XVI.

Paris im Jahre 1810. -- Das Palais Royal. -- Unvermutetes

Zusammentreffen mit dem Fürsten Y... -- Der Konkordienplatz. --

Notre Dame. -- Das Hotel de Dieu. -- Der Justizpalast. --

Meinungen über Napoleons Ehescheidung. -- Unerwartete Begegnung

einer früheren Bekannten. -- Eine Interimsehe. -- Die Spielhöllen

im Palais Royal. -- Eine Wache wirft einen jungen Menschen in die

Seine. -- Der Pariser Karneval. -- Die Ochsenprozession. --

Stimmung des französischen Volkes bei der Nachricht von der

bevorstehenden Vermählung Napoleons mit Marie Louise. -- Ein

verfänglicher Calembourg _aux français_. -- Das Totenmahl beim

Fürsten Y...

Hoch war es am Tag, als ich am anderen Morgen in der ungeheuren Stadt

erwachte, von der jetzt alle Blitze, furchtbarer als die des Vatikans,

und nicht zu widerstehende Vollstreckungsbefehle über fast ganz Europa

ausgingen, und in der der Gebieter des Tages mit eisernem Willen und

Szepter thronte. Fast kam es mir wie ein Traum vor, mich in dem

Zentralpunkt zu finden, von dem seit zwanzig Jahren so viel Teufeleien

und welterschütternde Umwälzungen ausgingen, die der ganzen Erde eine

andere Gestalt zu verleihen schienen, und doch:

»Wir sind nun in der Stadt Paris,

Wo man den König köpfen ließ,

Wo man die Welt so lang gedreht,

Bis auf dem alten Fleck sie steht!«

sagt das bekannte Guckkastenlied. Napoleon sprach aus eigener Erfahrung:

»Es ist nur ein Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen!« und hierin

hatte er vollkommen recht. Obgleich an allen Gliedern noch wie gerädert,

machte ich mich doch bald nach dem Erwachen aus dem Bett, nahm mein

Frühstück ein, steckte mich dann _en grande tenue_, und da es noch etwas

zu früh war, eilte ich zuerst in das ganz nahe gelegene weltberüchtigte

Palais Royal, das mich eben in kein so großes Erstaunen versetzte,

obgleich es gewissermaßen eine kleine Stadt für sich bildet. Selbst das

öffentliche Leben und Treiben in Paris, das Gewühl auf den Boulevards

und in den Straßen war außerordentlich, schien mir jedoch nicht

ungewöhnlich, da es zu Neapel ebenso und in der Straße Toledo beinahe

noch größer ist, als in der Straße Saint Honoré und anderen. Ich begab

mich in das damals so berühmte _Café des mille colonnes_, das wegen der

sich in seinen Trumeaux tausendfach wiederspiegelnden Säulen so genannt

wurde, und in dem eine etwas korpulente Schönheit, eine cidevant

limonadière, als Dame _du Comptoir_ am Zahltisch thronte und mit

Brillanten überladen war. Von hier fuhr ich zum Kriegsminister, _Duc de

Feltre_ (Clarke), an den ich Briefe und Depeschen von General Miollis

nebst einem Empfehlungsschreiben hatte. Ich bekam ihn aber vorerst nicht

zu sehen, sondern hinterließ meine Adresse. Dann fuhr ich noch zu

verschiedenen anderen hohen Militärpersonen und im Zivil Angestellten,

an die ich ebenfalls Briefe und Empfehlungen abzugeben hatte. Hierauf

nahm ich einen Fiaker _à l'heure_ und ließ mich, um rasch mit den

Lokalitäten bekannt zu werden, über alle Boulevards, dann an dem Louvre,

den Tuilerien vorbei, in die elysäischen Felder fahren, kehrte über den

Konkordienplatz, auf dem so lange die Zwietracht ihr scheußliches Haupt

geschüttelt hatte, zurück, fuhr über die Brücke, die damals auch diesen

satirischen Namen führte, nach dem Invalidenhotel, von da nach dem

Luxemburg und dem Pantheon, an dem _Jardin des plantes_, dem Quai Saint

Bernhard wieder herauf, in die Cité, an Notre-Dame und dem Justizpalast

vorbei, und von da wieder in mein Hotel, von wo ich mich, nachdem ich

etwas ausgeruht, wieder in das Palais Royal begab und ein lukullisches

Mittagmahl mit der eingebrochenen Nacht bei den _frères provençaux_

einnahm, dessen Hauptsubstanzen _Pâtes de perigord_, _perdrix aux

truffles_, Ortolanen, Ananas zum Dessert und Kapwein waren. Auch war

meine _Carte payante_ einige vierzig Franken stark. Jetzt gefiel mir das

Palais Royal weit besser als am Tage. Es war fast magisch erleuchtet,

seine reichen Buden mit ihrem zum Teil sehr kostbaren Inhalt werfen

einen blendenden Glanz von sich, und die Tausende der Töchter der

Freude, von denen es wimmelte, alle in prächtiger, wenn auch oft

burlesker Toilette, gaben ihm einen eigenen Reiz und machten es

wenigstens für den Beobachter sehr unterhaltend. Besonders, wenn man die

Künste wahrnahm, welche sie anwandten, um die Gimpel aus den Provinzen

und der Fremde, den unerfahrenen Neuling in ihre Netze zu locken und zu

fangen. Nachdem ich diesem Treiben eine Weile mit Vergnügen zugesehen,

und à mon tour, einige dieser leichtfertigen Schönen zum besten gehabt,

indem ich ihnen gerade entwischte, wenn sie ihren Fang recht fest zu

halten glaubten, ging ich in das an das Palais Royal grenzende

französische Theater, wo ich zum erstenmal die Mars und zugleich ihre

Rivalin, die Leverd, spielen sah und von der unwiderstehlich reizenden

Persönlichkeit der ersteren entzückt wurde. So hatte ich meinen ersten

Tag in Paris hingebracht. Den folgenden nahm ich nochmals einen Fiaker

und fuhr über den Bastillenplatz durch die Vorstadt Saint Antoine zur

Barriere de Vincennes hinaus und um die äußeren Boulevards. Ich hatte

mich nun wenigstens oberflächlich in der unermeßlichen Stadt orientiert

und nahm mir vor, später alle Merkwürdigkeiten einzeln zu besuchen, was

ich auch nach und nach vollbrachte, und namentlich die Schätze des

Louvre, welches damals die aus ganz Europa zusammengeraubten

Meisterwerke der ersten Künstler enthielt, sowie andere Museen, die

Kirchen, die Tuilerien, das Pantheon, den Pflanzengarten, den noch

stehenden Temple, die Conciergerie, in der Maria Antoinette ihre letzten

Kummertage zugebracht, sowie alle historisch merkwürdigen Orte besuchte.

Eine Beschreibung von Paris und seinen Monumenten, die Bände füllen

würde, wäre hier um so weniger an ihrem Platz, als diese tausendmal

beschriebenen Gegenstände so ziemlich von jedermann gekannt sind und

jeder weiß, daß das Palais Royal, vom Kardinal Richelieu erbaut, der

Sammelplatz und das Rendezvous der Individuen aller Nationen ist, daß

die Kaffeesäle und Restaurationen prächtig sind, man in Silber serviert

wird, die Leckerbissen aller fünf Weltteile hier zu haben sind, daß,

wenn man in dessen Spielhöllen sein Geld verloren, man seinen Schmerz in

der anstoßenden Restauration nach Belieben in Tokaier, Kapwein oder

Lacrimae Christi ertränken, sich dann in der unter derselben

befindlichen Waffenbude ein paar Pistolen kaufen und mit einem Druck all

seinen irdischen Leiden ein Ende machen konnte, wie dies öfters

vorgekommen, und so weiter. Während der Revolution war das Palais Royal,

_Palais Egalité_ genannt, der Tummelplatz der größten Unruhestifter.

Hier hatte man zuerst die dreifarbige Kokarde aufgesteckt, den Papst im

Bilde verbrannt, d'Espremenil im Bassin des Gartens ersäuft, und Camille

Desmoulins forderte hier vor dem _Café Foy_ das Volk zum Aufstand gegen

den Hof auf. Es war und ist beständig der Sammelplatz aller

Pflastertreter, Glücksritter, Taschendiebe, Gaukler, politischen

Kannegießer, Neuigkeitskrämer, Freudendirnen, Modedamen und so weiter.

Ein Sündennest, in dem sich alle Laster und Verbrechen zu einer

Quintessenz konzentrieren.

Als ich den dritten oder vierten Tag mich zum Frühstück in das Palais

Royal begab, begegnete ich zu meinem großen Erstaunen Sr. Durchlaucht

dem Fürsten Y., und zwar in Generalsuniform, daselbst. Ich hatte ihn,

seitdem er das Regiment zu Montpellier verlassen, nicht wieder gesehen.

Er war zum Brigadegeneral avanciert. Ich grüßte ehrerbietig und wollte

mich an ihm vorüberdrücken. Er hatte mich aber erkannt und die Gnade,

mich deutsch mit den Worten: »Mein Gott, Fröhlich, wie kommen Sie

hierher?« anzusprechen. -- Ich mußte ihm nicht nur dieses, sondern meine

ganze seit jener Zeit durchlaufene Karriere mit wenig Worten mitteilen.

Er war nun so gnädig, mich fast mit Gewalt in das _Café Foy_ zu nötigen

und daselbst mit dem feinsten Likör zu regalieren, erzählte mir, daß er

bestimmt gewesen, in Spanien bei dem Armeekorps des Marschall Moncey zu

agieren und dessen erste Division zu kommandieren, daß ihn aber das sich

jetzt immer häufiger einstellende abscheuliche Podagra verhindert habe,

Beweise von seinem militärischen Genie und seiner Tapferkeit abzulegen.

Der Geschichte zu Montpellier wurde mit keiner Silbe erwähnt, aber ich

erlaubte mir, Sr. Durchlaucht im Laufe des Gespräches einige Bemerkungen

über die Zusammensetzung und Administration des Regimentes Y. submissest

zu machen, namentlich daß so mancher Schofel dabei angestellt gewesen.

_Son Altesse_ geruhten die Achsel zu zucken, tranken ein Gläschen _Crême

de Mocca_ mehr, luden mich ein, sie den kommenden Morgen in ihrer

Wohnung in der Rue Saint George zu besuchen, und während meines

Aufenthaltes zu Paris ihr Haus wie das meinige zu betrachten. Ja der

Fürst bot mir sogar ein Zimmer in seiner Wohnung an, wofür ich jedoch

herzlich dankte, dagegen den Besuch versprach. Als wir den Kaffeesaal

endlich verließen und ich mich zu Gnaden empfehlen wollte, lud er mich

ein, noch einen Spaziergang mit ihm nach den elysäischen Feldern zu

machen. Als wir über den Konkordienplatz kamen, stand er still und sagte

seufzend: »Dies ist der schönste Platz in Paris, aber auch ein

fürchterlich merkwürdiger Platz!« -- »Jawohl, Ihro Durchlaucht,«

erwiderte ich, »denn hier fielen die Häupter des unglücklichsten

Königspaares unter dem Beil des Henkers. Dieser Platz ist es, auf dem

bei den Vermählungsfeierlichkeiten Ludwig XVI. und Maria Antoinettens

über hundertfünfzig Menschen das Leben verloren und an tausend mehr oder

minder beschädigt und verstümmelt wurden -- ein schreckliches Fest! --

Hier wurde 1792 die Bildsäule des stupiden Wüstlings Ludwig XV., der

frisiert, mit Lorbeern gekrönt und in römischer Tracht dargestellt war,

umgestürzt. Hier fielen während der Schreckenszeit unzählige freisinnige

und rechtliche Bürger als Opfer der blutigsten republikanischen

Tyrannei, und da, wo wir stehen, war der Boden von dem vergossenen Blut

schon so durchtränkt und schlüpfrig, daß man nicht mehr darauf gehen

konnte, ohne auszuglitschen, und die Guillotine mußte weiter gebracht

werden.« -- »Lassen Sie auch uns weiter gehen,« sagte Fürst Y. etwas

kleinlaut, und wir eilten nach den elysäischen Feldern, wo ich äußerte,

daß ich gerne nach Notre-Dame, da ich diese Kirche noch nicht besucht,

gehen möchte. -- »Ich will Sie dahin begleiten,« sagte der Fürst, und

wir fuhren zusammen in einem Fiaker nach der großen Seine-Insel, die für

sich eine sehr bedeutende Stadt bildet. Bei Notre-Dame angekommen,

stiegen wir aus. Auf der Stelle, wo diese ungeheure Steinmasse steht,

war vor Jahrtausenden ein heidnischer Götzenaltar. Als die Pariser

Heiden christliche Menschen wurden, stürzten sie diesen, wie in unseren

Tagen ihre Könige, und errichteten dem heiligen Stephan eine Kirche auf

diesem Platz. Childebert I. ließ eine größere Kirche dahin bauen, die er

der Jungfrau widmete. 1010 legte aber Robert der Fromme, ein Sohn Hugo

Capets, den Grundstein zu dem jetzt noch stehenden Riesentempel, an dem

über drei Jahrhunderte gebaut wurde. Zweitausend Bleitafeln decken ihn

und seine Seitenkapellen. Auf dem Platz vor der Kirche, Parvis genannt,

hatten die Bischöfe von Paris ihre eigene Gerichtsbarkeit, was durch

eine daselbst aufgehängte Galgenleiter angedeutet war. 1789 fand die

feierliche Fahnenweihe der Nationalgarden unter Lafayette in dieser

Kirche statt. Während der Schreckenszeit wurde sie ihrer schönsten

Zierden beraubt, zahllose Figuren, Obelisken, Pyramiden, Mausoleen

wurden zertrümmert. Die stupiden Blutmenschen wühlten sogar die Gräber

auf und beraubten sie der Knochen und Lumpen, die sie enthielten.

Unsinnige Kannibalen, wütende Ungeheuer, die sich, ein beißender Spott,

Freiheitsmänner nannten, weil sie selbst auf eine kurze Zeit die

Freiheit hatten, alle Freiheit mit Füßen zu treten, hielten jetzt ihre

Versammlungen in den geweihten Mauern, sangen ekelhaft-schmutzige

Zotengesänge in den hochgewölbten Hallen und brüllten gleich wütenden

Bestien klassische Dummheiten und Nichtswürdigkeiten von der Kanzel

herab, sich dabei Philosophen nennend. Als endlich 1802 die Freiheit des

Gottesdienstes wieder proklamiert wurde, erhielt die Kirche ihre frühere

friedliche Bestimmung wieder, und war nicht mehr der Tummelplatz der

abgeschmacktesten Unwissenheit. Den 3. Dezember ließ sich Napoleon von

Pius VII., den er jetzt gefangen hielt, hier krönen. Die große Glocke

des einen Turmes, die Ludwig XIV. aufhängen ließ, wiegt weit über

dreihundert Zentner. Gleich bei dieser Kirche befindet sich das große

Hotel de Dieu, dessen Stiftung man einem heiligen Landry zuschreibt, der

der achte Bischof von Paris gewesen. Aber der eigentliche Gründer war

der heilige Ludwig. Hier werden die Kranken aller Nationen, ohne

Unterschied des Geschlechtes, der Religion, des Standes, aufgenommen,

gut gepflegt und von mehr als zweihundert frommen Schwestern und einem

halben Hundert Ober- und Unterchirurgen bedient. Nur Pestkranke,

Venerische und Unheilbare nimmt man nicht an. Die Säle enthalten über

viertausend Betten. Hier findet man die lebendigsten Gemälde alles

menschlichen Elends und Jammers. 1737 legte eine vier Tage lang wütende

Feuersbrunst das ganze Gebäude in Asche. Noch furchtbarer war die von

1772, bei welcher viele Hunderte von Kranken den Tod in den Flammen

fanden. Der auf derselben Insel liegende Justizpalast ist ein wahres

Labyrinth der Gerechtigkeit, zu welchem nur die in alle Schikanen der

heiligen Justitia Eingeweihten den leitenden Faden haben. Es war ehedem

die Residenz der Herrscher Frankreichs, bis es Karl III. dem Parlament

abtrat. In dem ungeheuren Saal der _Pas perdus_ finden sich alle

zusammen, die hier etwas zu suchen oder zu verlieren haben. Auch ist er

das allgemeine Entree zu den verschiedenen Tribunalen. Unter diesem Saal

befinden sich die Archive, in denen Berge von Prozeßakten aufbewahrt

werden, worunter manche von hohem Interesse sind, wie zum Beispiel die,

welche die Johanna d'Arc betreffen. Die heilige Kapelle, die an diesen

Palast stößt, ist die uralte Kirche der ersten christlichen Rasse der

Könige von Frankreich, die auch diesen Palast erbaute. Sie ist ein

schönes Monument jener Zeiten.

Fürst Y. hatte die Güte, bei Besichtigung dieser Merkwürdigkeiten mein

Cicerone zu sein. Er lud mich, als wir uns trennten, nochmals dringend

ein, ihn doch ja den nächsten Morgen zu besuchen, und zum Dejeuner um

Mittag bei ihm zu sein. Ich versprach, mich zur bestimmten Zeit

einzufinden, und hielt Wort, wurde äußerst freundlich empfangen und

brachte wieder ein paar Stunden mit ihm hin. Aber das böse Zipperlein

plagte ihn so gewaltig, daß er, auf einer Ottomane ausgestreckt, nach

Römersitte das Frühstück zu sich nahm. Noch denselben Tag mietete ich

mir eine Wohnung von ein paar möblierten Zimmern in der Straße Choiseul,

streifte noch immer in der großen Stadt umher, um sie genauer kennen zu

lernen, und machte hier und da einige nicht uninteressante

Bekanntschaften unter den Offizieren in Restaurationen und

Kaffeehäusern. Damals war ganz Paris voll von Napoleons Ehescheidung von

Josephinen. Dieser Gegenstand gab fortwährend den Hauptstoff der

Unterhaltung an öffentlichen Orten und in Privathäusern; und wie groß

auch das Spionenwesen zu jener Zeit in Frankreich und Paris sein mochte,

so daß jedes nur zweideutige Wort von der geheimen Polizei aufgefangen

wurde, so nahm man dennoch bei dieser Veranlassung kein Blatt vor den

Mund, besprach diese Scheidung öffentlich und tadelnd, nannte sie ebenso

unpolitisch und unklug als lieblos. Ebenso rücksichtslos sprach man sich

über den Kaiser hinsichtlich des spanischen Krieges, ja über das

Spioniersystem selbst aus. Freilich hätte man ganz Paris und halb

Frankreich einstecken oder stumm machen müssen, wenn man alle

Individuen, welche sich dies herausnahmen, hätte bestrafen wollen. Ein

Beweis, daß auch der gewaltigste Despotismus die Zungen nicht in Fesseln

zu legen vermag, wie viel weniger die Gedanken. Was die Köpfe aber jetzt

am meisten beschäftigte, war die Wahl, die Napoleon treffen würde, um

sich eine zweite Gemahlin zu geben. Die meisten Franzosen waren der

Meinung, daß es eine Französin aus einer guten Familie sein werde. Ist

er klug, sagten viele, so nimmt er sich eine liebenswürdige Frau aus

einer honetten Bürgerfamilie, um seine Nachfolge zu sichern. Dadurch

wird er die Nation durch ein Band mehr an sich knüpfen und zeigen, daß

er über die alten Vorurteile und Schnurrpfeifereien erhaben ist. Aber so

klug war er nicht. Die kaiserliche Krone war zu schwer für ihn und

lastete drückend auf seinem Gehirn, denn seit er sie sich auf den Kopf

gesetzt, sah er nicht mehr klar und befolgte in jeder Hinsicht eine

jämmerliche, kindische und kleinliche Politik, die ihn notwendigerweise

ins Verderben stürzen mußte, wie er überhaupt als Politiker noch tief

unter der Mittelmäßigkeit stand. Wenig Personen glaubten, daß er sich

eine auswärtige Prinzessin, und am allerwenigsten, daß er sich eine

österreichische zulegen würde. Über die Ehescheidung selbst waren die

Meinungen sehr verschieden. Denn so sehr auch Josephine im allgemeinen

beliebt war, so sagte man sich doch, daß es zum Wohle Frankreichs nötig

sei, daß Napoleon Leibeserben erhalte, und entschuldigte ihn deshalb,

sowie wegen seiner meist sehr flüchtigen Nebenamouretten, da Josephine

während seiner Abwesenheit in Italien, wo er als Oberfeldherr des

dortigen Heeres weilte, und wenn sie Bäder besuchte, sich ebenfalls

keiner allzu großen ehelichen Treue rühmen konnte.

Als ich eines Tages, nachdem ich mehrere Aufträge für das im

Kirchenstaat stehende Armeekorps besorgt und Lieferungskontrakte

abgeschlossen, etwa zehn Tage nach meiner Ankunft zu Paris, heimkehrte,

fand ich eine Order vom Kriegsminister vor, die mich auf den nächsten

Morgen zu demselben beschied. Mich zu ihm verfügend, wurde ich sogleich

in sein Kabinett eingeführt und sehr artig von ihm empfangen. Er fragte

mich besonders viel über die römischen Zustände, erkundigte sich nach

den Einzelheiten bei der Verhaftung des Papstes und was bis zu meiner

Abreise noch in Rom besonders vorgefallen und so weiter. Nach dem, was

mich Miollis hatte merken lassen, schien es, als suche er eine

Versetzung nach Paris und in Napoleons Nähe, nach Clarkes Äußerungen

aber war es der Marschallstab, der ihm im Kopf steckte, und jetzt ging

mir erst ein Licht auf, warum er mir Empfehlungen an verschiedene

Personen mitgegeben hatte, die in näherer Berührung mit der an den

Prinzen Borghese vermählten Schwester Napoleons, der schönen Pauline

standen, und von der er sich einbildete, daß sie eine große Gewalt über

ihren Bruder habe. Bei mir hatte er sich geäußert, daß, wenn man ein

Anliegen beim Kaiser habe, es durch diesen Kanal am besten vorgebracht

werde. Auch ich müßte suchen, diese Gelegenheit zu benützen, um mich in

die Gunst dieser Dame zu setzen und so eine recht brillante Karriere zu

machen, dabei aber auch seine Angelegenheit nicht vergessen. Da aber

Pauline noch gar nicht in Paris anwesend war, so konnte für den

Augenblick nicht operiert werden. Clarke eröffnete mir, daß, so lange

meine Anwesenheit währe, ich täglich vierundzwanzig Franken Diäten

erhalten werde. Meine Reisekosten wurden mir natürlich ohnehin reichlich

vergütet. Dazu kam noch, daß ich von den Kaufleuten und Fabrikanten, mit

denen ich Lieferungskontrakte abschloß, nicht unbedeutende Geschenke

erhielt. Dagegen aber bekam ich fortwährend so viel Aufträge von

Offizieren meines Regimentes und anderer, die im Römischen standen,

silberne und goldene Epauletten, Hüte, Federbüsche, Handschuhe, Tücher,

Stiefeln und Gott weiß was alles zu kaufen und zu schicken, daß oft kaum

meine Kasse hinreichte, all diese Kommissionen zu besorgen. Auch erhielt

ich später kaum ein Dritteil meiner Auslagen wieder, da viele der

Offiziere blieben oder starben, bevor sie mich bezahlten, andere nicht

daran dachten, dies zu tun. Indessen stand ich mich dennoch im ganzen in

finanzieller Hinsicht sehr gut in Paris und erhielt sogar noch einiges

Geld von Haus. Fürst Y., der mich jetzt, ich weiß nicht warum, in ganz

besondere Affektion genommen hatte, und dem ich bisweilen aus

französischen oder deutschen Werken, wenn ihn das böse Zipperlein

plagte, vorlas, bestand darauf, daß ich wenigstens den Tisch bei ihm

nehmen müsse und stellte sogar eine Equipage und ein Reitpferd zu meiner

Verfügung, wofür ich ihm sehr erkenntlich war, da dies in Paris nicht zu

verwerfen und keine Kleinigkeit ist. Ich machte besonders Gebrauch von

letzterem, indem ich fast täglich über die Boulevards und in die

elysäischen Felder ritt, den Wagen aber nur selten benützte und mich

lieber in einen Fiaker setzte. Nach und nach hatte ich auch sämtliche

Theater, es waren damals nur acht im Gange, besucht. Früher hatte man

deren an zwanzig gezählt, Napoleon hatte aber, ich weiß nicht warum, ein

Dutzend aus eigener Machtvollkommenheit schließen lassen.

Der Neujahrstag war diesmal (1810) ganz besonders glänzend und feierlich

in Paris begangen worden, die Gratulationsdeputationen nahmen kein Ende.

Zu seinem Leidwesen konnte Fürst Y. sich nicht seiner Schuldigkeit in

dieser Hinsicht entledigen, da ihn das Podagra den ganzen Tag an das

Faulbett fesselte, was ihn sehr mißmutig machte. Die Buden in dem Palais

Royal, auf den Boulevards, der Straße Saint Honoré und so weiter waren

überaus reich und prächtig, wie es um diese Zeit immer geschieht, mit

den kostbarsten Waren jeder Gattung ausgestattet; besonders aber waren

es die Bijouterie-, Gold- und Silber-, Mode- und Konditorläden. So

geschmackvoll mit den kostbarsten Gegenständen versehen, hatte ich sie

noch nirgends bemerkt. Diese Tage sind hauptsächlich für die sich

auszeichnenden Pariser Theaterprinzessinnen ergiebig, die mit Geschenken

überschüttet werden. Auch Se. Durchlaucht hatten sich reich mit

dergleichen versehen, wenigstens für zwanzig- bis fünfundzwanzigtausend

Franken an Wert, die sie einigen Theaterhoheiten zum Geschenk machte. Da

Fürst Y. über acht Tage das Zimmer hüten mußte, so beauftragte er mich

mit der Überbringung mehrerer derselben in seinem Namen. Namentlich

erhielt Demoiselle Mars und die schöne Tänzerin Gardel eine jede ein

Paar Brillantohrringe von mindestens viertausend Franken an Wert, die

mit großer Freundlichkeit dankbar angenommen wurden. Man bat mich auf

das höflichste, Seiner Durchlaucht ihre wohlwollenden Gesinnungen zu

versichern und auch meine Besuche zu wiederholen, was ich nicht

verschmähte. -- »_Mais soyez sage_,« hatte mir Fürst Y. nachgerufen, als

ich ihn verließ. -- »_Monseigneur, ça va sans dire_,« hatte ich

geantwortet und wenigstens diesmal Wort gehalten.

Als ich bald nach Neujahr eines Nachmittags durch die Tuilerien ging,

begegnete ich im Garten derselben einer weiblichen weißverschleierten,

hübsch gewachsenen Figur, deren Gesicht, so viel ich durch den Schleier

sehen konnte, mir sehr bekannt vorkam. Die Dame hatte mich aber nicht

bemerkt, sondern war mit zu Boden gesenktem Blick an mir

vorübergeglitten. Ich drehte mich um, musterte die zierliche schlanke

Gestalt, deren Anzug jedoch gerade nicht nach dem neuesten Schnitt und

ziemlich ärmlich war, sowie die ganze Haltung keine Pariserin, sondern

etwas Fremdartiges verriet. Meine Neugier war rege geworden, ich folgte

ihr in einiger Entfernung, überholte sie dann, um sie noch einmal ins

Auge zu fassen. Am großen Bassin angekommen, drehte ich mich um und ging

ihr mit langsamen Schritten gerade entgegen, blieb aber noch im Zweifel,

wer sie sei, da mich der faltenschlagende Schleier die Züge wieder nicht

genau erkennen ließ. So viel war mir jedoch klar, daß ich sie kennen

mußte. Ich wollte schlechterdings Gewißheit haben, überflügelte sie zum

zweiten Male, und ihr zum dritten Male begegnend, grüßte ich sie so, daß

sie es wahrnehmen mußte. Jetzt ertönte ein: »_Oh dio mio!_« aus ihrem

Munde, sie blieb vor mir stehen, und da sie bemerkte, daß ich noch

ungewiß über ihre Person sei, schlug sie den Schleier zurück und sagte:

»_Ma Signore, non mi conoscete?_« und jetzt erkannte ich -- die zu Rom

entführte Nonne in ihr und rief aus: »Ach, Madame Bonnier.« -- »Die bin

ich.« -- »Und Ihr Gatte, Signora?« -- »Steht bei der Armee in Spanien.«

-- Ich begleitete nun die Dame, die über dies Zusammentreffen ebenso

erfreut schien, wie ich selbst, lud sie zu einem Spaziergang in die

elysäischen Felder ein und bat sie, mich von dem, was ihr seit ihrer

Abreise von Rom begegnete, zu unterrichten. Um uns so ungestörter

unterhalten zu können, nahm ich einen Fiaker, mit dem wir vor die

Barriere von Neuilly fuhren. Sie teilte mir nun mit, daß noch große

Schwierigkeiten zu überwinden gewesen, bis sie Bonniers rechtmäßige

Gattin geworden, und sie noch vor der Trauung schon einigemal bereut,

diesen Schritt getan zu haben, später aber weit mehr. Sie habe sich

schon oft wieder in das ruhige friedliche Stilleben des Klosters

zurückgesehnt, wo man von dem Treiben und den Kabalen der bösartigen

Welt nichts wisse und nicht von ihr beunruhigt werde, und wogegen die

kleinen klösterlichen Trakasserien Kindereien seien. In Frankreich und

Paris gefalle es ihr gar nicht. Sie habe noch mit keiner einzigen

Familie ein vertrauliches Verhältnis anknüpfen können und mit ihrer

eigenen sei sie zerfallen, ihr Mann schon bald ein Jahr von ihr

getrennt, und so stehe sie einsam und verlassen in der großen Stadt, wo

sie außer ein paar italienischen Offiziersdamen, deren Männer

gleichfalls bei der Armee in Spanien stünden, und die ungefähr in

demselben Verhältnis wie sie sich befänden, keine Seele kenne. Bei

dieser, im Ton des Schmerzes gemachten Erzählung kamen ihr öfters die

Tränen in die Augen und sie flößte mir die größte Teilnahme ein.

Obgleich leidend und etwas abgehärmt, war Angelika doch noch sehr schön,

ja verführerisch-reizend. Ich suchte ihr allen möglichen Mut

einzusprechen, und da sie sich hauptsächlich deshalb beklagte, daß ihr

Mann ihr so selten Nachricht von sich gebe, stellte ich ihr vor, daß

dies von Spanien aus jetzt nicht anders sein könne, da die

Kommunikationen oft so schwierig, ja nicht selten ganz abgeschnitten

seien. Es waren bereits über fünf Monate, daß er ihr zum letztenmal, und

zwar von der portugiesischen Grenze aus, geschrieben hatte. Was sie am

meisten zu quälen schien, war, ob ihr Bonnier auch wohl treu geblieben

und nicht andere Liebeshändel gehabt, denn, wie sie gehört, seien die

Spanierinnen den Männern sehr gefährlich. Ich lächelte über die Naivität

der guten Exnonne und versicherte ihr, daß dies bei mir nicht der Fall

gewesen wäre, für andere aber könne ich freilich nicht stehen. -- »Ach,

die Männer, und noch obendrein die Offiziere taugen alle nicht viel.« --

»Wie, haben Sie schon solche Erfahrungen gemacht?« -- »Ach, man hört es

ja jeden Tag von den Herren selbst. Mein Mann hat mir genug davon

erzählt.« -- Ich bat sie jetzt, mir zu erlauben, sie heimbegleiten und

bisweilen besuchen zu dürfen. Etwas verlegen suchte sie das erste

abzulehnen und das zweite hinauszuschieben. -- »Aber Sie werden mir doch

das Vergnügen machen, eine Suppe in einer Restauration mit mir zu

nehmen?« -- Dies akzeptierte sie nach einigen Komplimenten und wir

fuhren nach dem Palais Royal zu den _frères provençaux_, wo ich ein

vollständiges und sehr leckeres Diner nebst den feinsten Weinen

servieren ließ. Madame Bonnier wurde nun munterer, aufgeweckter und

zutraulicher, und als ich sie nochmals bat, sie nach Hause bringen zu

dürfen, gestand sie mir offenherzig, daß sie sich schäme, mich in ihrer

Wohnung zu empfangen, weil diese gar zu schlecht sei, und offenbarte,

daß nur daher ihre Weigerung gerührt habe. Sie habe nur ein kleines

Dachkämmerchen, zur höchsten Not möbliert, nebst einem Alkoven zum

Schlafen, und zwar im ersten Stock eines Hauses, wenn man vom Himmel

herabsteige. Diese Bedenklichkeit wußte ich bald zu beseitigen, und

nachdem wir getafelt und den Kaffee eingenommen, fuhren wir in die

damals noch sehr entlegene und wenig bewohnte Straße Lazare, wo wir an

einem unansehnlichen Hause ab- und fünf Treppen hinaufstiegen. Die Dame

öffnete ein schlecht verschlossenes Mansardenzimmer, das allerdings auch

nicht den mindesten Anschein von Wohlhabenheit, sondern Dürftigkeit und

Mangel verriet. Zwei wackelnde Stühle, ein Tisch in demselben Zustand,

ein Stück von einem Spiegel, ein alter Koffer machten das ganze

Ameublement aus. Errötend sagte Madame Bonnier eintretend: »Hatte ich es

Ihnen nicht gesagt, daß ich eigentlich keinen honetten Menschen hier

empfangen kann?« -- »Jedes Gemach, das Sie bewohnen, wird zum

Prachtsaal,« antwortete ich ihr, »Ihre Gegenwart würde selbst die Hölle

zum Himmel umschaffen.« Dabei erlaubte ich mir, sie auf die Stirne zu

küssen. Die Nahrung und das übrige Leben der armen Frau war ganz im

Einklang mit ihrer Wohnung. Doch war mehr Mangel an Einrichtung,

Erfahrung und Weltkenntnis als Mangel an Subsistenzmitteln schuld, denn

ihr Mann ließ ihr monatlich neunzig Franken von seinem Gehalt zurück,

die ihr in Paris ausgezahlt wurden; und wenn man keine großen Sprünge

damit machen konnte, so war es doch hinlänglich für eine Person, die

sich einzurichten verstand, um auszukommen, ohne Not zu leiden,

besonders wenn man eine so wohlfeile Wohnung hatte. Aber die Dame wurde

von allen, mit denen sie zu tun hatte, bestohlen und betrogen. Kaum daß

sie zur Not den Wert des Geldes kannte. Sie hatte eine sogenannte _femme

de menage_, die sich jeden Morgen einfand, ihre kleine Aufwartung und

Kommissionen besorgte, sie aber alles doppelt und dreifach bezahlen ließ

und ihr dazu noch die schlechtesten Viktualien lieferte, nur Ausschuß,

und außerdem ein Teufel von einem alten Weibe war, die sich nicht das

Geringste sagen ließ, sondern die arme Frau, die sich nicht zu helfen

wußte, mißhandelte und beschimpfte, wenn sie es wagte, ihr irgendeine

Bemerkung zu machen. Dies alles sah ich bald ein und tat Madame Bonnier

den Vorschlag, vor allem eine andere Wohnung zu suchen. Da sie mir

einwandte, daß dies ihre Mittel nicht erlaubten, erwiderte ich: »Lassen

Sie mich dafür sorgen.« Sodann riet ich ihr, sich des alten Drachen, der

sie so schlecht bediene und betrüge, zu entledigen. Aber sie fürchtete

sich vor dem Weibe und wagte es nicht, ihr zu kündigen. Dies nahm ich

auch auf mich, und als die böse Sieben wieder schlechte Ware zu hohem

Preis gebracht und noch obendrein Händel anfing, ging ich ihr derb zu

Leibe, ihr das schändliche Benehmen gegen Madame Bonnier vorhaltend. Sie

entschuldigte sich damit, daß ihr Charakter einmal so sei. Ich versetzte

darauf: »Jedermann hat seinen eigenen Charakter, der meinige ist, daß

ich solche Kanaillen zur Türe hinauswerfe,« und damit machte ich die

Türe auf und hieß sie sich packen. -- »Ich habe noch einen Monat zu

bleiben und eher gehe ich nicht.« -- »Das wird sich gleich finden, was

hast du noch zu fordern?« -- Madame Bonnier sagte: »Sie erhält fünfzehn

Franken monatlich von mir.« -- Ich warf sie ihr hin. -- »Ich habe auch

noch siebenundzwanzig Franken für Auslagen zu fordern.« -- Auch diese

gab ich ihr, hieß sie nun sich trollen und verbot ihr das Wiederkommen.

Aber noch wollte sie nicht gehen und schimpfte. Nun riß mir die Geduld.

Ich packte sie beim Arm, warf sie zur Türe hinaus und die Treppe hinab.

Sie schimpfte noch bis auf die Straße und wollte klagen; indessen hörte

ich nichts weiter von ihr. Ich beurlaubte mich von der Dame mit einem

Abschiedskuß, den sie mir dankend erwiderte, und mietete in der nahen

Straße Montblanc eine ziemlich geräumige möblierte Wohnung mit zwei

Schlafzimmern und einem hübschen Salon in der Mitte, nebst einem _Salle

à manger_. Alles für hundertsechsundzwanzig Franken monatlich. Nachdem

dies geschehen, holte ich Madame Bonnier ab, welche, als sie das Logis

sah, ausrief: »_Ma é troppo bello!_« Ich zeigte ihr alle Piecen und

fragte sie: ob sie mir wohl erlauben wolle, das eine Schlafzimmer zu

beziehen. -- Errötend antwortete sie mir: »_Ma ella é il Padrone._« --

»Und dann trennt uns ja der Salon,« versetzte ich lächelnd. Ich ließ nun

gleich ihre wenigen Sachen hierherbringen, sorgte auch für ein Pianino

und eine Gitarre, und in den nächsten vierundzwanzig Stunden waren wir

beide in der neuen Wohnung installiert, in der wir auch bald wie Mann

und Frau lebten. Ich ließ eine Conturière, eine Modistin und eine

Lingère kommen und bat sie, ohne Umstände das zu bestellen, was sie am

nötigsten bedürfe, indem wir später schon abrechnen würden. Nur mit der

größten Bescheidenheit machte sie von diesem Anerbieten Gebrauch, so daß

ich genötigt war, selbst dafür zu sorgen, daß sie an Kleidern, Putz und

Wäsche wenigstens das Unentbehrlichste erhielt, wobei sie jeden

Augenblick ausrief: »_Ma é troppo, Signore!_« Wir führten jetzt eine

artige Haushaltung zusammen, das Essen ließ ich von einem Restaurateur

bringen oder wir aßen auch bei einem solchen, und verlebten die

Flitterwochen recht vergnügt, da ich mit meiner Interims-Gattin die

Promenaden, die Theater, Konzerte und sonstigen Vergnügungsorte

besuchte, der nun auch das Pariser Leben besser zu gefallen begann.

Eines Tages erhielt ich eine Einladung zur Tafel vom Kriegsminister, die

ich mit großem Vergnügen annahm, hoffend, daß mir dieses Gelegenheit

geben würde, mein Privatanliegen, die Versetzung zur Garde, zur Sprache

bringen zu können. Dies war aber nicht der Fall; es waren viele Generäle

und Stabsoffiziere bei Tische, ich konnte kaum ein paar Worte mit Clarke

wechseln, welche Miollis betrafen, und mußte unaufhörlich Fragen

beantworten, die man hinsichtlich der Verhaftung und Entführung des

Papstes an mich tat. -- Ich hatte Madame Bonnier vorgeschlagen, den

Versuch zu machen, sie einigermaßen mit ihrer Familie wieder

auszusöhnen. Sie aber meinte, das würde sehr schwer sein. Ich schrieb

nun in dieser Angelegenheit an Miollis, meldete ihm zugleich den Erfolg

meiner bisherigen Bemühungen und meine Hoffnung für die Zukunft und bat

ihn, sich doch nachdrücklich bei der Familie der Madame Bonnier zu

Pesaro für diese unglückliche Dame verwenden zu wollen. Dies hatte einen

so günstigen Erfolg, daß sie auch bald nachher einen Wechsel von

tausendfünfhundert Franken und das Versprechen von ihren Verwandten

erhielt, daß man ihr von Zeit zu Zeit kleine Unterstützungen zukommen

lassen wolle. Angelika war nun außerordentlich vergnügt, und schien

ihren Mann, der vielleicht in den Armen einer hübschen Andalusierin oder

Kastilianerin schwelgte, in den meinigen ganz zu vergessen. Sie nannte

mich: »_Il suo caro marito_«, und ich sie: »_Ma petite femme_«, und die

ehemalige Braut Christi wurde ein ganzes Weltkind. Was ihr hauptsächlich

viel Vergnügen gewährte, war der Besuch der großen Oper und der

Ballette, die mit einem unerhörten Prachtaufwand gegeben wurden und zum

Teil wahrhaft bezaubernd waren, wie zum Beispiel >_La fête de Mars_<,

>Amor und Psyche<, >Das Urteil des Paris<, >Venus und Adonis< und so

weiter, und Künstler, wie Gardels, die Saulnier, Clotilde, Marelie,

Bigottini, Vestris, Beaupré und so weiter, tanzten alle wie Götter, die

sie repräsentierten. Da die Karnevalszeit nahte, so wurde das Leben

immer lustiger und namentlich machten auch die Maskenbälle der großen

Oper meiner jungen Frau großes Vergnügen. Die italienischen Opern, die

im Theater _de l'Impératrice_ (Odeon) gegeben wurden, versäumten wir

nie, da sie Angelika großes Vergnügen zu bereiten schienen. Seltener

besuchten wir das französische Theater, bisweilen die Komödie und die

Vaudevilles. Die Akademie _impériale de musique_ in der Straße Richelieu

hatte zu jener Zeit einen hohen Grad der Vollkommenheit erreicht. Die

ausgezeichnetsten musikalischen Talente nicht nur Frankreichs, sondern

von ganz Europa waren hier konzentriert und vereinten alles, was

Gesicht, Gehör und Gefühl zu entzücken vermag. Pracht und Pomp waren mit

Geschmack und Kunst verbunden. Dekorationen, Kostüme, Maschinerie war

erstaunenswert. Kompositeurs, Maler, Musiker, Sänger und Tänzer, alles

harmonierte und wetteiferte miteinander, die allgemeine Bewunderung zu

erregen. Armidas Zaubergärten, Psyches Feenpalast, Agamemnons Lager und

so weiter waren magische Täuschungen, und die Lainez, Laforet, Derivis,

Nourrit (Vater) und so weiter bildeten ein Ensemble der Vokalmusik, wie

man es an diesem Theater seitdem nicht wieder sah. _Aux français_

glänzten damals Talma, Lafond, Saint Prix, Fleury, die Leverd, Mars,

Duchenois, Volnais und so weiter. Es bedarf wohl nur dieser Namen, um

sich eine Vorstellung von dem machen zu können, was hier geleistet

wurde, namentlich von dem einzig unerreichbaren Talma und der Mars. Die

Werke Racines, Corneilles, Crébillons, Voltaires, Molières wurden in der

höchsten Vollendung und in der reinsten Sprache gegeben, die man nur

hier hörte. Ein Hochgenuß war es, >Phädra<, >Britannikus<, >Zaïre<,

>Tartüffe< aufführen zu sehen. Im Theater der Kaiserin, dem zweiten

französischen, war es bei weitem nicht mehr das, doch war das Lustspiel

gut, und ich sah Kotzebuesche Stücke hier allerliebst aufführen, so auch

>_Misanthropie et repentir_<, von dem jedoch ein französischer Kritiker

sagte: daß, nachdem man sich während fünf Akten gelangweilt, man endlich

eine Szene lang weinen müsse. Nichtsdestoweniger war das Haus überfüllt,

so oft das Stück gegeben wurde. Angelika, die wenig davon verstand,

wollte jede Szene von mir erklärt haben. Ich hütete mich aber, ihr die

ganze Wahrheit zu sagen, fürchtend, daß ich auch bei ihr eine Reue

erwecken könnte. Die komische Oper und das Vaudeville, _la Gaïté_ und

das _Ambigu comique_, die wir bisweilen besuchten, waren alle gut

besetzt. Großen Gefallen fand meine junge Frau an den Darstellungen

Franconis und seiner zwei- und vierbeinigen Akteurs. Ich zeigte ihr auch

die Kunstschätze des Louvre, die man nicht oft genug sehen konnte, und

das Fenster, aus dem Karl IX. verruchten Andenkens in der

Bartholomäusnacht auf die fliehenden Protestanten schoß. Seine Mutter,

die Megäre Katharina von Medicis, hatte das Morden eine Stunde früher

als zur verabredeten Zeit beginnen lassen, aus Furcht, ihr Sohn möchte

anderen Sinnes werden. Aber er zeigte sich ihr vollkommen würdig.

Vierzigtausend Menschen büßten ihr Leben bei der Pariser Bluthochzeit

ein, und Karl schrie unaufhörlich: »_Tue, tue, mordieu, ils

s'enfuient!_« -- Das Höllenfest würdig zu feiern, schrieb der Papst

sogar ein Jubeljahr aus! -- Jetzt waren alle Meisterwerke der Kunst aus

ganz Italien und was noch aus Griechenland stammend vorhanden war, neben

den französischen und anderen in den Sälen des Louvre ausgestellt. Nie

hatten Malerei und Bildhauerkunst so viel unsterbliche Werke in einem

Tempel vereint gesehen. Unter ihnen war die weltberühmte Laokoonsgruppe,

der Apoll von Belvedere, die mediceische Venus und so weiter neben dem

Herrlichsten, was Raphael, Titian, Rubens, Michel Angelo und so weiter

geschaffen. In wenig Jahren mußten alle diese Gäste die Rückreise nach

der Heimat wieder antreten. Die wilden Bestien im _Jardin des plantes_

besuchten wir auch einigemale und bewunderten dort die Zedern vom

Libanon, machten auch nach und nach die Wanderung durch fast alle

Kirchen der Hauptstadt. In dem Karusselhof vor den Tuilerien malte ich

Angelika die Schreckensszenen vom 20. Juni und 10. August, die Ludwig

XVI. Thron und Leben kosteten, nachdem er sich noch jede Art Demütigung

hatte müssen gefallen lassen, recht lebendig aus.

Während der Flitterwochen meiner Interimsehe war ich nur wenig zum

Fürsten Y. gekommen und mußte daher manche, gerade nicht unfreundliche

Vorwürfe deshalb von ihm hören, da er sehr oft unwohl war und Gicht und

Podagra ihm die meiste Zeit Stubenarrest gaben. Nach den ersten vierzehn

Tagen meiner Vermählung fing ich jedoch an, ihm und anderen Dingen etwas

mehr Zeit zu widmen. Ich ritt auch wieder mehr aus und entsprach den

Wünschen Sr. Durchlaucht, indem ich ihm einige Stunden vorlas und öfters

kleine Soupers fins arrangierte, zu denen ich die ausgezeichnetsten

Künstler und Künstlerinnen von der Oper und des français einlud, und die

daher äußerst unterhaltend und vergnügt waren, aber auch viel Geld

kosteten, woran dem Fürsten jedoch nichts lag. Eines Tages nahm ich

Madame Bonnier mit zu einem solchen Abendessen, indem ich sie, wie ich

mit ihr verabredet hatte, für eine italienische Sängerin ausgab, die

hier Engagement suche. Der Fürst war ganz entzückt von ihr und

verlangte, daß ich sie öfters einladen solle. Ich wich dem Gesuch jedoch

aus, indem ich Seiner Durchlaucht sagte, daß die Künstlerin bereits

wieder nach Italien abgereist sei, indem sie hier ihren Zweck nicht habe

erreichen können. -- »O das ist jammerschade!« exklamierte Fürst Y. --

Wenn Seine Durchlaucht wohl waren, geruhten sie bisweilen die Spielsäle

im Palais Royal zu besuchen. Ich ging auch manchmal allein dahin, um das

interessante Treiben zu beobachten und pointierte hier und da einmal.

Eines Abends, als ich aus dem französischen Theater kam, trat ich im

Vorbeigehen noch in einen Spielsaal und warf, nachdem ich einige Male

rouge oder noir besetzt hatte, einen doppelten Napoleon auf eine Nummer

des Rouletts. Es war Fünfunddreißig; sie kam heraus und ich erhielt

sechsunddreißigmal den Satz. Ich rollte das Gold zusammen und sagte, es

auf der nämlichen Nummer stehen lassend: »_Aut Caesar aut nihil!_« und

die rollende Kugel fiel abermals in dieselbe Nummer! Jetzt erhielt ich

die Summe von einundfünfzigtausendachthundertvierzig Franken in Gold! --

Statt mich klüglich mit diesem Kapital zu entfernen, fuhr ich fort, _à

tort et à travers_, Nummern, _rouge et noir_, _pair et impair_, Kolonnen

und so weiter zu besetzen, und noch ehe eine Stunde vergangen, war mein

ganzer Reichtum wieder zu Wasser geworden, und kaum einige zwanzig

Franken in der Tasche, verließ ich lange nach Mitternacht das Palais

Royal. Ich tröstete mich leicht über den Verlust des Gewinstes. Das Geld

hatte zu jener Zeit keinen oder wenig Wert für mich, und wer weiß, zu

was es gut war, denn ungefähr um diese Zeit, einige Wochen später, fiel

eine greuliche Geschichte vor, welche ein ähnlicher Spielgewinst

hervorgerufen hatte. Ein junger Mensch hatte eines Abends über

dreißigtausend Franken in Gold gewonnen und entfernte sich darauf nach

ein Uhr in der Nacht aus dem Spielsaal. Er war der Sohn eines nicht

unbemittelten Mannes, der jenseits der Seine, in der Gegend des

Pantheons wohnte. Das Palais Royal verlassend, glaubte er bald darauf

sich von ein paar verdächtigen Kerls verfolgt zu sehen. Es war schon

sehr einsam in den Straßen und er beeilte sich, die Pont-neuf zu

erreichen, was ihm auch glücklich gelang. Hier war zu jener Zeit ein

kleiner Wachtposten von einem Korporal und drei Mann aufgestellt. Bei

diesem angekommen, ging er in die Wachtstube und bat den Korporal, er

möge ihm doch einen Mann zur Bedeckung mitgeben, da er viel Geld bei

sich habe und sich von ein paar verdächtigen Individuen verfolgt glaube.

Er wolle die Eskorte gut belohnen. Der Wachtkommandant schien erst

einige Schwierigkeiten zu machen, indem er vorwandte, daß seine

Mannschaft zu gering sei, als daß er einen Mann entbehren könne, besann

sich jedoch bald eines anderen, hieß den jungen Menschen einen

Augenblick warten, und verließ dann das Wachtzimmer, vorgebend, daß er

sich mit der Schildwache noch besprechen wolle. Er rief dann noch einen

der beiden anderen Soldaten heraus, mit dem er einige Zeit darauf

zurückkam, und nach diesem auch den dritten Mann, der dem Fremden

unterdessen Gesellschaft geleistet hatte. Mit diesem kehrte er nach

mehreren Minuten ebenfalls in das Zimmer zurück, und alle drei fielen

nun auf ein von dem Korporal gegebenes Zeichen über den jungen Menschen

her, verstopften ihm schnell den Mund und knebelten ihn, so daß er

keinen Laut von sich geben konnte, nahmen ihm dann das Geld ab und

stürzten ihn über die hohe Brücke in die Fluten der Seine hinab, da, wo

das Wasser gerade am reißendsten unter den Bogen rauscht und am tiefsten

ist. Der junge Mann war aber ein guter Schwimmer, erreichte glücklich

das nahe Ufer und lief jetzt auf den nächsten größeren, von einem

Offizier kommandierten Posten, dem er, was ihm soeben geschehen war,

erzählte. Dieser sandte sogleich eine starke Patrouille unter dem

Kommando eines Sergeanten ab, der die Wache samt der Schildwache

umzingelte, das saubere Kleeblatt mit der Teilung des Goldes beschäftigt

fand und es verhaftete. Alle passierten das Kriegsgericht, der Korporal

wurde erschossen und die Soldaten lebenslänglich auf die Galeere

geschmiedet. Der Vorfall gab ganz Paris auf vierundzwanzig Stunden Stoff

zur Unterhaltung.

Der unterdessen herangekommene Karneval gewährte uns manche

Unterhaltung. Ich besuchte teils in Gesellschaft Angelikas, teils mit

dem Fürsten Y. inkognito verschiedene Belustigungsorte. Die Masken, die

sich auf den Boulevards zeigten, vom Temple bis zur Madeleine, waren

aber nicht sehr elegant, ja zum Teil sehr lumpig, und konnten sich denen

zu Rom und anderen Städten Italiens nicht an die Seite stellen, sowie

auch das hiesige Karnevalstreiben ein ganz anderes wie das in Italien

ist. Die gemeinen Franzosen machen wohl manche witzige Späße, arten aber

nur zu oft in Plattitüden und rohe Gemeinheiten aus, während die

Italiener, auch die der untersten Klassen, noch immer eine gewisse

Dezenz bei dieser Gelegenheit beobachten. Der _Boeuf gras_ ist der

Kulminationspunkt des ganzen Festes. Ein kolossaler, bis zum Zerplatzen

fettgemästeter Ochse, der Mühe hat, seine ungeheure Fleischmasse

fortzubewegen, wird von einem Kinde, den Fleischerkönig darstellend,

geritten und von der ausgelassensten und sonderbarsten Eskorte

begleitet, die aus nachgeahmten Deputationen aus allen Weltgegenden,

allen Zeiten und allen Ständen bestehen, unter denen die Bewohner des

Landes auf Stelzen einherschreiten, Wilde und Chinesen, Mamelucken und

Kalmücken, Mexikaner und Peruaner, Kosaken und Slovaken, Panduren und

Heiducken, Mohren und Mulatten, Pierrots und Harlekins und Völker, deren

Wohnsitze auf Erden gar nicht bekannt sind, sich befinden und das

Kortege bilden. Gelehrte Franzosen behaupten, daß sich der Ursprung

dieser grotesken Zeremonie noch von den Galliern herschreibt, die einem

Stier göttliche Verehrung zollten. Während der Revolution war diese

Fette-Ochsen-Prozession unterblieben, erst unter dem Kaiserreich wurde

sie wieder hervorgeholt. Als im Jahre 1739 der Ochsenzug, wie es der

Gebrauch, sich dem König und seiner Familie vorgestellt hatte, dann nach

dem Hotel des ersten Parlamentspräsidenten begab und diesen nicht daheim

fand, nahm er seine Richtung gerade nach dem Justizpalast und stieg samt

dem Ochsen und den ihn begleitenden Reitern die breiten Treppen am

Palais hinauf, präsentierte sich dem Herrn Präsidenten im Gerichtssaal,

schritt durch alle Säle und verließ den Themistempel, die Treppe, die

auf den Dauphinsplatz führt, hinabsteigend. Während dem Karneval waren

alle Kneipen und Schenken zu Paris und vor den Barrieren mit Masken und

seltsam kostümierten Individuen beiderlei Geschlechts angefüllt, die ein

wildes tolles Treiben vollführten. Diese in die barocksten Anzüge

gehüllten Menschen, die unaufhörlich durcheinander schreien und brüllen,

pfeifen, mit Gläsern und Flaschen klirren, die Fäuste aufschlagen und

mit Füßen stampfen, daß Wände und Tische zittern, unter dem

ohrenzerreißenden Gekratze von Bierfiedlern oder dem Spielen falscher

Orgeln und Heulen der Dudelsäcke, haben kaum noch durch ihre Gestalt

etwas Menschliches an sich, und man ist geneigt, sie eher für eine

Gattung wilder Bestien zu halten. Hier thront eine Hallendame als Venus,

mit Zinnober ziegelrot das Gesicht bemalt, in einem Schlendrian aus den

Zeiten Ludwig XV., dort ist ein fünfzigjähriger rußiger Schlossergeselle

als Amor mit kurzen Hosen, nackten Armen und Beinen, einen halben

Faßreif mit einem Strick umgehängt, einen Bogen vorstellend, nebst einer

Kufe voll Gänsekiele statt der Pfeile. Apollo und ein paar Musen spielen

und saufen einen giftig gebrauten Wein hinter einem Tisch, vor ihnen

steht ein Trupp Amazonen, mit Hackbeilen bewaffnet, mit denen in Kampf

sich einzulassen wohl nicht rätlich wäre. Eine keusche, bis über die

Knie aufgeschürzte Diana ist mit einem sechs Schuh langen halben Mond

versehen und beschenkt taumelnd ihren neben ihr sitzenden Endymion

verschwenderisch mit den saftigsten Küssen. Jetzt tritt ein Haufen

Ritter, die Götter mögen wissen, von welcher Gestalt, mit einem Trupp

Kobolde ein, alle haben scheußliche Larven vor. Türken in zerlumpten

alten Schlafröcken mit papiernen Turbanen und so weiter. Dies sind die

Charaktermasken und Kostüme des Pariser Karnevals, denen man in den

Straßen begegnet und die man in allen Guinguetten findet. Es wäre der

Mühe wert, diese Physiognomien zu studieren. Eine Ronde um diese Zeit

durch die Bastringues und Tanzlokale von Paris zu machen, ist wohl

ergiebig und mag dem Menschenfreund wie dem Menschenkenner manches zu

denken geben. Die Bälle des Tivoli _d'hiver_, der Eremitage, des Prado,

Retiro und so weiter bis auf die lebensgefährlichen Sauf-, Raub- und

Mordhöhlen vor den Barrieren durchstöberte ich, um das Volkstreiben der

berühmten verrufenen Hauptstadt ganz kennen zu lernen. Da führt ein

Lumpenmann (Chiffonier) eine Herzogin der guten alten Zeit, _dame de

haut parage_, am Arm, und läßt sie von Zeit zu Zeit einen Schluck aus

seiner Branntweinflasche tun, dort verliert sich ein Großsultan mit

einer Grobwäscherin, der er das Schnupftuch zugeworfen, in irgendein

heimliches Gemach. Die Gavotten, Kontertänze, Farandolen, alles wird

durcheinander gerast. Plötzlich erscheint ein vierschrötiger Kerl im

Matrosen- oder Lazzaronikostüm oder ein fast ganz nackter Wilder, der

die _partie honteuse_ kaum mit einigen Blättern, die zerfetzt an ihm

herabhängen, bedeckt, und kündigt schreiend einen Solotanz an, den er

unter dem infernalischsten Getöse und Gebrüll ausführt. Auf den

Boulevards reiten die tollsten Masken auf Eseln, Schindmähren, sitzen

auf der Imperiale der Fiaker, deren Kutscher ebenfalls maskiert sind.

Sogar Hunde laufen mit Masken umher. Dies waren die Lustbarkeiten des

Pariser Karnevals, die auch der Fürst Y., durch meine Berichte neugierig

gemacht, ein paarmal mit mir inkognito besuchte. Während der Republik

war es noch viel ärger, da sah man unter anderen Nonnen auf Eseln

reiten, an deren Schwanz Priester im Ornat, das Meßbuch in der Hand,

gebunden waren.

Mit Angelika besuchte ich zu dieser Zeit nur die Theater, besonders die

französische und italienische Oper, wo wir die Meisterstücke der ersten

Komponisten in hoher Vollendung aufführen sahen, namentlich auch Mozarts

>_Nozze di Figaro_<, >_La Molinara_<, Paesiellos >_Barbiero di

Seviglia_< und so weiter.

Unterdessen hatte sich einige Zeit nach der Scheidung Napoleons von

Josephinen plötzlich das Gerücht verbreitet, ersterer würde eine

österreichische Prinzessin heiraten, dem man aber anfänglich wenig

Glauben schenken wollte; ja viele Franzosen betrachteten es als

unmöglich. Da aber das Gerücht bald zur unleugbaren Gewißheit wurde,

machte diese Neuigkeit einen unbeschreiblichen Eindruck in ganz

Frankreich und dessen Hauptstadt. Im ersten Augenblick war man vor

Überraschung stumm. Als aber der erste Eindruck und die Bestürzung

vorüber waren, machte sich die fast allgemeine Mißbilligung hinsichtlich

dieser Ehe in den ungemessensten und unvorsichtigsten Ausdrücken Luft.

»Wie,« hieß es, »und darum von der besten und liebenswürdigsten Frau

geschieden, um eine österreichische ... zu heiraten. Hat die Erfahrung

nicht gelehrt, was die Österreicherinnen, die auf dem französischen

Thron saßen, für namenloses Unglück über Frankreich gebracht? -- Sind

wir denn in Frankreich so arm an edlen Jungfrauen, die würdig wären, den

französischen Kaiserthron zu zieren und der Nation Regenten zu schenken?

Einer Französin hätte hundertmal eher diese Ehre gebührt, als dieser

autrichienne, die Napoleons und unser Unglück machen wird.« Unglaublich

ist es, welche Stimmung diese Neuigkeit unter allen Ständen

hervorbrachte und selbst beim Heer. »_Une autrichienne! -- est -- il

possible au monde!_« war der ewige Refrain, den einer dem anderen

zurief; »eher würde ich eine französische Magd geheiratet haben.« Dabei

war nichts Komischeres als die Verblendung des österreichischen

Gesandtschaftspersonals zu Paris, das sich einbildete, die Franzosen

fühlten sich überaus glücklich und hochgeehrt durch die Wahl des

Kaisers, und die Herren trugen jetzt die Nasen um einige Zoll höher.

Niemand von Napoleons Umgebung getraute sich jedoch, ihn mit dieser

Stimmung des Volkes bekanntzumachen und ihn aus der beglückenden

Unwissenheit deshalb zu reißen. Hätte er sie genau gekannt, so würde er

schwerlich die Ehe mit Maria Louise vollzogen haben. Selbst der gemeine

Soldat und der Taglöhner sprachen nur wegwerfend und verächtlich von

dieser Verbindung, und als seine Mitteilung an den Senat dieserhalb

bekannt wurde, in der es unter anderem hieß: »_Nos peuples aimeront

cette princesse pour l'amour de nous, jusqu'à ce que témoins de toutes

les vertus qui l'ont placée si haut dans notre pensée, ils l'aiment pour

elle même_,« gab dies zu den bittersten Satiren, zu beißendem Spott

Anlaß, der sich sogar in heimlich gedruckten Spottliedern Luft machte.

Die Dankadresse des Senats, die Absendung Neufchatelles, die Trauung per

procura zu Wien und so weiter, dies alles mußte Stoff zu Satire,

Spöttereien und gehässigen Anmerkungen geben, die der sonst so wachsame

Fouché wenn nicht gar zu nähren, doch zu ignorieren für gut fand. Ich

muß gestehen, daß auch mir, der ich diese Stimmung genau kannte, nicht

ganz wohl zumute bei der Sache war. Mit Josephinen schien auch Napoleons

Glückstern von ihm gewichen.

Damals geschah es, daß man _aux français_ eine Orange mit einem

Zettelchen auf die Bühne warf, in die Orange selbst aber hatte man einen

Louisdor mit dem Gepräge Louis XVI. gesteckt. Das Publikum forderte die

auf der Bühne befindlichen Akteurs zum Lesen des Billetts auf. Da diese

aber Anstand nahmen, dem Begehren Folge zu leisten, so gab es einen

bedeutenden Lärm und großen Tumult, der immer ärger wurde und erst

endigte, als einer der Schauspieler mit dem Billett an die Rampe trat

und andeutete, daß er zum Lesen bereit sei. Jetzt wurde alles stille und

er las: »_Gardez le Louis et jettez l'écorce!_« Es lautete aber auch

wie: »_Gardez le Louis et jettez le Corse!_« Von mehreren Seiten wurde

Beifall geklatscht, der jedoch schnell verstummte und wahrscheinlich nur

in aller Unschuld von Personen gezollt wurde, welche den Calembourg gar

nicht verstanden hatten, oder nur aus Gewohnheit, weil man bei solcher

Veranlassung immer zu klatschen pflegt, klatschten. Die Sache machte

großes Aufsehen in Paris, und der Akteur, der ebenfalls in aller

Unschuld das Billett gelesen hatte, erhielt einen tüchtigen Wischer und

wurde entlassen.

Unterdessen dachte auch ich jetzt an eine Scheidung von meiner

liebenswürdigen Angelika, der ich zwar immer sehr wohl wollte, aber die

Flitterwochen waren vorüber, der Reiz der Neuheit verschwunden, und dies

Zusammenleben fing an, mir lästig zu werden. Wenn man so ewig umeinander

ist, bleibt die Langeweile nicht aus, und obgleich Madame Bonnier einen

lebhaften Geist hatte, so machte auf der anderen Seite die

Klostererziehung, wenig Welterfahrung und Mangel an wissenschaftlicher

Bildung, daß ihre Unterhaltung nur dürftig und einseitig war. Als ich

ihr unsere bevorstehende Trennung unter dem Vorwand, daß es der Dienst

heische und ich doch vielleicht Paris bald verlassen müsse, ankündigte,

war sie darüber ebenso untröstlich, als es Josephine gewesen sein soll,

da ihr Napoleon eine ähnliche Eröffnung machte; auch mich hatte es

einige Überwindung gekostet, der guten Frau diese Mitteilung zu machen.

Ich suchte ihren Schmerz möglichst zu mildern, indem ich ihr versprach,

so lange ich noch in Paris verweile, sie täglich zu besuchen, daß mir

aber das fernere Beisammenwohnen große Unannehmlichkeiten und Nachteile

von seiten Napoleons zuziehen würde, der mir selbst den Befehl zum

Ausziehen gegeben habe. Mit meinen Verhältnissen und dem Leben überhaupt

so ganz unbekannt, schenkte die gute Angelika diesen Worten vollkommen

Glauben. Die Wohnung bezahlte ich drei Monate voraus und mietete mir

eine andere in der Nähe des Palais Royal, besuchte aber meine

Geschiedene noch oft, bis ich nach und nach seltener wurde und sie sich

mehr und mehr wieder an das Alleinsein gewöhnte, doch führte ich sie

bisweilen noch in die Theater und an andere öffentliche Orte und sorgte

auch sonst auf das beste für sie.

Häufiger fand ich mich nun wieder bei dem Fürsten Y... ein, der mich

fast in allen Dingen um Rat fragte und immer mehr Geschmack an den

_Soupers fins_ fand, da er nicht oft imstande war, auszugehen, daher

gerne die Theaterschönheiten bei sich figurieren und intrigieren sah und

soviel als möglich mitagierte. An Präsenten ließ er es nicht fehlen, und

so kam man gerne, und da die Damen wußten, daß ich dabei zu Rate gezogen

wurde, so machten sie mir sogar den Hof. Monseigneur neigte sich zur

Chevigny und zur Clotilde, mich aber bezauberte mehr die Mars und die

Gardel, weshalb ich auch diese bei den Preisausteilungen vorzüglich

begünstigte. Letztere erhielt sogar einmal einen prächtigen Wagen des

Fürsten, dessen Eleganz sie sehr gerühmt und der über sechstausend

Franken gekostet, zum Geschenk. Dennoch fand sie _son Altesse

insupportable_ und wußte ihr immer zu echappieren, während ich sie und

die Mars zu Partien in die Umgebungen von Paris einlud und ohne

Vorwissen Seiner Durchlaucht in der fürstlichen Equipage abholte.

Besonders gerne wählte ich das Wäldchen von Romainville, _les prés de

Saint Gervais_ und Neuilly zu dem Schauplatz der galanten Abenteuer mit

den Theaterfürstinnen, und dann sangen wir:

Que l'on est heureux, joyeux,

Tranquille à Romainville,

Ce bois charmant

Pour les amants

Offre mille agrémens etc.

Eines Tages kam während eines solchen Soupers beim Fürsten Y. die

Sprache auf die famose Halsbandgeschichte, auf Cagliostro, dessen

Zitationen der Toten und so weiter. Der Fürst äußerte, daß er ganz

außerordentliche Dinge von Personen, die ihnen beigewohnt, davon gehört

habe, und durch den Champagner schon ziemlich heiter gestimmt, rief er

aus: »Ich wäre begierig, doch auch einmal dergleichen zu sehen.« --

»Wenn Eure Durchlaucht die Kosten bestreiten wollen,« versetzte ich, »so

mache ich mich anheischig, Derselben ein ganzes Regiment Toter aus allen

Zeiten erscheinen zu lassen.« -- »Ich halte Sie beim Wort,« versetzte

der Fürst, der eben einen Wald seines deutschen Fürstentums an einen

Pariser Juwelier für eine bedeutende Summe und für diversen Schmuck, der

in die Hände der Theaterprinzessinnen fiel, verkauft hatte und daher bei

Kasse war.[9]

[Fußnote 9: Als dieser Juwelier nach Offenbach reiste, um Besitz von

seinem Wald zu nehmen, erklärte ihm aber der Premierminister des

Fürsten, ein gewisser Geheimrat Goldner, daß Se. Durchlaucht nicht

berechtigt seien, diesen Wald, der Staatsdomäne sei, zu verhandeln; der

Mann geriet über diese Entdeckung zur Verzweiflung und erschoß sich.]

»Wohlan, Durchlaucht,« sagte ich nun, »um die Sache recht feierlich zu

machen, werde ich ein prächtiges Nachtmahl veranstalten, bei dem all die

Toten erscheinen sollen, die Sie zu sehen und mit denen Sie zu speisen

wünschen.«

»Gut, wir wollen die Liste der Gäste anfertigen, es müssen ein paar

Dutzend großer Toten sein, die geladen werden sollen.« In einer

Gesellschaft, bei der diesmal auch Talma nebst der Mars und anderen

zugegen war, kamen wir mit der Genehmigung des Fürsten überein, folgende

Personen zu zitieren: den König Salomon, die Königin Saba, Alexander den

Großen, Noah, den Patriarchen Abraham, die Rachel, Moses, Semiramis,

Kleopatra, Aspasia, Cäsar, Alcibiades, Helena, die keusche Susanna, Karl

den Großen, Diana von Poitier, Johanne d'Arc, Ludwig XI., Luther, Sixtus

V., Ludwig XIV., Maria Stuart, Elisabeth von England, Heinrich IV.,

Papst Alexander VI., Lucretia Borgia, die römische Lucretia samt dem

älteren Brutus, Friedrich den Großen, Maria Antoinette und endlich den

Cagliostro selbst. Dies waren die Toten, welche die Ehre haben sollten,

an dem mitternächtlichen Mahl des Fürsten Y. teilzunehmen. Die meisten

davon hatte ich in Vorschlag gebracht und erteilte mir selbst das Amt

eines Zeremonienmeisters bei diesem Fest, dabei machte ich zur

Bedingung, daß mir die Anordnung des Ganzen überlassen bleibe und sich

durchaus niemand, selbst Seine Durchlaucht nicht einmischen dürfe,

sondern nur die später einlaufenden Rechnungen zu berichtigen habe. Ich

bat mir acht Tage Zeit zu den Vorbereitungen aus, die mir auch bewilligt

wurden, rekrutierte nun meine Toten aus dem Personal verschiedener

Theater, namentlich unter den Künstlern der großen Oper, des Balletts

und des französischen Theaters, und Talma, die Duchenois, die Mars, die

Gardel, Klotilde, Leverd, Lainez, Beaupré, Saulnier, Vestris, Nourrit,

Maillard, Laforet und andere waren mit von der Partie und hatten sich

auf meine Einladung dazu verstanden, jeder eine Totenrolle zu übernehmen

und dem seltsamen Fest beizuwohnen. Nach Übereinkunft mußte sich ein

jeder gegen billige Vergütung, der übernommenen Rolle gemäß, möglichst

historisch treu kostümieren. Haut und Gesicht mußten eine Totenfarbe

haben. Ich ließ den großen Salon in der Wohnung des Fürsten Y. ganz mit

schwarzem Tuch drapieren, sogar Decke und Fußboden mit solchem belegen,

die Wände wurden mit aus weißem Tuch geschnittenen Totenköpfen und

Totenknochen verziert, die ganze Beleuchtung wurde durch blaues

spirituöses Licht veranstaltet. Die Tafel wurde ganz schwarz gedeckt,

jede Stelle, auf welche Schüsseln oder Teller placiert werden sollten,

war durch einen Kranz von Totenknochen bezeichnet. In der Mitte des

Tisches stand ein hoher Tafelaufsatz, aus Totenköpfen und Knochen von

Zucker sehr künstlich nachgebildet, bestehend. Alle Servietten waren von

schwarzem Seidenzeug und hatten in der Mitte einen bekränzten Totenkopf

und ins Kreuz gelegte Knochen an den vier Ecken, von Silberborden

zierlich ausgeschnitten und aufgenäht. Vierundzwanzig schwarze

Kandelaber mit silbernen Verzierungen standen ringsherum an den Wänden,

auf denen blaue Spiritusflammen brannten, ebensoviel versilberte Lampen

hingen von der Decke herab. Alle Armstühle waren schwarz überzogen, und

an dem Rücken eines jeden war nach Umständen ein bekrönter oder

behelmter Totenkopf angebracht, auf den für die Päpste bestimmten

prangte die dreifache Krone über und Petris Schlüssel unter dem Kopf,

alles in Silber. Außerdem war der Saal längs der Decke ringsherum mit

schwarzen Wolken drapiert, deren Fransen Totenknochen und deren Quasten

Totenköpfe vorstellten, ebenso waren die Fenstergardinen drapiert. Für

die Tafel selbst hatte ich die ausgesuchtesten Leckerbissen bei den

_frères provençaux_ bestellt zu fünfzig Franken per Kopf ohne Wein. Der

Tischwein war Ai und Rosé, und zu Dessertweinen Tokaier, Kapwein,

Schiras und Johannisberger. Ein Kaiserpunsch machte den Beschluß dieses

schwelgerischen Totenmahles. Vierundzwanzig in Leichentücher gehüllte

dienende Geister besorgten die Aufwartung, und eine gleiche Zahl

gleichkostümierter Musikanten, welche nur Trauer- und Totenmärsche

spielen sollten, machten Tafelmusik, auf einem Castrum Doloris sitzend.

Das aus Zuckerwerk bestehende Dessert stellte alle möglichen Embleme des

Todes vor, unter anderen eine sehr künstlich gearbeitete Gruppe

tanzender Skelette. Alle Schüsseln, Teller, Flaschen und Becher waren

schwarz angelaufen, und die Gläser hatten schwarze Ränder. Fürst Y., der

als Sesostris dem Mahl beiwohnen sollte, hatte einen eigenen

schwarzsamtnen Thronsessel, mit silbernen Sternen gesät, und ein

gekrönter versilberter Totenkopf war auf der Spitze des Rückrandes

angebracht.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht an dem bestimmten Abend wurden

sämtliche Gäste in den zu diesem Feste gemieteten Leichenkutschen

abgeholt und versammelten sich in dem ebenfalls schwarz behangenen und

düster beleuchteten Vorzimmer des Fürsten Y. Als die Glocke Mitternacht

anzeigte, ertönten zwölf dumpfe Hammerschläge auf einem ehernen Schild,

und mit dem letzten Schlag öffneten sich die Flügeltüren des

Speisesaals, aus dem Wolken wohlriechenden Rauches drangen, welche die

Eintretenden einhüllten. Die doch etwas überraschten Gäste traten

paarweise ein, wo ich sie als Zeremonienmeister in schwarzem

altspanischem Kostüm empfing, dem Fürsten Y.-Sesostris vorführte, dann

jedem seinen Platz anwies, doch alles nur vermittelst Zeichen und

Gebärden. Die Kostüme der sämtlichen Repräsentanten der berühmten Toten

waren überaus prächtig, aber alle hatten ein schauerliches, bleiches,

totenähnliches Ansehen. Bei ihrem Eintreten ertönte ein feierlicher

Totenmarsch, den ich schon früher noch für das Regiment Y. komponiert

hatte; auch die Musik war in Rauchwolken, die aus silbernen Kohlpfannen

aufstiegen, gehüllt. Man nahm, immer ein tiefes Schweigen beobachtend,

Platz an der Tafel, die mit indischer Vogelnester-, Schildkrötensuppe

und Kaviar und Austern eröffnet wurde, wobei man sich nur beinerner

Löffel und Gabeln bediente. Die servierenden Geister kredenzten

reichlich Ai und Rosé; Y.-Sesostris brach endlich das Schweigen, mehrere

der Toten über manche Dinge und Umstände aus ihrem Leben befragend,

wobei er bisweilen höchst seltsame und komische Aufschlüsse erhielt; so

wollte unter anderen Kleopatra durchaus eine Zeitgenossin des Kolumbus

und die Helena bei der Pariser Bluthochzeit gegenwärtig gewesen sein.

Man wurde jetzt gesprächiger, und als das Dessert herangekommen und der

brennende Kaiserpunsch erschienen war, gab mir Sesostris ein Zeichen,

und die Musik stellte ihre Trauer- und Totenharmonien ein und ließ nun

bacchantische Lieder und fröhliche Tänze unter Pauken und Trompeten

erschallen. Es wurden muntere Lieder angestimmt, man tanzte, und die

männlichen und weiblichen Toten machten sich zum Teil recht artig den

Hof; Y.-Sesostris hielt sich an Diana Poitiers-Leverd und ich an die

Mars-Lucretia. Bis zum Grauen des Tages währte das wunderliche Fest, wo

sich nacheinander sämtliche Toten zu einer zeitlichen Ruhe begaben und

ich meine keusche Lucretia heimbegleitete. Die Geschichte machte

indessen so großes Aufsehen in Paris und wurde mit solchen

Übertreibungen und Zusätzen erzählt, daß selbst Napoleon Notiz davon

nahm. Als ich ein paar Tage darauf mit Talma und einigen Offizieren im

Palais Royal frühstückte, sagte ersterer, es solle ihn wundern, wenn der

Kaiser den Fürsten Y. nicht wegen dieses Totenfestes zur Rede stelle.

Denselben Tag hinterbrachte ich dem letzteren diese Äußerung des großen

Künstlers, der immer Zutritt bei Seiner Majestät hatte. Der Fürst lachte

darüber, aber kaum waren wir vom Tisch aufgestanden, als eine Order kam,

die ihn für den kommenden Morgen vor dem furchtbaren Napoleon zu

erscheinen befahl. Den anderen Tag fuhr er zu der beorderten Zeit in die

Tuilerien, kam nach einer guten Stunde ganz außer sich zurück und rief,

ins Zimmer tretend, wo er mich, ihn erwartend, fand, aus: »Das ist eine

infame Geschichte, der Teufel hat mich geritten, so etwas zuzugeben.«

Als die Durchlaucht etwas ruhiger geworden war, teilte sie mir mit

abgerissenen Worten und fragmentarisch mit, was zwischen ihm und dem

Kaiser vorgefallen war. Dieser hatte ihm unter anderem in einem sehr

aufgebrachten und strengen Ton gesagt: »Unter dem Vorwand der Gicht

bleiben Sie in Paris, statt dem Armeekorps, dem Sie zugeteilt sind, nach

Spanien zu folgen, machen hier Streiche, die meine ganze Hauptstadt in

Alarm setzen und alle Frommen in Aufruhr bringen. -- Päpste in vollem

Ornat haben Katzensprünge und Purzelbäume und Gott weiß was alles, und

zwar in der Fastenzeit, bei Ihnen gemacht. Ich hoffe, daß Sie in der

kürzesten Frist imstande sein werden, sich zu Ihrem Armeekorps zu

verfügen.« Hierzu hatte nun Seine Durchlaucht nicht die geringste Lust,

ja er hätte lieber seinen Abschied genommen, wenn dies ohne die höchste

Ungnade und vielleicht gar sein Land zu verlieren, angegangen wäre. Ich

suchte ihn zu beruhigen und sagte ihm, man müsse nur den ersten Zorn des

Kaisers vorübergehen lassen, dann würde man schon Mittel finden, ihn zu

besänftigen. -- »Sie haben gut reden und können dazu lachen, denn

obgleich Sie den ganzen Teufelsspuk veranstaltet haben, so ...« -- »Doch

nur auf Befehl, Eure Durchlaucht!« -- »... so gehen Sie doch leer aus.«

Ich riet nun dem Fürsten, Talma zu einem Frühstück einzuladen, da dieser

von der Partie gewesen, vortrefflich mit Napoleon stünde und gewiß der

Mann wäre, der die Sache wieder ins Gleise bringen könne. Dies leuchtete

der trostlosen Durchlaucht ein, die mich mit der Einladung des berühmten

Schauspielers beauftragte. Ich fuhr zu diesem, unterrichtete ihn von dem

Vorgefallenen und dem Anliegen des Fürsten, er schlug aber das Frühstück

mit den Worten aus: »Ich habe keine Zeit dazu, aber das tut nichts,

lassen Sie mich nur machen, ich werde die Sache arrangieren. Der Kaiser

und ich, wir sind ja doch nur zwei große Komödianten, wenn auch jeder

auf einer anderen Bühne, das gilt gleich, wir verstehen uns doch. --

Sagen Sie Ihrem Fürsten, er möge nur ruhig sein, ich würde dieser Tage

die Ehre haben, ihm aufzuwarten.« -- Ich hinterbrachte diese Unterredung

dem Fürsten, die ihn jedoch nicht sehr befriedigte. Aber Talma hielt

Wort, schon den anderen Tag fuhr er bei Seiner Durchlaucht vor und

rapportierte derselben, daß er den Kaiser von allem der Wahrheit gemäß

in Kenntnis gesetzt habe, ihm klar gemacht, daß es Lügen und

Übertreibungen seien, was man sich im Publikum hinsichtlich dieses

Festes erzählte, und es so weit gebracht, daß Napoleon endlich selbst

darüber gelächelt und ihn mit einem kleinen Wischer und dem Auftrag, den

Fürsten Y. zu beruhigen und ihm zu sagen, er möge nur seiner Gesundheit

pflegen, entlassen habe. Der große Kaiser hatte seine Gründe, mit dem

großen Mimiker, der ihm in früheren schlimmen Zeiten gar manchmal ein

Mittagessen bezahlte, glimpflich umzugehen. Wer war froher als Fürst Y.

und ich mit, denn leicht hätte es mir im Garten wachsen können, daß auch

ich, wenn die Sache näher untersucht worden wäre, _stante pede_ aus

Paris fortgemußt hätte. Der Spaß hatte übrigens Seiner Durchlaucht über

fünfzehntausend Franken gekostet.

Namenregister.

Zweiter Band.

Abercromby, General 389

Andreossy, General 350

Altieri, Principe 343

Anton, Infant 237, 260, 267, 271

Atri, Herzogin von 331

Beauharnais 244, 245

Benincasa, Bandenchef 182 f., 192

Berthier 357, 358

Billiard, Oberst 325

Bracchi, Duca 343

Branciforte, Marchese 236

Burista, Gräfin 290

Canova 66

Caprara, Kardinal 343

Carlos, Infant 261, 271

Cesarini, Principessa 41 f., 72, 97, 101 f., 163, 202, 414

Clarke, Kriegsminister 417, 424

Contarino 395

Cravagante, Marchesa 331

Davoust 357

Detrées, General 316

Duhesme, General 300, 302

Dupont, General 210, 228, 258, 259, 269, 276, 291

Düret, Bataillonschef 38, 39

Duroc 358

Escoiquitz, Kanonikus 237

Falio, Oberst 286

Ferdinand VII. von Spanien 212, 235, 237, 238 f., 246, 258 f., 271, 274

Festa, Primadonna 45

Francatrippa, Bandit 180 f., 312

Francisko, Infant 261, 267

Frias, Herzog von 241

Gardel, Tänzerin 426, 443, 444

Godoï 212, 221, 228, 235, 236 f., 243, 245 f., 258 f., 273

Grouchy, General 236, 266

Guillelmi, Jorge de, Generalkapitän 278

Hessen-Philippsthal, Prinz von 179

Infantado, Herzog von 237

Joseph Bonaparte 28, 32, 174 f. 274, 291, 314

Joseph II. 220

Josephine 423 f.

Julie, Königin, Gattin Joseph Bonapartes 174 f., 178, 201

Jünot, Marschall 209

Karl IV. von Spanien 212, 221, 228, 236 f., 245 f., 258, 260, 267

Karl, Erzherzog 355

Karoline Bonaparte 311, 315, 331

Kaufmann, Angelika 44

Klinger 2

Lacoste, Ingenieuroberst 290 f.

Lamarque, General 316

Lecchi, General 302, 309

Lefebvre-Denouette, General 277, 280 f., 284, 297

Leverd, Schauspielerin 418

Livron, General 317

Lowe, Hudson 316, 319

Lucian Bonaparte 242

Marlot, Bataillonschef 211

Mars, Schauspielerin 418, 426, 433, 443, 444

Massena, 357

Massimiliano, Bildhauer 67

Matuccio, Kastrat 12

Medina, Herzog von 241

Menou, General 371, 389

Miollis, General 340, 342 f., 414, 417, 424

Moncey, Marschall 210, 227, 276

Montchoisy, General 139, 148

Montferras, General 316

Mouret, General 139

Murat 220, 227, 229, 234, 235, 236, 241 f., 258 f., 266 f., 274, 313,

314 f., 330 f., 336 f.

Napoleon 39, 212, 220, 239, 241 f., 258, 261 f., 271 f., 275 f., 280,

290, 339, 343 f., 350 f., 392, 413, 423 f., 447

Neapel, Ferdinand IV. von 34

Nunez, Graf Fernandes 241

Omeara, Oberst 152, 165, 179, 201

Pacca, Kardinal 349

Palacios, Generalkapitän 302

Palafox 277, 278 f., 285, 288, 291 f.

Pauline Bonaparte 424

Pignatelli, Prinz, General 316

Pius VI. 40

Pius VII. 39, 40, 340 f.

Radet, General 347 f.

Rapp, General 353

Regnier, General 179, 337

Salicetti 315, 335

Savary, General 244 f.

Sissé, General 311

Talma 444, 447 f.

Torlonia, Bankier 40, 42, 98, 311, 414

Vasi, Antiquar 65

Vedet, General 258

Verdier, General 277, 285 f., 291 f.

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers · 第 21 / 22 题