Einmarsch in Spanien. -- Die baskischen Provinzen. -- Miranda de
Ebro. -- Der Engpaß Garganta Pancorbo. -- Briviesca. -- Burgos.
-- Quintana de la Puente. -- Valladolid. -- Ein Autodafé. -- Eine
schöne Andalusierin. -- Ungewißheit und Gerüchte über Napoleons
Absichten hinsichtlich Spaniens. -- Marsch nach Segovia. -- Biwak
bei Segovia. -- San Lorenzo. -- El Pardo. -- Glänzender Einmarsch
in Madrid.
Unser erstes Nachtquartier auf spanischem Boden war Irun, ein sehr altes
Nest, das schon zur Zeit der Römer stand und jetzt kaum zweitausend
Einwohner zählen mochte, die größtenteils von den Passanten leben, die
sich von Frankreich nach Spanien und umgekehrt begeben. Diese Stadt mit
ihren schmutzigen, schlecht gebauten Straßen gab uns eben keinen guten
Vorgeschmack von dem, was uns in Spanien erwartete. Hier begann in einer
Hinsicht so ziemlich wieder das italienische Leben, das heißt, die Leute
wurden nicht einquartiert, sondern in Kasernen oder andere große Gebäude
gelegt und später auch wieder in Kirchen und Klöster; sie bekamen ihre
Rationen Fleisch, Brot, Wein, Zugemüse und so weiter und mußten sich
alles selbst kochen und zubereiten; dies ist zwar auch der Fall in
Frankreich, aber außer dem, daß der Soldat bei dem Bürger einquartiert
ist, der ihm auch Holz und Licht geben muß, geschieht es nicht selten,
daß letzterer noch einen Extrabraten und allerlei Zutaten in die Küche
seiner Einquartierung liefert, wenn er nicht zu den Schmutzfilzen
gehört. Die gelieferten Rationen waren in Spanien im Durchschnitt noch
weit schlechter als in Italien, besonders das Ziegenfleisch von keiner
guten Qualität. -- Wenn man die auf gemeinschaftliche Kosten Spaniens
und Frankreichs erbaute und unterhaltene Brücke der Bidassoa passiert
hat, befindet man sich in der Guipuzcoa, die nebst Biscaya und Alava die
baskischen Provinzen bildet. Hier erinnert auch nichts mehr an das eben
verlassene Frankreich; Charakter, Sitten, Gebräuche und selbst die
Bauart und die Wohnungen sind so himmelweit verschieden, daß man glauben
sollte, beide Länder wären durch viele hundert Meilen getrennt, und man
sei durch einen Zauberflug von dem einen in das andere versetzt worden.
Das Hauptquartier unseres Armeekorps war in Valladolid, und die Legionen
und Regimenter kantonnierten längs dem Duero. Die vier ersten Kompagnien
unserer Legion wurden in die Gegend von Burgos verlegt, wohin vorerst
unsere Bestimmung lautete. Von Irun marschierten wir über Hernani nach
Tolosa. Der Weg ging durch ein fruchtbares und gut angebautes, lachendes
Tal, in dem Hernani, ein großer von Bergen umgebener Flecken, der
blendend weiße Häuser und schöne Baumgruppen hat, liegt. Tolosa ist kein
unfreundliches Städtchen am Oria und Araxes, über den letzteren führt
eine hübsche Brücke mit einem Turm. Die Stadt konnte ungefähr
fünftausend Einwohner haben. Jeder Einwohner, jeder Bauer dieser Provinz
behauptet, er sei von Adel, und wer kann ihm diese Behauptung streitig
machen, als etwa ein hirnverrückter Stammbaumfabrikant?
Noch zeigten sich die Bewohner der baskischen Provinzen nicht feindselig
gegen uns, obgleich manche dieser verbrannten Gesichter allerdings schon
Mißtrauen ausdrückten und uns mit zweideutigen Blicken ansahen. Die
Frauen und Mädchen dieser Gegend sind niedliche Geschöpfe, und die
Landmädchen, welche ihre Haare in langen, mit Bändern geschmückten
Flechten, die ihnen über die Schultern herabfallen, tragen, sind äußerst
lebhaft und munter; auf dem Kopf haben sie dünne Musselinschleier, die
um die Achseln fliegen, geheftet. Die es nur irgend aufbringen können,
tragen goldene Ohrringe, mitunter auch Perlen und Halsketten von
Korallen. Ihr Anzug ist sehr nett, und da sie in der Regel gut gewachsen
sind, so stehen ihnen ihre Leibchen und Jäckchen allerliebst. Was mich
hier am meisten ärgerte, war, daß ich mich mit den Einwohnern und also
auch mit den Frauen weder verständigen noch unterhalten und deshalb an
keine galanten Abenteuer denken konnte. Ich hatte geglaubt, mir mit dem
Italienischen helfen zu können, wenn ich an das Ende der Wörter nur ein
_s_ oder _os_ hinge; aber dies ging nicht, namentlich in den baskischen
Provinzen, wo die Sprache eine ganz verschiedene ist; aber auch in einem
großen Teil des übrigen Spaniens konnte ich mir nicht wohl damit
forthelfen, da, wenn auch die Worte oft ganz ähnlich, ja sogar ganz
dieselben, Aussprache und Akzent jedoch himmelweit verschieden sind und
man sich erst an diese gewöhnen muß, namentlich in den Provinzen, wo das
Spanische schlecht oder verdorben gesprochen wird. Ich nahm mir zwar
vor, jetzt die spanische Sprache zu studieren, aber hierzu ließen mir
die Kriegsbegebenheiten und Unruhen wenig Zeit, und ich konnte es nicht
weiter bringen, als mich notdürftig im Spanischen auszudrücken, auch
kamen wir, einige Fälle ausgenommen, zu wenig in nähere Berührung mit
den Einwohnern; doch konnte ich bald den Cervantes, Calderon, Lope de
Vega und andere spanische Autoren im Original lesen, namentlich
amüsierte und erheiterte mich Don Quixote nicht wenig.
Von Tolosa war unser nächster Marsch nach Villa Real, einem Flecken, der
eben nichts Königliches aufzuweisen hatte; ein paar Kompagnien mußten in
dem nahen Dorf Zummaraya übernachten; von hier kamen wir über das
Städtchen Bergara an der Deva nach Mondragon, einem Ort, der nicht
unbedeutende Waffenfabriken hat. Der Weg von Bergara bis Vittoria ist
fortwährend mit freundlichen Dörfern und vielen Landhäusern besät, die
fast ununterbrochen zusammenhängen; überhaupt sind die baskischen
Provinzen sehr bevölkert und trefflich angebaut, was sie von dem übrigen
Spanien sehr zu ihrem Vorteil unterscheidet und was sie ihrer viel
freieren Verfassung zu danken haben, welche die Betriebsamkeit und den
Handel ihrer Bewohner anspornte. Auf diesem Wege hatten wir fast
beständig den im Tale wogenden Fluß Zadorra vor Augen, der dessen
reizendste Partien in Krümmungen durchschneidet. Alles kündigte hier
einen gewissen Wohlstand an, die Landleute, Männer wie Frauen, waren
reinlich und gut gekleidet. Von Mondragon stiegen wir auf den Berg, auf
dem der Flecken Salinas liegt, von dem man noch eine Strecke über diesen
Teil der Pyrenäen kommt, dann aber geht es fast beständig bergab bis
Vittoria, das man nun bald vor sich liegen sieht.
Über Puebla marschierend, kamen wir durch eine sehr enge Passage in das
Tal des Ebro und an eine Marmorsäule, deren Inschrift besagte, daß hier
die Grenze zwischen Alava und Altkastilien sei. Diesen Weg, den zu ebnen
und über die Gebirge praktikabel zu machen große Anstrengungen
erforderte, da sich ungewöhnliche Schwierigkeiten zeigten, haben die
baskischen Provinzen in Gemeinschaft angelegt. Besonders muß es
außerordentliche Mühe gekostet haben, die jähen Abhänge wegsam zu
machen, Abgründe zu umgehen und Felsenriffe wegzuräumen. Nach sechs
Stunden eines mühsamen Marsches kamen wir bei Miranda de Ebro an,
welches an diesem Fluß liegt, über den hier eine acht Bogen lange Brücke
führt. Noch bevor wir Alava verließen, begegneten wir einem seltsamen
Leichenbegängnis; man begrub nämlich in einem Dorfe ein kleines,
weißgekleidetes Kind, dessen Köpfchen mit einem weißen Rosenkranz
geschmückt war und das offen in der Bahre lag; das Sonderbarste aber
war, daß dieser kleinen Leiche eine Musikbande voranzog, welche lustige
und muntere Melodien spielte und hinter der ein Kind, ein Kreuz tragend,
fröhlich einherhüpfte. Man sagte mir, daß die Kinder in den baskischen
Provinzen alle auf ähnliche Weise begraben würden, weil man sie
glücklich preist, zu sterben, bevor sie noch des Lebens Mühen,
Beschwerden und Drangsale kennen lernten, und die Eltern trösten sich
mit einem: »Es war Gottes Wille.«
Miranda ist ein kleines, nahe an den Bergen liegendes Städtchen; auf
einer Höhe sieht man noch die Trümmer eines Schlosses und mehrere Türme
desselben. Aus dem Felsen, auf dem diese Ruinen liegen, entspringt eine
sehr reichhaltige Quelle, die mehrere Mühlen in Bewegung setzt. Das
Städtchen mochte etwa zweitausend Einwohner zählen. Von hier
marschierten wir über Pancorbo nach Briviesca. Miranda verlassend, hat
man über eine Stunde fortwährend eine hohe Felsenwand vor Augen, von der
man keinen Ausweg erblickt und die, gleich einer ungeheueren Mauer an
der Welt Ende, alle Passage zu versperren scheint. Erst wenn man dicht
vor dem Felsen angekommen ist, eröffnet sich eine enge Schlucht, durch
welche man nach Pancorbo gelangt; dieser Engpaß führt durch zwei
ungeheuer hohe Felsenmassen, deren Spitzen sich gegeneinander zu neigen
scheinen und die kaum durch einen zehn Schuh weiten Raum getrennt sind.
Dieser Hohlweg ist beinahe eine Viertelstunde lang. Die Felsen wölben
sich so über dem Haupte des Durchgehenden, daß man fürchtet, sie jeden
Augenblick herabstürzen zu sehen und von ihnen zermalmt zu werden.
Dieser Engpaß heißt Garganta de Pancorbo und ist, gehörig verteidigt,
uneinnehmbar; es ist eine wahre Höllenschlucht, eine Kompagnie kann hier
das größte Heer aufhalten. Hat man ihn passiert, so erblickt man das
Städtchen Pancorbo, das am Eingange eines Tals liegt; durch einige
elende Dörfer kommt man dann nach Briviesca, welches merkwürdig ist
durch die Versammlung der Cortes, die Johann I. im Jahre 1388 hierher
berief und die dem Kronprinzen von Kastilien für ewige Zeiten den Titel
eines Prinzen von Asturien beilegte, bis -- es weder Kronprinzen noch
Könige von Kastilien mehr gab, wie es mit allen menschlichen Ewigkeiten
zu gehen pflegt. Die Stadt liegt an der Oca, ist mit Mauern umgeben und
hat vier Tore, in ihrer Nähe sind zwei tiefe mineralische Teiche, der
Pozzo negro und Pozzo blanco genannt.
Von Briviesca führte uns der Weg über Monasterio, Quintanapalla durch
ein noch ziemlich gut angebautes, mit vielen Pappeln und Weiden
bepflanztes Tal, immer bergauf bis Monasterio, nach Burgos.
Die nächsten Umgebungen von Burgos besuchte ich zu Pferd und ritt nach
dem anderthalb Stunden entfernten Monasterium von Cardena, um das Grab
des Cid und seiner Gattin Ximene zu sehen, auf dem sein Wappenschild,
von einer Kette umgeben, das zwei sich kreuzende Schwerter hat, über
denen sich wieder ein Kreuz erhebt, sowie das Ximenens, einen dicken,
von einer Kette umgebenen Turm darstellend, befindlich ist. Später, als
in diesem Krieg das Kloster von Cardena zerstört und verwüstet wurde,
ließ der französische Gouverneur von Burgos die Reste des Helden und
seiner Gattin in die Stadt bringen, um sie vor gänzlicher Vernichtung zu
bewahren, und beiden ein Monument auf einer kleinen Insel setzen.
Der Tag unseres Abmarsches war herangekommen, und wir verließen Burgos
in dem Augenblick, als ich im Begriff war, eine Intrige mit einer seiner
schönen Bewohnerinnen anzuspinnen; dies machte, daß ich den Marsch über
Caleda Villazopegue, wo zwei Kompagnien übernachteten -- die zwei
anderen blieben in Villadriga (zwei unbedeutenden Dörfern) --, nach
Torrequemada etwas übelgelaunt antrat. Von Burgos bis zum Dorf
Villadriga verliert man den Fluß Arlanzon fast nicht aus den Augen, auch
sieht man noch viel gut angebautes Feld und ziemlich viel Ortschaften.
Ehe man Torrequemada erreicht, kommt man durch das kleine Städtchen
Quintana de la Puente, das an der Pizuerga liegt, über die eine schöne
steinerne, achtzehn Bogen lange Brücke führt. Torrequemada selbst liegt
an dem nämlichen Fluß, den man hier über eine sechsundzwanzig Bogen
lange Brücke passiert. Dieses Städtchen hat eine hübsche gotische
Kirche. Der Weg hierher ging über eine ziemlich kahle Ebene, in der man
fast gar keine Bäume und nur selten einiges niedrige Gesträuch sah. Hier
lagen nur zwei Kompagnien unseres Bataillons, die anderen in Palencia.
Wir erfuhren nun, daß wir nach einem Ruhetage nach Valladolid
abmarschieren sollten, wozu der Befehl soeben von dem Hauptquartier
eingetroffen sei und wo die Legion zusammentreffen würde. Torrequemada
ist ein trauriger Aufenthalt, ebenso die Umgegend, und der Holzmangel so
groß, daß die Einwohner meistens gedörrten Mist brennen und dabei
kochen. Ist es kalt, so wärmt man sich an den Glorias, eine Art
Trockenöfen in den spanischen Küchen, um welche herum Bänke zum Sitzen
angebracht sind. Von hier marschierten wir noch einige Zeit durch die
langweilige Ebene und das Dorf Magaz; zu unserer Linken sahen wir bald
das große Benediktinerkloster San Isidoro in einiger Entfernung liegen,
und in dem an einem Rebenhügel liegenden Dorfe Duenas kam das ganze
Bataillon wieder zusammen und setzte den Marsch in Gemeinschaft fort.
Man behauptet, daß das elende Dorf Duenas das Eldana des Ptolomäus sei,
wenigstens auf derselben Stelle liege. Hier bewahren die Einwohner den
Wein in Gruben auf, die sie zu diesem Zweck in die Erde graben und in
denen er sich sehr gut und frisch erhält. Von hier aus marschierten wir
noch immer abwärts über ein sandiges und steiniges Terrain durch den
Flecken Cablezon, in dessen Umgebung ein angenehmer, lieblicher, roter
Wein wächst und von wo man nur noch zwei gute Stunden nach Valladolid
hat. Alle unsere Märsche waren ungewöhnlich stark, fast keiner unter
acht bis neun, manche wohl zehn Stunden lang. Erst wenn man ganz in der
Nähe von Valladolid ist, nimmt der langweilige Weg ein Ende, auf welchem
das Feld schlecht und oft gar nicht angebaut war; dies war schon oft der
Fall, seitdem wir die baskischen Provinzen verlassen hatten, aber im
Königreich Leon weit häufiger.
Es war anfangs März, als wir zu Valladolid ankamen, wo sowie in der
Umgegend zahlreiche französische Truppenkorps von allen Waffengattungen
lagen. Die verschiedenen Armeekorps, die in Portugal und Spanien
einmarschiert waren, hatten jedes seinen besonderen Chef und seinen
Generalstab; Mürat, damals Großherzog von Berg, hatte den Oberbefehl
über das Ganze und den Titel eines Leutnants des Kaisers Napoleon. Wir
erfuhren, daß derselbe bereits in Burgos angekommen sei und mit ihm ein
Heer von Employés, Kriegskommissäre, Ordonnateure und Offiziere aller
Grade, wohl über ein halbes Tausend Individuen, von denen viele schon in
Ruhestand versetzt gewesen und fast gegen ihren Willen wieder in
Aktivität gesetzt worden waren, andere aber hofften jetzt in Spanien
schnell Fortüne zu machen. Nichts war den Ländern und den Heeren selbst
verderblicher, als dieses Kommissarien- und Lieferanten-Geschmeiß und
was daran hing, wahre Blutsauger der Völker wie der Truppen, von denen
der wackere Kaiser Joseph II., der diese Kanaillen durch und durch
kannte, schon mit vollem Recht sagte: »Man kann einen jeden
dieser Burschen« (wenn ich mich nicht irre, so meinte er die
Proviant-Kommissäre damit) »hängen lassen, ohne sich zu fürchten, eine
Sünde oder einen Fehlgriff begangen zu haben.« Auch Napoleon wußte aus
seinen italienischen Feldzügen, welch ein Diebsgesindel dies Geschmeiß
ist, und dennoch hat es zu keiner Zeit und bei keinen Heeren ärger
gehaust und gestohlen, als in den napoleonischen, wo von den
General-Kommissären bis zu den Furieren in den Kompagnien herab alles,
was mit Proviant, Verköstigung oder Lieferungen in Berührung kam, den
Soldaten sowohl wie den Bürger bestahl und beraubte. Aber in Spanien
bekam es den Herren doch oft schlecht, und ein wohlverdienter Lohn, den
ihnen die Vorsehung bereitete, blieb selten aus.
Noch immer wußten wir nicht, was eigentlich bezweckt wurde, wir
erschöpften uns in tausend Mutmaßungen, von denen keine den rechten
Fleck traf, indem die meisten darauf hinausgingen, daß es, wenn auch
indirekt, auf England abgesehen sei. Die Instruktionen, die uns
fortwährend erteilt wurden, waren von der Art, daß man auf einen
bevorstehenden Krieg schließen und sich auf alle Ereignisse gefaßt
machen mußte; aber wo war der Feind? -- Napoleon selbst wurde erwartet,
und das Gerücht war unter sämtlichen Truppen verbreitet, daß er sich an
deren Spitze stellen würde; ein großer Teil der Einwohner Spaniens aber
betrachtete uns mit immer größer werdendem Mißtrauen, während andere
hofften, daß wir sie von dem unerträglichen Joch des ihnen so verhaßten
Friedensfürsten Godoï befreien würden, den sie sämtlich als den
alleinigen Urheber aller dieser Übel betrachteten und verfluchten. Von
seiten der Kommandierenden wurden sie auch in dieser Richtung bestärkt.
Es ist unmöglich, sich einen Begriff von der Verachtung und dem Haß zu
machen, den die ganze Nation gegen den freilich ganz verdienstlosen
Günstling bei der spanischen Majestät und der Königin insbesondere
nährte. Ohne alle Scheu sprach man davon, daß man diesen schändlichen
Bösewicht hängen, köpfen, spießen, rädern, vierteilen und Gott weiß was
alles müsse; man wollte ihn samt der Königin lebendig verbrennen und den
König, die gehörnte Schlafhaube, dazu, meinten noch andere; die
Gemäßigtsten aber forderten, daß man ihn einer strengen Justiz übergebe.
Der Unglückliche selbst schlief schon lange nicht mehr auf Rosen und
träumte nur von Galgen und Schafott, zitterte unaufhörlich für sein
kostbares Leben und war nicht imstande, irgendeinen festen Entschluß zu
fassen, sich zu helfen oder in Sicherheit zu bringen. Nicht leicht hat
ein Sterblicher so sonderbare Schicksale gehabt; vom gemeinen Gardisten
zum Günstling der Königin von Spanien und den höchsten Würden den
Reiches wie in einem Zaubermärchen erhoben, dabei durch die Heirat mit
einer nahen Verwandten des königlichen Hauses, wozu er seine königliche
Geliebte zu bereden gewußt hatte, die, trotzdem er sich noch Mätressen
hielt, was sie wußte, ihm dennoch unwandelbar ergeben blieb; so war der
König selbst nur noch der gehorsame Vollstrecker der Gebote des
Geliebten seiner Frau. Wer über dieses seltsame Verhältnis nähere
Auskunft wünscht, muß Llorents _Memorial para la historia de la
revolucion espanola recogydas y compiladas por don Juan Nellerto_ lesen.
Valladolid, das Pintia der Alten, war die zweite Stadt Altkastiliens,
aber jetzt der Hauptort der Intendanz gleichen Namens in dem Königreich
Leon. Der Fluß Esgueva durchströmt sie, und der Pizuerga fließt an ihren
Mauern vorbei; sie liegt in einer großen, von Hügeln mit Plattformen
umgebenen Ebene. Die Stadt ist nicht so übel gebaut, aber ihre Straßen
sind schlecht gepflastert und unreinlich, auch lagen manche ihrer
Gebäude in Ruinen. Unter ihren sehr großen Plätzen sind der Campo-Grande
und Plaza-Mayor die ansehnlichsten. Ersterer hat einen ungeheuren
Umfang, und unter den ihn umgebenden Gebäuden sind nicht weniger als
dreizehn Kirchen. Die von Philipp II. erbaute Kathedrale ist kaum zur
Hälfte fertig, hat aber einen schönen Turm. In der Paulskirche sind
unter vielen Monumenten von sehr verschiedenem Kunstwert zwei schöne
Bildsäulen des Herzogs und der Herzogin von Lerma; in dieser Kirche, die
den Dominikanern gehört, sieht man auch eine Erscheinung Christi bei
einer Nonne dieses Ordens abgebildet; dieser Christus war wahrscheinlich
ein verschmitzter Mönch. Auch noch andere, zum Teil sehr komische
Heiligenbilder findet man hier. Das Colleg, welches sich zunächst dieser
Kirche befindet, ebenfalls den Dominikanern gehört und von Don Alonzo
von Burgos, Bischof von Palencia, im fünfzehnten Jahrhundert gestiftet
wurde, ist wegen seiner sonderbaren Bauart merkwürdig; seine Fassade
stellt nämlich ein Gehölz vor, dessen Zweige die Wölbung des Portals
bilden, auf beiden Seiten sieht man zwei Wilde, die mit wolligen Fellen
bedeckt sind und Gürtel von Laub haben; jeder hat ein Wappenschild. Über
der Eingangstür ist ein Granatbaum, dessen Äste sich weithin ausbreiten;
dieser soll eine Anspielung auf die Eroberung von Granada durch die
katholischen Majestäten Ferdinand und Isabella, Beschützer der Kirche,
sein. In diesem Colleg befindet sich auch das sehr schöne Monument des
Gründers desselben, Alonzo von Burgos, Bischof von Palencia, der selbst
in weißem Marmor und, wie behauptet wird, sehr ähnlich auf demselben
abgebildet ist. Das Gebäude wurde im fünfzehnten Jahrhundert erbaut.
Valladolid, das noch zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts weit über
hunderttausend Einwohner hatte -- 1516 stellte die Stadt dreißigtausend
Mann unter die Waffen, um sich den Absichten der Regierung zu
widersetzen --, zählte jetzt keine vierundzwanzigtausend, die noch einen
nicht unbedeutenden Handel treiben, zu dem der Ort auf das
vorteilhafteste gelegen ist; auch wächst in ihrer Umgegend ein
vortrefflicher Wein. In der Stadt selbst befinden sich schöne
Promenaden, wie der Prado de la Magdalena, der an dem Esgueva liegt, mit
schönen Bäumen bepflanzt ist und bequeme Ruhebänke hat, die Spaziergänge
Espolejo Viejo und Espolejo Nuevo, die nahe an dem Ufer des Pizuerga
liegen, werden mehr von Reitern und Equipagen besucht.
In historischer Hinsicht ist Valladolid außerordentlich merkwürdig und
in Spaniens Annalen berühmt. Es soll nach mehreren Geschichtsschreibern
auf den Ruinen des alten Pintia erbaut sein und war später die Seele des
Handels zwischen Kastilien, den Königreichen Leon und Portugal. Hier kam
Philipp II. traurigen Andenkens zur Welt und hielt öfters seinen Hof
daselbst, und der Entdecker Amerikas, Christoph Kolumbus, starb hier.
Wegen des sehr fühlbaren Holzmangels, der dadurch entstand, daß man die
Dummheit beging, die Waldungen auf den umliegenden Hügeln völlig
auszurotten, verlegte Philipp III. für immer seinen Hof von hier nach
Madrid. Als Residenz des Herrn zweier Welten war der Hof und das Leben
in Valladolid sehr prächtig, üppig und glänzend. Unter Philipp II. fand
ein äußerst tragisch-merkwürdiges Autodafé im Oktober des Jahres 1559
hier statt. Es begann mit einer Prozession der Dominikanermönche, denen
eine weiße Fahne vorangetragen wurde, ihnen folgten die Familiares,
Kommissarien und andere Diener der heiligen Inquisition, hinter diesen
wurde wieder eine achtzehn Schuh hohe Fahne von buntem Damast getragen;
auf der einen Seite derselben sah man das Bild des heiligen Dominikus
gestickt und auf der anderen das des heiligen Petrus Märtyrer. Hieran
kam die heilige (?) Hermandad und andere bei dem heiligen (?) Officium
angestellte Personen, von denen eine das Kreuz der Inquisition trug, das
mit einem schwarzen Schleier bedeckt war. Bewaffnete schlossen den Zug,
der sich auf die Plaza-Mayor begab. Hier angekommen, wurde das
Inquisitionskreuz auf einen in dessen Mitte errichteten Altar gestellt,
und man zündete grüngestrichene Kerzen um dasselbe herum an; Bewaffnete,
einige Mönche und Familiares blieben zu dessen Bewachung zurück. Um
Mitternacht begann man Messen für die Bekehrung der Seelen derjenigen zu
lesen, die verbrannt werden sollten, was bis zu Sonnenaufgang dauerte.
Mit Tagesanbruch versammelte sich eine unzählige Menge Volks auf diesem
Platz, weit über dreißigtausend Menschen. Hieran erschienen in gehöriger
Rangordnung die Granden Spaniens, die hohe Geistlichkeit, Bischöfe und
Kardinäle, die höchsten Zivil- und Militärbehörden sowie die Gesandten
der verschiedenen Mächte und nahmen Platz auf den für sie bestimmten
Sitzen. Gegen acht Uhr brachte man aus dem Inquisitionsgebäude das
gleichfalls in schwarzen Trauerflor gehüllte Kreuz des Kirchsprengels,
dem alle Kaplane in Chorhemden folgten, dann kamen wieder Familiares und
Bewaffnete und endlich die unglücklichen Verurteilten in folgender
Ordnung: zuerst die Bereuenden oder Büßenden mit entblößten Häuptern,
eine geweihte Kerze in der Hand, unter ihnen war eine Franziskanernonne,
die zum Auspeitschen an dem folgenden Tage zur Ehre Christi verurteilt
war; dann folgten die Versöhnten mit dem San Benito (das Sterbekleid der
Glaubensgerichte) bekleidet, das aus einem gelben Sack mit einem darauf
gehefteten Andreaskreuz besteht; auf dem Kopf trugen sie Mützen von
Pappe, die mit bunten Kreuzen bemalt waren und Corosa genannt werden.
Unter diesen befanden sich Isabella und Catharina von Kastilien, beide
zu ewigem Gefängnis, der Konfiskation ihrer Güter und dem Tragen des San
Benito verurteilt. Hinter ihnen trug man ein Reliquienkästchen mit
Knochen und zwei Figuren, die ebenfalls mit dem San Benito und der
Corosa bekleidet waren, auf der jedoch statt der Kreuze Teufel,
Schlangen, Blindschleichen, Kröten, Unken und so weiter, in Flammen
zischend, abgemalt waren. Jetzt kamen dreizehn sogenannte rückfällige
Ketzer, die sämtlich zum Feuertod verurteilt waren. Auch sie trugen das
San Benito und die Corosa, mit Teufeln, Flammen und so weiter bemalt.
Drei von ihnen waren Geistliche und noch mit dem geistlichen Leibrock
bekleidet. Zuletzt kam endlich Don Carlos von Sesa, dem man sogar den
Mund verknebelt hatte, um ihn am Sprechen zu hindern, weil er nicht
aufhörte, die christliche Religion zu lästern und als ein Werk des
Teufels und der Verrücktheit zu bezeichnen. -- Hatte er etwa unrecht,
wenn er die Religion, wie sie von diesen Pfaffen zugeschnitzt wurde,
damit meinte? -- Auf der Mitte des Platzes angekommen, wurden sämtliche
armen Sünder um die Stufen des Altars postiert, wo man ihnen nochmals
ihre Verbrechen vorhielt, welche meistens darin bestanden, daß sie sich
den neuen Lehren und dem abscheulichen Luthertum geneigt gezeigt oder
dasselbe wohl gar gerühmt und empfohlen hatten, weshalb man es für hohe
Zeit hielt, ein recht abschreckendes Beispiel zu geben, um die weitere
Verbreitung dieses Ketzertums zu verhindern.[6] Die Mitglieder und
Richter der Inquisition nahmen ihre Plätze auf erhöhten Sitzen, über
allen aber thronte der Großinquisitor hoch erhaben. Nun erschien Philipp
II., von seinem ganzen Hof gefolgt. Sobald derselbe Platz genommen
hatte, hielt der Bischof von Cuenca eine erbauliche Predigt über die
Unfehlbarkeit, Reinheit und Göttlichkeit der katholischen Religion, eine
wahre Satyre auf Gott selbst; dieser folgte eine zweite Predigt, welche
der Großinquisitor, Erzbischof von Sevilla, ganz im Sinne seines
Vorgängers herbrüllte, nur daß die Satire unwillkürlich noch beißender
war. Hierauf mußte der König in dessen Hand einen schweren Eid ablegen,
daß er die Inquisition beschützen und ihr alles entdecken wolle, was zu
seiner Kenntnis komme und gegen diese und den Glauben sei, es möge auch
herkommen von wem immer, ohne irgendeine Rücksicht auf Verwandtschaft
oder Stand zu nehmen. Nachdem Philipp II. diesen Eid abgelegt, mußte er
ihn noch durch seine Unterschrift bekräftigen, und er wurde nochmals vor
der ganzen Versammlung laut abgelesen. Hierauf wurden die drei
rückfälligen Priester durch zwei Bischöfe, den von Zamora und den von
Palencia, förmlich degradiert und ihnen die geistliche Kleidung vom
Körper herabgerissen. Einer war ein Pfarrer in Pedrosa, der zweite ein
Priester aus Villa-Onediana und der dritte ein Dominikanermönch gewesen.
Sie hatten eigentlich nur gegen den Verkauf des Ablasses für schnödes
Geld, also gegen einen der schändlichsten Mißbräuche der katholischen
Religion, als einen der Kirche unwürdigen Schacher gesprochen. Auch sie
wurden nun mit dem San Benito und der Corosa bekleidet, ihnen das Urteil
nochmals verkündet und hierauf alle zum Tode Verurteilten vor die Stadt
auf einen freien Platz geführt, wo man einen ungeheuren Scheiterhaufen
auf einem vier Schuh hohen Fußgestell errichtet hatte; eine Prozession
mit einem weißen Kreuz und das Volk folgte ihnen. Ein Henker und ein
Beichtvater führten sie zum Scheiterhaufen, wo sie nochmals ermahnt
wurden, zu bereuen; in diesem Fall versprach man ihnen, bevor sie dem
Feuer übergeben würden, sie durch den Henker erwürgen zu lassen. Elf von
ihnen, durch dieses Versprechen verführt, willigten ein, zu beichten,
aber Johann Sanchese und Don Carlos von Selo ließen sich lieber lebendig
verbrennen, als daß sie bereuten.
[Fußnote 6: Das Luthertum stand noch zur Zeit, als wir uns in Spanien
befanden, in einem so furchtbaren Geruch, daß, als ich einmal im
Gespräch mit einer hübschen Frau, der ich den Hof zu machen begann,
sagte, ich sei ein Lutheraner, diese mir halb lachend erwiderte: ich
möge doch keinen so gottlosen Scherz machen, und als ich das Gesagte
ernstlich behauptete, versetzte: »O gehen Sie doch, Sie haben ja weder
Hörner noch Klauen noch einen Schwanz!« -- So stellte man sich zu jener
Zeit noch einen Lutheraner in Spanien vor, dank den Pfaffen, welche sie
als so begabt schilderten.]
In meiner Wohnung zu Valladolid befand sich die junge Frau eines
spanischen Stabsoffiziers, der bei der Leibgarde zu Madrid stand und
dessen Gattin hier bei Verwandten ihres Mannes zu Besuch war. Die Senora
war eine geborene Andalusierin, und zwar aus Sevilla, von guter Familie.
Ihre schwarzen Feueraugen harmonierten mit dem etwas bräunlichen Teint
und den glutroten Wangen trefflich; dabei trug sie das andalusische
Nationalkostüm, das reizendste, das man sich denken kann, besonders für
eine Spanierin. Die ersten Tage nach meiner Ankunft hatte ich nur
Gelegenheit gehabt, sie ein paarmal zu sehen und im Vorübergehen mit
einem Sennorita zu begrüßen; ich kannte kaum erst die gebräuchlichsten
spanischen Begrüßungsformeln und Phrasen, aber glücklicherweise sprach
die Senora etwas italienisch, und dies war vollkommen hinreichend, uns
zu verständigen, was auch schnell der Fall war, denn in
Liebesangelegenheiten rückt man in Spanien rasch voran, noch weit
schneller als in Italien, nur muß man die Gelegenheit haben, mit diesen
Senoras in Berührung zu kommen, was uns später, als das ganze Land gegen
uns aufgestanden war und wir den Spanierinnen von den Pfaffen, ihren
Beichtvätern, Vätern, Ehemännern und Brüdern als wahre Ungeheuer
geschildert wurden, deren Berührung allein die ewige Verdammnis nach
sich ziehe, sehr schwer, ja fast unmöglich wurde. -- Ich war mit meiner
schönen Isabella Andeya, ohne daß es mir viel Mühe und Beteuerungen
gekostet hätte, bald so weit, daß ich sie ganz mein nennen durfte und
die wenigen Tage, die wir noch in Valladolid zubrachten, keine Nacht
mehr allein schlief, da mir die Mitternachtsstunde jedesmal einen holden
feurigen Geist zuführte, der nicht einmal verfehlte, um diese Zeit in
meinem Gemach zu spuken und dann das Bett mit mir zu teilen.
Ungefähr vierzehn Tage mochten wir in Valladolid und der Umgegend
liegen, als der größte Teil der Truppen und mit ihnen unsere Legion
Order zum Aufbruch erhielten. Mürat war bereits von Burgos abgegangen
und hatte seine Richtung mit einem Teil der napoleonischen Garden und
dem vom Marschall Moncey befehligten Korps nebst einer zahlreichen
Artillerie gegen den Somasierra, der einen Teil des Gebirges Guadarrama
ausmacht, genommen; die zweite Infanteriedivision nahm ihren Weg nach
Segovia, während General Düpont mit der Reiterei und der ersten
Division, zu der unsere Legion gehörte, die Direktion gen Guadarrama
nahm. Die dritte Division blieb vorerst noch in Valladolid und der
Umgegend zurück. Wir waren alle der Meinung, und man hatte sie
absichtlich verbreitet, daß wir direkt nach Gibraltar marschieren
würden, um diese Stadt zu belagern und womöglich den Engländern
abzunehmen; diese Meinung teilten auch die Einwohner aller Orte, wo wir
durchkamen, und während sich die verschiedenen Armeekorps Madrid von
allen Seiten näherten, war das Gerücht von einer bevorstehenden
Belagerung Gibraltars so allgemein verbreitet, daß der Herzog von Kent,
Statthalter dieser Festung, seinen Vater bat, er möge ihm gestatten,
sich schnell, bevor noch die Belagerung beginne, auf seinen Posten zu
begeben. Alle Verbindung dieser Stadt mit Spanien war in der Tat schon
abgebrochen, und man hatte sogar in Cadix eine große Anzahl Zelte für
die französischen Truppen, die bei dieser Belagerung verwendet werden
sollten, zu verfertigen geboten, so weit trieb man die Intrige, um die
spanische Nation über die wahren Absichten Napoleons zu täuschen. Auch
meine Isabella hatte zwei Tage vor unserem Abmarsch ein Schreiben von
ihrem Mann erhalten, worin ihr dieser meldete, daß die königlich
spanischen Garden, bei denen er stand, vor Gibraltar marschieren würden.
-- Die letzte Nacht vor unserem Ausmarsch erschien mir mein
andalusischer Geist vom Kopf bis zu den Füßen in einen schwarzen
Schleier gehüllt -- in den vorhergehenden Nächten kam er jedesmal weiß
verschleiert -- und war in der Tat eine majestätische, verführerische
spanische Schönheit. Mit einem langen Feuerkuß und einem _a rivedersi_
nahm ich mit dem Grauen des Tages, als die Tambours schon wirbelten,
Abschied von ihr und schwang mich auf mein Pferd.
Die Vorfälle, die unterdessen zu Madrid und Aranjuez stattgefunden,
wurden jetzt allgemein bekannt; namentlich machte die Entsagung Karl IV.
zugunsten des Prinzen von Asturien, der noch kurz vorher auf Anstiften
Godoïs verhaftet und in Escurial wohlbewacht in den düsteren Gemächern,
in denen auch der unglückliche Don Carlos vor seinem Tod geschmachtet
hatte, gefangen gehalten wurde, weil er ohne Wissen seiner Eltern eine
Gemahlin von Napoleon begehrt hatte, wodurch aber der Friedensfürst samt
seinem königlichen Beschützer in große Gefahr geraten und ersterer
beinahe ein Opfer der Volkswut geworden wäre, außerordentliches
Aufsehen. Unser Marsch gegen Madrid wurde deshalb beschleunigt und war
nun kein Geheimnis mehr; da sich aber die Franzosen unter der Zeit der
Zitadelle von Pampeluna und Barcelona teils mit List, teils mit Gewalt
bemächtigt hatten, so erfüllte diese Art Gaunerei die Spanier jetzt mit
gerechtem Unwillen und Argwohn und steigerte das Mißtrauen gegen
Napoleon auf das höchste. -- Von Valladolid aus marschierten wir auch
schon mit all der Vorsicht und den Maßregeln, die man in Feindesland für
nötig erachtet. Wir führten Lebensmittel auf Wochen lang mit uns,
biwakierten des Nachts, Vorposten und Vedetten ausstellend, und sandten
auf dem Marsch beständig starke Seitenpatrouillen ab, wo es das Terrain
nötig machte und gestattete. Dabei hatten die kommandierenden Generale
geheime Instruktionen erhalten, die ihnen geboten, die spanischen
Kuriere zu verhindern, ihre Wege fortzusetzen, wobei man oft zu den
nichtigsten und einfältigsten Vorwänden seine Zuflucht nahm, und jede
weitere Bewegung der spanischen Truppen, der sie begegnen würden, zu
hindern.
Mürat befand sich noch zu Buytrago, als er Bericht über das, was sich in
Aranjuez zugetragen hatte, erhielt, und beeilte sich, nun nach Madrid zu
kommen. Wir marschierten fast unaufhaltsam von Valladolid über Olmedo,
das auf einer Anhöhe in einer unermeßlichen Ebene liegt und bei kaum
zweitausend Einwohnern sieben Kirchen und eine gleiche Zahl Klöster hat,
kamen dann durch verschiedene unbedeutende Orte, durch steinige, oft
ganz brachliegende Gegenden und Fichtenwälder, selten sah man ein
Gersten- oder Kornfeld. Nur als wir den Fluß Almarza erreichten, dessen
Ufer mit Bäumen, meist Ulmen und Pappeln, bewachsen waren, sahen wir
wieder mehr Getreide- und Ackerfeld. Wir passierten den Strom auf einer
schönen steinernen Brücke und gelangten dann in eine ziemlich große
Hochebene, in der wir einige freundliche Dörfer trafen, dann aber wurde
die Gegend, je mehr wir uns dem Gebirge Guadarrama näherten, welches
Alt- von Neukastilien scheidet, wieder außerordentlich öde und
verlassen. Ein sehr steiler und oft gefährlicher Weg führte uns zu dem
Dorf Espinar, das auf einem Gipfel dieses Gebirges liegt. Von dieser
Höhe aus kann man auf eine große Strecke weit die beiden Kastilien
übersehen und hat eine herrliche Aussicht, die sich in das Unendliche zu
verlieren scheint. Wir biwakierten hier in der Umgegend von Espinar,
Villacassin, einem Städtchen, und Venta Guadarrama, wo man Ferdinand VI.
wegen der Straße, die er über dieses Gebirge machen ließ, das früher gar
nicht zu passieren war, ein Monument, einen marmornen Löwen auf einer
Säule darstellend, mit der Jahreszahl 1749, errichtet hat, und einigen
anderen Dörfern. Nach einem mehr als vierzigstündigen Biwak erhielten
wir Order, nach Segovia aufzubrechen. Der Marsch dahin führte uns über
San Ildefonso und La Granja, einem schönen königlichen Lustschloß mit
einer Villa, dem Lieblingsaufenthalt Philipp V., der auch dieses Schloß
erbaut hat und in dessen Kapelle begraben liegt; es hat einen prächtigen
Park mit vielen Wasserkünsten.
Von hier hatten wir nur noch zwei Stunden bis Segovia; der Weg führte
über eine Brücke des Flüßchens Valsin an mehreren Dörfern und Gebäuden
vorüber; letztere waren ausschließlich zur Schafschur bestimmt. Endlich
kamen wir durch zwei tiefliegende Täler, worauf wir bald Segovia
erreichten, in dessen Nähe wir abermals ein Biwak schlagen mußten und
dann inspiziert wurden, besonders, um zu sehen, ob wir auch hinlänglich
mit Munition versehen seien; es sollte jeder Mann mindestens fünfzig
scharfe Patronen besitzen. Fünf Tage lang währte dieses Biwak, während
welchem ich Zeit hatte, die Stadt mehrmals zu besuchen. Das
Merkwürdigste in Segovia ist seine zweitausend Jahre alte Wasserleitung,
die also schon seit über zweihundert Jahre vor Christi Geburt die Stadt
unaufhörlich mit Wasser versieht und hoch über einem Teil der Häuser
hinläuft. Vier Stunden von Segovia, an der Quelle Rio Frio in dem
Gebirge Fonfria, beginnt dieser merkwürdige Bau, welcher die Stadt so
reichlich mit diesem unentbehrlichen Element versorgt, daß es von dem
Platz vor der Sebastianskirche durch unterirdische Kanäle weitergeleitet
werden muß. Über neunhundert Bogen zählt dieser ehrwürdige Aquadukt und
ist an manchen Stellen über zweihundert Fuß hoch, dann aber sind die
Bogen doppelt, das heißt, zwei stehen übereinander. Unbekümmert, wer
dessen Herren waren, ob Heiden, Mauren, Osmanen, Araber oder orthodoxe
Katholiken, spendete dieses Kunstwerk mit gleicher Freigebigkeit seinen
Überfluß allen. Die Mönche des Klosters del Paral mußten unter der
Regierung Isabellas über dreißig Bogen, die zu verfallen begannen, neu
aufführen lassen. Der ganze Bau ist von grauem Granit, ohne Speis noch
Mörtel, aber die Steine sind mit großem Kunstaufwand ineinander gepaßt
und ebenso die Fundamente. Was mögen die Knochen derjenigen, die sie
legten, jetzt sein? -- Früher war dieser ganze Bau mit Bildsäulen
geschmückt, und noch sieht man die Stellen, wo sie gestanden.
Verschiedene spanische Geschichtschreiber behaupten, daß dieses
Riesenwerk ein gleiches Alter mit den Pyramiden Ägyptens und mit dem
Serapistempel habe, aber aller Wahrscheinlichkeit nach stammt es aus den
Zeiten der Römer.
Ehedem waren der Handel Segovias sowie seine Wollenmanufakturen und
Tuchfabriken von großer Bedeutung, die zur Zeit ihrer Blüte mehr als
fünfzigtausend Zentner Wolle jährlich verarbeiteten und über
vierzigtausend Arbeiter beschäftigten. Im Jahre 1570 gab diese Stadt der
Königin Anna von Österreich ein so prächtiges Fest, daß ganz Europa
davon widerhallte und das einen ungeheuren, in die Millionen laufenden
Kostenaufwand verursachte, ein Beweis, wie Künste und Handel hier
floriert haben müssen. Die Einwohner formierten dabei die prächtigsten
Quadrillen nach ihren Gewerben, unter denen sich vorzüglich die
Juweliere und Goldarbeiter, die Tuchmacher, die Gold- und Silbersticker,
die Bildhauer, die Bordenmacher und so weiter durch den Reichtum und die
Pracht ihrer Kostüme auszeichneten. Mit dem Beginn des siebzehnten
Jahrhunderts kam die Stadt, ihr Handel und ihre Fabriken aus
verschiedenen Ursachen, unter denen auch religiöse Dummheit und
Intoleranz, in Verfall und nahmen so schnell ab, daß sie über dreißig
Jahre lang fast jedes Jahr für ein paar Millionen Dukaten weniger Tuch
fabrizierte und absetzte; zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts waren
kaum noch zweihundert Webstühle im Gang.
Den sechsten Tag brach unsere Legion auf, um ein Biwak in der Gegend von
Los Molinos zu beziehen. Hier, so nahe bei Escurial, konnte ich
unmöglich der Versuchung widerstehen, dieses weltberühmte Monument von
Philipp II. Furcht und Hochmut zu besuchen. Es liegt in einer wilden,
unangebauten, felsigen Gegend, auf dem Rücken einer Gebirgskette der
Guadarrama. Der finstere König hatte es infolge eines Gelübdes, das er
am Tage der Schlacht bei St. Quentin, in welcher 1557 die Franzosen von
den Spaniern besiegt wurden, getan, erbauen lassen. Es imponiert durch
seine Größe und heißt eigentlich San Lorenzo (Escurial ist der Name des
dabeiliegenden Dörfchens), weil es Philipp diesem Heiligen, an dessen
Fest gerade die Schlacht geliefert wurde, weihte, auch ist es in der
Form eines großen Rostes angelegt, da bekanntlich dieser Heilige seinen
Tod auf einem solchen fand. An Türen und Fenstern fehlt es nicht, es hat
deren viele Tausende, auch über zwanzig zum Teil sehr geräumige Höfe.
Ich war mit mehreren Kameraden vom Bataillon hierher geritten, dieses
achte Wunderwerk der Welt, wie es die Spanier zu nennen belieben, zu
sehen; unsere Pferde hatten wir in dem Dorf Escurial gelassen und gingen
dann, nachdem wir eine gute Olla Potrida bei der Rückkehr für uns in
Bereitschaft zu halten befohlen, zu Fuß nach diesem Hieronymiterkloster,
denn dies ist es eigentlich, in welchem ein paar hundert Mönche ganz
bequem wohnen können und auch gemästet werden; außerdem ist aber noch
Raum genug, um den König von Spanien samt seinem ganzen Hof in den
hierzu bestimmten Prunkgemächern aufzunehmen, der auch früher gewöhnlich
einen Teil des Herbstes dort zubrachte.
Nachdem wir alle die Herrlichkeiten gehörig bewundert und ziemlich
oberflächlich gesehen hatten, denn die Zeit war uns karg zugemessen,
kehrten wir nach Escurial zurück, wohin auch aus dem Kloster ein
unterirdischer Gang, la mina genannt, führt. Hier nahmen wir unsere
bestellte Olla Potrida, die uns trefflich schmeckte, denn wir hatten aus
Palast, Kirche und Kloster einen tüchtigen Hunger mitgebracht. Dieses
Gericht wird aus Hammelfleisch, Öl, spanischem Pfeffer, Tomaten,
Knoblauch, Garbanzos (eine besondere Gattung Erbsen), kleinen Zwiebeln
und so weiter zubereitet und ist so übel nicht, wiegt auf jeden Fall die
italienische Polenta und Makkaroni sowie das deutsche Sauerkraut auf.
Ich aß es besonders gern, wenn es reichlich mit Zitronensaft gesäuert
war, den ich selbst hinzutat.
Nach eingenommenem Mahl, wobei mehrere den Wunsch äußerten, es möge doch
dem Himmel gefallen, uns die reichen, in San Lorenzo tot liegenden
Schätze in die Hände zu liefern, traten wir den Rückweg zu unserem Biwak
an, wo wir bereits eine Order zum Aufbruch für den kommenden Tag
vorfanden. Mit der anbrechenden Dämmerung machten wir uns marschfertig
und kamen noch an diesem Tag bis in die Gegend von El Pardo, einem alten
königlichen Jagdschloß, das ungefähr noch dritthalb Stunden von Madrid
entfernt liegt und bei dem sich ein großer Wald befindet; es ist ein
viereckiges, von vier Türmen flankiertes Gebäude. Hier schlugen wir
abermals ein Biwak auf, indessen erwartete man jeden Augenblick den
Befehl, nach Madrid aufzubrechen, wohin wir uns alle wie nach einem
Eldorado sehnten; viele aber glaubten noch immer, daß wir diese Stadt
gar nicht berühren, sondern um dieselbe herum nach Gibraltar marschieren
würden, andere aber, und zu denen gehörte ich, waren nicht der Meinung,
denn unser jetzt so langsames Vorrücken und die Stellungen, die wir
einnahmen, schienen auf etwas ganz anderes als einen Marsch nach
Gibraltar zu deuten; daß wir recht hatten, zeigte sich bald.
Den 23. März in aller Frühe wurden wir noch einmal inspiziert und
setzten uns dann sofort auf dem Wege, der gerade nach Madrid führt, in
Marsch. Vor den Toren dieser Hauptstadt trafen wir einen Teil von
Napoleons Garden, die noch ihre Toilette machten. Unsere Division folgte
diesem Beispiel, ebenso die reitende Artillerie und zwei
Kürassierregimenter, die auch eingetroffen waren. Bald darauf erschien
der Großherzog von Berg, Mürat, in einer prächtigen Generalsuniform und
von einem zahlreichen glänzenden Generalstab umgeben, musterte noch
einmal die Truppen, und unter dem Zusammenlauf unzähligen Volks, das uns
mit neugierigen Blicken, aber lautlos anstarrte, marschierten wir in der
schönsten Ordnung mit klingendem Spiel in Madrid ein, das trotz seiner
vielen Kuppeln und Glockentürme doch kein sehr imponierendes Ansehen
hat. Nur wenn man durch das Tor Alcala kommt, das einem Triumphbogen
ähnlich sieht, zur Linken prächtige Gärten, zur Rechten eine lange, fast
gleichgebaute Häuserreihe, dann den Prado erblickt und sich bald darauf
das Auge in der endlosen Straße Alcala verliert, erhält man eine
günstigere Meinung von der Stadt, zu der jedoch die meisten Zugänge die
Residenz eines großen Monarchen ahnen lassen.