Ferdinand VII. Einzug in Madrid. -- Der Friedensfürst. -- Der
Aufstand zu Aranjuez und Madrid. -- Karl IV. Abdankung. --
Napoleon zu Madrid erwartet. -- Ferdinand vom Volk angebetet und
von Savary nach Bayonne gelockt. -- Karl IV. protestiert gegen
seine Abdankung. -- Donna Calvanillas und Rosa Maria. -- Theater.
-- Cortesanos, Majos und Muchachas. -- Sitten der Einwohner. --
Der Fandango vor Gericht. -- Wohnungen. -- Der Adel. --
Autodafés. -- Die Erstürmung von Amors Schloß.
Fast bis zur einbrechenden Nacht mußten die Truppen in den Straßen und
auf den Plätzen Madrids biwakieren, bevor ihnen Quartiere in
verschiedenen großen Gebäuden und Kasernen angewiesen wurden, ein Teil
derselben aber lag mit den noch ankommenden Bataillonen in der Umgegend
der Stadt. -- Für Napoleons Leutnant, Mürat, hatte man den alten Palast
von Buon Retiro eingeräumt, den er aber nicht bezog, sondern sich in das
Hotel des Friedensfürsten einquartierte. Den Tag nach unserem Einrücken
hielt Ferdinand als König seinen Einzug; unzähliges Volk aus allen
Ständen, von jedem Alter und Geschlecht, empfing ihn mit einem
ungeheuren Jubelgeschrei, alle drängten und drückten sich, den geliebten
jungen König zu sehen, den sie gleich einem heiligen Märtyrer verehrten.
Mehr als hunderttausend Landleute waren aus der Umgegend herbeigekommen,
um das Glück zu haben, den neuen Herrscher bewillkommnen zu können, und
drei langer Stunden bedurfte es, bis der angebetete Fürst durch die
dichten Haufen zu seinem Palast gelangen konnte. Ein großer Teil dieser
Freudenergüsse mochte wohl auf Rechnung des Hasses und der Verachtung
kommen, die man dem Friedensfürsten zollte, den man dadurch demütigen
wollte; denn Ferdinands Persönlichkeit und seine Taten -- man wußte
wenig mehr von ihm, als daß er eine sehr schlechte Erziehung gehabt, die
eher dazu gemacht war, seine allenfallsigen geistigen Anlagen zu
unterdrücken, als zu entwickeln -- konnten einen solchen Empfang nicht
rechtfertigen. Durch diese vernachlässigte Erziehung und eine sklavische
Etikette hatte der argwöhnische Godoï beabsichtigt, ein willenloses
Werkzeug seiner Absichten aus diesem Prinzen zu machen. Man erwartete
jetzt von dem jungen Monarchen, daß er die Schändlichkeiten der
bisherigen Favoritenregierung gut machen, die Nation rächen würde und
glaubte deshalb einen Erlöser in ihm zu finden, aber man betrog sich.
Daß Mürat den Palast des so verhaßten Godoï bezogen hatte, war den
Spaniern eine schlimme Vorbedeutung; sie schlossen daraus, daß er den
Günstling der alten Königin in Schutz nehmen wolle, und von diesem
Augenblick nahm das Volk eine fast drohende Stellung an. Mürat, dem dies
nicht entging, ließ nun eine bedeutende Truppenmasse nebst zahlreicher
Artillerie auf die Höhen von Casa del Campo, dem königlichen Palast
gegenüber, Posto fassen, alle Divisionen, die bereits die Gebirge
überschritten hatten, in Madrid einrücken und dieselben öfters und mit
großer Ostentation die Musterung auf dem Prado passieren, um dem Volk zu
imponieren. Die noch in der Stadt befindlichen spanischen Truppen mußten
gemeinschaftlich mit uns den Dienst versehen, um Ruhe und Ordnung zu
erhalten. General Grouchy wurde zum Kommandanten der Truppen ernannt.
Bald bemerkte man, daß Mürat und die ganze französische Generalität
wenig Notiz von dem jungen König nahmen, ja ihm nicht einmal einen
Besuch machten, offenbar ein Beweis, daß man ihn von französischer Seite
nicht als Souverän anerkannte. Um den Gang der Ereignisse besser zu
verstehen, muß ich mit wenigen Worten hier anführen, was unserem
Einmarsch in Madrid sowie zu Aranjuez vorangegangen war.
Die ebenso unerhörten als unverdienten Gunstbezeugungen, deren sich
Godoï von dem königlichen Paar zu erfreuen gehabt und die er auf das
empörendste mißbrauchte, hatten ihm schon längst den tödlichsten Haß des
Volkes zugezogen. Dieser Emporkömmling, nachdem sein eigener Bruder, der
vor ihm die Gunst der Königin genossen, in Ungnade gefallen und nach
Badajoz verwiesen worden, hatte schnell alle Grade überstiegen, war
hierauf zuerst Finanzminister geworden, hatte seine Schwester als
Kammerdame bei der Königin placiert, verheiratete sie sodann an den
Vizekönig von Mexiko, den Marchese Branciforte und wurde nun selbst
Grande von Spanien mit dem Titel eines Herzogs von Alcadia und Ritter
des goldenen Fließes, das der schwache König dem Geliebten seines Weibes
selbst umhing. Dieser ernannte ihn auf der Königin Verlangen auch zu
ihrem besonderen Hof- und Ehrenkavalier sowie zum Chef aller spanischen
Garden, dann zum allmächtigen Premierminister und Generalkapitän aller
spanischen Truppen, und nach dem Baseler Frieden erteilte er ihm noch
den Titel eines _Principe de la Paz_. Aber auch mit zeitlichen Gütern
wurde dieser unerhörte Glückspilz von seinen hohen Gönnern reichlich
versorgt, und man schenkte ihm Herrschaften, die Hunderttausende von
Piastern eintrugen, wozu noch die großen Gehälter aller seiner Stellen
kamen. Nachdem er durch die Heirat mit der Tochter des Infanten Anton
ein Mitglied der königlichen Familie geworden war, wurde er auch noch
Großadmiral aller Flotten Spaniens, ja man schuf noch eine eigene Stelle
für ihn, nämlich die eines Generalissimus der ganzen spanischen Land-
und Seemacht und eines Reichskonsulators. Jedoch schien es, als habe das
Schicksal oder vielmehr die Königin noch nicht das ganze Füllhorn ihrer
Gunst an diesen Menschen verschwendet. Denn es befahl nun eine
Verordnung, daß man dem Friedensfürsten ganz gleiche Ehrenbezeugungen
wie dem König selbst zu erweisen habe; sein Hochmut hatte jetzt keine
Grenzen und wurde unerträglich. Dabei übte er einen solchen Nepotismus
zugunsten seiner Verwandten aus, daß diese bis in den zehnten
Verwandtschaftsgrad die einträglichsten Stellen des Reichs, ohne alle
Rücksicht auf Fähigkeiten und Verdienst, erhielten. Daß ein solches
Verfahren den Adel sowie das Volk aufs höchste empören mußte und viele
Versuche gemacht wurden, des unwürdigen Günstlings Gewalt zu beschränken
und seiner Allmacht ein Ende zu machen, war sehr natürlich, aber die
Urheber solcher Versuche mußten sie durch Verbannung, Kerker und Galeere
büßen. Es kam endlich so weit, daß der ebenfalls von dem hochmütigen
Favoriten mißhandelte Prinz von Asturien, Ferdinand selbst, nicht nur
einer Verschwörung gegen denselben beitrat, sondern sich sogar an die
Spitze der Verschworenen stellte. Godoï entdeckte aber die Sache, noch
ehe sie zum Ausbruch kam, und hatte die Frechheit, den Thronerben bei
dessen Eltern des Hochverrats anzuklagen und auf dessen strenge
Bestrafung zu dringen. Der Kronprinz wurde verhaftet und mußte seine
Eltern und deren Favoriten um Verzeihung und Gnade bitten. Es wurde ihm
zwar verziehen, aber diese Verzeihung öffentlich und zwar auf eine
schonungslose Weise und in harten Ausdrücken bekannt gemacht, zugleich
wurden auch die Umgebungen des Prinzen und sogar dessen Erzieher, der
Kanonikus Escoiquitz und der Herzog von Infantado, auf fünfzig Meilen
von Madrid verbannt. Als nun durch den Einmarsch der Franzosen in
Spanien die Gemüter aufs neue angeregt wurden, glaubte Ferdinand, der
die erlittenen Kränkungen nicht vergessen hatte, und sein Anhang den
rechten Zeitpunkt gekommen, den verhaßten Günstling samt seinen
Beschützern zu stürzen und wurde bei diesem Versuch vom gesamten Volk
unterstützt. Nur mit unsäglicher Mühe war es den Garden gelungen, der
königlichen Familie nach Aranjuez folgen zu können, da sich die
Volkshaufen diesem Vorhaben mutig widersetzt hatten. Auch wurden sie auf
ihrem nächtlichen Marsch dahin mehrmals angegriffen, ohne daß man
herausbringen konnte, von wem diese kühnen Angriffe eigentlich geleitet
wurden, und kaum konnten sich die Königin und ihr Günstling über ein
solches Attentat beruhigen, als einige Tage darauf, den 19. März, eine
Masse Volk und Bauern nach Aranjuez strömte, um da ein Seitenstück zu
der Geschichte vom 5. und 6. Oktober 1789 in Versailles zu liefern. Sie
begrüßten die Königin laut mit dem Titel: »Hure eines infamen Nickels«
und forderten Godoïs Kopf. Die Garden, die sie schützen sollten, traten
nun auf einmal und ganz unerwartet auf die Seite des Volks über und
prügelten sogar ihren Obersten, einen Bruder Godoïs. Jetzt flüchtete der
sich in Todesängsten befindende Friedensfürst, so feige als
niederträchtig seine königlichen Beschützer im Stich lassend, nur noch
darauf bedacht, das eigene kostbare Leben zu retten, in seinen Palast
und verkroch sich in den verborgensten und geheimsten Winkel desselben.
Der König erließ, nachdem er eine projektierte Flucht über das Meer und
nach Amerika hatte aufgeben müssen, eine Proklamation an seine
vielgeliebten und getreuen Untertanen, in der er sie zu trösten suchte
und versicherte, daß es durchaus nicht seine Absicht gewesen sei, Madrid
oder Aranjuez zu verlassen, sondern daß er in der Mitte seines teuren
Volkes verweilen wolle, und versprach in kurzem mit Hilfe seiner
getreuen Alliierten dem Land den Frieden wiederzugeben. Diese Worte
mußten um so weniger Glauben finden, als die gemachten Anstalten einer
Abreise der königlichen Familie durchaus noch nicht kontremandiert
worden waren, auch ging das Gerücht, daß schon ganze Wagen voll
Silbergeräte nach Andalusien abgegangen seien. Godoïs Mätresse, eine
gewisse Donna Pepe Tudo, die Tochter eines spanischen Offiziers, die
erst kürzlich zu einer Gräfin von Castillo Fiel gestempelt worden war
und von der er zwei Kinder hatte, war mit Diamanten beladen entwischt.
Das Volk brach nun in des verhaßten Favoriten Wohnung ein, schlug alle
Türen, Fenster und Mobilien entzwei und wurde wütend, als es den
Gegenstand seines Hasses nicht finden konnte; doch respektierte es
dessen Gattin als eine Prinzessin von königlichem Geblüt und führte sie
auf das Schloß des Königs. Um die aufgebrachte Menge einigermaßen
zufrieden zu stellen, entsetzte der Monarch den Friedensfürsten seiner
Stelle als Großadmiral und Generalissimus und erklärte, selbst den
Oberbefehl über die Land- und Seemacht nehmen zu wollen; auch hatte er
versichert, daß sich die Truppen seines teuren Verbündeten, des Kaisers
Napoleon, nur in freundlichen Absichten näherten, um das beabsichtigte
Ausschiffen des gemeinschaftlichen Feindes zu hintertreiben. Als man in
Madrid die Vorgänge von Aranjuez erfahren, erscholl auch hier der Ruf:
»_Meur e Godoï._« Die Szenen von Aranjuez wiederholten sich, das Volk
drang auch dort in den Palast des Favoriten sowie in die Wohnungen
seiner Mutter, seiner Geschwister und seiner bekanntesten Anhänger,
zertrümmerte daselbst ebenfalls Fenster und Möbel und zündete mit den
letzteren ein Freudenfeuer in den Straßen an, plünderte mehrere Hotels,
auch das des Finanzministers, und bei diesem Tumult und all diesen
Unordnungen blieben die Schweizerregimenter in spanischem Sold ruhige
Zuschauer, allerdings das beste, was sie tun konnten; denn das Übel wäre
sonst nur ärger geworden, und es hätte ihnen leicht ergehen können wie
ihren Landsleuten am 10. August 1792 in Paris.
Ferdinand hatte sich unterdessen zu Aranjuez an die Spitze des
Aufstandes gestellt, sein Vater, Karl IV., hatte zu seinen Gunsten der
Krone entsagt und sich dabei feierlich und auf das dringende Ersuchen
der Königin als einzige Bedingung die Lebensrettung des teuren
Friedensfürsten vorbehalten, der noch immer im Palast Villa Vicciosa zu
Aranjuez schon seit sechsunddreißig Stunden in Todesangst und ohne
irgend Speise noch Trank zu sich nehmen zu können, unter Matten
versteckt lag. Nur ein einziger ihm treu gebliebener Diener wußte sein
Versteck, wurde aber, als er für seinen halbverhungerten Herrn einige
Lebensmittel holen wollte, vom Volk erkannt und angehalten, dem er, um
sein Leben zu retten, den Aufenthalt Godoïs entdecken mußte. Man fand
diesen auf einem Boden unter den Matten, zerrte ihn hervor, überhäufte
ihn mit Schimpfworten und Schlägen, und nur durch die größten
Anstrengungen gelang es den herbeieilenden Garden, ihn der Wut des
erbitterten Volkes zu entreißen und ihm das Leben zu retten, während man
fortfuhr, Steine gegen ihn zu schleudern. Um ihn in Sicherheit zu
bringen, mußte man ihn schnell in einen Stall werfen und in demselben
mit Stroh zudecken. Das Volk drang indessen ungestüm auf seine
Auslieferung, und man war im Begriff, diesem Begehren zu willfahren, als
zum Glück Godoïs der Prinz von Asturien, Ferdinand, hinzukam, jetzt wohl
der einzige Mensch, der ihn zu retten imstande war. Schon bluttriefend,
stürzte sich der Elende zu den Füßen desjenigen, dem er Krone und Leben
hatte rauben wollen, redete ihn mit »Eure Majestät« an und bat in den
jämmerlichsten Tönen flehend um Gnade. Ferdinand hatte seinem Vater
dessen Erhaltung versprochen; er beruhigte das Volk, indem er demselben
versprach, es solle die strengste Gerechtigkeit gegen Godoï geübt
werden, den er sodann mit einer starken Bedeckung gefangen abführen
ließ. Er wurde auch sofort in ein Gefängnis gebracht, vor welchem sich
große Volkshaufen sammelten und unaufhörlich Schmähungen und
Verwünschungen ausstießen. Als jetzt des alten Königs Abdankung
zugunsten seines Sohnes bekannt wurde, besänftigte sich das Volk
endlich, und die Ruhe kehrte zurück.
Ferdinand erließ nun ein Dekret an den Rat von Kastilien, wodurch alle
Güter, Mobilien und Effekten des sogenannten Friedensfürsten konfisziert
werden sollten, wo sie sich auch immer vorfinden würden, kündigte dem
Volk an, daß er sich nach Madrid begebe, um Ruhe und Ordnung
herzustellen, und daß es seinen Verordnungen gegen Godoï volles
Vertrauen schenken möge. Den Herzog von Infantado ernannte er zum
Obersten der Garden und rief alle seine verbannten Anhänger zurück.
Unglaublich ist es, welche Freude die Nachricht von dem Sturz Godoïs in
ganz Spanien hervorbrachte; wir sahen die Leute wie toll umherspringen,
ausgelassen auf den Straßen jubeln und laut aufschreien. In mehreren
Städten wurde sogar ein Tedeum deshalb angestimmt, und man veranstaltete
öffentliche Feste. Die Büste oder das Bild des Verhaßten wurden beinahe
an alle Galgen genagelt oder auf die Schindanger geworfen, Freudenfeuer
loderten auf allen öffentlichen Plätzen, und man sprang und tanzte um
dieselben. Unter den tausend Gerüchten, die jetzt zu seinem Nachteil in
Umlauf gesetzt wurden, verbreitete man auch eines, welches besagte, er
habe die Franzosen ins Land gerufen, um sich mit deren Hilfe selbst zum
König von Spanien zu machen. Ferdinand hatte sich noch am Tage der
Abdankung seines Vaters als König proklamieren lassen und hoffte und
erwartete jetzt, von Mürat beschützt zu werden, wiegte sich deshalb in
einer gefährlichen Sicherheit, welche die meisten seiner Räte teilten,
da sie glaubten, Napoleons Politik heische es sogar, den jungen König
anzuerkennen und in Schutz zu nehmen, der jetzt wiederholt um eine
Gemahlin aus Napoleons Händen und von dessen Verwandtschaft bat. So
hinsichtlich der Absichten des französischen Herrschers vollkommen
ruhig, nahm Ferdinand auch nicht die mindesten Vorsichtsmaßregeln, ja
die spanischen Truppen wurden zum Teil noch zur Disposition Jünots
gestellt, und drei spanische Granden, die Herzoge von Medina Cöli, von
Frias und der Graf Fernandes Nunez, wurden Napoleon, den man in Spanien
erwartete, entgegengesandt, ihn zu bewillkommnen und ihm zugleich
Ferdinands Thronbesteigung anzukündigen.
So standen ungefähr die Sachen, als wir in Madrid ankamen und den Tag
darauf der junge König in der Hauptstadt einrückte. Jetzt aber nahm
schnell alles eine andere und fast jedermann unerwartete Wendung.
Mürat, der Augenzeuge der Anhänglichkeit des Volkes an Ferdinand gewesen
war und eine neue Gärung befürchtete, ließ immer mehr Truppen nach
Madrid und in die Umgegend kommen. Die Begebenheiten zu Aranjuez und
ihre Folgen hatten Napoleon einen großen Strich durch die Rechnung und
alle seine Kombinationen zu nichte gemacht, so daß er genötigt war,
seine Pläne zu ändern und ganz andere Anordnungen zu treffen. Am
erwünschtesten wäre ihm eine Flucht der königlichen Familie nach Amerika
gewesen, zu der er gerne die Hände geboten hätte, weil ihm alsdann, so
glaubte er wenigstens, das verwaiste Spanien, das er zuerst seinem
Bruder Lucian zugedacht hatte, von selbst zugefallen wäre. Als er die
Begebenheiten erfuhr, die seine Projekte so durchkreuzten, ging all sein
Trachten dahin, den durch die Anhänglichkeit des Volkes und der Truppen
auf den spanischen Thron erhobenen Prinzen möglichst bald wieder
herabzustürzen; daher auch das zweideutige Benehmen Mürats und der
französischen Generale zu Madrid. Um das beabsichtigte Bubenstück
vollbringen zu können, suchte Napoleon Karl IV. und dessen Sohn vor
seinen Richterstuhl zu ziehen, indem er sich selbst zum obersten
Schiedsrichter der Vorfälle in Aranjuez aufwarf, was bei der großen
französischen Heeresmacht, die bereits auf spanischem Boden stand, wohl
zu bewerkstelligen war. Wir sowohl als die Spanier erwarteten den Kaiser
jeden Tag in Madrid, aber vergeblich; er hielt es für ratsamer, und es
war allerdings seinen Zwecken weit dienlicher, die ganze königliche
Familie nach Bayonne zu locken, wo er sein Urteil zu fällen beschlossen
hatte. Hätte Ferdinand damals die französischen Journale gelesen, die
ihn als einen ungehorsamen und verbrecherischen Sohn schilderten und nur
Karl IV. als König von Spanien anerkannten, so würde er schwerlich so
leicht in die gestellte Falle gegangen sein, doch ist es kaum zu
begreifen, wie ihm Mürats Benehmen zu Madrid nicht die Augen geöffnet,
denn er hatte ja Karl IV. und seine Gattin durch einen hohen Offizier zu
Aranjuez noch als Souverän Spaniens bekomplimentieren lassen, worauf sie
sich nach San Lorenzo begaben. Zugleich hatte sich ein Briefwechsel
zwischen Mürat und den alten Majestäten entsponnen, dessen Zweck war,
Godoï dem Wohlwollen Napoleons und dessen Leutnant zu empfehlen. Man
begehrte sogar französische Garden zu dessen Schutz, die sofort
bewilligt wurden, auch verhinderte Mürat die Abführung des alten Königs
nach Badajoz, wohin ihn die neue Regierung samt seiner Gemahlin
verwiesen hatte. Mürat benahm sich indessen so, daß niemand das
Schicksal, das dem jungen König zugedacht war, vermuten konnte, sondern
jedermann deshalb in Zweifel war. Die Königin von Hetrurien, die damals
auch in Madrid war, wollte dieser Ungewißheit _à tout prix_ ein Ende
machen und veranstaltete zu dem Zweck, daß sich Ferdinand und Mürat bei
ihr persönlich trafen, eine Assemblee. Beide hatten die Einladung
angenommen. Der Großherzog von Berg mochte etwa schon eine Viertelstunde
anwesend sein, als man mit einem Male den jungen König von Spanien
meldete. Mürat, der sich damals noch mit der Hoffnung trug, daß sein
kaiserlicher Schwager den Thron von Spanien ihm bestimmt habe -- ein
Thron war ihm jedenfalls versprochen --, nahm fast gar keine Notiz von
dem eintretenden Fürsten, der es nun auch nicht wagte, ihn anzureden,
oder vielleicht glaubte, sich dadurch etwas zu vergeben. Ihre ganze
Begleitung hatte sich in Seitengemächer verloren, und beide fanden sich
plötzlich in einem Salon allein mit der Königin von Hetrurien, die, um
sie zu nötigen, miteinander zu sprechen, ebenfalls in ein Nebenzimmer
trat und daselbst an einem Klavier phantasierte; aber Ferdinand, in der
größten Verlegenheit, eilte, seiner Schwester zu folgen, und Mürat, dem
das Geklimper wenig Vergnügen zu machen schien, entfernte sich bald
darauf, ohne daß beide ein Wort miteinander gewechselt hatten. So
erzählte man sich diese sonderbare Zusammenkunft damals in Madrid, und
so hörte ich sie von dem Adjutant-Kommandanten Monthiou bestätigen.
Ferdinand fuhr indessen fort, sich dem Volk täglich mehrmals zu zeigen,
und ritt oder fuhr fast ohne Begleitung durch die Straßen von Madrid, wo
er immer mit Vivatgeschrei empfangen wurde. Er tat alles, um sich
Napoleon und den Franzosen angenehm zu machen; wir wurden fast im
Überfluß mit Lebensmitteln versehen, den französischen Offizieren wies
man in der Oper und anderen Theatern besonders ausgezeichnete Plätze an,
und da Mürat geäußert hatte, daß der Kaiser den Degen Franz I., der seit
der Schlacht von Pavia in der _Armeria real_ aufbewahrt wurde, gerne
hätte, ließ ihn Ferdinand sogleich durch den Grafen Altemira an Mürat
mit den Worten übergeben, daß er sich in keinen Händen besser als in
denen des Helden des Jahrhunderts befinden könne. Der Großherzog von
Berg, der unterdessen von seinem Schwager weitere Instruktionen bekommen
hatte, gab nun dem jungen König zu verstehen, daß es der Kaiser gerne
sehen würde, wenn ihm der Infant Don Carlos, Ferdinands Bruder, bis an
die Grenzen des Reichs entgegenkäme. Als er dazu seine Einwilligung gab,
ließ ihn Mürat bald darauf durch den französischen Gesandten Beauharnais
wissen, daß, wenn sich der König Ferdinand entschlösse, Napoleon in
eigener Person entgegen zu kommen, dies derselbe sehr hoch aufnehmen und
es von dem größten Nutzen für Ferdinands Sache sein würde. Mürat
bestätigte selbst die Versicherungen des Gesandten, und der junge König,
noch ohne Antwort auf das Schreiben, durch welches er Napoleon seine
Thronbesteigung angezeigt hatte, was ihn doch etwas beunruhigen mochte,
schwankte noch zwischen Tun und Lassen, als der General Savary,
Napoleons Adjutant, mit dem geheimen Auftrag zu Madrid ankam, Ferdinand
zu der Reise nach Bayonne zu bewegen. Savary spielte den Fuchs und
verbarg unter einer scheinbaren militärischen Offenherzigkeit den
eigentlichen Zweck seiner Sendung, indem er sich stellte, als sei er nur
gekommen, um den neuen König zu beglückwünschen, und machte diesen
glauben, daß seine Gesinnungen gegen seine Eltern ganz mit denen des
Kaisers übereinstimmten, daß derselbe die Vorfälle in Aranjuez insgeheim
genehmige und ihn sicher als König von Spanien anerkennen werde. Dies
alles ließ Savary nur so wie von ungefähr fallen. Er hatte nicht einmal
ein Beglaubigungsschreiben aufzuweisen, dabei versicherte er, daß sein
Herr bald zu Bayonne eintreffen würde, um sich von da nach Madrid zu
begeben. Mürat und Beauharnais stimmten in Savarys Ton ein, ohne noch zu
wissen, was Napoleon eigentlich beabsichtige. Um diesen Aussagen noch
mehr Wahrscheinlichkeit zu geben, ließ man schon Wagen mit Effekten des
Kaisers über die Grenze gehen, auf allen Poststationen Relais bestellen
und reitende Garden zu seiner Bedeckung auf denselben verteilen. Es war
sogar schon ein kaiserlicher Furier zu Madrid angekommen, der die
Wohnung, die in dem königlichen Palast für seinen Herrn bestimmt wurde,
besah, sogar die Badeanstalten in demselben anordnete, so daß nun
niemand mehr die demnächstige Ankunft Napoleons bezweifelte. Savary
fand, daß es jetzt Zeit sei, dem König die Zumutung, seinem Kaiser
entgegenzureisen, zu wiederholen, da derselbe bereits von Paris
abgegangen sei, was auch wirklich der Fall war, und wenn sich Ferdinand
eile, so müsse er in Burgos mit ihm zusammentreffen. Nachdem dieser noch
eine Unterredung deshalb mit Beauharnais gehabt, der natürlich mit
Savary in ein Horn blies, entschloß er sich zur Abreise, obgleich er
wußte, daß Mürat noch fortwährend mit seinen Eltern im Briefwechsel
stand. Wir alle wunderten uns nicht wenig über diesen Entschluß, da
selbst mehrere französische Generäle sich geäußert hatten: »Der wird
schwerlich zurückkehren.« Aber Ferdinands Räte schienen blind, wie ihr
Herr, und fürchteten die Rückkehr des alten Königs und Godoïs, weshalb
sie sich nur unter Napoleons Schutz sicher glaubten, und äußerten, es
sei eine Beleidigung, einen so großen Helden eines heimtückischen
Schurkenstreichs fähig zu halten.
In Begleitung Savarys und seiner vertrautesten Ratgeber reiste Ferdinand
den 10. April von Madrid ab. Auf der ganzen Route erwiesen ihm die
französischen Truppen die militärischen Ehrenbezeugungen. In Burgos
angelangt, wußte man noch nichts von Napoleons baldigem Ankommen; man
ging nun nach Vittoria ab, wo es ebenso war. Hier aber übergab Savary,
der unterdessen vorausgeeilt und wieder zurückgekommen war, dem hohen
Reisenden ein Schreiben seines Herrn, in welchem ihm jedoch der Titel
Majestät nicht gegeben wurde. Es enthielt sogar Verweise wegen der
Vorfälle in Aranjuez, und Napoleon sprach sich bestimmt als
Schiedsrichter über die Angelegenheiten der königlichen Familie aus.
Trotz aller Versuche, die man zu Vittoria machte, dem Prinzen endlich
die Augen zu öffnen und ihn zu bewegen, nicht weiter zu gehen, und trotz
aller Warnungen, die ihm jetzt von mehr als zwanzig Seiten zukamen,
indem man ihm sogar das Anerbieten machte, ihn durch einige tausend
spanische Zollwachen mit Gewalt aus den Händen der Franzosen zu
befreien, im Fall dies nötig sein würde, oder ihn als Maultiertreiber
verkleidet in Sicherheit zu bringen, erklärte er dennoch weiter reisen
zu wollen, und zwar bis auf französisches Gebiet. Das Volk, besser
beraten, wollte ihn nicht fortlassen, schnitt die Stränge an seinem
Wagen ab, und es fehlte wenig, so wäre es zum Handgemenge mit den
französischen Truppen gekommen, die unter dem Gewehr standen. Trotz
alledem ging Ferdinand über die Bidassoa und nach Bayonne, wo sein
Bruder schon angekommen war, seine Eltern bald eintrafen, und wo man ihm
anfänglich das Königreich Hetrurien für die Krone von Spanien bot.
Zu Madrid hatte unterdessen Mürat die Freilassung Godoïs von der
daselbst seit Ferdinands Abreise eingesetzten Junta durch Drohungen
ertrotzt, und er wurde den Franzosen übergeben, die auch ihn nach
Bayonne sandten. Nun protestierte der alte König gegen seine Abdankung,
als durch Aufruhr erzwungen, und Mürat schickte ihn vier Tage später mit
der Königin Marie Louise ebenfalls nach Bayonne.
Wir waren indessen in Madrid nicht auf Rosen gebettet, wenigstens waren
diese dornig und stachlich genug. Ich hatte mir jedoch, nachdem ich
zweimal gewechselt, eine ziemlich angenehme Wohnung zu verschaffen
gewußt, in der sich nicht weniger als fünf junge und hübsche
Frauenzimmer befanden, von denen noch drei ledig und zwei ausgezeichnete
spanische Schönheiten waren. Leider blieb mir gar zu wenig Zeit übrig,
denselben gehörig zu huldigen; aber dennoch und trotz des sich schon
allenthalben äußernden Franzosenhasses gelang es mir, in nähere
Berührung mit zwei Schwestern zu kommen, von denen die eine, Donna
Calvanillas, verheiratet, die andere aber, Señora Rosa Maria, noch ledig
war. Beide besuchten jeden Tag die ehemalige Jesuitenkirche St. Isidor,
die sich in der Nähe ihrer Wohnung befand. Wenn es mir möglich war,
begab ich mich zur selben Stunde in diesen Tempel, wo ich weit mehr als
im Haus selbst Gelegenheit hatte, mit den Damen bekannter zu werden.
Meine Aufmerksamkeit wurde bemerkt und, wie es mir schien,
nicht mit ungünstigen Augen. Ich schrieb nun mit Hilfe eines
spanisch-französischen Wörterbuchs und einer solchen Sprachlehre ein
Billettchen in spanischer Sprache, in welchem ich es versuchte, so
lebhaft als möglich den Eindruck zu schildern, den diese kastilischen
Schönheiten auf mein Gemüt gemacht. Während sie knieten und ihre Gebete
herplapperten, stellte ich mich seitwärts und vor die frommen
Schwestern, so daß ich sie im Auge hatte, und als ich sah, daß sie mich
bemerkten und manchmal zu mir herüberschielten, hielt ich das Briefchen
zwischen den Fingern der rechten Hand, so daß sie es gut sehen konnten,
beobachtete auch, wie die eine die andere anstieß und beide dann leise
miteinander sprachen. Ich suchte ihnen jetzt durch Zeichen zu verstehen
zu geben, daß das Briefchen für sie bestimmt sei; an ihrem Erröten
erkannte ich, daß sie mich wohl verstanden haben mußten, und beide
hüllten sich tiefer in ihre Mantillas, was ihre Reize noch erhöhte. Als
sie die Kirche verließen, kam ich ihnen schnell zuvor und stellte mich
an den Eingang derselben, ihnen beim Heraustreten das Billettchen
hinhaltend, beide glitten jedoch an mir vorüber, ohne Notiz davon zu
nehmen, aber meinen Gruß erwidernd; sie schritten langsam voran, eifrig
miteinander sprechend. Ich folgte ihnen in geringer Entfernung, hustete
mehrmals, plötzlich drehte sich die eine der Damen um, ging mir ein paar
Schritte entgegen, nahm mir mit zur Erde gesenkten Blicken das Billett
schnell ab und eilte zu ihrer Schwester zurück. Im Hause sah ich sie
diesen Tag nicht wieder, obgleich ich mir alle Mühe deshalb gab, aber
den anderen Morgen traf ich sie in der Kirche und kniete hinter ihnen an
einem Seitenaltar, sie bittend, mich mit einer Antwort zu beglücken.
Ohne mich anzusehen, wurde mir erwidert, ich möge ihnen bei dem Ausgang
folgen. In Spanien und namentlich in Madrid dienen die Kirchen noch weit
mehr als in Italien zu verliebten Rendezvous, ja die Heiligkeit des
Ortes hindert nicht, daß man sich nicht selten, an den Altarstufen
kniend, küßt.
Als die Donnas nach kurzem Gebet aufstanden und sich entfernten, gab mir
die, welche mir das Billett abgenommen, nochmals ein Zeichen, ihnen zu
folgen. Sie gingen nun durch verschiedene Kreuz- und Querwege, durch
enge und abgelegene Straßen in eine Calle (Gasse) unweit des Plazuela de
la Costanillas, wo sie in ein kleines Haus traten, an dessen Tür sie ein
wenig warteten, bis auch ich um die Ecke der Gasse gekommen war und
sehen konnte, wo sie eintraten. Man gab mir nochmals einen Wink mit der
Hand und verschwand. Ich folgte; eine alte Sybille empfing mich an der
Haustür und führte mich durch ein kleines Vorzimmer in ein zweites, wo
ich meine beiden Schönen traf. Ich war etwas verlegen, welcher von
beiden ich ewige Liebe und Treue schwören sollte, denn das Billett, in
dem ich am Schluß auf das dringendste um eine baldige Zusammenkunft
gebeten hatte, da ich nicht wissen könne, wieviel Stunden ich noch in
Madrid zubringen würde, hatte keine Aufschrift gehabt, Donna Calvanillas
aber war es, die es mir abgenommen hatte. Ich war wirklich in einer
seltsamen Lage, nicht wissend, welcher ich jetzt eine Liebeserklärung
machen sollte. Rosa Maria wäre mir als Mädchen allerdings die liebste
gewesen, aber mit der Verheirateten war schneller zum Ziel zu kommen,
wenigstens war dies meine Meinung, und es war die richtige. Die Damen
schienen meine Unentschlossenheit zu bemerken, und nachdem ich einige
spanische Artigkeiten, so gut ich es vermochte, mit italienischen
vermischt, gesagt, ging Rosa Maria an ein Fenster des Vorzimmers, die
Straße oder den Himmel beschauend und mich mit der Schwester ungestört
allein, aber doch die Tür offen lassend. Die Unterhaltung mit der
Zurückgebliebenen war an Worten karg und einsilbig, denn wir hatten zu
große Mühe, uns zu verständigen, dagegen war sie desto beredter durch
Blicke und Mienen, und bald lag die Donna in meinen Armen. Ich bemerkte
indessen, daß sich das schwarze Köpfchen der Schwester einigemal an der
offen gebliebenen Tür des Vorzimmers zeigte, wohin die Senora auf den
Zehen geschlichen war, und neugierige Blicke auf uns warf. Dies hielt
mich jedoch nicht ab, an die in den Armen habende Donna die zärtlichsten
Liebkosungen zu verschwenden und sie endlich einzuladen, sich mit mir
auf die nicht sehr schwellenden Polster einer Art Sofa niederzulassen,
wo wir eine halbe Stunde, im Entzücken schwelgend, hinbrachten. Jetzt
rief meine Donna auch Rosa Maria wieder ins Zimmer. Nun hatte ich bald
eine Schwester in jedem Arm, und der Schäfereien und Tändeleien wurden
mancherlei getrieben. Nachdem man sich endlich satt und matt geküßt und
die liebenswürdigen Schönen wohl hundertmal »_Corazon! Corazon!_«, den
Lieblingsruf der entzückten Spanierinnen, hatten hören lassen, den ich
immer mit einem: »_Carissima, bellissima!_« beantwortete, denn an eine
zusammenhängende Unterhaltung war nicht zu denken, da ich nicht den
zehnten Teil von dem verstand, was mir die lieben Kinder vorschwatzten,
so machten wir endlich Anstalt, uns zu entfernen. Nur soviel hatte ich
herausgebracht, daß das Haus, in dem wir waren, einer alten Amme der
beiden Senoras gehörte, und daß ich mich hüten müsse, sie ferner in
unserer Wohnung, auf der Straße oder auch in der Kirche anzusprechen,
indem der _Cortejo_ (ungefähr das, was ein Cecisbeo in Italien ist) der
Donna Calvanillas, ein ältlicher geistlicher Herr, sie sorgsam bewache.
Dagegen könnten wir uns jede Woche einigemal ohne alle Gefahr in der
Wohnung der alten Amme sprechen, vielleicht auch bei einer _Refrescos_
oder _Tartulia_ (ersteres sind Nachmittagsgesellschaften, bei denen
farbiges Eiswasser, Schokolade, Sorbetti, Gefrorenes, Konfitüren und
allerlei Zuckerwerk in großer Profusion gereicht und geplaudert wird,
die _Tartulia_ aber sind Abendgesellschaften, die recht munter und
unterhaltend sind, zu denen man gerne Fremde einladet und mit
zuvorkommender Artigkeit behandelt), die ihre Verwandten bisweilen in
ihrer Wohnung veranstalten, sie manchmal sehen, indem sie zu veranlassen
hofften, daß ich eingeladen würde. Nach einem zärtlichen Abschied
trennten wir uns in der Hoffnung, uns bald wieder hier zu treffen, was
aber nur noch einigemal der Fall und zuletzt mit Gefahr verbunden war.
Wenig Zeit blieb mir auch übrig, die Merkwürdigkeiten Madrids kennen zu
lernen, denn es verging jetzt beinahe kein Tag mehr, an dem es nicht
Alarm gegeben hätte.
Auch die Theater besuchte ich nur wenig, kaum ein halbes dutzendmal, da
mir der Dienst dies nicht öfter gestattete und ich mich auch langweilte,
indem ich die Sprache zu wenig verstand und meist nur _Tonadillas_ und
_Sayanetes_ gegeben wurden, in denen es sehr frei und ungeniert auf der
Bühne zuging und wollüstige Stellungen und sehr unanständiges Küssen
häufig vorkamen, was nicht hinderte, daß sich Geistliche und Kutten
jeder Farbe in Parterre und Logen blicken ließen und sichtbar ergötzten.
Auch die italienische Oper besuchte ich, fand mich aber wenig
befriedigt, da sie kaum mit den mittelmäßigsten Italiens konkurrieren
konnte. Die Theater waren nicht sehr besetzt; bei einem Stiergefecht
drängen sich die Spanier ganz anders hinzu.
Der Prado ist so ziemlich der einzige Spaziergang innerhalb der Stadt,
wozu man noch die Straße Alcala und Puerta del Sol rechnen kann, da auch
diese zum Spazierengehen benützt werden. Er ist aber der
unterhaltendste, den man sich denken kann, vielleicht der angenehmste
der Welt, und historisch merkwürdig. Er war von jeher auch ein
Rendezvous für verliebte Intrigen und Abenteuer, und die Romanschreiber
und Dichter Spaniens haben ihn weltberühmt gemacht. Bald waren es die
greulichsten Mordszenen, bald politische Komplotte, Verschwörung und
Verrat, die zu seiner Berühmtheit beitrugen. Er hat wenigstens
siebentausend Fuß im Umfang, eine breite Allee mit vielen Seitengängen
durchzieht seine ganze Länge, die Wagen fahren in der Mitte, die Seiten
sind für die Fußgänger bestimmt. Diese Promenade beginnt am Tor
Ricoletos, geht über die Straße Alcala, bis an das Tor Atocha, ein Weg
von beinahe einer Stunde. Der Zulauf ist hier außerordentlich. Die Damen
der höheren Stände besuchen ihn nur in Wagen, die zu Fuß Gehenden sind
meistens aus dem niederen Bürgerstande, schwarz gekleidet und mit der
beliebten Mantilla versehen, die nur eine Spanierin zu tragen versteht.
Kaffeehäuser gibt es zwar in großer Zahl zu Madrid, aber sie sind mit
denen in Frankreich und Italien nicht zu vergleichen, oft wahre
Spelunken, in denen man sehr schlecht bedient wird. Nicht viel besser
sind die Gasthöfe. -- Nirgends sind wohl die Nymphen der Freude so
verführerisch wie in Madrid. Man teilt sie in _Cortesanos_, _Majos_ und
_Muchachas_, von denen die ersten die vornehmsten, meist unterhaltene
Mädchen sind, die aber noch ihre Extraliebhaber nebenher haben. Die
_Majos_, wie die Loretten in Paris, wählen noch, die letzten aber sind
völliges Gemeingut. Sobald die Göttin der Nacht ihren Schleier
auszubreiten und die Dämmerung beginnt, schwärmen sie gleich Bienen und
Fledermäusen aus allen Gassen hervor, wobei sie Rosenknospen ähnliche
Mäulchen machen und ihr meist rabenschwarzes Seidenhaar zum Teil sehen
lassen. Öffnen sie den Mund, so zeigen sie zwei Reihen der schönsten
Perlenzähne. Ihr Wuchs ist in der Regel ätherisch schlank. Sie haben
immer ein recht frisches Aussehen und meist die verführerischesten
kleinen Füße, dabei eine wohltönende, melodisch-lockende Sirenenstimme.
Dennoch ließ ich mich nicht verlocken, obgleich ich mir die Ohren nicht
mit Baumwolle verstopft und scharfsehende Augen hatte. Die Geistlichkeit
und Mönche sind ihre besten Kunden, zahlen aber oft nur mit Absolution,
büßen aber nicht selten dafür durch abscheuliche Krankheiten.
Die Einwohner Madrids sind ein sehr lebenslustiges Volk. Besonders
heiter ist man des Abends und bis tief in die Nacht hinein, wo alle
Spaziergänge und öffentliche Orte mit Menschen angefüllt sind und man
sich auch im Freien zu Tartulias versammelt, sehr munter ist, und wo es
oft toll genug zugeht. Die Frauen sieht man selten ohne ihre Mantilla,
unter welcher sie die Basquina, ein langes schwarzseidenes Kleid tragen.
Namentlich sind in den Kirchen alle so gekleidet, und diese Tracht steht
denen, die schön gewachsen, was die meisten sind, bezaubernd. Auch haben
sie die schönsten Augen von der Welt, mit denen sie wahrhaft
durchbohrende Blicke zu schleudern verstehen. Der _Cortejo_ (Cicisbeo
oder Courmacher) der Damen ist meistens ein Kanonikus oder Geistlicher,
bisweilen auch ein Offizier, ein Verwandter des Mannes. Die ersteren
sind in der Regel schon bei Jahren, betrügen dennoch aber die Ehemänner,
die sie anstellen, nicht selten. Die machen gar oft den Bock zum
Gärtner, und je älter der Bock, desto steifer das Horn, heißt es bei
diesen gezwungenen Hagestolzen der Kutte. Die spanischen Damen haben
auch eine ganz besondere Liebhaberei an Papageien, Kakadus, Affen und
ähnlichen Tieren, die man an den Fenstern fast eines jeden nur
mittelmäßigen Hauses sieht. In den Nächten hört man, bis die
Mitternachtsstunde vorüber, Gitarren und Mandolinen auf allen Straßen
vor den Balkonen der Schönen erklingen, ein Gebrauch, den, wie diese
Instrumente selbst, die Mauren nach Spanien brachten. Der Fandango
ertönt allerorten und ist, von den reizenden üppigen Spanierinnen
aufgeführt, ein Tanz, der den Zuschauern alles Blut in Wallung treibt
und selbst in Wollust getaucht scheint. Der heilige Antonius selbst
würde, und wenn er auch zehn Jahre lang nichts als Wurzeln und Kräuter
gegessen und nur noch Haut und Knochen gewesen, diesem Versucher
schwerlich widerstanden sein. Ja der frömmste Büßer muß seine Buße zu
allen Teufeln wünschen, wenn eine junge, vollbusige, schlanke
Andalusierin diesen, alle Sinne verwirrenden Tanz mit ihrer
unwiderstehlichen, fast überirdischen Anmut aufführt.
Man erzählt sich, daß, als man einst von Rom, wo ein gichtbrüchiger
Papst auf Petri Stuhl saß, den Fandango bei Strafe des Kirchenbannes
verbieten wollte, ein vernünftiger Kardinal dem heiligen Vater die
richtige Bemerkung machte, man solle niemand, ohne gehört oder gesehen,
verdammen. Man ließ nun den verführerischen Tanz vor einer zu Richtern
über denselben bestimmten Versammlung von Kardinälen durch reizende
Spanierinnen aufführen. Aber kaum entfalteten die schönen Tänzerinnen
die Anmut ihrer Bewegungen, so verschwanden auch schon alle Falten der
gerunzelten Stirnen der alten Eminenzen, sie fingen mit Händen und Füßen
zu zappeln an, schlugen den Takt dazu, und die heilige Jury sprach den
Fandango einstimmig frei.
Aber das Vergnügen, welches der Fremde bei diesem Tanz empfindet, wird
zur Abscheu, wenn er einer Hauptergötzlichkeit der Spanier, einem
Stiergefecht beiwohnt, auf welches, _horribile dictu_, die Damen am
ärgsten versessen sind. Sie würden kein Opfer scheuen, selbst nicht das
ihrer höchsten Gunst, um einem solchen beiwohnen zu können. Das letzte
Hemd wird verkauft oder versetzt, um dieses Gelüst zu befriedigen, und
dann fährt man mit Grandezza auf den Plaza mayor.
In der Regel lebt man in Madrid ziemlich billig; aber teurer als
gewöhnlich war es während unseres Aufenthalts daselbst. Das Fleisch, mit
Ausnahme der Schweine, war nicht sonderlich, nur die Toledaner Hammel
sind nicht schlecht. Das Geflügel aber ist sehr gut und in großem
Überfluß. Früchte und Gemüse sind ebenfalls gut, werden aber
abscheulich, für Fremde oft ungenießbar zubereitet. Das Brot, pan
candial, ist ein wahres Kuchenbrot; aber die Feuerweine, wie Alikant,
Xeres, Canaries, _Vinos generos_, _Val de pennos_, _la Mancha_, müssen
einen Eisklumpen noch beleben, haben aber auch schon manchem
ungenügsamen Fremden das Grab geöffnet.
Die Spanierinnen haben fast alle sehr melodische Stimmen, so daß schon
ihre Rede fast wie lieblicher Gesang tönt. Ihre Sprache ist ein
glühender Liebeshauch, ihre Augen und Blicke unter den nie fehlenden
Schleiern erschüttern Mark und Bein und sind herzdurchbohrend. Dabei
sind sie galant und verliebt bis über die Ohren. Sie sehen die Fremden
sehr gerne, und wären die Franzosen als Freunde geblieben, so hätten sie
Spanien durch die Frauen und Mädchen erobert und gefesselt. Aber die
unglücklichen Ereignisse machten, daß später das französische Militär
fast in gar keine freundliche Berührung mehr mit den Einwohnern kam.
Freilich besitzt der Spanier wenig Liebenswürdigkeit, ist hochmütig,
gebieterisch und herrisch gegen das schöne Geschlecht, verrichtet dabei
aber alle Frauendienste, ein ungeheurer Abstand gegen den galanten
Franzosen, und dabei selten ein schöner Mann; in der Regel eher häßlich
zu nennen. Selbst sein Organ ist rauh und unangenehm und seine
Aussprache hart. Von der Mäßigkeit der Spanier im Essen und Trinken kann
man sich kaum einen Begriff machen: eine Familie von zehn Personen hat
oft genug an dem, was mancher Süddeutsche oder Schweizer allein zu sich
nimmt. Eine gesalzene Sardelle, ein Stückchen Knoblauch und trockenes
Brot, oder ein Ei und etwas Obst ist oft das ganze Mittagmahl. Eine
Wassersuppe mit Öl, ein Dutzend Schnecken, Schwämme und so weiter sind
schon Leckerbissen in den Dörfern.
Eine sehr große Rolle spielte zu jener Zeit noch der Aberglaube in ganz
Spanien und unter allen Ständen. Wahrsager, Schwarz- und Weißkünstler,
Hexenmeister gab es in jedem Dorf, und ganze Banden solchen Gesindels
streiften in dem Land umher, sich von der Dummheit der Einwohner
mästend. Die Barbiere sind ein entsetzlich geschwätziges Volk, höchst
zudringlich und auch bei galanten Abenteuern nützlich, aber ein Figaro
ist mir doch nicht unter ihnen begegnet, dagegen Gil-Blas und Sancho
Pansas genug.
In der Regel sind die Wohnungen der Spanier im Innern sehr kahl, haben
meistens eine schlechte Einrichtung. Große düstere Zimmer mit alten
Heiligenbildern verziert, zerlumpte Vorhänge, ebensolche Tapeten, einige
alte Sessel, einige Tische und Stühle, altmodische Spiegel, das war das
ganze Mobiliar eines selbst bemittelten Mannes. -- Der spanische Adel
ist auf sein Herkommen und seinen Stammbaum ebenso eingebildet und
dummstolz, als mancher hannoversche oder sächsische Kraut- und
Landjunker. Ein jeder _Hidalgos_, wenn er auch in Lumpen gehüllt ist und
kein ganzes Hemd mehr auf dem Leibe hat, besitzt doch gewiß seinen
wurmstichigen Stammbaum in seiner Dachkammer, oft der einzige Zierat,
oder besser der Unrat seiner hohen Wohnung. Dabei sind sie gegenseitig
so komisch komplimentenreich, daß man in Versuchung kommt, sie für
Policinellos zu halten. Die Don Ranudo de Colibrados sind noch lange
nicht ausgestorben und blühen in Spanien noch wie in Deutschland und
Italien. Seltener ist diese Schmarotzerpflanze in Frankreich, wo sie die
Lächerlichkeit nicht aufkommen läßt. Fast die Mehrzahl der Spanier liebt
das Zölibat, dagegen haben sie Mätressen zu halben Dutzenden, wenn es
ihre Umstände erlauben.
Der Ursprung Madrids ist gänzlich unbekannt. Aber ein großer Teil seiner
Bewohner behauptet in allem Ernst, daß die alten Griechen die Stadt
gegründet hätten, andere sagen, es sei das alte _Mantua Carpetanorum_.
Die ersten, einigermaßen zuverlässigen geschichtlichen Nachrichten hat
man aus den Zeiten, wo die Könige von Kastilien hier ein Schloß hatten,
das schon erwähnte, welches an der Stelle des heutigen neuen königlichen
Palastes stand. Philipp II. verlegte zuerst seine Residenz und seinen
Hof für immer hierher, nachdem sein Vater Karl I. (V.) schon einen
großen Teil seiner Zeit daselbst zugebracht hatte. Jetzt wurde die Stadt
immer bedeutender, kam schnell empor, wozu religiöse Feste, Autodafés
und Stiergefechte nicht wenig beitrugen. Die Autodafés waren eine
bittere und blutige Satire auf die christliche Religion und ihren
Stifter, und wurden oft nur gehalten, um dem Volk eine Unterhaltung zu
gewähren, die es zugleich mit Furcht und Schrecken erfüllen sollte. Da
wurden, um Fruchtbarkeit und gutes Wetter vom Himmel zu erlangen,
Ketzer, Zauberer und Hexen unter dem Jubel des unzähligen Pöbels aus
allen Ständen verbrannt. Den armen Sündern wurde vorher das Urteil in
den Kirchen verkündigt und ihnen noch eine recht erbauliche Bußpredigt
gehalten. Dann wurden sie auf den Plaza mayor geführt, wo man noch eine
Messe an einem Altar las, und sie hierauf in die hellodernden Flammen
des neben dem Altar errichteten Scheiterhaufens warf. Nun wurden noch
allerhand heilige Schnurrpfeifereien vorgenommen, das Volk mit
schmutzigem Weihwasser bespritzt, man kniete, betete, bekreuzigte sich
und streute zu guter Letzt die Asche der Verbrannten in alle Winde. Die
heilige Hermandad, ihre Henkersknechte -- die Inquisitionsrichter -- und
tausende von Pfaffen entfernten sich dann heulend und brüllend in
Prozession, und das erbaute Volk verlief sich nach allen Seiten. In fast
allen Kirchen Spaniens sieht man Abbildungen solcher, zur Ehre der
Dreieinigkeit und zur Schande der Menschen und ihrer Religion gehaltenen
Autodafés. Gewöhnlich sind sie am Hochaltar angebracht und recht
gräßlich gemalt. Da werfen die Schindersknechte einen zitternden Greis,
dort ein altes Weib, hier ein schönes Mädchen in die Flammen. Ihre Namen
liest man unter dem Gemälde. Noch in den achtziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts wurde eine hübsche junge Frau aus Sevilla verbrannt, weil
sie ein Verhältnis mit dem Teufel unterhalten, der ihr die Gabe der
Weissagung verliehen hatte. Trotzdem aber konnte sie ihr eigenes
Schicksal keinen Tag voraussehen. Noch später wurde ein Schneider, der
sich der Magie ergeben hatte, aus ganz besonderer Gnade zwar nur im
Bilde verbrannt, aber während dieser Operation in Natura blutig
ausgepeitscht, bis er selbst fast seinen Geist aufgab.
Bis zu den Zeiten Philipp V. hielt man noch Turniere, Ringelreiten und
dergleichen in Madrid und feierte namentlich ein Fest, >Die Belagerung
von Amors Schloß< genannt, im Wonnemonat jeden Jahres mit großem Pomp.
Der Plaza mayor war ebenfalls die Schaubühne desselben. Man erbaute auf
demselben eine große hölzerne, mit Festons geschmückte Burg, auf deren
Mauern allerlei Allegorien gemalt waren. Die schönsten Frauen und
Mädchen bildeten als Ritter und Knappen die Besatzung dieser Burg und
zeigten sich mit Kränzen und Blumen bewaffnet auf den Mauern, während
vor derselben von den Belagerern Quadrillen zu Pferd und zu Fuß
aufgeführt wurden. Hierauf gab eine sanfte Musik das Zeichen zur
Erstürmung der Feste, deren Verteidiger dieselbe nur durch das
Herabwerfen ganzer Körbe voll Blumen zu schützen versuchten. Die
Stürmenden aber ließen sich dadurch nicht abhalten, mutig
hinanzuklimmen, und wurden als Sieger mit Küssen und Kokarden von den
Schönen empfangen. Jetzt wurde ein Triumphzug zu Roß und zu Wagen durch
alle Hauptstraßen der Stadt, in denen Triumphbogen von Blumen errichtet
waren, gehalten, und von allen Balkonen bewarf man die Vorüberziehenden
ebenfalls mit Blumen. Musik, Gesang und Tanz währten die ganze Nacht
hindurch, in welcher die Stadt durchaus bis zum Anbruche des Tages
erleuchtet war.
Daß an einem Amorfest die Frauen den größten Anteil nehmen, ist sehr
natürlich. Aber daß sie es auch sind, die mit der größten Gier den
Stiergefechten nachlaufen, sich an dem Verbluten der gemarterten Tiere
ergötzen, mit Vergnügen die Wunden des gehetzten Tieres zählen, und
bedauern, daß es durch zu frühes Hinscheiden seine Leiden endet, und
dessen Mörder und Hetzhunde mit Beifall überschütten, ihnen, mit Händen
und Füßen tobend, zujauchzen, während der arme edle Stier mit dem
Wutschaum vor dem Maul niederstürzt und ein letztes, durch Mark und Bein
dringendes Schmerzgebrüll ausstößt, sich qualvoll in seinem Blute wälzt,
ist höchst unnatürlich. Die schönsten Opfer dieser Grausamkeit liefern
die andalusischen Wildnisse, in denen man die Stiere mit Hilfe
abgerichteter Kühe fängt und dann zu diesem Marterspiel aufbewahrt.
Selbst die sonst in Spanien so hoch, ja göttlich verehrten Päpste waren
so wenig wie die Könige des Landes imstande, diesem Greuel ein Ende zu
machen. Sobald von Abschaffung der Stierkämpfe die Rede war, drohte
jedesmal die ganze Nation sich zu empören, und man war genötigt, dem
guten Volk schnell wieder einige Hundert dieser Tiere zu opfern, um es
zu beruhigen und zu überzeugen, daß man ihm dieses Vergnügen nicht
rauben wolle.