.
Einstmals lag ich im Walde und zerbrach mir den Kopf, wie ich den
Schatz entdecken könnte. Da sah ich plötzlich aus einer Felsenspalte
meinen Vater herauskriechen. Ich verhielt mich ganz still, daß er meine
Nähe nicht ahnte. Er sah sich nach allen Seiten vorsichtig um, als
er aber niemanden gewahr ward, scharrte er das Loch mit Sand zu und
machte es dem anderen Boden gleich. Er verwühlte mit dem Maule seine
Fußstapfen und strich mit dem Wedel darüber hin. Diese Listen lernte
ich von meinem schlauen Vater. Als ich diese großen Vorsichtsmaßregeln
sah, kam mir sofort der Gedanke, daß hier der Schatz verborgen sein
müsse. Kaum hatte sich mein Vater wegbegeben, da machte ich mich an die
Arbeit, die Erde wegzuschaffen. Dann kroch ich in die Spalte und stieg
in die Tiefe hinab. Da sah ich, was wohl noch selten jemand gesehen
hat, Gold und Silber und kostbare Geräte, Edelsteine und Perlen in
Hülle und Fülle! Nun trug und schleppte ich mit meinem Weibe Tag und
Nacht und ruhte nicht eher, bis der ganze Schatz an eine andere Stelle
gebracht war.
Indessen war mein Vater täglich mit den Verrätern zusammen. Braun und
Isegrim schrieben Briefe in alle Weltgegenden, um für ihre Zwecke
Söldner zu werben. Braun wollte alle in seinen Dienst nehmen und ihnen
einen reichlichen Sold auszahlen. Mein Vater lief also mit diesen
Briefen durch alle Länder zwischen der Elbe und dem Rhein und gewann
viele Söldner durch reiche Versprechungen. Er hatte mancherlei Gefahren
auf seiner Reise zu bestehen. Die Jäger stellten ihm nach, die Hunde
hetzten ihn, daß er mit knapper Not entkam. Endlich im Sommer kehrte
er heim und zeigte den Mitverschworenen voll Stolz die Liste der
Angeworbenen.
Zwölfhundert Wölfe von Isegrims Sippschaft mit scharfen Gebissen und
breiten Mäulern standen zum Kampfe bereit. Alle Bären und Kater waren
auf Brauns Seite. Auch alle Vielfraße und Dachse aus Thüringen und dem
Sachsenlande hatten zu kommen versprochen. Die einzige Bedingung war,
daß man ihnen den Sold auf drei Wochen im voraus zahlen sollte, dann
würden sie beim ersten Aufgebot dem Bären mit ganzer Macht zu Hilfe
ziehen. Das Geld hatte mein Vater leicht versprechen können; vertraute
er doch auf seinen unerschöpflichen Schatz!
Er machte sich nun auch eiligst auf, um Gold und Silber
herbeizuschaffen. Aber wie groß war seine Bestürzung, als er von seinen
Schätzen keine Spur fand! Er suchte und scharrte -- alles vergeblich,
der Schatz war und blieb verschwunden. In seiner Verzweiflung und
Scham, seine Versprechungen nicht halten zu können, erhängte er sich.
Damit schlug auch Brauns Verrat fehl.
Der Tod meines Vaters betrübte mich tief; aber das Bewußtsein, durch
meine List meinen König gerettet zu haben, richtete mich wieder auf.
Jetzt wird mir freilich übler Lohn für meine Treue. Die Verräter stehen
hoch in Ansehen, und der arme Reineke geht in den Tod. Mich tröstet nur
der Gedanke, bis zum letzten Augenblick treu meine Pflicht getan zu
haben.«
So schloß Reineke seine Rede, verneigte sich tief und trat zurück.
Im Herzen des Königs und der Königin war die Begier nach dem Besitze
des Goldes erwacht. Sie nahmen daher Reineke beiseite und fragten ihn,
wo er den großen Schatz aufbewahrt habe.
Er antwortete: »Was hülfe mir das? Soll ich mein Vermögen dem König
anzeigen, der mich hängen läßt? Ja, der den Dieben und Mördern glaubt,
die mich mit ihren Lügen fälschlich beschweren und mich verräterisch
ums Leben bringen wollen?«
»Nein, Reineke,« rief die Königin unüberlegt. »Der König wird Euch
leben lassen und Euch in Gnaden verzeihen. Aber sagt uns jetzt, wo der
Schatz liegt.«
Vorsichtig erwiderte Reineke: »Meine gnädige Frau, wenn der König mir
vor Euch geloben will, mir meine Verbrechen und Sünden zu verzeihen und
mir seine Huld aufs neue zu schenken, so will ich ihn zum reichsten
Fürsten der Welt machen.«
»Frau,« wandte sich der König an seine Gemahlin, »glaubet ihm nicht!
Lügen, stehlen und rauben, das mögt Ihr ihm glauben! Er ist einer der
ärgsten Lügner auf dem Erdboden.«
Leise erwiderte die Königin: »Nein, mein Herr, jetzt hat Reineke nicht
gelogen. Hat er doch seinen liebsten Freund und Verwandten, den Dachs,
mit angezeigt! Ja, sogar seinen eigenen Vater hat er nicht verschont!
Es wäre ihm doch leicht gewesen, alle Anklagen und Beschuldigungen
seinen Feinden aufzuladen. Darum könnt Ihr seinen Worten glauben.«
Nach einigem Nachdenken sagte der König leise zur Königin: »Wohlan
denn! Wenn das Eure Meinung ist, so soll geschehen, was Ihr wünscht!«
Und zum Fuchs gewendet, fügte er laut hinzu: »So will ich Euch denn
noch einmal verzeihen; aber ich schwöre es bei meiner Krone! es ist das
letzte Mal. Bei der nächsten Sünde, die Ihr begeht, seid Ihr und die
Euren dem Tode verfallen!«
Als Reineke den König so umgewandelt sah, faßte er neuen Mut und
beteuerte: »Herr, wäre es nicht töricht von mir, jetzt zu lügen, da die
Unwahrheit doch in kurzer Zeit zutage kommen müßte?«
Das leuchtete dem König ein. »Gut,« sagte er, »da Ihr also die volle
Wahrheit gesprochen habt, so will ich Euch verzeihen und Euch meine
Gnade wieder zuwenden.«
Wer war froher als der Fuchs? Dem sicheren Tode war er entgangen durch
seine eigene List; nun galt es, noch weiter Lügen zu ersinnen und das
Vertrauen des Königs wiederzugewinnen.
»Hoher König, edler Herr!« begann er. »Möge Gott Euch für all die
Gnade belohnen, die Ihr mir erweist! Ich will Euch mein Leben lang
dafür dankbar sein und Euch in Treue dienen! In allen Ländern der Welt
ist niemand, dem ich den Schatz so gönne wie Euch und meiner gnädigen
Königin. Ihr sollt reicher werden als alle Fürsten unter der Sonne.
Vernehmt denn, wo der Schatz verborgen liegt! Gegen Osten von Flandern
liegt eine große Wüste; in dieser ist ein Gebüsch, Hüsterloh genannt.
Nicht weit davon ist ein Bronnen, Krekelborn mit Namen. Niemals hat
eines Menschen Fuß diese Wildnis betreten, nur die Eule und der Schuhu
hausen dort. Da liegt nun der Schatz versteckt. Krekelborn wird der
Ort genannt, merkt Euch wohl den Namen! Denn Ihr, Majestät, und die
Königin müßt selbst dorthin, Ihr könnt keinen Boten mit der wichtigen
Sache betrauen. Es wäre Euer Schade, wenn etwas von den Kostbarkeiten
verloren ginge.
Also Ihr, mein Herr, müßt selbst nach dem Orte gehen. Wenn Ihr an
Krekelborn vorbei seid, werdet Ihr zwei junge Birken sehen. Sie stehen
dicht an einer Pfütze. Unter diesen Birken liegt der Schatz vergraben.
Dort müßt Ihr scharren und graben, dann findet Ihr versteckt im Moos
manch köstliches Geschmeide, Gold, Silber und herrliche Edelsteine.
Auch die Krone, die König Emmerich einst getragen, werdet Ihr dort
sehen. Sie sollte des Bären Haupt schmücken, hätte meine List es nicht
verhindert. Wenn alle diese Reichtümer vor Euch ausgebreitet liegen,
werdet Ihr gewiß meiner gedenken und sprechen: ›O du braver Fuchs,
treuer, redlicher Freund! Für deinen König hast du so viel Mühe und
Arbeit gehabt und hast ihm durch deine Klugheit diese Schätze, ja sogar
seine Krone erhalten! Möge es dir allezeit so gut ergehen, wie du es
verdient hast!‹«
Der König hatte aufmerksam zugehört. Die Geschichte kam ihm aber doch
etwas merkwürdig vor, und er sagte zu Reineke: »Höre, Reineke, du mußt
dich mit mir auf den Weg machen; es wäre doch möglich, daß ich allein
die Stelle nicht fände. Von Aachen habe ich wohl schon reden hören, wie
auch von Lüttich, Köln und Paris. Nie aber erzählte mir jemand etwas
von Hüsterloh und Krekelborn. Reineke, Reineke! Ich fürchte fast, du
erdichtest diese Namen und lügst uns etwas vor!«
Ungern hörte Reineke diese Worte. Er wußte sich aber zu helfen.
»Herr,« sprach er, »Euer Mißtrauen kränkt mich. Ich könnte es mir
noch erklären, wenn ich Euch in ferne Lande, vielleicht an den Jordan
schickte. Aber der Ort liegt ja nahe bei, in Flandern, und etliche von
den Anwesenden werden ihn kennen. Sie sollen Euch sagen, daß Krekelborn
bei Hüsterloh liegt und daß ich die Wahrheit geredet habe.«
Darauf rief der Fuchs den Hasen, der heftig erschrak und zu zittern
anfing.
»Lampe,« sprach der Fuchs, »fürchtet Euch nicht! Es soll Euch nichts
geschehen. Der König wünscht Euch zu sprechen. Ihr sollt ihm bei Eurem
Eide der Wahrheit gemäß sagen, ob Ihr die Orte Hüsterloh und Krekelborn
kennt.« Da atmete der Hase erleichtert auf und sagte: »Gnädigster
König, gern will ich die Frage beantworten, da ich die Orte genau
kenne. Hüsterloh liegt bei Krekelborn in der Wüste. Es ist ein dichtes
Gebüsch, in dem ich bisweilen Zuflucht suchte, wenn ich von Jägern und
Hunden verfolgt wurde. Ich habe da manchmal Frost und Hunger gelitten.«
Reineke sagte: »Tretet zurück, Lampe, Ihr habt unserem königlichen
Herrn genug gesagt.«
Zu Reineke gewandt, sagte der König: »Ich sehe, daß Ihr wahr gesprochen
habt, und bedaure die harten Worte, die ich dir in der Übereilung
sagte. Führe mich nun eiligst zu dem Schatze!«
Das kam dem Fuchse nun gar nicht gelegen. Wie konnte er den König zu
einem Schatze führen, der gar nicht vorhanden war! Er wußte sich aber
zu helfen.
»Majestät,« sagte er, »welche Ehre wäre es für mich, und wie von
Herzen gern würde ich Euch nach Flandern begleiten. Aber leider ist
es mir nicht möglich. Ihr würdet Euch versündigen, wenn Ihr mich
dazu nötigtet. Nur beschämt gestehe ich, was mich daran verhindert.
Isegrim ließ sich vor einiger Zeit das Haupt scheren und trat in ein
Kloster ein. Freilich, er tat es nicht aus Frömmigkeit, sondern um
bequem zu leben und gut zu essen. Aber wenn man ihm auch für sechs zu
essen gab, so wurde er doch niemals satt. Er klagte und jammerte und
wurde krank und elend. Da hatte ich Mitleid mit ihm, als meinem nahen
Verwandten, und verhalf ihm zur Flucht aus dem Kloster. Dafür traf mich
der Bannstrahl des Papstes. Meine nächste Sorge ist nun, mich davon
zu befreien, und deshalb will ich morgen mit Sonnenaufgang nach Rom
ziehen, um Ablaß zu erbitten! Ist mir der zuteil geworden, dann will
ich weiter übers Meer ziehen, bis ich, von allen Sünden gereinigt,
zurückkehren kann. Dann erst bin ich würdig, neben Euch zu gehen.
Reiste ich aber jetzt mit Euch, so würde jeder sagen: ›Seht, unser Herr
geht mit Reineke, den er eben hängen lassen wollte, und der noch dazu
im Bann ist!‹ Gestehet, gnädiger Herr, daß ich recht habe, und erteilt
mir Urlaub!«
»Es ist wahr,« sprach der König, »neben einem vom Banne Getroffenen
kann ich nicht gehen. Lampe mag mich nach Hüsterloh führen. Du aber,
Reineke, tritt deine Wallfahrt an, es wäre unrecht von mir, dich auch
nur einen Tag davon zurückzuhalten. Es freut mich, daß du dich so
eifrig zu bekehren strebst und dich in Zukunft vom Bösen zum Guten
wenden willst. Gott lasse dich die Reise glücklich enden!«
Darauf trat der König auf eine kleine Erhöhung, so daß er von allen
gesehen wurde, und sprach:
»Schweiget und höret meine Worte, ihr alle, die ihr hier versammelt
seid! Große und Kleine, Reiche und Arme! Hier steht Reineke, der zum
Tode verurteilt war, den ich aber begnadige. Er hat dem Königreich
durch Mitteilung wichtiger Geheimnisse einen großen Dienst erwiesen.
Ich schenke ihm deshalb Gut und Leben und wende ihm meine ganze Huld
von neuem zu. Auch meine Gemahlin, die Königin, hat Fürsprache für ihn
eingelegt. Euch allen gebiete ich bei Todesstrafe, daß ihr Reineke,
seinem Weibe und seinen Kindern alle Ehren bezeigt, wo sie euch auch
begegnen, es sei bei Tag oder bei Nacht. Ich will von jetzt an über
Reineke keine Klage mehr hören. Hat er früher Übles getan, so wird er
sich künftig bessern. Ich erteile ihm einen längeren Urlaub. Morgen
früh will er Stab und Ranzen nehmen und zum Papst nach Rom wallfahrten,
um Ablaß zu erbitten. Von da will er übers Meer ziehen und nicht eher
zurückkehren, bis er von allen seinen Sünden gereinigt ist.«
7. Kapitel.
Reineke tritt seine Pilgerfahrt an. Lampe und Bellyn in Malepartus.
Mit Schrecken vernahmen Reinekes Feinde seine Begnadigung. Zornig
sprach Hinze zu Isegrim und Braun: »Nun ist alle unsere Mühe und Arbeit
verloren! Ich wollte, ich wäre am Ende der Welt! Ist der Fuchs wieder
in des Königs Gunst, so wird er alle seine Künste brauchen, um uns ins
Unglück zu bringen. Ein Auge hat er mir schon geblendet, nun steht auch
das zweite in Gefahr.«
Braun erwiderte: »Nun ist freilich guter Rat teuer!« Und Isegrim rief:
»Wahrlich, es ist eine schlimme Sache! Aber laßt uns noch das Äußerste
wagen und mit dem König sprechen!«
Alles Abraten des Katers, diesen gewagten Schritt zu unterlassen,
nutzte nichts. Entschlossen traten Braun und Isegrim vor das Königspaar
und wollten ihre Klagen gegen Reineke von neuem anfangen.
Aber der König unterbrach sie zornig: »Habt ihr meine Worte nicht
vernommen? Ich will keine Klagen über Reineke mehr zu hören bekommen!
Er ist von mir wieder in Gnaden aufgenommen worden. Euer Ungehorsam
soll gestraft werden!«
Darauf ließ er beide binden und ins Gefängnis werfen.
Der König bestrafte die beiden so streng, weil er an die Verschwörung
dachte, die sie angeblich gegen ihn geplant hatten. So kamen Reinekes
Feinde ins Unglück, er selbst aber war frei und stand hoch in des
Königs Gunst. Da er für seine Reise ein Ränzlein brauchte, so schnitt
man von dem Rücken des Bären ein Stück Fell heraus, einen Fuß lang und
einen Fuß breit und fertigte daraus einen Ranzen an. Nun fehlten noch
die Schuhe für den frommen Pilger. Da mußte Isegrim das Fell von den
Vorderfüßen hergeben; da man vier Schuhe brauchte, so zog man Frau
Gieremund, Isegrims Weib, das Fell von den Hinterfüßen ab.
Nun trat Reineke vor den König und die Königin, verneigte sich tief und
sprach: »Nun habe ich Ränzel und Schuhwerk für die Reise und kann mich
getrost auf die Wanderschaft begeben. Ich danke Euch untertänigst für
alle Eure Güte und werde in meinen Gebeten stets Eurer gedenken!«
Braun, Isegrim und seine Frau hatten indes große Schmerzen zu erdulden.
Stöhnend und ächzend lagen sie auf ihrer Spreu im Gefängnis, denn auch
Frau Gieremund hatte man mit eingesperrt.
Ehe Reineke seine Pilgerfahrt antrat, ging er in den Kerker zu seinen
Feinden, um sie zu verhöhnen und zu verspotten, und sagte:
»Schönsten Dank, Oheim Braun, für das Ränzlein, das ich gut gebrauchen
kann für meine Wanderschaft. Und auch euch, teurer Vetter Isegrim und
liebes Mühmchen, danke ich von Herzen für die schönen Schuhe! Sie
passen vortrefflich, und seht nur, wie hübsch sie mir stehen! Ihr habt
euch große Mühe gegeben, mich ins Verderben zu stürzen. Aber das Blatt
hat sich gewendet: ich bin frei, und ihr seid eingekerkert. Das ist
aber ganz gesund, da habt ihr wenigstens Ruhe, eure Wunden heilen zu
lassen. Nun, ich werde unterwegs eurer gedenken und euch von dem Ablaß
ein gut Teil abgeben.«
Braun und Isegrim vernahmen schweigend die spöttischen Worte. Frau
Gieremund aber seufzte: »Möge der Himmel vergelten, was Ihr an uns
getan habt!«