XV.

Venedig. -- Sankt Markus-Kirche und Turm. -- Der Dogenpalast. -- Die

Pozzi und Piombi. -- Die Rialtobrücke. -- Das Arsenal. -- Die

Vermählungszeremonie mit dem Adriatischen Meer. -- Venedigs Flor

und Verfall. -- Der St. Markusplatz. -- Die Venezianerinnen. --

General Menou. -- Dessen religiöse Ansichten. -- Ein Mordanfall.

-- Abreise von Venedig. -- Padua. -- Ferrara. -- Ravenna. -- Der

Domgeist daselbst. -- Eine schöne Reisegefährtin. -- Velettri. --

Jagd in den Pontinischen Sümpfen. -- Abreise nach Paris.

Es war gegen Abend, als ich durch die Lagunen wogte, die feurigen

Strahlen der untergehenden Sonne beleuchteten die aus den Fluten

majestätisch hervorragende Beherrscherin der Meere, die alte Dogenstadt

und den Sankt Markusturm. Je mehr ich mich näherte, desto wundersamer

wurde ich von ihrem Anblick ergriffen. Erst kürzlich hatte ich ihre

seltsame und außerordentliche Geschichte wieder gelesen, und all diese

grausen und abenteuerlichen Begebenheiten schwebten mir während der

kurzen Überfahrt vor Augen. Einst so mächtig, frei und reich, machte sie

mehr als einmal den von aller Welt gefürchteten Halbmond zittern, und

jetzt beugte sie sklavisch ihr Haupt unter dem Joch des eisernen

Szepters des Korsen. -- Was ist aus ihren Schätzen, ihrer Macht, ihren

Siegen geworden? -- Die Namen Byzanz, Candia, Morea sind nur noch ein

hohlklingender Schall. Jenes Venedig, vor dem sich ein Kaiser

gedemütigt, in dem selbst die Macht der gefürchtetsten Päpste nur ein

Schatten war, das, der Blitze des Vatikans spottend, die Jesuiten in

vierundzwanzig Stunden zum Tempel hinausjagte, das Monarchen zu seinen

Prunkfesten einlud, ihnen nach Gutdünken die Ehre, in seinem goldenen

Buche zu stehen, erzeigte oder verweigerte, jenes Venedig war längst

nicht mehr, und die jetzige Meerstadt schien nur noch das prächtige

Grabmonument der verblichenen. Wer weiß, wie lange es dauert, so ist

auch dieses ungeheure Prachtmonument der Marmorpaläste in den Fluten

versunken, aus denen es emporstieg. Denn verödet waren seine Gebäude, in

noch halbvergoldeten Marmorsälen hockte jetzt in einem Winkel oft ein

halbverhungerter Schuhflicker, mühsam einige Gazette (ein paar Pfennige)

zu verdienen. Nicht mehr öffneten sich die Fluten des Adriatischen

Meeres, den bräutlichen Ring des herzoglichen Gatten zu empfangen. Hier

und da sah man noch einen halb verstümmelten geflügelten Löwen, der

gleichsam wie ein Warnungszeichen das Buch des unerbittlichen Schicksals

in der Tatze hielt, und die Trümmer des Bucentaurus gingen ihrer

völligen Auflösung entgegen. Die vielen schwarzen Gondeln erschienen mir

beinahe wie ebensoviel schwimmende Särge.

Ich fuhr bei der Dogana vor, und nachdem ich mich gehörig legitimiert

hatte, in die Stadt, wo ich in einem Albergo abstieg. Für diesen Abend

war es zu spät, mich noch bei der Kommandantur zu melden und so ein

Quartier zu erhalten. Aber kaum installiert, begab ich mich auf den

nicht sehr entfernt liegenden Markusplatz, wo ich den ersten Abend

promenierend oder an einem Kaffeehaus sitzend zubrachte und mir Sortis

Beschreibung samt dem Plan von Venedig kaufte, um mich gehörig und

baldigst zu orientieren.

So war ich denn endlich in der Stadt, so berühmt und gefürchtet durch

ihre furchtbare Staatsinquisition, durch das mysteriöse und

geheimnisvolle Verschwinden ihrer Individuen, wie durch ihre Banditen,

ihre Folterkammern, Bleidächer, Pozzi, Verbrechen und durch die galanten

Abenteuer ihrer schönen Frauen. Schon als Kind hatte ich mir immer

gewünscht, einmal die Stadt zu sehen, in der Zschokkes Abällino und

Flodoardo ihr abenteuerliches Unternehmen getrieben, und hielt diese für

historische Personen, was ich nun zu ergründen mir fest vornahm.

Den andern Morgen meldete ich mich in aller Frühe und machte auch dem

Gouverneur, General Menou, meine Aufwartung, der mich nicht nur äußerst

freundlich aufnahm, sondern mir selbst, zuredete, meinen Aufenthalt auf

vierzehn Tage auszudehnen, da ich ja nichts zu versäumen habe und mir

die Kommandantur von Velettri nicht entgehe. Von diesem ging ich zu

den Gebrüdern Heinzelmann, deutschen Bankiers, an die ich

Empfehlungsschreiben von Haus hatte und für eine kleine Summe

akkreditiert war. Die ersten Tage meines Aufenthaltes brachte ich fast

nur damit zu, die seltsame Stadt kennen zu lernen. Seltsam ist der

richtige Ausdruck, denn alles ist sonderbar, ja einzig in ihr. Ihre

Lage, ihre Geschichte, ihre Bewohner, ihre Sitten und so weiter, alles

hat einen ganz eigenartigen Charakter. Man trifft dies nicht zum zweiten

Male in der Welt an. Hundertfünfzig Inseln, die durch Kanäle getrennt

und durch dreihundert Brücken wieder miteinander verbunden sind, scheint

die große Stadt ein auf dem Meer schwimmendes Labyrinth, mit vielen

krummen Gäßchen, in denen man sich ohne Führer gar leicht verirrt. Der

große Kanal in Form eines schlecht geschriebenen Zweiers, teilt sie in

zwei ungleiche Hauptteile. Die vielen schwarzen Gondeln, die man

unaufhörlich in allen Richtungen fahren und kreuzen sieht, geben der

Stadt ein düster bewegtes Leben, und die verödeten Marmorpaläste, welche

eine längst vergangene Herrlichkeit andeuten, machen einen schwermütigen

Eindruck auf das an diese Gegenstände nicht gewöhnte Auge. Anders jedoch

gestaltete sich Venedig in früheren Zeiten, wo es beständig von Larven

wimmelte, und namentlich im Karneval, wo die buntesten und barocksten

Masken mit den schwarzen und scharlachnen Mantelträgern wechselten, wo

die schwarze Nationaltracht der reizendsten fein- und weißhäutigsten

Frauen entzückte. Ich habe nirgends geistreichere und ausdrucksvollere

Frauenphisiognomien gesehen als in Venedig, deren feine Züge und etwas

blasses Aussehen sie zu wahrhaft transparenten Schönheiten machen, wenn

ich mich so ausdrücken darf. Gerade diese Blässe bei einer fast

durchsichtigen Haut, welche den Damen der höheren Stände eigen ist, und

ihr schwarzes Feuerauge macht sie zu fast ganz geistigen, ätherischen

Schönheiten, denen zwar das Majestätische der Römerinnen, das Frische

der Toskanerinnen, der durchbohrende Blick der Genueserinnen abgeht, was

aber ihr nymphenartiges Wesen hinreichend ersetzt, wenn es auch die

Sinne vielleicht weniger aufregt. Zu diesem bunten Gewühl der Vorzeit

denke man sich noch die unzähligen Pfaffen und Mönche aller Farben und

Kutten, die hier, sowie die Nonnen, ein sehr freies, ja ausschweifendes

Leben ganz ungestört führen konnten, so lange sie sich nicht in

politische Intrigen einließen. Soldaten und Sbirren der Republik, aus

allen Nationen geworben und in den wunderlichsten Trachten, Griechen,

Armenier, Muselmänner, Bravi und Buli, Banditen eigener Art, dazu der

Doge, die Signoria, der furchtbare Rat der Zehn, aus dem die noch

schrecklicheren Drei hervorgingen, dies alles gestaltet ein so

phantastisches Bild, wie es auch die ausschweifendste Einbildungskraft

nicht bunter schaffen kann. Den ersten Tag fuhr ich in einer Gondel den

Canal grande, der auf beiden Seiten mit den schönsten Palästen, oft

Meisterstücken der Architektur, geschmückt ist, von einem Ende zum

anderen, hin und zurück. Dann längs der Riva degli Schiavoni der

Piazetta, wo die ehemals so verhängnisvollen Säulen stehen, an dem

Palazzo Ducale, an den Schauergefängnissen und so weiter vorüber in den

Kanal San Marco, dann durch den der Giudecca, durch einige kleinere

Kanäle und endlich wieder in die Nähe des Sankt Markusplatzes, wo ich

ans Ufer stieg. Dieser Platz, der einzige in Venedig, dem man diesen

Namen beilegen kann, ist ringsum von Arkaden umgeben, unter denen sich

Kaffeehäuser, Kasinos und so weiter befinden. Der kleinere Teil

desselben, der an dem Meer liegt, wird die Piazetta genannt. Seine

schönste Zierde ist die Sankt Markuskirche, ein Gebäude, das seiner

sonderbaren Bauart halber mit den übrigen Sonderbarkeiten dieser Stadt

harmoniert. Der seltenste und ausgesuchteste orientalische Marmor ist

bei der Konstruktion dieses Tempels, der die kostbarsten Mosaikarbeiten

aufzuweisen hat, verschwendet worden. Zwei Bürger Venedigs, die den

Leichnam des heiligen Markus von Alexandrien zu Anfang des neunten

Jahrhunderts hierherbrachten, den jedoch auch das Kloster Reichenau als

einzig echt zu besitzen behauptete, waren die Veranlassung zum Bau

dieser Kirche, zu welcher der Doge Partecipazio, dem toten Heiligen oder

heiligen Toten zu Ehren, den Grundstein legte. Sein Bruder Giovanni,

zugleich sein Nachfolger, vollendete das fromme Werk, ließ den Leichnam

in einen kostbaren metallenen Sarg legen und in einem verborgenen Winkel

der Kirche begraben. Als aber 976 das gute Volk gegen den bösen Dogen

Candian aufstand und dessen Palast in Brand steckte, da ergriffen die

nicht mehr zu bändigenden Flammen auch diese Kirche und verzehrten noch

ein halbes Tausend anderer Gebäude. Der Nachfolger Candians war der

fromme Orseolo, der den Markustempel größtenteils auf seine Kosten

wieder prächtiger aufbauen ließ. Sein Nachfolger setzte das begonnene

Werk fort, und nach einem Jahrhundert stand die Kirche in der Form da,

wie man sie jetzt noch sieht. Die Mosaikarbeiten ließ größtenteils der

Doge Selvo verfertigen und sie sind zum Teil so schön, daß man sie für

vorzügliche Gemälde hält. Die Markuskirche ist sehr massiv und dauerhaft

gebaut. Ihre Vorhallen bestehen aus fünf Bogen, über denen sich noch

fünf andere Bogen, die durch eine Galerie von den ersten getrennt und

sehr reich verziert sind, befinden. Diese mit unzähligen Säulen von

Porphyr, afrikanischen, paphischen und anderen kostbaren Marmorarten

versehenen Bogen bilden das Portal der Kirche mit fünf Eingängen, deren

Türen von Bronze sind. Über dem mittleren, weit höheren Bogen standen

die vier berühmten vergoldeten Sonnenpferde, die aber jetzt in Paris

gastierten, und unter der Spitze desselben der große geflügelte Löwe,

ebenfalls von vergoldeter Bronze, mit einer Tatze das goldene Buch

festhaltend. Darüber befindet sich noch eine zweibeinige Statue des

heiligen Markus, welche die vierbeinige in ihren Schutz zu nehmen

scheint. Die vielen runden Kuppeln, welche über der Fassade der Kirche

hervorragen, geben derselben ein sehr orientalisches Ansehen. Es sind

deren fünf, in Kreuzform geordnet, alle sowie das ganze Dach mit Blei

gedeckt und haben vergoldete Kreuze. Zwischen den oberen Bögen und auf

beiden Seiten der Kirche sind viele gotische Spitztürmchen angebracht,

die allerlei heiligem Gesindel von Stein zum Schutz dienen. Das Innere

dieser Kirche entspricht dem Äußeren und soll der Sophienkirche ähnlich

sein. Es ist aber mit Zieraten außerordentlich überladen. Der Hochaltar

steht unter einem Baldachin von Serpentinstein, den vier weiße

Marmorsäulen tragen. Das Tabernakel ist reich mit Diamanten, Rubinen,

Smaragden, Perlen geschmückt. Hinter dem Hochaltar steht ein zweiter,

der des Sakraments, der zwei Säulen von orientalischem Alabaster hat.

Das Chor ist durch eine Säulenreihe von Porphyr von der übrigen Kirche

getrennt, auf deren Gesimse steht Maria in Gesellschaft des heiligen

Markus und der zwölf Apostel, alle in Lebensgröße aus Marmor gehauen.

Auch der übrige Teil hat keinen Mangel an Statuen, Basreliefs,

Monumenten und so weiter. Das ganze ist eine seltsame Mischung

arabischer, griechischer, gotischer und orientalischer Architektur.

Der zu dieser Kirche gehörige, aber von ihr getrennt stehende Markusturm

ist höher als der Münster zu Straßburg und also wohl der höchste Turm in

Europa; auf ihm stellte Galilei seine astronomischen Betrachtungen an.

Ich bestieg ihn, um das zu seinen Füßen liegende Venedig mit einem Male

überschauen zu können, und wurde für die kleine Mühe reichlich belohnt.

Man denke sich eine Ansicht von einer schwindelnden Höhe herab auf

unzählige kleine, mit Häusern, Kirchen und Palästen bedeckte Inselchen,

die mitten in der grünen Meeresflut eine große Stadt bilden, in deren

Wasserstraßen Tausende von kleinen Schiffchen sich bewegen, und dann die

Aussicht auf die weiter liegenden grünen Inseln, Klostergärten, bis auf

das feste Land und in die endlose See, ein Panorama einzig in seiner

Art. Der Bau dieses Turms ist ebenso wunderbar; er steht schon bald

tausend Jahre auf seichtem und schlammigem Boden, ohne sich im mindesten

gesenkt zu haben. Von dem Boden bis zum Glockengehäuse hat er eine

doppelte Mauer, zwischen beiden führt eine ziemlich breite Wendeltreppe,

die sich an allen vier Seiten allmählich hinaufwindet. Der Türmer dieses

Gebäudes hat ein Gehalt von hundertundfünfzig venetianischen Zechinen,

ohne die Akzidenzien, die in manchem Jahr das Fünffache betragen, da

auch jedes Geläut für Privatpersonen besonders bezahlt wurde. Dieser

Turm hat sechs Glocken, von denen eine nur bei Vollziehung einer

öffentlichen Hinrichtung geläutet wurde; die anderen hatten ebenfalls

ihre besonderen Bestimmungen: eine lud die Senatoren zur Versammlung

ein, diese hieß die Drionona, eine andere kündigte die vierundzwanzigste

Stunde oder den Sonnenuntergang an; um ein Uhr des Nachts (eine Stunde

nach Sonnenuntergang) gab die sogenannte Nona den Wachen das Zeichen,

sich auf ihre Posten zu begeben, und um Mitternacht avertierte sie die

Patrouillen, ihre Streifereien zu beginnen. Die Trottiera gab schon am

Abend das Zeichen zur Versammlung der Signoria für den folgenden Tag.

Auch den Gerichten ward das Zeichen mit einer dieser Glocken gegeben, um

im Palazzo zusammen zu kommen, ebenso den Kaufleuten für die Börse.

Schon mehrmals hat der Blitz in diesen Turm geschlagen, 1401 kam sein

oberer Teil durch ein Feuerwerk, das man bei Gelegenheit der Krönung

eines Dogen veranstaltete, in Brand, wobei alles Holzwerk von den

Flammen verzehrt wurde. Den 23. April 1745, als man gerade mit den

Glocken das Sankt Markusfest für den folgenden Tag einläutete, schlug

der Blitz zum zwanzigstenmal in den Turm, bis in die Fundamente

desselben, und tötete drei Menschen.

Der Markus- oder Dogenpalast ist ein ebenso wunderliches Gebäude in

seiner Art, wie die Markuskirche, von sehr gemischter Architektur; ich

möchte ihn ein Phantasiestück, eine Veste, wie man sie in Märchen

beschreibt, nennen. Sein Umfang ist an zweitausend Fuß. Hier zeigt man

die Säle, in welchen die Zehnmänner, die furchtbare Staatsinquisition,

und die geheimen Gerichte der Republik ihren Sitz hatten und ihre

nächtlichen Verdammungsurteile sprachen, von denen nur die Leichen

zeugten, welche den anderen Morgen verkehrt an Pfählen hingen oder die

Lagunen manchmal zu Hunderten bedeckten, wie zum Beispiel bei der

Verschwörung von 1618, über die man nie ganz ins reine gekommen ist.

Hier ist auch die schauerliche Seufzerbrücke, die hoch in der Luft aus

dem Palast über einen Kanal zu den fürchterlichsten Gefängnissen, den

berüchtigten Bleikammern führte, in welchen man, wie die Venetianer

sagten, aus den Gefangenen im Sommer Braten und im Winter Gefrorenes

machte. Diese Brücke wurde die _dei sospiri_ genannt, weil man über sie

oder vielmehr durch sie, denn es ist ein über dem Wasser zwischen hohen

Mauern geführter, bedeckter Gang, von dem man fast nie den Rückweg aus

diesen fürchterlichen Gefängnissen fand, ging. In den zum Teil

prachtvollen Sälen dieses Palastes sieht man viele sich auf die

wichtigsten Begebenheiten der venetianischen Geschichte beziehende

Gemälde. An diesem unheimlichen Palast waren auch die Löwen, die ihre

schrecklichen Rachen aufsperrten, nicht um Menschen zu zerreißen,

sondern geheime Anklagen aufzufangen, wodurch die Staatsinquisitoren von

wahren und falschen, durch Verleumdung und Rache eingegebenen Anklagen,

von den Absichten unterrichtet wurden, welche Individuen gegen die Ruhe

des Staates im Schilde führen sollten, die oft die unschuldigsten

Schlachtopfer der abscheulichsten Bosheit und zu Tode gefoltert und

gemartert wurden, so daß sie unendlich glücklicher zu preisen gewesen,

wenn sie eine Beute der Löwen in der Wildnis geworden wären. Acht Tore

führen zu diesem Palast, von denen vier auf den Kanal gehen, eines auf

den großen Platz, zwei in die Kirche und das letzte auf die Piazetta.

Durch das Tor am großen Platz kommt man in den großen Hof, in dem sich

zwei große eherne Brunnen befinden und der mit antiken Marmorstatuen,

unter denen ein Marc Aurel und Cicero ist, und anderen Verzierungen

geschmückt ist. An der sogenannten Riesentreppe halten unten Adam und

Eva und oben -- Mars und Neptun Wache! Hier wurden die Dogen gekrönt,

und von dieser Treppe rollte das greise Haupt des mehr als

achtzigjährigen Dogen Marino Falieri, durch das Schwert vom Rumpf

getrennt, blutig hinab. In den Galerien dieses Schreckenspalastes findet

man Meisterwerke eines Titian, Tintoretto, Paul Veronese und anderer. Im

Untergeschoß sind die abscheulichen unterirdischen Kerker, Pozzi

(Brunnen) geheißen, noch schrecklicher als die Piombi (Bleikammern). Es

sind tiefe Löcher, die in den dicken Mauern der Fundamente angebracht

sind und die dazu dienten, die Unglücklichen, die eines

Staatsverbrechens angeklagt waren, einstweilen hinter doppelten

Eisentüren hier zu verwahren, in einer verpesteten Luft, kaum durch

einen matten Schimmer des Tages beleuchtet, der durch eine enge, viele

Schuh lange Öffnung in der Mauer drang. Von hier wurden sie in die

Folterkammern und dann gewöhnlich zum nächtlichen Tod geführt. In den

Gemächern der Staatsinquisition sah ich noch die Winden, mit welchen man

den Elenden die Arme rückwärts in die Höhe wand, um sie mit aller

Bequemlichkeit foltern zu können. Die Bleikammern fand ich weniger

schrecklich als ihren Ruf, und ich habe andere Gefängnisse gesehen, in

denen Hitze und Frost dieselbe Wirkung und noch größere haben mußten.

Ein freundlicherer Anblick ist die Rialtobrücke, die aus weißem Marmor

und einem einzigen, siebzig Fuß langen und über vierzig Fuß breiten

Bogen besteht, auf beiden Seiten mit Buden besetzt ist und so ziemlich

in der Mitte der Stadt über den großen Kanal führt. Sie ist immer sehr

frequentiert, und da in ihrer Nähe die Schiffe anfahren, welche

Lebensmittel herbeiführen, so ist der Verkehr hier sehr groß. Von hier

aus kann man auch fast nach allen Teilen der Stadt vermittelst schmaler

Gäßchen und vieler kleiner Brücken zu Fuß kommen.

Das außerordentliche, große und sehr merkwürdige Arsenal (es hat beinahe

drei Miglien im Umfang) ist ganz von Wasser und starken Mauern mit zwölf

Türmen umgeben; es liegt am äußersten Ende der Stadt; vier Löwen

bewachen den Haupteingang, Morosini genannt. Der Peloponnesier brachte

sie aus Griechenland hierher; zwei davon sind Meisterwerke der

Bildhauerkunst, einer ist ein geheiligter Löwe aus Athen, wie eine

Inschrift an demselben besagt, den man dem Denkmal der Schlacht bei

Marathon entnommen glaubt und der also ein Alter von mehr als

zweitausenddreihundert Jahren hatte; ein zweiter hat aber einen modernen

Kopf. Canova erkannte sie für altgriechische Arbeit. Über denselben ist

noch der geflügelte Löwe des Sankt Markus. Durch dieses Tor kommt man

zuerst auf das Campo del Arsenale, ein anderes großes, durch welches die

Schiffe aus- und einfahren, geht auf das Meer. In diesem Arsenal

arbeiteten unter den Venezianern ganze Regimenter, die man Arsenaloten

nannte. Seine Unterhaltung kostete der Regierung jährlich eine halbe

Million Markustaler (anderthalb Millionen Gulden). Es enthielt wie das

zu Toulon alle möglichen Werkstätten und Magazine für die

Schiffsbaukunst und Ausrüstung der Flotten, und mit seinen

Waffenvorräten konnte man an hunderttausend Mann bewaffnen. Alles, was

hier verfertigt wurde, war mit dem Stempel des Sankt Markus bezeichnet,

sogar die Nägel trugen ihn, und wehe dem, der etwas davon entwendete.

Die venetianischen Schiffe waren zu ihrer Zeit wegen ihrer Dauer und

ihrer Leichtigkeit berühmt. Das dazu verwendete Holz lieferten die

Wälder Istriens und Dalmatiens, man ließ es aber zehn bis zwölf Jahre im

Wasser liegen und dann an der Luft trocknen, bevor man es verarbeitete,

wodurch es eine erstaunliche Härte erlangte. Die Arbeiter waren meist

sehr geschickte Leute, die man gut bezahlte und die vom Vater auf den

Sohn immer dieselbe Beschäftigung trieben. Dieses merkwürdige Arsenal

war gewissermaßen eine Stadt in der Stadt, ja ein Staat im Staat, der

von drei Nobili besonders regiert wurde, die alle drei Jahre

Rechenschaft ablegen mußten. Das Oberhaupt der Arbeiter führte den Titel

eines Admirals und war zugleich der Pilot des Bucentauren bei der

seltsamen Zeremonie der Dogenvermählung mit dem Meer. Diese hatte

folgenden Ursprung: Papst Alexander III. hatte sich vor dem deutschen

Kaiser Friedrich I., der, gegen die Guelphen wütend, in Italien

eingefallen war, inkognito und unter einem fremden Namen nach Venedig

geflüchtet; der Kaiser hatte ihn für einen Antichrist und Feind des

Reichs erklärt, dennoch wurden ihm, als man ihn zu Venedig erkannte, von

dem Dogen Zioni und der ganzen Signoria alle seinem Rang gebührenden

Ehrenbezeigungen erwiesen. Als dies Friedrich I. erfuhr, verlangte er

dessen gewaltsame Entfernung oder Auslieferung von der Republik, die

dies verweigerte, in einem Seegefecht die Gibellinen schlug und sogar

den Sohn des Kaisers, Otto, gefangen nahm. Als der Doge so siegreich

nach Venedig zurückkehrte, umarmte ihn der Papst vor allem Volk und

schenkte ihm einen geweihten Ring, zu ihm sprechend: »Bedienet Euch

desselben, um das Meer für immer an Venedigs Herrschaft zu ketten, und

daß sie sich jedes Jahr aufs neue mit demselben vermähle.« Dies geschah

sogleich, indem der Doge den geweihten Ring ins Meer warf, und Alexander

III. sprach den Segen über diese Vermählung. Von jetzt an wurde diese

Zeremonie jedes Jahr mit großem Pomp und Feierlichkeit wiederholt, und

ein Prachtschiff, der Bucentauro, das nur allein an diesem Tag gebraucht

wurde, eigens dazu erbaut. Ehe aber diese Trauung vor sich ging, mußte

der Admiral des Arsenals, der selbst das Schiff dirigierte, jedesmal

einen Eid schwören, daß sich die große Wasserbraut, das Meer, während

der Zeremonie ruhig verhalten würde. Drei Reihen vergoldeter Statuen,

die eine doppelte Galerie bildeten, trugen das Verdeck, unter dem die

Ruderer sich befanden. Der Doge saß auf einer Art Thron, der auf dem

Hinterteil des Schiffes angebracht war, neben ihm der päpstliche Nuntius

und der französische Gesandte auf der einen und seine Räte auf der

anderen Seite; über ihm wehte die Standarte des geflügelten Sankt Markus

in Löwengestalt. Das ganze Schiff war überaus reich mit genuesischem

purpurrotem Thronsammet und goldenen Stickereien und Fransen drapiert.

Die Senatoren durften dieser Zeremonie nicht beiwohnen, aus Furcht, daß

durch eine Verschwörung hier auf einmal die ganze Aristokratie Venedigs

vernichtet werden könnte. Feierlich langsam fuhr das Schiff majestätisch

unter dem Donner der Kanonen und in Begleitung unzähliger Barken und

Gondeln, welche die Lagunen bedeckten, von der Piazetta ab. Sobald es im

adriatischen offenen Meer war, erhob sich der Doge und empfing den

geweihten Ring aus den Händen des Patriarchen, der die Worte Alexander

III. wiederholte, worauf er den Ring in das Meer warf, und die

Vermählung war vollzogen, der Bräutigam hütete sich aber wohl, das nasse

Brautbett zu besteigen. Blumen und Kränze wurden in großer Menge in den

Schoß der Braut geworfen, die aber dem Gatten nicht treu und hold blieb,

sondern bald mit Spanien und Portugal, mit Holland und Frankreich und in

der neueren Zeit besonders mit Albion buhlte, dem sie auch nicht ewig

treu bleiben wird, denn schon beginnt sie mit Nordamerika zu schmunzeln.

Die Rüst- und Waffensäle des Arsenals enthalten sehr merkwürdige und

seltene Waffensammlungen, Rüstungen, Schilder und so weiter aus allen

Zeiten und besonders viele osmanische Trophäen; auch Attilas Helm wird

hier aufbewahrt.

Unter den vielen Kirchen Venedigs, von denen ich nur die merkwürdigsten

sah, ist Maria della Salute eine der prächtigsten. Sie verdankt ihre

Entstehung der schrecklichen Pest, die 1630 Venedig heimsuchte, bei

welcher Gelegenheit der geängstigte Senat das Gelübde tat, der die

Gesundheit beschützenden Maria eine schöne Kirche zu bauen. Dies ging in

Erfüllung, und der schöne Tempel mit seinen drei herrlichen Fassaden, zu

denen viele Marmorstufen führen, wurde erbaut. Die Johannes- und

Paulskirche ist wegen ihrer vielen Monumente von Dogen und Dogaressen,

ihrem kostbaren Hochaltar und ihren großen Reichtümern berühmt; sie

enthält auch mehrere Statuen ausgezeichneter Feldherren, die sich um die

Republik verdient gemacht haben. Der Raum, auf dem diese Kirche steht,

war eine sumpfige Insel, die der Doge Tripolo dreizehn Jahre nach dem

Tode des heiligen Dominikus dessen geistlichen Kindern schenkte, die

zuerst ein sehr einfaches Bethaus hier errichteten; als aber diese

Dominikaner durch große Erbschaften und Almosen selbst sehr reich

wurden, bauten sie nebst einem großen bequemen Kloster auch diese

Kirche, mit die prächtigste Venedigs.

Allem Anschein nach verdankt Venedig seine Entstehung armen Fischern;

seinen Namen soll es von dem Volk der Veneter, das im nördlichen Italien

wohnte, haben, von dem sich ein Teil, als die Goten das Land

überschwemmten, auf die Inseln flüchtete, auf denen jetzt Venedig steht,

und daselbst anbaute. Als im Jahre 452 Attila Aquileja zerstört hatte,

flüchteten dessen Einwohner ebenfalls hierher, sowie 595 viele Bewohner

Oberitaliens, um der Verfolgung des Lombardenkönigs Alboin zu entgehen.

Die zuerst bewohnte Insel hieß Rialto, und diesen Namen führte die

Inselstadt längere Zeit, bis sie später den Namen Venezia annahm. Jetzt

wurde nach und nach eine Insel nach der anderen angebaut, bewohnt und

bevölkert, die Stadt endlich einer der bedeutendsten Handelsplätze

Europas, und je größer sie sich aus den Fluten emporhob, desto mehr

stieg auch ihr Reichtum, ihre Pracht und ihre Macht, und bald wurde sie

die mächtige Meerbeherrscherin. Zwölfhundert Jahre bestand sie als

selbständige Republik, ihre höchste Glanzperiode war im dreizehnten,

vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert. Erst im siebten hatte sie, um

den immerwährenden inneren Unruhen zu steuern, einen Dogen (_Duca_)

erwählt, sich aber dabei ihren Anteil an der Regierung vorbehalten; als

jedoch im zwölften Jahrhundert mehrere Dogen, und namentlich Vitali

Michieli, Versuche zu einer Willkürherrschaft machten, da ermordete das

Volk den letzteren und übergab die höchste Gewalt einer Versammlung von

Adeligen. Noch schlimmer erging es dem Dogen Marino Falieri, der von

einem jungen Nobile an seiner Ehre schwer gekränkt, keine hinlängliche

Genugtuung erhalten konnte, die Aristokratie mit Hilfe des Volkes hatte

stürzen wollen und dafür von ersterer, schon über achtzig Jahre alt,

enthauptet wurde. Die Republik hatte allmählich immer mehr Fuß auf dem

festen Land, namentlich in Istrien, Dalmatien, der Lombardei gefaßt und

dehnte ihre Macht besonders während der Kreuzzüge auch sogar in Syrien

aus. Im dreizehnten Jahrhundert eroberte sie Candia und fast alle Inseln

im Archipelagus, wodurch sie den ostindischen Handel ganz in ihre Gewalt

bekam. Auch gegen Ungarn war sie siegreich, riß Friaul an sich, nahm den

Neapolitanern viel Land und Städte weg, wurde Herr von Cypern und den

Ionischen Inseln und hatte mit ihrer mächtigen Nebenbuhlerin, der

Republik Genua, einen gefährlichen und blutigen Krieg endlich glücklich

beendigt. Aber von dem Augenblick an, als Vasco da Gama den Weg um das

Kap nach Ostindien ausfindig gemacht hatte, sank auch Venedigs Handel

und Flor. Sehr unglücklich für die Republik war die Ligue von Cambray

(1508), durch welche sie ihre Besitzungen im Kirchenstaat und dem

Neapolitanischen einbüßte und die sie nicht weniger als fünf Millionen

Zechinen (an dreißig Millionen Gulden), zu jener Zeit eine ungeheure

Summe, kostete. Die Osmanen nahmen ihr sodann Cypern und später nach

einem vierundzwanzigjährigen Krieg auch Candia wieder ab. _Venezia

dominante_, wie es sich damals nannte, verlor immer mehr an seiner

Herrschaft, 1715 büßte es auch noch Dalmatien ein. Venedigs Bürger, die

unter der eisernen Rute der despotischsten und grausamsten Regierung von

der Welt lebten, hielten sich dennoch für freie Leute, weil sie Dinge,

welche die Regierung nicht direkt berührten, Ausschweifungen und

Liederlichkeiten aller Art straflos begehen durften, und bedauerten die

Knechtschaft, in welcher nach ihrer Meinung die Untertanen in Monarchien

schmachteten, während ihnen selbst kein freies Wort aus dem Mund

entwischen durfte, ohne Gefahr, alle persönliche Freiheit, ja wohl Gut

und Leben einzubüßen, an einem Schandpfahl zu hängen oder den Fischen

der Lagunen zur Speise zu dienen. Sie waren darin den Bürgern mancher

deutschen Republik nicht unähnlich, die es wagen dürfen, den oft

heilsamen und zweckmäßigen polizeilichen Verordnungen ungestraft zu

widerstehen und die mit der Ausführung derselben beauftragten Diener mit

Grobheiten heimzuschicken, während man sie hinsichtlich ihrer

wichtigsten und heiligsten Interessen, Verwaltung und Justiz, bei der

Nase herumführt. Nie hat ein Monarch, auch nicht der ausgeartetste

Tyrann, eine ähnliche willkürliche Macht und Tyrannei ausgeübt, als

Venedigs Staatsinquisition, die ohne alle Verantwortlichkeit mit dem

Leben, Gut und Blut der Bürger nach Lust und Gefallen schaltete.

Mißtrauen und Furcht waren die gewaltigen Triebfedern der Herrscher

Venedigs und das Spionenwesen und die Angeberei in einem Grad der

Vollkommenheit organisiert, der zu keinen Zeiten in einem anderen Land

erreicht wurde. Beispiellos ist es in der Weltgeschichte, daß ein Volk

oder ein Staat dreien seiner Bürger über Tod und Leben, Habe, Gut und

Blut all ihrer Mitbürger eine so unumschränkte, rechenschaftslose Gewalt

erteilt hätte, wie dieses schreckliche Tribunal unter dem Aushängeschild

Staatsinquisition übte. Napoleon machte 1797 diesem freilich damals

schon in den letzten Zügen liegenden Ungeheuer ein schnelles Ende,

vernichtete das geflügelte Untier, Sankt Markus genannt, und mit ihm die

scheußlichste Tyrannei, die je eine Aristokratie oder Oligarchie

ausgeübt; dennoch waren, und vielleicht gerade deshalb, die

furchtbarsten Verschwörungen gegen dieselbe in Venedig an der

Tagesordnung. Der Hochmut, die Arroganz und die Unverschämtheit der

Nobili überstieg allen Glauben, sie zahlten den Bürgern für erkaufte

Waren was und wenn sie wollten, oft nur mit Grobheiten und

Mißhandlungen, und wehe dem, der sich dagegen verteidigte, ja nur zu

schützen suchte; Stockschläge, Degen- und Dolchstiche waren ihm gewiß

und kein Recht dagegen zu erlangen. Je mehr die Armut des venetianischen

Adels während des Verfalls der Republik zunahm, desto größer wurde die

Arroganz und Beutelschneiderei desselben. Ihre Schurkenstreiche hatten

keine Grenzen, und die meisten lebten nur noch von Prellereien und dem

Verkauf ihrer Wahlstimmen, ihrem hauptsächlichsten Privilegium. In der

letzten Zeit der Republik waren all diese Illustrissimen und Exzellenzen

-- so mußte sie der Bürger titulieren -- so bettelarm, daß die meisten

in Dachkammern wohnten, für sich selbst kochten, wenn sie etwas zu

kochen hatten, und in ihrer Kleidung schmutzigen Bettlern vollkommen

glichen. Um sich gegen ihre Zudringlichkeit jeder Art zu sichern,

suchten die Bürger und Kaufleute, wenn sie ein Fest feierten oder einen

Schmaus hatten, den Livreebedienten irgendeines Gesandten zu gewinnen,

der sich an ihre Haustür stellen mußte, die hochadeligen Hungerleider

abzuhalten, indem nach einem streng beobachteten Gesetz sich kein

Senator da treffen lassen durfte, wo ein fremder Gesandter nur zu

vermuten war, und sie dann an einem solchen Haus wie der vom Hund

verscheuchte Marder scheu vorüberzogen. Desselben Mittels bedienten sich

auch alle Kaffee- und andere Wirte, um diese viel verzehrenden und

nichts bezahlenden Nobili und Senatoren vom Besuch ihrer Häuser

abzuhalten. Für die Pfaffen und Mönche war aber Venedig ein wahres

Paradies, nirgends bekümmerte sich die Geistlichkeit weniger um den

Papst; die Herren maskierten sich, lagerten in allen liederlichen

Häusern, deren beste Kunden sie waren, hielten sich Mätressen, trieben

allen möglichen Unfug, und an eine Kirchendisziplin war nicht zu denken;

beim Volk war ihr Ansehen daher auch sehr gering, was aber gerade Wasser

auf das Mühlrad der Regierung war, die deshalb den Kuttenträgern auch

gerne durch die Finger sah. Gott und der Papst galten in Venedig wenig

oder nichts, nur der geflügelte Heilige in der Löwenhaut war der

angebetete Götze. Die allgemeine Tracht in den Straßen war für jeden,

der es nur möglich machen konnte, ein roter Mantel, in den man sich tief

hüllte; die meiste Zeit ging man maskiert, nur was zur Signoria gehörte,

trug eine Art schwarzen Chorrock, wenn man sich auszeichnen wollte,

sonst aber auch den beliebten Mantel, was nebst der Maske sehr bequem

war, wenn man unerkannt sein und auf Abenteuer ausgehen wollte. Die

Banditen und Bravi fanden hier mehr als in irgendeiner anderen Stadt

Italiens zu tun und standen zum Teil in lebenslänglichem Sold reicher

Nobili, denen sie blutige Dienste und zugleich Schutz leisten mußten.

Ihr gräßliches Handwerk war auch hier weit leichter als irgendwo zu

treiben, denn dem tötenden Dolchstoß folgte ein zweiter mit der Faust,

der den Unglücklichen und die Tat in einem Kanal begrub.

Nachdem ich mit meinem Storti in der Hand durch die bedeutendsten Kanäle

gefahren war, ging ich auch zu Fuß durch einen Teil der Stadt und kam

durch so enge und finstere Gäßchen, daß sich zwei Personen oft nur mit

großer Mühe ausweichen konnten und die himmelhohen Häuser kaum ein

Dämmerlicht durchdringen ließen. Das Ende meiner Streifereien war immer

der Sankt Markusplatz, der einzige Ort in Venedig, wo man längere Zeit

weilen kann. Es ist aber auch einer der schönsten Plätze Europas und

immer voll Leben. Die vielen Kaffeehäuser und Botteghen sind beständig

mit Leuten angefüllt. Das Treiben beginnt mit Tagesanbruch und endigt

erst lange nach Mitternacht. Noch wehten hier die Trophäen der

vergangenen Herrlichkeit auf drei hohen Mastbäumen, nämlich die

Siegesstandarten von Morea, Candia und Cypern. Was den Platz so schön

macht, sind seine herrlichen Gebäude mit den ihn umgebenden

Säulengängen. An der Seite des Turms schließen ihn neun Paläste, die

aber nur einen einzigen zu bilden scheinen und eine marmorne Fassade und

drei Säulenreihen, eine dorische, jonische und korinthische übereinander

haben. Diese Paläste werden die Procuratie nuove genannt, zur Zeit der

Republik waren sie von den Prokuratoren derselben bewohnt. Ihnen

gegenüber liegen die Procuratie vecchie, von fünfundfünfzig Pilastern

und Säulen toskanischer Ordnung getragen. Den Hintergrund dieser

prächtigen Schaubühne bildet die pittoreske Fassade des Markustempels,

den hohen Glockenturm zur Rechten. Was diesen Platz äußerst unterhaltend

macht, ist, daß er beinahe der einzige Spaziergang der Bewohner Venedigs

und aller Fremden ist, auf dem sich das ganze öffentliche Leben dieser

Stadt konzentriert. Hier sieht man alle möglichen Trachten und hört die

Sprachen aller Nationen. Advokaten und Charlatane, Staatsbeamte und

Schiffsknechte, Marionettenspieler und Soldaten, Improvisatoren und

Saltimbanchi, Stiefelwichser und Obsthöker, Pfaffen, Histrionen und

Taschenspieler, alles treibt sich hier im buntesten Gewühl durcheinander

herum, besonders ist dies am Abend und in der Nacht der Fall, wo er

durch Tausende von Lichtern der Kaffeehäuser, Botteghen und Kasinos

erleuchtet ist, was das Gewirre und Getümmel um so abenteuerlicher

erscheinen läßt. Vor den Kaffeehäusern sind Zelttücher oder Baldachins

aufgespannt, unter denen man sitzt, um den Turm herum haben Notare und

Advokaten ihre Sitze aufgeschlagen, die jede Art Schriften,

Bittschriften, Klagen und so weiter um wenige Gazette oder Soldi

abfassen, andere Schreiber befassen sich mit Bettel- oder Liebesbriefen

und so weiter. Nur Frauen und Mädchen aus den höheren Ständen sucht man,

den Karneval ausgenommen, vergeblich hier, da es nicht Sitte in Venedig

ist, daß Damen die Kaffeehäuser besuchen; man kann sie nur in den

Kirchen, den Theatern und den Abendgesellschaften sehen; der Zutritt zu

den letzteren ist aber für Fremde, wenn sie nicht ganz besonders einer

Familie empfohlen sind, nicht so leicht wie an anderen Orten Italiens.

In den Kasinos findet man leichter Eingang, wenn man nur ein Mitglied

derselben kennt. Eine der angenehmsten Zeitvertreibe ist eine

Spazierfahrt längs der Riva de Schiavoni bis an die Punta di Sankt

Antonio, bei Sonnenuntergang in einer Gondel, die man hier gewöhnlich

nur Barche nennt; man steigt rückwärts in dieselbe, weil man sich in dem

niedrigen Hüttchen nicht gut umdrehen kann. Diese Schiffchen sind alle

ganz schwarz und von einer Form; ihr düsteres Aussehen macht sie

Leichenschiffchen ähnlich, und sie gleichen in der Tat unseren alten

Leichenwagen. Ehedem waren sie bunt, schön verziert, von beliebiger

Farbe, oft prächtig und kostbar ausgeschmückt, so daß sie große Summen

kosteten, denn die Reichen suchten sich dabei im Aufwand zu überbieten,

wie anderswo im Luxus der Equipagen, und bedeckten sie mit Scharlach und

Gold, weshalb die Regierung, um diese Verschwendung zu zügeln, ein

Gesetz erließ, welches sie alle uniform verordnete, und jede Gondel, die

nicht ganz so, wie es vorgeschrieben, eingerichtet war, sogleich

zertrümmern und den Wellen übergeben ließ. Im Innern haben sie

gepolsterte bequeme Sitze. Angenehmer als in den Kanälen fährt man in

den Lagunen, besonders nach dem Lido hin.

Die venetianischen Damen, die, wenn sie einmal _donne maritate_ sind,

sich einer fast zügellosen Freiheit erfreuen, sind in ganz Italien wegen

ihres höchst einnehmenden und verführerischen Wesens berühmt und haben

die Kunst einer fast unwiderstehlichen Koketterie bis zur höchsten

Vollendung gebracht. Obgleich den meisten, selbst in den höchsten

Ständen, gründliche wissenschaftliche Bildung abgeht, so ist doch ihre

Unterhaltung nicht nur äußerst angenehm, sondern in der Regel auch sehr

geistreich, lebhaft und ungezwungen, und der venetianische Dialekt

verleiht ihrer Sprache etwas überaus Liebliches. An verliebten Intrigen

fehlt es hier weniger als in irgendeiner anderen Stadt, und das

Cicisbeat war hier noch in vollem Gang.

Von den Theatern besuchte ich hauptsächlich Fenice, das erst 1791 durch

eine Assoziation von Aktionären erbaut wurde. Es hat besonders gute

Löschanstalten; im Fall ein Feuer entsteht, kann augenblicklich von zwei

Türmen hinlänglich Wasser in dicken Strömen auf dasselbe geleitet

werden. Hier treten die berühmtesten Sänger und Sängerinnen Italiens

auf, und ich habe die vollendetste Vokalmusik in demselben gehört. San

Benedetto, hauptsächlich der Opera Seria gewidmet, war geschlossen,

sowie mehrere der kleineren Bühnen. Ein sehr schönes Marionettentheater,

wo man nur im venezianischen Dialekt spricht, besuchte ich einigemal. In

das Parterre geht hier niemand als Leute aus den untersten Volksklassen,

Fischer, Gondoliere und so weiter. Die Freudenmädchen haben in Venedig

wenig Raum zu ihren Umtrieben und suchen daher die Männer und Fremden

meistens in den Kirchen an sich zu locken, ihre Adressen austeilend; man

zählte damals nahe an hundert Bordelle.

Zwei Tage nach meiner Ankunft bezog ich eine Privatwohnung, die ich mir

durch die Vermittelung eines dienstwilligen _barbiere-parrucchiere_

verschafft hatte. »_Illustrissimo eccellenza_ finden daselbst _Donne

giovine belle e oneste_,« sagte mein Figaro, »eine honnette

Bürgersfamilie, durch Unglück herabgekommene Kaufleute, deren Haupt

jetzt den Makler macht. Es sind zwei junge Frauen in dem Haus, die eine

ist die Gattin des Signor Ludolli und die andere die Frau eines Signor

Odellino, der sich aber schon seit Monaten in Geschäften abwesend in

Triest befindet; auch ein paar blutjunge Ragazze von dreizehn und

vierzehn Jahren, Anverwandte des Odellino, wohnen bei diesen.

Illustrissimo werden sehr gut daselbst aufgehoben sein!« -- »Und auch

geprellt?« sagte ich, das Faktotum forschend ansehend. -- »Behüte der

Himmel, _gente onestissime_.« -- »Gut, bringe mich hin.« -- Wir

bestiegen eine Gondel und waren in wenigen Minuten an dem Palazzo, das

war das Haus wirklich, allein einer von jenen verlassenen, öden, mit

verwischten Vergoldungen. Die Damen empfingen mich als einen Signor

_Uffiziale francese_ mit zuvorkommender Freundlichkeit; es waren echt

venezianische Gesichtchen, und man wies mir eine freilich nicht sehr

elegant, dagegen sehr ökonomisch möblierte Wohnung, aus fünf Zimmern und

einem großen Salon bestehend, an, deren Fußböden alle von rotem Terrazzo

waren, wie es hier Gebrauch, für den Spottpreis von vier venezianischen

Talern, etwas über zehn Gulden, den Monat. Ohne zu handeln, erlegte ich

das Geld antizipando, und da mir die Frauen gefielen, fragte ich auch,

ob sie mir den Tisch geben könnten. -- »Oh, wir leben gar zu einfach,«

wurde mir bescheiden erwidert, »Illustrissimo würden sich nicht mit

unserer Kost begnügen; die meiste Zeit essen wir nur Fische, Muscheln,

Austern oder Frittole« (in Öl gebackene Polenta). -- »_Signore mie_, ich

bin die Genügsamkeit selbst, und freundliche Gesichter bei der Tafel

sind mir lieber als die größten Leckerbissen.« -- Auch darüber waren wir

bald einig, indem die Damen sagten, ich möchte das Essen erst versuchen,

und dann könne ich selbst den Preis machen. Ich war es zufrieden, mein

Figaro hatte ja den Damen versichert, ich sei _un uomo generosissimo_.

Den dritten Tag nach meiner Ankunft erhielt ich eine Einladung zu Tisch

von dem Gouverneur, General Menou, dem ich von den Begebenheiten zu Rom

und Wien viel erzählen mußte. Er schien mit meiner Unterhaltung so

zufrieden, daß mir die Ehre, an seiner Tafel zu speisen, sehr oft zuteil

ward. Menou war ein Mann, der schon hoch in den Sechzigern stand und

eine eigene seltsame Karriere gemacht hatte. Aus einer alten Familie der

Touraine, hatte er es bei dem Ausbruch der Revolution schon zu dem Grad

eines _Maréchal de Camp_ gebracht. 1789 wurde er von dem Adel der

Touraine zum Deputierten bei den Generalstaaten erwählt; hier vereinigte

er sich mit dem dritten Stand, trug viel zu energischen Maßregeln zur

Verteidigung des Vaterlandes bei und bewirkte hauptsächlich die

Vereinigung Avignons mit Frankreich. Nach dem Schluß der Sitzungen

befehligte er _en second_ in dem Lager, das man bei Paris gebildet

hatte, und wurde dann in die Vendée gesandt, wo er sich sehr gemäßigt

benahm. Den 2. Prairial 1793 war er es, der gegen die aufgestandene

Vorstadt Sankt Antoine marschierte und so den Konvent rettete. Er war

bei der Expedition von Ägypten und wurde nach Klebers Tod Obergeneral

des französischen Heeres daselbst. Aus Politik wurde er jetzt ein

Muselmann, nahm den Turban, nannte sich nun Abdallah und heiratete ein

hübsches türkisches Mädchen aus Rosette; dies hinderte nicht, daß er bei

Alexandrien von dem englischen General Abercromby den 2. Mai 1801

geschlagen wurde. Napoleon hatte ihn später zum Statthalter von Piemont

und dann zum Gouverneur von Venedig ernannt.

Nachdem wir gut getafelt und ziemlich viel Cypernwein zum Dessert

getrunken, brachte einer der Gäste, ein Bataillonschef, die Sprache auf

den Islamismus und äußerte dabei, es sei doch eine recht einfältige

Religion, man müsse von Sinnen sein, so tolles Zeug zu glauben, wie sie

lehre, und ihr Prophet Mohammed sei ein recht pfiffiger Gaudieb gewesen,

der den Leuten die Köpfe zu berücken gut verstanden habe. Menou, der

nicht zu viel getrunken hatte, sondern nüchtern war, erwiderte

demselben: »Nicht so sehr, als Sie glauben, mein Herr!« Seine Stimme

etwas erhebend, fuhr er sodann fort: »Ich weiß recht gut, daß in der

Armee und in Frankreich gar viel über meinen Übertritt zum Islamismus

räsonniert, geklatscht und gespöttelt worden ist, ich mache nicht das

geringste Hehl, daß diese Handlung durchaus nur die Politik zum Grunde

hatte, indem ich hoffte, dadurch Ägypten Frankreich zu erhalten, eine

fehlgeschlagene Hoffnung, wie so manche andere; aber aufrichtig, meine

Herren, was müssen andere Völker und auch die Osmanen, über deren

Religion wir uns so oft lustig machen, weil sie an Mohammeds wunderbare

Himmelsreisen und ähnliche Dinge glauben, von uns denken, daß wir einen

Gott verehren, den die Juden kreuzigten, eine Mutter Gottes, die ein

Kind bekam und dennoch Jungfrau blieb, eine Dreieinigkeit, Gott Vater

und Sohn in einer Person, eine Legion von Heiligen, die alle mehr oder

weniger komische, unglaubliche und lächerliche Wunder verrichteten, daß

wir Reliquien verehren, für deren ganzen Plunder ein Trödeljude kaum ein

paar Taler geben würde, wahre Fetische. Was müssen sie von einem Gott

halten, der kein anderes Mittel weiß und kennt, die sündigen Menschen zu

bessern und zu erlösen, als seinen Sohn Mensch werden und ihn kreuzigen

zu lassen, was von dem Gott der Bibel, der ein rach- und zornsüchtiges,

leidenschaftliches Wesen ist, das bis ins vierte Glied an Unschuldigen

die Sünden der Väter heimsucht, bestraft, der den Juden zehnmal verzeiht

und dann, kurzsichtiger als ein mit gesunder Vernunft begabtes

Menschenkind, nicht einmal soviel Voraussicht besitzt, um einzusehen,

daß die Juden wieder zehnmal in denselben Fehler verfallen werden; was

von Gott und seinen Heiligen denken, welche die Hilfe ohnmächtiger

Menschen bedürfen, ihre Anbetung und Erkennung in der Welt zu

verbreiten! Das erste, was gewöhnlich die zu einer anderen Religion sich

bekennenden Individuen, die wir die Sucht bekehren zu wollen haben,

antworten, wenn wir sie mit den Grundlagen der unsrigen bekannt machen,

ist: aber wie konnte man einen Gott kreuzigen? Wie kann ein Mädchen

Mutter werden und doch eine Jungfrau bleiben? Wie sind drei Dinge eines

und doch drei? -- Und was erwidern wir ihnen? -- Ja, das sind

unerforschliche Geheimnisse der Gottheit, die großen Mysterien der

christlichen Religion, über die man weder denken noch viel weniger sie

einer Kritik unterwerfen darf. Dies allein wäre schon eine Sünde! -- Wir

sind von der zartesten Kindheit auf gewöhnt, solche Dinge zu hören,

wachsen dann mit dem Glauben an dieselben auf, und selbst den

Vernünftigeren unter uns fallen sie wenigstens nicht mehr so sehr auf;

aber Sie werden mir zugeben, meine Herren, daß wer zum erstenmal

dergleichen erzählen und behaupten hört, sie allerdings für absurd, für

eine Blasphemie, eine Satire auf die Gottheit selbst halten muß; sie

erscheinen ihm ebenso toll als uns das Tier Al-borak mit seinen

hundertvierzig Flügeln, das, ein Mittelding zwischen einem Esel und

einem Maulesel, das Angesicht eines Menschen mit den Backen eines

Pferdes gehabt hat und auf göttlichen Befehl den Propheten Mohammed mit

Blitzesschnelle allenthalben hinbrachte, oder der Hahn, dessen Kopf

durch alle sieben Himmel bis zum Thron Gottes reichte. Sie lächeln, und

mit Recht, dennoch findet sich im ganzen Alkoran keine einzige Stelle,

die aus dem Weltenschöpfer ein so leidenschaftliches, zorniges,

rachsüchtiges, selbst inkonsequentes und wankelmütiges Wesen macht, als

unsere sogenannte heilige Schrift, der widerlichen Obszönitäten, welche

dieselbe enthält, gar nicht zu gedenken, wie die saubere Geschichte von

Loths Töchtern und so weiter. Und dies ist das Grundbuch der

christlichen Religion! -- Und unser Gott fand kein anderes Mittel, als

einen Sohn zu zeugen, durch eines alten Zimmermanns Frau gebären zu

lassen, die doch Jungfrau blieb, um seine Welt zu erlösen und glücklich

zu machen!! Und dabei ist doch der ganze Zweck, nämlich des

Glücklichmachens, verfehlt. Ich habe in meiner Jugend einen alten Mann,

einen fleißigen Bibelleser gekannt, der, als einmal die Rede von der

schlechten Welt war, erwiderte: >Ja, ist denn das ein Wunder? Gott hat

sie in sechs Tagen gemacht, was kann man in sechs Tagen Großes machen;

hätte er sich wenigstens sechs Jahre oder sechs Jahrhunderte Zeit dazu

genommen, so wäre sie vielleicht leidlich geworden, so hat er sich

offenbar übereilt.<«

Wir alle lachten.

»Ja sehen Sie, meine Herren,« fuhr der General fort, »zu solchen

Bemerkungen veranlaßt die Bibel. Von der Hölle, dem Fegfeuer und anderen

Alfansereien der Art will ich gar keine Erwähnung machen, sie sind zu

abgeschmackt; indessen wäre das Neue Testament doch ein gutes Buch ohne

seine Wunder und Taschenspielerkünste, wie die Umwandlung des Wassers in

Wein und so weiter. Von den drei Religionen, der christlichen, der

mohammedanischen und der jüdischen, ist die letzte noch die

vernünftigste, trotz all ihrer lächerlichen Gebräuche. Viele Fürsten und

Regierungen und auch unser Kaiser Napoleon haben den Köhlerglauben, die

Völker seien nur durch eine, die Sinne aufregende Religion in Zucht und

Ordnung zu erhalten und zu beherrschen, und in diesem Glauben suchen sie

die Pfaffen, des eigenen Interesses willen, zu erhalten und zu

bestärken. Ich bin nicht der Meinung und glaube, daß dies nur eine gute

und weise Gesetzgebung, mit einer humanen Behandlung vereint, imstande

ist. Ein reiner Deismus, der da mit wenigen Worten lehrt: Es gibt und

muß ein allmächtiges Wesen geben, das alles, was da ist, erschaffen hat,

welches das Gute belohnt und das Böse unfehlbar bestraft, wie wir schon

hienieden täglich wahrzunehmen Gelegenheit haben, das wir also lieben,

verehren und fürchten sollen; diese Lehre, mit guten Gesetzen und reine

Moral lehrenden Schulen und Erziehungsanstalten verbunden, würde

vollkommen ausreichen, und man bedürfte dann all der Schnurrpfeifereien

und Nebendinge nicht und hätte noch weniger von Atheismus zu fürchten,

der überhaupt gar nicht vorhanden ist und sein kann, denn ein wirklicher

Gottes- oder Schöpferleugner kann nur ein Narr oder ein ausgemachter

Dummkopf sein; fragt man solche, wer denn alles Vorhandene erschaffen,

so erwidern sie: die Natur oder ähnliches; was ist und kann diese Natur

denn anders sein als ein allmächtiger Schöpfer, gebt ihm einen Namen,

welchen ihr wollt, es ist und bleibt immer ein und dieselbe Sache, und

wenn wir selbst annehmen wollten, wie es schon mehrere Narren gab, daß

außer unserem werten Ich alles andere nur ein Blendwerk, ein

Nebelgebilde sei, so müßte auch selbst dieses noch einen Urheber haben.

Das Vernünftigste, was der tolle Robespierre getan, war, die Verehrung

eines allmächtigen Wesens anzuordnen, nur fehlte er in der Art und

Weise, wollte auch dadurch nur und durch Charlatanismus seine Tyrannei

befestigen und wurde deshalb gestürzt.«

»Gut, mein General,« sagte ich nun, als Menou seine Rede, der alle mit

Erstaunen und Verwunderung zugehört, beendigt hatte, »aber wie steht es

mit der Unsterblichkeit unserer armen Seele, was ist der Zweck unseres

Daseins?«

»Ach, Kapitän,« versetzte er, »das ist eine andere Frage, die genügend

aufzulösen kein Sterblicher je imstande sein wird. Nur über die Substanz

unseres Körpers, über alles Materielle bin ich vollkommen im reinen.

Alles, was wir genießen, Speise und Trank, die Leckerbissen, die Sie

sich heute an meiner Tafel so wohl schmecken lassen, dies alles ist

schon durch Milliarden menschlicher und tierischer Leiber gewandert und

wird es, solange die Welt steht. Von unseren Zähnen, so lange wir deren

haben,« -- hier warf der General einen etwas malitiösen Seitenblick auf

einige ältere Damen, die gegenwärtig waren -- »zermalmt, von unseren

Mägen verdaut, wird es wieder zur Erde gebracht, um sich über kurz oder

lang aufs neue in Gras, Kraut, Gemüse, Früchte, Futter für Tiere und

Menschen zu verwandeln und dann als Nahrungs- und Zeugungsstoff abermals

in Blut und Milch überzugehen. Zu Staub werden die größten und reichsten

Städte der Erde, die massivsten Marmor- und Goldpaläste, die

prächtigsten Denkmäler und Monumente, gleich den schlechtesten

Lehmhütten und hölzernen Gräberkreuzen der Armen. Ob tausend Jahre

früher oder später, was zählt dies in der Ewigkeit? Und alle menschliche

Philosophie läßt sich füglich in den zwei Worten >verwandelter Staub<

zusammenfassen, wenigstens ist der Inbegriff alles Körperlichen und

Irdischen in ihnen enthalten. Was aber das Geistige, das Seelenleben des

Jenseits, die Gottheit betrifft, so wird uns dies hienieden ein ewiges

Rätsel bleiben, das der hoch- und tiefgelehrteste Philosoph, der

unterrichtetste und klügste Mensch ebensowenig wie der roheste und

unwissendste Wilde zu lösen vermag, und die Quintessenz aller sublimen

Gedanken eines Plato, Descartes, Bacon, Leibniz und so weiter bringt uns

um kein Haarbreit weiter, als die Untersuchungen der Narren, die mit

Hilfe eines Mikroskops den Sitz der Seele im Gehirn oder Gott weiß sonst

wo entdecken wollen. Überhaupt halte ich alle spekulative Philosophie,

alle metaphysischen Forschungen für unnütze Zeitverschwendung, für

verlorene Mühe, in Summa für Narrheit. Nur auf die eigentliche

Lebensphilosophie gebe ich etwas, wenigstens kann sie uns das oft so

kümmerliche Dasein und dessen Beschwerden leichter ertragen helfen und

leidlicher machen. Und dann, -- wer kann wissen, ob nicht jene

unsichtbare, fruchtbare, alles leitende Allmacht, deren erbärmliche

Drahtpuppen und Hanswurste wir am Ende doch alle nur sind, der Mann im

Kaisermantel wie der Lumpensammler, ob sie nicht den einen und sein

Bewußtsein wieder hervorzurufen für gut findet, während sie es nicht der

Mühe wert hält, den Anderen nochmals aufleben zu lassen, sondern auch

dessen ewige geistige Vernichtung beschlossen hat. Wenigstens wird mir

niemand bestreiten können, daß dies in ihrer Macht liegt. Es ist eine

Idee wie jede andere. Doch genug davon, ich glaube in dem, was ich

gesagt, alles, was spekulative Philosophie vermag, erschöpft zu haben,

lassen Sie uns nun auf die Gesundheit unseres heiligen Napoleon

trinken.«

Bei diesen Worten hob der General ein Glas Champagner hoch und rief ein

»_Vive l'Empereur!_«, in das die ganze Tischgesellschaft mit einstimmte.

Man gab nun der Unterhaltung eine andere Wendung. Es war vom entführten

Papst, vom Krieg und Frieden mit Österreich, von den schönen

Venetianerinnen, die man auch hochleben ließ, und so weiter die Rede.

Mit zum Teil schweren Köpfen trennte man sich bei schon ziemlich

vorgerückter Nacht, verlor sich in die Theater, Kasinos und so weiter.

Ich ließ mich in meine Wohnung gondolieren, wo ich die Damen musizierend

und venetianische Lieder singend antraf und ihnen bis Mitternacht noch

Gesellschaft leistete. Auch Signor Ludolli war gegenwärtig und benahm

sich sehr freundlich, nur damit war er nicht ganz einverstanden, daß mir

die Damen auch die Kost zugesagt hatten. Ich suchte ihn deshalb zu

beruhigen, indem ich ihm versicherte, daß ich nur äußerst selten

Gebrauch von diesem Zugeständnis machen würde.

Bald hatte ich herausgebracht, daß die Signora Odellino, deren Mann

wirklich als Buchhalter in einem Triesterhaus konditionierte, eine

_Donna mantenuta_ war, die ein noch ziemlich wohlhabender Nobile, ein

gewisser Contarino, unterhielt, der sich rühmte, Dogen unter seinen

Vorfahren gehabt zu haben. Ich kam selten oder nie nach Haus, ohne den

Damen einige Geschenke, meist in _dolce_ und Konfetti bestehend,

mitzubringen, was mir dieselben hoch anrechneten; zum Mittagessen fand

ich mich nur selten ein, desto mehr zur Cena, wo es dann immer munter

herging. Eines Tages, es war der vierte oder fünfte, daß ich in dem Haus

wohnte, kam der Patron della Casa zu einer ungewöhnlichen Stunde in

großer Unruhe heim und rief seiner Frau beim Eintreten zu: »Nun, da

haben wir die Bescherung, ich hab' es voraussgesehen, soeben hat mich

Contarino auf dem San Marco angepackt und mir den Handel mit der Gatte

(der Odellino Taufname) gekündigt, wenn der _maledetto francese_ nicht

schnell ausziehe.« Ich zahlte gut, hatte erst diesen Morgen einen Korb

mit Cyprier der Dame in die Küche geschickt, war freigebig und stand

also in hoher Gnade bei derselben; sie nahm auch sogleich meine Partei

und antwortete ihrem Mann: »Es ist der Mühe wert, daß der filzige

Contarino einen solchen Lärm um nichts macht, er gibt uns kaum fünf

Zechinen monatlich, davon kann die Gatte nicht leben, hol ihn der

Henker, und überdies denkt der Franzose gar nicht an sie, die Mädchen

stecken ihm eher im Kopf, wenn er ja auf eine von uns reflektiert; der

Offizier bezahlt uns allein für ein altes Cembalo, das wir ihm gestern

verschafft haben und uns drei Lire kostet, zwanzig; vom Ausquartieren

kann gar keine Rede sein, denn er hat einen Monat antizipando bezahlt.«

Der Mann versetzte nun: »Das wird eine saubere Geschichte werden; der

Franzos kann sich in Obacht nehmen, der Contarino ist wütend und läßt

gar nicht vernünftig mit sich reden.« Die Signora antwortete mit einem

»_Cosa fa_, man wird ihm was vormachen, du weißt dir auch gar nicht zu

helfen, lieber Mann.« Eine halbe Stunde darauf erfuhr ich die ganze

Unterredung von dem ältesten hübschen Mädchen, Karoline, einer Cugina

der Odellino, und als ich diese fragte, woher es käme, daß sich

Contarino nie im Hause sehen lasse, erzählte mir das Mädchen naiv:

»_Fanno l'amore nel suo casino_, doch kommt er auch manchmal des Nachts

zu meiner Muhme, aber nur verstohlen, denn er ist _un uomo maritato, ho

paura di lui_.« Das _ho paura_ wiederholte mir das Mädchen wohl zehnmal;

ich suchte ihr diese Paura zu benehmen, sie auf die Stirn küssend, und

es schien mir zu gelingen, als die Signora Ludolli ins Zimmer trat, mir

ebenfalls ihre Verlegenheit wegen dem Contarino mitteilte und meinte, es

könne sogar gefährlich werden. Scherzend suchte ich ihr dies auszureden

und lud sie, ihre Schwester und die Mädchen zu einer Spazierfahrt auf

den Lagunen ein, wozu sie aber nicht zu bewegen war, denn dann würde es

erst ein rechtes Donnerwetter geben, meinte sie. Ich ging nun auf den

Markusplatz, wo ich meinen Wirt in einem sehr heftigen Wortwechsel mit

einem anderen Venetianer sah, aber nicht von ihm bemerkt wurde; bald

erfuhr ich, daß es der gefürchtete Contarino war, mit dem er so gewaltig

haderte. Ich ließ sie nun nicht mehr aus den Augen, bis sie auf die

Piazetta gingen und sich daselbst einschifften. Erst in der Dämmerung

begab ich mich wieder heim, um mich für das Theater umzukleiden, das ich

in Uniform besuchen wollte. Ich traf niemand als Signora Ludolli, die

meine Frage ängstlich zu beantworten schien, was ich auf Rechnung ihrer

Furcht vor Contarino schrieb. Ich ging längs den Fundamenti (so werden

hier die sehr schmalen, längs den Häusern hinlaufenden Gänge genannt)

hin, das Haus verlassend. Es war schon völlig Nacht. Jetzt wollte ich

die erste sich vorfindende Gondel besteigen, als ich bemerkte, daß mich

zwei in Mäntel gehüllte Gestalten verfolgten, die ihren Gang mit jeder

Sekunde mehr beflügelten. Als sie nur noch wenige Schritte von mir

entfernt waren, machte ich ein rasches rechtsum Kehrt, ging ihnen festen

Tritts entgegen, und da ich an sie herankam, drückten sie sich an die

Mauern eines Hauses und ließen mich ganz friedlich vorüber; ich wandte

mich nochmals um und ging wieder an ihnen vorbei. Es kam mir vor, als

sei einer von ihnen mein Hauswirt, und ich bemerkte, daß sie leise aber

eifrig miteinander sprachen. Bald sah ich, daß sie mich von neuem

verfolgten, ich ließ sie abermals herankommen, wandte mich wieder gegen

sie um, und als ich im Begriff war, sie zu fragen, was sie von mir

wollten, streckte der eine schnell seine Hand gegen mich aus, um mich

bei der Brust zu packen, indem er zugleich ein Stilett blinken ließ. Ich

wich einen Schritt zurück, zog schnell den Degen und rief ihm zu: »_Ah

birbante, adesso tocca a me!_« Klirrend schlug ich ihm das Stilett aus

der Hand, sprang auf beide zu; einer stand hinter dem anderen, denn der

Gang am Kanal war keine drei Schuh breit, und den ersten packend, den

anderen aber für meinen Wirt erkennend, sagte ich zu demselben: »Wie,

Sie sind so ein Patron?« Beide waren aber nicht vom Mestiero, sondern so

verblüfft, daß sie regungslos dastanden. Der hintere stieß endlich ein

»_Ajuto!_« aus, ich sagte ihm aber, er möge sich um Himmelswillen ganz

ruhig verhalten und keinen Lärm machen, weil ich sonst genötigt sein

würde, sie beide zum Platzkommandanten bringen zu lassen; meinem

Hauspatron versicherte ich zugleich, daß ihm nichts geschehen sollte,

wenn er ruhig bleibe. Ich fragte sie nochmals, was sie eigentlich von

mir wollten und weshalb sie mir auf eine so unerhörte Weise

nachstellten, und da sie noch immer stumm blieben, sagte ich: »Den ich

hier festhalte, ist wahrscheinlich der saubere Contarino,« und als mein

Wirt dies bejahte, fuhr ich fort: »Ich bedauere nur, daß Sie sich wegen

Hirngespinsten zu solchen Schurkenstreichen verleiten lassen und in

Gefahr begeben; längst glaubte ich, daß mit der Republik auch solche

Banditenstreiche aus Venedig verbannt seien. Ihre Eifersucht ist ebenso

lächerlich als grundlos; ich habe noch keine zwei Worte mit Ihrer

Geliebten gewechselt und werde sie Ihnen sicher nicht abspenstig machen;

denn Venedig hat schöne Frauen genug, daß nicht ein jeder sein Liebchen

finden sollte. -- Wenn Sie der Treue Ihrer Geliebten nicht versichert

sind, so tun Sie dieselbe an einen anderen Ort, solange ich mich in

Venedig befinde, statt sich in meuchelmörderische Wagnisse einzulassen,

die Ihnen leicht den Hals kosten können, denn es hängt jetzt doch nur

von mir ab, Sie in die andere Welt oder auf die Galeere zu befördern;

ich will indessen weder das eine noch das andere, ich verzeihe Ihrer

blinden Leidenschaft. Folgen Sie meinem Rat und nehmen Sie Ihre Geliebte

einstweilen aus dem Haus, das ich nicht verlassen werde, solange ich

noch hier verweile.« -- Contarino bat mich nun recht demütig wegen

seines unbegründeten Argwohns um Vergebung, nannte mich ein Mal über das

andere einen _generosissimo Signore_ wobei Ludolli einfiel: »Ich habe es

Ihnen ja immer gesagt, allein Sie wollten meinen Worten keinen Glauben

schenken.«

Contarino äußerte, Eifersucht habe ihn verblendet, beteuerte, daß er

alles Vertrauen in mich und seine Gatte setze, die nirgends besser als

bei Ludollis aufgehoben sein könne, und bat mich auf das inständigste,

ihm zu erlauben, daß er die Ehre haben dürfe, mich in sein Haus

einzuführen. Ich willigte ein, und er bestand darauf, mich schon den

nächsten Tag selbst abzuholen, indem er mir zugleich seine Aufwartung

machen werde. Wir schieden nun als gute Freunde. Ich begab mich nach

Fenice, und als ich nach beendigtem Theater nach Haus ging, kamen mir

die Damen mit einem _Benvenuto_ entgegen. Sie waren schon von allem

unterrichtet, gaben mir indessen doch zu verstehen, daß ich nur durch

ein halbes Wunder dem Bad im Kanal entgangen sei. Wir soupierten und

blieben bis nach Mitternacht bei einem Glas Punsch beisammen; die Frauen

dankten Gott, daß alles so abgegangen sei; Ludolli versicherte mir wohl

zehnmal, daß sonst der Contarino doch ein _galantissimo uomo_ sei. Wir

trennten uns endlich vergnügt mit einer _felicissima notte_, wobei mir

vergönnt war, die sämtlichen Damen zu küssen, die mir Glück gewünscht

hatten, Zutritt in Contarinos Haus zu erhalten, wo man sich sehr gut

unterhalte, dessen junge Frau eine der liebenswürdigsten und hübschesten

Damen Venedigs sei, und mich warnten, ihr nicht zu tief in die Augen zu

sehen.

Den kommenden Morgen hatte ich noch nicht lange das Bett verlassen, als

mir Contarino angemeldet wurde, den Ludolli sofort bei mir einführte; es

war ein Mann von einigen dreißig Jahren und ziemlich untersetzter

Statur. Nochmals entschuldigte er sich tausendmal wegen des

Vorgefallenen; ich suchte ihn völlig zu beruhigen, worauf er mich bat,

mich noch diesen Vormittag seiner Frau vorstellen und in das Kasino

einführen zu dürfen, von dem er Mitglied sei. Ich nahm beides an, wir

verließen meine Wohnung gegen Mittag, nahmen Schokolade in einem Café

des San Marko und fuhren dann nach dem Palazzo des Signor Conte, wo ich

seine Gattin, eine Dame, welche meine Erwartungen noch übertraf, kennen

lernte. Sie war noch nicht volle neunzehn Jahre alt, hatte ein

wunderliebliches Gesicht, die feinsten und geistreichsten Züge, einen

blendend weißen Teint, eine fast transparente Haut, unter welcher die

blauen Äderchen hervorschimmerten, den zierlichsten Wuchs und die

schlankeste Taille, genug, es war eine ganz venetianische Schönheit, die

von Geburt der Familie Mocenigo angehörte. -- Der Graf bat sie, mich als

seinen besten Freund zu betrachten und zu jeder Zeit, wenn ich ihr die

Ehre meines Besuchs schenken wolle, freundlich anzunehmen. Die Signora

sagte aufs Verbindlichste, daß sie sich eine Pflicht daraus mache, ihrem

Mann zu gehorchen, und so stand mir eines der ersten Häuser Venedigs

offen, in dem ich bald Gelegenheit hatte, den reichen venetianischen

Adel, wie die Mocenigo, Dandolo, Falieri und so weiter kennen zu lernen.

Ich wunderte mich, daß der Graf bei einer so hübschen Gattin eine

Odelino vorziehen mochte, aber bekanntlich ist ja die Ehe das Grab der

Liebe, und es kann nicht anders sein. In dem Kasino, in dem er mich

einführte, langweilte ich mich; außer dem Spiel war wenig oder gar keine

Unterhaltung daselbst anzutreffen. Contarino veranstaltete nun selbst

öfters Wasserpartien mit den Frauen und Mädchen, wo ich wohnte; wir

besuchten entferntere Kirchen und Klöster auf den Giudecca-Inseln le

Grazie, San Giorgio, San Helena, San Clemente, fuhren nach Murano und so

weiter, wobei ich absichtlich der jungen Karolina recht eifrig den Hof

machte, damit die Eifersucht des Nobile nicht wieder erwachen möge; das

Mädchen war auch hübsch genug, daß ich das in allem Ernste tun konnte.

Contarino zeigte sich außerordentlich gefällig und dienstwillig, und als

ich ihm einst von Zschokkes Abällino erzählte, in dem sogar ein

Namensvetter von ihm eine Rolle spiele, und den Wunsch äußerte, ich

möchte doch gerne wissen, ob der Verfasser aus einer historischen Quelle

geschöpft oder das Sujet bloß ein Produkt seiner Phantasie sei, suchte

er mehrmals halbe Tage lang mit mir in den Archiven, die uns auf Menous

Gebot geöffnet wurden, alle Aktenstücke und Dokumente, die sich auf die

Regierung des Dogen Andreas Gritti bezogen, durch, aber unsere

Bemühungen waren vergeblich, wir konnten nichts auf diesen Gegenstand

Bezügliches entdecken.

Indessen hatte ich in der Tat doch der Signora Lucietta, so hieß

Contarinos Gattin mit ihrem Taufnamen, zu tief in das Auge gesehen und

fühlte etwas mehr als bloßes Wohlwollen für die Schöne. Diese hatte aber

einen alten Abbate zu ihrem _Cavaliere servente_, der den ihm

anvertrauten Schatz wie ein Argus bewachte und dem mein Erscheinen in

der Familie eben keine sonderliche Freude zu machen schien; schwerlich

wäre ich mit der Dame je in eine nähere Berührung gekommen, hätte mich

nicht der Zufall, dieser mächtige Gehilfe des Schicksals, begünstigt und

den Herrn Abbate auf das Krankenlager geworfen. Jetzt traf ich Signora

Lucietta fast immer allein, koste, musizierte und küßte bald mit ihr.

Der Signor Marito bekümmerte sich weit weniger um seine reizende

Gemahlin als um die Mätresse, und ich suchte erstere deshalb nach besten

Kräften zu trösten, was mir um so eher gelang, als sie bereits Wind von

dem Verhältnis mit der Donna mantenuta hatte. Ich teilte ihr nun unter

dem Siegel der größten Verschwiegenheit mit, was wegen derselben

zwischen ihrem Gatten und mir vorgefallen war, worauf sie weiter nichts

als ein unwilliges: »_È una gran bestia, il mio marito!_« ausstieß, dann

lachte und sagte: »Nun, ich will's ihm vergelten.« -- Jetzt waren wir

bald nur eine Seele, und ich bedauerte nichts, als Venedig, wo ich mir

immer mehr gefiel, sobald wieder verlassen zu müssen. _En passant_

machte ich auch noch einer hübschen Seconda Donna vom Theater Fenice den

Hof und brachte ein paar joviale Abende mit ihr zu, scherzte dabei recht

artig mit Karolinchen und hielt hinsichtlich der Odelino streng mein

Wort bis -- zur Nacht vor meiner Abreise, wo ich mich gegen Morgen in

ihr Schlafgemach stahl und sie zur Untreue gegen ihren Protektor

verführte. -- Ich entwand mich dann mit einem langen Abschiedskuß aus

ihren Armen, und sie entließ mich mit einem matten Addio und »Ach, warum

nicht früher?« ... Bei Lucietta hatte ich schon den Tag und von Karolina

den Abend vorher Abschied genommen.

Der Tag meiner festgesetzten Abreise war angebrochen, ich hatte über

drei Wochen in der Dogenstadt verweilt, und mit dem frühen Morgen fuhr

ich noch einmal durch einen Teil des Canal grande, zum letztenmal die

öden Marmorpaläste bewundernd, deren Fenster manchmal sogar mit Dielen

verwahrt sind und die unfehlbar in Ruinen zerfallen werden, da ihre

Eigentümer nicht die Mittel haben, sie zu unterhalten, und dieselben

eine Last für sie sind.

Auf Contarinos Rat fuhr ich in einer Barke nach Fusine, wohin ich meinen

Wagen kommen ließ, um von da weiter nach Padua zu fahren. Diese

Überfahrt ist angenehmer als die von Mestre. Durch die Lagunen wogend,

entfernte ich mich allmählich von dem prächtig-traurigen, dem Meer

entwachsenen Venedig; seine Kuppeln und Türme, die sich in einiger

Entfernung auf der See majestätisch und zauberhaft ausnehmen, schwanden

mehr und mehr, dabei hatte ich das nahe Ufer des festen Landes im Auge,

dessen schöne Landhäuser, Gärten und gut angebaute Felder eine nicht

minder reizende Fernsicht gewähren. Ehe ich die Küste erreichte, warf

ich noch einen letzten scheidenden Blick auf die alte entthronte

Meereskönigin, ihr ein ewiges Lebewohl sagend. Auch auf dieser Überfahrt

hatte ich wieder jene wehmütige Empfindung, die mich allemal befällt,

wenn ich einen Ort verlassen muß, an dem mir es wohl ging und wo ich der

Freuden viele genoß. Zu Fusine nahm ich Postpferde und fuhr längs der

herrlichen, wegen ihrer Fruchtbarkeit, Schönheit und Mannigfaltigkeit --

Klöster, Dörfer, Villen, Gärten und Lustwäldchen -- berühmten

unabsehbaren Ebene hin. Überall herrscht reges Leben, und die Fluten

sind noch mit Barken, Gondeln und anderen Schiffen bedeckt. Ich kam über

Dolo, wo ich einige Prachtgebäude bemerkte, und sah bei dem ganz nahen

Stra die Schiffe aus der Brenta in den Kanal Piovego, der gerade nach

Padua führt, fahren. Man kann den Weg von Venedig bis dahin auch zu

Wasser machen, der noch angenehmer sein mag, aber auch länger ist.

Obgleich von ganz anderer Art als die Ufer des Rheins, des Ebro und der

Donau, sind die der Brenta doch nicht minder unterhaltend und

abwechselnd. Verlassene und oft schon halb verfallene Villen ersetzen

hier die Ritterburgen des Rheins und sind die trauernden Überbleibsel

und Denkmäler der gesunkenen Größe der Inselstadt, deren Bewohnern die

meisten gehörten, andere aber den Einwohnern von Padua. Noch vor Mittag

kam ich in dieser Stadt an, wo ich ein paar Stunden verweilte. Sie liegt

unfern der Brenta, an der Bachiglione, und ist von so freundlichen,

lachenden angebauten Hügeln umgeben, daß sie manche Reisende ein

irdisches Paradies genannt haben.

Mit einbrechender Nacht setzte ich meine Reise fort, kam in der Nähe von

Arqua vorüber, wo Petrarchs irdische Reste ruhen und man sein Haus,

seinen Stuhl und das Skelett seiner Katze zeigt, dann durch das durch

seinen Vipernfang berühmte Monselice, passierte die Adige (Etsch) bei

dem Flecken Boara, fuhr durch Rovigo und, ohne mich weiter aufzuhalten,

bis Ferrara. Eine leichte Unpäßlichkeit war die Veranlassung, daß ich

hier ein paar Tage verweilen mußte. Die Stadt, die in der Nähe eines

Armes des Po liegt, war sehr öde und zählte kaum achtzehntausend

Einwohner mehr, die sich in ihren großen weitläufigen Straßen, in denen

das Gras hoch und das Unkraut dicht stand, verlieren. Sie hat eine gute,

regelmäßige und feste Zitadelle. Das Schloß der alten Herzoge von

Ferrara liegt mitten in der Stadt und ist ringsum mit Wasser umgeben und

von vier dicken Türmen flankiert, sein Anblick ist nichts weniger als

erfreulich. In seiner Nähe befindet sich der sogenannte adelige Palazzo,

vor dem zwei hohe Säulen mit den ehernen Statuen alter Herzoge stehen.

Unter den Plätzen war der Napoleonsplatz der bedeutendste. Die

Kathedrale ist ein schönes Gebäude, in der Benediktinerkirche befindet

sich das Grab eines der phantasiereichsten Dichter, die je gelebt, des

Autors des rasenden Roland, Ariosts, zu dessen Zeiten die Stadt noch

eine der reichsten, blühendsten und bevölkertsten Italiens war. Die

ungesunde Luft, welche die naheliegenden Moräste verursachen, und die

häufigen Überschwemmungen, denen die Umgegend ausgesetzt ist, mögen viel

zu ihrer Entvölkerung beigetragen haben. Das hiesige Theater ist groß

und schön, die Paläste Este, Bevilacqua und andere sind prächtig. Das

Hospital der heiligen Anna ist berühmt, weil der arme Tasso von dem

undankbaren Herzog Alphons hier so lange in einem engen Gemach unter dem

Vorwand einer Gemütskrankheit eingesperrt wurde. Krank war er

allerdings, denn er war wirklich verliebt, und zu bedauern sind die mit

dieser Krankheit Befallenen, für die man ebensowenig kann, wie für jede

andere. Wer wüßte etwas von diesem Herzog, wenn ihn nicht der

unsterbliche Dichter in seinem herrlichsten Werk den großmütigen Alphons

genannt hätte! In der großen Bibliothek Ferraras sind Handschriften von

Ariost, Tasso, Guarini und so weiter vorhanden, von ersterem auch noch

das Tintenfaß und ein Stuhl.

Von hier reiste ich, wieder hergestellt, nach Ravenna ab, denn ich

wünschte die alte berühmte Hauptstadt der Ostgoten kennen zu lernen. Der

Weg dahin, den ich meistenteils in der Nacht zurücklegte, war

unangenehm, und bei Argenta, in der Nähe der Sümpfe oder Valli von

Comachio, warf mich der Postillon um, wodurch mir das Degengefäß so

heftig in die linke Seite gestoßen wurde, daß ich eine bedeutende

Quetschung davontrug, die mich nun gegen meinen Willen in Ravenna

zurückhielt. Da es noch finstere Nacht war, so kostete es viele Mühe,

bis der Postillon, mein Bedienter und ich, der arge Schmerzen hatte, den

Wagen wieder aufrichteten, und es verging fast eine Stunde, bevor ich

weiterfahren konnte. In Ravenna angekommen, schickte ich sogleich nach

einem Militärarzt, der mir etwas zum Einreiben verordnete und auflegte.

Sechsunddreißig Stunden mußte ich nun im Bette zubringen, was mir sehr

ungelegen war. Von Venedig hatte ich ein paar Empfehlungen von Contarino

für hier, die ich durch meinen Bedienten abgeben ließ und hierauf

mehrere Besuche erhielt.

Das uralte Ravenna lag einst an den Ufern des Adriatischen Meeres und

war einer der besten Häfen desselben, jetzt ist es an zwei Stunden von

der Küste entfernt. Nach Strabo haben Thessalonier diese Stadt

gegründet, Sabiner aber waren ihre ältesten bekannten Einwohner, später

bemächtigten sich ihrer die Gallier, welche sich an den Ufern des Po

niederließen. Paulus Aemilius verjagte sie, und die Römer verschönerten

die Stadt außerordentlich, namentlich unter den Kaisern, und ließen ihre

Flotten in ihrem Hafen überwintern. Unter den gotischen Königen und

Exarchen im siebten Jahrhundert war sie eine der bedeutendsten und

blühendsten Städte Europas. Dadurch, daß sie durch das Zurücktreten des

Meeres ihren Hafen verlor, kam auch sie zurück. Im Mittelalter, wie alle

Städte Italiens, durch Unruhen und Parteikämpfe zerrissen, mußte sie

außerordentlich leiden, und zur Zeit, als sie die Venezianer, in deren

Hände sie gefallen war, an die Päpste abtraten, war sie schon sehr

herabgekommen; unter der Herrschaft des heiligen Stuhls sank sie noch

vollends, so daß sie kaum fünfzehntausend Einwohner mehr zählte und noch

weit verlassener als Ferrara war. Die alte Hauptstadt von Theodorichs

Reich bot jetzt nur noch Überreste und trauernde Denkmäler ihrer

früheren Größe den Blicken des Reisenden dar, ihre öden und

menschenleeren Straßen waren mit falbem, dürrem Gras bewachsen, ihre zum

Teil halbverfallenen Häuser und Paläste, meistens mit Moos und Gesträuch

bedeckt, schienen ohne Besitzer, die mehr schleichenden als gehenden

Einwohner hatten ein düsteres, schwermütiges und mutloses Aussehen, das

eher Mitleid erregend als abschreckend war, im ganzen hatte sie das

Ansehen einer verwünschten Stadt, in der nur lebensmüde Schatten einsam

und tiefsinnig herumwandelten.

Nach vier Tagen des Bett- und Zimmerhütens war mir das Ausgehen wieder

gestattet. Mein erster Gang war nach der im neueren Geschmack

restaurierten Hauptkirche, in der ich eine Zeitlang umherwandelte und

endlich vor den herrlichen Freskomalereien Guidos in einer Kapelle

stehen blieb, die auch das schöne Gemälde enthält, welches Moses

darstellt, wie er Manna vom Himmel regnen läßt. Noch war ich im

Anschauen desselben vertieft, als ich hinter mir ein Damengewand

rauschen hörte; ich sah mich rasch um und erblickte einen in schwarze

Seide und Flor gehüllten blendend weißen Engel, der eben einen seine

unwiderstehlichen Reize verhüllenden Schleier zurückschlug, sich zum

Beten niederkniete und zwei Feueraugen zeigte. Dies bezaubernd lebendige

Gemälde hatte das tote sogleich aus meinen Augen und Sinnen verdrängt,

ich trat einige Schritte zurück, kniete ebenfalls nieder, und zwar so,

daß ich die schöne Betende immer im Auge hatte. Auch sie hatte mir einen

Blick geschenkt, der mich in eine erschütternde Vibration versetzte.

Nach einer halben Stunde, die mir, obgleich kniend, kaum eine Minute

dünkte, erhob sich die schöne Gestalt, verneigte sich tief und entfernte

sich, mich im Vorübergehen noch eines Blickes würdigend. Ich hatte die

Absicht, ihr zuvorzukommen, um ihr das Weihwasser zu bieten, erreichte

aber meinen Zweck nicht. Ein sie begleitendes Mädchen, das hinter ihr

gekniet, tat dies vor mir. Durch wenige aber lange und einsame Straßen

führte ihr Weg, nur einmal sah sie sich um und schlüpfte dann durch die

Pforten eines alten, nicht sehr ansehnlichen Hauses, dessen untere

Fenster alle vergittert waren. Schon lange hatte sich die Tür hinter der

wunderbaren Schönen geschlossen, und noch stand ich, die toten bemoosten

Mauern und das rußig-braune Tor anstarrend, hinter dem sie verschwunden

war. Ein vorübergehender Kapuziner weckte mich endlich aus meinen

Träumereien, ich merkte mir Straße und Haus und kehrte vorerst heim. Als

die Nacht herankam, durchstreifte ich mehrmals jene Straße, in welcher

das mir merkwürdig gewordene Haus lag, aber an keinem Fenster desselben

war auch nur ein Schimmer von Licht zu erblicken und alles so einsam und

still, als wäre die Welt ausgestorben. Nachdem ich lange vergeblich auf

irgendeine Entdeckung des mir so werten Gegenstandes gehofft hatte,

entfernte ich mich, fest entschlossen, die näheren Verhältnisse meiner

schönen Unbekannten _à tout prix_ kennen zu lernen. Den anderen Tag

erfuhr ich durch einen dienstbaren Geist, dem ich Straße und Haus

bezeichnet hatte, daß die Dame die durch ihre Schönheit berühmte Signora

Lucilla Manichetto aus Pesaro sei, die erst kürzlich, durch ihre

Verwandten gezwungen, einem schon ziemlich bejahrten Richter ihre Hand

gereicht, der sie strenge überwache, keinen Cicisbeo dulde und ihr nur

das Kirchengehen morgens und abends in Begleitung eines Dienstmädchens

gestatte. Also auch eine Lucilla, mir um so teurer, da sie mich an die

kaum verlassene venezianische erinnerte. Daß ich nun immer in der

Stunde, in welcher die Dame die Kirche besuchte, auch in derselben

anzutreffen war, wird man mir ohne Beteuerung glauben. Ich richtete es

jetzt so ein, ihr das _Aqua benita_ zu reichen, und es gelang mir bald,

ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Durch dieses öftere Besuchen der Kirche

wurde ich auch mit dem Sakristan derselben bekannt. Eines Abends, als

ich längere Zeit auf meine Schöne wartete, begab ich mich in die

Sakristei, wo ein dunkelgrüner Vorhang ein Gemälde in einem abgelegenen

Winkel verhüllte. Ich befragte meinen neuen Bekannten, was es damit für

eine Bewandtnis habe. Er erwiderte mir, daß es eigentlich streng

verboten sei, dasselbe jemandem zu zeigen, indessen wollte er bei mir

eine Ausnahme machen, wofür ich mich erkenntlich zeigte. Er zog nun an

einer Schnur den Vorhang weg, und ich erblickte die Abbildung des Innern

einer Kirche, in der ein Wüterich den Leichnam einer wunderschönen

Frauengestalt mit einer Streitaxt in Stücke hieb und zerfleischte. Diese

Darstellung erschütterte mich unangenehm, ich verließ die Sakristei

wieder, und der Sakristan zeigte mir nun ein anderes Bild, das in der

Kirche an einem Pfeiler hing und dem Anschein nach eine

Geisterbeschwörung vorstellte. Mein Begleiter erzählte mir jetzt, sich

bekreuzigend, daß dies Gemälde mit jenem in der Sakristei in engster

Berührung stehe und der nämlichen Ursache seine Entstehung zu verdanken

habe, obgleich es über zwölfhundert Jahre später gemalt worden sei. Ich

bat ihn, mir den Zusammenhang und die Geschichte der beiden Bilder

mitzuteilen, worauf er mir erwiderte, daß dies lange Zeit fordere und er

außerdem die Geschichte des verhüllten Bildes nicht kenne, von dem

anderen aber habe ihm sein Vorgänger, ein Greis von neunzig Jahren,

erzählt, daß es die Verbannung eines bösen Geistes, der über tausend

Jahre sein Unwesen jede Nacht in der Domkirche getrieben habe,

vorstelle, und der nie ein Licht oder irgendeine Beleuchtung nach

Mitternacht in dem Gottestempel mehr geduldet habe, sondern daß, sobald

diese Stunde schlug, ein Windschauer alle Lichter, sogar in den

wohlverwahrtesten Laternen, gelöscht habe, die dann niemand mehr

anzuzünden imstande gewesen sei. Man habe alsdann ein schreckliches

Getöse und Gepolter in den Gewölben und Hallen der Kirche vernommen und

sich um diese Zeit kein Mensch mehr in dieselbe gewagt; seit

undenklichen Zeiten hatte man die berühmtesten Geister- und Hexenbanner

verschrieben sowie alle erdenkliche heilige Mittel angewendet, den Geist

zur Ruhe zu verweisen, aber alles sei vergeblich gewesen, bis endlich

einmal ein sehr sonderbar gekleideter, langbärtiger Mann aus einem

unbekannten Land gekommen sei, dessen sich der Greis, der damals kaum

zwanzig Jahre alt gewesen, noch gut zu entsinnen gewußt. Jener habe sich

erboten, dem Spuk ein Ende zu machen, und eine ganze Nacht allein in der

Kirche einschließen lassen. Mit Tagesanbruch habe er die Kirche von

innen geöffnet, dem Priester, der die erste Messe lesen sollte, eine

versiegelte Rolle übergeben und ihm geboten, dieselbe unter Schloß und

Riegel wohl zu verwahren und niemandem als dem Bischof zu gestatten, die

Siegel zu lösen. Sodann solle man das grause Bild aus der Kirche

wegnehmen und verhüllt in einem Winkel der Sakristei aufbewahren und ein

anderes, das man an einem gewissen Tag überbringen werde, dafür in die

Kirche hängen. Hierauf verschwand der seltsame Mensch, von dem man nie

wieder etwas gehört. Viele waren der Meinung, es sei der ewige Jude

gewesen. Der Priester befolgte genau, was ihm befohlen war, der Spuk in

der Kirche hörte von dieser Stunde an auf, der Bischof entsiegelte und

las die ihm übergebenen Papiere, die hierauf in einer wohlverschlossenen

Kassette in der Sakristei aufbewahrt wurden, wo sie sich noch befinden.

Meine Neugierde hinsichtlich des Inhalts dieser Papiere war durch diesen

Bericht rege gemacht. Der Sakristan gestand mir, daß er den Schlüssel zu

dem Wandschrank habe, in dem sich die Kassette befinde, die sie

enthalte, sowie daß er selbst schon einigemal in Versuchung gekommen,

sie zu öffnen, aber eine Art Schauer habe ihn jedesmal überfallen, wenn

er die Versuchung gehabt, und so sei er bis jetzt derselben

widerstanden. Ich, der ich von diesem Schauer nichts empfand, bewog ihn

durch Geschenke und Versprechungen, mir die Kassette auf eine Nacht

anzuvertrauen, und wir öffneten dieselbe in meiner Wohnung mit Hilfe

einiger krummer Nägel und starker Eisendrähte, aber auch der Deckel

hielt so fest, wie wenn er angekittet wäre. Wir rissen ihn endlich auf,

indem der eine an der Kassette, der andere am Deckel zog; nebst der

Papierrolle fielen uns drei silberne und eine goldene Spange und ein

Ring von demselben Metall in die Hände. Die Rolle enthielt ein in

lateinischer Sprache mit gotischen Lettern geschriebenes Manuskript, das

wir nicht ohne Mühe ins Italienische übertrugen und wir lasen eine

gräßliche, von dem König Theobald in der Domkirche an seiner Gemahlin

Rosaura verübte Mordgeschichte.[8] Noch eine zweite Rolle befand sich in

der Kassette, die Spuk- und Erlösungsgeschichte des armen Geistes, ein

von Mönchen mit lächerlichen Wundern ausgeschmücktes Machwerk.

Indessen hatte ich eben nicht mehr viel Zeit in Ravenna zu verlieren,

denn ich wurde auf meinem Posten zu Velettri erwartet, doch wollte ich

die Stadt nicht verlassen, ohne wenigstens einen Versuch gemacht zu

haben, mit der Signora Manichetto eine Bekanntschaft anzuknüpfen; ich

mußte also auf Mittel denken, rasch zum Ziel oder wenigstens zu einem Ja

oder Nein zu kommen. Ich kaufte einige Kleinigkeiten von

Galanteriewaren, die ich zu einem Geschenk für die begleitende Duenna

bestimmte und die ich ihr am nächsten Morgen, als sie mit ihrer

Begleiterin die Kirche verließ, nebst einem Billettchen einhändigte. In

dem letzteren hatte ich meine Liebe zu der schönen Signora mit den

lebhaftesten Farben geschildert und gebeten, mir doch einen Ort zu

bestimmen, wo ich mit ihr, dem Mädchen, das Weitere besprechen könne;

auf meine Erkenntlichkeit könne sie zählen. Noch denselben Tag erfuhr

ich von der Duenna, daß, soviel sie gemerkt, ihre Gebieterin mir nicht

abgeneigt sei, aber da sie mich gar nicht kenne, doch einiges Mißtrauen

hege; außerdem verreise sie in ein paar Tagen, um sich nach Pesaro,

ihrem Geburtsort, auf einige Zeit zu ihren Eltern zu begeben. -- Ich

sagte nun dem Mädchen, daß ich ein zu seinem Vergnügen reisender

Partikulier sei, meinen eigenen Wagen bei mir habe und es mir ein großes

Vergnügen machen würde, mit ihrer Herrin nach Pesaro zu fahren. -- »Wo

denken Sie hin,« erwiderte das Kammerkätzchen, »_il Signor Patrone_ hat

schon einen Vetturino gedungen, der uns wohlverwahrt dahin bringen muß;

aber auf der Reise dahin könnte sich wohl eine Gelegenheit finden, sich

zu treffen.« -- »Scharmant, mein liebes Kind! Sieh, wenn du dies

veranstalten kannst, dann sollst du noch ein schönes Geschenk von mir

erhalten; da, nimm einstweilen auf Abschlag.« -- Ich drückte ihr eine

Zechine in die Hand. -- »Wissen Sie was,« sagte sie mir noch

freundlicher, »kommen Sie nach der Abendkirche an unsere Wohnung, dann

werde ich imstande sein, Ihnen das Nähere mitzuteilen.« -- Drei Stunden

nach Sonnenuntergang spazierte ich mit ihr Arm in Arm in der öden

Straße, in der die Wohnung ihres Herrn war, und sie teilte mir mit, daß

sie mit ihrer Frau übermorgen abreise, ich möge mich nur denselben Tag

auf den Weg machen und es einrichten, daß ich in Forli mit ihnen

zusammentreffe, dann würde sich das übrige finden. Über diese Nachricht

erfreut, gab ich dem dienstbaren Geist noch eine Zechine und fragte, ob

sie sich wohl mit einem Billettchen an ihre Dame befassen wolle. »_Date

pure_,« war die Antwort. Den anderen Tag sah ich Lucilla wieder in der

Kirche und konnte aus ihren freundlichen Blicken lesen, daß was ich ihr

geschrieben, keinen schlimmen Eindruck gemacht. Die wenige Zeit, die mir

noch in Ravenna übrig blieb, verwendete ich darauf, Dantes schönes

Grabmal in der Nähe des Franziskanerklosters zu besuchen sowie das dem

König Theodorich von seiner berühmten Tochter Amalasonte außerhalb der

Stadt errichtete Mausoleum, jetzt Santa Maria Rotonda getauft, dessen

breite, über hundert Fuß umfassende Kuppel aus einem einzigen Steinblock

gehauen ist und einen hohen Begriff von der Geschicklichkeit der Goten

in der Architektur gibt. Ich besah auch noch mehrere andere Kirchen und

Gebäude; es ist unglaublich, welchen Reichtum an kostbarem Marmor

Ravenna enthält; es rivalisiert in dieser Hinsicht mit Rom, Venedig und

Konstantinopel. Der große Tempel des heiligen Apollinarius in einer

Vorstadt wird von vierundzwanzig ungeheuren Säulen von griechischem

Marmor getragen, die von Konstantinopel hierher gebracht wurden. Die

Kathedrale wurde schon im vierten Jahrhundert erbaut, seitdem freilich

öfters restauriert.

[Fußnote 8: Diese Geschichte, die zu voluminös ist, um sie hier

ausführlich mitteilen zu können, ist schon unter dem Titel: »_Rosaura

oder der Domgeist zu Ravenna_«, von dem toten Verfasser dieses Werkes in

der fünfundsiebzigsten und deren folgenden Nummern der Zeitschrift des

Phönix Jahrgang 1825, vollständig mitgeteilt worden.]

Noch einmal sprach ich Marietta, so hieß die gefällige Dienerin, den

Abend vor unserer Abreise und gab ihr Rendezvous in Forli; am anderen

Morgen verließ ich Ravenna vor Sonnenaufgang, kam bald durch den gut und

übel berüchtigten Pinienwald und durch die sich bis zu den Apenninen

ausbreitenden Sümpfe, den kleinen Fluß Savio passierend, nach dem mitten

in den Morästen liegenden Ort Cervia. Hier blieb ich in einer Locande,

um einstweilen frühstückend den nachkommenden Vetturino abzuwarten, der

mir jedoch die Zeit ziemlich lang machte, so daß ich schon vermutete, es

habe irgendein Hindernis die Abreise der Dame verschoben; endlich, als

ich eben überlegte, ob ich weiter fahren oder noch warten solle, vernahm

ich das dumpfe Rollen eines herannahenden Wagens, der den von mir

ersehnten Inhalt richtig brachte. Ehrerbietig grüßte ich die

aussteigenden Frauen und war ihnen behilflich, aus dem Wagen zu kommen.

Der Vetturino fütterte hier. Sie ließen sich sogleich ein Zimmer geben,

und nach einigen Minuten trat Marietta wieder heraus und lispelte mir

zu: »_Entrate pure._« Daß ich mir dies nicht zweimal sagen ließ,

versteht sich von selbst, nach ein paar Sekunden küßte ich Lucillas

niedliche Hand, und nach einigen Minuten Stirne, Wangen, Rosenlippen und

so weiter der schönen Signora, welche die eintretende Zofe in meinen

Armen fand und dazu lächelte. Wir brachten hier eine gute Stunde zu,

während welcher die schalkhafte Marietta ab- und zuging und aufpaßte,

damit unser Tête-à-tête nicht gestört werden konnte; einig und

unverstanden waren wir bald, und als die Zofe endlich meldete, daß der

Vetturino abzufahren bereit sei, aber der Weg über Cesenatico nach

Rimini zu schlecht sei, es darum auch zu spät würde, weshalb er

vorziehe, in Cesena zu übernachten, waren wir dies ganz zufrieden und

brachten in der letzteren Stadt eine hochvergnügte Nacht zu. Zum

zweitenmal passierte ich den anderen Tag den Pisatello (Rubikon), um

nach Rimini zu fahren; ich war mit Lucilla übereingekommen, daß sie,

Unwohlsein vorschützend, dort einen Tag verweilen sollte, was ihr

angegriffenes Aussehen auch glaubhaft machte. In Rimini blieben wir

statt einen zwei Tage, ohne das Albergo nur zu verlassen, und löschten

die Flammen der durch süße Weine immer wieder angefeuerten Liebesglut

zur Genüge, so daß wir den dritten Tag mit ziemlich gedämpftem Feuer den

Weg nach Pesaro antraten, wo Lucilla auf das wohlwollendste von ihren

Eltern empfangen und wegen ihres Unwohlseins auf das teilnehmendste

bedauert wurde. In Rimini verweilte ich noch zwei Tage, nahm dann

herzlichen Abschied in meinem Quartier von meiner liebenswürdigen

Reisegefährtin und setzte meinen Weg, ohne mich ferner irgendwo

aufzuhalten, nach Rom fort, wo ich wohlbehalten ankam, mich bei dem

General Miollis meldete, Torlonia besuchte und erfuhr, daß die längst

getröstete Cesarini noch immer auf dem Land lebe. Von Rom begab ich mich

nach einigen Tagen zu meiner Kompagnie nach Velletri, wo ich die

Kommandantur des Platzes wieder antrat und, um mich zu zerstreuen, mit

einigen Einwohnern fast täglich auf die Jagd ging, die hier

außerordentlich ergiebig ist.

Velletri ist an und für sich ein häßliches Nest, das auf einer Anhöhe am

Abhang des Albaner Berges liegt. Es war die alte Hauptstadt der Volsker;

schon unter ihrem vierten König, Ankus Martius, sollen es die Römer

erobert, aber nicht behauptet haben, bis es der achtzigjährige Camillus,

nachdem er die Gallier verjagt, abermals eroberte. Die jetzige Stadt ist

schlecht, eng und abhängig gebaut, hat ein paar ansehnliche Paläste,

namentlich den Palazzo Ginetti, durch seine schöne Fassade, seine

prächtige Treppe und seine Gärten berühmt; was die Stadt am

merkwürdigsten macht, ist, daß Augustus hier geboren wurde. Hier und in

der Umgegend findet man noch viele altrömische Ruinen von Tempeln,

Villen und so weiter. Ich hatte meine Residenz in dem Palast

aufgeschlagen, der dem Kardinal Borgia gehört hatte. Auf dem ziemlich

großen Marktplatz steht die Bildsäule Urban VIII. Öfters machte ich auch

kleine Ausflüge nach Porto d'Anzio, Piperno und so weiter, um dort

Kameraden zu besuchen, sowie Jagdpartien in die Pontinischen Sümpfe, in

denen es von Geflügelwild wimmelte, namentlich wilden Enten und

Wasserhühnern, so daß, wenn man einen Schuß in die Schilfrohre tat, sich

eine schwarze Wolke von Vögeln erhob. Auf einer solchen Jagd hatte ein

paar Jahre früher ein Leutnant vom Regiment Y., namens Erny aus

Darmstadt, das Leben eingebüßt, indem er in einem überwachsenen Sumpf

ertrank oder vielmehr erstickte. Man fand seinen Leichnam nur mit Hilfe

seines zu ihm führenden treuen winselnden Hundes. Von Velletri aus hat

man die Gegend der Pontinischen Sümpfe immer im Angesicht; sie beginnen

noch vor Treponti und erstrecken sich bis Terracina. Es gibt Plätze in

denselben, wo die Luft so giftig ist, daß sie in wenigen Tagen töten

kann. Diese _aria cativissima_ ist wahrscheinlich durch die vielen

Überschwemmungen entstanden, welchen diese Gegend so häufig ausgesetzt

ist. Cäsar, Trajan, Antonius Pius und andere alte Römer sowie die Päpste

Bonifacius VIII., Martin V., Leo X. und besonders Pius VI. haben sich

unsägliche Mühe mit der Austrocknung dieser Moräste gegeben, ohne ihren

Zweck vollkommen erreichen zu können; die Überschwemmungen zerstörten

immer wieder teilweise die gemachten Arbeiten. Das einzige Vieh, das

hier gut gedeiht, sind die Büffel, von denen man großen, wohlgemästeten

Herden in Masse begegnet. Diesem Vieh scheint überhaupt nur im Morast,

Unrat und Schlamm ganz wohl zu sein, diese Erfahrung hatte ich schon in

meiner Heimat gemacht. Durch diese Sümpfe ging auch die berühmte

Appische Straße, die man unter Pius VI. wieder auffand und die in

gerader Linie bis Terracina führt. Die neue Straße, welche Pius VI. 1778

anlegen ließ, geht ihrer ganzen Länge nach, etwa zehn Stunden, durch

diese Sümpfe. Rechts von derselben befindet sich noch der Kanal, den

Augustus graben ließ, um die Wasser abzuführen und den Horaz auf seiner

Reise nach Brindisi beschiffte. Der erwähnte Papst ließ ihn wieder

instand setzen. Dieser Weg ist auf beiden Seiten mit hohen Ulmen und

Gebüsch begrenzt, in gehöriger Entfernung liegen Posthäuser mit

geräumigen Stallungen, die Pferde sind aber meistens halb wild, schwer

zu zügeln und gehen gerne durch. Die hier lebenden Individuen sehen

hohläugigen, blaßgelben Gespenstern ähnlich. Plinius berichtet, daß in

dieser Gegend ehedem dreiundzwanzig blühende Städte gestanden, von denen

aber keine Spur mehr vorhanden ist; selbst ihre Namen sind bis auf den

der Stadt Pometia, welche den ihrigen den Sümpfen, in deren Mitte sie

lag, verlieh, verschwunden. Das Austreten der Flüsse und Bäche, deren

Wasser in die Ebene hinabströmte, hat diese Moräste gebildet. Napoleon

hatte die Absicht, diese Gegend austrocknen zu lassen, geäußert, aber es

unterblieb, wie so manche seiner Projekte. Auf die Einwohner von

Velletri selbst und dessen nächste Umgebung scheint jedoch diese _aria

cattiva_ wenig Einfluß zu haben, denn die Männer haben ein gutes

Aussehen und sind von ziemlich kräftiger Natur, und Mädchen und junge

Frauen haben blühende Gesichter; unter ihnen waren recht hübsche

Brünetten und nicht ohne Feuer, wie ich mich während meines Aufenthaltes

zu Velletri zu überzeugen hinlänglich Gelegenheit hatte. Sie haben

ungefähr dasselbe reizende, kokette und verführerische Kostüm, wie die

Frauen zu Albano.

Da so ziemlich mit dem Anfang des Novembers die fatale Regenzeit eintrat

und was sich aus Rom hier aufhielt, nun dahin zurückkehrte, so fing ich

an, mich bei meiner obgleich ziemlich einträglichen Kommandantur doch

gewaltig zu langweilen. Ich erbat mir deshalb öfters Urlaub nach Rom,

wohin ich wegen der größeren Entfernung nicht wie von Albano aus

tägliche Abstecher machen konnte. Das Haus, welches ich daselbst am

meisten frequentierte, war immer wieder Torlonia, wo ich auch in der

Regel den General Miollis traf, mit dem ich dort näher bekannt wurde.

Von der Cesarini erfuhr ich, daß sie schon längst einen vornehmen Römer

zum erhörten Anbeter habe. Eines Abends äußerte Miollis, dem mein

musikalisches Talent, das in diesen Soireen wieder in Anspruch genommen

wurde, gefiel, gegen Torlonia, daß er eine Mission nach Paris habe, zu

der er einen gewandten und zuverlässigen Offizier gebrauche. Torlonia

meinte, in mir würde er wohl finden, was er suche, und er eröffnete mir

die Äußerung des Gouverneurs. Ich griff sogleich diese Sache mit dem

größten Eifer auf, denn schon längst war es mein sehnlichster und

heißester Wunsch gewesen, Frankreichs berühmte Hauptstadt, von der alle

Teufeleien, Moden und die Welt erschütternde Befehle ausgingen, kennen

zu lernen, und ich bat Torlonia, seinen ganzen Einfluß aufzubieten, es

bei dem General dahin zu bringen, mich zu dieser Sendung zu verwenden,

wobei ich auch noch Gelegenheit zu finden hoffte, zur kaiserlichen Garde

versetzt zu werden, ein anderer nicht minder eifriger Wunsch, den ich

längst in meiner Brust nährte. Torlonia versprach sein Bestes in dieser

Angelegenheit zu tun, und schon den nächsten Tag erfuhr ich zu meiner

Freude von ihm, daß sich Miollis durchaus nicht abgeneigt gezeigt habe,

mich zu dieser Mission zu gebrauchen, durch die er, wie es scheine, auch

die Erreichung einiger Privatzwecke beabsichtige, wozu er mich für ganz

geeignet halte; der Aufenthalt in Paris dürfte aber mehrere Monate

währen. »Je länger, desto besser,« erwiderte ich vergnügt. Noch

denselben Tag wurde ich zum Gouverneur beordert, der mit mir über diese

Angelegenheit sprach und damit begann, mir mitzuteilen, daß sie weit

schwierigerer Art als die Sendung nach Wien sei, wo ich nur Depeschen

abzugeben gehabt und so weiter. Er lud mich zur Tafel, und ich hatte

mich so gut bei ihm zu insinuieren gewußt, daß eine zweite Unterredung,

die er auf den anderen Morgen festsetzte, damit schloß, daß er mir

sagte, ich möchte mich bereit halten, gegen die Mitte des Dezember

abzureisen. Ich aß nun noch öfters beim General, brachte auch manchen

Abend mit ihm zu und hatte bald heraus, daß meine offizielle Mission,

Überbringung von Depeschen und Lieferungsangelegenheiten von

Montierungsstücken für das im Kirchenstaat stehende Armeekorps,

eigentlich nur Vorwand war und gewisse Privatangelegenheiten Miollis,

die zu besorgen er mich für tüchtig hielt und ich betreiben sollte, die

Hauptsache ausmachten, weshalb ich auch außerdem noch mit den besten

Empfehlungsschreiben an die einflußreichsten Personen zu Paris und den

Kriegsminister vor meiner Abreise versehen wurde. Den 10. Dezember

verließ ich Rom, schiffte mich in Civita-Vecchia auf einer

Kanonierschaluppe ein und landete trotz Stürmen und den kreuzenden

Engländern doch schon den neunten Tag zu Marseille, von wo ich nach

einer kurzen Quarantäne über Aix, Avignon Lyon und so weiter, ohne mich

irgendwo aufzuhalten, nach Paris fuhr, wo ich noch vor Neujahr glücklich

eintraf. Es war aber schon beinahe Nacht, als ich die letzte Station vor

Paris verließ und so den ersten Anblick der großen Hauptstadt des damals

so mächtigen Kaiserreichs entbehren mußte. Ich stieg in einem _Hôtel

garni_ der Straße Richelieu ab, wo ich für diese Nacht nichts weiter als

ein bequemes Bett verlangte, denn seit Marseille hatte ich keines mehr

zu Gesicht bekommen und war an allen Gliedern wie gerädert; dies hatte

die Eile und der Wunsch, Paris baldmöglichst zu sehen, gemacht, denn ich

hatte mir keinen Moment Rast gegönnt.

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers · 第 20 / 22 题