Sogleich traten alle Edlen zur Beratung zusammen, und man be

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Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des

Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler

sind stillschweigend korrigiert worden.

Worte in Antiqua sind so =gekennzeichnet=, gesperrte so ~gesperrt~.

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Reineke Fuchs

[Illustration: Reineke Fuchs 1.

Als der Wagen weiterfuhr, warf Reineke fortwährend Fische herab.

Der Wolf kam herbei und ließ sich's wohlschmecken.]

Reineke Fuchs

Der alten Sage nacherzählt

von

Helene Fuchs

Mit Illustrationen in Farbendruck

nach Originalen

von

Max Wulff

1921

Meidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H.

Berlin W. 66

Inhalt.

Seite

Einleitung 7

~Reineke Fuchs.~

1. Kapitel. Reineke wird angeklagt 9

2. Kapitel. Braun entbietet Reineke an des Königs Hof 15

3. Kapitel. Hinze überbringt den Befehl des Königs 22

4. Kapitel. Grimbart bei Reineke. Die Beichte 26

5. Kapitel. Das Gericht und der Urteilsspruch. Reineke unter

dem Galgen 33

6. Kapitel. Die Geschichte von der Verschwörung 40

7. Kapitel. Reineke tritt seine Pilgerfahrt an. Lampe und

Bellyn in Malepartus 49

8. Kapitel. Die Sühne. Reineke wird abermals angeklagt 58

9. Kapitel. Grimbart in Malepartus 65

10. Kapitel. Reinekes zweite Beichte 69

11. Kapitel. Reinekes Verteidigung 75

12. Kapitel. Der Mann mit der Schlange 81

13. Kapitel. Reineke verteidigt sich weiter. Der wunderbare

Ring, der Kamm und der Spiegel 87

14. Kapitel. Neue Lügen Reinekes und seine Freisprechung 96

15. Kapitel. Neue Anklagen Isegrims und Reinekes Verteidigung 102

16. Kapitel. Die Forderung und die Vorbereitung zum Zweikampfe 111

17. Kapitel. Der Zweikampf und seine Entscheidung 115

[Illustration]

Einleitung.

Schon in den frühesten Zeiten des Menschengeschlechts hat sich die

Phantasie des Volkes damit beschäftigt, das Leben der Tiere zu

vermenschlichen, d. h. Tiere wie Menschen von bestimmtem Charakter und

Stande reden und handeln zu lassen. Solche Tiermärchen und Tierfabeln

waren bei den allerverschiedensten Völkern in Umlauf, sie haben

aber für uns erst literarische Gestalt angenommen in den Äsopischen

Fabeln, die sich von Griechenland aus auf dem Wege über Italien durch

schriftliche und mündliche Überlieferung bei allen Völkern unseres

Erdteils verbreiteten. Aus einer dieser Äsopischen Fabeln, die von der

Feindschaft zwischen Fuchs und Wolf und dem Siege der List des einen

über die rohe Kraft des anderen handelt, ist nun die mittelalterliche

Tierdichtung hervorgegangen.

Die frühesten Spuren derselben sind in einer lateinischen Dichtung des

frühen Mittelalters, die einen Mönch aus Lothringen zum Verfasser hat,

zu erkennen. Schon in dieser Erzählung von der Heilung des kranken

Löwen durch die Haut des Wolfes stecken zahlreiche satirische Züge,

Beziehungen auf kirchliche und politische Zustände, auf das Leben bei

Hofe und im Kloster, und gerade diese satirische Behandlung gibt der

ganzen späteren Tierdichtung bis auf unseren Reineke Fuchs das Gepräge.

Auf dem Grenzgebiet zwischen Frankreich und Deutschland hat sich nun

auch die weitere Ausbildung der Tiersage vollzogen. Hier wurden zuerst

den Tieren menschliche Eigennamen verliehen; ein Vorgang, der an sich

nichts Überraschendes hat, rufen doch auch wir unsere Haustiere, Hund

und Katze, Ziege und Lamm, Kuh und Pferd, mit Personennamen. Die

gewählten Namen sind meist Kose- oder Verkleinerungsformen: Reineke

von Reinhart (franz. =Renard=), Hinze von Heinrich, Lampe von

Lamprecht, Henning von Johannes usw.

Die wichtigste und für die ganze spätere Zeit bedeutungsvollste

Darstellung hat die Tiersage in Nordfrankreich gefunden. Französische

Spielleute verfaßten eine Anzahl von Tierschwänken, =branches=,

aus denen allmählich der große französische =Roman de Renard=

herauswuchs.

Indessen erreicht das Tierepos seine klassische Gestalt in den

Niederlanden. Nach verschiedenen Vorstufen erhielt es seine endgültige

Fassung im 15. Jahrhundert in Flandern durch Hinrik van Alkmar, dessen

Werk dann von einem Unbekannten in die niedersächsische Mundart

übertragen wurde. So entstand der »Reynke de Vos«, der zuerst im Jahre

1498 in Lübeck gedruckt und darauf zu wiederholten Malen bis auf die

neueste Zeit ins Hochdeutsche und in andere Sprachen übertragen wurde.

Eine Prosaübersetzung dieses »Reynke« von dem bekannten Leipziger

Professor Gottsched wurde endlich die Quelle für das klassische

Tierepos der Neuzeit, für Goethes köstlichen »Reineke Fuchs«. Auch wir

haben uns im ganzen dieser Quelle angeschlossen.

Möge die alte Dichtung in der neuen Fassung auch weiter ihren

Zauber ausüben und recht viele jugendliche Leser durch ihre frische

Natürlichkeit und ihren gesunden Humor erfreuen!

[Illustration]

[Illustration]

Reineke Fuchs.

1. Kapitel.

Reineke wird angeklagt.

Es war an einem Pfingsttage; Wälder und Felder grünten und blühten; die

Vögel sangen ihre fröhlichen Lieder; der Tag war heiter und das Wetter

schön, als Nobel, der Löwe, der König der Tiere, Boten aussandte und

alle seine Untertanen an seinen Hof entbieten ließ. Darauf erschienen

viele große Herren mit starkem Gefolge: Braun, der Bär, Isegrim, der

Wolf, Lütke, der Kranich, Marquart, der Häher, und viele andere;

sie alle waren gekommen, um ihrem Herrn die schuldige Ehrfurcht zu

bezeigen. Nur Reineke, der Fuchs, fehlte. Er mied den Hof, denn er

hatte so viele lose Streiche begangen und den Tieren so viel Böses

angetan, daß er unter ihnen nur noch einen Freund hatte, Grimbart, den

Dachs, mit dem er nahe verwandt war.

Als der ganze Hof versammelt war, trat Isegrim, der Wolf, vor den Thron

des Königs und begann zu klagen: »Gnädigster Herr und König! Ihr seid

edel und groß und verhelfet einem jeden zu seinem Rechte! So helfet

auch mir jetzt und strafet Reineke für all das Böse, das er mir und

den Meinen zugefügt hat. Mein Weib hat er beschimpft und meine Kinder

hat er mit schädlichem Unrat besudelt, daß drei von ihnen blind in der

Höhle liegen. Längst schon sollte er mir für seine bösen Taten Rede

stehen, aber er hält sich in seiner starken Burg versteckt. Gnädigster

Herr! Wollte ich all das Böse erzählen, das mir dieser Bube zugefügt

hat, wahrlich, es gehörten Wochen dazu. Ich übergehe es daher mit

Stillschweigen. Jedoch die Verhöhnung meines Weibes und das Unglück

meiner Kinder sollen nicht ungerächt bleiben.«

Kaum hatte Isegrim seine Rede beendet, da sprang Wackerlos, das

Hündchen, hervor und erzählte kläglichen Tones in französischer

Sprache, wie es einst so arm gewesen, daß es nur ein kleines Würstchen

besaß, und auch dieses habe Reineke genommen.

Funkelnden Auges trat Hinze, der Kater, hervor und sprach: »Wo ist

wohl einer in der ganzen Versammlung, der nicht Reineke mehr fürchtete

als Euch? Was aber die Klage des Wackerlos betrifft, so gehörte die

Wurst mir. Ich kam einstmals bei Nacht in eine Mühle, fand den Müller

schlafend und nahm die Wurst. Kam sie in den Besitz des Hundes, so

verdankt er sie meiner List!«

»Was nützen Klagen und Reden!« sprach der Panther. »Sind nicht genug

Schandtaten des Frevlers bekannt? Er ist ein Dieb und ein Mörder!

Verlören wir alle, auch der König, Gut, Ehre und Leben, er lachte dazu,

würde ihm nur ein einziger Bissen von einem fetten Huhn dabei zuteil!

Hört nur, was er noch gestern Lampe, dem Hasen, angetan! Hier steht

er, der friedliche Mann, und wird die Wahrheit meiner Rede bezeugen.

Reineke sagte, er wolle ihn singen lehren und zu einem Kaplan machen.

Ohne Arg setzte sich Lampe vor ihm nieder, und beide begannen zu

singen. Doch plötzlich ergriff Reineke den Hasen und versuchte ihn

zu erwürgen. Wäre ich nicht zufällig des Weges gekommen, unfehlbar

hätte er ihn getötet. So aber gelang mir's, den Braven zu retten. Seht

hier die frischen Wunden am Halse des friedlichen Mannes, der gewiß

niemandem Übles tut. So saget nun an, Herr König, und ihr, Vasallen des

Reiches, soll es ohne Strafe hingehen, daß Reineke also freventlich des

Königs Frieden zu brechen wagt?«

Da sprach Isegrim: »Reineke tut nimmermehr Gutes! Am besten für alle

würde es sein, Reineke wäre tot! Wird ihm aber auch diesmal verziehen,

so wird es noch manchem unter uns schlimm ergehen, der es jetzt am

wenigsten ahnt!«

Länger vermochte Grimbart, der Dachs, nicht zu schweigen. Er trat mutig

hervor, um seinen Verwandten zu verteidigen. »Herr Isegrim,« sprach er,

»es ist ein altes Sprichwort: ›Feindes Mund schafft selten Frommen.‹

Ihr habt es jetzt leicht, meinen Oheim zu schmähen, da er nicht

zugegen! Stünde er hier und besäße wie Ihr des Königs Liebe, so hättet

Ihr Euch wohl bedacht, ihn also anzuschwärzen und die alten Geschichten

hervorzukramen! Freilich, von dem, was Ihr Reineke getan, schwieget Ihr

weislich! Manche der Herren hier wissen es wohl, wie Ihr und Reineke

einst ein Bündnis schlosset und einander versprachet, treue Freunde zu

sein. Hört, Majestät, wie Isegrim die Treue gebrochen! Einmal fuhr ein

Mann durch den Wald, der Fische auf seinen Wagen geladen hatte. Isegrim

verspürte große Lust, von den Fischen zu essen. Er hatte aber kein

Geld, sich welche zu kaufen. Da schaffte Reineke Rat. Er legte sich auf

den Weg und stellte sich tot. Als nun der Fuhrmann herankam und meinen

Oheim liegen sah, stieg er vom Wagen herab, zog sein Messer hervor

und wollte ihm das Fell abziehen. Da Reineke sich aber nicht regte

noch rührte, hielt er ihn für tot und warf ihn auf den Wagen. Alles

dies wagte mein Oheim um Isegrims willen! Als der Wagen weiterfuhr,

warf Reineke fortwährend Fische herab. Der Wolf kam herbei und ließ

sich's wohl schmecken. Endlich sprang mein Oheim herab, um auch von den

Fischen zu essen; allein Isegrim hatte sie alle verzehrt. Ja, er hatte

so viel gefressen, daß er fast platzte. Meinem Oheim gab er die Gräten.

Ein andermal entdeckte Reineke bei einem Bauern ein

frischgeschlachtetes Schwein. Er vertraute es in gutem Glauben dem

Wolfe. Beide gingen hin; Reineke kroch zum Fenster hinein und warf

das Schwein herunter. Isegrim packte es und lief mit ihm davon. Da

erwachten die Hunde im Hofe, ergriffen Reineke und zerzausten ihm

furchtbar sein armes Fell. Mit knapper Not kam er davon, gelangte zum

Wolfe und forderte sein Teil. Der hatte indessen das ganze Schwein

verzehrt und gab meinem Oheim das Krummholz, daran es gehangen hatte.

Erhabener Herrscher, so könnte ich hundert solcher Streiche und mehr

erzählen, die Isegrim an Reineke verübt hat! Um aber auf das Märchen

vom armen, mißhandelten Hasen zurückzukommen, so sage ich Euch: Soll

der Lehrer nicht das Recht haben, den Schüler zu züchtigen? Sagt

selbst, was soll aus der Jugend werden, wenn alle Unart unbestraft

bliebe? Nun klagt Wackerlos, Reineke habe ihm einst ein Würstchen

genommen. Er hätte besser geschwiegen! Hinze, der Kater, sagt ja, die

Wurst war gestohlen! Reineke ist ein braver Mann! Hört nur, wie er

lebt, seit des Königs Frieden den Tieren verkündet ward! Er speist nur

einmal des Tages und enthält sich jeglichen Fleisches. Sein Schloß

Malepartus hat er verlassen und baut sich eine einsame Klause. Mir,

seinem Neffen, tut es weh, daß er hier so verklagt wird, und ich bitte

Eure Majestät, ihn bald seinen Feinden gegenüberzustellen.«

Kaum hatte Grimbart seine Rede beendet, da kam Henning, der Hahn, mit

seinem ganzen Gefolge. Auf einer Bahre trugen sie Kratzefuß, die beste

der Hennen. Traurig trat Henning vor den König und sprach: »Gnädiger

Herr! Erbarmet Euch meiner und meiner Kinder, denen Reineke großes

Leid zugefügt hat! Noch vor kurzem erfreute ich mich mit meiner Frau

meines stolzen Geschlechtes. Zehn Söhne und vierzehn Töchter blühten

uns lieblich heran. Starke Mauern umgeben den Klosterhof, auf welchem

wir leben. Oftmals schlich Reineke bei Nacht um die Mauern, aber sechs

treue Hunde wachten beständig und verjagten ihn immer. Da sann er auf

List: Einstmals kam er als Klausner verkleidet mit einem Brief, daran

Euer Siegel hing, zu mir. In dem Brief stand geschrieben, daß Ihr, Herr

König, allen Tieren festen Frieden gebietet.

Reineke fügte hinzu, er habe ein Gelübde getan, kein Fleisch mehr zu

essen und ein frommes Leben zu führen; deshalb brauche sich niemand in

Zukunft vor ihm zu fürchten. Darauf nahm er Abschied von mir und zog

seines Weges.

Da war ich sehr glücklich, eilte zu meiner Frau und den Kindern und

erzählte ihnen die ganze Geschichte. Ach, wie waren sie froh! Wir

eilten alle hinaus ins Freie, denn niemand lebt gern hinter Mauern.

Doch wehe! Reineke hatte sich im Gebüsch versteckt, sprang hervor und

holte sich eins meiner Kinder. Seitdem kam er immer wieder bei Tag und

bei Nacht, so gut hatte ihm mein Söhnlein geschmeckt, und selbst die

treuen Hunde konnten uns nicht mehr vor ihm schützen. Von allen meinen

Kindern blieben mir nur noch fünf. Sehet, Herr König, diese blühende

Tochter hat er mir gestern getötet, die Hunde jagten sie ihm ab. Ich

bringe Euch nun den Leichnam, daß Ihr Euch meines Unglücks erbarmt und

an dem Mörder Vergeltung übt!«

Da sprach der König zornig: »Nun, Herr Dachs, höret Ihr wohl? Sind das

die Fasten, die sich Euer Oheim auferlegt? Aber ich verkünde es Euch,

er soll gestraft werden für alle seine Missetaten! Zunächst aber soll

Eure Tochter, trauriger Henning, mit allen Ehren bestattet werden.«

Darauf wurde von allen Anwesenden ein feierlicher Gesang angestimmt

und die tote Henne in die Erde gesenkt. Auf ihr Grab setzte man

einen schönen, blanken Marmorstein; darauf stand zu lesen in goldenen

Buchstaben:

»Kratzefuß, Hahn Hennings Tochter, die beste,

Die stets viel Eier legte im Neste,

Die wohl mit ihren Füßen konnte schraben,

Liegt unter diesem Steine hier begraben.

Der falsche Reineke hat sie erbissen,

Sie will, daß die ganze Welt es soll wissen.«

Darauf rief der König alle Weisen seines Reiches zusammen, um mit ihnen

über Reinekes böse Taten zu Rate zu sitzen. Man beschloß, einen Boten

zu ihm zu senden und ihn aufzufordern, am nächsten Gerichtstag bei Hofe

zu erscheinen, bei Todesstrafe aber nicht auszubleiben. Braun, der Bär,

wurde auserwählt, die Botschaft zu überbringen. Und der König sagte zu

ihm: »Braun, sei auf deiner Hut! Der Fuchs ist falsch und hinterlistig,

er wird dich belügen und betrügen!«

»Das soll er wohl bleiben lassen!« versetzte der Bär. »Ich beteuere es

mit meinem Eide: Reineke soll mir nicht das Geringste tun! Es würde ihm

auch übel bekommen!«

2. Kapitel.

Braun entbietet Reineke an des Königs Hof.

Stolzen Mutes machte sich Braun auf den Weg zu Reinekes Burg

Malepartus. Er wanderte durch eine große, sandige Wüste, bis er endlich

die schönen, grünen Berge erreichte, an denen das Schloß lag.

Er pochte mehrmals an die schwere, verschlossene Pforte. Es erschien

aber niemand, zu öffnen. Da rief er laut: »Reineke, seid Ihr drinnen?

Ich bin Braun und komme als Bote des Königs. Ihr sollt bei Hofe vor

Gericht Euch stellen! Folget Ihr aber nicht dem Befehle, so seid Ihr

des Todes! Darum rate ich Euch, folgt mir sogleich zum König!«

Reineke lag drin auf der Lauer und hörte alle diese Worte.

»Könnte ich doch diesem Braun,« so dachte er, »für seine hochmütige

Rede etwas aufzählen!«

Gleich zu öffnen, schien ihm nicht ratsam, Braun konnte ja noch andere

Tiere im Hinterhalt haben. Um nachzudenken, was am besten zu tun sei,

ging er tiefer in seine Festung hinein. Malepartus war kunstvoll

gebaut, Löcher und Gänge gab es hier und manche verborgene Pforte, die

er je nach Bedarf öffnete oder verschloß. Hier fand er Schutz, wenn er

verfolgt ward, und manches unschuldige Tier verirrte sich hier hinein

und fiel ihm zur Beute.

Als Reineke sich überzeugt hatte, daß der Bär allein gekommen war, trat

er hinaus und begrüßte ihn: »Seid willkommen, Oheim Braun! Ich las eben

die Vesper. Darum konnte ich nicht sogleich kommen. Ich hoffe, daß Eure

Ankunft mir zum Vorteil gereichen wird! Es war aber ein anstrengender

Weg für Euch! Ihr schwitzt ja, daß Euer Haar naß ist! Hatte denn der

König keinen anderen Boten als Euch, den edelsten Herrn des Reichs?

Indessen ist es zu meinem Nutzen; Euer kluger Rat wird mir beim König

zu statten kommen. Höret, werter Oheim, ich hatte beschlossen, morgen

am Hof zu erscheinen, doch habe ich von einer Speise, an die ich nicht

gewöhnt bin, zu viel gegessen, und sie verursacht mir große Schmerzen

im Leibe.«

»Was aßet Ihr denn?« fragte Braun.

Reineke versetzte: »Was nützt es Euch, wenn ich es Euch sage! Es war

nur eine einfache Speise! Ein armer Mann kann ja nicht wie ein Graf

leben! So haben wir jetzt in der Not frische Honigscheiben gegessen,

die es hier reichlich gibt. Davon bin ich so krank!«

»Ei, ei,« versetzte Braun, »haltet Ihr Honig für etwas Schlechtes?

Honig ist eine kräftige Speise, die ich allen anderen Gerichten

vorziehe. Lieber Reineke, verschafft mir welchen, ich will Euch dafür

nach Kräften dienen und Euch immer dankbar sein!«

Reineke rief: »Treibt keinen Spott mit mir, Oheim Braun!« Braun

erwiderte: »Nein, so wahr Gott mir helfe!« »Nun, wenn es Euer Ernst

ist,« sprach Reineke, »so will ich Euch Honig verschaffen. Der Bauer

Rüsteviel wohnt kaum eine halbe Meile von hier. Er hat so viel Honig,

wie Ihr noch nie beisammen gesehen habt.«

Brauns Gelüste nach der süßen Speise ward immer größer, und er sagte:

»Führt mich nur sogleich hin, lieber Reineke, ich will es Euch stets

gedenken. Sollte ich mich aber mal an Honig wirklich satt essen, so

müßte man mir sehr viel davon vorsetzen.«

»O,« versetzte Reineke, »Euch soll es an Honig nicht fehlen! Zwar wird

mir das Gehen heute schwer, doch will ich Euch zuliebe den Weg gern

machen. Denn Ihr seid mir der Liebste von allen meinen Verwandten. Und

Ihr werdet mir auch am Hofe des Königs beistehen und mich gegen meine

Feinde verteidigen. Folget mir nur! Ich will Euch so honigsatt machen,

daß Ihr eine Weile genug habt!«

Voller Freude folgte ihm der Bär; der Abend war hereingebrochen, als

sie an des Bauern Rüsteviel Hof kamen. Dort lag eine mächtige Eiche,

die weit aufgespalten war, denn der Bauer hatte zwei starke Keile

hineingetrieben. Nun sprach Reineke: »Sehet, Oheim, in diesem Baum ist

mehr Honig, als Ihr verzehren könnt. Nehmt nun davon, doch ja nicht

zuviel, es könnte Euch schaden!«

Braun erwiderte: »Sorget nur nicht! Ich weiß wohl Maß zu halten in

allen Dingen.«

Also ließ sich der Bär betören und steckte seinen Kopf und die

Vorderpfoten tief in den Baum hinein. Nun zog der Fuchs mit großer

Anstrengung die Keile heraus, der Spalt ging zusammen, und da war nun

der Bär mit Kopf und Füßen gefangen! O, wie er da bat und flehte! Doch

der Fuchs hatte kein Erbarmen. Da fing der Bär an zu heulen und mit

den Hinterfüßen zu schlagen und machte solchen Lärm, daß der Bauer

herbeikam. Als Reineke ihn sah, rief er dem Bären zu: »Nun, Freund

Braun, schmeckt der Honig süß? Jetzt kommt Rüsteviel und wird Euch wohl

zur Mahlzeit ein Schlückchen kredenzen.« Und damit machte er sich auf

den Heimweg nach seinem Schloß Malepartus.

Als Rüsteviel den Bären erblickte, lief er sogleich ins Dorf, rief alle

Bauern zusammen und sprach: »In meinem Hof hat sich ein Bär gefangen,

kommt geschwind mit mir!« Schleunigst folgten ihm alle; ein jeder nahm

eine Waffe: der eine eine Heugabel, der andere eine Harke, der dritte

einen alten Spieß, der vierte einen Zaunpfahl. Der Pfarrer und der

Küster kamen auch herbei. Ja, sogar des Pfarrers alte Köchin wollte

dabei nicht fehlen; sie hatte als Waffe ihren Spinnrocken ergriffen,

um damit des Bären Fell gehörig zu bearbeiten. Als der arme Braune den

Lärm und das Geschrei der vielen Menschen hörte, ward ihm himmelangst

zumute. Mit gewaltigem Ruck riß er den Kopf aus der Spalte, doch, o

weh! die ganze Haut mit beiden Ohren blieb darin stecken, und das

Blut rieselte ihm am Halse herunter. Und noch immer war er an den

Pfoten gefesselt. Näher und näher kam das Toben. Da riß er mit größter

Kraftanstrengung die Tatzen heraus, doch das Fell blieb im Spalt

stecken. Die Füße taten so weh, daß er nicht laufen konnte; da kamen

auch schon die Bauern herbei und fielen über ihn her mit Schlägen und

Stößen. Auch die Weiber halfen mit, ihm das Fell zu gerben. Der Pfarrer

schlug ihn mit einem langen Stabe. Von fern warfen sie mit Steinen.

Endlich kam auch noch Rüsteviels Bruder und versetzte ihm einen so

wuchtigen Schlag vor den Kopf, daß ihm für einen Augenblick Hören und

Sehen verging. Dann aber sprang er rasend vor Schmerz empor und geriet

zwischen die Weiber. Diese erschraken gewaltig und sprangen so eilig

davon, daß viele in den tiefen Mühlbach stürzten. Da rief der Pfarrer:

»Kinder, seht, dort schwimmt Frau Jutte, meine treffliche Köchin! Zwei

Tonnen Bier gebe ich zum Besten, wenn ihr sie rettet!« Da liefen alle

zum Bache und retteten die Weiber.

Indessen kroch der Bär, halbtot vor Schmerzen, zum Wasser hin, denn er

dachte: Lieber den Tod im Wasser erdulden als von den Bauern erschlagen

werden. Doch siehe da! Er ertrank nicht, der Strom trug ihn hinweg! Als

die Bauern das sahen, riefen sie aus: »O, solche Schande, daß wir den

Bären entwischen lassen! Daran sind nur die Frauen schuld, die immer

nur stören! Doch komm' nur bald wieder, du Schelm, du hast ja deine

Ohren und Handschuhe zum Pfande gelassen!« So folgte dem Schaden auch

noch der Spott.

Doch Braun war froh, daß er entkommen war. Er verfluchte den Baum,

verfluchte die Bauern, verfluchte aber besonders Reineke, der ihn

verraten hatte. Der reißende Strom riß ihn in kurzer Zeit eine Meile

hinab. Er kroch ans Land und glaubte bald sterben zu müssen.

Als Reineke den Bären in Rüsteviels Hofe verlassen hatte, war er auf

die Hühnerjagd gegangen, aß sich tüchtig satt und lief dann zum Bache,

um zu trinken. Dabei sprach er zu sich selbst: »Wie froh bin ich, daß

ich es dem Bären mal ordentlich gegeben habe! Er hat jetzt gewiß schon

mit Rüsteviels scharfem Beil Bekanntschaft gemacht! Er war von jeher

mein Feind! Doch nun ist er tot und wird nicht mehr über mich klagen!«

Da hörte er neben sich stöhnen und erblickte den Bären, der matt und

blutend im Grase lag.

Da rief Reineke aus: »O Rüsteviel, dummer Wicht, wie konntest du dir

die vortreffliche Speise entgehen lassen!« Und höhnisch sprach er

zum Bären: »Nun, Oheim Braun, wie hat der Honig gemundet? Habt Ihr

vielleicht bei Rüsteviel etwas vergessen? Ich will es ihm melden, daß

er es Euch bringe! Ihr habt ihm wohl gar den Honig gestohlen? Oder habt

Ihr ihn bezahlt? Lieber Oheim, bei welchem Orden habt Ihr Euer Gelübde

getan, daß Ihr ein rotes Barett auf dem Haupte tragt? Oder seid Ihr

gar Abt geworden? Der hat Euch gewiß nach den Ohren geschnappt, der

Euch die Platte geschoren hat! Auch das Fell von Euren Backen und die

Handschuhe habt Ihr verloren!«

Länger konnte Braun die höhnischen Reden nicht ertragen. Er kroch in

den Bach, trieb mit dem Strome abwärts und kam an das andere Ufer.

Krank und matt lag er da, und traurig sprach er zu sich selber: »Ach,

daß mich nur einer tot schlüge! Ich kann kaum von der Stelle und muß

noch an den Hof des Königs reisen. Wie wird man mich verspotten, daß

ich so arg geschändet bin! Aber Reineke soll es mir büßen!«

Er raffte sich endlich auf, schlich sich mit großer Mühe fort und

erreichte am vierten Tage des Königs Schloß.

Als Nobel den Bären so elend und blutend vor sich sah, erschrak er

sehr und rief: »Bist du es wirklich, mein teurer Braun? Was ist dir

geschehen?«

»Gnädiger Herr König,« erwiderte der Bär, »ich klage Euch mein Leid!

Sehet den schändlichen Verrat, den Reineke an mir verübt hat!«

Zornig versetzte der König: »Solcher Frevel soll ohne alle Gnade

gestraft werden! Wie konnte es Reineke wagen, einen so edlen Herrn so

furchtbar zu schänden? Wahrlich, ich schwöre es bei meiner Ehre und

bei meiner Krone: Reineke soll die Strafe erdulden, die du von mir

forderst! Halte ich diese Zusage nicht, so will ich nimmermehr ein

Schwert führen!«

Sogleich traten alle Edlen zur Beratung zusammen, und man beschloß,

einen neuen Gerichtstag zu halten, und Hinze, der Kater, der klug und

gewandt war, sollte zu Reineke gehen und ihn zum Könige befehlen. Als

dieser Entschluß gefaßt war, wandte sich der König an Hinze und sprach:

»Geh' also und sage Reineke, wenn er sich noch länger weigern sollte,

vor Gericht zu erscheinen, so würde es ihm und seinem Geschlecht zu

ewigem Schaden gereichen.« Hinze erwiderte: »Verehrter Herr König,

wollt Ihr nicht einen anderen mit der Botschaft betrauen? Braun ist

stark und groß, und ihm mißlang der Auftrag; ich bin klein nur und

schwächlich, wie wird es mir ergehen?« Der König versetzte: »Bist

du auch nicht groß von Gestalt, so bist du doch klug und gewandt:

Es bleibt dabei, du überbringst ihm die Botschaft!« »Herr König!«

antwortete Hinze, »Euer Wille geschehe! Sehe ich ein gutes Zeichen zu

meiner Rechten am Wege, so wird es mit meiner Reise wohl ablaufen!«

3. Kapitel.

Hinze überbringt den Befehl des Königs.

Als Hinze ein Stück des Weges gewandert war, sah er einen Martinsvogel

und rief: »Glück auf, edler Vogel, wende deine Flügel und fliege nach

meiner rechten Seite!« Der Vogel flog und setzte sich auf einen Baum,

der links am Wege stand. Hinze war darüber sehr betrübt, doch machte er

es, wie es so mancher tut, und sprach sich selber Mut zu. Darauf reiste

er weiter nach Malepartus und traf Reineke vor der Tür seines Hauses

sitzend.

»Guten Abend, Reineke!« sprach Hinze höflich. »Der König sendet mich

zu Euch, um Euch vor Gericht zu laden. Weigert Ihr Euch aber, mit mir

zu kommen, sagt der König, so wird er Euch und Euer ganzes Geschlecht

furchtbar strafen!«

Reineke hieß den Kater herzlich willkommen. Im Innern aber sann er auf

neue Ränke, wie er den Kater verraten und betrügen könne. Darum sprach

er freundlich: »Lieber Neffe, was wünscht Ihr heute abend zu essen?

Denn ich will Euer Wirt sein. Dann gehen wir morgen mit Tagesanbruch

nach Hofe. Unter allen meinen Freunden habe ich niemanden, auf den ich

mich besser verlassen kann als auf Euch. Nimmer hätte ich es gewagt,

mit dem grimmigen Bären, der so stark ist, den Weg zu machen! Aber,

Neffe, mit Euch gehe ich gern morgen früh.«

Hinze erwiderte darauf: »Nein, laßt uns lieber jetzt fort! Der Mond

scheint hell, der Weg ist gut, und die Luft ist warm.«

Reineke antwortete: »Bei Nacht reisen, bringt Gefahr. Glaubt nur,

mancher, der uns bei Tage freundlich grüßt, würde uns bei Nacht Böses

tun!«

Hinze sprach: »Vetter Reineke! Laßt mich also wissen, was ich essen

soll, wenn ich bei Euch bleibe?« »Wir leben hier von sehr geringer

Kost,« antwortete Reineke. »Ich will Euch Honigscheiben vorsetzen, die

ganz frisch und süß sind.« »Die habe ich niemals gegessen!« rief Hinze

aus. »Gebt mir doch eine fette Maus, die ist mir lieber als Honig!« »So

gern eßt Ihr Mäuse?« fragte Reineke. »Ist das Euer Ernst? Nicht weit

von hier wohnt der Pfarrer. In seiner Scheune wimmelt's von Mäusen. Wie

oft hörte ich ihn darüber klagen!« Unbedachtsam sprach Hinze: »Vetter,

bringt mich dahin! Denn mehr als jede andere Speise liebe ich die

Mäuse!« »Gut,« sprach Reineke, »Ihr sollt eine Mahlzeit haben, wie Ihr

sie niemals gehabt. Kommt, laßt uns gehen!«

Beide kamen bald an die Scheune. Reineke hatte in der vorigen Nacht ein

Loch durchgebrochen und einen Hahn geraubt. Um den Dieb das nächste Mal

zu fangen, hatte Martinchen, des Pfarrers Sohn, eine Schlinge gelegt.

Reineke wußte das, darum sprach er:

»Neffe Hinze, kriechet in das Loch, Ihr werdet dort Mäuse in Menge

finden. Ich werde indessen Wache stehen. Wenn Ihr satt seid, kommt

wieder heraus. Wir bleiben dann die Nacht über in meiner Wohnung, und

früh morgens machen wir uns auf den Weg zum König.« Ängstlich sprach

Hinze: »Soll man es wirklich wagen, da hineinzukriechen? Die Pfaffen

haben auch bisweilen Böses im Sinne.« Da sagte Reineke: »Seid Ihr so

furchtsam? Das wußte ich nicht. So kommt, laßt uns umkehren! Mein Weib

wird uns gute Speisen vorsetzen, wenn auch die Mäuse dabei fehlen.«

Nun schämte sich Hinze seiner Ängstlichkeit. Er kroch in das Loch, aber

o weh! er geriet in die Schlinge. Nun wollte er zurück, der Strick

zog sich aber nur fester um seinen Hals, daß er weder vorwärts noch

rückwärts konnte. Da fing er an zu heulen und flehte den Fuchs um Hilfe

an. Dieser freute sich des wohlgelungenen Streichs, sprang vor das Loch

und rief dem Kater zu: »Hinze, wie schmecken die Mäuse? Sind sie auch

gut und fett? Ihr singt ja so schön beim Essen, ist das bei Euch Sitte?

Wie gern wollte ich, daß Isegrim in demselben Loche steckte wie Ihr!

Dann sollte er mir alles bezahlen, was er mir Leides getan hat!« Mit

diesen Worten lief er davon.

Der arme Hinze, der sich nicht befreien konnte, miaute und knurrte ganz

jämmerlich. Das hörte Martinchen, des Pfarrers Sohn, der die Schlinge

gelegt hatte. Schnell sprang er aus dem Bett, weckte Vater und Mutter

und alles Gesinde und rief voll Freude: »Gott Lob und Dank! Mein Strick

war gut gelegt! Nun ist der Hühnerdieb gefangen! Jetzt soll er aber

auch seinen Lohn haben!« Alle liefen zur Scheune, selbst der Herr

Pfarrer ging mit. Martinchen ging mit einem Stock auf den Kater los und

versetzte ihm derbe Schläge, ja er schlug ihm sogar ein Auge aus. Der

Pfarrer aber hatte einen Stiel von einer Mistgabel genommen, womit er

Hinzen totschlagen wollte. Als der Kater merkte, daß er sterben sollte,

wurde er sehr zornig. Er sprang auf den Pfarrer los und biß und kratzte

ihn an den Beinen und an dem ganzen Leibe, bis dieser ohnmächtig zu

Boden sank. Nun ließen alle vom Kater ab, eilten zum Pfarrer, trugen

ihn ins Haus und legten ihn sorgfältig zu Bett. Hinze indessen in

seiner großen Not dachte nur an seine Rettung. Verzweifelt fing er an

den Strick zu zerbeißen und zu zernagen, und siehe da! endlich war er

entzwei! Schnell kroch er zum Loche hinaus und machte sich auf den Weg

nach des Königs Schlosse.

Es war schon heller Tag, als er dort ankam. Der König erschrak, als er

den armen Hinze so zerschlagen und auf einem Auge geblendet wiedersah.

Er geriet in großen Zorn, als er von Reinekes neuer Freveltat hörte.

Der Rat wurde einberufen, um über Reinekes Strafe zu beschließen. Da

sprach Grimbart, der Dachs: »Unter diesen Herren sind freilich viele,

die meinen, daß Reineke eine strenge Strafe verdient hat. Dennoch kann

man ihm nicht das Recht des freien Mannes vorenthalten, dreimal vor

Gericht geladen zu werden. Kommt er das dritte Mal nicht, so werde das

Urteil gesprochen!«

Der König versetzte: »Wer unter euch ist so kühn, daß er ihm die dritte

Vorladung bringen möchte? Wer hat ein Auge oder einen Leib zuviel, den

er um diesen Bösewicht aufs Spiel setzen möchte? Mich dünkt, es wird

sich hier niemand finden, der dazu Lust hätte!«

Da rief Grimbart mit lauter Stimme: »Höret, Herr König, ich übernehme

die Botschaft!«

Der König erwiderte: »So gehe denn hin und lade ihn vor Gericht! Doch

nimm deine Weisheit zu Rate, du weißt, wie boshaft dein Oheim ist!«

Grimbart versetzte: »Darauf wage ich es und hoffe, ihn gewiß mit mir an

den Hof zu bringen.«

4. Kapitel.

Grimbart bei Reineke. Die Beichte.

Also ging Grimbart nach Malepartus und fand Reineke mit seiner Frau und

seinen Kindern vor der Tür sitzend. Er redete ihn also an:

»Oheim Reineke, zuerst biete ich Euch meinen freundlichen Gruß! Ihr

seid so gelehrt, so weise und klug, daß ich mich wundere, wie Ihr des

Königs Wort so unbeachtet lassen könnt! Ich rate es Euch, kommt mit

mir an den Hof! Denn die Verzögerung kann Euch keinen Vorteil bringen!

Es ist wahr, man hat viele Klagen gegen Euch vorgebracht, und Ihr

werdet nunmehr zum dritten Male vorgeladen. Folgt Ihr aber auch dieses

Mal nicht, so wird der König mit seinem Heere kommen und Euer Schloß

belagern. Dann wird es Euch, Eurem Weibe und Euren Kindern Gut und

Leben kosten. Da Ihr dem Könige also doch nicht entgehen könnt, so ist

es gewiß am besten, wenn Ihr jetzt mit mir an den Hof kommt. Ihr habt

Euch ja schon oftmals aus der Schlinge gezogen! Eurer Überredungskunst

wird es auch diesmal gelingen, Eure Feinde zu widerlegen und den König

für Euch zu stimmen!«

»Euer Rat ist gut, Neffe!« versetzte der Fuchs. »Es ist freilich am

besten, daß ich an den Hof komme und mein Recht selbst wahrnehme.

Ich hoffe auch, der König wird mir Gnade widerfahren lassen. Er weiß

es wohl, daß ich ihm in seinem Rate dienen kann, und das verdrießt

manchen, der bei ihm ist. Der Hof kann ohne mich nicht bestehen. Hätte

ich noch viel mehr Unrecht getan und viel schwerere Sünden auf mich

geladen; gelingt es mir nur erst, mit dem König zu sprechen, so werde

ich seinen Zorn schon besänftigen. Zwar hat er viele, die mit ihm zu

Rate sitzen, doch wissen sie niemals das Richtige zu treffen. Soll

irgendein Beschluß gefaßt werden, so ist es stets Reineke, der den

Ausschlag geben muß. Viele mißgönnen mir das und haben mir deshalb den

Tod geschworen. Das beklemmt mir das Herz, denn ihrer sind mehr denn

zehn, und sie sind mächtiger als ich allein. Trotzdem ist es besser,

ich gehe selbst mit Euch an den Hof und stelle mich meinen Anklägern

gegenüber. Und wenn ich nicht gewinne, so ist mir's vielleicht möglich,

mit meinen Feinden einen günstigen Vertrag abzuschließen.«

Darauf rief Reineke seine Frau und seine Kinder herbei und sprach:

»Frau Ermelyn, ich gehe mit Neffe Grimbart zu Hofe. Sorget mir

indessen gut für unsere Kinder, ganz besonders für unseren Jüngsten,

Reinhartchen! Seine Zähne stehen ihm so zierlich um sein Mündchen, daß

ich hoffe, er wird einst ganz seinem Vater gleichen. Auch für Rossel

sorgt gut, er ist gleichfalls ein hübsches Kind, und ich habe ihn

ebenso lieb. Hütet die Kinder, während ich fern bin, und ich will Euch

dankbar dafür sein, wenn ich glücklich zurückkehre.«

Mit diesen Worten nahm er Abschied und ließ Frau und Kinder in Sorgen

zurück.

Kaum waren sie eine kleine Stunde gegangen, als Reineke sprach: »Hört

mich, lieber Neffe und Freund! Ich bin recht in Angst, denn ich

fürchte, ich gehe in den Tod. Meine Reue aber über meine begangenen

Sünden ist so groß, daß ich zur Beichte gehen möchte. Da aber kein

Pfarrer zur Stelle ist, so bitte ich Euch inständig, laßt mich vor Euch

beichten! Habe ich all mein Unrecht gestanden, so wird mir leichter ums

Herz werden.«

Grimbart versetzte: »Ihr müßt vor allem geloben, in Zukunft nicht mehr

zu rauben und von allem Verrat und anderen Tücken für immer abzulassen.

Wenn Ihr das nicht beschwört, kann keine Beichte Euch nützen.«

»Das weiß ich wohl!« erwiderte Reineke, »und so fange ich an. Hört wohl

zu!

=Confiteor tibi Pater et Mater=, daß ich der Otter und dem Kater

und vielen anderen Tieren manches Unrecht zugefügt; das will ich reuig

bekennen und Buße dafür tun!«

Der Dachs unterbrach diese Rede: »Das verstehe ich nicht! Ihr müßt

deutsch mit mir reden!«

Reineke fuhr fort: »Ich habe gesündigt an allen Tieren, die jetzt

leben! Und bitte sehr, sie mögen es mir verzeihen! Ich habe Braun, den

Bären, nach Rüsteviels Hofe geführt. Dort habe ich ihn im Baumspalt

eingeklemmt; er zerriß sich Gesicht und Tatzen und bekam Schläge in

Menge.

Hinze führte ich zur Scheune und hieß ihn Mäuse fangen. Er geriet in

die Schlinge, mußte viele Prügel ertragen, ja verlor sogar ein Auge

dabei.

Auch der Hahn verklagt mich mit Recht. Ich habe ihm viele seiner Kinder

geraubt und getötet.

Isegrim, dem Wolf, habe ich mancherlei Tücke zugefügt. Einmal, es mögen

wohl sechs Jahre her sein, besuchte er mich im Kloster Elkmar, wo ich

mich damals aufhielt. Er wollte auch Mönch werden und hub an, an der

Glocke zu läuten. Das gefiel ihm vorzüglich, und da ich das merkte,

band ich ihm beide Vorderfüße an dem Strick zusammen. Nun konnte er

läuten nach Herzenslust.

Als das Läuten aber gar nicht aufhörte, liefen alle Leute auf der

Straße herbei und die Mönche aus dem Kloster; sie meinten, der Teufel

sei da. Als sie den Wolf sahen, schlugen sie alle furchtbar auf ihn

los; man ließ ihm nicht Zeit, zu erklären, daß er ins Kloster wolle.

Halb zu Tode geprügelt, entkam er schließlich. Dennoch blieb er dabei,

in den geistlichen Stand eintreten zu wollen. Deshalb bat er mich, ihm

die Platte zu scheren. Da brannte ich ihm die Haare so sehr ab, daß ihm

die Haut zusammenschrumpfte.

Einstmals führte ich ihn ins Jülicher Land zum Hause eines reichen

Pfaffen. Dieser hatte ein großes Vorratshaus, in dem große, duftende

Schinken, fette Würste und andere köstliche Speisen aufbewahrt waren.

Auch ein Trog mit frisch eingesalzenem Fleische stand darin. Isegrim

brach sich ein Loch durch die Wand, da er sich einmal recht satt an

Fleisch essen wollte. Er kroch hinein und aß und aß, bis sein Hunger

gestillt war. Nun wollte er wieder heraus, aber o weh! vom übermäßigen

Essen war sein Bauch so dick geworden, daß er nicht durch das Loch

zurück konnte. Wo er also hungrig hineingekrochen war, konnte er satt

nicht mehr hinaus. Das war mir nun gerade recht, ich lief ins Dorf

und machte Lärm und Geschrei, um die Leute auf die Spur des Wolfes zu

bringen. Ich lief in das Haus des Pfaffen, der eben am Tisch saß und

speiste.

Ein fetter Kapaun stand vor ihm. Ich sprang plötzlich hinzu, erfaßte

den Braten und eilte davon. Entsetzt sprang der Pfaffe auf, um mir

nachzujagen. Dabei riß er den Tisch um: Gläser, Teller, Speise und

Trank, alles fiel zur Erde. Immerfort schrie der Pfaffe: ›Schlaget,

werfet, stechet, fanget den Dieb!‹ Da er aber in seinem blinden Zorn

nicht sah, wo er lief, fiel er in die Pfütze. Eine Menge Menschen waren

herbeigekommen, um über mich herzufallen, alle machten großes Geschrei.

Aber die Stimme des Pfarrers übertönte alle anderen: ›Habt ihr jemals

einen frecheren Dieb gesehen?‹ rief er; ›er hat mir das Huhn vom Tische

genommen, an dem ich eben saß und speiste.‹

Ich aber lief, so schnell ich laufen konnte. Als ich an den Speicher

kam, in dem Isegrim war, ließ ich das Huhn fallen, weil es mir zu

schwer wurde. Ihr könnt Euch denken, daß ich es ungern zurückließ! Als

nun der Pfarrer das Huhn aufhob, erblickte er Isegrim, der in dem Loch

steckte. Da rief er laut: ›Ihr Freunde, seht, hier ist noch ein viel

ärgerer Dieb in meinem Speicher! Ein Wolf, den müssen wir fangen!‹ Alle

fielen wie wild über den Wolf her, rissen ihn aus dem Loch heraus und

schlugen auf ihn los, daß er wie tot liegen blieb. Darauf schleppten

sie ihn auf die Straße über Stock und Stein und warfen ihn schließlich

in eine schlammige Grube, denn sie hielten ihn für tot. In solchem

Jammer und Schmerz lag er hilflos die ganze Nacht da; wie er endlich

davongekommen, weiß ich nicht zu sagen.

Gleichwohl schwur er mir abermals Treue, es war aber nur seines eigenen

Vorteils wegen. Es gelüstete ihn, sich einmal an Hühnern recht satt zu

essen. Ich sagte ihm, ich wüßte bei einem Bauern ein Hühnerhaus, in

dem viele fette Hühner oben auf dem Balken unter dem Dach zu sitzen

pflegten. Es war um Mitternacht, als ich ihn dorthin führte. Ein

Fenster stand offen, und ich tat, als ob ich hineinkriechen wollte,

trat aber wieder zurück und ließ Isegrim voran. ›Kriecht nur mutig

hinein, Ihr werdet gewiß bald ein fettes Huhn fassen!‹ rief ich ihm zu.

›Wer nicht wagt, gewinnt nicht!‹

Er kroch mit Gefahr durch das enge Fenster, suchte hier und da herum

und rief: ›Ich bin verraten, ich finde keine Hühner!‹ ›Ei,‹ sprach ich,

›die werden weiter hinten sitzen.‹ Der Wolf vergaß jede Vorsicht, so

groß war seine Begier nach Hühnern. Er ging immer weiter hinein, ich

aber klappte von außen das Fenster zu, daß es laut anschlug. Der Wolf

erschrak dermaßen, daß er vom Balken herab und schwer auf den Boden

fiel. Die Leute im Hause erwachten von dem Geräusch. Sie kamen mit

Licht und fanden den Wolf. Da wurde er wieder geprügelt, und zwar mit

solcher Gewalt, daß es ein Wunder ist, wie er mit dem Leben davonkam.

Sehet, Neffe, das sind nun alle meine Sünden, deren ich mich erinnern

kann. Sprechet mich nun los davon, und leget mir eine beliebige Buße

auf.«

Grimbart war verschlagen und klug; er brach ein Reis am Wege und

sprach: »Oheim, schlaget Euch dreimal mit diesem Reis; sodann legt es

auf die Erde und springt dreimal quer darüber, ohne zu taumeln. Hernach

küßt das Reis ohne Haß, zum Zeichen, daß Ihr gehorsam seid. Diese Buße

lege ich Euch auf. Und hiermit spreche ich Euch von Euren Sünden frei;

ich vergebe sie Euch alle, so groß auch ihre Zahl sein mag.«

Als Reineke alles nach Grimbarts Vorschrift getan hatte, sprach dieser

zu ihm:

»Oheim Reineke, in Zukunft müßt Ihr nun aber ein besseres Leben führen.

Alles Rauben, Stehlen, Betrügen und Verraten müßt Ihr lassen. Gehet

fleißig zur Kirche; lest die Psalmen, haltet die Feiertage, tröstet die

Kranken und gebt Almosen den Armen!«

Reineke sprach: »Alles das will ich geloben und treulich halten mein

Leben lang!«

Darauf wanderten beide weiter, bis sie an ein Kloster kamen. Darin

wohnten fromme Nonnen, die von früh bis spät zu Gott beteten. Sie

hatten viele Hühner, Enten und Gänse auf ihrem Hofe, die oft außerhalb

der Mauern herumliefen.

Reineke bemerkte sofort die Hühner, und alle seine bösen Gelüste

erwachten wieder. Ein junger, fetter Hahn gefiel ihm besonders, er

konnte seine Augen nicht von ihm abwenden. Plötzlich sprang er auf ihn

zu und packte ihn am Halse, daß die Federn umherflogen.

Entrüstet rief Grimbart: »Unseliger Oheim, was macht Ihr da? Wollt Ihr

um einen elenden Hahn wieder in Schande und Sünde verfallen? Wahrlich,

das nenne ich eine schöne Buße!«

Reuig sprach Reineke: »Das tat ich nur in Gedanken aus alter

Gewohnheit. Bittet Gott, daß er es mir vergebe! Ich will es in Zukunft

unterlassen.«

Nun wanderten sie weiter auf der breiten Landstraße. Aber Reineke

sah immer nach den Hühnern zurück, er hätte gar zu gern eins gehabt!

Grimbart bemerkte das wohl und sprach: »Garstiger Vielfraß! Wo habt Ihr

schon wieder Eure Augen?«

Reineke erwiderte: »Ihr irrt Euch gewaltig, verehrter Neffe, wenn Ihr

glaubt, ich habe böse Gedanken. Ich richtete eben ein frommes Gebet zum

Himmel für die Seelen der Hühner und Gänse, die ich den Nonnen geraubt

habe!«

Grimbart schwieg, Reineke aber schaute nach den Hühnern zurück, solange

er sie sehen konnte. Endlich erblickten sie das Schloß des Königs, das

Ziel ihrer Wanderung.

Aber je näher sie kamen, desto ängstlicher ward Reineke zumute. Er

dachte an die vielen Anklagen, die gegen ihn erhoben waren, und wußte

nicht, wie er sich rechtfertigen sollte. Am liebsten wäre er noch

umgekehrt, aber er schämte sich vor seinem Begleiter, dem Dachs.

[Illustration: Reineke Fuchs 2.

Also ließ sich der Bär betören und steckte seine Vorderpfoten tief in

den Baum hinein.]

5. Kapitel.

Das Gericht und der Urteilsspruch. Reineke unter dem Galgen.

Als man bei Hofe vernommen hatte, daß Reineke angekommen war, drängten

sich alle herbei, ihn zu sehen. Reineke aber stellte sich, als würde er

es gar nicht gewahr. Er ging so ruhig und stolz seines Weges, als wäre

er des Königs eigener Sohn. Mutig, wie wenn er nie ein Unrecht begangen

hätte, trat er vor den König Nobel und redete ihn an:

»Edler König! Gnädiger Herr! Um Eurer Größe und Eurer Würde willen

bitte ich Euch, hört meine Verantwortung an! Niemals hat ein Herr einen

treueren Knecht, einen ergebeneren Diener gehabt, als Eure königliche

Gnaden an mir haben! Zwar sind hier viele, die mich durch falsche

Anklagen Eurer Freundschaft, die mich so stolz macht, berauben wollen.

Aber Eure Weisheit wird das Lügengewebe meiner Feinde gewiß leicht

durchschauen. Sie hassen mich, weil ich Euch jederzeit treulich gedient

habe!«

»Schweig'!« sprach der König, »und spare deine Worte! Dein Schmeicheln

hilft dir nichts. Deine Übeltaten sollen dir jetzt vergolten werden!

Sprich, wie hast du den Frieden gehalten, den ich allen Tieren geboten

habe? O du falscher, treuloser Dieb! Hier steht der unglückliche Hahn,

der sein ganzes Geschlecht durch dich verloren hat. Du sagst zwar, du

liebst mich und willst mir treu dienen. Wie aber hast du meine Boten

behandelt? Der arme Braun trägt noch Kopf und Tatzen verbunden. Und

der bedauernswerte Hinze hat sogar ein Auge durch deine Falschheit

eingebüßt. Ja, es sind Ankläger genug vorhanden, und diesmal soll es

dir an den Hals gehen, du treuloser Verräter!«

»Gnädigster Herr,« erwiderte Reineke, »was kann ich dafür, daß Braun

mit blutiger Platte heimkam? Warum war er so dreist, sich an Rüsteviels

Honig zu wagen? Und wenn er es tat, warum ließ er sich dann von den

Bauern schlagen, er, der so stark von Gliedern ist? Und Hinze, der

Kater! Ich habe ihn gut aufgenommen und bewirtet. Er war aber nicht

zufrieden, sondern wollte sich durchaus Mäuse aus der Pfaffenscheune

holen. Das bekam ihm freilich schlecht! Aber was kann ich dafür, und

warum soll ich deshalb bestraft werden?

Aber ich bin in Eurer Gewalt und füge mich demütig Eurem Spruche, er

sei gut oder böse für mich. Ihr könnt mich sieden, blenden, köpfen

oder hängen, alles will ich ohne Murren erdulden und mein Schicksal

aus Eurer Hand empfangen. Mein Tod wird Euch freilich nur wenig Gewinn

bringen!«

Da trat Bellyn, der Widder, hervor und rief: »Ja, nun ist es Zeit,

unsere Klagen gegen Reineke vorzubringen.«

Da kam Isegrim mit allen seinen Verwandten, Braun, der Bär, und

Hinze, der Kater; Boldewyn, der Esel, Lampe, der Hase, Wackerlos, das

Hündchen, und Ryn, der große Hund; Metke, die Ziege, und Hermen, der

Ziegenbock; auch der bedächtige Ochs und das weise Pferd hatten zu

klagen. Selbst die Tiere des Waldes strömten herbei: der Hirsch, das

Reh, der Biber und das Kaninchen, auch Martin, der Affe, und der wilde

Eber. Ebenso kamen die Vögel herbei: Barthold, der Storch, Marquart,

der Häher, und Lütke, der Kranich. Mit lautem Schnattern erschienen

Dybke, die Ente, und Alheid, die Gans. Der Traurigste von allen aber

war Henning, der Hahn, dem der Fuchs die Kinder geraubt hatte.

Sie alle drängten sich zum König, und jeder klagte mit lebhaften Worten

über die Missetaten, die der Fuchs verübt hatte. Das war ein Geschrei,

Geheul und Gebrüll, daß der König häufig Ruhe gebieten mußte, um

überhaupt etwas von dem Durcheinander der Stimmen zu verstehen.

Auf alle diese Anklagen wußte Reineke mit großer Gewandtheit zu

antworten. Er fand für alles die schönsten Entschuldigungen und tat,

als ob er noch nie irgend jemand etwas Böses zugefügt hätte. Er sprach

mit solcher Überzeugung, daß man glauben konnte, er sei ganz unschuldig

und werde jetzt das Opfer seiner Feinde. Als aber alle Tiere erklärten,

wahrheitsgemäß ausgesagt zu haben, wurde einstimmig das Urteil des

Rates angenommen. Es lautete: ~Reineke, der Fuchs, ist zum Tode

verurteilt. Man soll ihn fangen, binden und am Galgen aufhängen.~ So

verkündete der König mit mächtiger Stimme vor der ganzen Versammlung.

Da sah Reineke ein, daß sein Spiel verloren war. Er ließ sich willig

binden, um den letzten Gang anzutreten.

Voll Beifall hatten die Feinde des Fuchses das Urteil aufgenommen.

Seine Freunde aber, Grimbart, der Dachs, Martin, der Affe, und einige

von seinem Geschlechte standen betroffen und traurig da. Sie hatten es

nicht für möglich gehalten, daß ein so strenger Urteilsspruch gefällt

werden könnte. Denn Reineke war ein Freiherr, einer der ersten Barone

im Reich, und sollte nun ein so schmähliches Ende durch Henkershand

erdulden. Dieses Unglück konnten sie nicht ertragen. Darum nahmen sie

Abschied vom König und verließen den Hof. Das war nun dem König sehr

unangenehm, daß so viele tapfere Junker von ihm gingen, und er sprach

zu einem seiner Räte: »Es wäre doch gut, wenn ich mir die Geschichte

noch etwas überlegte. Reineke ist ja boshaft und treulos, aber in

seinem Geschlechte ist doch mancher brave Mann, den der Hof nur

schlecht entbehren kann.«

Isegrim, Braun und Hinze gaben indessen auf Reineke wohl acht, daß er

ihnen nicht entschlüpfte. Sie hatten vom König den ehrenvollen Auftrag

bekommen, ihn zu hängen, und eilten nun, den Befehl zu vollstrecken.

Reineke Fuchs(#77153) · 第 1 / 8 段