Drohende Stimmung der Einwohner zu Madrid. -- Aufstand zu Toledo. --
Der blutige Aufstand am 2. Mai zu Madrid. -- Wegnahme des
Artillerieparks. -- Ich rette einem Insurgenten das Leben und
werde dabei verwundet. -- Ein Renkontre mit Murat. -- Eine
gefährliche Zusammenkunft. -- Abmarsch nach Toledo. -- Abmarsch
über Madrid nach Aragonien. -- Unterwürfigkeit der Madrider
Behörden und des Inquisitionsgerichts gegen die Franzosen. --
Fast ganz Spanien im Aufstand. -- Die Junta zu Sevilla und die
Provinzialjuntas erklären Frankreich den Krieg. -- Wir stoßen zu
dem Belagerungsheer vor Saragossa.
Seit Ferdinands Abreise von Madrid schienen alle spanischen Gesichter
ein ganz anderes Aussehen zu haben. Man blickte uns mit auffallend
finsteren Augen an, um so mehr, da man wußte, daß wir jetzt ganz auf
Spaniens Unkosten lebten und unterhalten wurden. Das Benehmen der
Krieger der großen Nation war im Gefühl ihrer bisherigen Siege ziemlich
arrogant, was zu öfteren Händeln Veranlassung gab, die zwischen den
Einwohnern und Soldaten vorfielen, in die sich aber das spanische
Militär durchaus nicht mischte, sondern ganz neutral verhielt. Auch
verschwand hier und da mancher französische Soldat, ohne daß man
herausbringen konnte, was aus ihm geworden war. Murat fuhr fort, Truppen
nach Madrid zu ziehen. Dupont wurde mit seinem Stab und einem Teil
seiner Division nach Aranjuez und die Umgegend verlegt. Der Rest hatte
unter dem Befehl Vedets Besitz von Eskurial genommen. Die dritte
Division lag noch bei Segovia und viele Bataillone biwakierten in
geringerer oder größerer Entfernung von der Hauptstadt. Das Gerücht, daß
Napoleon Ferdinand VII. nicht anerkenne, fand bald allgemeinen Glauben,
man erfuhr, daß in Toledo schon ein Volksauflauf stattgefunden habe, bei
dem sich die Anhänger des alten Königs und Godoïs flüchten mußten. Man
hatte dabei Ferdinands Bild im Triumph herumgetragen. Wer ihm begegnete,
mußte seine Knie vor demselben beugen und ihm ein Vivat bringen, wollte
er nicht von dem mit Säbeln, Spießen und Gewehren bewaffneten Volk
mißhandelt oder gar ermordet werden. Fünf Tage darauf marschierte Dupont
schon nach Toledo ab, wohin er sein Hauptquartier verlegte. Er fand
keinen Widerstand bei seinem Einzug, wie er gefürchtet und weshalb er in
Schlachtordnung vorgerückt war, sondern der Erzbischof, ein Bruder der
Gattin Godoïs, kam ihm mit dieser und einer Zahl Geistlichen entgegen.
Aber das Volk maß die Ankömmlinge mit finsteren, vielsagenden Blicken.
Wir standen jetzt in Madrid wie auf einem Vulkan, von dem alle Anzeichen
einen nahen Ausbruch verkündeten. Nur mit großer Mühe hatte man bei
Godoïs Freilassung einen Aufstand unterdrückt. Als man aber die
Gewißheit bekam, daß Ferdinand Spaniens Grenze überschritten und dessen
Vater gegen seine erzwungene Abdankung protestiert habe, da wurde die
Erbitterung allgemein und furchtbar. Die böse Stimmung der Gemüter war
nicht mehr zu verkennen und stieg aufs höchste, als sich übertriebene
Gerüchte hinsichtlich der Mißhandlung, die der vergötterte Ferdinand in
Bayonne erlitten haben sollte, in Madrid verbreiteten. Den ganzen Tag
standen Tausende um das Postgebäude, die von Frankreich kommenden
Kuriere und Briefe erwartend. Man teilte sich auf der Puerta del Sol,
dem Prado und an allen öffentlichen Orten und Plätzen Briefe mit, welche
die Vorfälle zu Bayonne mit den schwärzesten Farben schilderten. Wut und
Ingrimm machten sich auf den braunen spanischen Gesichtern bemerkbar,
und nur noch mit Mühe unterdrückten die Leute den Ausbruch ihres Zornes.
Es wurden nun allerlei Maßregeln von unserer Seite ergriffen, den
bevorstehenden Sturm zu beschwören und das Verbreiten schlimmer oder
falscher Nachrichten zu verhindern, aber vergeblich. Auch fing man die
Sache verkehrt an. Umsonst ritt Murat täglich zu verschiedenen Stunden
mit großem Prunk und glänzendem Gefolge durch die Straßen der
Hauptstadt, um sich dem Volke zu zeigen und es zu besänftigen. Diese
Ostentation hatte gerade die entgegengesetzte Wirkung. Das Volk hielt
sie für Hohn und glaubte, man spotte seiner. Man murrte laut, und nicht
selten ließ sich ein gellendes Pfeifen hören, wenn der Zug vorüberritt.
Murat war durch die ertrotzte Befreiung und Abführung Godoïs jetzt
ebenso verhaßt wie dieser geworden. In der peinlichsten Lage befand sich
jedoch die hohe Junta, welcher Ferdinand die Zügel der Regierung bei
seiner Abreise übergeben hatte, und die nicht mehr wußte, wer Koch oder
Kellner war, daher in dieser Verwirrung keinen Leitfaden finden konnte,
der ihr den rechten Weg gezeigt hätte. Auch wollte sie es mit keiner
Partei verderben. Die wenigen spanischen Truppen, die noch in Madrid
lagen, es waren kaum zweitausend Mann, wurden in den Kasernen
konsigniert, als die Gärung auf das höchste gestiegen war. Es gab jetzt
schon blutige Raufereien zwischen den Einwohnern und unseren Truppen.
Unsere Artillerie war sehr zahlreich in Buen Retiro aufgestellt, um im
Falle der Not jeden Augenblick bereit zu sein. In Madrid selbst stand
die kaiserliche Garde zu Fuß und zu Pferd, eine Division von der Linie,
eine Brigade Reiterei und so weiter. In Aranjuez und der Umgegend lagen
noch an dreißigtausend Mann. Als das Unwetter drohte, erhielten wir
Order, im Prado zu biwakieren. Das Kloster des heiligen Bernhard war mit
Soldaten angefüllt, die nicht aus den Kleidern kamen und Tag und Nacht
unter Gewehr standen, auf das geringste Alarmzeichen passend. -- Als
Murat nun dem noch in Madrid anwesenden Infanten Don Antonio mitteilte,
daß er von Karl IV. den Auftrag erhalten habe, die Königin von Hetrurien
mit ihrem dreizehnjährigen Sohne auch nach Bayonne zu schicken, da
erklärte die Junta, daß sie den letzteren nicht ohne den ausdrücklichen
Befehl des König Ferdinand abreisen lassen würde. Murat entgegnete, daß
er alle Verantwortung deshalb auf sich nehme, und bestimmte den 2. Mai
(1808) zum Tag der Abreise der Königin und ihres Kindes. Als dies in der
Hauptstadt bekannt wurde, setzten deren Einwohner alle noch bis jetzt
beobachteten Rücksichten beiseite und riefen laut in den Straßen die
infamierendsten Schmähungen gegen den Kaiser der Franzosen, aus dem sie
einen _picaro, un cobarde ladron_ machten. Da auch seit einigen Tagen
die Nachrichten aus Bayonne ausblieben, so vermutete man, daß daselbst
das Ärgste vorgefallen sein müsse, und sprach von Ermordung und
Vergiftung der beiden Prinzen, Don Ferdinand und Don Carlos, durch
Godoïs Einfluß. Auch die Weiber wurden nun wütend, und wo man eine
französische Uniform sah, murmelte man: _perro francés_. So war die
Stimmung am 2. Mai, und die ungeheure pulverschwangere Mine erwartete
nur den zündenden Funken, um alles zertrümmernd in die Luft zu sprengen.
Dieser Funke war die Abreise der Königin von Hetrurien. Die
vorhergehende Nacht stand die ganze Garnison unter dem Gewehr und starke
Patrouillen kreuzten in allen Richtungen. Dies hinderte nicht, daß sich
schon mit Tagesanbruch eine unermeßliche Menge Volk vor dem Palast
versammelte, den die Königin bewohnte. Unter diesen Haufen war eine
Menge Weiber aus den untersten Klassen und alle hatten drohende
Gesichter. Die Vorbereitungen zur Abreise wurden auf das schleunigste
betrieben, und es gelang, daß die Königin mit ihren Kindern noch vor
neun Uhr abfuhr. Noch waren die Wagen ihres Gefolges zurück, welche das
versammelte Volk für den Infanten Don Francisko bestimmt glaubte, der,
wie man versicherte, sich weigere, abzureisen, und in Verzweiflung sei.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich dieses Gerücht unter den Massen,
worauf die Weiber laut zu heulen und zu schreien, die Männer aber zu
fluchen und zu schimpfen begannen und alle Verwünschungen gegen die
Franzosen ausstießen. Gerade in dem Augenblick, als die Erbitterung auf
das höchste gestiegen war, kam Murats Adjutant Lagrange aus dem Palast,
und eine Stimme rief laut: »Das ist der _picaro_, der den Infanten mit
Gewalt fortschleppen will!« Man umringt sogleich den Offizier, schimpft
und stößt ihn, er zieht den Degen, war aber am Unterliegen, als sich
eine Grenadierpatrouille bis zu ihm Platz macht und ihn dem
unvermeidlichen Tod entreißt. Dies war das Zeichen zum allgemeinen
Aufstand der ganzen Bevölkerung Madrids. In wenigen Augenblicken sind
alle Straßen mit bewaffneten Bürgern und Bauern angefüllt, die Piken,
Dolche, Gewehre, Hellebarden und so weiter handhaben. Die Trompeten
schmettern, die Trommeln wirbeln den Generalmarsch und die Sturmglocken
heulen durch die Lüfte. An den noch nicht abgegangenen Wagen zerhaut das
Volk die Stränge, ohne daß es das herbeieilende Pikett-Bataillon, das
bei Murat die Wache hat, verhindern kann. Wir alle glaubten, daß dies
der Ausbruch einer tiefangelegten Verschwörung, alle Franzosen zu
morden, sei. Aber es war nur die natürliche Folge des allgemeinen
Unwillens, den der empörte Nationalstolz hervorbrachte. Die wütenden
Bürger rennen jetzt mit Eisenstöcken, Knütteln, Spießen, alten
Schwertern, Büchsen und so weiter durch alle Straßen und schlagen alle
Franzosen, denen sie einzeln oder in geringer Zahl begegnen, gleich
tollen Hunden tot. Nicht besser ergeht es jenen, die sich noch hier und
da in den Häusern befinden, wie Kommissäre, Offiziersbediente und so
weiter. Adjutanten und Offiziere, welche Orders an Korpskommandanten zu
überbringen haben, werden von den Pferden herabgerissen, gesteinigt und
tödlich verwundet. Aus vielen Fenstern wird auf alle vorbeieilenden
Franzosen geschossen oder siedendes Wasser und Öl auf sie herabgegossen,
und jetzt entspinnt sich an hundert Orten zugleich der wütendste,
blutigste Kampf. Unser Bataillon, das noch in der Nähe des Tores von
Segovia unter den Waffen stand, erhielt Order, sich auf die Höhen vor
dem Tor Sankt Vinzenz zu begeben, wohin mehrere Truppen ihre Richtung
nahmen, wo Murat seinen Standpunkt gewählt hatte und von wo aus er seine
Befehle nach allen Richtungen sandte. Reitende Ordonnanzen gingen
_ventre à terre_ ab, den in der Umgebung kampierenden Truppen die
Befehle zu überbringen, auf das schleunigste gegen die Hauptstadt zu
marschieren. Hierauf wurden die Kolonnen gegen verschiedene Straßen und
Plätze der Stadt in Marsch gesetzt. Die breite Straße Alcala wurde mit
Kartätschen gesäubert, die Kavallerie der Garde und die Lanciers hieben
und stachen auf die Massen ein. Unser Bataillon sowie ein großer Teil
der Infanterie lief, in Peletons abgeteilt, durch die Straßen und drang
in Häuser, aus denen man geschossen hatte. In einem Hause der Calle San
Bernardo hatte ich die größte Mühe, drei Frauen und einen Knaben der Wut
der erbitterten Soldaten zu entziehen, um ihnen das Leben zu retten,
konnte aber nicht verhindern, daß zwei der ersteren dennoch geschändet
wurden. Immer mehr Truppen kamen jetzt in die Stadt, aber von der
anderen Seite auch Tausende von bewaffneten Landleuten aus der Umgegend,
die den Bürgern zu Hilfe eilten, und Geistliche und Mönche, mit dem
Kruzifix in der Hand, stellten sich an die Spitze der Volkshaufen und
ermutigten sie zum verzweifelten Kampf. Um elf Uhr vormittags hatte das
wütendste Gefecht schon auf allen Punkten begonnen und nahm mit jedem
Moment zu. Das spanische Militär war noch immer in seinen Kasernen
konsigniert und hatte Befehl, die strengste Neutralität zu beobachten.
Ein Haufen Volk eilte hin, diese Truppen aufzufordern, sich mit ihm zu
vereinigen; aber vergeblich. Die Kommandeurs hielten sie zurück, und nur
einigen gelang es, sich unter das Volk zu mischen. Dieses war so
wutentbrannt, daß es sich oft blindlings mit Dolchen oder Stöcken in
unsere Reihen stürzte und sich sterbend glücklich pries, wenn es ihm
gelungen war, einen der Unsrigen zu verwunden. Mitten unter diesen,
gleich Löwen fechtenden Haufen standen Weiber mit fliegenden Haaren,
flatternden Mantillen, welche die Männer zum Ausharren im Kampf
aufmunterten, ja selbst vor der im Galopp heransprengenden Reiterei
nicht zurückwichen. Als einige den Ruf: »Nach dem Park, holt Waffen!«
hören ließen, rannte das Volk dahin, um sich der daselbst vorhandenen
Kanonen und vieler tausend Gewehre zu bemächtigen. Aber der dort die
Wache habende Offizier, ein spanischer Artillerieleutnant, weigerte
sich, dieselben auszuliefern. Als man noch deshalb hin und her stritt,
kam ein anderer Offizier namens Ruez mit einer Abteilung von fünfzig
Mann, die den Park schützen sollten. Aber statt dessen ließ er das Volk
gewähren, öffnete ihm sogar die Türen, und es bemächtigte sich schnell
der vorhandenen Gewehre, wohl über zehntausend, sowie der Munition. Auch
die sich in dem Park befindenden Kanoniere nahmen Partei für das Volk,
zogen Kanonen heraus und pflanzten sie in verschiedenen Straßen, wo sie
glaubten, daß die Franzosen herkommen würden, auf. In diesem Augenblick
rückten unsere Kolonnen in der Straße San Bernardo vor, denn wir hatten
Befehl, uns des Parkes um jeden Preis zu bemächtigen. Als uns das Volk
gewahr wurde und heranlaufen sah, feuerte es die Kanonen ab, und der
Kommandant unserer Kolonne stürzte mit noch mehreren anderen Soldaten an
der Spitze derselben tot nieder, während andere schwer verwundet wurden.
Dies veranlaßte, daß die Kolonne zurückwich; hierdurch entstand
Unordnung, und mehrere der Unsrigen fielen in die Hände des wütenden
Volkes. Doch brachte der jetzt befehlende Bataillonschef Carlier die
Truppen bald wieder zum Stehen, und ein spanischer Kapitän, den die
Regierungs-Junta als Parlamentär abgesandt hatte, stellte sich, mit
einem weißen Tuch winkend, an unsere Spitze, seinen Landsleuten
zurufend, sie möchten mit dem Feuern einhalten, wir seien von der Junta
abgeschickt, den Park nur zu schützen. Das Volk hörte zwar auf diesen
Befehl, als wir aber weiter vorrücken wollten, rief man uns zu: um zu
beweisen, daß wir als Freunde kämen, sollten wir die Waffen ablegen; und
da wir, wie natürlich, dies nicht taten, feuerten sie aufs neue. Jetzt
begann ein äußerst hartnäckiges Gefecht, das damit endigte, daß wir die
Kanonen mit bedeutendem Verlust im Sturm nahmen und so Herren des Parkes
wurden. Aber der größte Teil der Waffen und des Pulvers waren schon
weggenommen.
Der Kampf hatte sich nun in fast alle Gegenden und Straßen Madrids
verbreitet, obgleich sich mehrere Mitglieder der Junta die unsäglichste
Mühe gaben, dem Blutvergießen Einhalt zu tun, und mit Lebensgefahr durch
die Gassen ritten, weiße Tücher schwingend. Immer mehr gestaltete sich
die Schlacht, denn das war sie, und zwar mitten in einer Stadt, zu
unserem Vorteil. Aber jetzt waren auch die Unsrigen bis zur Wut
entflammt, da sie allenthalben auf die entsetzlich verstümmelten Leichen
ihrer Kameraden stießen; besonders waren viele Mameluken von der Garde,
welche die Orders zu überbringen hatten, gefallen. Sie verübten deshalb
barbarische Grausamkeit gegen die ihnen in die Hände geratenen Spanier
und machten unter anderen ohne Unterschied alles nieder, was sich in
eine Kirche geflüchtet hatte. Bis nach drei Uhr nachmittags währte
dieses schreckliche Gemetzel und der Kampf. Ich habe nie ähnliche Blut-
und Mordszenen, weder vor noch nach diesem Tage mehr gesehen, und lange
verfolgte mich die Erinnerung an dieselben. Als das Volk endlich sah,
daß es überall den kürzeren zog, suchten die in die Stadt gekommenen
Landleute zu entfliehen. Sie wurden aber größtenteils von der Kavallerie
eingeholt und niedergehauen. Einem solchen armen Teufel, einem schon
ziemlich bejahrten Bauern, rettete ich das Leben, indem ich mit meinem
Degen den fallenden Hieb des Kavalleristen parierte, der ihm den Kopf
gespalten haben würde. Dagegen erhielt ich den etwas gelähmten Hieb in
den rechten Arm, so daß er durch das Fleisch bis auf den Knochen ging,
der jedoch nicht lädiert wurde. Dennoch brachte ich über vierzehn Tage
an der Heilung dieser Wunde zu, die mich von allen, die ich erhalten, am
meisten freute, wenn ich mich an den armen Teufel erinnerte, der die
blanke Klinge, die ihm den Tod bringen sollte, schon über seinem Haupte
blitzen sah, sich zusammenkauerte, und unerwartete Rettung fand. Der
Dragoner, dem ich zuredete, doch menschlicher zu sein, dankte mir
zuletzt noch, ihn an der Tötung des alten Mannes verhindert zu haben,
und verband mir die Wunde vorläufig.
Wieviel Tote das Volk an diesem schrecklichen Tage hatte, konnte nicht
genau ermittelt werden. Während einige mehr als tausend zählen wollten,
behaupteten andere, es seien kaum hundert gewesen. Keines von beiden mag
richtig sein; wir hatten jedoch an dreihundert Tote und über tausend
Verwundete.
Noch denselben Abend wurde ein Teil der mit den Waffen in der Hand
Gefangenen von einer Militärkommission zum Tode verurteilt und sogleich
in der Nähe des Prado erschossen. Ebenso erging es allen, welche die
Patrouillen unterwegs auffingen und bei denen man auch nur ein Messer
oder sonst ein schneidendes Instrument fand. Es wurde ihnen weder zu
beichten noch die Tröstungen eines Priesters gestattet. Sie mußten ohne
Absolution aus dem Leben gehen, was ihnen ärger als der Tod selbst war.
Diese Exekutionen dauerten auch noch den anderen Tag fort und machten
Murats Namen, sowie alle Franzosen in ganz Spanien schrecklich verhaßt.
Jetzt hatten Pfaffen und Mönche gutes Spiel, und jeder Spanier suchte
bald einen Franzosenmord auf dem Gewissen zu haben, um direkt in den
Himmel zu kommen.
Eine Proklamation, die Murat am 3. Mai erließ, verkündete, daß jeder
Spanier, der mit irgendeiner Waffe gefunden, auf der Stelle erschossen,
daß jeder Ort, in welchem ein Franzose getötet, niedergebrannt würde,
und die Väter für ihre Söhne, die Meister für ihre Gesellen, die Äbte
für ihre Mönche und so weiter haften müßten. Dies empörte die Gemüter
nur noch mehr, während das fortdauernde Erschießen in den nächsten
vierundzwanzig Stunden alle spanischen Herzen racheglühend machte.
General Grouchy war der Präsident der Militärkommission, die diese
blutigen Urteile sprach, und nicht weniger als dreihundert Unglückliche,
sowie alle in der Infanteriekaserne gefangen sitzenden Insurgenten
kommandomäßig erschießen ließ. Viele wurden auch des Nachts aus ihren
Wohnungen und Betten geholt und zum Richtplatz geschleppt. Den 4. Mai
löste Murat dieses gräßliche Blutgericht wieder auf, nachdem ihm auch
die Junta die dringendsten Vorstellungen deshalb gemacht, und es wurde
nun eine Amnestie verkündet, aber bei Todesstrafe geboten, alle Waffen
abzuliefern. Dennoch töteten die Mameluken noch mehrere Spanier im
Augenblick der Amnestie, und viele hundert Einwohner Madrids entflohen,
derselben nicht trauend, in die Provinzen, wohin sie die schreckliche
Neuigkeit des Blutbades in der Hauptstadt mit den schwärzesten Farben
und mit Blitzesschnelle verbreiteten. Die Geistlichkeit vergrößerte
diese, ohnehin schon entsetzlichen Vorfälle noch hundertmal durch ihre
geheimen Kanäle, und bald war kein Winkel mehr in ganz Spanien, der
nicht vor Rache glühte. Am 3. Mai mußte nun auch noch der
zurückgebliebene Infant Don Francisko nach Frankreich abreisen, und den
4. Mai folgte ihm der Infant Don Antonio. Jetzt waren alle Mitglieder
der königlichen Familie aus dem Land.
Grabesstille war plötzlich in Madrid eingetreten. Murat stellte sich als
Präsident der Junta an die Spitze derselben und wurde kurz darauf von
Karl IV. von Bayonne aus zum Generalleutnant des Reiches ernannt.
Meine Wunde verhinderte mich weder am Ausgehen noch an den
Dienstverrichtungen. Ich trug nur den Arm in einer Binde. Fünf oder
sechs Tage später, als ich _du jour_ war und ausritt, Wachen zu
inspizieren, begegnete ich in der Straße de Atocha Murat mit seiner
ganzen Suite zu Pferde. Nachdem ich ihm salutiert, fragte er mich, wo
ich die Wunde erhalten, und als ich getreuen Bericht erstattet, sagte
er: »Das war wohl auch der Mühe wert, blessiert zu werden, um so einem
Briganten das Leben zu retten; indessen zeigt es von Großmut, und die
ist nie ohne Mut. Wie heißen Sie?« -- Ich sagte ihm meinen Namen, und
als er weiter fragte: »Woher?« und ich ihm: »Aus Frankfurt am Main«
erwiderte, versetzte er: »Also ein Deutscher, und aus Frankfurt. Dort
ist auch ein böses Volk; das hat zu Custines Zeiten die Franzosen in den
Straßen ermordet. Wie kamen Sie in unsere Dienste?« -- Mit wenig Worten
teilte ich dies dem Großherzog mit, der davonsprengend mir noch zurief:
»Es ist gut, ich werde mich Ihrer erinnern.« Dies wäre wohl schwerlich
geschehen, hätte mich der Zufall nicht später wieder in seine Nähe
gebracht und ihm bemerkbar gemacht.
Nach den Vorfällen des 2. Mai hatte ich noch einmal eine Zusammenkunft
mit meiner schönen Donna, deren Wohnung ich infolge dieser Ereignisse
verlassen, veranstaltet, bei der sie mir ganz ohne Hehl erklärte, daß,
so sehr sie mich auch liebe, sie wohl imstande wäre, mich zu vergiften
oder zu erdolchen, und mir das Messer im Herzen umzudrehen, wenn es die
Madonna so wolle, und ich, wie fast alle Franzosen, ein Ketzer, ein
Feind Christi und des heiligen Vaters zu Rom sei, wie sie ihr
Beichtvater versichert, auch ihre Landsleute habe morden helfen. Dabei
sprühten ihre Augen Feuer, aber es war nicht das der Liebesglut, sondern
es waren Funken des Zornes, und alle ihre schönen Adern schwollen auf.
Als ich die hübsche Senora sich so gebärden und entstellen sah,
fürchtete ich, daß sie eine Art Wahnsinn befallen habe und suchte
mitleidsvoll sie zu beruhigen, was mir nicht ohne die größte Mühe
gelang, nachdem ich sie versichert, daß, weit entfernt, ihre Landsleute
zu töten, ich deren sogar gerettet habe, folglich der beste Christ sei,
den die Sonne bescheine und ebenso gut an Gott glaube wie sie. -- »Aber
auch an die Madonna?« -- »Gewiß, da sie wohl so schön wie du selbst
ist.« Bei diesen Worten küßte ich den kleinen Satan auf die Stirne. Ich
erfuhr noch von ihr, daß die Geistlichen versicherten, daß alle Frauen,
die irgend einen Kommerz mit einem französischen Ketzer hätten, mit
diesem zum ewigen Schmoren im Höllenpfuhl verdammt seien. Ich suchte ihr
diese Possen bestmöglichst auszureden, und riet ihr, es so zu machen wie
meine schöne Kalabreserin zu Monteleone, nämlich, wenn sie denn doch
ihre Sünden beichten müsse, nicht zu sagen, mit wem sie gesündigt habe.
Dann würde sie ja doch Absolution erhalten, die immer vollgültig wäre
und ihr niemand bestreiten könne. Mehrere, anfänglich halb erzwungene
Küsse machten, daß sie bald wieder von einem anderen Feuer als dem des
Zornes glühte. Es gelang mir, sie zu überzeugen, daß ich wahr
gesprochen; der Friede zwischen uns wurde aufs neue geschlossen und
besiegelt. Als sie vertrauensvoll in meine Arme sank und sich an mich
schmiegte, fühlte ich den Druck eines harten Gegenstandes an ihrer
linken Seite. Ich griff mit den Händen darnach und faßte einen ziemlich
langen Dolch in einer mit Silber beschlagenen Scheide. -- »Aber, mein
Engel, zu was diese mörderische Waffe?« -- »Sie war dir bestimmt, um
meine Seele zu retten, wenn ich einen Ketzer in dir gefunden hätte.« --
»Aber weißt du denn nicht, daß Todesstrafe und augenblickliches
Erschießen darauf steht, wer auch nur eine Schere bei sich trägt?« sagte
ich lachend zu ihr und entriß ihr das Mordinstrument. Sie sprang nun an
mir herauf, um es mir zu entwinden. -- »Mit nichten, mein holder Engel,«
sagte ich, den Dolch festhaltend, »den behalte ich zum ewigen Andenken
an dich und diese Stunde.« Ich wollte sie jetzt verlassen, allein sie
warf sich zwischen mich und die Türe und fragte mich in allem Ernst, ob
ich Lust habe, sie anzugeben, und auf den Knien rutschend bat sie mich
um der Madonna und aller Heiligen willen, sie doch nicht zu verraten.
Ich hob sie auf, küßte ihr die Tränen von den Wangen, und sie
beruhigend, bat ich sie, mir mit dem Dolch ein Geschenk zu machen, wozu
ich sie nur durch vieles Bitten bewegen konnte. Bevor ich mich
entfernte, sagte ich ihr noch: »Wie, und wenn ich nun doch ein Ketzer
wäre?« -- »Unmöglich,« rief sie aus, mir um den Hals fallend, »unmöglich
kannst du mich so unglücklich machen wollen.« Wir trennten uns mit dem
beiderseitigen Versprechen, uns bald wiederzusehen, und sie gab mir den
letzten Feuerkuß. -- Es war wirklich der letzte, denn ehe ich wieder ein
Rendezvous mit ihr haben konnte, bekam das Bataillon Befehl, nach
Toledo, wo Dupont noch stand, auszumarschieren, und ich sah Donna
Calvanillas nicht und Madrid nur im Fluge wieder.
Zu dem Toledotor hinaus, über die schöne Toledobrücke, welche über den
Manzanares führt und schon unter Philipp II. erbaut wurde, aber mit
komischen Zieraten überladen ist, marschierten wir durch das Städtchen
Getafe nach Illescas, wo wir eine Nacht blieben, und dann über Olias den
dritten Tag in Toledo ankamen. Der Weg war kahl und öde und wurde erst
von Olias aus etwas baum- und pflanzenreicher. Die Dörfer, durch die wir
kamen, waren meist wie ausgestorben und auch in den Städten herrschte
eine Grabessruhe, viele Häuser waren gänzlich geschlossen. Wir kamen
noch ziemlich früh am Tage in Toledo an, wo wir durch das Tor Visagra
einrückten, und zuerst in einem Kloster und seinen Kreuz- und Quergängen
einquartiert, zwei Tage darauf aber in die Umgegend verlegt wurden.
Diese alte berühmte Stadt wurde im sechsten Jahrhundert der Sitz der
Könige des gotischen Reiches, denen es im achten Jahrhundert die Mauren
abnahmen, welche dem Kalifen von Bagdad gehorchten. Im Jahre 1027 wurde
Toledo die Hauptstadt eines besonderen Maurenreiches, bis 1085 Alphons
VI., mit dem Beinamen der Mutige, König von Castilien und Leon, diese
Stadt eroberte. Beinahe vierhundert Jahre (711-1085) war sie im Besitz
der Araber geblieben. Die Mauren konnten lange diesen Verlust nicht
verschmerzen und belagerten 1109 die Stadt unter dem Befehl ihres
Fürsten Hali, aber nachdem sie die ganze Umgegend sowie Madrid und
Talavera mit Feuer und Schwert verheert hatten, mußten sie die
Belagerung aufgeben. Vier Jahre darauf begannen sie eine zweite ebenso
vergeblich, da der tapfere Nuñez die bedrängte Stadt rettete, die
dreizehn Jahre darauf zum drittenmal, aber ebenso fruchtlos von ihnen
bestürmt wurde. Später hatte sie gewaltig durch ihre innerlichen Kriege
zu leiden, ihre Mauern wurden zerstört, ihre schönsten Gebäude in Asche
gelegt, ihre Bürger ermordet. Und 1461 floß unter Heinrich dem
Ohnmächtigen das Bürgerblut in allen Straßen in Strömen, sogar in den
Kirchen. An fünfzig Orten loderten die Flammen zugleich empor. 1641
hatte sie ein ähnliches Schicksal. Ehedem war Toledo sehr blühend und
bevölkert, an hunderttausend Arbeiter wurden in ihren Manufakturen
beschäftigt, und die Zahl ihrer Einwohner war über zweihunderttausend.
Jetzt zählte sie kaum einige zwanzigtausend. Die Cortes hatten sich hier
öfters versammelt, zum erstenmal 589. Zwanzig Konzilien wurden dort
gehalten, von denen das letzte 860 unter der Herrschaft der Mauren.
Allenthalben stößt man auf Überreste ihrer ehemaligen Größe. Noch
bezeichnen niedriges Mauerwerk, Stein- und Erdhaufen deren früheren
Umfang. Ihre Straßen sind enge und oft sehr steil, schlecht gepflastert
und ebenso unterhalten. Man muß fast immer bergauf und bergab steigen,
in den meisten können sich keine zwei Wagen ausweichen. Sie enthält
jedoch mit die merkwürdigsten Baumonumente ganz Spaniens, an deren
Spitze füglich der Alcazar, das alte maurische Schloß, steht, der im
höchsten Teil der Stadt liegt. Alphons X. hat ihn wieder ganz herstellen
lassen und Karl I. abermals ausgebessert. Im Erbfolgekrieg begingen die
Portugiesen den Vandalismus, bevor sie sich zurückzogen und nachdem der
Friede schon geschlossen war, dieses Gebäude anzuzünden, wodurch es zum
Teil sehr beschädigt wurde. An dem Eingangstor desselben sind zwei der
berühmtesten Gotenkönige, die in Spanien regierten, Recesscinto und
Recaredo, beide herrschten im siebenten Jahrhundert, in Stein
abgebildet. Die Fassade des Alcazar ist über hundertfünfzig Fuß hoch,
von majestätischem Ansehen und einfacher Erhabenheit. In seinen
unermeßlichen unterirdischen Gewölben haben Tausende Raum. Auch seine
Kirche oder Kapelle verdient gesehen zu werden.
Wir lagen indessen in recht elenden Dörfern oder in deren Nähe und
biwakierten größtenteils. Die Hitze wurde mit jedem Tag größer und
unerträglicher, und oft mangelte es uns an allem, sogar an frischem
Wasser. Dabei wurden die aus ganz Spanien einlaufenden Nachrichten immer
bedenklicher. Allenthalben hatte man die Standarte der Rebellion, wenn
man die rechtmäßige Erhebung eines Volkes gegen einen fremden Räuber so
nennen darf, aufgepflanzt. Die Flammen eines das ganze Reich umfassenden
Brandes loderten an allen Orten zum Himmel empor, wozu die von Bayonne
eingehenden Berichte, welche die Verzichtleistung Ferdinands und der
Infanten Don Carlos und Don Antonios auf den spanischen Thron
verkündeten -- die ganze königlich spanische Familie war jetzt in den
Klauen Napoleons --, am meisten beitrugen. Aber was den allgemeinen Zorn
wie durch einen Blitz entzündete, war die Bekanntmachung, daß die Junta
zu Madrid sich einen neuen König vom Kaiser der Franzosen erbat, wozu
sie durch Murat veranlaßt oder besser gezwungen war.
Ungefähr drei Wochen mochten wir in der Umgegend von Toledo, aber nicht
auf Rosen, kampiert haben, als wir Order erhielten, nach Madrid
zurückzukehren, was wir auf demselben Weg, den wir gekommen,
bewerkstelligten. Daselbst erfuhren wir, daß Napoleon auf den 15. Juni
eine spanische Junta nach Bayonne berufen habe. Auch wurde Tag und Nacht
an der Befestigung der Anhöhen von Retiro gearbeitet, wodurch man die
Hauptstadt im Zaume zu halten hoffte. Das Seltsamste aber war, daß das
sonst so gefürchtete allerhöchste Inquisitionsgericht in seinem
Unterwerfungseifer gegen Murat und Napoleon noch viel weiter als die
gehorsame Junta und andere Behörden, die jetzt völlig unter
französischem Einfluß standen, ging, und die Priester und Pfaffen
aufforderte, den Unwillen des Volkes auf die Urheber der Exzesse und des
Aufstandes vom 2. Mai zu lenken, woran sich aber die Geistlichkeit wenig
kehrte. Freilich war die Sache so doppelsinnig wie ein delphischer
Orakelspruch, denn wer waren die eigentlichen Urheber? -- Am
unterwürfigsten aber hatte sich doch der Erzbischof von Toledo, der
Primat von Spanien, gezeigt.
Nur ein Ruhetag wurde uns in Madrid gestattet, worauf wir den Marsch
nach Aragonien antreten mußten. Die verschiedenen französischen
Armeekorps in Spanien waren jetzt in Navarra, Katalonien, Leon, Alt- und
Neukastilien verteilt und mochten wohl über achtzigtausend Mann stark
sein. Aber es waren nur wenig gediente Soldaten dabei, die Mehrzahl
bestand aus jungen Konskribierten. Wir verließen Madrid durch das Tor
Alcala, auf dem Wege nach Aragonien zu marschierend, kamen über
verschiedene unbedeutende Dörfer und biwakierten die erste Nacht in der
Umgegend von Torrejon de Ardos, einem ziemlich großen Flecken, der links
von der Straße lag. Den folgenden Tag kamen wir nach Alcala de Henarez,
wo wir aber nur wenige Stunden kampierten und daselbst die Nachricht von
den Aufständen in Cartagena und Valencia erhielten, die mit den
grellsten Farben ausgemalt wurden. Unsere Soldaten durften nicht in die
Stadt; dies wurde ausnahmsweise nur einigen Offizieren, unter denen auch
ich, erlaubt. Der Ort ist mit Mauern umgeben und hat eine im sechzehnten
Jahrhundert von dem berühmten Kardinal Ximenes gestiftete Universität.
Was aber Alcala de Henarez vor allem berühmt macht, ist, daß der
unsterbliche Cervantes hier geboren wurde. Ganz nahe bei der Stadt lag
das _Complutum_ der Römer, von dem man auf einem ziemlich steilen Hügel
jenseits des Flusses Henarez noch die Ruinen eines Kastells sieht. Im
achten Jahrhundert fiel auch diese Stadt in die Hände der Mauren und
wurde ihnen erst 1118 durch den Mönch Bernhard, später Erzbischof von
Toledo, wieder entrissen, aber bei dieser Gelegenheit schrecklich
verheert.
Wir brachen nach kaum vier Stunden Rast wieder auf und passierten fast
trockenen Fußes den Henarez -- die über denselben führende Brücke war
schon seit fünfzig Jahren verfallen --, in der Nähe von Guadalaxara. Der
Weg von Alcala ging meistens durch große und schöne Ebenen, war auf der
einen Seite von Bergen begrenzt, während wir auf der anderen fast immer
den Henarez im Angesicht hatten. In einem Kloster von Guadalaxara
übernachteten wir. Diese Stadt hatte ziemlich ein gleiches Schicksal mit
der vorhergehenden. Alvar Fanez, ein Vetter des berühmten Cid, entriß
sie 1081 den Mauren. Sie liegt in einer Ebene nahe am Henarez und mag an
zwölftausend Einwohner haben. Der Palast der Herzöge de l'Infantado und
die große Franziskanerkirche mit der Familiengruft dieses Hauses sind
ihre sehenswürdigsten Gebäude. Hier bestätigten sich nicht nur die
erhaltenen Nachrichten von den Aufständen, sondern man erhielt neue, die
verkündeten, daß bereits der größte Teil von Spanien in vollem Aufruhr
und französisches Blut schon in Strömen geflossen sei, sowie daß jeder
dem Volk verdächtige Spanier, namentlich alle Anhänger Godoïs oder der
Franzosen, ermordet würden. Auch wir begegneten überall nur finsteren,
nichts Gutes prophezeienden Gesichtern. Wir setzten indessen unseren
Marsch nach Aragonien noch unangefochten fort und schlugen den dritten
Tag unser Biwak bei dem Dorf Grajanejos, nachdem wir durch die
verfallene Stadt Torrijo marschiert waren, auf, und den vierten
kampierten wir bei den Dörfern Torremocha und Algora. In der Kirche des
letzteren befindet sich ein ganz vergoldeter Hochaltar, dessen
Vergoldung über fünfzigtausend Realen kostete und erst 1788 gemacht
wurde. Unser nächstes Biwak war bei dem Weiler Torre. Auf dem Marsch
dahin kamen wir durch eine so enge Schlucht, daß man die Felsen auf
beiden Seiten manchmal zugleich mit den Händen ergreifen konnte. Wir
wurden nun in der Umgegend von Siguenza und zum Teil in die Stadt selbst
verlegt, die auf einem Hügel am Henarez liegt. Hier weilten wir mehrere
Tage und erhielten die uns alle in Erstaunen setzende Nachricht, daß
Napoleons Bruder Joseph, der bisherige König von Neapel, zum Herrscher
von Spanien ernannt sei, aber zugleich auch die, daß ihn ganz Spanien
zurückstoße und sich zu Sevilla schon eine Regierungsjunta gebildet
habe, welche das Reich in Abwesenheit der rechtmäßigen Monarchen
regieren wolle, die gegen die Franzosen äußerst feindselig gesinnt sei,
und man überall: »Es lebe Ferdinand, Tod den Franzosen!« rufe. Bald
darauf kam die Nachricht, daß diese Junta Frankreich förmlich den Krieg
erklärt habe. Auch in Altkastilien hatten die Einwohner schon zu den
Waffen gegriffen, Ferdinand VII. zum König ausgerufen und Murats
Proklamationen dem Feuer übergeben. In Navarra, Biscaya, Aragonien,
Valencia, Tortosa, Andalusien, Murcia, zu Lerida, Badajoz und so weiter
loderten die Flammen des Aufstandes, und die spanischen Garden, welche
Ferdinand bis an die Grenzen des Reiches eskortiert hatten und nun zu
Tolosa und Hernani standen, forderten laut ihren König zurück, allen
Franzosen mit dem Tode drohend. Das gesamte Volk, von den Pfaffen
gehetzt, atmete nur noch Blut und Rache. In allen Städten, wo wir nicht
die Oberhand hatten, bildeten sich schnell Provinzial-Junten, welche das
unter die Waffen gerufene Volk in Korps organisierten. Vom siebzehnten
bis zum vierzigsten Jahre traten alle männlichen Einwohner unter das
Gewehr, und die Franzosen, welche schon längere Zeit Spanien als
Privatleute oder ein Gewerbe treibend bewohnten, konnten oft dem Tod nur
dadurch entgehen, daß die Behörden sie ins Gefängnis setzten. Eine der
wütendsten Proklamationen war die der Junta von Valladolid, die auch
ihren Zweck, die Ermordung der Franzosen anempfehlend, nur zu sehr
erreichte. Dabei fehlte es nicht an Wundern, die allenthalben, den
Untergang der Franzosen vorhersagend, geschahen. Madonnenbilder ließen
dicke Schweißtropfen fallen oder schwitzten sogar Blut. Auf
Heiligengräbern hörte man unterirdisches Waffengetöse, der Blitz schlug
in französische Kirchen und verschonte nur Madonnen- und Heiligenbilder
und so weiter. Das Niedermetzeln der Spanier vom höchsten Rang, die man
den Franzosen günstig glaubte, sowie die Vorgänge zu Cadix bewiesen,
welchen Grad die Wut der Geistlichkeit und des Volkes erreicht hatte.
Die Junta zu Sevilla erklärte nun auf das feierlichste, daß Spanien
nicht eher die Waffen niederlegen würde, als bis Ferdinand wieder auf
dem Thron säße und die Franzosen alle getötet oder zum Lande
hinausgejagt seien, und sie hielt Wort. Dies waren die Folgen der so
arglistigen als dumm gesponnenen Intrigen Napoleons und seiner
kurzsichtigen Politik. In ganz Spanien erhob sich ein Freudengeschrei,
als die Nachricht, daß die französische Flotte zu Cadix, bei der fünf
Linienschiffe waren, habe kapitulieren müssen, und daß die Bemannung,
ganz gegen den Vertrag der Kapitulation, in abscheuliche Gefängnisse
gesteckt und mißhandelt wurde. Denn, »wer braucht einem so
niederträchtigen Schurken, wie der Kaiser der Franzosen ist, der Treu'
und Glauben nicht kennt, Wort zu halten?« sagten die Spanier.
Noch standen wir in der Gegend von Siguenza, häufig die Biwaks
wechselnd, aber nur des Nachts marschierend, während wir am Tage in der
Sonnenhitze brieten, und es immer unheimlicher um uns herum zu werden
begann. Eine Zeit lang wußten wir gar nicht, woran wir waren, da wir
weder weitere Orders noch irgendeine bestimmte Nachricht erhielten. Bald
hieß es, Napoleon sei selbst in Madrid eingerückt, dann wieder, alle
Franzosen seien daselbst ermordet worden, man habe die Stadt an
vierundzwanzig Stellen zumal angezündet und so weiter. So trieben wir
uns unstät in der Provinz Guadalaxara herum, wo alles ebenfalls einen
nahen Aufstand zu verkünden schien, und unsere Patrouillen schon
mehrmals von Bauernhaufen, die von einem Mönch oder Geistlichen
angeführt waren, angegriffen wurden. Wir erfuhren zwar, daß Napoleon den
15. Juni die Junta in Bayonne eröffnet habe, daß Dupont in Andalusien
Cordua erstürmt habe und Moncey vor Valencia stünde, im Begriff, diese
Stadt einzunehmen, aber bald darauf, daß sich beide wieder hätten
zurückziehen müssen. Endlich kam uns die Order, zu dem Korps zu stoßen,
das bereits unter Verdier auf dem Marsch nach Aragonien begriffen sei,
um das Belagerungsheer von Saragossa zu verstärken. Wir machten nun
nächtliche Eilmärsche, am Tage biwakierend, zum Teil durch ziemlich
waldreiche Gebirge. An der Grenze, die Kastilien von Aragonien scheidet,
stand ein alter Turm, den wir besetzten, aber beim Aufbruch des Biwaks
den Posten wieder an uns zogen. Nachdem wir das Dorf Sisamon passiert
hatten, wurden die Gebirgswege immer waldiger, und gar leicht hätten wir
überfallen werden und es uns gehen können wie den Römern in den
kaudinischen Engpässen, denn wir marschierten ziemlich unvorsichtig
voran, konnten auch keine Seitenpatrouillen absenden, und mußten Vor-
und Nachhut fast immer im Gesichte behalten. So gelangten wir nach
Techa, einem großen Dorf, durch welches der Xalon fließt, über den eine
steinerne Brücke führt. Hier befand sich ein Turm, der auf der einen
Seite so eingesunken war, daß man jeden Augenblick dessen Einsturz hätte
vermuten sollen, und doch war er schon Jahrhunderte in diesem Zustande.
Von hier kamen wir wieder über Gebirge, durch bald engere, bald weitere
Täler, vom Xalon bewässert. Durch mehrere elende Ortschaften
marschierten wir nach Calatayud, einer Stadt, die im achten Jahrhundert
ein maurischer Feldherr namens Ajub nächst den Trümmern des alten
Bibilis gründete. Hier hatte noch kurz vor unserer Ankunft Palafox
einige Tage verweilt, die durch den General Lefebvre-Denouette
versprengten Flüchtlinge sammelnd, um sie bei der Verteidigung von
Saragossa zu verwenden. Die hier befindlichen Spanier verließen die
Stadt, ohne unsere Ankunft abzuwarten. Wir fanden aber nicht für gut, in
dieselbe einzurücken, sondern requirierten nur Lebensmittel und Wein
gegen Bezahlung, erhielten aber dennoch schlechte Ware. Alphons I. hatte
1118 die Stadt den Mauren im Sturm abgenommen und alle Araber in
derselben niedersäbeln lassen. Sie hat eine angenehme Lage auf dem
rechten Ufer des Xalon, am Einfluß des Xiloca, in einem fruchtbaren Tal
und soll über zehntausend Einwohner haben. Nachdem wir gehörig
rekognosziert hatten, brachen wir mit der Nacht, aber jetzt sehr
vorsichtig marschierend, durch erbärmliche Nester, aber an Wein und
Oliven reiche Gegenden, gegen die enge Passage Puerto del Fresno auf,
die wir zu unserem größten Erstaunen unbesetzt fanden. Hierauf mußten
wir über das Gebirge Murato del Conde, durch eine enge Schlucht, deren
gänzliche Freilassung uns wieder ein Rätsel war, da wir wußten, daß sich
ganz Aragonien im Aufstand befand, und kamen endlich in das Städtchen
Almunia, das in einer lachenden Gegend, mitten zwischen fruchtbaren
Feldern, Weingärten und Obstbäumen liegt. Hier requirierten wir abermals
Lebensmittel, marschierten weiter, biwakierten dann bis gegen
Mitternacht, erreichten gegen Morgen das elende Dorf La Muela und kamen
um zehn Uhr, nochmals über Berge, durch Ebenen und Schluchten
marschierend, bei dem Belagerungsheer von Saragossa an, wo Verdier schon
seit mehreren Tagen mit seiner Division stand und den Oberbefehl über
dasselbe hatte.