XIV.

Besitznahme des Kirchenstaates. -- Ende der weltlichen Herrschaft

des Papstes. -- Die Kommandantur zu Velettri. -- Der Bischof und

der Fournisseur. -- Gewaltsame Entführung Pius VII. -- Ich

gehe als Kurier nach Wien. -- Ich übergebe Napoleon meine

Depeschen. -- Kurze Unterredung mit demselben. -- Schönbrunn. --

Parade daselbst. -- Wien. -- Volksstimmung daselbst. --

Das Napoleonsfest in Österreichs Hauptstadt gefeiert. --

Quartierfreuden. -- Liebenswürdige Wirtinnen. -- Rückreise nach

Italien. -- Klagenfurt. -- Udine. -- Treviso. -- Mestre. --

Ankunft zu Venedig.

Als wir in dem Kirchenstaat angekommen waren (gegen Ende April 1809),

wurden viele Kompagnien in verschiedene Städte detachiert, wie nach

Piperno, Porto d'Asturo, Ardea und so weiter, deren Hauptleute

Platzkommandanten daselbst wurden. Ich erhielt mit der meinigen das

Kommando zu Velettri, während der Rest des Bataillons nach Albano,

Corneta und so weiter verlegt wurde. Daß hier wieder etwas

Ungewöhnliches ausgeführt werden sollte, ging aus allen Anstalten, die

gemacht wurden, hervor. Rom selbst war schon seit länger als einem Jahre

durch den General Miollis besetzt worden, ungefähr zur Zeit, als wir in

Spanien einrückten. Der Vorwand dazu war mit den Haaren herbeigezogen.

Nämlich, weil Pius VII. nicht den _Code Napoléon_ in seinen Staaten

einführen, und England nicht förmlich den Krieg erklären wollte. Der

Papst hatte auf diese Zumutungen erklärt, daß das französische

Gesetzbuch Ehescheidungen gestatte, was gegen die Dogmen der

katholischen Religion, und daß er ein Mann des Friedens sei, dem die

Engländer nichts zuleide getan hätten. Ende Januar 1808 war eine starke

Truppenabteilung jeder Waffengattung aus dem Toskanischen in Eilmärschen

in den Kirchenstaat eingerückt, die in der Ebene von Baccano

vierundzwanzig Stunden biwakiert hatte und um Mitternacht weiter

aufbrach, den 2. Februar im Sturmschritt, die trabende Artillerie mit

brennenden Lunten an der Spitze, in Rom einzog und mit gefälltem

Bajonett auf Monte Cavallo stürmte, dort die Wachen besetzte, während

Pius VII. in der Kapelle des Quirinalpalastes mit den Kardinälen Messe

las. Die päpstlichen Truppen waren bei der Ankunft der Franzosen in

aller Stille, nachdem sie sich hatten friedfertig ablösen lassen,

abgezogen. Drei geschlossene Kolonnen waren in Rom eingerückt und hatten

allmählich alle Posten in Besitz genommen, die ihnen, wie es schien, die

Soldaten Seiner Heiligkeit nicht schnell genug übergeben konnten. Der

Papst selbst, der sich als Märtyrer betrachtete, beschloß, alles auf das

äußerste ankommen zu lassen, sich in sein Schicksal zu ergeben, aber

doch nur der Gewalt weichen zu wollen. Er hatte zwar einen Aufruf an die

modernen Römer im Stil und nach dem Muster der alten Weltbeherrscher

erlassen, denselben gedruckt verteilen und an die Straßenecken

anschlagen lassen, aber auf Befehl des französischen Gesandten mußte das

Haupt der Sbirren denselben eigenhändig wieder abreißen, und von dem

zitierten altrömischen Geiste hatte sich keine Spur vorgefunden. Auch

Wunder, die hier und da ein Madonnenbild verrichtete, das Blut

geschwitzt oder Tränen vergossen haben sollte, wie die Pfaffen

versicherten, halfen nichts, und die Römer lachten wohl selbst darüber.

Ein einziger Mönch war kühn genug gewesen, in einer Predigt eine

Anspielung auf die Makkabäer zu machen, die alle ihre Feinde erschlugen,

und dabei zu sagen: »_Anche noi siamo in tempo de Maccabei!_« Wurde aber

dafür sogleich in die von den Franzosen schon besetzte Engelsburg

gesperrt. Die Römer trösteten sich damit, daß alles eine Schickung

Gottes sei, der den Napoleon zu seiner Zuchtrute für die sündhafte

Menschheit erwählt habe, und Pius selbst nannte es: die unerforschlichen

Gerichte des Allmächtigen. Er hatte sich nun in seinen Palast

eingeschlossen und seine täglichen Spazierfahrten eingestellt, auch die

Erlaubnis zur Feier des bevorstehenden Karnevals verweigert, mit dem

Bemerken, daß es jetzt nicht an der Zeit sei, an irdische Vergnügungen

zu denken. Der Gouverneur, General Miollis, gab jedoch Bälle in dem

Palast Doria, denen manche der vornehmsten Römer beiwohnten. Das Volk

aber war mit der Unterlassung seines Hauptvergnügens nicht zufrieden,

murrte, und ließ sich einstweilen die Gallinacci (gemästete Puter, die

in Herden zu Tausenden um diese Zeit in die Stadt getrieben und von

ihren Hütern mit langen Schilfrohren zusammengehalten werden), seine

Favoritspeise, trefflich schmecken. Miollis erließ eine Order nach der

anderen, Ruhe und polizeiliche Ordnung in der Stadt einzuführen. Niemand

durfte sich mehr zur Nachtzeit ohne Laterne in den Straßen blicken

lassen. Alle Kutschen mußten mit solchen versehen sein, was besonders

die Eminenzen und die höhere Geistlichkeit vexierte, die jetzt ihre

Mätressen nicht mehr unerkannt abholen konnten. Die Stadttore wurden von

Mitternacht bis zum anbrechenden Tag geschlossen, und nachdem noch

mehrere Messerstiche ausgeteilt und Mordtaten begangen waren, wurde bei

Strafe des sofortigen Erschießens das Tragen jeder Art von Waffe,

Dolche, Stilette oder auch nur Messer verboten. Alle bisherigen

Freistätten für Mörder, wozu außer den Kirchen ganze Distrikte, wie das

Quartier, wo das Inquisitionsgericht seinen Sitz hatte, der spanische

Platz und so weiter gehörten, wurden für aufgehoben und als nicht mehr

schützend erklärt. Nachdem mehrere Individuen, die trotz dem Verbot noch

ein Messer bei sich getragen, in den nächsten vierundzwanzig Stunden

kriegsrechtlich öffentlich erschossen worden waren, fand man für tausend

Zechinen kein Messer mehr bei den Leuten und das Morden hörte auf.

Früher erhielt man für einen halben Scudi die Erlaubnis, jede beliebige

Waffe zu tragen, und fast jede Woche fiel ein Dutzend Mordtaten vor,

nach denen sich die Täter in eine Kirche oder in ein sogenanntes

Freiquartier flüchteten, wo sie so lange in Sicherheit waren, bis ihnen

Verwandte oder gute Freunde durchhalfen oder hohe Protektoren Gnade

auswirkten. Indessen hatte man doch bald eine Verschwörung entdeckt, an

deren Spitze der Principe Altieri und der Duca Bracchi, beide Anführer

der päpstlichen Nobelgarde, standen. Miollis ließ diese Garde sogleich

entwaffnen, und kaum hatten die Rädelsführer noch Zeit gehabt, sich

durch die Flucht der Verhaftung zu entziehen. Miollis erließ auch einen

Befehl an die Kardinäle, Rom binnen dreimal vierundzwanzig Stunden zu

verlassen, aber der Papst verbot ihnen, diesem Befehl zu gehorchen und

befahl, nur der Gewalt nachzugeben, damit die Welt wisse, daß sie nur

rohe Übermacht von dem päpstlichen Busen losgerissen habe. Dennoch

mußten die Kardinäle fort. Die beiden Doria begaben sich nach Genua, in

ihre Vaterstadt, und von Paris kam ein Befehl, daß sich alle Eminenzen

in diejenigen Staaten zu begeben hätten, deren geborene Untertanen sie

seien. Pius VII. rief nun auch seinen Gesandten zu Paris, den Kardinal

Caprara, zurück, was Napoleon als eine Kriegserklärung auslegte, die

ohnehin schon dadurch geschehen, weil sich Rom nicht, gleich den übrigen

italienischen Staaten, gegen den allgemeinen Feind, England, habe

verbünden wollen. Die Provinzen Urbino, Ancona, Macerato und Camerino

wurden unwiderruflich auf ewige Zeiten (diese Ewigkeit währte fünf

Jahre) durch ein Dekret dem Königreich Italien einverleibt. Auch wurde

allen Kardinälen und römischen Beamten aus diesen Provinzen bei Strafe

der Konfiskation ihres Vermögens geboten, sich in ihre Heimat zu

verfügen, so daß dem Papst außer dem Gebiet der Stadt Rom wenig mehr

blieb. Trotz all dem beschäftigte sich jetzt Pius noch mit der

Heiligsprechung der Königin Klothilde von Frankreich. Was die Römer am

meisten schmerzte, war das Ausbleiben der Fremden, besonders der

Engländer, wodurch ihnen ein bedeutender Verdienst entging.

Napoleon hatte indessen beschlossen, der weltlichen Herrschaft des

Papstes ein Ende zu machen und Rom selbst seinem großen Reich

einzuverleiben. Daher die abermaligen Truppenmärsche im April und Mai

1809 in den Kirchenstaat. Ein großer Staatsstreich sollte ausgeführt

werden, während er sich in dem von ihm eroberten Wien befand. Er

dekretierte vier Tage vor der Schlacht von Aspern, den 17. Mai 1809, das

Ende der päpstlichen Herrschaft, und daß, da sein großer Vorfahr, Karl

der Große, den römischen Bischöfen verschiedene Distrikte nur als Lehen

überlassen habe, er, um der päpstlichen Halsstarrigkeit den Hals zu

brechen, dieselben wieder einziehe, den Kirchenstaat mit seinem Reich

vereinige und Rom zu einer freien (?!) kaiserlichen Stadt erkläre und so

weiter. Miollis nahm den 1. Juni feierlich Besitz von Rom, und die neu

errichtete Consulta, deren Präsident er war, erließ eine Proklamation,

die mit folgenden hochtrabenden Worten begann:

»Römer! Der Wille des größten der Helden (_risum teneatis amici_)

vereinigt Euch mit dem größten der Reiche« und so weiter. In derselben

wurde auch gesagt, daß das Elend und die Ungesundheit der römischen

Städte nun der Glückseligkeit Platz machen müsse, die ihnen zuteil

würde, und daß Rom fortdauernd der Sitz des sichtbaren Oberhauptes der

Kirche bleiben solle, wo dasselbe nun über alle irdischen Interessen und

Betrachtungen erhaben, der Welt das Schauspiel der reinsten Religion im

höchsten Glanz geben würde und so weiter.

Von dieser Proklamation wurden mir einige tausend Exemplare nach

Velettri geschickt, um sie daselbst und in der Umgegend zu verbreiten,

was ich pflichtschuldigst, damals ein ebenso verblendeter Narr wie die

anderen, tat, und den Rest auf der Jagd in den Pontinischen Sümpfen

verpuffte. Es wurden nun allenthalben die päpstlichen Wappen abgerissen

und durch die napoleonischen Adler ersetzt, alle Urkunden im Namen des

Kaisers ausgestellt und so weiter.

Ich hatte einstweilen in Velettri ein sehr friedliches und behagliches

Leben geführt und außer einigen Intrigen mit ein paar hübschen

Vilanellen, die hier wie in Albano ein sehr malerisches Kostüm haben,

auch einem kleinen Renkontre mit einem Prälaten keine Fata von einiger

Erheblichkeit gehabt. Die Einwohner, bei denen Caguenecs tolle Streiche

noch in frischem Angedenken, waren mit mir zufrieden. Jener hatte sich

unter anderem von seinen Soldaten, nachdem er mit denselben in der Stadt

herumgezogen, um guten Wein zu requirieren, und sie betrunken gemacht,

auf russische Weise auf dem Marktplatz der Stadt prellen lassen. Das

heißt, die Russen in seiner Kompagnie wollten ihrem Kapitän eine Ehre in

russischer Manier antun, legten ihn auf große wollene Decken und

schleuderten ihn dann in die Luft, fingen ihn wieder auf, was sie ein

halbes hundertmal wiederholten, dabei ein großes Feuer auf dem Platz

anzündeten, so daß den Einwohnern angst und bange wurde. Dabei tanzten

die Soldaten um die Flammen und schrieen aus vollem Halse: »Hurra unser

braver Kapitän!« Zuletzt hatte er gar eine Kontribution von mehreren

tausend Scudi auf seine Faust ausgeschrieben, meinend, was Marschälle

und Napoleon im Großen tun, dürfe er ihnen wohl im Kleinen nachmachen,

nicht bedenkend, daß man große Diebe laufen läßt und die kleinen hängt.

Ablösung, scharfer Festungsarrest, noch bevor die Kontribution erhoben

war, gegen die man in Rom Beschwerde führte, waren die Folgen davon.

Meine Affäre mit dem Prälaten, einem Bischof, war indessen nicht so ganz

unbedeutend, und hätte leicht eine ähnliche Geschichte wie die in Albano

werden können, wenn mich jetzt die Erfahrung nicht besonnener gemacht

hätte. Dem Fournisseur, der die Lebensmittel für uns lieferte, einem

jungen und rechtlichen Mann, eine Seltenheit bei einem Lieferanten,

wollte der Prälat ein junges Mädchen, das von dem heiligen Mann so

fruchtbar überschattet worden war, daß sich die Spuren davon auf das

unwiderlegbarste zeigten und sie die beste Hoffnung hatte, einen kleinen

Bischof zu bekommen, als eheliches Gespons aufhängen. Bianconi, so hieß

der Fournisseur, anfänglich die wahren Umstände nicht kennend, war in

die Falle gegangen, die man ihm schlau gelegt. Aber hinter den

Zusammenhang der sauberen Geschichte kommend und einsehend, daß er einen

bischöflichen Deckmantel abgeben sollte, zog er sich zurück, verweigerte

dem Mädchen, das übrigens recht hübsch war, seine Hand, und wurde nun

auf deren Anklage vorerst ins Gefängnis gesteckt, um ihn so zu zwingen,

sich in Hymens Fesseln schmieden zu lassen. Ich erfuhr die Sache durch

meinen Furier, ließ das Mädchen zu mir kommen und brachte bald durch

Drohungen die Wahrheit und das Geständnis von ihr heraus, daß der

hochwürdige Herr der Papa des zu hoffenden Kindes sei. Ich behielt das

Mädchen in meiner Wohnung, begab mich zuerst in das Gefängnis, um auch

den jungen Mann zu vernehmen, und von diesem zum Prälaten, der mich sehr

artig empfing, mich fragte, in was er mir dienen könne, worauf ich mir

die augenblickliche Freilassung des Gefangenen, ebenfalls sehr artig

erbat. Der fromme Mann wollte mich anfangs gar nicht verstehen, sich auf

nichts einlassen, beteuerte seine Unschuld, schrie über abscheuliche

Verleumdung, bis ich ihm nun in sehr ernstem Tone andeutete, daß, da die

Sache unseren Lieferanten betreffe, ich genötigt sein würde, sie an das

Generalkommando nach Rom zu berichten. Jetzt spannte der hochwürdige

Herr andere Saiten auf, versicherte mir, daß er ganz allein aus Achtung

für meine Person den Mann freigeben und die Sache näher untersuchen

wolle. Ich aber klopfte ihm vertraulich auf die Schulter, und sagte ihm

mit lächelnder Miene: »Lassen wir unter uns alles Komödienspiel

beiseite, wir sind ja beide Männer und arme Sünder, geben Sie der Dirne

eine kleine Aussteuer, und sie wird dann schnell einen gutmütigen

Deckmantel finden, wodurch aller Skandal verhütet wird.« Der geistliche

Herr endigte damit, meinen Rat vortrefflich zu finden, bat mich um

Bewahrung des Geheimnisses und ein gutes Glas Wein mit ihm zu leeren.

Ich gestand beides zu, und wir schieden als die besten Freunde. Mit dem

Befehl zur Freilassung des armen Teufels in der Tasche ließ ich den

Bianconi sogleich aus seinem Kerker holen.

Anfangs Juli bekam ich in aller Frühe Befehl, sogleich mit meiner

Kompagnie nach Albano abzumarschieren, wo sich eine bedeutende

Truppenmasse versammelte. Nachdem wir zwei Tage daselbst zugebracht,

ohne zu erfahren, auf was es eigentlich abgesehen sei, erhielten alle

hier und in der Umgegend liegenden Truppen den 5. Juli gegen Abend

Order, sich marschfertig zu halten, und wurden vor dem nach Rom

führenden Tor versammelt. Die leichte Infanterie bildete die Avantgarde,

dann kam die Linie und Reiterei, und Artillerie machte den Beschluß. In

dieser Ordnung marschierten wir nach Rom ab. Vor dem Tor San Giovanni

angekommen, wurde Halt gemacht und scharf geladen. Es mochte ungefähr

eine gute Stunde vor Mitternacht sein, als wir in der größten Stille in

Rom einmarschierten. Selbst die Hufe der Pferde und die Räder der

Kanonen hatte man mit Stroh umwickelt, daß sie keinen Lärm machten. So

marschierten wir gegen Monte Cavallo, in den Straßen auf starke

Patrouillen der französischen Garnison stoßend. Daselbst angekommen,

wurde ein Teil der Infanterie und die Kavallerie in die zum Quirinal

führenden Straßen verteilt, und die Kanonen, welche die entgegengesetzte

Richtung vom päpstlichen Palast erhielten, mit brennenden Lunten zur

Seite aufgepflanzt. Die Patrouillen bedeuteten den Einwohnern, die hier

und da die Fenster öffneten oder sich an der Tür blicken ließen, sich

sofort zurückzuziehen, widrigenfalls man Feuer auf sie geben würde. Es

herrschte nun eine feierliche Stille, und wir waren alle in einer

seltsamen Spannung, was wohl geschehen würde. Ich stand mit meiner

Kompagnie noch auf dem Campo Vaccino, als mir eine Ordonnanz die Order

überbrachte, mich mit zwanzig auserwählten Grenadieren sogleich zum

General Miollis zu verfügen. Bei diesem, der sich zu Fuß mit mehreren

Generalen und Chefs, unter denen auch der Gendarmeriegeneral Radet, am

Piedestal der Kolosse auf dem Monte Cavallo befand, angekommen, nahm

mich Radet, dem ich von meinem Oberst besonders empfohlen worden war,

beiseite, und eröffnete mir, daß diese Anstalten getroffen seien, um im

Fall sich der Papst weigern würde, die Entsagungsakte über alle

weltliche Herrschaft, Macht und Ansprüche auf den Kirchenstaat zu

unterzeichnen, seine Gefangennehmung zu bewerkstelligen, die in diesem

Falle vom Kaiser dekretiert und auch von Murat befohlen sei. Er habe

mich auf Empfehlung meines Obersten erwählt, tätigen Anteil an dieser

Expedition zu nehmen, die er sogleich anführen werde und wozu er noch

einige Offiziere und erlesene Mannschaft erwarte. Ich gestehe, daß mir

diese Eröffnung nicht gerade die angenehmste war, da ich Pius VII. als

einen würdigen und achtungswerten Mann und Souverän kennen gelernt und

durch meine frühere Audienz ihn persönlich lieb gewonnen hatte. Aber

hier befahl der Dienst und war keine Einwendung zu machen. Es währte nur

noch wenige Minuten, bis die zu dieser Expedition erlesene Mannschaft

beisammen war; etwa acht bis zehn Offiziere, hundertzwanzig Mann aus

Elitekompagnien und ein halbes Dutzend Sappeurs. Radet führte das

Kommando an. Wir mußten mit Leitern über die hohen Gartenmauern steigen,

da der Papst schon früher die Eingänge des Palastes hatte vermauern

lassen, und derselbe sozusagen zu einer kleinen Festung umgeschaffen

war. Aber auch die inneren, in den Garten gehenden Türen mußten die

Sappeurs erbrechen. Wir stießen zuerst auf die einige vierzig Mann

starke Schweizergarde, die sich nicht zur Wehr setzte, sondern auf die

an sie ergangene Aufforderung die Hellebarden streckte. Wir durcheilten

mehrere Gänge und Säle, Radet erwischte einen Kammerdiener des heiligen

Vaters, den er zwang, uns in die Gemächer des Papstes zu führen und uns

das Zimmer zu öffnen, in welchem sich Pius VII. befand. Wir traten ein.

Der wirklich ehrwürdige Oberpriester saß noch völlig angekleidet, die

Stola umhabend, an einem Tisch und war mit Schreiben beschäftigt. Radet

näherte sich ihm, redete ihn französisch an, das Pius geläufig sprach,

und machte ihn mit seinem Auftrag bekannt, wobei er ihm die zu

unterschreibenden Akte mit der Erklärung überreichte, daß er im

Weigerungsfall strenge Order habe, Seine Heiligkeit gefangen abzuführen.

Des Papstes Antwort war: »_Mi taglierete piu tosto in mille pezzi!_« Da

Radet sah, daß alles Zureden vergeblich war, ließ er die Sappeurs

eintreten, ein auf die Straße gehendes Fenster einschlagen, hieß sodann

den Papst und den Kardinal Pacca auf zwei Armstühle setzen, sie fest auf

denselben anbinden und beide durch das Fenster auf die Straße

hinablassen. Der General selbst aber eilte schnell auf dem Weg, den er

gekommen war, mit uns hinab, empfing den Papst und den Kardinal unten

und nötigte beide, sich in einen mit vier Pferden bespannten Wagen zu

setzen, auf dessen Bock er stieg, und jagte so mit einer starken

Reitereskorte umgeben, im gestreckten Galopp davon, durch die nächsten

Straßen, zur Porta Salara hinaus, um die Stadtmauern herum bis an die

Porta Popolo und von da auf der Straße nach Florenz weiter. Die

Truppenabteilungen, welche zu der Garnison Roms gehörten, verfügten sich

in ihre Quartiere, die aber von Neapel gekommen waren, marschierten

gegen Morgen nach Albano zurück und erfuhren erst nach einigen Tagen,

was eigentlich vorgegangen war. Roms Bewohner waren nicht wenig

bestürzt, als sie am anderen Tag erfuhren, daß ihr Souverän abgereist

sei. Aber es blieb alles ruhig, und man redete sich nur mit einem: »_Il

Papa è via!_« an. Es wurden einige Proklamationen erlassen, während Pius

den Weg nach Frankreich gezwungen machen mußte. Noch denselben Morgen

wurde ich zu dem General Miollis beordert, wo mir dieser mitteilte, daß

auf Empfehlung meiner Oberen und Radets er mich dazu bestimmt habe, dem

Kaiser die Depeschen, welche die Berichte über das Vorgefallene

enthielten, nach Wien in der Eigenschaft eines Kuriers zu überbringen,

eine Mission, die ich mit großer Freude annahm. Was den General noch

mehr dazu bewogen hatte, mich mit diesem Auftrag zu beehren, war, daß

ich der deutschen Sprache mächtig, worauf man besonders deshalb Gewicht

legte, weil das Gerücht ging, daß die österreichischen deutschen Länder

und namentlich Tirol in vollem Aufstand seien, und ich wohl im Falle der

Not als reisender Privatmann noch ungehindert durchkommen könne, weshalb

man mich auch mit dem Paß eines deutschen Barons, der von Rom nach Wien

reise, versah. In einem ziemlich bequemen Wagen fuhr ich in wenigen

Stunden nach der Abreise des Papstes mit unaufhaltsamer Eile, meistens

vier Postpferde vorgespannt, über Florenz, Bologna, Rovigo, wo ich die

Nachricht von dem zu Wien abgeschlossenen Waffenstillstand zuerst

erfuhr, Padua, Mestre (Flecken ganz nahe bei Venedig, von wo man auf

einer Barke dahin fährt), Treviso, Udina, Villach, Klagenfurt, Friesach,

Judenburg, Leoben, Wiener-Neustadt, Gumpendorf und nach Wien, wo ich

trotzdem, daß ich mir kaum ein paar Stunden zum Essen gegönnt, erst den

siebenten Tag nach meiner Abreise von Rom, des Morgens um vier Uhr,

eintraf. Im Flug hatte ich die ganze Strecke, wohl über zweihundert

Meilen, zurückgelegt und den Wagen nur zur höchsten Notdurft verlassen,

fast alle Mahlzeiten in demselben zu mir genommen, und da, wo die Wege

schwierig waren, oft sechs Pferde vorspannen lassen. Ich hatte zwar die

Reise in Zivilkleidern zurückgelegt, aber durchaus keine

Unannehmlichkeiten gehabt, und war nirgends angehalten worden, wobei mir

allerdings das Deutsche gut zu statten kam. So ermüdet ich auch war, so

erlaubte ich mir doch keine Stunde Ruhe, sondern machte sogleich nach

meiner Ankunft Toilette, rasierte mich, steckte mich in meine große

Uniform, und eilte, mich bei dem General Andreossy, damals französischer

Kommandant zu Wien, zu melden, dem ich den Zweck meiner Reise mitteilte

und der mich sofort, von einem Adjutanten begleitet, nach Schönbrunn zur

Übergabe meiner Depeschen absandte. Es war noch nicht acht Uhr, als wir

daselbst ankamen und bei dem Kaiser gemeldet wurden. Nach einer kleinen

Viertelstunde wurden wir vorgelassen, und als wir in das kaiserliche

Gemach traten, stand Napoleon von seinem Arbeitstisch auf, auf dem

mehrere Papiere und Karten lagen, tat ein paar Schritte vorwärts und

redete mich mit den Worten an: »_Vous m'apportez des nouvelles de

Rome?_« -- »_Oui Sire._« -- Ich hatte die Depeschen in der Hand und

wollte sie ihm überreichen, als er hastig selbst darnach griff, sie

öffnete, und öfters, das Gesicht verfinsternd, las, während ich alle

Zeit hatte, ihn genau zu beobachten. Endlich legte er sie wieder

zusammen, warf sie auf den Tisch und befragte mich nach verschiedenen

näheren Umständen und dem Hergang der Verhaftung. Ich mußte in die

kleinsten Details eingehen, wurde mehrmals von ihm durch Fragen

unterbrochen, wobei sich seine Stirne umwölkte, wenn ihm die Antwort

nicht sehr angenehm schien. Namentlich erkundigte er sich

angelegentlich, wie sich das Volk in Rom verhalten habe und wie dessen

Stimmung sei. Ich gab ihm, soweit ich es imstande war, die gewünschte

Auskunft, mit dem Bemerken, daß ich wenige Stunden nach der Begebenheit

Rom verlassen habe. Nachdem ich dies alles abgemacht und der Kaiser sich

herabgelassen hatte, sich nach meiner werten Person und nach meinen

Dienstverhältnissen zu erkundigen, und nachdem ich ihm auch hierauf mit

wenig Worten geantwortet hatte, fragte er mich noch, ob ich als

Deutscher mit meinem Dienst zufrieden sei, was ich bejahte, und zugleich

dachte: Jetzt stehst du vor der Schmiede, du mußt es benutzen. Mein

innigster Wunsch war nämlich damals, zu der Garde Napoleons versetzt zu

werden, und ich ließ ihn Sr. Majestät blicken, wurde aber sofort mit

einem: »_C'est bon, nous verrons_« allergnädigst entlassen.

Ich ging nun in dem Park von Schönbrunn spazieren, die Parade, die um

zehn Uhr sein sollte, abwartend. Den Platz vor dem Schlosse hatte man so

eingerichtet, daß die Truppen daselbst kampieren konnten. Der Garten war

noch auf holländische oder französische Art angelegt. Schönbrunn, das

nur eine halbe Stunde von Wien entfernt ist, war früher ein Jagdhaus,

bei dem sich ein Tiergarten befand, aber 1685 bei der Belagerung durch

die Türken ganz zerstört worden. Leopold I. ließ 1696 wieder ein Schloß

daselbst erbauen und einen Lustgarten anlegen, der 1700 fertig wurde.

Maria Theresia wählte diesen Ort zu ihrem Sommeraufenthalt. Aus dem

vorhandenen Schlößchen machte sie ein schönes Lustschloß, sie erweiterte

die Gärten, legte den holländischen Garten und eine Menagerie an, und

traf Vorkehrungen, daß das hier vorbeiströmende Flüßchen Wien keinen so

großen Schaden mehr durch Überschwemmungen anrichten konnte. Später

wurden noch viele Statuen, die sogenannte Gloriette, die Neptunsgrotte

und so weiter angebracht, und Joseph II. verwendete besonders viel

Aufmerksamkeit auf den botanischen Garten. In dem großen Hof, in dem

sich zwei Springbrunnen mit Gruppen von allegorischen Figuren befinden,

können über siebentausend Mann paradieren. Das Innere des Schlosses hat

einige schöne Säle, namentlich ist der Audienzsaal prächtig, auch sind

in einigen Gemächern hübsche Malereien angebracht. Es hat eine Kirche,

ein Theater, eine Apotheke und eine Manege. Was mich bei meinem

Umherstreifen im Garten am meisten wunderte, war, die Statue eines

Scävola und selbst die eines Brutus daselbst zu finden. Doch diese alten

Herren sind bei den gutmütigen Wienern nicht gefährlich. An Teichen,

Springbrunnen, Alleen und so weiter fehlte es auch nicht. Besonders

sprach mich eine alte hochgewölbte Lindenallee an. Von der Platte der

Gloriette, einer runden, auf Säulen ruhenden Glasgalerie, mit Trophäen

und so weiter geschmückt, hat man eine schöne Aussicht über Wien hin bis

zu dem Kahlenberg, und auf der entgegengesetzten Seite nach Baden zu.

Die Königin Karoline von Neapel ließ im Jahre 1806 hier ein Denkmal, aus

einer Granitsäule bestehend, setzen, dessen Inschrift besagt: daß es aus

Liebe für Maria Theresia geschehen sei. Napoleon soll geäußert haben,

man könne es mit geringer Abänderung zu einer Schandsäule jenes bösen

Weibes, Karoline, machen. Dies ließe sich wohl noch auf gar manches

andere Denkmal und namentlich auf die Napoleons selbst sehr gut

anwenden. In der geräumigen Orangerie gab Joseph 1784 glänzende Feste

und Bälle zu Ehren des Großfürsten Paul. Von den vierfüßigen Bewohnern

der Menagerie, die ein Rondell bildet, in dessen Mitte sich ein Saal

befindet, dessen Fenster auf die Behälter der Tiere gehen, und über

welchen wilde Tiere abgemalt sind, hatten viele die Reise nach Paris

machen müssen.

Punkt neun Uhr kam Napoleon mit seinen Marschällen, Generalen und einem

glänzenden Gefolge die Stufen der Schloßtreppe herab, die Musterung zu

passieren. Sich hier und da bei einem der Soldaten aufhaltend, dessen

Gewehr und Tornister nachsehend, ließ er dann die Truppen nach einigen

Handgriffen defilieren, und sprach mehrmals mit dem General Rapp. Als

die Parade vorüber war, ging ich nach Wien zurück, wo ich bei der

Kommandantur Erlaubnis eines längeren Aufenthaltes auswirkte, um mich

von den gehabten Strapazen gehörig ausruhen zu können. Man hatte mir ein

Quartier bei einem ziemlich wohlhabenden Bürger in einer entlegenen

Gasse der Vorstadt Gumpendorf gegeben, das ich aber schon den zweiten

Tag mit einem anderen in der Josephsstadt bei einer hochadeligen älteren

Dame, einer geborenen ungarischen Gräfin, deren Mann, ein Graf C..., mit

dem österreichischen Hof, bei dem er eine Stelle bekleidete, geflüchtet

war, vertauschte. Hier befand ich mich nicht nur sehr wohl, sondern fand

auch bald die angenehmste Unterhaltung und Zerstreuung. Die Dame hatte

zwei schöne Töchter, von denen die eine neunzehn Jahre zählte und an

einen Rittmeister, Grafen D..., der mit seinem Regiment bei der

österreichischen Armee stand, verheiratet, die andere, noch ledig, kaum

siebzehn Jahre zählend, aber die Braut eines österreichischen

Stabsoffiziers war, der sich auch auf flüchtigem Fuß befand. Besser

konnte ich es unmöglich treffen. Die beiden jungen Komtessen waren

musikalisch, sangen recht artig, und die alte Gräfin war vergnügt,

wenigstens einen Deutschen im Quartier zu haben. Zuerst hatte man mir

das Essen auf die Stube geschickt, nach zwei Tagen aber hatte ich schon

die Ehre, der Tischgenosse der Damen zu sein. Diese hatten außerdem noch

zwei der artigsten Exemplare der berühmten Wiener Stubenmädchen, die

diesem Korps in jeder Hinsicht alle Ehre machten, zu ihrer Bedienung.

Die ersten Tage brachte ich damit zu, die sich damals durch die

feindliche Besitznahme in sehr peinlichen Umständen befindende

Hauptstadt Österreichs zu besichtigen. Namentlich die Burg, Sankt

Stephan, die Borromäuskirche, den Prater, den Augarten und so weiter.

Die innere eigentliche Stadt ist winkelig gebaut und hat enge und krumme

Gassen, deren Häuser sie düster machen. Schön sind der Burgplatz und der

Graben mit der eben nicht sonderlichen Dreifaltigkeitssäule. Der Platz,

»Am Hof« genannt, einer der größten, hat eine Säule zu Ehren der

unbefleckten Empfängnis Marias! Die neue Reiterstatue Joseph II. auf dem

Platz, der den Namen dieses Kaisers führt, ist ein desselben würdiges

Denkmal, das erst zwei Jahre früher in Erz hier aufgerichtet wurde, und

dem Künstler, der es verfertigte, Zeuner, alle Ehre macht.

Wiens Vorstädte sind bei weitem freundlicher als die Stadt selbst. Es

sind deren, wenn ich nicht irre, an oder gar über dreißig, von denen die

Leopoldstadt die größte und durch einen Arm der Donau von der inneren

Stadt getrennt ist. Rechts von ihr liegt der Prater, in dem besonders an

Sonn- und Feiertagen das Getümmel sehr groß ist. Die große Mittelallee

ist der Haupttummelplatz. Für die Befriedigung des Gaumens und Magens

ist hier, sowie überhaupt an allen Vergnügungsorten Wiens hinlänglich

und oft derb genug gesorgt. In Friedenszeiten, und wenn der Hof in Wien

ist, soll der Zug der Equipagen und Reiter, die sich hier zeigen, oft

sehr glänzend und prächtig sein. Dabei sollen sich die kaiserlichen

Equipagen durch große Einfachheit auszeichnen, während die des reichen

Adels an Pracht wetteifern und sich überbieten. Auf der linken Seite der

Leopoldstadt liegt der Augarten, der manche hübsche Partien hat und für

nobler als der Prater gilt. An diesen stößt die Brigittenau, mit

hübschen Promenaden und der Aussicht auf die Donau. Wien liegt am

südlichen Ufer der Donau, in einer trefflich angebauten Gegend. Das

Flüßchen Wien, welches anderthalb Stunden von der Stadt in dem

Wienerwald entspringt, ergießt sich in derselben in die Donau. -- Die

Theater der österreichischen Hauptstadt, selbst das durch seine

abenteuerlichen Spektakelstücke so berühmte >an der Wien< können, wenn

man die Prachtbauten dieser Art in Italien gesehen hat, keinen

besonderen Eindruck mehr machen. Dagegen sieht man ungeheure Kasernen.

Auch die fast noch rauchenden Schlachtfelder von Aspern, Eßlingen und

Wagram besuchte ich zu Pferde.

Die Franzosen, die kein Deutsch verstanden, hielten während ihres

damaligen Aufenthalts das Wiener Volk für sehr aufgebracht gegen sich

und fürchteten ähnliche Auftritte wie in Madrid. Ich mußte über diese

Befürchtungen lächeln. Die guten Wiener dachten an nichts weniger als an

Aufstände, sondern gingen, besonders seitdem der Waffenstillstand

geschlossen war, wieder in aller Harmlosigkeit ihren gewöhnlichen

Vergnügungen nach. Die Stimmung vieler Einwohner war im Gegenteil der

damaligen Regierung Österreichs eher feindlich gesinnt. Sie

beschuldigten dieselbe laut der drückendsten Willkür, sowie sie ihr

durch ihre Mißgriffe und Dummheiten das jetzige Unglück Wiens und des

Staates zuschrieben, und die Bürger sagten laut: wir zweifeln, daß

selbst diese derbe Lektion unsere Regierung bessern wird, unser guter

Kaiser ist blind gegen die Urheber seines Unglücks, und wenn die

Franzosen wieder fort sind, ist's halt wieder die alte Leier. Dabei ließ

man sich aber nichts abgehen, und ich hatte allenthalben Gelegenheit,

die berühmte Eß- und Trinklust der Wiener zu bewundern. Als nach dem 18.

Juli der Zugang in die Gärten zu Schönbrunn, den Prater, den Augarten

und so weiter wieder erlaubt war, eilte halb Wien in den Prater, und

nach Verlauf von einer Stunde war in den Garküchen und Buden daselbst

auch für Gold kein Stückchen Brot mehr zu haben.

Der Waffenstillstand sollte anfänglich nur einen Monat, mit

vierzehntägiger Aufkündigung dauern. Durch die hinausgezogenen

Friedensunterhandlungen verlängerte er sich aber über drei Monate. Den

31. Juli hatte Erzherzog Karl, der einzige österreichische Feldherr von

Bedeutung, mit dem Benehmen der Regierung und des Hofes höchst

unzufrieden, das Kommando der Armee, als deren Generalissimus,

niedergelegt, das nun Kaiser Franz selbst, eigentlich Fürst

Lichtenstein, übernahm.

Wien mußte unterdessen ungeheure Lieferungen in Naturalien an die

Franzosen machen, worunter über zweihunderttausend Ellen Tuch, noch mehr

Leinwand, an vierhundert Zentner Leder, ungeheure Quantitäten Fourage,

Stroh, Holz und so weiter, sowie zehn Millionen bares Geld Kriegssteuer

bezahlen. Dabei waren die sonst so barschen und durch ihre gemeinen

Grobheiten berühmten österreichischen Unterbeamten, die sie sich gegen

jeden nicht in höherem Amt und Würden Stehenden erlauben, so geschmeidig

und niederträchtig kriechend gegen das französische Militär und die

Employés, daß es wahrhaft ekelerregend war. Was die Wiener am meisten

freute, war, daß jetzt in den Theatern auf Veranlassung mehrerer

Offiziere alle die Stücke aufgeführt wurden, die unter dem

österreichischen Gouvernement verboten waren, sowie mehrmals in den

Zeitungen bekannt gemacht wurde, daß alle durch eine engherzige und

beschränkte Zensur verbotenen Bücher zu haben seien, indem die Zeit

erschienen, in welcher man den Geist nicht mehr in Fesseln schlagen

dürfe! -- Und doch war Napoleon derjenige, der ihn, wie nie ein Tyrann

vor ihm, in Fesseln zu schlagen versuchte. Eines der verboten gewesenen

Stücke, das am meisten Beifall fand, waren Kotzebues >Kreuzfahrer<, die

man >an der Wien< aufführte. Die ganze Stadt wollte das Einmauern einer

Nonne, Kloster, Kirche und Nonnen auf dem Theater sehen, und das Haus

hatte nicht Raum genug für die drängenden Massen. Auch Stücke, die

bisher, durch eine erbärmliche Zensur auf das unsinnigste beschnitten,

gräßlich verstümmelt gegeben worden waren, wurden nun unbeschnitten und

wie sie der Autor geschrieben, wie zum Beispiel >Wilhelm Tell<, unter

großem Jubel aufgeführt, und man lachte über die literarischen

Henkersknechte, die sie ihrer besten Stellen beraubt hatten. Aber aus

den Archiven, Bibliotheken, Kunstsammlungen wurde das Beste und

Seltenste nach Paris geschafft.

In dem eigentlichen Hof- oder Burgtheater, das man auch Nationaltheater,

eine wahre Satire, nannte, wurden während meiner Anwesenheit

französische Stücke aufgeführt, und ich sah >_Adolphe et Clara_<, >_Le

Secret_<, >_La banqueroute du Savetier_< und so weiter daselbst geben.

Am Kärtnertor wurden manchmal italienische Opern >_Il Matrimonio

segreto_<, >_Sargino_<, >_La molinara_< und so weiter gegeben. Im

Theater zu Schönbrunn wurden meistens italienische Opern und Ballette

aufgeführt. An deutschen Stücken sah ich zum erstenmal: >Die

Schweizerfamilie<, >Ostade<, den >Wald bei Hermannsstadt< und so weiter.

Einer Vorstellung des >Don Carlos< wohnte ich bei, die eben nicht zu den

ausgezeichnetsten gehörte.

Den 15. August wurde das Napoleonsfest in Österreichs Hauptstadt mit

großem Pomp gefeiert, alle Schiffe auf der Donau waren bunt beflaggt und

bewimpelt, der Donner der Kanonen kündigte nach allen Weltgegenden hin

das hohe Fest des Diktators des europäischen Festlandes an. In

Schönbrunn war große Parade, das Schießen und Glockengeläute schien gar

kein Ende nehmen zu wollen. In Sankt Stephan, wohin sich die ganze

Generalität, den Vizekönig Eugen an ihrer Spitze, begab, wurde ein

feierliches Hochamt gehalten und das Tedeum gesungen. Die Bürger mußten

Spaliere mit den Truppen bilden, bei dem Gouverneur war großes Diner.

Mit einbrechender Nacht wurde ganz Wien mit allen seinen Vorstädten

beleuchtet, und ein prächtiges Feuerwerk prasselte in die Lüfte. Unter

den vielen, selbst von Wiener Bürgern illuminierten und passend

angebrachten Transparenten las man auf einem derselben: >_Zur Weihe An

Napoleons Geburtstag!_< War man aber nicht ganz in der Nähe, so las man:

>__ZWANG!__<, weil die anderen Buchstaben so klein waren, daß sie schon

in einer geringen Entfernung verschwanden. Ohne sich eine starke Blöße

zu geben und sich zu blamieren, konnte man nicht wohl dem Mann, der so

illuminierte, etwas anhaben.

Berthier, Massena und Davoust erhielten an diesem Tag die fürstliche

Würde, mehrere tausend Kreuze der Ehrenlegion wurden ausgeteilt, und die

Errichtung eines neuen Ordens, des der drei goldenen Vließe, verkündet.

Napoleon kam indessen nur wenig, meistens im strengsten Inkognito und

bei Nacht, in Zivil gekleidet, gewöhnlich von Duroc und Berthier

begleitet, nach Wien, und so besah er auch die ihm zu Ehren gemachte

Illumination. Zeigte er sich am Tage zu Pferde oder wurde man ihn

gewahr, so war er schnell von einer ungeheuren Volksmasse umringt. Auch

der Wiener Adel suchte in seine Nähe zu kommen und gab sich unsägliche

Mühe, ihm vorgestellt zu werden oder wenigstens den theatralischen

Vorstellungen zu Schönbrunn beiwohnen zu dürfen, zu denen der Zutritt

nicht jedermann gestattet war.

Trotz den Friedensunterhandlungen benutzte Napoleon die Zeit des

Waffenstillstandes auf das beste und ließ Wien und seine nächsten

Umgebungen in einen furchtbaren Verteidigungszustand setzen. Namentlich

waren es die Werke am Spitz, welche ihn beschäftigten, und zu deren

Gunsten man die schönsten Häuser demoliert hatte. Vor dem Brückenkopf

wurden sechs große Redouten angelegt, die gewissermaßen ein verschanztes

Lager bildeten. Am Spitz und am Tabor wurden Magazine für Pulver und

Lebensmittel gebaut, sowie ein Artilleriepark mit achtundvierzig

Geschützen versehen. Auch Minen, Lünetten, Tambours, Blockhäuser und so

weiter fehlten nicht, wo man sie für nötig erachtete, und in dem Lager

an dem Spitz hatte man Baracken aus den Balken, Brettern, Türen und

Fenstern niedergerissener Häuser, Ställe und Scheunen erbaut.

Unterdessen war ich in meinem angenehmen Quartier recht heimisch

geworden und fand meine Wiener Damen für den Sinnengenuß sehr

empfänglich. Zu der Mama der beiden Komtessen war ich, des Sprichwortes

eingedenk: >Wer die Töchter haben will, muß der Mutter den Hof machen<,

recht artig und gefällig, lebte jetzt in dem Haus wie der Vogel im

Hanfsamen, war der Hahn im Korb bei fünf Hühnern, die alte Henne und die

zwei hübschen Kammerkätzchen inbegriffen, die alle vergnügt waren, daß

ich deutsch sprach, da die Mädchen gar nicht und die Komtessen nur ein

sehr schlechtes gebrochenes Französisch sprachen, obgleich sie mehrere

Jahre die französische Sprache studiert hatten. Allerdings mit Hilfe der

durch ihren geistreichen Inhalt berühmten Meidingerschen Grammatik, die

damals noch weit fehlerhafter und abgeschmackter war als später, nachdem

Debonal den großen Meidinger wegen seiner Fehler und Absurditäten

gegeißelt hatte. Die Mama hatte den Kindern und dem Gesinde empfohlen,

ja recht artig gegen mich zu sein, damit es keine Unannehmlichkeiten mit

der Einquartierung absetze, und dieser weise Rat ward von den gehorsamen

Töchtern und Mädchen bestens befolgt. Während die jüngere Tochter,

Komtessa Elisa, mit der Mama morgens die Kirche besuchte, musizierte ich

mit der älteren, Gräfin Eleonora, studierte italienische Duettini mit

ihr ein, und sang den zweiten oder dritten Morgen das Duett aus Winters

>Unterbrochenem Opferfest<: >Wenn mir dein Auge strahlet< mit ihr, wobei

ich aber den Text meiner Partie aus dem Stegreif veränderte, so daß aus

dem phlegmatischen kalten englischen Eisblock Murney ein feuriger, sich

Myrrhas Wünschen hingebender Liebhaber wurde. Eleonore fragte nun

errötend: »Aber was machen Sie denn da, Sie singen ja ganz andere Worte,

als da stehen.« -- »Um Vergebung, meine Gnädige, ich sang gerade, wie es

mir meine Gefühle eingaben, die mich unwiderstehlich hinrissen.« --

»Aber nein, Sie müssen halt so singen, wie es da g'schrieben steht.« --

Diese Worte waren, wenn auch im österreichischen Dialekt, der in dem

Mund hübscher Frauen ebenso angenehm, als in dem der Männer

unausstehlich widerlich klingt, in einem solchen Ton und mit so lieblich

lächelnder Miene gesprochen, daß ich wohl sah, wie wenig es ihr Ernst

damit war. Ich erwiderte nun, daß ich mein möglichstes tun wolle, so wie

sie es verlange, zu singen, affektierte aber, als koste es mich

unsägliche Mühe, den richtigen Text herauszubringen, und sang dabei ohne

allen Ausdruck. -- »Aber nehmen Sie es mir nicht übel,« fiel mir die

Komtesse jetzt wieder ein, »Sie sangen soeben weit besser.« -- »Ja,

meine Gnädige, so geht es, wenn man etwas _contre coeur_ tut. Wenn ich

singen möchte: >Ach wahre dieses Feuer, die Liebe ist mir Pflicht!<

statt >Ach dämpfe dieses Feuer, uns trennet meine Pflicht!<, so kann

ich, da dies ganz gegen meine Gefühle ist, auch nur kalt und gefühllos

singen.« Ich veränderte nun dennoch manchmal den Text, indem ich trotz

dem Verbot alle Augenblicke etwas improvisierte, und die Gräfin

lächelte. Als das oft unterbrochene Duett zu Ende war, sagte sie: »Gott

sei Dank, lassen Sie uns jetzt etwas anderes singen.« -- »Mit Vergnügen,

meine Gnädigste, etwa das kleine Duett aus dem >Don Juan<?« --

»Welches?« -- »Reich mir die Hand, mein Leben.« -- »Ich will wohl, aber

ich habe den >Don Juan< nicht.« -- »Aber ich.« -- »Sie erlauben einen

Augenblick,« und husch war ich zur Türe hinaus und in wenig Sekunden mit

meinem Klavierauszug zurück. -- »Wollen's nit auch den Text verändern,

Herr von Fröhlich?« (in Wien nennen sie alles >von<) wurde ich nun

schalkhaft gefragt. -- »Behüte der Himmel, meine Gnädige, der ist

vortrefflich.« -- »Nun so werd' ich's halt tun.« -- »Bitte, ja nicht.«

-- Wir sangen, und Eleonore versuchte wirklich, zu improvisieren. Aber

es wollte ihr durchaus nicht gelingen, denn sie konnte das zur Musik

passende Silbenmaß nicht treffen. -- »Sehen Sie, meine Gnädige, es will

nicht gehen, Mozarts Musik verträgt keine Worte, die nicht zu ihr

passen. Singen wir das Duett, wie es da steht.« -- »Aber nicht bis an

das Ende, wo sich Zerline ergibt.« -- »O doch, meine Gnädige, dies ist

ja gerade der schönste Moment. Wenn nur das Unglück keine störende

Elvira herbeiführt.« -- Ich schlug ihr nun vor, mit Aktion zu singen. --

»Wie meinen Sie das?« -- »Je nun, meine Gnädige, die Handlung, welche

der Text besagt, durch Mienen und Bewegungen auszudrücken.« -- »Ah so,

Komödie spielen! Bewahre der Himmel, in allem Ernst.« -- »Seien Sie

ruhig, wir wollen singen.« -- Ich sang nun: »Reich mir die Hand, mein

Leben,« und wagte es, meinen Arm um ihre schlanke Taille zu schlingen,

erst ganz leise und dann _crescendo_ bis zum _fortissimo_. -- »Aber,

mein Gott, was machen's?« -- »Ich singe mit Aktion, da geht es besser.«

-- »Aber wie kann ich so spielen?« (sie akkompagnierte). Sie fuhr

indessen zu spielen fort, und als wir an das Allegro kamen und die

Worte: >So laß uns ohne Weilen der Lust entgegen eilen< sangen, drückte

ich sie innig an mich und küßte ihre schöne Stirne. -- Jetzt sprang sie

vom Klavier auf, aber ich faßte sie, küßte sie auf den Rosenmund und

wollte trotz Sträuben und Ach mit ihr ins Seitengemach. Da ging

plötzlich die Stubentüre auf und herein trat ihr allerliebstes

Kammerkätzchen Therese. Als ich jedoch den Druck der Klinke hörte, hatte

ich mich schnell aus den Armen der Gräfin gerissen und stand

kerzengerade wie ein Grenadier in ehrerbietiger Stellung vor der Dame,

da das Mädchen die Türe geöffnet hatte, das um ein Kommodeschlüsselchen

bat. Ihre Herrin fuhr sie aber mit den Worten an: »Dummes Ding, weißt

nit, daß es auf meiner Toilette liegt?« -- »Verzeihen's, Ihr Gnaden, ih

hab's do halt nit finden können.« -- »So suche wo anders, hab's nit.« --

Und so war die Zofe abgefertigt; kaum zur Türe hinaus, sagte die Dame:

»Was wird das Mädel denken?« -- »Nichts, meine Gnädige,« erwiderte ich,

die Hand küssend, »als sie hereinkam, stand ich schon drei Schritte von

Ihnen entfernt.« -- Ich drückte nun die niedliche Hand an meine Brust,

schloß die Besitzerin derselben halb mit Gewalt in meine Arme und

bedeckte ihren Mund mit Küssen. Röter und röter färbte sich die Glut

ihrer Wangen, da rollte ein Wagen vor, und die gnädige Mama, mit der

jüngeren Tochter aus der Kirche kommend, trat bald darauf ins Zimmer, wo

sie uns beide so emsig am Klavier musizierend fand, daß sie ihre Freude

daran hatte. Komtesse Elise stellte sich neben uns, zuhörend. Wir

spielten und sangen nun noch eine Weile und kamen dann überein, daß ich

die Damen diesen Abend in das Theater in Zivilkleidern begleiten dürfe,

wo die >Kreuzfahrer< wiederholt wurden. Ich ging auf mein Zimmer,

schrieb ein Billettchen an die Gräfin Leonore, in welchem ich ihr die

Glut meiner unendlichen, ewigen Liebe mit den feurigsten Worten

schilderte, und sie am Schluß um Erhörung und eine ungestörte

Zusammenkunft bat. Das Billett ließ ich ihr beim Dessert -- ich saß

immer zwischen ihr und der gnädigen Mama -- unvermerkt auf den Schoß

fallen, sie dabei mit den Knien anstoßend. Sie deckte es mit der

Serviette zu, und wußte es dann ebenso unvermerkt in den Busen zu

bringen. Bald nach Tisch entfernte ich mich unter einem Vorwand, um ihr

Zeit und Gelegenheit zu geben, es zu lesen, und kam in einer Stunde

zurück, die Damen zu einer Spazierfahrt einladend. Als wir heimkamen und

ich mich auf mein Zimmer begab, begegnete ich Theresen auf dem Gang vor

demselben, die mich lächelnd grüßte. Ich fragte, warum sie lache. -- »O

das werden Euer Gnaden halt schon g'merkt haben.« -- Ich nahm sie bei

der Hand, und ihr diese drückend, sagte ich: »Du bist ein Schelm, aber

sei hübsch verschwiegen, dann soll es dein Schaden nicht sein,« und

küßte sie dabei. -- »Ihr Gnaden sind's halt doch än loser Vogel,« meinte

sie. -- Ich drückte ihr nun ein paar Gulden in die Hand, sie nochmals

küssend, ihr Stillschweigen empfehlend, und sie bittend, mir bei ihrer

Herrschaft das Wort ein wenig reden zu wollen. -- »O das ist gar nit

notwendig,« platzte sie jetzt heraus, »Ihr Gnaden haben meiner

Herrschaft gleich g'fallen, und wie Sie den ersten Tag z'uns ins

Quartier kommen sind, hat d'gnädig Frau g'sagt: >'s doch ein ganz ander

Ding, so a französ'scher Offizier, als uns're steifen Holzblöcke, mit

denen gar nix anz'fangen is, so aner draht sich halt zehnmal rum, bis

unser einer den Fuß nur lupft, 's is halt ka Wunder, wenn's so von ihnen

klopft werd'n<; und dann fragt's mi in am weg, was Sie schaffen tun,

ob's z'Haus sind un so mehr.« --

Ich küßte nun das liebe Mädchen noch ein paarmal, ging dann auf mein

Zimmer und nach Verlauf von ein paar Stunden wieder zu meinen

gastfreundlichen Wirtinnen hinab, bei denen ich noch einige andere

Wiener Damen vom hohen Adel traf, die sich, als sie hörten, daß ich ein

Deutscher, und zwar aus dem Reiche wäre, wie sie alle deutschen, nicht

zu Österreich gehörenden Länder nannten, bitter beschwerten, daß die

deutschen Truppen, namentlich die Bayern, weit ärger als die Franzosen

selbst in den kaiserlichen Erblanden hausten; an den letzteren aber

hatten sie hauptsächlich auszusetzen, daß sie sogar keinen Unterschied

zwischen dem hohen Adel und dem Bürgerpack machten, es ihnen gleich sei,

ob sie eine hübsche Bürgersfrau oder eine Gräfin aus uraltem Haus vor

sich hätten, und das Schlimmste sei, daß, wenn sie lange in Österreich

blieben, das Volk am Ende auch von solchen verruchten Grundsätzen

angesteckt würde. Schon merke man, daß die Wiener nicht mehr wie früher

mit derselben ehrfurchtsvollen Untertänigkeit den hohen Herrschaften

begegnen. Dies sei ein abscheulicher Jakobinismus und so weiter. --

»Halten zu Gnaden, meine Gnädigen,« sagte ich endlich, »wir sind aber

doch am Ende alle aus demselben Teig geknetet.« -- »Das sind sehr

schlimme Grundsätze,« meinte eine der Damen, »die noch allen Respekt

über den Haufen werfen werden.« -- Gräfin Leonore suchte nun der

Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, lenkte die Sprache auf die

Musik, und wir sangen den Damen etwas vor. Unter dem Gesang fragte ich

sie, ob sie mir keine Antwort auf mein Briefchen zu geben habe, konnte

aber nur ein »Stille!« von ihr herausbringen. Die Zeit zu dem Theater

war herangekommen, die fremden Damen entfernten sich und wir fuhren in

die >Kreuzfahrer<. Das Haus war zum Erdrücken voll, meine Wirtinnen

fanden großen Gefallen an der Vorstellung, doch meinte die Mama, es sei

sündhaft, Kirche, Klöster und Nonnen in der Komödie nachzumachen. Bei

der Heimfahrt saß ich Leonoren _en face_ und machte gehörigen Gebrauch

vom Kutschenrecht, ihr die Knie zusammendrückend, während ich meiner

Nachbarin zur Linken, der Komtesse Elise, das zarte Händchen drückte.

Beim Souper war fast von nichts anderem als der schönen Emma von

Falkenstein, ihrem Kreuzritter Balduin und den beide rettenden

Ungläubigen die Rede. Mama meinte: »Ich ließe mir das Stück noch

gefallen, wenn es nur keine Türken wären, welche die Nonne vom Einmauern

befreien und eine christliche Kirche so entweihen. Hätte sie denn der

Kotzebue nicht lieber durch deutsche Ordensherren befreien lassen

können? Aber das ist doch auch so ein halber Jakobiner, dem Gott seine

Sünden verzeihen möge, solche Skandalstücke, wie: >Das Kind der Liebe<

und >Don Ranudo de Colibrados< gemacht zu haben, wo er den hohen Adel

dem Spott und Gelächter des gemeinen Pöbels preisgibt.« -- Als ich um

zehn Uhr den Damen eine gute Nacht gewünscht, um mich auf mein Zimmer zu

begeben, begegnete ich Theresen abermals auf dem Gange. Ich küßte sie

wieder, zog sie trotz ihres scheinbaren Widerstrebens durch meine

Stubentüre und ließ die hübsche Soubrette kaum zu Worte kommen. Endlich

aber sagte sie: »Ihr Gnaden, nur jetzt nit, lassen's mi aus, die gnäd'ge

Gräfin kann ja jeden Augenblick rufen oder gar selbst kommen, dann gäb's

än schönen Spektakel, und Sie haben nix davon.« -- »Gut, ich will dich

jetzt lassen, aber ich besuche dich heute nacht, wo ist deine Kammer?«

-- »Aber i schlaf ja nit allein, die Toni (das Kammermädchen der alten

Gräfin) schlaft ja mit mir in der nämlichen Stube.« -- »So komme du zu

mir.« -- »Wenn's aber die Toni merkt?« -- »Sie wird nichts merken, wenn

du es klug anfängst.« -- »Na, so lassen's mi nur jetzt aus, wann ich's

halt machen kann, so komm i, die Hand drauf.« -- Sie gab mir die Hand,

ich küßte sie nochmals, und husch war sie zur Türe hinaus. Noch zwei

gute Stunden blieb ich, den dienstbaren Geist, in meinem Zimmer

vergeblich wartend, auf, als aber die Geisterstunde geschlagen hatte und

er dennoch nicht erschien, da warf ich mich, über die getäuschte

Erwartung mißmutig, in mein Bett.

Den andern Morgen begab ich mich zur Parade abermals nach Schönbrunn.

Zurückgekehrt, fand ich Eleonore wieder allein, und begann damit, ihr

den guten Morgen durch eine Umarmung wünschend, ihr ihre Grausamkeit,

die mich zur Verzweiflung bringen müsse, vorzuhalten, woran ich sie bat,

doch Mitleid mit meinem Zustand zu haben, wenn sie nicht wolle, daß ich

vor Gram und Kummer vergehen solle. Nach noch einigem Zieren drückte sie

mir endlich ihr Mitleid durch Erwiderung meiner Küsse aus, und ich bat

nun um Erhörung meiner heißesten Wünsche, womit ich jedoch noch ganze

vierundzwanzig Stunden hingehalten wurde. Mutter und Schwester kehrten

zurück, ehe wir uns noch an das Instrument gesetzt hatten, auch

musizierten wir diesen Morgen nicht. Als ich vor Tisch auf mein Zimmer

ging, fand ich Therese wieder am Ende des Korridors, die mir mit der

Hand winkte, ich aber stellte mich, als wollte ich es nicht merken. Sie

näherte sich nun und nickte dabei so freundlich mit dem Köpfchen, daß

ich unmöglich widerstehen konnte und mich ihr mit den Worten näherte:

»Daß du mich gestern abend so lange vergeblich warten ließest, verzeihe

ich dir nimmermehr, du bist eine Erzschelmin.« -- »Schauen's, Ihr

Gnaden,« flüsterte sie mir zu, »es tut's halt nit, daß ich auf Ihre

Stuben komme, dann die gnäd'ge Mama und die jüngste Komtesse schlafen

ganz in der Nähe, und hören, wenn sich ein Mäusel rührt; 's wird halt

doch besser sein, Sie kommen zu mir.« -- »Aber Toni?« -- »Tut nix, die

schläft wie än Ratz, wenn ich's Licht ausblase, sie verrät nix, sie waß

schon warum; aber kommen's nit vor Mitternacht.« -- Ein Kuß bekräftigte

den Vertrag und husch war das lose Mädchen verschwunden. Nach Tisch fuhr

ich mit der Komtesse allein im Prater spazieren, und hier gelang es mir,

die Erlaubnis, in der kommenden Nacht einen Besuch abstatten zu dürfen,

auszuwirken. Denselben Abend verließ ich unter dem Vorwand von Kopfweh

die Damen bald nach Tisch, und auf meinem Zimmer ungeduldig die

übereingekommene Stunde abwartend, war ich unschlüssig, ob ich erst die

Komtesse oder Therese besuchen solle. Doch entschied ich mich bald für

die Dame. Die Zofe, dachte ich, bleibt dir immer, und dann hat sie dich

ja in der vergangenen Nacht auch vergeblich warten lassen. -- Kurz vor

Mitternacht, als im ganzen Haus alles still geworden war, schlich ich

mich an der Gräfin Stubentüre, fand sie offen, und die Dame bei einer

Nachtlampe in dem verführerischsten Nachtgewande, wie es schien,

schlafend, und zwar sehr fest, denn ich hatte Mühe, sie wach zu machen,

was erst der Fall war, nachdem ich schon ziemlich handgreiflich wurde.

Es war gegen Morgen, als ich das hochgräfliche Zimmer verließ. Den

anderen Tag sahen wir uns fast nur bei Tische, denn wir waren beide

ziemlich müde. Ich machte es ärger als es war, und klagte über starkes

Kopfweh, denn ich wollte die kommende Nacht mit der niedlichen Zofe

zubringen. Diese traf ich nach Tische wieder auf dem Korridor vor meinem

Zimmer, wo sie mich boshaft lächelnd fragte: »Nun, wie haben denn Euer

Gnaden die Nacht zugebracht?« -- »Sehr ruhig, denn ich war sehr unwohl.«

-- »So,« versetzte sie keck, »glauben's, Sie können mich so anplauschen?

Was denken's? Ih weiß recht schön, wo Sie g'weß't sind. Schauen's, mir

können's nix vormachen. Ih merk' alles, bei der Herrschaft sind's

gewesen, und wann ih's nit schon so g'wußt hätt, so hätt' ih's doch

bei'm Bettmachen gemerkt. Ih bin nit von heut.« -- Und dabei lachte die

Spitzbübin recht schelmisch, und fuhr fort: »Aber Sie brauchen's si halt

gar nit vor mir zu schenieren, wir können deshalb doch gute Freunde

bleiben. Ih werd' niemand was davon sagen, nit ämol der Toni.« -- Ich

drückte nun dem schnippigen Mädchen einen Dukaten in die Hand, küßte das

vorlaute Mäulchen, und sagte: »Aber heut Abend darf ich doch kommen,

nicht wahr?« -- »Ja, wenn's wollen, aber was wird meine Herrschaft

sagen?« -- »Ich habe Kopfweh.« -- »Aber wenn's mi wieder anführen!« --

»Gewiß nicht, du bist selbst schuld daran gewesen, wärst du das erstemal

gekommen, so ...« -- »O gehen's aus, S' wären doch zur Komtesse

gegangen. Aber Sie haben recht, Sie brauchen sich nit zu schenieren.« --

Sie wollte noch weiter ihr Mäulchen spazieren lassen. Ich stopfte es ihr

aber mit Küssen, ihr versichernd, daß ich heute nacht unfehlbar kommen

würde und sie sich darauf so sicher als auf ihren dereinstigen Tod

verlassen könne. -- »Sein's still vom Tod, davon will nix hören.« --

Diesen Abend machte ich mich unter dem Vorwand der Kopfschmerzen wieder

bei Zeit vom Tische auf und schlich um Mitternacht auf den Zehen zur

Kammer der Zofen, die ich leise öffnete und in der es stockfinster war.

Nachdem ich mich einige Augenblicke mäuschenstill verhalten hatte, aber

nicht einmal atmen hörte, hüstelte ich eins, zwei- und dreimal, und

hörte endlich ein Gekicher auf der linken Seite, dem ich nachging und so

im Dunkeln tappend an ein Bett kam, wo ich flüsterte: »Therese, bist

du's?« -- Da ertönte ein Lachen von der entgegengesetzten Seite, wohin

ich nun so schnell, als es mir die Finsternis gestattete, eilte. Hier

erwischte ich einen Kopf, an dessen Hals ich hinabglitt und sagte:

»Jetzt sollst du mir nicht mehr entgehen.« -- »Ach, ich bin ja nicht die

Therese, ich bin Toni,« und hinter der Rednerin kicherte es wieder --

»Was, zum Henker, ihr liegt in einem Bett?« -- »Freilich, wir fürchten

uns beide, allein zu sein.« -- »Doch nicht vor mir?« -- »Vor wem denn

sonst?« -- »Wartet, das soll euch schlecht bekommen.« -- Husch war ich

bei den Mädchen im Bett, bald rechts, bald links schäkernd. -- Den

andern Morgen kam ich, was ich noch nie getan, erst zum Mittagessen zu

den Damen hinab, noch immer über Kopfweh klagend, was auch mein Aussehen

nicht Lügen strafte. -- >Bei Weibern, Lieb' und Wein und Kuß lebt' ich

nun recht in Floribus< in der sich in ewigem Sinnentaumel befindenden

Kaiserstadt, und knüpfte zuletzt auch noch ein zärtliches Verhältnis mit

der schönen Braut, der Komtesse Elise, an, wohinter die nicht minder wie

ihre Kameradin schelmische Toni kam, die mir dann, so oft sie mich sah,

ein österreichisches Volksliedchen, das mit den Worten:

Es sind bereits schon hundert Jahr,

Trallalililirallala,

Daß in Wien ein Fräulein war,

Trallalililirallala,

Ein allerliebstes schönes Kind,

Wie unsre Fräulein alle sind usw.

begann, vordudelte.

Mein Schlaraffenleben in Wien, während die anderen französischen Truppen

daselbst bei Tag und Nacht keine Ruhe und den beschwerlichen Dienst

hatten, konnte aber nicht ewig dauern, und es war hohe Zeit, daß ich an

die Rückkehr nach Italien dachte; um so mehr, da ich auch noch eine

kurze Zeit in Venedig, das ich nicht gesehen, und einigen anderen

Städten, wie Ravenna, Ferrara und so weiter verweilen wollte. Einige

Versuche und Schritte, die ich bei Duroc, Ney und ein paar anderen

Generalen, um eine Versetzung zur Garde zu bewirken, machte, waren

vergeblich gewesen. Ich ermannte mich nun, riß mich aus den Armen meiner

Schönen, ließ Postpferde bestellen, und befand mich bald wieder auf dem

Weg nach Italien.

Als ich von Wien abreiste, sprach man schon viel von dem nahen

Friedensabschluß, gegen den sich manche Schwierigkeiten erhoben, und der

erst im Oktober zustande kam. Ich wollte anfänglich über Linz, Salzburg,

Innsbruck und so weiter gehen. Da mir aber auch dieses noch zu viel Zeit

geraubt haben würde, so reiste ich auf dem Weg, den ich gekommen war,

zurück. In Klagenfurt hielt ich mich ein paar Stunden auf und sah das

Schloß und das Landhaus daselbst. Die Stadt hatte starke Mauern, die

aber noch in demselben Jahre niedergerissen wurden. Von hier fuhr ich

über das Städtchen Villach, ohne mich aufzuhalten, bis Ponteva, dem

letzten Ort, der der weiland durchlauchtigsten Republik Venedig gehörte,

und gewissermaßen das Eingangstor nach Italien von Kärnten aus bildete,

da es in einer engen Schlucht liegt. Auch hörte hier mit einemmal die

deutsche Sprache auf, und man findet sich nach Italien versetzt. Als ich

eben abfahren wollte, brach mir eine Wagenachse, die ich vermittelst

eines starken Bandes doch noch bis Udine haltbar machte, wo ich beinahe

einen halben Tag verweilen mußte, bis der Schaden wieder repariert war.

-- Udine ist eine ziemlich lebhafte Stadt, die an den Ufern des

Tagliamento und des Isonzo in einer weiten fruchtbaren Ebene liegt und

mehrere schöne Kirchen mit guten Gemälden hat. In ihrer Nähe ist das

durch den Friedensschluß von 1797 berühmt gewordene Campo Formio, dem zu

Ehren man eine Statue des Friedens auf dem großen Platz zu Udine

errichtet hat. Auch die Ruinen des berühmten alten _Forum Julii_

befinden sich in der Umgegend. Nachdem die neue Achse gemacht war,

setzte ich meine Reise fort. Je mehr man sich der Mark von Trevisa

nähert, desto mehr scheinen Fruchtbarkeit und Wohlhabenheit zuzunehmen.

Diesen Landstrich nannte man den Garten Venedigs. Trevisa selbst, das

alte Tarvisium, liegt mitten in demselben, hat hübsche Plätze und eine

schöne Kathedrale. Der Weg von hier nach Mestre führt durch Gärten und

Weinberge an schönen Villen vorüber. Mestre ist ein wohlhabender

Marktflecken, dessen Einwohner meistens Schiffer und Fischer sind. Hier

schiffte ich mich samt meinem Gepäck auf einer Barke nach Venedig ein,

denn ich hatte mir vorgenommen, in dieser seltsamen, merkwürdigen Stadt

auf meiner Rückreise einige Tage zu verweilen.

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers · 第 19 / 22 题