XII.

Erste Belagerung von Saragossa. -- Palafox. -- Außerordentliche

Verteidigungsanstalten der Aragonier. -- Vorgänge bis zur

Belagerung. -- Überblick der Geschichte Saragossas. --

Heldenmütige Verteidigung dieser Stadt durch ihre Einwohner. --

Eine Heroine. -- Ein seltsames Stiergefecht. -- Furchtbarer

Straßen- und Häuserkampf. -- Die gefangenen Nonnen. -- Aufhebung

der Belagerung. -- Marsch nach Barcelona. -- Ich werde stark

verwundet und krank. -- Aufenthalt zu Barcelona. -- Spanische

Sitten, Tänze, Theater usw. -- Abreise zur See nach Frankreich.

Als die Vorfälle vom 2. Mai zu Madrid in Aragonien bekannt wurden,

erregten sie daselbst wie in dem übrigen Spanien den höchsten Unwillen

und erfüllten das Volk mit tödlichen Haß gegen die Franzosen. Die Folge

war, daß man auch hier die allgemeine Bewaffnung der Einwohner

organisieren wollte, was aber der Generalkapitän Don Jorge de Guillelmi

aus Furcht vor den Franzosen, und um abzuwarten, welche Wendung die

Dinge nehmen würden, zu verhindern suchte, sogar dem Palafox, dessen

ungestümen Mut und feurigen Patriotismus er fürchtete, den Befehl gab,

Saragossa zu verlassen. Dieser zögerte jedoch unter allerlei Vorwänden,

zu gehorchen. Dies mag wohl mit die Ursache gewesen sein, daß wir die so

leicht zu verteidigenden Zugänge bis hierher unbesetzt gefunden hatten.

Als aber die Nachricht von den Begebenheiten zu Bayonne und von

Ferdinands erzwungener Abdankung in Saragossa bekannt wurde, da

vermochte nichts mehr das unter der Asche glimmende Feuer zu dämpfen,

und die Bürger zwangen den Generalkapitän, ihnen das Arsenal zu

überliefern. Als dies geschehen, zogen sie durch die Straßen, alle

männlichen Einwohner auffordernd, sich zur Verteidigung des gemeinsamen

Vaterlandes in der Aljaferia (dem Arsenal) mit Waffen zu versehen, was

sie mit dem Rufe: »_Viva Espana!_« taten. Jedermann versah sich mit

Gewehren, Pistolen, Schwertern und so weiter und die vorhandenen Kanonen

und Mörser wurden in möglichst besten Zustand versetzt. Palafox, der

Brigadier und Offizier der Leibwache war, achtundzwanzig Jahre zählte

und sich in einem Landhaus bei der Stadt aufhielt, wurde von bewaffneten

Haufen abgeholt, die ihm auf sein Begehren strengen Gehorsam zusagten.

Das Volk empfing ihn bei seinem Eintritt in die Stadt mit großem

Jubelgeschrei, als den Retter des Vaterlandes, erwählte ihn zu seinem

unumschränkten Anführer, zwang die Behörden, ihn als Generalkapitän von

Aragonien anzuerkennen, und führte ihn im Triumph in der Stadt herum. Er

erließ nun sofort einen Aufruf an alle Aragonier, sich für die Sache des

Vaterlandes zu bewaffnen, machte der heiligen Jungfrau del Pilar

öffentlich einen Besuch, küßte ihr vor allem Volk demütig die Hand, sie

als seine Souveränin anerkennend, und schwur mit lauter Stimme, Gut und

Blut dem Vaterlande zu weihen. Den in Saragossa ansässigen Franzosen

rettete er nicht ohne Gefahr das Leben, indem er sie in das Kastell und

von da nach Amporta in Sicherheit bringen ließ. Durch ein anderes Dekret

machte er Napoleon, dessen ganze Familie, sowie jeden französischen

Offizier und Soldaten, für jedes Haar verantwortlich, welches dem König

Ferdinand oder den Infanten, die man auf eine so heimtückisch

hinterlistige Weise nach Frankreich gelockt habe, gekrümmt würde, und

erklärte ferner alles, was in Madrid und Bayonne unter fremdem Einfluß

verhandelt werde, für null und nichtig, sowie, daß im Falle des Todes

der Infanten von Spanien, er den Erzherzog Karl, als den Enkel Karl

III., zu seinem König erwähle, auch keinem Franzosen Pardon geben würde,

wenn sich dieselben fernere Exzesse in Spanien erlaubten. Hieran

veranstaltete er eine große Prozession, ließ feierliche Messen lesen,

die Kirchen außerordentlich illuminieren, die Geistlichkeit auf das

freigebigste Absolution erteilen, sowie direkten Einlaß in den Himmel

für diejenigen, die im Kampf für die gerechte Sache fallen würden. Er

berief jetzt alle schon verabschiedeten Soldaten und Offiziere, die sich

in Aragonien befanden, zu den Fahnen, bildete aus ihnen und der jungen

Mannschaft Tercios, das heißt Regimenter, die in zehn Kompagnien

eingeteilt wurden, wie dies früher in Spanien der Fall war, und noch ehe

die Belagerung begann, hatten sich so viele Streiter eingefunden, daß

man nicht Waffen genug für sie herbeischaffen konnte. Einige Ortschaften

hatten ganze Kompagnien und einige Bezirke ganze Tercios gesandt, so daß

Palafox die Familienväter wieder beurlaubte und doch noch über

zehntausend Streiter behielt. Um auch die von Napoleon und der Junta zu

Bayonne einlaufenden Berichte zu paralysieren, berief Palafox

altspanische Cortes nach Saragossa, die am 9. Juni daselbst

zusammenkamen, Ferdinand VII. nochmals feierlich als König von Spanien

proklamierten, das ganze Volk zu den Waffen riefen, Palafox als

Generalkapitän bestätigten und dann eine _Junta de Gobierno_ ernannten.

Die Nachrichten, welche von der Schilderhebung Spaniens aus allen

Provinzen einliefen, trugen dazu bei, das Volk von Saragossa und Aragon

in Aufregung und Enthusiasmus zu erhalten. Eine Aufforderung der

Bayonner Junta, durch welche dem spanischen Volk die Waffen

niederzulegen und ihr zu gehorchen befohlen wurde, ließ Palafox sogar

drucken und in Masse verteilen. Er wußte wohl, daß dies das Volk noch

mehr begeistern und die entgegengesetzte der beabsichtigten Wirkung

hervorbringen würde. Nach der Niederlage der Spanier bei Mallen war

Palafox den anrückenden Franzosen bis nach dem drei Stunden von

Saragossa liegenden Alayon entgegengegangen, mußte sich aber, um nicht

abgeschnitten zu werden, zurückziehen. Viele Aragonier wurden nun in

Alayon von den Franzosen niedergemacht. Den 16. Juni stand

Lefebvre-Denouette mit seinem neuntausend Mann starken Korps, unter dem

auch das erste und zweite Weichselregiment und die polnischen Ulanen

waren, vor den Toren von Saragossa, wo sich ein Gefecht unter den

Olivenbäumen entspann, bei dem die Spanier in Unordnung in die Stadt

zurückgetrieben wurden. Was die Aragonier am meisten fürchteten, waren

die Ulanen, da sie sich gegen die Lanzen derselben, eine furchtbare

Waffe, die ihren Mann schon auf zehn bis fünfzehn Schritte erreicht,

nicht zu verteidigen verstanden. Die Spanier wurden, wie gesagt, in

Unordnung in die Stadt zurückgedrängt, aber ein französisches Bataillon,

das ihnen auf den Fersen folgte und fast mit ihnen zugleich

eindrang, mußte sich schnell wieder zurückziehen, als es die

Verteidigungsanstalten in den Straßen sah und einen Hinterhalt

fürchtete. Unerklärlich war es, warum an diesem Morgen Lefebvre den

Fliehenden nicht mit dem Gros seines Heeres in die Stadt folgte, die er

in der ersten Bestürzung mit geringem Verlust erobert haben würde. Der

Rückzug des kaum eingedrungenen Bataillons gab den Einwohnern und

Landleuten neuen Mut, und sie setzten die Stadt nun mit unermüdlichem

Eifer in den besten Verteidigungszustand. In den folgenden

vierundzwanzig Stunden hatte außer den Kindern niemand ein Auge

geschlossen, und Greise, Weiber und Mädchen aus allen Ständen machten

die Handlanger bei den Arbeiten.

Saragossa liegt in einer großen, ziemlich fruchtbaren und gut angebauten

Ebene, auf der rechten Seite des Ebro, auf dessen linker sich eine

Vorstadt befindet, welche durch eine steinerne Brücke mit der Stadt

verbunden ist. In ihren nächsten Umgebungen sind viel Oliven- und andere

Obstbäume, Gärten und Landhäuser. Das Flüßchen Huerba, eigentlich nur

ein Bach, ergießt sich ganz in der Nähe in den Ebro, zwei Brücken führen

über dasselbe. Saragossa beherrscht gewissermaßen die ganze Ebene,

welche vom Huerba, dem Xalon, dem Gatego und dem Kanal von Aragonien

bewässert wird. Die Stadt steht auf der Stelle, wo das alte, von den

Karthagern gegründete Salduba lag, aus dem Augustus bei seiner

Anwesenheit in Spanien eine römische Kolonie machte, der er den Namen

Cäsarea Augusta beilegte. Erst unter den Sueven wurde sie der römischen

Herrschaft entrissen. Als aber deren König Riciar durch Theodorich

besiegt wurde, fiel sie den Goten anheim, die sie bis zum Jahre 712

behaupteten, denen sie die ganz Spanien überströmenden Sarazenen unter

einem ihrer Anführer namens Tarce, der schon Murcia und Sevilla erobert

hatte, wieder abnahmen. Sie blieb nun unter der Herrschaft dieser

Ungläubigen, bis einer ihrer Statthalter, Ben-Alarabe, der sich der

Oberherrschaft des Kalifen entziehen wollte, Karl dem Großen dieselbe

unter der Bedingung antrug, daß er Gouverneur daselbst bleibe. Der

Kaiser nahm den Vorschlag an und Besitz von Saragossa, nachdem er schon

Pampeluna genommen. Nichtsdestoweniger fuhr sie fort, den Arabern zu

gehören und hatte ihre eigenen, sich von Statthaltern zu Königen

aufgeschwungenen Herrscher. Im Jahre 1118 eroberte Alphons der Streiter

nach heftigem Widerstand Saragossa, machte es zur Hauptstadt des

Königreiches Aragonien und sich zum König. Im sechzehnten Jahrhundert

wurde es durch die Vermählung Ferdinand des Katholischen mit Isabella,

Erbin der Reiche Leon und Kastilien, mit der spanischen Monarchie

vereinigt. Der Umfang der Stadt mochte etwa drei Viertelstunden

betragen. Sie hatte zum Teil ziemlich hohe Gartenmauern, namentlich an

dem Augustiner- und anderen Klöstern, welche die Stadt umgaben. In

früheren Zeiten war sie regelmäßig befestigt, aber aus ihren Werken

waren längst Straßen geworden, und nur hier und da sah man noch einen

alten Turm aus jenen Zeiten. Die Mauern, welche jetzt die Stadt umgaben

und mit den Garten- und Klostermauern zusammenhingen, hatten nirgends

über dreizehn Fuß Höhe bei drei bis Vier Fuß Dicke und waren von

Backsteinen, die Vorstadt hatte gar keine Einfriedigung. Die Zahl ihrer

beständigen Einwohner war ungefähr fünfzigtausend, und die ihrer Kirchen

und Klöster ein halbes Hundert. Von den letzteren waren einige, wie zum

Beispiel das von San Joseph, das auf der rechten Seite des Huerba lag,

kleine Festen oder Burgen. Die Anhöhe Monte Torrero, welche ungefähr

viertausend Schritte von diesem Kloster entfernt liegt und an der der

Kanal von Aragonien vorbeifließt, beherrscht die nächste Umgebung. Die

Aljaferia, ein viereckiges Schloß mit bombenfesten Gewölben und kleinen

Türmen, liegt nahe an der Westseite der Stadt, vor dem Sortillo-Tor, ist

mit einem tiefen Graben versehen und hat einige Bastionen. Dieses Schloß

war früher ein Palast der maurischen Könige und später der der Könige

von Aragonien, bis ihn die Regenten Spaniens der Inquisition überließen,

die ihren Sitz in demselben aufschlug und ihre Schlachtopfer in den

fürchterlichen unterirdischen Gefängnissen desselben verwahrte. Erst

Philipp V. machte im achtzehnten Jahrhundert auch eine Festung aus

demselben.

Unter den vielen Kirchen dieser Stadt sind sehr prächtige, die, sowie

die Klöster, besonders das der Dominikaner und der Inquisitionspalast in

der Stadt, große Schätze und Sehenswürdigkeiten besitzen. Diese Stadt

hat auch einen sehr schief gebauten überhängenden Turm, gleich denen zu

Bologna und Pisa, der sehr hoch ist und mitten auf einem freien Platz

steht. Die berühmteste Kirche ist die Unserer lieben Frauen del Pilar,

ein sehr prachtvolles, reiches Gebäude, das wir aber nur, sowie die

meisten anderen, aus gehöriger Ferne bewundern konnten. Die Spaziergänge

an den schönen Ufern des Ebro und des Huerba sind reizend und zum Teil

mit Torres (Landhäusern) und Alleen versehen. Die um die Stadt

herumliegenden Gärten, Huertas, sind meistens groß, hübsch und mit

Geschmack angelegt. Die vielen Klöster, welche zum Teil in der Nähe der

Tore liegen und aus Backsteinen erbaut sind, kann man gewissermaßen als

diese verteidigende Bastionen betrachten. Die mit gelblackierten

glitzernden Steinen bedeckte Kuppel der Kirche der Madonna _del Pilar_

und andere, sehen von ferne goldenen Dächern gleich.

In der Nähe von Saragossa fand am 20. August 1710 die berühmte Schlacht

statt, in welcher die Truppen Philipp V. von denen Karls von Österreich,

die sich um das Erbe Karl II. stritten, auf das Haupt geschlagen wurden.

Die Einwohner Saragossas, namentlich der niederen Klassen, sind ein sehr

kräftiger, starker Menschenschlag, und gegen Witterung und Entbehrungen

aller Art abgehärtet. Viele derselben kennen ein Bett nur dem Namen nach

oder besteigen ein solches zum erstenmal, wenn sie sich verheiraten.

Es war ein Kartätschenschuß, der zuerst unter die Reihen der in

Saragossa wie zu einer Parade einmarschierenden französischen Kolonne

fuhr, die vordersten Glieder derselben blutig niederwarf und die Truppen

zum schleunigen Rückzug aus der Stadt bewog. Lefebvre-Denouette hatte

statt eines feindlichen Angriffes und der Kanonenschüsse eine

bewillkommende Deputation erwartet. Er ließ zwar kurze Zeit darauf

Angriffskolonnen formieren, um die Westseite der Stadt zu stürmen, auch

war das Karmelitertor bald eingeschossen und genommen worden, aber dem

weiteren Vorrücken standen die todbringenden Feuerschlünde entgegen, die

des zu engen Raumes wegen nicht zu nehmen waren. Dabei wurde auch

unausgesetzt aus den Häusern auf die Truppen gefeuert. Eine Abteilung

von mehreren hundert Mann war zwar bis auf den Platz de la Misericordia

über einen Teil der Stadtmauern vorgedrungen und wollte dem Feind in den

Rücken fallen. Aber dieser Versuch fiel schlecht aus. Von der Übermacht

umringt, fielen die meisten unter den Streichen der Spanier, nur wenigen

gelang es, dem Tode für den Augenblick zu entrinnen, indem sie sich in

eine Kaserne retirierten, aus der sie jedoch ebenfalls bald wieder

flüchten mußten, da diese von den durch das Dach eindringenden

Landleuten in Brand gesteckt wurde. Jetzt führte man einen allgemeinen

Angriff, die Fahnen und Adler an der Spitze der Regimenter, gegen die

Stadt aus und stürmte unter dem Ruf: »_Vive l'Empereur!_« gegen die

Tore. Die Kavallerie sprengte voran, wurde aber durch das Kanonenfeuer

niedergeschmettert und zurückgetrieben. Nicht besser erging es der

nachrückenden Infanterie, welche dem Kartätschenhagel in den Straßen und

dem Kugelregen aus den Häusern ebenfalls weichen mußte. Als es den

Spaniern an Kugeln und Blei zu mangeln begann, holten Weiber und Kinder

solches aus den Magazinen herbei und brachten sie ihren Gatten, Vätern

und Brüdern, sogar alte Knöpfe, Nägel, Eisenblech und altes Eisen

schleppten sie hinzu, damit das Kartätschenfeuer unterhalten werden

konnte; ebenso Wein, Brot, Käse und Wasser zur Erfrischung der

Kämpfenden, denen sie oft die Bissen in den Mund steckten, während diese

luden und abfeuerten, und dabei schrieen sie unaufhörlich: »Es lebe

Maria _del Pilar_!« In die meist dreistöckigen, von Backsteinen erbauten

Häuser trugen sie schwere Steine, Balken, Eisen und so weiter, um es den

andringenden Truppen auf die Köpfe zu werfen. Eine Fahne, die ein

tödlich getroffener Unteroffizier vom zweiten Weichselregiment hatte

fallen lassen, holte ein zehnjähriger Knabe, unter den Kämpfenden

hinkriechend, und lief mit seiner Beute jubelnd davon. Schon lagen ganze

Haufen von Toten an den Toren und noch hatten die Franzosen wenig oder

gar kein Terrain gewonnen. Ein abermaliger allgemeiner, im Sturmschritt

stattfindender Angriff hatte keinen besseren Erfolg und wurde mit großem

Verlust zurückgeschlagen. Über dreitausend Mann, sechs Kanonen und

mehrere Fahnen hatte man schon vor Saragossa, einer nicht befestigten

Stadt, verloren, und die Aragonier schmückten sich mit den Waffen und

Kleidern der in der Stadt gefallenen Feinde. Nach der letzten Waffentat

wurde die folgende Nacht ganz Saragossa, gleichsam zum Hohn des Feindes,

illuminiert, und man brachte sie betend in den Kirchen zu. Während die

Franzosen den anderen Tag Streifzüge in die umliegenden Dörfer machten,

diese plünderten und Subsistenzmittel requirierten, warfen die Einwohner

neue Verschanzungen auf und setzten ihre Stadt in den besten

Verteidigungszustand, Batterien errichtend und alle Mauern und Gebäude

an derselben mit Schießscharten versehend. Sie hieben zugleich alle in

der Nähe befindlichen Bäume um und machten Verhaue an allen Eingängen

der Stadt, um der Reiterei das Vordringen unmöglich zu machen.

Angetragene Kapitulationen wurden stolz zurückgewiesen und durch

racheatmende Manifeste beantwortet, in denen es hieß: daß man alle

französischen Gefangenen niedermachen würde und so weiter. Die Mönche,

Geistlichen und Gerichtsspersonen machten Sicherheitsronden und

Patrouillen, man tat sogar Ausfälle auf die Belagerer und nahm ihnen

einige Kanonen weg. Indessen war Palafox, der einen nächtlichen Marsch

nach Epila mit siebentausend Mann, bei denen auch das neuorganisierte

Regiment Ferdinand VII. war, unternommen, zurückgeworfen worden und

hatte dabei mehrere Kanonen verloren. Wenige Tage darauf kam Verdier mit

seiner Division, nebst Belagerungsgeschütz von Pampeluna und auch unser

Bataillon vor Saragossa an. Verdier übernahm nun den Oberbefehl

sämtlicher Belagerungstruppen, die Belagerten erhielten aber auch von

Zeit zu Zeit Sukkurs. Kurz nach unserer Ankunft fand eine furchtbare,

die Erde erschütternde Explosion in der Stadt selbst statt. Das zu einem

Pulvermagazin umgeschaffene Seminarium, in welches man das Pulver von

Monte Torrero gebracht hatte, wurde durch Unvorsichtigkeit in die Luft

gesprengt. Die Wirkung war schrecklich. Es schien, als wanke der ganze

Erdboden, alle Häuser zitterten, und außer dem Seminarium lagen noch

einige zwanzig Gebäude in Trümmern und ihre Bewohner unter denselben

begraben. Nachdem die erschrockenen Einwohner aus den Häusern gestürzt,

und erfahren hatten, was die Ursache dieser entsetzlichen Erschütterung

gewesen, war ihre erste Sorge, neues Pulver anzuschaffen. Gewiß ist es,

daß, wenn wir die erste Bestürzung, in die dieses Ereignis die ganze

Stadt versetzt, benutzt und einen allgemeinen Sturm unternommen hätten,

wir leicht Herr derselben geworden wären. So aber ließ man beinahe

vierundzwanzig Stunden verstreichen, ehe man einen solchen Angriff

begann. Die Einwohner hatten Zeit gehabt, sich zu sammeln und zu

beruhigen, da sich noch hinlänglich Munition vorfand, und die Attacke

wurde auf allen Seiten abgeschlagen. Doch nahmen wir bald darauf den von

Bürgern und Bauern besetzten Monte Torrero, der die Stadt von der

Südseite dominiert, nach kurzem Widerstand, da er nicht besonders gut

verschanzt war. Der spanische Offizier, der daselbst kommandiert hatte,

Oberst Falio, wurde auf Befehl der Junta vor ein Kriegsgericht gestellt,

zum Tode verurteilt und erschossen. Auf dieser Höhe wurden nun Batterien

gegen die Stadt errichtet und dieselbe von hier aus heftig bombardiert.

Die meisten Bomben fielen in die Mitte der Stadt und richteten manchen

Schaden an, ebenso die Batterien von San Bernardo, und das Sturmläuten

von den Türmen währte nun Tag und Nacht ununterbrochen fort. Bei der

Nacht bildeten die Bomben und glühenden Kugeln feurige Bogen in der

Luft, ein furchtbar-schönes Schauspiel! Einige fielen in die Kirche

Madonna _del Pilar_, viele auch zischend in die Fluten des Ebro, und der

Schaden war nicht so groß als wir glaubten, obgleich schon weit über

tausend Bomben geworfen waren. Die in die Kirchen gefallenen Kugeln

hatten fast gar kein Unheil gestiftet, und die Priester machten das Volk

glauben, daß man es der Madonna zu danken habe, daß so viele feurige

Kugeln in den Fluß fielen. Unser Bataillon wurde zu einem Angriff gegen

das Portillo-Tor verwendet, und als wir nahe daran waren, die daselbst

errichteten Batterien, deren Kommandant schon gefallen war, zu nehmen,

stürzten sich ganze Haufen bewaffneter Bürger auf dieselben, machten sie

uns von neuem streitig und die Wegnahme unmöglich. Bei dieser

Gelegenheit zeichnete sich ein kaum neunzehnjähriges hübsches Mädchen,

das Augusta geheißen haben soll, durch einen selbst bei Männern seltenen

Heroismus aus. Sie hatte nämlich ihrem Geliebten, der daselbst kämpfte,

das Essen gebracht. Aber in dem Augenblick, als sie ankam, stürzte

dieser tödlich getroffen nieder. Das Mädchen warf das Essen zu Boden und

sich auf den geliebten Gegenstand, den sie fest umklammerte. Dann rafft

sie sich aber wieder schnell und gefaßt auf, ihre Blicke verraten

Schmerz, Zorn und Wut zugleich. Noch hält der Sterbende die brennende

Lunte, mit welcher er die geladene Kanone auf uns abfeuern wollte,

krampfhaft zuckend in der Hand. Sie entreißt ihm dieselbe, entzündet das

Geschütz, auf das wir im Begriff waren, einzudringen, und mehr als ein

halbes Dutzend der Unsrigen sinken tödlich getroffen nieder. Das Mädchen

war schön, hatte besonders einen herrlichen Wuchs, ihre zornglühenden

Wangen, ihre feuersprühenden Augen gaben ihr das Ansehen einer Pallas.

Durch das Beispiel dieser Heroine angefeuert, eilen die erst vor Staunen

starren Spanier ihr zu Hilfe. Es erhebt sich ein mörderischer Kampf um

die Kanonen, und wir müssen zuletzt mit bedeutendem Verlust vor den sich

immer mehrenden Haufen, in deren Mitte die neue Johanna d'Arc anfeuernd

kämpft, zurückweichen, die Kanone im Stiche lassend, die nun aufs neue

den Tod in unsere Reihen sendet. Das Mädchen war in der Tat sehr schön

und erschien uns hier als ein höheres, wunderbares Wesen. Alles hätte

ich darum gegeben, sie lebendig fangen zu können, und lange schwebte mir

dieses Bild vor Augen. Auch ich hatte einen Streifschuß am linken

Oberarm erhalten und zwei Kugeln waren mir durch den Hut gegangen. Hiebe

und Stiche hatte ich unzählige pariert. Die Spanier erlangten nun

verschiedene Vorteile und entrissen uns mehrere schon besetzte Punkte,

namentlich auch ein Kloster, das wir schon genommen hatten. Erst als wir

wieder unter den Oliven angekommen waren, ließ ich meine leichte Wunde

verbinden. Nachdem wir uns wieder mit frischer Munition versehen hatten,

die zum Teil von Calatayud geholt werden mußte, machten wir uns zu neuen

Angriffen bereit. Palafox schien ein wahrer Überall und Nirgends zu

sein. Bald war er in der belagerten Stadt, bald hieß es: er sei hinter

unserem Rücken mit einem bedeutenden Hilfskorps im Anzuge. Bald spukte

er auf dem rechten, bald auf dem linken Ufer des Ebro und so weiter, und

wohin er kam, belebte er alles mit neuem Mut. Eine der größten

Schwierigkeiten war, die nötigen Lebensmittel für unser Armeekorps

herbeizuschaffen. Bei diesem Geschäft wurden die zunächst liegenden

Städte und Orte beständig in Requisition gesetzt, die aber alle,

besonders die _cinco Villas_ (fünf verbundene Städte in der Umgegend),

sehr patriotisch und sehr feindlich gegen uns gesinnt waren, und kleine

Detachements bisweilen zu Gefangenen machten. Ein seltsames

Verteidigungsmittel hatte eine derselben, die Stadt Exea, ersonnen, als

sie mit Gewalt Lebensmittel und andere Dinge liefern sollte. Zwei

Kompagnien waren dahin abgeschickt worden, um die Requisition

beizutreiben. Sie marschierten auch ohne den mindesten Widerstand bis in

die Mitte der Stadt. Kaum aber hatten sie auf einem Platz derselben das

Gewehr bei Fuß genommen, als sich plötzlich die großen Tore eines langen

Gebäudes öffneten und einige zwanzig wütender Stiere heraus und auf sie

lossprangen. Zu gleicher Zeit wurde aus allen Fenstern der umstehenden

Häuser auf die Mannschaft gefeuert, die genug zu tun hatte, den

unbändigen gehörnten Feind abzuwehren. Der größte Teil dieses aus

hundertsechzig Mann bestehenden Detachements wurde getötet oder

gefangen, und nur einer kleinen Zahl gelang es, das Belagerungsheer zu

erreichen und den seltsamen Überfall und Kampf zu berichten. Dies war

gewiß ein ganz eigenes Stiergefecht. Diese Stadt, deren Namen

Exea-de-Los-Caballeros ist, und die zwölftausend Einwohner hat, liefert

die vorzüglichsten Stiere zu den gewöhnlichen Stiergefechten.

Der Kampf in und um Saragossa währte ununterbrochen fort. Ein Bataillon

aragonischer Freiwilliger, das kürzlich unter dem Schall der Musik

einmarschiert war, machte einige glückliche Ausfälle, wobei es sogar

einige unserer Batterien demolierte. Außerdem wurden wir auf unseren

Flanken und im Rücken fast unaufhörlich von Guerillas beunruhigt, die

sich jetzt zu zeigen begannen und die wir nur mit Mühe abwehren konnten.

Bomben und Granaten wurden nur noch spärlich in die Stadt geworfen, der

wir durch die Arbeiten der Ingenieure immer näher zu kommen suchten.

Endlich gelang es, eine Brücke über den Ebro unterhalb Saragossa zu

schlagen, und so auch auf dem linken Ufer dieses Flusses Posto zu

fassen, durch welchen die Kavallerie, da er sehr seicht war, ritt. Wir

suchten nun auch die Vorstadt einzuschließen und so der Stadt alle

Kommunikation mit der Umgegend abzuschneiden, verbrannten die Mühlen,

wodurch die Belagerten gezwungen waren, Pferdemühlen in der Stadt

einzurichten, um Mehl zu haben, ebenso die Fabrikation des Pulvers

innerhalb ihrer Mauern vorzunehmen, dessen sie täglich einige Zentner

verfertigten. Die Mönche füllten die Bomben und machten die Patronen.

Bei all dem konnten wir sie doch nicht so gänzlich einschließen, daß es

ihnen unmöglich gewesen wäre, von Zeit zu Zeit Zufuhren und

Verstärkungen einzulassen. Unterdessen machten unsere polnischen Truppen

einen Angriff auf das Kloster Sankt Joseph, das mit vielen

Schießscharten versehen war, wurden aber bei der ersten Attacke

zurückgeworfen. Bei einer zweiten gelang es ihnen, dasselbe mit

bedeutendem Verlust zu nehmen, wobei sie alles niedermachten, was ihnen

in die Hände fiel. Noch hartnäckiger war der Kampf um das

Kapuzinerkloster, wo man sich mit der größten Erbitterung von Zelle zu

Zelle, bis in die Kreuzgänge, die Kirche und an den Chor um den

Hochaltar herumschlug, und endlich wurde das Kloster von seinen

Verteidigern, als sie sahen, daß sie es nicht behaupten konnten, in

Brand gesteckt. Wir waren nun der Stadt von allen Seiten bis auf

Büchsenschußweite näher gerückt. Das Schloß Aljaferia zu nehmen war uns

jedoch trotz der größten Anstrengungen nicht geglückt, obgleich die

Batterien bald Bresche gemacht hatten. Aber es fehlte uns hauptsächlich

an den nötigen Sturmleitern. Noch mehrmals wurden Stürme auf

verschiedene Tore vergeblich versucht, und bei dem Kloster der Barfüßer

verloren wir viele Leute, ohne es nehmen zu können. Von dem

Josephskloster aus, das jetzt in unseren Händen war, hatten wir indessen

die Stadt so eingeschlossen, daß von dieser Seite alle Verbindung nach

außen unmöglich war. Wütende Ausfälle, welche die Belagerten machten, um

diese Kommunikation wiederherzustellen, sowie stürmische Angriffe auf

die über den Ebro geschlagene Brücke wurden siegreich und mit großem

Verlust von seiten der Spanier, denen die Reiterei viele Leute tötete,

zurückgeschlagen.

Napoleon, der beinahe vor Ungeduld vergehen wollte, weil das

unbefestigte Saragossa so lange nicht bezwungen werden konnte, hatte

seinen Adjutanten, den Ingenieuroberst Lacoste, abgesandt, die

Belagerung zu leiten, der nun alle Angriffe anordnete. In der belagerten

Stadt sah es indessen auch nicht zum besten aus, die Munition fing an zu

fehlen, die Toten lagen in vielen Gassen unbegraben, die Lebensmittel

wurden immer teurer, seltener und schlechter; dennoch verloren die

Einwohner den Mut nicht, die Frauen teilten sich sogar in Kompagnien

ein, um den Dienst oder die Pflege der Verwundeten zu besorgen; eine

Gräfin Burista war Kommandeur dieses seltsamen Regiments. Einen Ausfall,

den die Spanier aus der Vorstadt auf dem linken Ufer des Ebro

unternahmen, glückte ihnen so, daß sie sich, trotz der heftigsten

Gegenwehr, eines Postens bemächtigten, ihn behaupteten, auch mehrere

Gefangene machten, die sie im Triumph unter dem Jubelgeschrei des Volkes

durch die Straßen führten. Hierbei hatte sich das von Palafox

neuformierte Ulanenregiment besonders ausgezeichnet. Lacoste ließ nun

Wurfbatterien errichten und von denselben unaufhörlich Bomben in die

Stadt schleudern, ebenso Breschbatterien, von denen eine mit zehn

Haubitzen vom größten Kaliber besetzt war; nichtsdestoweniger wütete der

Kampf unter Mauern und Toren fort. Wir hatten die Nachricht erhalten,

daß König Joseph, der Spanien mit einer neuen Konstitution beschenkte,

in Madrid eingezogen sei, und Verdier hoffte, daß sich auf diese

Nachricht Saragossa ergeben würde; aber Palafox beantwortete diese mit

der Neuigkeit der Schlacht von Baylen und der, daß Dupont mit seinem

fünfzehntausend Mann starken Korps kapituliert und das Gewehr gestreckt

habe, was Napoleon wütend machte. Palafox wollte weniger als je von

einer Übergabe reden hören. Man sprach auch viel von dem schönen

Empfang, der Joseph bei seinem Einzug in Madrid geworden, erzählte sich

sogar, daß er mit Steinwürfen begrüßt sei. Jetzt wurde von unserer Seite

alles getan, die Stadt bald zu erobern, alle Mörser und Kanonen versah

man sofort mit einem Bedarf für vierhundert Schüsse, und den 4. August

spielten mit dem Grauen des Tages die Geschütze aller Batterien, welche

meistens auf Kirchen und Klöster gerichtet waren, auf die jetzt ein

Bomben- und Kugelregen fiel. Mönche und Nonnen verließen ihre Zellen,

sich in Privathäuser flüchtend, Kranke und Wahnsinnige aus dem großen

Hospital Nuestra Senora de gracia, in deren Gemächer Bomben gefallen

waren, hatten sich von ihren Ketten befreit, und durch den Schrecken

noch wütender gemacht, rannten sie mit tollen Geschrei durch die

Straßen. Alle Reliquien, Monstranzen und andere heilige Kostbarkeiten

wurden eiligst in feuerfeste Gewölbe geschafft. Aus den nahen Laufgräben

unterhielten wir zu gleicher Zeit ein rollendes Gewehrfeuer auf alle,

die sich blicken ließen. Als endlich mehrere Breschen durch das

Kanonenfeuer praktikabel gemacht waren, rückten wir im Sturmschritt von

zwei Seiten auf die Stadt los, und nun kam es auf den Trümmern der

Mauern und Gebäude zum wütendsten Handgemenge. Die Kolonne, zu der wir

gehörten, nahm gegen elf Uhr das Kloster Santa Ingracia, bald darauf

wurde auch die Puerta del Carmen genommen, und über die Leichen ihrer

Verteidiger schreitend, breiteten wir uns in den nächsten Straßen aus.

Den eindringenden Truppen hatte man den Coso, die größte mitten in der

Stadt gelegene Straße als Vereinigungspunkt angegeben. Wir marschierten

jetzt durch die Ingracia-Straße im Sturmschritt nach diesem Punkt, wo

wir Befehl erhielten, uns nach verschiedenen Richtungen zu verbreiten,

um den stärksten Posten in der Stadt in den Rücken zu fallen; aber es

war unmöglich, sich Bahn durch die alten, sehr engen Gassen zu brechen,

welche Haufen verzweifelter Wütender, die meistens von einem Priester im

Ornat, ein Kruzifix schwingend und eine geweihte Hostie in der Hand,

angefeuert, sich gleich gereizten Löwen verteidigten, und dabei regnete

es Steine, siedendes Wasser und Öl auf uns herab. Unser Bataillon

erreichte dennoch den Magdalenenplatz, wurde aber daselbst mit

Kartätschenfeuer empfangen, und wir mußten uns, wollten, wir nicht

abgeschnitten werden, da aus allen Straßen bewaffnetes Volk

herbeiströmte, wieder gegen die Mitte des Coso zurückziehen. Hier griff

uns ein wütender Haufen, von einem Priester, der eine Kirchenfahne

schwang, angeführt, ganz unvermutet an, und der Anführer unserer Kolonne

wurde von einem rasenden Mönch niedergestochen. Ich übernahm jetzt das

Kommando derselben und zog mich fechtend auf das Kloster Santa Fé

zurück, von wo aus ich die Feinde mit Vorteil angriff und mich dann in

der Kaserne Minones, die neben dem Kloster lag, festsetzte. -- Wir

glaubten nun endlich die Stadt genommen und daß die Einwohner zu Kreuz

kriechen würden. Dies würde sicher auch der Fall gewesen sein, wenn sich

unsere Leute nicht so früh der Plünderungswut überlassen hätten und in

die Häuser gedrungen wären, ohne daß es möglich gewesen, sie davon

abzuhalten; die wenigsten kamen wieder lebendig heraus, sondern fanden

den Tod in denselben. Ich hatte zuletzt kaum mehr zweihundert von der an

tausend Mann starken Kolonne beisammen; so wie die Offiziere den Rücken

drehten, liefen zehn und zwanzig in ein Haus. In einer Kirche, durch die

wir bei dieser Gelegenheit zogen, erinnere ich mich ein Gemälde im

Vorübergehen gesehen zu haben, das einen Heiligen darstellt, der in

einer vierspännigen Galakutsche in den Himmel einfährt!

Den Moment für günstig haltend, bot Verdier, der sein Hauptquartier in

dem Kloster Santa Ingracia aufgeschlagen hatte, nochmals eine

Kapitulation an, auf die mit den Worten: »Krieg bis in den Tod!« durch

Palafox geantwortet wurde. Zugleich ließ er auf den schiefen Turm der

Stadt zwei Fahnen pflanzen, die eine blutrot und die andere weiß mit

einem roten Kreuz, um den Spaniern in der Vorstadt und der Umgegend zu

beweisen, daß er noch Herr der Stadt sei. Bald rückten auch neue

Verstärkungen ihren Landsleuten zu Hilfe an und über die Brücke in die

Stadt, aus deren Häusern man jetzt die getöteten oder noch halb lebenden

Soldaten von den höchsten Stockwerken hinabwarf, wobei die Weiber, auch

Kinder hilfreiche Hand leisteten, und mehr als einer dieser

Unglücklichen war durch den Dolchstich einer schönen Saragosserin

gefallen, mit der er den Tod umarmt und so den Moment der Ausschweifung

mit dem Leben bezahlt hatte. Der Kampf in den Straßen wurde noch

heftiger, und aufgetürmte Leichen bildeten nicht selten eine Brustwehr.

Die Kompagnie eines Weichselregiments hatte sich hinter lauter getöteten

Kapuzinern und Karmelitern verschanzt, andere machten sich Bollwerke aus

in Häusern weggenommenen Matratzen. Bald sah ich ein, daß ich mich nicht

lange mehr in Santa Fé würde halten können, suchte mich daher kämpfend

dem Coso zu nähern und mußte dabei über ganze Haufen von Toten steigen.

Hier hatten wir noch das Franziskanerkloster und dessen Kirche inne und

verschanzt. -- Das Bombardement währte beständig fort sowie das Sengen,

Brennen und Morden, und die klaffenden Wunden der Leichen gingen bei der

großen Hitze schnell in Fäulnis über und verpesteten die Luft. -- Nach

diesem furchtbaren Tag brachten wir auch noch die von den Flammen der

brennenden Gebäude hellgelichtete Nacht unter den Waffen und zum Teil

fechtend zu. Mit Tagesanbruch erhielten die Spanier abermals bedeutende

Verstärkungen, welche durch die Vorstadt, die wir nie ganz hatten

einschließen können, gedrungen waren, und die reichliche Munition für

die Belagerten brachten. Dies machte, daß wir uns außerstande befanden,

die Stadtteile länger zu behaupten, in deren Besitz wir waren, besonders

da die Feinde die hinteren Mauern der Häuser, in denen sich unsere Leute

befanden, einschlugen, in dieselben drangen und so ein Haus nach dem

anderen kämpfend und mit großem Verlust geräumt werden mußte. Zugleich

wurde ein furchtbares Feuer von allen Dächern und aus allen Fenstern auf

die aus den Häusern flüchtenden sowie überhaupt auf alle in den Straßen

sich befindenden Truppen unterhalten. Mehrere Stunden währte dieser

mörderische Häuserkampf fort. Noch waren wir im Besitz des Franziskaner-

und des San Diegoklosters sowie von Santa Ingracia. Jetzt erhielt

Verdier die Nachricht, daß Palafox, der während der Nacht die Stadt

verlassen, mit sechstausend wohlbewaffneten Aragoniern im Anzug sei. Wir

mußten eiligst alle unsere auf dem linken Ufer stehenden Truppen

zurückziehen und stellten eine starke Reserve auf dem Monte Torrero auf.

Dies gab Veranlassung zu einer komischen und galanten Episode dieses

Wettkampfes. Um unsere Kommunikation mit den noch von uns besetzten

Teilen der Stadt zu unterhalten, mußten wir ein Nonnenkloster wegnehmen,

dessen wir zu diesem Zweck bedurften; hier fanden wir ungefähr dreißig

Schwestern nebst einer Äbtissin, die gefangen abgeführt wurden und unter

denen sich zwei sehr artige Novizen und ein halbes Dutzend noch ganz

junger und hübscher Nönnchen befanden. Mir wurde der Auftrag zuteil, die

frommen Kinder in Sicherheit zu bringen. Nachdem ich die

verzweiflungsvollen Schönen so gut als möglich zu beruhigen gesucht,

eskortierte ich sie selbst, und zwar nicht ohne Gefahr, daß eine oder

die andere verwundet oder gar getötet würde, denn die Kugeln hörten

nicht auf zu sausen, nach dem Monte Torrero; aber trotz meiner

kräftigsten Versicherungen, daß ihnen nichts zuleide geschehen solle,

weinten sie dennoch unaufhörlich und schienen trostlos. Nichts half es

anfänglich, daß alle Offiziere, die mit ihnen in nähere Berührung kamen,

ihnen ein Gleiches versicherten. Als sie aber sahen, daß man fortfuhr,

sich so artig und galant gegen sie zu benehmen und ihnen alle mögliche

Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit erwies, fingen sie endlich an, sich

in ihr Schicksal zu ergeben, ihre Tränen zu trocknen und nahmen etwas

Speise und Trank zu sich. Man räumte ihnen die besten Erdhütten ein,

welche die Soldaten noch besonders bequem für sie einrichteten und

verwahrten, und nach zweimal vierundzwanzig Stunden waren sie schon

ziemlich dieses Kampagneleben gewöhnt, besonders die Jüngeren. Sie

fingen an, mit uns zu lächeln, wohl auch zu schäkern und ließen sich

bald halb gezwungen, halb freiwillig ein Küßchen rauben; die meisten

waren aus angesehenen spanischen Familien. Da sie sahen, daß wir keine

Eisenfresser waren, und da die spanischen Nonnen überhaupt noch

unendlich mehr Freiheit haben als die italienischen, auch Liebesintrigen

derselben eben nicht zu den Seltenheiten gehören, so wurden sie immer

vertrauter mit uns. Eine der Novizen, kaum fünfzehn Jahre alt, ein

wahres Madonnengesicht, schön wie eine Verklärte, fand ich für gut, mit

noch zwei jüngeren Schwestern unter meine besondere Protektion zu nehmen

und ihnen ein eigenes Lokal einzuräumen; sie hatten alle getrennt und zu

zwei und drei in unsere Baracken einquartiert werden müssen. Ich ließ

auch Matratzen für sie herbeischaffen, die ich aus noch von uns

besetzten Häusern nahm, sorgte dafür, daß ihnen immer mit den

delikatesten Speisen, die zu haben waren, aufgewartet wurde, ließ sie

durch meinen Burschen bedienen und übergab sie der Sorgfalt eines

zurückbleibenden Unteroffiziers, wenn ich sie verlassen mußte, um an dem

Kampf teilzunehmen; zum Abschied erlaubte ich mir, sie zu küssen. Den

heiligen Mädchen standen die Tränen in den Augen, so oft ich sie

verließ; sie baten mich, ja recht bald wiederzukommen. Da wir den

dritten Tag nach der Wegnahme dieses Klosters alle Saragossa räumen

mußten, um wieder Posto vor der Stadt zu nehmen, so konnte ich mich

gegen zehn Uhr in der Nacht bei meinen Schützlingen wieder einfinden,

die vergnügt waren, mich wiederzusehen. Die Nonnen schienen mit der

Behandlung, die ihnen bis jetzt geworden, alle sehr zufrieden, und

selbst die schon betagte Äbtissin schickte sich darein. Ich beredete

meine drei liebenswürdigen Gäste noch zu einem Spaziergang unter die

nahen Oliven, wo wir unter freiem Himmel in der schönsten spanischen

Sommernacht das gestirnte Firmament bewunderten, ich aber, da alle drei

hübsch und jung waren und um keinen Neid bei den anderen zu erregen, sie

alle liebkoste und küßte, doch die Novize mit großer Vorliebe. So saßen

oder lagen wir vielmehr alle vier recht traulich unter den Bäumen, als

wir in einiger Entfernung mehrere schwarze Gestalten auf uns zuschreiten

sahen, in denen wir, als sie näher kamen, noch drei Offiziere und zwei

Nonnen erkannten, die ebenfalls im nächtlichen Promenieren begriffen

waren; ich trat eine der meinigen einem Kameraden ab, und wir spazierten

nun, ich mit der Novize und einer Schwester am Arm, unter den Oliven.

Bald verloren sich die verschiedenen Paare aus dem Gesicht, und ich

hatte mich mit meinen beiden Schönen wieder an einem etwas entfernteren

Orte niedergelassen, wo wir uns ganz vortrefflich unterhielten,

vergnügten und auf das freundschaftlichste miteinander fertig wurden. --

Ob die guten Kinder wohl alles, was zwischen uns vorfiel, gebeichtet

haben mögen? -- Ich möchte es sehr bezweifeln. -- Seit Madrid hatte ich,

obgleich ich kein Keuschheitsgelübde getan, doch diese gewiß strenger

beobachtet als Franziskaner und Kapuziner, und zwar aus dem triftigen

Grund, weil sich keine Gelegenheit gefunden, sie zu brechen. Nachdem wir

uns in einem Wonnemeer von Vergnügen satt geschwelgt hatten, führte ich

die guten Schwestern wieder in ihr Gemach zurück, wo die dritte in

Gesellschaft ihres Begleiters sie schon erwartete. Nur ein paar Tage

dauerte noch der Umgang mit den liebenswürdigen Kindern, welche auf

höheren Befehl alle, samt der Äbtissin, jetzt in das Kloster eines

benachbarten Städtchens gebracht wurden. Dieser Befehl kam ein wenig

spät, läßt sich aber durch die weit wichtigeren Dinge, mit denen sich

die kommandierenden Generäle vor allem zu befassen hatten, wohl

entschuldigen. Ich gab den lieben Kindern noch das Geleit, nahm

zeitlichen Abschied von ihnen, selbst der Frau Äbtissin die alte Hand

küssend.

Nachdem Palafox mit seiner Verstärkung in Saragossa eingerückt war,

beschränkten wir uns fast nur noch darauf, die Stadt zu bombardieren.

Verdier, der selbst verwundet worden und das Kommando deshalb wieder

momentan an Lefebvre abgetreten, hatte nochmals, und zwar durch

gefangene Mönche, eine Kapitulation angetragen, die gleich den früheren

zurückgewiesen wurde, mit dem Bedeuten, man würde sich, wenn es nötig

sei, von Haus zu Haus bis zum letzten schlagen und unter dessen Trümmern

begraben. Dazu kam es nicht; man murmelte seit vierundzwanzig Stunden,

und die Generäle wußten es gewiß und hatten geheime Instruktionen

erhalten, daß Joseph Madrid bereits wieder verlassen habe, weshalb jetzt

Vorbereitungen zur Aufhebung der Belagerung gemacht wurden. Den 12.

August kam endlich in der Nacht vom Hauptquartier zu Burgos der

bestimmte Befehl an, die Stadt zu räumen, wenn wir schon im Besitz

derselben seien, und wenn dies nicht, die Belagerung sofort aufzuheben.

Um unsern bevorstehenden Rückzug zu decken und zu verbergen, wurden

jetzt noch einmal mit großer Ostentation alle Anstalten zu einem

allgemeinen Angriff gemacht und die Stadt heftig bombardiert. Die

Magazine, Gebäude auf dem Monte Torrero und anderen Orten, die wir inne

hatten, wurden sodann angezündet. Auch das Kloster Santa Ingracia wurde

mit all den Leichen seiner heiligen Märtyrer vor unserem Abzug in die

Luft gesprengt, und zwar ging in der Mitternachtsstunde die furchtbare

Explosion vor sich. Das mit so großer Mühe herbeigeschaffte

Belagerungsgeschütz wurde in die Wellen des Ebro und die Wasser des

Kanals geworfen, da wir nur das Feldgeschütz mitnehmen konnten. Auch den

gefangenen Nonnen und Mönchen gab man ihre völlige Freiheit, wobei es

mit den ersteren etwas bunt hergegangen sein soll. Durch einen Offizier,

der die zweite, noch furchtbarere und grausamere Belagerung von

Saragossa mitgemacht hatte, erfuhr ich später, daß sich manche der

frommen Christusbräute in der Hoffnung befunden, aber nicht bestraft

wurden, da sie Gewalttätigkeit vorgeschützt, und unter französischem

Schutz niedergekommen seien.

Unser Abzug wurde nicht im mindesten durch die Belagerten beunruhigt,

die sich aber des ins Wasser geworfenen Geschützes, ein halbes Hundert

Kanonen, Mörser, Haubitzen, Feldschlangen und so weiter bemächtigten,

das ihnen bei der zweiten Belagerung gute Dienste tat.

Was unseren Abzug so sehr beschleunigt hatte, erfuhren wir erst auf dem

Marsch; es war nämlich ein spanisches Armeekorps, vierzehntausend Mann

stark, zur Entsetzung Saragossas im Anmarsch und schon bei Muela

angekommen. -- Wir hatten wenigstens achttausend Mann bei dieser

vergeblichen Belagerung eingebüßt, die Spanier vielleicht noch mehr,

denn durch das Einstürzen und Sprengen der Gebäude verloren unzählige

Menschen, auch Frauen und Kinder das Leben. Unser Abmarsch wurde in der

Stadt sogleich durch eine große Prozession und ein Dankfest gefeiert,

wobei man besonders die Jungfrau del Pilar und Palafox hochleben ließ.

Die Belagerung von Saragossa hatte gezeigt, was die Bevölkerung einer

Stadt vermag, wenn es ihr Ernst ist, dieselbe zu verteidigen; jetzt erst

fing ich an, die fast fabelhafte Verteidigung mancher Städte des

Altertums zu glauben. Hätte sich Magdeburg und andere preußische

Festungen in dem unglücklichen Krieg von 1807 nur zum hundertsten Teil

gleich der Hauptstadt Aragoniens, wie zum Beispiel Kolberg, verteidigt,

so hätte Napoleon schwerlich Berlin und noch weniger Königsberg gesehen;

doch die herbe und derbe Lektion mußte sein, sollte es in Preußen gut

werden. Schon vierundzwanzig Stunden nach unserem Abmarsch kam das

Entsatzungskorps in Saragossa an.

Der größte Teil des Belagerungsheeres schlug den Marsch über Alayon nach

Tudela ein, um sich später mit der französischen Hauptarmee, die sich an

den Ufern des Ebro zusammenzog, zu vereinigen. Ein kleiner Teil, bei dem

auch unsere sehr zusammengeschmolzene Legion war, erhielt Befehl, den

Weg nach Barcelona zu nehmen, um sich mit dem in Katalonien stehenden

Armeekorps zu vereinigen, welches das Beobachtungskorps der östlichen

Pyrenäen formierte und bei dem viel italienische Truppen standen. Bei

der furchtbaren Stimmung und dem eingefleischten unversöhnlichen Haß der

Katalonier gegen die Franzosen, der schon aus früheren Zeiten datierte,

war es höchst notwendig, auch dieses Korps zu verstärken, das ebenfalls

schon sehr vermindert war und namentlich bei der Belagerung von Gerona

sehr gelitten hatte. Unser Marsch war wieder höchst beschwerlich und

ermüdend. Wir vermieden sogar alle bedeutenden Orte, da die Bataillone

meist keine dreihundert Mann mehr stark, um so mehr den Angriffen der

Feinde ausgesetzt war und in ganz Katalonien nur noch Barcelona und das

Fort von Figuieras in den Händen der Franzosen waren. Miquelets, in

Bataillone zu zehn Kompagnien, jede hundert Mann stark, eingeteilte und

wohlbewaffnete Katalonier, schwärmten zu Tausenden umher. Sie trugen

runde Jacken und Federhüte, katalonische Nationaltracht. Katalonien

hatte einige vierzig solcher Bataillone, Tercios de Miquelets genannt,

gestellt und bewaffnet. Außerdem gab es noch eine Art Landsturm,

Somatenes genannt, die sich augenblicklich, wo es not tat, zu vielen

Tausenden bewaffnet erhoben, deren Einrichtung schon Jahrhunderte

bestand und zu der alle Katalonier vom sechzehnten bis zum fünfzigsten

Jahre gehören, sobald das Vaterland in Gefahr ist.

Alle größeren Städte, und namentlich Lerida, in welchem die Junta von

Katalonien ihren Sitz aufgeschlagen hatte, vermeidend, machten wir sehr

ermüdende und gefährliche Nachtmärsche. In kleineren Orten requirierten

wir Lebensmittel, was, so lange wir in Aragonien waren, sich noch

ziemlich gefahrlos tun ließ; als wir aber einmal über Fraga, eine Stadt,

die am Cinca liegt und über viertausend Einwohner zählt, hinaus waren,

wurde es immer schwieriger, sich Nahrungsmittel zu verschaffen. Das Dorf

Alcaraz war der erste Ort, den wir in Katalonien betraten; es liegt nur

in geringer Entfernung von Lerida. Unser nächstes Biwak hielten wir bei

dem Dorf Molleruza, von wo wir noch unangefochten, aber oft auf

abscheulichen Seitenwegen bis in die Gegend von Cervera marschierten,

das auf einer ansehnlichen Höhe in einer großen fruchtbaren Ebene liegt,

mit Mauern umgeben und durch seine Lage ziemlich fest ist. Im spanischen

Erbfolgekrieg wurde diese Stadt vergeblich von den Deutschen und

Kataloniern belagert, auch wagten wir uns nicht an dieselbe, da wir von

den guten Gesinnungen der Einwohner gegen uns, sowie daß ein Bataillon

Miquelets und viele Somatenes in derselben lagen, unterrichtet waren.

Wir marschierten nach gehöriger Rekognoszierung in das Dorf

Hostalfranes, wo wir alles mitgehen ließen, was wir als verdauungsfähig

erkannten. Die Stadt Ignalada, die über zehntausend Einwohner zählte und

nicht besser gesinnt war, umgingen wir gleichfalls, uns fortwährend mit

dem Nötigsten in den Dörfern versehend. Oft bestand unsere Nahrung auf

einen ganzen Tag in einer Zwiebel oder etwas Knoblauch mit einem Stück

Brot, und dabei die strapaziösesten Märsche in kahlen Gegenden. Bayern

oder Österreicher würden schlecht dabei gefahren sein. Im Grunde war es

ein Unsinn, uns in so geringen Abteilungen nach Katalonien, das in

vollem Aufstand war, zu senden, aber der General Duhesme, der daselbst

kommandierte, hatte auf das dringendste Verstärkung verlangt, da was ihm

von Perpignan zukam, nicht hinlänglich war. Nach mancherlei Strapazen,

großen Entbehrungen und das Fußwerk im schlechten Zustand, kamen wir

endlich bei dem Städtchen Martorell an, wo wir über die Noya gingen und

dann den nur noch drei Stunden entfernten berühmten Berg Montserrat

erblickten, den zu besteigen und seine merkwürdige Einsiedelei zu

besuchen, jetzt niemand Lust verspürte. Von weitem sieht er aus wie eine

ungeheure Burgruine. Schon so nahe bei Barcelona, hielten wir uns jetzt

sicher genug, um uns nach Martorell wagen zu können, wo wir uns seit

zehn Tagen zum erstenmal wieder satt essen konnten; aber kaum war dies

geschehen, als wir Nachricht erhielten, daß sich ein großer Haufen

Somatenes in geringer Entfernung zeige. Wir griffen eiligst zu den

Waffen und verließen die Stadt. Hier sahen wir einen Haufen bewaffneter

Bauern, etwa zwölf- bis fünfzehnhundert Mann stark, die sich jedoch

nicht an uns zu wagen schienen und uns ruhig ziehen ließen. Bald hatten

wir sie auch aus den Augen verloren. Als wir aber bei San Feliu, einem

ziemlich bevölkerten Ort, der nur noch zwei Stunden von Barcelona liegt,

ankamen, zeigten sich auf einmal die Somatenes wieder, mit einem halben

Tercios Miquelets verstärkt, und machten Miene, uns den Weg zu sperren,

indem sie sich vor dem Eingang von San Feliu aufstellten. Es blieb uns

nichts anderes übrig, als ihn zu erzwingen und zu versuchen, uns

durchzuschlagen. Die Miquelets fochten wie Verzweifelte, und selbst

nachdem wir ihre Reihen durchbrochen hatten, mußten wir fortwährend

kämpfend weiterziehen, da sich immer neue Haufen entgegenwarfen, die

kleine, uns bekannte Umwege im Lauf machten und sich dann wieder vor uns

aufstellten. Endlich waren wir mit einem Verlust von einigen dreißig

Mann jenseits des Ortes auf der nach Barcelona führenden Straße

angekommen, als sich abermals ein großer Trupp Somatenes zeigte, Feuer

auf uns gab und dann davoneilte. Ich ritt gerade an der Spitze des

zweiten Bataillons, als ich einen Büchsenschuß in den rechten Schenkel

erhielt, den ich im ersten Augenblick gar nicht spürte, der mir aber

bald unter großem Blutverlust heftige Schmerzen verursachte, so daß ich

vom Pferd steigen und mich bis Barcelona auf Stangen tragen lassen

mußte, die im nächsten Dorf nebst acht Bauern dazu requiriert wurden,

nachdem ein Aide-Major einen provisorischen Verband auf die Wunde gelegt

hatte. An den Toren von Barcelona angekommen, wurde sogleich eine Sänfte

herbeigeschafft, in der man mich ins Lazarett brachte, wo die Wunde

untersucht und die Kugel herausgezogen wurde; sie lag nicht sehr tief

und war schon ziemlich matt, als sie den Weg in mein Fleisch fand, denn

die Bauern hatten aus großer Entfernung geschossen; dennoch bekam ich

ein heftiges Wundfieber. Vom Lazarett, wo ich nicht bleiben wollte,

wurde ich in ein Gemach in der Zitadelle gebracht. Da ich indessen sehr

gute Säfte hatte, was bei Wunden eine Hauptsache ist, denn bei

verdorbenen Säften oder wenn venerisches Gift im Körper ist, wird die

geringste Wunde oft tödlich oder bringt jahrelanges Leiden, so ging

meine Heilung schnell vor sich, und ich konnte nach wenigen Tagen schon

wieder mit Hilfe einer Handkrücke herumhinken. Aber mein fatales

dreitägiges Fieber stellte sich nun auch wieder recht hartnäckig ein und

machte mir viel zu schaffen, da es in ein schleichendes und zehrendes

auszuarten drohte. Während ich so mit Wunde und Krankheit zu tun hatte,

war der Rest der Legion schon wieder mit anderen Truppen ausgerückt, um

gegen die immer kühner werdenden Miquelets zu kämpfen, fiel aber in

einen Hinterhalt und wurde größtenteils niedergemacht oder gefangen, so

daß kaum fünfzig Mann und ein einziger Offizier zurückkamen. Wären wir

nicht im Besitz der Zitadelle von Barcelona gewesen, der sich Duhesme

gleich bei seinem Einmarsch in Spanien durch Arglist und Gewalt

bemächtigt hatte, so wäre es uns sicher schlimm ergangen. Barcelona ist

auch auf der Landseite wohl befestigt und auf beiden Flanken durch die

Zitadelle und das Fort Montjuic gedeckt; auch von der Seeseite ist es

fast unangreifbar. Die Engländer kreuzten aber im Verein mit den

spanischen Schiffen unaufhörlich vor dem Hafen, fast alle Kommunikation

zu Wasser abschneidend. Wäre der spanische Generalkapitän von

Katalonien, Palacios, ein zweiter Palafox gewesen, so hätte er uns viel

zu schaffen machen können, da Duhesme sehr oft mit der Elite der

Garnison in den Gebirgen umherstreifte, um gegen die Miquelets, die

Palacios mit noch anderen Truppen befehligte, zu streiten und während

seiner Abwesenheit Stadt und Zitadelle nur schwach besetzt ließ. Auch

waren die Einwohner sehr aufgebracht, da sich der italienische General

Lecchi, der in Duhesmes Abwesenheit dann kommandierte, alle möglichen

Vexationen gegen sie erlaubte und die Stadt außer den zu liefernden

Lebensmitteln, Montierungsstücken in großen Massen, fünfzigtausend

Zentner Holz, viele Schuhe und noch zwanzigtausend spanische Piaster

(über einhundertzehntausend Franken) wöchentlich bezahlen mußte.

Freilich waren die angesehensten Einwohner als Geiseln in der Zitadelle

eingesperrt.

Strapazen, Wunde und Fieber hatten mich indessen tüchtig

zusammengerüttelt, so daß ich bald nur noch einem Schatten glich, doch

versuchte ich abends, wenn die größte Hitze vorüber war, kleine

Promenaden in der Stadt zu machen, besuchte Kirchen und so weiter.

Diese Hauptstadt Kataloniens ist mit die beträchtlichste Spaniens und

hat nahe an hundertfünfzigtausend Einwohner; sie wurde von den

Karthaginiensern gegründet, die ihr den Namen eines ihrer Generäle,

Hamilcar Barca, beilegten. Nachher kam sie unter römische, später unter

gotische und maurische Herrschaft; endlich hatte sie ihre eigenen

Souveräne, die den Titel Grafen von Barcelona führten und Katalonien mit

der Krone von Aragonien vereinigten, bis beide im sechzehnten

Jahrhundert der spanischen Monarchie einverleibt wurden. Die Stadt hat

einen großen Umfang, ist aber schlecht gebaut und hat mit wenigen

Ausnahmen sehr enge und krumme Straßen, namentlich die Altstadt, auch

ihre Plätze sind klein. Die Häuser sind sehr hoch, meist fünf

Stockwerke, und haben große Balkone. Paläste sind wenige hier; unter

ihnen ist der des Herzogs von Medina Cöli der schönste. Sehr viele

Häuser sind bunt bemalt, Kirchen und Klöster zählt man wohl anderthalb

hundert. Noch sind einige Altertümer aus den Römerzeiten vorhanden. Die

Kathedrale ist ein großes schönes Gebäude, dessen Fassade aber noch

nicht ausgebaut ist, obgleich schon seit dreihundert Jahren von allen,

die sich daselbst verheiraten, eine kleine Abgabe zu diesem Zweck

erhoben wird und schon weit mehr Geld als erforderlich dazu vorhanden

ist. Der alte Palast der Grafen von Barcelona diente zum

Teil Klarissinnen zur Wohnung, während im anderen Teil das

Inquisitionstribunal seinen Sitz und seine Kerker hatte; er hat ein

ungeheures Mauerwerk, furchtbare Gewölbe und ist nur durch eine enge

Straße von der Kathedrale getrennt. Das Schauspielhaus ist ein schönes

und geräumiges Gebäude, das an einer Promenade liegt. Noch ist auch ein

alter merkwürdiger Palast des Hauses Alba vorhanden. Von den Promenaden

innerhalb der Stadt -- die außerhalb liegenden konnte ich nicht besuchen

-- ist die Esplanade zwischen Zitadelle und Stadt die größte; sie hat

drei Reihen Alleen, wird aber wenig besucht. Die Rambla ist ein auf

ehemaligen Festungswerken angelegter Spaziergang mitten in der Stadt,

die sie gewissermaßen in zwei Teile trennt.

Barcelonetta ist ein kleines Städtchen, das eigentlich eine Vorstadt von

Barcelona bildet und zwischen dem Hafen und dem Molo liegt, wird aber

fast nur von Schiffern und Matrosen bewohnt; seine Entstehung datiert

erst aus dem achtzehnten Jahrhundert. Die Zitadelle an der Nordostseite

der Stadt wurde ebenfalls erst im achtzehnten Jahrhundert und auf Befehl

Philipp V. erbaut; sie ist groß, und ihre bedeutenden Werke waren noch

im besten Zustand. Der Hafen, der unter ihr und zwischen der Stadt und

Barcelonetta liegt, ist im Grunde nur ein großes Bassin, dessen Einfahrt

ziemlich schwierig ist; er ist schön und sehr besucht. Der Montjuic ist

ein Berg auf der Südwestseite der Stadt, mit einem Fort gekrönt, der

weit besser Stadt, Hafen und Umgegend beherrscht als die Zitadelle und

selbst diese noch dominiert.

Barcelona, das großen Handel treibt, hat sehr reiche Kaufleute, sein

Adel aber gehört mit wenigen Ausnahmen meistens zur Familie der Don

Ranudo de Colibrados. Die Frauen sind zum Teil reizende und pikante

Schönheiten, die mich trotz meinem gespensterhaften Aussehen nicht wenig

interessierten; ich konnte sie aber nur in Kirchen und auf Promenaden

bewundern. Gewöhnlich ist diese Stadt voller Leben, und die Vergnügungen

aller Art, wie Gesellschaften, Tänze, Schauspiele, Maskeraden,

italienische Oper, Kirchenfeste, Prozessionen, Landpartien und so weiter

drängen sich, jetzt aber war von dem allen wenig zu sehen, man hätte

sich vielmehr in La Trappe glauben können, und sah nur finstere oder

sorgenvolle Gesichter; nur in den Kirchen war einiges Leben, wenn auch

ein sehr ernstes. In manchen derselben werden bei großen Festen oft

dreitausend Kerzen zumal angezündet. Nächtliche Prozessionen mit

Fackeln, bei denen es oft bunt genug zugeht, sind hier sehr beliebt; man

hat berechnet, daß allein bei den Prozessionen, die während der heiligen

Woche stattfinden, über dreißigtausend Wachsfackeln verbrannt werden,

von denen eine jede fünf bis sechs Pfund wiegt; Riesen, Teufel,

Ungeheuer und so weiter spielen dabei eine große Rolle. Durch die vielen

bürgerlichen Kriege der letzten drei Jahrhunderte und nicht weniger als

fünf Belagerungen, die es in einem Zeitraum von sechzig Jahren

bestanden, war Barcelona so herabgekommen, daß es nach der Belagerung

von 1714 keine vierzigtausend Einwohner mehr zählte, sich aber so

unglaublich schnell erholte, daß es zu Ende desselben Jahrhunderts schon

wieder hundertundvierzigtausend und über zehntausend Häuser hatte.

Kaum acht Monate hatte ich in Spanien zugebracht und unter

Verhältnissen, die es nicht zuließen, in nähere Berührung mit dessen

Einwohnern zu kommen und sie genauer kennen zu lernen, doch machte ich

im allgemeinen auf unseren Märschen und in unseren Quartieren folgende

Bemerkungen. Die Damen haben sich bei den Spaniern, trotz dem herrischen

Wesen der Männer, noch immer einer Verehrung zu erfreuen, die fast an

Abgötterei grenzt und die noch von jener in ihren ritterlichen Romanen

und Romanzen so oft besungenen heroischen Liebe zeigt. Die Männer suchen

beinahe eine Ehre darin und sind stolz darauf, sich der Frauen Knechte

zu nennen, was sie auch sind, und reden sie oft mit den Worten an:

»_Señora, beso a vos los pies_«, auch besorgen sie Frauen-, Stuben- und

Küchendienste, machen die Betten, kaufen die Lebensmittel ein, kochen,

kleiden sogar die Kinder an und so weiter. Dies macht, daß selbst die

spanischen Frauen niederer Klassen halbe Prinzessinnen sind, deren Winke

rasch auszuführenden Befehlen gleichen. Dagegen sind sie aber auch über

alle Beschreibung schön und anmutig, namentlich die Andalusierinnen,

deren ich mehrere in Madrid und Barcelona sah, heroisch-majestätische

Schönheiten. Der Ausdruck ihrer Mienen, ihr Anstand, ihre Anmut, ihre

Feuer blitzenden Augen sind unvergleichlich, selbst Bettelmädchen und

Dirnen der Freude wissen unter ihrer Mantille noch zu imponieren, und

die halbwilden Hirtentöchter der Gebirge kommt man in Versuchung, für

Bergnymphen zu halten. Unter diesen Gebirgsbewohnern gibt es Menschen,

die gar kein Geld kennen, und wenn man ihnen für einen Dienst, für eine

Erfrischung ein Stück gemünztes Silber geben will, weisen sie es mit

Verachtung zurück, sprechend: »Wir bedürfen solchen Plunders nicht, wer

dessen bedarf, mag ihn behalten.« Im Sommer ist das hohe Himmelsgewölbe

ihr Dach und im Winter Erdhütten oder Höhlen ihre Schlafstätte,

Schaffelle ihre Bedeckung, Milch, Kräuter und Baumfrüchte ihre Nahrung.

Namentlich leben so die Gebirgsbewohner Kataloniens, die kein Feind in

ihren Bergen erreichen kann und die ein wildes, kriegerisches Volk sind,

das seine Engpässe gut zu verteidigen weiß und fast mit nichts lebt;

diese genügsamen Menschen haben immer Überfluß.

Musik und Tanz ist selbst in den elendesten Dörfern Spaniens das

Hauptvergnügen seiner Bewohner. Von diesen Tänzen hat, wer sie nicht

gesehen, keinen Begriff. Den feurig wollüstigen Fandango, den

anmutsvollen Bolero, den Zorongo, die waghalsige Jota von graziösen

Spanierinnen aufgeführt zu sehen, läßt Eindrücke zurück, welche für die

Lebenszeit dauern. Vor den Kirchplätzen der armseligsten Dörfer ertönt

der Klang der Zither, und die Bauerndirnen bringen durch ihre

graziös-wollüstigen Bewegungen auch das Blut der kältesten Zuschauer in

Wallung und Glut. In Kastilien sah ich einst den Guaracha tanzen, den

eine Person, die sich selbst mit der Gitarre begleitete, mit

gravitätischem Ernst aufführte, und dennoch wurde ich von diesem

Charaktertanz hingerissen. Fast jede Provinz hat ihre eigenen Tänze, so

werden in einer Gegend Kataloniens, Ampurda genannt, zwei ganz

eigentümliche Tänze aufgeführt, die man sonst nirgends kennt und die

eine magische Wirkung haben. Dagegen sind der Fandango und Bolero

überall die Haupttänze, für die jeder Spanier leidenschaftlich

eingenommen ist. Der erste wird sehr passend eine harmonische Verzückung

des Körpers genannt, der Bolero ist eigentlich nur ein gemäßigter

Fandango. Schon die Musik dieser Tänze elektrisiert jeden Spanier und

bringt alle seine Glieder in Aufregung, sein Blick folgt jeder Bewegung

der Tanzenden, seine Hände, Füße, Mienen und Gebärden schlagen den Takt.

Selbst ein phlegmatischer Sohn Albions sagte von dem Fandango: »Ich bin

überzeugt, daß, wenn man diesen Tanz unerwartet und plötzlich in einer

Kirche oder vor einem Gerichtshof ertönen ließ, Priester und Richter,

Andächtige und Advokaten, Volk und Verbrecher ohne Unterschied, wie

durch Oberons Chöre bezaubert, zu hüpfen und springen beginnen würden.«

Der Fandango wird in der Regel mit Gitarrenklang und Kastagnettenschlag

begleitet, von zwei Personen, Mann und Frau, aufgeführt. -- Bekannt ist

die Geschichte der wunderschönen Tänzerin Dolores, oder Dolorita

genannt, die zuerst als Nonne vor dem Hochaltar ihrer Klosterkirche zu

Huelgas zu Ehren der Madonna und der Heiligen tanzte, aber bald den

Nonnenschleier mit der Mantille vertauschte, ihre Zelle mit einem

Boudoir, eine weltliche Tänzerin ward und statt in der Kirche auf den

Brettern der Haupttheater Spaniens und Madrids auftrat, alle Welt

bezauberte, von den Granden angebetet und selbst vom König, der ihr

Gelübde durch einen Machtspruch gelöst, geküßt wurde. Einen Edelmann

namens El-Curo, der in Salamanka studierte, behexte sie so, daß er seine

Studien im Stich ließ, ihr gleich einer anderen Preziosa folgte und auch

ein Tänzer wurde. Da er hoffte, sich als Toreador noch mehr auszeichnen

zu können, vertauschte er die Kastagnetten mit den Banderolas und dem

Scharlachmantel und wurde endlich von den Hörnern eines wütenden Stiers

durchbohrt.

Die spanischen Theater, von denen ich nur wenige frequentieren konnte,

geben oft Vorstellungen, wie man sie in keinem anderen Lande Europas

mehr zu sehen bekommt, namentlich wenn sie ihre sogenannten heiligen

Komödien aufführen, wo Profanes, Heiliges und Absurdes auf das

seltsamste vermengt wird. Da sieht man Engel und Teufel, Priester und

Heilige, alle Laster und Tugenden und nicht selten Gott selbst

personifiziert. Die Handlungen der Frommen und die Abscheulichkeiten

Satans durchkreuzen sich, und das Ganze ist oft ein wahrer Skandal für

Religion und Sitten. Luzifer erscheint mit Hörnern und Schwanz und

unterhält sich unbefangen mit Heiligen und mit Gott. Wunder aller Art

geschehen, Märtyrer werden verbrannt, und was die tollste Phantasie

erfinden kann, geht in buntem Gewirre vor den Augen der Zuschauer

vorüber. Maschinerie und Dekorationen sind dabei oft in höchster

Vollkommenheit. Man sieht bald das Innere des Himmels, bald die Hölle,

bald beides zugleich, über- oder nebeneinander. Das himmlische Paradies,

das Fegfeuer mit den brennenden Seelen, ein Konklave und so weiter,

alles wird dem bewundernden Auditorium vorgeführt. Namentlich wurden

diese Komödien am schönsten und tollsten in Barcelona gegeben, wo man

den Teufel sogar zwingt, in einer Franziskanerkutte, aus der die Hörner

hervorragen, auf einer Kanzel die christliche Moral zu predigen!!! Man

sieht auch Stücke, deren Handlungen durch zwei Jahrhunderte in einem

Abend spielen. --

Die Theater haben im Innern in der Regel ein Patio (Parterre) und

mehrere Reihen Logen, _palcos_ oder _aposentos_ genannt. Das Parterre

ist meistens in drei verschiedene Abteilungen geteilt, von denen die

vorderste Lehnstühle, die mittlere, das eigentliche Patio, Bänke, die

hinterste Gradas, das heißt amphitheatralisch geordnete Sitze hat, doch

ist dies nur in den größeren Theatern der Fall. Die Logen sind fast wie

in Italien beschaffen. Die meisten Theater haben, der Bühne gegenüber,

in jedem Rang eine große Loge, die man Cazuela nennt. Diese ist nur

allein für Frauen bestimmt, die sich daselbst, in die Mantillen gehüllt,

aus allen Ständen und von jedem Alter einfinden; auch die vornehmsten

Damen, die keine Toilette machen wollen oder sonst eine Ursache dazu

haben, besuchen oft die Cazuela, durch ihre Schleier unkenntlich

gemacht. Die Liebe ist bei den Spanierinnen die Hauptangelegenheit ihres

Lebens, und schon manche Donna hat ihren Geliebten, als Frau verkleidet,

mit in eine Cazuela genommen. Sie lieben höchst leidenschaftlich und

sollen dabei sehr beständig sein, dagegen aber fordern sie die

unbedingteste Ergebung und große Aufmerksamkeit von dem Geliebten und

sind nicht selten dessen schrecklichster Tyrann, während sie oft die

Sklavinnen ihrer Eheherren sind. Ihr Wille muß ihm das strengste Gesetz

sein, gegen das keine Appellation stattfindet, dabei besitzen sie eine

große Energie und trotzen jeder Gefahr, besonders die Kastilianerinnen,

welche die zärtlichsten wie die Andalusierinnen die verführerischesten

Frauen sind. Sitten, Gebräuche, Kleidung und sogar die Sprache sind in

jeder Provinz verschieden, und in keinem Land ist eine so große Mischung

von verschiedenen Nationen, wie in Spanien, wo neben dem Element der

Urbewohner, das der Karthager, der Römer, der Celtiberier, der Germanen

und namentlich der Goten und Mauren, das glühende Orientalische neben

dem ernsten Nordischen sich kundgibt und in vielen Charakterzügen zeigt,

sowie ihre wunderbaren Märchen von verbannten und verwünschten

Jungfrauen und Rittern, verborgenen Schätzen, verwünschten Schlössern,

verzauberten Gärten, Palästen, ritterlichen Kämpfen mit Riesen und

Ungeheuern, unterirdischen Bewohnern und Geistern und so weiter, bald

die glühende Phantasie der Orientalen, bald die romantische des Nordens

atmen. Das ganze Land mit seinen römischen und maurischen Ruinen, seinen

Bergen, Wäldern, Schlössern, Palästen, Kirchen, Klöstern, Kapellen,

Einsiedeleien und Gärten erscheint fast wie eine verzauberte Gegend.

Gerne hätte ich den so naheliegenden Montserrat mit seinem berühmten

Kloster und seinen merkwürdigen Einsiedeleien besucht, aber mein

krankhafter Zustand machte es mir unmöglich, mein Fieber wollte gar

nicht nachlassen und jetzt keinem Mittel weichen, obgleich die Wunde

fast ganz zugeheilt war. Die Ärzte schrieben meinen Zustand der feuchten

Luft Barcelonas zu, sie hielten für das beste, meinen Aufenthalt zu

wechseln und mit dem südlichen Frankreich zu vertauschen, etwas, das

aber nicht so leicht zu bewerkstelligen, da zu Land und zu Wasser die

Kommunikation mit Frankreich sehr schwierig war. Unter den jetzigen

Umständen allein oder selbst in Gesellschaft mehrerer über die Pyrenäen

zu kommen, daran konnte man nicht denken, und vor dem Hafen kreuzten

englische Fregatten und spanische Kriegsschiffe. Ich sprach deshalb mit

dem kommandierenden General Lecchi, der mir mitteilte, daß er dieser

Tage ein kleines Küstenfahrzeug nach Frankreich absenden müsse und, wenn

ich es wagen wolle, ich mit diesem, dessen Kapitän ein Franzose aus Agde

sei, gehen könne; das Schiff sei erst vor wenigen Tagen, den Engländern

eine Nase drehend, in den Hafen eingelaufen. Ich suchte den Kapitän

selbst auf, der mir zuredete, mich ihm anzuvertrauen, und sagte, er

stehe dafür ein, mich glücklich an die französischen Küsten zu bringen.

Ich fürchtete nichts mehr, als in englische Gefangenschaft zu geraten,

aber auf sein Zureden entschloß ich mich, das Wagnis zu bestehen, ließ

mir die nötigen Papiere und Zertifikate ausfertigen und schiffte mich in

einer dunklen Nacht, den 12. September nach zehn Uhr abends, ein. Wir

verließen den Hafen mit sehr günstigem Westwind, segelten, von den

feindlichen Schiffen unbemerkt, längs der Küste hin und hatten, als der

Tag anbrach, schon die Höhen von Rosas passiert. Die Fahrt wurde mit

gleichem Glück bis zu den Küsten Frankreichs fortgesetzt, an Perpignan

und Narbonne vorüber, und den dritten Tag erreichten wir glücklich den

Hafen von Agde. --

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers · 第 17 / 22 题