Ankunft zu Montpellier. -- Ich werde zum 29. Regiment versetzt.
-- Murat, König von Neapel. -- Ermordung einer Kompagnie
Voltigeurs. -- Der neue König macht sich beim Volk beliebt. --
Einnahme der Insel Capri. -- Ich werde dekoriert. -- Helenes
Hochzeitsfeier. -- Castellamare. -- Dritter Feldzug in Kalabrien. --
Rückkehr nach Neapel, wo ich das Ehrenkreuz erhalte. -- Ich
werde nach Nola detachiert und daselbst beinahe erschossen.
-- Neue Bekanntschaften. -- Eine durch eine beabsichtigte
Leichenberaubung entdeckte Verschwörung. -- Murats Politik und
Reformen. -- Abmarsch nach dem Kirchenstaat.
Die kleine Seereise war mir trotz mancher Unbequemlichkeiten und
schlechter Lagerstätte doch ziemlich gut bekommen. Von Agde, einem
kleinen Seehafen im Departement Herault, durch ein Konzilium, das hier
gehalten wurde, bekannt, fuhr ich sogleich über Frontignan, wegen seines
trefflichen Muskatweins berühmt, nach Montpellier ab, wo ich in einem
guten Gasthof abstieg, dann den Herren Michel und Gayral meine Ankunft
meldete, die mich mit allem, dessen ich bedürftig war, bestens versahen.
Nachdem ich mich bei dem jetzt hier kommandierenden General Sissé
gemeldet, teilte mich derselbe einstweilen dem hier liegenden Depot
eines Infanterieregiments bis zu meiner völligen Genesung zu, und das
gesunde Klima von Montpellier stellte mich bald wieder her. Ich schrieb
an den Kriegsminister und bat den General, bei dem ich öfters zu Tische
war, um dessen Verwendung, damit ich möglichst bald wieder in Aktivität
kommen möge. Die Legion, bei der ich gestanden, war so gut wie
vernichtet und aufgelöst. Ich wünschte sehr, wieder in Italien verwendet
zu werden; Spanien hatte mich, trotz seiner wunderbaren Schönheiten und
seiner romantisch-heroischen Berühmtheit, nicht besonders angesprochen;
wir standen den Einwohnern viel zu schroff gegenüber, als daß man an ein
nur leidliches Verhältnis mit denselben denken konnte. Mein Begehren
wurde mir gewährt und ich zum 29. Infanterieregiment versetzt, das im
Königreich Neapel stand. Die Marschroute dahin erhielt ich ausgefertigt,
fand Gelegenheit, mich in Cette auf einer nach Civita-Vecchia bestimmten
Kanonierschaluppe einzuschiffen und kam ohne Unfall nach sieben Tagen,
immer längs den Küsten fahrend, glücklich in diesem Hafen an, von wo ich
sogleich nach Rom abging. Nachdem ich Torlonia und Gertrude besucht, die
auf einer nahen Villa wohnte, setzte ich mit einem Vetturino die Reise
nach Neapel fort, wo ich gegen Ende September, denselben Tag, an welchem
auch die neue Königin von Neapel, Murats Gattin und Napoleons Schwester,
die schöne Karoline, ihren Einzug in die Hauptstadt hielt, ankam. Murat
hatte Spanien schon früher verlassen, da ihn sein Schwager zum König von
Neapel dekretiert, um ihn für das Nichtbesteigen des spanischen Thrones
zu entschädigen. In den ersten Tagen des September hatte er mit
ungeheurem Pomp, unter dem Zulauf des staunenden Volks Besitz von seiner
Hauptstadt genommen.
Das Regiment, dem ich jetzt angehörte, lag zum Teil in Neapel, zum Teil
in Cosenza und der Umgegend und war eines von denen, welche die meiste
Erbitterung gegen die Neapolitaner und besonders gegen die Kalabresen
hegten, denn man hatte vor einiger Zeit eine Voltigeurkompagnie
desselben auf das hinterlistigste gemordet. Dieselbe hatte durch den
Silawald marschieren müssen, um sich von Catanzaro nach Cosenza zu
begeben, sich aber auf dem Marsch verirrt und kam in die Nähe eines
Dorfes, Gli Parenti genannt, das ein Hauptschlupfwinkel der Briganten
und namentlich derer, die zu der Bande des Francatrippa gehörten, war.
Die Einwohner, die im besten Einverständnis mit den Räubern standen,
steckten ihnen sogleich das Verirren dieser Truppen und beschlossen,
denselben eine Falle zu legen, in welcher sich der die Kompagnie
kommandierende Kapitän auch nur zu leicht fangen ließ. Als sich die
Truppen dem Dorf näherten, kam ihnen Francatrippa, der sich nicht
getraute, im offenen Kampf sich mit dem Feind einzulassen, entgegen, gab
sich für den Kommandanten der Guardia Civica oder Nationalgarde aus und
lud den Kapitän, seine Offiziere und sämtliche Mannschaften ein, einige
Erfrischungen in dem Ort zu nehmen. Ohne alles Mißtrauen wurde das
Anerbieten dankbar angenommen, und die Offiziere ließen sich, durch die
anscheinende Gastfreundlichkeit der Kalabresen verführt, unvorsichtig in
ein ansehnliches Haus nötigen, um die vorgestellten Speisen einzunehmen.
Der Kapitän ließ seine Leute die Gewehre in Pyramiden vor das Haus
stellen, und man brachte nun den Soldaten reichlich Wein, Brot und Käse,
sie freundschaftlichst ermunternd, zuzusprechen. Als es sich nun alle
recht sorglos wohlschmecken ließen und die gastfreien Bewohner des Ortes
rühmten, da fällt plötzlich ein Schuß aus einem Fenster, und in
demselben Augenblick werden auch die drei Offiziere in dem Zimmer, in
dem sie sich befinden, ermordet; zu gleicher Zeit wird aus allen
Fenstern und Türen der umliegenden Häuser auf die entwaffneten Truppen
geschossen, und es regnet eine solche Masse von trefflich gezielten
Kugeln, daß die meisten Soldaten tödlich getroffen niederstürzen, noch
ehe sie nur Zeit gehabt, zu ihren Gewehren zu greifen. Alle bis auf
sieben wurden niedergemacht; diese entkamen glücklich nach Cosenza, wo
sie Bericht über die Greueltat abstatteten. -- Die Sorglosigkeit des
Kapitäns in einem so feindlich gesinnten Land, das von Insurgenten
wimmelte, war unverzeihlich; mir wäre dies wenigstens nicht passiert,
denn ich hätte jedenfalls Vorsichtsmaßregeln genommen, die eine solche
Überrumpelung unmöglich gemacht hätten. -- Sobald diese Tat in Cosenza
bekannt war, wurden sogleich vierhundert Mann nach Gli-Parenti
abgeschickt, mit dem Befehl, das Dorf niederzubrennen und alle Einwohner
über die Klinge springen zu lassen; aber man fand auch keine lebende
Seele in dem Ort, die Einwohner hatten sich vor Annäherung der Truppen
in die unzugänglichsten Wildnisse geflüchtet; ihre Wohnungen wurden in
Asche gelegt. Wären die sieben Soldaten nicht entkommen, so wäre diese
Kompagnie spurlos verschwunden, ohne daß man je erfahren, was aus ihr
geworden.
Mir war bei dem Regiment das Kommando der Karabinierkompagnie des
zweiten Bataillons geworden, deren Kapitän vor kurzem an den in
Kalabrien erhaltenen Wunden gestorben war, bald darauf wurde ich aber
zum ersten Bataillon versetzt, weil auch die Musik des Regiments wieder
unter meinen Befehl gestellt wurde. Von dem Regiment Y., bei dem ich
früher stand, war das erste Bataillon nebst dem Stab noch immer in
Castellamare, das zweite aber, bei dem Herr von Gasqui, Caguenec und so
weiter standen, nach Tarent abmarschiert und daselbst eingeschifft
worden, um nach der Insel Korfu gebracht zu werden, wo es auch mit
_Armes et bagages_ und seinen Frauen glücklich ankam. Auch ich sollte
später die Insel kennen lernen. -- Helene Cramer war noch mit ihren
Eltern in Castellamare, aber die Braut eines neapolitanischen
Bataillonschefs. Das Liebhabertheater in Giesù nuovo war durch das
Abgehen der Madame Gasqui, die nach Korfu, der hübschen Oberstin, die
nach Paris gereist, und anderer gesprengt, auch hätte es durch die
Veränderung des Regenten und des Hofes für den Augenblick das frühere
Interesse nicht mehr gehabt.
Murat beschäftigte sich in der ersten Zeit seiner Regierung fast
ausschließlich mit den inneren Angelegenheiten seines Königreichs. Unter
dem Namen Joachim I. hatte er den Thron von Neapel bestiegen. Als die
Nachricht von seiner Ernennung zum König dieses Reichs bekannt wurde,
erfüllte dies die Gemüter der Bewohner mit Furcht und Schrecken, denn es
ging ihm von Spanien, besonders wegen den Vorfällen zu Madrid vom 2. und
3. Mai, ein entsetzlicher Ruf voraus, so daß man sich ein blutdürstiges
Ungeheuer unter ihm vorstellte, was er nicht war. Übrigens war man mit
Josephs Regierung, den man spottweise Don Pepe nannte, so allgemein
unzufrieden gewesen, daß man sich damit tröstete, daß es nicht leicht
schlimmer werden könne. Napoleons älterer Bruder hatte sich nur seinem
Hang zum Vergnügen hingegeben, ließ in seinem Namen die Minister und
andere schalten und walten und unseren Herrgott einen guten Mann sein.
Daß man sich den Freuden der Liebe hingibt und in den Armen schöner und
liebenswürdiger Frauen den Hochgenuß des Lebens sucht, dies zu tadeln
wäre ich wohl der letzte, denn ohne dies wäre das Leben doch gar zu
schal, aber nie darf diese Leidenschaft in eine solche Schwäche
ausarten, daß man darüber seine höheren Pflichten vernachlässigt, selbst
zum Weibe wird oder sich gar von Mätressen beherrschen läßt. Dies ist
eines Mannes und besonders eines Regenten unwürdig, jämmerlich klein und
zeugt von schwachem Verstand und Charakterlosigkeit. -- Sind die
Schäferstunden vorüber, muß der Mann wieder ganz Mann und Herr über das
Weib sein, von dem er dann nur um so mehr geliebt, geachtet und
vergöttert wird. Dies spreche ich aus vielfacher Erfahrung -- freilich
war ich nie ein schmachtender Seladon, Siegwart oder Werther. --
Ein Dutzend Damen und deren Anhang, diejenigen Personen ausgenommen, die
unter Josephs Deckmantel rauben und sich bereichern durften, wurde
dessen Abgang aus Neapel von niemand, weder vom Zivil noch vom Militär
bedauert. -- Auf die törichtste Weise hatte er, gleich seinem Bruder
Hieronymus in Kassel, die Staatsgelder vergeudet, während das Heer ein
ganzes Jahr im Rückstand mit seinem Sold war. Murat dagegen war
wenigstens von den Franzosen, die ihn als einen tapferen General
schätzten, geachtet und geliebt, und gerne verziehen sie ihm seine Liebe
zu Prunk und auffallender Kleidung. -- Die ersten Handlungen seines
Regierungsantritts waren geeignet, ihm auch die Herzen der Neapolitaner
zuzuwenden. Er zeigte sich überaus leutselig und liebenswürdig, auf den
Rat Salicettis, der zugleich Kriegs- und Polizeiminister war, hob er die
sehr verhaßten Militärgerichte, die die Leute so schnell in die andere
Welt expedierten, auf, allen Deserteurs wurde ein Generalpardon
verkündet, wodurch mancher Neapolitaner seiner Familie wiedergegeben
ward, und es wurden Maßregeln ergriffen, den verwirrten und höchst
traurigen Zustand der Finanzen zu verbessern. Einigen hundert
Individuen, die bloß als verdächtig oder gefährlich in die Kerker
geworfen worden waren, gab er die Freiheit wieder und rief Verbannte
zurück. Dies machte, daß, als die liebenswürdige Karoline, Napoleons
Schwester, ihren Einzug in die Hauptstadt hielt, sie von den
Neapolitanern mit großen Freudensbezeigungen empfangen wurde. Murat
zeigte sich täglich dem Volk, und selbst seine phantastische Pracht und
Kleidung schien diesem zu gefallen.
Der neue König glaubte nun auch seinen Regierungsantritt mit einer
glänzenden Waffentat bezeichnen zu müssen und wählte dazu die am Eingang
des Golfs von Neapel liegende Insel Capri, welche die Engländer schon
seit drei Jahren im Besitz und so befestigt hatten, daß sie sie
Klein-Malta nannten. -- Diese Insel ist ringsum von sehr hohen und
steilen Felsen umgeben und hat nur einen einzigen Zugang. Zwischen zwei
großen Felsen liegt ein sehr fruchtbares, malerisch schönes Tal, welches
vortrefflichen Wein liefert und ein sehr gesunder Aufenthalt ist.
Augustus ließ dieses zu einem Erholungsort für sich einrichten, und
Tiberius brachte hier die letzten Jahre seines lasterhaften Lebens zu;
noch zeigt man die Ruinen seines Palastes. Capri, das ungefähr
fünftausend Einwohner zählt, ist gewissermaßen der Schlüssel Neapels zur
Seeseite, und so lange es in feindlichen Händen ist, ist die Einfahrt in
den Hafen unsicher und gefährlich. -- Die Insel diente schon seit dem
Einmarsch der Franzosen allen Unzufriedenen, Übeltätern, Unruhestiftern
zum Zufluchtsort, von wo aus sie neue Komplotte unter englischem Schutz
schmiedeten und ausführten. -- Hudson Lowe war Kommandant derselben. --
Es war den 3. Oktober (1808) gegen Abend, als man die Karabiniers und
Voltigeurs der Garnison von Neapel in den verschiedenen Forts unter das
Gewehr treten ließ, wobei auch meine Kompagnie war. Nach sieben Uhr
marschierten wir an den Hafen, wo sämtliche zu dieser Expedition
bestimmte Truppen sich versammelten. Hier fanden wir etwa fünfzig kleine
Transportschiffe vor, deren Vorderteile mit Brustwehren von zwei Schuh
dicken Matratzen versehen waren und zwölf bis zwanzig Ruderer hatten.
Wir schifften uns ein, und eine Fregatte, ein paar Korvetten und eine
ziemliche Zahl Kanonierschaluppen, auf denen ebenfalls ein Teil der
Truppen sich befand, machten die Bedeckung aus. Der Divisionsgeneral
Lamarque kommandierte die Expedition, und unter ihm die Brigadegeneräle
Prinz Pignatelli, Montferras und Detrées; wir mochten etwa zweitausend
Mann in allem stark sein.
Murat, der bei dem Einschiffen zugegen war, sah mich scharf an, als ich
mit meiner Kompagnie ein Boot besteigen wollte, und sagte: »Kapitän,
mich däucht, ich habe Sie schon irgendwo gesehen?«
»Sire, es sind noch nicht fünf Monate, daß ich die Ehre hatte, von Eurer
Majestät in der Straße zu Madrid angeredet zu werden; ich war damals
verwundet.«
»Ah ja, ich entsinne mich, Sie waren der Offizier, der einem Insurgenten
das Leben rettete.«
Er fragte mich nun, wie ich nach Neapel gekommen, was ich ihm in wenigen
Worten mitteilte, worauf er mir sagte: »Wohlan, Sie haben hier eine
treffliche Gelegenheit, sich auszuzeichnen.«
»Sire, was an mir liegt, wird geschehen.« --
Es war neun Uhr vorüber, als wir so geräuschlos wie möglich abfuhren; in
Capri konnte man keine Ahnung von dieser Expedition haben. Auf der See
stießen noch sechshundert Mann, die von Salerno kamen, zu uns, bei denen
die als treffliche Schützen bekannten korsischen Jäger waren. Die
Überfahrt ging schnell und glücklich vonstatten, gegen drei Uhr nach
Mitternacht waren sämtliche Schiffe unter den Felsen und Batterien der
Insel angekommen; der Angriff sollte auf der südöstlichen Seite
stattfinden, gerade wo er wegen der steilen Ufer am gefährlichsten war,
aber deshalb auch vom Feinde am wenigsten erwartet wurde. Die Landung
mußte mit Sturmleitern, von denen mehrere aneinander gebunden wurden,
weil sie nicht hoch genug waren, unter dem fortwährenden Feuern einer
Batterie bewerkstelligt werden, auch waren schnell einige Kompagnien
Engländer und Sizilianer auf den Felsenhöhen, die wir erklimmen mußten,
versammelt und stießen die zuerst Ankommenden wieder hinab, so daß sie
an den Klippen zerschmetterten und dann in die Boote oder in die See
fielen. Der Bataillonschef Livron, später General in Diensten des
Vizekönigs von Ägypten, war der erste, der festen Fuß faßte. Jetzt
wurden Leitern von allen Seiten angestellt, die zum Teil auf dem Rand
der Schiffe ruhten und mithin einem immerwährenden Schwanken unterworfen
waren. Die Karabiniers von der Garde, mehrere andere Kompagnien
Grenadiere und Voltigeurs, wobei auch die meinige nebst den korsischen
Jägern, stürmten jetzt unter dem Pas de Charge der Trommeln und Hörner
und dem Kugel- und Steinregen der Feinde. Einige Leitern brachen oder
stürzten um und mit ihnen die Mannschaft, die sich auf denselben befand,
wobei die meisten ertranken oder an den Klippen zerschmetterten; ein
solches Schicksal hatte die Leiter, die der, auf welcher ich mich
befand, zunächst stand, doch fielen die meisten in eine
Kanonierschaluppe und kamen mit leichteren oder schwereren Verletzungen
davon. Ich war ungefähr der sechste Mann auf unserer Leiter und der
dritte, der die Höhe erreichte. Mit dem linken Arm hielt ich mich an den
Sprossen fest, meinen Säbel hatte ich zwischen den Zähnen, und mit dem
rechten parierte ich die von oben herabstürzenden Soldaten, da ich
bemerkt hatte, daß, sobald einer fiel, er gewöhnlich auch zwei bis drei
andere mit sich herabriß. Als ich eben auf die Krone des Felsens
springen wollte, legte ein englischer Soldat auf mich an, ich ergriff
jedoch hastig das Bajonett, das ich mir dabei ziemlich tief in den
Daumen stieß, aber ich hatte so die Richtung des Gewehrs, das auf meine
Brust zielte, verrückt, und der Schuß ging mir unter dem rechten Arm
durch, ohne mich zu verwunden. Nun packte ich aber das Gewehr, welches
der Soldat nicht losließ, fest, schwang mich mit dessen Hilfe auf den
Felsen, auf dem ich Fuß faßte, der nach mir folgende Karabinier schoß
meinen Gegner nieder, und ich machte mir nun mit meinem Säbel Platz und
Luft. Jetzt kamen immer mehr der Unsrigen oben an, und bald war der
Feind in die Flucht gejagt; wir hatten sehr viel Leute verloren. Kaum
hatten wir uns gesammelt, so wurde Befehl erteilt, auf Anacapri
loszurücken, dessen Anhöhen wir ebenfalls unter dem hartnäckigsten
Widerstand und dem unausgesetzten feindlichen Musketen- und
Kartätschenfeuer ersteigen mußten. Aber auch diese die ganze Insel
beherrschende Anhöhe wurde endlich gestürmt, und die Engländer zogen
sich in die befestigten Posten Sankt Michel, Sankt Constanz und die
anderen Forts zurück, um daselbst Sukkurs abzuwarten, der ihnen von der
See kommen sollte. Jetzt aber wurden alle anderen Teile der Insel, durch
die der Feind hätte Hilfe erhalten können, besetzt, bei welcher
Gelegenheit wir in dunkler Nacht eine in Felsen gehauene, aus mehr denn
sechshundert schmalen Stufen bestehende Treppe Mann für Mann, ebenfalls
unter fürchterlichem Kartätschenfeuer und Werfen von Leuchtkugeln
hinabsteigen mußten. Noch nicht lange hatten wir diesen Posten und die
anderen Teile der Insel eingenommen, als der feindliche, sehr bedeutende
Sukkurs, aus vier Fregatten, einigen Briggs, Bombardiergallioten,
Kanonierschaluppen, Kuttern und so weiter bestehend, sich zeigte. Bald
wurde die ganze Insel von diesen Schiffen umringt. Murat, der vom
Vorgebirge Campanella aus, in geringer Entfernung Capri gerade
gegenüber, nebst vielen tausend Zuschauern alles beobachtet hatte, gab
sogleich den Befehl, daß alle noch im Hafen von Neapel sich befindlichen
Kriegsfahrzeuge und Kanonierschaluppen unter Segel gehen und den Feind
angreifen sollten. -- Da ein außerordentlich starker Landwind wehte, so
mußten die großen englischen Schiffe bald die hohe See suchen, und die
kleineren ergriffen die Flucht, als sie die Flottille von Neapel kommen
sahen, der sie nicht gewachsen waren. Einige zwanzig Transportschiffe
brachten uns im Angesicht des Feindes zu rechter Zeit frischen Proviant.
-- Unterdessen hatten wir auf der Insel selbst die Breschbatterien
zustande gebracht, und den 16. Oktober kapitulierte der englische
Kommandant Hudson Lowe. -- Wer hätte wohl damals vermutet, daß sieben
Jahre später Napoleon dessen Gefangener auf der Insel Sankt Helena sein
würde? -- Einen Narren würde man den genannt haben, der so etwas nur im
Traum hätte sehen wollen.
Die Kapitulation enthielt die Bedingung, daß die Garnison zwar nach
England gehen, aber weder gegen Napoleon noch gegen dessen Alliierte bis
zum Frieden dienen dürfe. Höchst wichtig war die Eroberung Capris für
Neapel, sowohl wegen der Ruhe des Staates, als für den Handel. Die Insel
war bis jetzt eine lästige Fliege auf unserer Nase gewesen. --
Murat bedachte bei dieser Gelegenheit den heiligen Januarius sehr
reichlich und verehrte ihm unter anderen Kostbarkeiten einen
brillantenen Heiligenschein.
Nach unserer Rückkehr wurden vorerst einige dreißig Kreuze des Ordens
beider Sizilien an diejenigen Offiziere und Soldaten verteilt, welche
sich am meisten ausgezeichnet hatten, wobei auch mir eines zuteil ward,
worüber ich eine große Freude hatte. Damals hielt ich solche Spielereien
noch für was Rechtes! -- Die Dekoration bestand aus einem goldenen Stern
von fünf Spitzen mit rubinrotem Email, über welchem ein goldener Adler
an einem himmelblauen Bändchen hing. Auf der Vorderseite war das Wappen
mit der Inschrift: _Renovata patria_, auf der anderen Seite: _Joseph
Siciliarum rex instituit_. Er brachte jährlich fünfzig Ducati ein. Der
Eid, den man als Ritter desselben ablegen mußte, besagte, daß man sein
Leben der Verteidigung des Staates und der Krone weihe. -- Nach Murats
Sturz wurde auch dieser Orden wieder aufgehoben.
Einige Tage nach unserer Rückkehr von Capri sollte die Hochzeit Helenens
mit ihrem neapolitanischen Bräutigam, dem Bataillonschef Ritucci,
gefeiert werden. Ich besuchte Cramers zu Castellamare und fand Helene
eben nicht sehr erfreut darüber. -- Das Mädchen hatte keine Neigung zu
dem Mann, der schon ein Vierziger war und auch durchaus nichts besaß,
was ein junges hübsches Mädchen zu fesseln vermag; die Mutter, die das
Mädchen gerne _à tout prix_ unter die Haube bringen wollte, hatte diese
Heirat betrieben, und als die Tochter äußerte, daß sie keine Neigung zu
dem Mann habe, erwiderte sie ihr: »Dumme Gans, wenn er dir nicht gefällt
und du bist einmal verheiratet, so hast du ja die Wahl unter Dutzenden.«
Echte Grundsätze verheirateter Militärfrauen. -- Auch ich suchte das
hübsche Mädchen bestens zu trösten, ihr Mut einsprechend; wir erinnerten
uns mit Vergnügen an die Partie nach Pestum und gaben uns dem süßen
Andenken an dieselbe hin. -- Schon als Knabe hatte ich Helene in
Offenbach gekannt und fast täglich gesehen, da ihre Eltern der Pension
des Hofrats Scherer gegenüber wohnten und sie oft herüber kam, ihre
jungen Freundinnen zu besuchen. Ich stand nun auf dem vertrautesten Fuß
mit der schönen Braut, mit der ich mich manche Stunde auf das
angenehmste unter vier Augen unterhielt, da die Mutter die Gefälligkeit
hatte, uns öfter allein zu lassen und der Bräutigam nur wöchentlich ein-
oder zweimal von Neapel kam. -- Der Hochzeitstag war bereits
festgesetzt, und ich hatte von dem lieben Mädchen das Versprechen
erhalten, daß sie mich an diesem Tag ganz glücklich machen wolle und ich
das _droit du seigneur_ haben solle, wenn es irgend möglich zu machen
sei, aber auch nicht früher, denn kein Mensch könne für noch nicht
geschehene Dinge einstehen. Das Wohlwollen der Mama hatte ich mir durch
das Versprechen eines schönen Hochzeitsgeschenkes erworben. Am
bestimmten Tage fand ich mich schon vor Sonnenaufgang, während der
Bräutigam noch fest in Neapel schlief, ein. Die Braut empfing mich, wie
wir verabredet hatten, in dem an ihrer Wohnung sich befindenden
Gärtchen, in einem reizenden schneeweißen Morgenanzug. Hier brachten wir
eine Stunde zu, welche ihr den reinsten Vorgeschmack von dem, was ihrer
in der Hochzeitsnacht bevorstand, geben mußte. Wir schwammen diese
Stunde im seligsten Entzücken, worauf sie wieder so unbemerkt, als sie
es verlassen, in ihr Kämmerchen schlüpfte. -- Ich hatte es nicht gemacht
wie jener Gimpel in Lafontaines Fabel; wahr ist's, daß die Braut auch
noch nicht in ihrem Hochzeitsschmuck prangte, aber auch dies würde mich
nicht abgehalten haben. Die Trauung, zu der ich als Zeuge geladen war,
ging mit aller Formalität um die Mittagsstunde vor sich und nach
derselben das Hochzeitsmahl, nach welchem das junge Ehepaar gegen Abend
nach Neapel fuhr, wohin ich es nebst noch einigen anderen Offizieren
reitend eskortierte. Ich war mit Helene übereingekommem daß wir uns
öfters bei ihren Eltern in Castellamare sehen würden, wo sie dieselben
bisweilen besuchen wollte, und nahm Urlaub, so oft ich sie daselbst
wußte und es der Dienst zuließ. Hier hatten wir dann die beste
Gelegenheit, uns so recht con amore der beseligendsten Liebe und ihren
Wonnegenüssen in der Einsamkeit dortiger Villen hinzugeben.
Castellamare ist eine kleine Seestadt, die eine reizende Lage und die
herrlichsten Umgebungen hat; sie ist zugleich auch ein Kurort mit
mehreren Mineralquellen und zählt an zehntausend Einwohner. Die
königliche Villa ist so schön, daß die Einwohner sagen: »_Qui si sana
per forza._« Herrliche Kastanienalleen führen durch dieselbe und
romantische einsame Fußpfade in die nahen Gehölze, die wir heimsuchten.
Der Ort und seine Umgegend ist so reizend, daß Murat, als er ihn zum
erstenmal sah, ausrief: »_Et tout cela m'appartiendra!_« -- Der Wein,
der hier wächst, hat einen sehr lieblichen Geschmack. Ein altes in
Trümmern liegendes Kastell, das noch aus den Zeiten der Normänner
herrührt, erhöht das Pittoreske der Umgegend nicht wenig. Oft machte ich
den Weg hierher zu Wasser, man legt ihn dann in einer gutrudernden Barke
in weniger als drei Stunden, ja wohl in zwei zurück; fährt man mit
mehreren Personen, so bezahlt man nur eine Carlini. Der Weg zu Lande ist
weit länger und umständlicher, auch benützte ich ihn selten.
Wir befanden uns beide recht wohl bei unserem Einverständnis und waren
noch im Taumel der Flitterwochen der Liebe, als uns das Verhängnis, das
auch kein noch so inniges Verhältnis berücksichtigt, plötzlich trennte.
Das Bataillon, bei dem ich stand, erhielt unerwartet Marschorder nach
Cosenza. Ich nahm in Neapel Abschied von Helene und ihrem Mann. Erstere
konnte kaum ihre Betrübnis und der andere kaum seine Freude deshalb
verbergen; denn obgleich weit entfernt zu ahnen, wie ich mit seiner Frau
stand, war ihm deren Bekanntschaft mit mir doch nicht sehr angenehm, und
es schien, als fürchtete er, was schon nicht mehr zu fürchten war.
Wir traten den mir schon bekannten Weg nach Kalabrien an und kamen ohne
allen Unfall und bei noch ziemlich günstigem Wetter nach Cosenza.
Noch immer war der Brigantenkrieg mit all seinen Abscheulichkeiten in
vollem Gang, und es war besonders darauf abgesehen, die Bewohner des
Kantons Longo-Bucco, die in fast unzugänglichen Waldgebirgen hausten und
Abgaben zu zahlen sich weigerten, den Steuererheber getötet und sich
empört hatten, zu züchtigen, nachdem alle Versuche, sie in Güte zur
Räson zu bringen, gescheitert waren. Unser Bataillon marschierte in
aller Stille nach dem aufrührerischen Kanton ab, während ein anderes
sich zu gleicher Zeit von Rosano aus dahin begab. Mit Hilfe sicherer und
reichlich bezahlter Führer gelangten die Truppen durch große Umwege
durch nur von Herden Hirschen und Rehen bewohnte Wildnisse und Wälder
ziemlich unbemerkt in die Gegend, in der die widerspenstigen Dörfer
lagen. Als aber endlich einem derselben unsere Annäherung bekannt ward,
wurde dort sogleich die Sturmglocke gezogen, um den Alarm in der
Umgegend zu verbreiten und Briganten und Bauern herbeizuläuten. Das
Läuten wiederholte sich nun von Dorf zu Dorf, und schnell fand sich eine
große Menge bewaffneter Insurgenten auf den höchsten Gipfeln des
Waldgebirges versammelt. Unsere Kolonnen rückten nun _Tambour battant_
im Sturmschritt und mit gefälltem Bajonett, lautem Hallo und _en avant_
gegen die Briganten, die aber nicht für gut fanden, den Angriff
abzuwarten, sondern die Flucht ergriffen. -- Mit dem sinkenden Tag kamen
wir bei dem Städtchen Longo-Bucco an, das in einem tiefen und
schauerlichen Waldtal an dem zwischen gigantischen Felsenmassen
dahinbrausenden Trionto liegt und der eigentliche Feuerherd der
Insurgenten war. Der Ort, der etwa vier- bis fünftausend Einwohner
zählt, hat eine Lage, die sich vortrefflich zu einer Raub- und Mordhöhle
qualifiziert und ist von Felsenmassen und waldigen wildverwachsenen
Anhöhen umgeben. Die Bewohner desselben sind meistens Kohlenbrenner,
Nagelschmiede und dergleichen, die durch ihr rußiges Aussehen ohnehin
schon Höllenbewohnern gleichen. Wir fanden für gut, nicht in diesen Ort
hinabzusteigen, sondern schlugen auf den Höhen rings um denselben ein
Biwak auf und zündeten während der Nacht ein paar hundert Wachtfeuer an.
Dieses versetzte die Einwohner in große Angst, sie fürchteten, uns jeden
Augenblick herabsteigen und ihre Stadt mit Feuer und Schwert vertilgen
zu sehen. Wir hörten fortwährend ein Schreien, Tumultieren in des Tales
Tiefen; die Leute suchten ihr Hab und Gut und ihre Person in Sicherheit
zu bringen. Erst mit Tagesanbruch wurden zwei Kompagnien hinabgesendet,
sie fanden aber den Ort bis auf wenige Greise, ein paar alte Weiber und
einen Pfarrer gänzlich verlassen. Letzterer bat fußfällig um Gnade und
Schonung, die ihm unter der Bedingung versprochen wurde, daß die
Bewohner zurückkehren und ihre sämtlichen Waffen ausliefern, im
entgegengesetzten Fall wir aber mit der gänzlichen Zerstörung der Stadt
beginnen und fortfahren würden, bis kein Stein mehr auf dem andern wäre.
Der Pfarrer beteuerte, sein Möglichstes tun zu wollen, unserem Begehren
zu entsprechen; in der Tat kamen auch bald darauf viele Einwohner zurück
und legten ihre Waffen nieder; die Rädelsführer aber hatten sich mit
anderen Haufen tiefer in das Waldgebirge zurückgezogen, wollten von
keiner Unterwerfung etwas wissen und hatten ein auf einem der steilsten
Felsengipfel gelegenes, noch obendrein mit einer ziemlich hohen Mauer
umgebenes Dorf besetzt, in dem sie anzugreifen wir nun Anstalt machten.
Ein halbes Bataillon stark, bei dem auch meine Kompagnie, setzten wir
uns gegen Abend in der Richtung von Bocchigliero in Marsch; nachdem wir
den größten Teil des Wegs zurückgelegt und die Nacht völlig
hereingebrochen war, machten wir mit einem Male eine Wendung und
marschierten in aller Stille auf das Dorf zu, in dem sich die
Insurgenten befanden, die glücklicherweise keine Kunde von unserer
Annäherung erhalten hatten. Mit Tagesanbruch standen wir ganz unerwartet
vor ihnen und forderten sie auf, sich zu ergeben, die Aufforderung wurde
aber mit Gewehrschüssen beantwortet. -- Der Ort schien uns anfänglich
unangreifbar, denn er hing gleich einem Adlernest an dem Abhang der
Felsenmasse; nach näherer Untersuchung entdeckte ich aber, daß er von
der anderen Seite, wo er sich am Felsen anlehnte, zugänglicher war. Die
Voltigeurs erkletterten nun diesen Felsen, und so gelang es ihnen bald,
vorzudringen; als wir dieses inne waren, wurde sogleich ein Sturm
angeordnet, und trotz des heftigen Gegenfeuers, das die Insurgenten von
der Mauer herab unterhielten, wobei viele der Unsrigen stürzten, drangen
wir bis an das Tor, das wir einschlugen, und sofort in das Dorf vor, wo
alles niedergemacht wurde, was uns in den Weg kam. Beinahe alle
männlichen Bewohner und Insurgenten verloren das Leben, der Ort wurde
den Flammen übergeben und in demselben gehaust, wie es in durch Sturm
eroberten Orten zu gehen pflegt und die Kriegsgesetze gestatten. Aber
auch mehr als ein Soldat wurde während der Umarmung eines Mädchens oder
einer Frau von deren Vater, Bruder oder Gatten noch niedergestochen, ja
wohl gar von seinem Opfer selbst erdolcht. Viele Weiber hatten sich
nebst Kindern und einigen Greisen in die Kirche geflüchtet, wo es den
Offizieren nur mit Mühe gelang, sie vor der Wut der Soldaten zu
schützen. Die Gassen des Orts lagen voll Leichen, mehrere der
Insurgenten, die hier über dreihundert Mann verloren, hatten sich den
Felsen hinab in die grauenvollsten Abgründe gestürzt, in denen ihre
Körper zerschmettert wurden, einige der Anführer waren aber mit einem
Teil ihrer Leute entkommen und hatten sich nach Bocchigliero geflüchtet,
wo sie Schrecken und Bestürzung verbreiteten, da sich die Einwohner
dieses ziemlich bedeutenden Fleckens nicht schuldlos wußten. Um das sie
bedrohende Unwetter abzuwenden, sandten sie den anrückenden Truppen eine
Deputation entgegen, die um Gnade und Barmherzigkeit flehte. Wir
behielten diese, welche aus den angesehensten Einwohnern des Orts
bestand, als Geiseln zurück und forderten vor allem die Auslieferung der
Waffen und der Rädelsführer. Erstere lagen, ehe eine Stunde verging, in
einem großen Haufen, aus Gewehren, Karabinern, Säbeln, Pistolen, Dolchen
und so weiter bestehend, vor uns, die anderen aber waren schon wieder
weiter entflohen. Die Steuern wurden nun nebst einer starken
Brandschatzung erhoben, und bis dies geschehen, blieben in all den
Ortschaften starke Militärabteilungen liegen. Wir marschierten jetzt
nach Cosenza zurück, wo sich schon wieder ein Befehl des Kriegsministers
vorfand, der unser erstes Bataillon nach Neapel zurückbeorderte.
Daselbst angekommen, ward mir eine Überraschung zuteil, die mir zu jener
Zeit viel Freude machte: Oberst Billiard übergab mir nämlich, als ich
mich bei ihm meldete, das Kreuz der Ehrenlegion, das für mehrere der
sich bei der Einnahme von Capri hervorragend beteiligten Militärs von
Paris angekommen war.
Mein erster Besuch in Neapel war bei Helene, wo ich es so gut traf, daß
sich ihr Mann gerade im Dienst abwesend, zu Gaëta befand. In ihrer
Begleitung besuchte ich ihre Eltern in Castellamare, wohin wir eine
angenehme Wasserfahrt machten, obgleich das Meer etwas stürmisch war und
wir tüchtig geschaukelt wurden. -- Ritucci kam erst nach zehn Tagen
zurück, die wir gut zu benützen wußten. -- Ich wurde gleich darauf mit
achtzig Mann in das nahe Städtchen Nola detachiert, wo sich die
Einwohner gleichfalls weigerten, die ihnen auferlegte Kriegssteuer zu
bezahlen, und ich so lange weilen sollte, bis dies geschehen. Jeder Mann
sollte, so lange dieser Aufenthalt währte, zwei, die Sergeanten vier
Carlini, der Offizier, der noch bei mir war, zwei und ich vier Ducati
täglich erhalten, außerdem mußten die Soldaten bei den widerspenstigen
Einwohnern einquartiert werden.
Nola ist ein kleines, ungefähr fünf Stunden von Neapel entferntes, am
Fuß einer bis zum Vesuv reichenden Hügelreihe liegendes Städtchen, das
an siebentausend Einwohner zählen mag, schon in der hetrurischen und
römischen Geschichte eine nicht unbedeutende Rolle spielte und von den
Hetruskern achthundert Jahre vor Christi Geburt gegründet wurde.
Hannibal belagerte sie, als eine bedeutende Stadt, im zweiten punischen
Kriege, wurde aber zweimal von Marcellus vor ihren Mauern geschlagen.
Augustus starb daselbst im fünfzehnten Jahre nach unserer Zeitrechnung.
-- Hier wurden auch die Glocken erfunden.
Ich kam gegen Abend zu Nola an. Die Leute wurden einquartiert, ich ließ
eine Wache von einem Korporal und sechs Mann aufziehen und begab mich,
nachdem ich alles gehörig angeordnet hatte, in das mir in einem
entlegenen Teil der Stadt und ziemlich weit von der Wache angewiesene
Quartier, einem kleinen Häuschen, das nur eine dürftig möblierte
Parterrewohnung hatte und in dem ich mich ganz allein mit meinem
Burschen befand. Nachdem ich etwas zu Nacht gegessen, setzte ich mich in
eine Ecke auf einen hölzernen Stuhl und las in Dantes >_Comedia
divina_<, die ich mitgebracht hatte, während mein Bursche noch in
demselben Zimmer mit der Reinigung einiger Effekten beschäftigt war. Es
mochte ungefähr fünf Uhr in der Nacht (etwas nach zehn) sein, als
plötzlich ein Schuß fiel, der ganz in der Nähe losgegangen sein mußte.
Mein Bursche sprang schnell auf, riß Fenster und Laden auf und schrie:
»_Qu'est ce que cela veut dire?_« Aber in demselben Augenblick fielen
noch drei bis vier Schüsse, beinahe zu gleicher Zeit, deren Kugeln durch
das geöffnete Fenster in die Stubenwände drangen, ohne daß weder Louis
noch ich verwundet wurden. Ich hatte aber durch das Blitzen des Feuers
ziemlich deutlich bemerken können, daß sie aus dem Fenster eines
gegenüberliegenden Hauses gekommen waren. Der Bursche schlug nun
krachend Laden und Fenster zu, und ich sprang nach meinen Pistolen und
meinem auf dem Tische liegenden Säbel und beschloß, wenn es, wie ich
befürchtete, auf eine allgemeine Metzelei des Detachements abgesehen
wäre, mein Leben teuer zu verkaufen. Ich dachte an das Schicksal des
Kapitäns zu Gli Parenti und seiner Leute, hatte aber in einer so nahe
bei Neapel liegenden, sonst ziemlich friedlichen Stadt so etwas am
wenigsten vermutet. -- Mich vor das Haus bei dunkler Nacht ohne die
mindeste Lokalkenntnis zu wagen, war nicht rätlich, denn ich konnte, die
Tür verlassend, niedergemetzelt werden, ohne im mindesten dem
Detachement nützlich zu sein. Ich setzte mich unter diesen Umständen mit
dem Rücken gegen den Pfeiler, der die beiden Fenster meiner Stube
trennte, und legte meine scharf geladenen Pistolen und den blanken Säbel
auf den vor mir stehenden Tisch, während Louis sich mit seinem geladenen
Gewehr in die Ecke setzte, die der Tür und den Fenstern gegenüber sich
befand, damit er bei etwaigem Einbrechen gleich losschießen könne; die
Haustür verbarrikadierten wir außerdem mit Stühlen und was wir
vorfanden. So brachten wir wachend die ganze Nacht bis zum Grauen des
Tages zu, ohne daß sich weiter das mindeste regte. Die Nacht schien uns
gar kein Ende nehmen zu wollen. Glücklicherweise hatte Louis sich mit
ein paar Pokalen Wein versehen, den wir allmählich tranken; bei jedem
Zug, den wir taten, schien uns unsere Lage minder gefährlich, und als
der letzte Tropfen geleert war, schien das erste Tageslicht durch die
Fenster. Ich öffnete das eine, sah mich auf dem Platz vor dem Haus um
und erblickte keine Seele. Jetzt verließ ich meine Wohnung und suchte
die von derselben sehr entfernt liegende Wache auf, die ich im besten
Zustand antraf und deren Kommandant mir rapportierte, daß sie zwar in
ziemlicher Entfernung hätten mehrere Schüsse fallen hören, worauf sie
aber, da nachher alles wieder ruhig und still geblieben, nicht weiter
geachtet hätten. Ich ließ nun einen Tambour holen und sogleich
Generalmarsch schlagen. Eine halbe Stunde darauf war das ganze
Detachement mit Sack und Pack versammelt, auch nicht ein Mann fehlte bei
dem Appell, zu meiner großen Beruhigung, denn ich hatte mich des
Gedankens, daß es auf eine kleine sizilianische Vesper abgesehen
gewesen, die ganze Nacht nicht erwehren können; es war aber, wie es
schien, nur auf mich, als den Kommandanten der zur Exekution bestimmten
Truppen, und also auf eine dumme, zu nichts führende Rache abgesehen. --
Ich machte meinen Bericht, requirierte einen Wagen und sandte einen
Sergeanten mit demselben an die Kommandantur nach Neapel ab, ließ sodann
den Sindico holen, dem ich das Vorgefallene mitteilte, sowie daß ich
einstweilen, bis ich neue Verhaltungsbefehle aus der Hauptstadt habe,
mit meinen Leuten das Rathaus in Besitz nehme, was ich auch sofort
vollzog. Der Mann zog die Achseln, mit einem »_Non so niente_,« und als
ich ihm das Haus bezeichnete, aus dem, wie ich glaubte, die Schüsse
gefallen seien, meinte er: »_Impossibile, son bravissimi gente._« --
Noch denselben Tag kam ein Offizier mit sechzig Mann Verstärkung von
Neapel an und brachte mir eine Instruktion, nach welcher ich so ziemlich
_carte blanche_ hatte und die auferlegten Tagegelder für die Offiziere
und Truppen nun verdoppelt wurden, mir auch an die Hand gegeben wurde,
daß es mir frei stehe, bei den Zivilbehörden fünfzig bis hundert Mann
mehr anzugeben, als ich wirklich habe. Ich ließ nun den alten gräflichen
Palazzo sogleich zu einer Kaserne einrichten, requirierte Betten und
Gerät für die Mannschaft und zeigte dem Sindico an, daß jeden Tag, so
lange wir hier seien, für zweihundert Mann Brot, Fleisch, Wein, Gemüse
und so weiter durch einen Fournisseur zu liefern seien, sowie die durch
das Generalkommando bestimmten Tagegelder. Ich hatte nur
einhundertvierzig Mann und ließ mir die Lebensmittel für die nicht
vorhandenen sechzig vom Fournisseur bar zu einen Franken per Mann
bezahlen; ich hätte hundert mehr rechnen dürfen, so daß ich mit dem Geld
nun eine bare Einnahme von mehr als zweihundert Franken täglich hatte,
von denen ich jedoch die Hälfte meinen beiden Offizieren überließ. --
Die Täter, welche geschossen hatten, waren nicht zu ermitteln, mit
völliger Bestimmtheit konnte ich auch das Haus nicht angeben, denn es
war Nacht gewesen, und ich konnte mich irren. Die von der Stadt zu
zahlende Kontribution wurde jetzt verdoppelt. Aber nicht bloß mit guten
Lebensmitteln mußte uns der Fournisseur versehen, sondern auch mit
anderen Dingen, und namentlich hübsche Landmädchen mußte er den
Offizieren zuführen, was er auch zu unserer vollkommensten Zufriedenheit
besorgte, damit uns die Langeweile nicht plagte. Mich hatte er mit einem
recht artigen Bürgermädchen, das sich Chiaretta nannte, versehen, die
während unseres Aufenthalts Wohnung und Tisch mit mir teilte. --
Nach vierzehn Tagen hatte die Stadt den größten Teil der Kontribution
und auferlegten Strafgelder entrichtet und brachte es dahin, daß sie die
ungebetenen und teuren Gäste los ward. Wir beschenkten bei unserem
Abmarsch reichlich unsere bisherigen Gesellschafterinnen und entließen
sie in Gnaden; sie fanden uns weit liebenswürdiger als ihre
neapolitanischen Galans und wären gerne mit uns gegangen. Ich brachte
für meinen Teil über tausend Ducati von dem Kontributionsgelde mit nach
Neapel, wo wir kurz vor Weihnachten eintrafen. Ich machte nun in fast
allen Kirchen die Runde, um die Vorbereitungen zu diesem hier sehr
hehren Fest zu sehen, wo man in jedem Tempel die Geburt Christi auf
verschiedene Weise darstellt; die meiste Zeit hielt ich mich aber in der
großen Karmeliterkirche auf, um die Schönen Neapels auf der Treppe zu
dem wunderbaren Kruzifix mit den immer wiederwachsenden Haaren vor mir
defilieren zu lassen. In der Nachmittagsstunde des ersten Feiertags
kamen zwei reizende Gestalten in der schwarzseidenen Nationaltracht, ich
möchte fast sagen auf den Stufen herangeschwebt, denn nie sah ich
niedlichere Füßchen mit Zephirtritten über die Erde gleiten, die zu dem
Wunderbild führten. Ich hatte mich oben in einiger Entfernung von dem
Kruzifix postiert, von welchem mir ein ehrbarer Priester versichert
hatte, daß die Stadt einmal -- der Mann wußte selbst nicht recht, wann,
vielleicht schon vor Christi Geburt[7] -- von den Türken beschossen
worden wäre, wobei eine Kanonenkugel gerade auf das Haupt des Kruzifixes
gefallen sei, welches aber dieselbe dem Feinde auf der Stelle
zurücksandte und ihm mit dieser einzigen Kugel über fünftausend Mann
tötete, wodurch er zum Rückzug und eiliger Flucht genötigt und die Stadt
befreit ward. (Von diesem wichtigen Ereignis weiß aber kein
Geschichtschreiber etwas.) Seitdem wachsen diesem Kruzifix die vier
Schuh langen Haare alljährlich wieder. Auf meine freilich etwas
naseweise Frage, warum denn der Heiland, wenn er doch einmal Wunder tun
wolle, es nicht vor jedermanns Augen tue und die Haare sogleich wieder
wachsen lasse, antwortete mir der Pfaffe mit schlauem Gesicht: »_Chi puo
approfondare le raggione di Dio._« Und damit war ich, wie sich's
gebührt, abgefertigt. Bei dieser Ausstellung wurde dem Volk mit
vielsagender Bedeutsamkeit verkündet, daß das Kruzifix unfehlbar recht
bald wieder ein neues Wunder vollbringen würde. Die Erbitterung des
Volkes war trotz Murats Reformen und dank den sizilianischen Umtrieben
auf das höchste gestiegen, auch war man in den letzten sechs Monaten
nicht weniger als einem halben Dutzend mehr oder minder ausgedehnten
Verschwörungen auf die Spur gekommen.
[Fußnote 7: Ein alter Karmelitermönch hatte in der Tat einem
französischen Offizier einmal ernstlich versichert, daß dies noch vor
Christi Geburt geschehen sei, was bei der bekannten großen Unwissenheit
dieser Herren Fratres eben nicht zu bewundern ist.]
Meine beiden ätherischen Schönen waren indessen herangekommen, und das
Gesicht der einen entsprach ganz ihrem graziösen Wuchs; es war eine
_Beltà rarissima_, auch die andere war so übel nicht. Ich ließ die
beiden Signorinnen nicht mehr aus den Augen. Als sie ihr Gebet
verrichtet und ihr Opfer gebracht hatten, eilte ich ihnen voran die
Stufen hinab, um ihnen das Weihwasser zu reichen, das sie freundlichst
von mir annahmen. Ich folgte beiden durch viele Kreuz- und Querstraßen;
sie hatten es bemerkt, und an einem nicht sehr ansehnlichen Haus in der
Vorstadt, die nach Capua zu liegt, angekommen, sahen sie sich noch
einmal um und verschwanden in der Haustür. Ich ging nun noch einigemal
vor demselben auf und nieder, bemerkte bald die Schönen hinter einem
Fenster und machte den kommenden Tag Fensterparade zu Pferde, Kapriolen
und Lançaden vor deren Wohnung und wurde ebenfalls bemerkt. Bald hatte
ich durch eine alte dienstfertige Ruffiana, der ich einen Piaster
spendete, herausgebracht, daß die beiden Damen zwei Schwägerinnen seien
und die eine die Gattin eines _nobile caduto_, der ein kleines Amt
bekleide und Carfori heiße, die andere aber die schöne Isaura Carabelli
sei, deren Mann, als der Regierung verdächtig, sich schon seit einiger
Zeit geflüchtet und sich wahrscheinlich in Sizilien aufhalte. Mit Hilfe
der Alten erhielt ich schnell Zutritt bei den Damen, denen ich anfangs
beiden den Hof machte, ohne mich bestimmter für die eine oder die andere
zu erklären, aber damit endete, mich an die schöne Isaura zu halten,
ohne jedoch ihre geistreichere Schwägerin ganz aufzugeben, deren Gatte
gegen meine Bekanntschaft nichts einwendete, da er glaubte, meine
Besuche gelten einzig der anderen Dame. Ich führte sie nun auf die
Promenade, in die Theater, wir klimperten des Abends Gitarre zusammen,
sangen Canzonetti, und der herannahende Karneval versprach der
Vergnügungen gar mancherlei, doch vernachlässigte ich auch Helene nicht
und besuchte sie von Zeit zu Zeit. -- Murat begann nun auch seinen Hof
zu organisieren und zog die ersten Schönheiten des Adels an denselben,
der bald äußerst glänzend wurde und an dem die neue Königin Karoline
wohl nebst der Herzogin von Atri und der Marchesa Cravagante die ersten
Schönheitssterne waren.
Ich führte, den noch immer beschwerlichen Dienst abgerechnet, ein
ziemlich angenehmes Schlaraffenleben, besuchte mit meinen Schönen die
prächtigen Festini der großen Theater und traf bei dieser Gelegenheit
auch einmal auf meine hübsche Apothekersfrau, was ein maskiertes
Rendezvous zwischen uns veranlaßte, dem noch mehrere folgten. Ich war zu
dieser Zeit wieder in dem Torrione del Carmine kaserniert, wo auch vier
Kompagnien vom ersten Bataillon des Regiments Y... lagen. Vor wenigen
Tagen war ein Neapolitaner von einer angesehenen Familie, die ihr
Familienbegräbnis in der kleinen Kapelle in dem Hof der Karmeliterburg
hatte, daselbst begraben worden, und wie es hier Sitte, war der mit
einigen Kleinodien geschmückte Leichnam eine kurze Zeit im offenen Sarg
zur Schau ausgestellt worden. Einige Tage darauf verbreitete sich das
Gerücht unter den Soldaten im Fort, es spuke in der Kapelle und man höre
gegen Mitternacht ein Getöse, welches einem entfernten Klopfen auf
Steine gleiche. Niemand achtete anfänglich darauf, man hielt die Sache
für ein gewöhnliches Soldatenmärchen, bis sich ein paar Offiziere durch
die wiederholte Beteuerung der Schildwachen von der Wahrheit dieses
Getöses überzeugten; so auch ich, der über die Sache gelacht hatte. Wir
berichteten dem Kommandanten des Forts darüber, dem zugleich rapportiert
worden war, daß der Kirchendiener eines Morgens einen großen Grabstein
aus seinen Fugen gehoben und mehrere Fensterscheiben eingeschlagen
gefunden habe. Man hielt die Sache vorerst möglichst geheim, und in der
kommenden Nacht begab sich der Kommandant mit mehreren Offizieren in die
Kapelle. Wir vernahmen, das Ohr gegen den Boden haltend, bald ein
entferntes dumpfes Getöse und glaubten sogar ein verworrenes Gemurmel
von Männerstimmen zu hören. Erst geraume Zeit nach Mitternacht wurde es
wieder stille. Der Kommandant ließ nun ohne Ausnahme sämtliche Truppen
in dem Fort konsignieren.
Nach der Wachtparade wurden Sappeurs beordert, das Gewölbe in der
Kapelle zu öffnen, worauf der Kommandant mit mehreren Offizieren und mit
Laternen tragenden Unteroffizieren hinabstieg. Ein widriger Moder- und
Leichengeruch kam uns entgegen, und beim weiteren Vordringen erlöschten
bald die Lichter in den Laternen, so daß wir zum Rückzug genötigt waren.
Es wurden nun Kohlenpfannen, Weinessig und Pechfackeln herbeigeholt, mit
Essigdampf gehörig geräuchert, und wir stiegen dann zum zweitenmal unter
hellem Fackelschein in die Gruft hinab, aber dennoch nasse Tücher vor
den Mund haltend, um uns gegen den noch immer starken pestartigen Geruch
zu verwahren. Unten angekommen, schritten wir über verweste Körper und
Haufen von Menschenknochen. Die Fackeln voran, sahen wir nur ein durch
Mauern beschränktes, nicht sehr großes Gewölbe; schon machten wir
Anstalt, uns wieder zu entfernen, als einer der Sappeurs hinter einem
dicken Mauerpfeiler eine über zwei Schuh breite Öffnung entdeckte, die
erst ganz frisch in die Mauer gebrochen zu sein schien. Dicht an dieser
Öffnung fanden wir ein kleines Fäßchen, das wir bei näherer Untersuchung
zu unserem großen Erstaunen mit Pulver gefüllt fanden. Jetzt traten wir
einer nach dem anderen durch die Öffnung und befanden uns in einem sehr
geräumigen, von vielen Pfeilern gestützten Souterrain, das sich in allen
Richtungen hin unter dem Karmeliterfort ausdehnte, und fast bei jedem
Pfeiler stand ein solches Fäßchen. Nachdem wir uns in diesem Gewölbe
umgesehen, entdeckten wir abermals eine größere bogenförmige
Durchbrechung in der Mauer, die in der Richtung des Karmeliterklosters
lag, und durch diese gehend, befanden wir uns in den Grüften und
Gewölben der großen Klosterkirche, wo wir sehr viele Leichen
verstorbener Mönche fanden. Daß hier ein gräßliches Vorhaben ausgeführt
werden sollte, war klar. Der Kommandant stellte sogleich in diesem
unterirdischen Labyrinth Wachen aus, mit dem Befehl, sobald sich jemand
sehen ließe, ihn festzuhalten. Da, wo wir eine Treppe und an deren Höhe
eine eiserne Falltür wahrnahmen, die ohne Zweifel von dem Kloster aus in
diese Gruft führte, wurden rechts und links zwanzig Mann mit
scharfgeladenen Gewehren postiert. Ein Offizier erhielt die Aufsicht
über das Ganze. Wir kehrten nun zur Oberwelt zurück, auf den Ausgang
dieser mysteriösen Sache höchst begierig. Der Kommandant meldete die
gemachte Entdeckung sogleich höheren Orts, es wurde augenblicklich ein
Ministerkonzil zusammenberufen, in dem man übereinkam, die Eingänge des
Karmeliterklosters und der Kirche durch verkleidete französische
Militärs und ergebene Polizeiagenten gehörig bewachen zu lassen, ohne
vorerst Lärm zu machen, und noch eine halbe Kompagnie in die Souterrains
zu beordern, welche der kommandierende General nebst dem Kriegs- und
Polizeiminister selbst ganz insgeheim untersuchten; sie ließen die
Pulverfässer sogleich wegschaffen. Gegen Abend wurden alle Posten in der
Stadt verdoppelt und die Truppen in den Kasernen zum Ausrücken bereit
gehalten. Man hoffte einige der Rädelsführer oder doch in das Geheimnis
eingeweihte Individuen, die, wie es schien, ihre Arbeiten nur in der
Nacht verrichteten, in den Gewölben zu fangen, um so der Sache auf die
rechte Spur zu kommen und die nötigen Vorkehrungen treffen zu können.
Hätte man sogleich mit der Besitznahme des Klosters und der
Verhaftnehmung der Mönche begonnen, so hätten leicht die Hauptanführer
der Verschwörung, deren Verzweigung man nicht kannte, entwischen oder
gar einen allgemeinen Aufstand veranlassen können, was man um jeden
Preis verhüten mußte.
Es mochte etwa eine Stunde vor Mitternacht sein, als die an der Treppe
postierte Mannschaft die äußeren Riegel der Falltür zurückschieben und
den Schlüssel in einem Schlosse umdrehen hörte. Sogleich wurden die
Blendlaternen, welche die Wachtmannschaften bei sich hatten,
geschlossen, und die Leute versteckten sich unter den Bogen der
gewölbten Treppe und hinter den Pfeilern. Jetzt drehte sich knarrend die
eiserne Pforte in ihren Angeln, und mehrere Mönche, denen eine Anzahl
Arbeiter folgte, mit ein paar verkleideten Männern an der Spitze,
stiegen vorsichtig die Treppe herab. Sobald der letzte unten war, traten
die hinter der Treppe versteckten Grenadiere sowie die übrigen aus ihren
Schlupfwinkeln hervor und umzingelten den ganzen Haufen. Man kann sich
die Bestürzung und das Erschrecken der Verschworenen denken, von denen
sich sogleich einer einen Dolch in die Brust stieß und tot niederfiel;
die übrigen wurden festgehalten und gebunden in die Kasernengefängnisse
gebracht. Unter ihnen befand sich ein Duca und ein Marchese. Das Kloster
wurde nun auch mit Wachen umgeben, niemand weder hinein- noch
herausgelassen und mehrere verdächtige Personen, die sich am anderen
Morgen in dasselbe begeben wollten, sofort verhaftet. Alle Gefangenen
wurden den kommenden Tag nach der Vicaria unter starker Bedeckung in
verschlossenen Wagen abgeführt. Viele Personen, die in dieser sehr
ausgedehnten Verschwörung verwickelt waren, flüchteten, als sie dieselbe
durch die Maßregeln, die man bei den Karmelitern genommen, für entdeckt
hielten.
In der kommenden Nacht, wenn ich nicht irre vom 30. auf den 31. Januar,
wurde plötzlich Generalmarsch geschlagen, alles eilte zu den Waffen, und
ganz Neapel kam in gewaltigen Alarm, alle Einwohner zeigten sich an den
Fenstern und auf den Terrassen, durch alle Straßen ritten
Kavallerieabteilungen, und reitende Artillerie kreuzte jagend nach allen
Richtungen; es war ein Lärm, als sollte das jüngste Gericht beginnen.
Eine ungeheuer donnernde, die halbe Stadt erschütternde Explosion hatte
die Veranlassung gegeben, der Palazzo des Kriegsministers Salicetti war
in die Luft gesprengt worden, des Ministers hochschwangere Tochter wurde
samt ihrem Gatten nebst dem Minister selbst wie durch ein Wunder
unversehrt unter den Trümmern hervorgezogen, während fast alle anderen
Hausgenossen durch die Steinmassen erschlagen worden waren. Die Hälfte
des Zimmers, in dem des Ministers Tochter schlief, war mit deren Bett
stehen geblieben. Bald hatte man herausgebracht, daß der Sohn des
Apothekers Viscardi, Onoffrio, dessen Haus an das des Kriegsministers
Salicetti grenzte, dasselbe in die Luft gesprengt, der von Palermo eine
eigens zu diesem Zweck verfertigte Maschine mitgebracht. Alle Viscardi
wurden bis auf einen, der Mittel gefunden hatte, sich nach Sizilien zu
flüchten, eingezogen und hingerichtet. Der Minister selbst starb noch in
demselben Jahre an Gift.
Höchst sonderbar war es aber, daß das Ministerium die Untersuchung gegen
die in den Souterrains des Karmeliterklosters Gefangenen, von denen man
nie erfuhr, was aus ihnen geworden, sehr geheim betrieb und bald ganz
niederschlug. Ein Gerücht war damals im Umlauf, welches besagte, die
Salicetti hätten selbst um die beabsichtigte Sprengung des Torrione del
Carmine gewußt, wären aber von den Verschworenen nur als Werkzeuge
gebraucht worden, damit diese um so sicherer ihre Pläne hätten
durchsetzen können, und würden dennoch beim Ausbruch den Minister, der
wegen seiner Gewaltstreiche und Erpressungen allgemein verhaßt war, mit
seinen Anhängern in die Luft gesprengt haben. Nun bleibt mir noch
mitzuteilen übrig, durch welche sonderbaren Umstände man zuerst auf die
Spur der beabsichtigten Sprengung des Forts gekommen war.
In einer Kompagnie des Regiments Y..., die im Carmine lag, befanden sich
zwei Ungarn, die dem Versenken der obenerwähnten Leiche in der kleinen
Kirche mit beigewohnt und bemerkt hatten, daß der Verstorbene mehrere
Ringe von Wert und ein mit Steinen besetztes Kreuz mit in die Gruft
nahm. Nach ihrer Meinung waren diese Dinge den Lebenden weit nützlicher
als den Toten, sie beschlossen demnach, sich dieselben zuzueignen, und
ließen sich deshalb eines Abends, in der Kapelle hinter einem
Beichtstuhl versteckt, von dem halbblinden Kirchendiener einschließen.
Als alles ganz ruhig war, begannen sie gegen Mitternacht einen
Gruftstein, durch den man die Leiche hinabgesenkt, mit eisernen Stangen,
die sie mitgebracht, zu lüften, bald aber vernahmen sie das
unterirdische Getöse, und in dem Glauben, die Toten stünden auf, ihre
Kostbarkeiten zu verteidigen, ließen sie schnell den Stein wieder fallen
und machten sich durch die Kirchenfenster, von denen sie einige Scheiben
eingedrückt, davon. Durch sie wurde zuerst das Gerücht von dem
unterirdischen Spuk in der Kaserne verbreitet, und man erfuhr durch
sorgfältige Nachforschungen dessen Ursprung. Für diesmal sah man den
beiden Soldaten in bezug auf das vorgehabte und nicht vollführte
Verbrechen, wegen der daraus entstandenen Rettung der ganzen Garnison
und vielleicht des Königreichs selbst, durch die Finger.
Trotzdem Murat sehr den Pomp, Feste und Vergnügungen liebte, versäumte
er doch nichts, was nach seiner Meinung dazu beitragen konnte, die
Regierung seines Reiches zu befestigen und sich beliebt zu machen. Er
führte den _Code Napoléon_ ein, was nicht sehr politisch war, da dieses
Gesetzbuch nicht wie das Zeug zu einem Kleid einem jeden Individuum,
jedem Volk angepaßt werden kann und große Mängel bei manchem Guten hat,
am allerwenigsten aber für Neapel oder Spanien paßte, Nationen, die noch
so weit in der Kultur zurück waren. Er suchte auch das Unterrichtswesen
zu verbessern, errichtete eine Nationalbank, tat manches für Kunst und
Wissenschaften, ohne selbst viel davon zu verstehen, gab der
Nationalgarde eine neue Organisation und so weiter. Die Küsten ließ er
jetzt fast ausschließlich durch französische Truppen, von denen noch
etwa zwanzigtausend Mann in seinem Reich lagen, besetzen. Die
neapolitanischen Truppen, die er in einem erbärmlichen Zustand antraf,
suchte er bestmöglichst zu disziplinieren, er vermehrte seine Garde mit
zwei Regimentern und ließ viele französische Offiziere mit erhöhten
Graden in neapolitanische Dienste übertreten, um einen besseren Geist in
das eingeborene Militär zu bringen und dasselbe an bessere Ordnung zu
gewöhnen. Ich verspürte indessen keine Lust, mich dazu zu melden, da das
neapolitanische Militär zu wenig geachtet war, auch galt diese Erhöhung,
die selbst eine Zurücksetzung für die Neapolitaner war, nur
Subalternoffizieren bis zum Grad eines Kapitäns, diese wurden aber nicht
zu Stabsoffizieren im Fall eines Übertritts ernannt, sondern mit
gleichem Grad bei der Garde angestellt. Der höhere Grad, sehr glänzende
Uniformen verlockten manchen zum Übertritt. Gioachimo, wie ihn die
Neapolitaner nannten, errichtete auch eine besondere Ehrengarde, welche
aus den Söhnen der vornehmsten und reichsten Familien vom Adel, der
Gutsbesitzer, Angestellten und Kaufleute formiert wurde. Alle Wochen
hielt er mit viel Prunk und Ostentation Musterungen der verschiedenen
Truppenkorps, wobei ihn ein sehr reich gekleideter Stab und großes
Gefolge umgaben. Aber die Franzosen in Neapel, die sich sehr viel von
seinem Regierungsantritt versprochen hatten, waren keineswegs mit ihm
zufrieden und fanden sich in ihren freilich sehr sanguinischen und nicht
wohl zu erfüllenden Hoffnungen getäuscht.
Murat ließ jetzt eine Zählung der Bevölkerung seines Reiches vornehmen,
und es fanden sich ungefähr fünf Millionen Seelen. Regnier, den er zum
Kriegs- und Marineminister ernannte, führte eine Konskription ein, durch
welche von tausend Einwohnern zwei militärdienstpflichtig waren. Es
wurden neue Regimenter errichtet und die Fahnenweihe derselben mit
großer Feierlichkeit in der Villa Reale vorgenommen. Zu diesem Zweck war
ein Thron daselbst unter freiem Himmel aufgeschlagen worden, von welchem
der König die Zeremonien mit ansah; der Erzbischof weihte die Fahnen.
Die ganze Garnison, über zwanzigtausend Mann, stand bei dieser
Gelegenheit unter den Waffen; unter dem Donner der von allen Forts
abgefeuerten Kanonen wurde ein Tedeum gesungen, worauf die Truppen vor
dem zufrieden lächelnden Herrscher defilierten. Hierauf setzten sich die
aus französischen und neapolitanischen Regimentern erwählten
Abgeordneten und Legionisten an eine mit dreitausend Gedecken belegte
Tafel, an der sie bei diesem Fest gespeist wurden, nieder, wo man sie,
während dreihundert kriegerische Instrumente spielten, trefflich auf
Kosten der Munizipalität bewirtete. Das Ganze konnte einen Begriff von
einer altrömischen Volksspeisung geben. Die Gäste ließen unter Sang und
Klang und dem Akkompagnement von Artilleriesalven Napoleon und Murat und
ihre splendiden Wirte hochleben. An tausend Legionisten traten noch
denselben Tag in wirkliche Kriegsdienste.
Murat hatte außer der öffentlichen Huldigung, die er dem heiligen
Januarius besonders wegen Capri dargebracht, auch noch die hohen Diener
des Heiligen und die Prälaten der Schatzkapelle, welche schwere goldene
Medaillen erhielten, bedacht. Sogar nach Loretto hatte der fromme
Monarch einen goldenen, mit Brillanten und Rubinen besetzten Pokal der
Madonna verehrt, nachdem derselbe vorher dem Volk von Neapel zur Schau
ausgestellt worden war, damit es erkennen möge, welch gut katholischen
Christen es zum gnädigen Herrscher habe! Dies war nicht schlecht
kalkuliert.
Noch eine andere Gelegenheit benützte Gioachimo I., seine geliebten
Untertanen durch Festivitäten zu erfreuen. Als nämlich die Brücke
beendigt war, welche die Hauptstraße des Landes, die ein tiefes Tal
zerschnitt, vereinigte, ließ er sie Napoleonsbrücke taufen und mit
großer Pracht und viel Zeremonien einweihen, auch stattete er an seinem
Geburtstag (25. März) hundert heiratslustige und -fähige Ragazze (junge
Mädchen) aus, die er sodann auf großen vierspännigen Wagen, auf denen
Napoleons mit Lorbeeren gekrönte Büste war, im Hochzeitsschmuck und mit
Musik durch die Hauptstraßen Neapels unter dem großen Jubel des Volks
fahren ließ. Bald darauf zog er aber viele der reichsten Klöster ein,
verbot das fernere Begraben der Toten in den Kirchen der Stadt,
bestimmte vermittelst eines Dekrets den öffentlichen Begräbnisplatz an
der Grotte von Puzzuoli, wodurch er sich Pfaffen, Mönche und viele
Fromme unter dem Volk, das jenen weit mehr anhing, als er glaubte, zu
heimlichen Feinden machte.
Auf der anderen Seite machte er auch das französische Militär mißmutig,
indem er Reklamationen und Klagen gegen dasselbe oft mit fast
parteiischer Vorliebe anhörte, um sich, wie er vermeinte, dadurch um so
beliebter bei den Einheimischen zu machen. Die ihn umgebenden
Neapolitaner, seiner Eigenliebe schmeichelnd, machten ihn glauben, daß
die Aufregung in den Provinzen hauptsächlich daher rühre, weil man
französische Militärkommandanten in dieselben gesetzt, die mit großer
Willkür und sehr despotisch handelten, was zum Teil auch an dem war. Er
nahm nun denselben diese Kommandos ab und besetzte sie mit
Einheimischen, sowie auch andere Stellen; dies brachte die Franzosen
auf, welche jetzt ihren Dienst oft vernachlässigten, was Ursache war,
daß die Insurgenten bald ihr Haupt neuerdings und drohender erhoben.
Hierzu kam noch, daß das Desertieren der Unteroffiziere und Soldaten
französischer Regimenter, um bei den neugebildeten neapolitanischen
Truppen angestellt zu werden, von oben begünstigt wurde, so daß in
kurzem mehr als viertausend Mann, über dreihundert von unserem Regiment,
die französischen Adler verließen, um die weit schönere neapolitanische
Uniform anzuziehen. Alle Beschwerden der Obersten deshalb blieben
fruchtlos, und als Murat und seine Minister erfuhren, daß sich die
Kolonels deshalb an den Kriegsminister nach Paris wandten, wurden sogar
deren Depeschen auf der Post geöffnet und, wenn sie solche Beschwerden
enthielten, zurückbehalten, weshalb die Obersten nun ihre Briefe auf
Umwegen über die Grenze von Neapel auf römische Posten schickten.
Napoleon selbst schien über dieses Treiben seines Schwagers sehr
ungehalten zu werden, der aber jetzt, da er König war, auch die Idee
hatte, als selbständiger Regent herrschen und sich der Obervormundschaft
des Kaisers entziehen zu wollen. Gern hätte er alle französischen
Truppen und Generäle aus dem Land geschickt, wenn er es hätte möglich
machen können.
Ich hatte die Karnevalszeit diesmal recht froh und lustig in Neapel
zugebracht und allerlei Intrigen angesponnen, die ich auch in der
stillen Fastenzeit noch fortzusetzen für unterhaltend fand, als unser
Bataillon plötzlich den Befehl erhielt, nach dem Kirchenstaat
aufzubrechen, wohin wir den wohlbekannten Weg über Capua, Fondi,
Terracina und so weiter bis Velettri zurücklegten.