Reise von Neapel nach Genua und von da zur See nach Marseille. --
Marsch von Marseille nach Perpignan. -- Perpignan. -- Eine
spekulative Spröde. -- Toulouse. -- Formierung des zweiten
Observationskorps an den Pyrenäen. -- Ich werde zum dritten
Reservekorps versetzt. -- Bayonne. -- Bordeaux. -- Bazas. --
Hasparren. -- Napoleons Intrigen gegen Spanien. -- Abmarsch nach
diesem Land. -- St. Jean de Lüz.
Ich war mit den mit mir versetzten Offizieren übereingekommen, daß wir
diesmal mit ein paar Vetturini die Reise so weit es tunlich, zurücklegen
wollten. Mein Pferd, eines hatte ich verloren, ließ ich durch meinen
Burschen nachbringen. Wir fuhren ein paar Stunden vor Sonnenaufgang zu
dem nach Aversa führenden Tor hinaus, und kamen schon am Abend des
folgenden Tages in Rom an. Hier weilten wir vierundzwanzig Stunden, und
ich suchte außer der Prinzessin Cesarini, die über mein unverhofftes
Kommen erfreut und erstaunt war, und mit einem triumphierenden Blick mir
den zur Welt gebrachten Knaben zeigte, aber trostlos schien, als ich ihr
meine so nahe bevorstehende Abreise verkündete, niemand auf. Ich schied
von ihr, die Hoffnung aussprechend, daß wir uns in ganz kurzer Zeit und
dann gewiß auf länger wiedersehen würden. Sie erzählte mir viel von den
Unannehmlichkeiten, denen sie fortwährend hauptsächlich durch die
Verwandten ihres Mannes ausgesetzt sei, die ihr das Leben schrecklich
verbitterten.
Wir setzten unseren Weg über Florenz, wo wir einen Tag blieben, fort,
und fuhren dann rastlos über Pistoja, Lucca, Massa, Spezia, Chiavari und
so weiter, später Extrapost nehmend, bis Genua, wo wir in der zweiten
Hälfte des Dezembers eintrafen, und wo uns Herr von Brüge bei den neu
errichteten Kompagnien einteilte. Nach und nach wurden zu jener Zeit die
Regimenter bis auf sechs Bataillone, ohne das Depot, gebracht und
erhielten dann noch einen _Colonel en second_. Mir wurde die
Karabinier-Kompagnie des neuen Bataillons zuteil. Zugleich wurde uns
angekündigt, daß sich dasselbe spätestens in drei Tagen einschiffen
müsse, um mit dem ersten günstigen Wind nach Marseille abzufahren, wo
wir vermutlich weitere Order erhalten würden. Die wenigen Tage unseres
Aufenthaltes in Genua brachte ich meistens in den Kasernen und bei
Brüges zu, ohne meine früheren Bekanntschaften aufsuchen zu wollen.
Namentlich vermied ich es sorgfältig, mit der tollen Giulietta
zusammenzutreffen. Erst den Tag vor unserem Einschiffen machte ich
meinem alten Gitarrenlehrer einen Besuch, und erfuhr von diesem daß die
Marchesa P... noch immer kränkle, die Spinola melancholisch sei und die
Palatini sich oft nach mir erkundige. Letztere wünschte ich noch zu
sehen, und die alte Guercino veranstaltete, daß ich am Abend vor unserer
Einschiffung noch eine Zusammenkunft mit ihr hatte, die wegen der
schnellen Trennung, mein Dasein war fast nur eine Erscheinung, recht
zärtlich-traurig ausfiel. Guercinos schenkte ich eine Quadrupel. Das
Geld, das ich der Kompagnie in Kalabrien vorgeschossen, hatte ich mir
einstweilen in Neapel von Moritz geben lassen, und diesen deshalb auf
die Regimentskasse angewiesen, sobald bezahlt würde, was auch einige
Wochen nach unserer Abreise geschah. Erst den fünften Tag verließen wir
mit günstigem Wind den Hafen von Genua, in mehreren Felukken und anderen
Küstenfahrern eingeschifft. Es war zehn Uhr morgens, als wir die Anker
lichteten. Der uns gut zu statten kommende Nordost blies tüchtig in die
Segel, war aber auch Schuld, daß die kleine Flottille bald getrennt war.
Einige Fahrzeuge derselben entfernten sich von der Küste und steuerten
gegen Süden. Die Unglücklichen! Sie wurden noch denselben Tag von einer
englischen Fregatte genommen, ohne den geringsten Widerstand leisten zu
können. Die Felukke, auf der ich mich befand, hielt mit noch einigen
anderen, die bei uns geblieben waren, in Albenga, Monaco und auf meine
Veranlassung an der Insel Porquerolles an, um uns dort zu restaurieren.
Den dritten Tag nach unserer Abfahrt von Genua liefen wir glücklich in
den Hafen von Marseille ein, wo wir ein paar Tage in der Quarantäne
zubringen mußten. Noch fehlte das Schiff, auf welchem sich unser
Bataillonschef, Herr von St. Agneau, befand, und wir glaubten es auch
von den Engländern gekapert, aber vierundzwanzig Stunden später traf es
ein. Aus der Quarantäne entlassen, marschierten wir sogleich, ohne uns
in Marseille aufzuhalten, nach Aix ab. Unsere Bestimmung lautete vorerst
nach Perpignan. Wir kamen nun über Lambeß, Orgon, Saint Remis, Tarascon,
Lünelle, lauter mir schon bekannte Orte, nach Montpellier, wo wir einen
Rasttag hatten. Hier besuchte ich die Herren Michel und Gayral und fand
Madame Gayral ziemlich verändert, ebenso die Verteuil, die noch bei dem
Theater daselbst war. Von hier kamen wir über Gignac, Mèze, einem
Städtchen von viertausend Einwohnern, nach Pezenas, das ein Schloß mit
einer sehr schönen Aussicht hat und schon zur Zeit der Römer wegen
seiner feinen Wolle berühmt war. In Beziers, wohin wir den folgenden Tag
marschierten, hatten wir wieder Rasttag. Diese alte Stadt hatte noch
Mauern und antike Türme und liegt an der Orbe und dem Kanal Du Midi.
Auch ihre Lage ist entzückend und die Einwohner sind davon so
eingenommen, daß sie ein Sprichwort haben, welches sagt: »Wollte Gott
die Erde bewohnen, so würde er keinen anderen Ort als Beziers zum
Aufenthalt wählen.« Dagegen ist die Stadt selbst um so weniger einladend
und hat meist enge, finstere, krumme und schmutzige Straßen. In einer
engen Gasse liegt der gotische Palast der Montmorency. Ein Narr aus
dieser Familie hatte hier jenes Gemälde, die Sündflut darstellend,
verfertigen lassen, unter welchem man die Worte las: »_Ah mon Dieu,
sauvez la maison des Montmorency!_« Indessen gab es solche
Stammbaumsnarren in allen Ländern, wo Ahnen spukten, und auf die gar oft
ein stämmiger Kutscher oder tüchtiger Jäger ein Reis pfropfen mußte,
sollte er nicht völlig eindorren. Als wir in Perpignan, unserem
geglaubten Bestimmungsort, ankamen, nahm ich wieder mein altes
Hilfsmittel, einen gewandten Haarkünstler und Bartkratzer zur Hand,
hauptsächlich, um mir ein angenehmes Quartier ausfindig zu machen, da
die Einquartierungsbillette nur auf drei Tage lauteten. Mit seiner Hilfe
fand ich auch schon den zweiten Tag ein solches bei der artigen Frau
eines _Officier payeur_ namens Delongé, der bei der Armee in Deutschland
stand und seine trauernde Gattin nur selten mit Nachrichten von sich
erfreute. Ich mietete sogleich auf einen ganzen Monat für achtzehn
Franken, ohne zu handeln, ein paar Zimmer. Die junge Dame war aus
Bordeaux gebürtig, wo ihr Vater, früher ein reicher Kaufmann, falliert
hatte, und der nun eine untergeordnete Stelle in Perpignan bekleidete.
Die französischen Sitten und selbst die Sprache, das languedoquer
Patois, die von den italienischen so sehr abwichen, kamen mir jetzt fast
sonderbar vor. Der zweijährige Aufenthalt in Italien hatte mich
denselben ganz entfremdet. Der Abstand ist so groß, als läge das
Weltmeer zwischen beiden Ländern. Doch fand ich mich schnell wieder in
das französische Wesen.
Meine artige Hauswirtin bat ich, mir den Mittagstisch bei ihr, versteht
sich gegen gehörige Vergütung, zu geben, wozu sie sich aber nicht
verstehen wollte und überhaupt gegen die Gewohnheit der militärischen
und auch anderer Strohwitwen sehr spröde tat, kaum daß sie mir die Hand
zum Kuß erlaubte, und wenn ich ihr dieselbe drücken wollte, gleich mit
einem: »_Fi donc, vous me faites mal_« bei der Hand war. Drei Tage
wohnte ich schon bei ihr, hatte es aber noch nicht weiter als bis zum
Handkuß beim Willkomm und beim Abschied bringen können. Den vierten
wurde plötzlich bei der Parade der Befehl bekannt gemacht, daß wir in
zweimal vierundzwanzig Stunden nach Bayonne abmarschieren würden. Ich
teilte diese Nachricht sogleich der Madame Delongé bei meiner
Nachhausekunft mit, worüber sie ganz erstaunt zusammenfuhr und zu
erschrecken schien und endlich mit einem »_Vous plaisantez_« herausfuhr.
»_Point du tout, c'est très serieux_,« erwiderte ich, und mich stellend,
als setze ich dies Erschrecken auf Rechnung der Miete, fügte ich hinzu:
»Aber seien Sie ganz ruhig, die Miete werde ich doch für den ganzen
Monat berichtigen.« Errötend ließ sie nochmals ein: »_Fi donc_, halten
Sie mich für so interessiert?« fallen. -- »Also ist es wirklich an dem,
daß Ihr Bataillon schon übermorgen Perpignan verläßt?« -- »Leider nur zu
wahr,« seufzte ich, ihr die Hand wieder küssend und drückend, und
diesmal erfolgte kein >_Fi donc_<, sondern man ließ das niedliche
Pätschchen in der meinigen ruhen. Ich zog es nun näher an mich, drückte
es, ohne Widerstand zu finden, an mein Herz und bald darauf einen Kuß
auf die sich rötenden Wangen der Dame. -- »Sehen Sie,« sagte ich ihr
jetzt, »was wir für eine kostbare Zeit vertändelt haben; daran ist
allein Ihre unzeitige Sprödigkeit schuld.« -- »Ja, wer hätte auch denken
können, daß ...« Hier blieb sie, sich besinnend, plötzlich stecken. --
»Fahren Sie doch fort, meine Schöne: daß wir uns so schnell trennen
müssen? Ist es nicht das, was Sie sagen wollten?« -- »Das nicht, aber
--« »Aber es ist doch so,« ergänzte ich nochmals, zog die immer röter
werdende Madame Delongé an mich, und bald lag sie umschlungen in meinen
Armen, Brust an Brust. -- »Sehen Sie, so geht es, wenn man die Grausame
zur Unzeit spielen will.« Es kam nun zu einem allerliebsten
Schäferstündchen, nach dem mir die Dame offen gestand, daß, da die
Herren vom Militär in der Regel so sehr _volage_ seien, sie geglaubt
habe, mich besser zu fesseln, wenn sie mich lüsterner nach der
verbotenen Frucht mache; »denn,« setzte sie hinzu, »gar bald wird man
vernachlässigt, wenn man sich so schnell ergibt.« -- »So, also haben Sie
schon die Erfahrung gemacht,« versetzte ich lachend. -- »Das eben nicht,
aber so habe ich immer gehört.« -- »Ah, das ist etwas anderes; aber
lassen Sie uns die kurze Zeit, die uns noch übrig bleibt, wohl nutzen.«
Dies taten wir denn auch, und so wohl, daß ich die zwei Nächte, die wir
noch in Perpignan blieben, fast kein Auge zu schließen vermochte. Auch
hatte ich nun die Ehre, ihr Tischgenosse mittags und abends zu sein,
wofür ich Antoinetten, so durfte ich sie jetzt nur noch nennen, ein
schönes goldenes Armband mit drei Pensées und dem eingegrabenen Datum,
aber ohne Namenszug, vor der Abreise zum ewigen Andenken verehrte. Auch
das sie bedienende Mädchen, das in einem Kämmerchen neben der Herrin
schlief und nur durch eine dünne Bretterwand von derselben geschieden
war, bedachte ich großmütig, damit sie reinen Mund halte und die Blinde,
Taube und Stumme spielen möchte, wenn sie mich allenfalls in den bloßen
Strümpfen in das gastfreundliche Seitengemach schlüpfen sah oder hörte;
doch glaube ich nicht mit Unrecht, daß sie die sehr Vertraute ihrer Dame
war. Eben schlummerte ich ein wenig, als am Morgen nach der zweiten
Nacht die Tambours das unerbittliche Rappellieren hören ließen. Ich nahm
noch einmal Abschied, warf mich in die Uniform, schnallte den Degen um
und riß mich nach einem letzten Kuß aus Liebchens heißen Armen. Eine
Stunde darauf befand ich mich mit dem Bataillon auf dem Marsch nach
Salces, von wo es über Narbonne nach Carcasonne, der Hauptstadt des
Departements Aude, die am Fluß dieses Namens und an dem Kanal Du Midi
liegt, ging.
Von hier führte uns der Weg über Villepinte nach Villefranche, einem
kleinen Städtchen im Departement Haute-Garonne, und von da nach
Toulouse, wo mir ein Sejour gestattete, diese alte berühmte Stadt
wenigstens oberflächlich kennen zu lernen.
Toulouse liegt an der Garonne, die sie in zwei Teile teilt, von denen
der kleinere St. Cyprien heißt; beide sind durch eine sehr schöne Brücke
verbunden, zu der ein Triumphbogen führt, der im siebzehnten Jahrhundert
erbaut wurde. Wälle und alte Mauern befestigen die Stadt, die breite,
gutgepflasterte Straßen, zum Teil schöne Häuser, einige große Plätze und
sehr schöne Promenaden hat, wozu man die herrliche Esplanade zählen muß.
Auch ist hier eine gute Kanonengießerei. Die Zahl der Einwohner mag an
achtzigtausend betragen. Die Lage und die Umgebungen der Stadt sind
himmlisch. In dieser Stadt wurde 1762 der unglückliche und unschuldige
Calas als ein Opfer des scheußlichen Ungeheuers, religiöser Fanatismus
genannt, hingerichtet.
Von Tarbes kamen wir nach dem Geburtsort Heinrich IV., Pau, der
ehemaligen Hauptstadt von Bearn, jetzt die der Basses-Pyrenées.
Bernadotte, der nachmalige König von Schweden (Karl XIV.), wurde hier
geboren. Sie liegt am rechten Ufer der Gave de Pau, hat ziemlich breite
und gut gebaute Straßen und an neuntausend Einwohner. In den Mauern des
alten, einer großen Burg ähnlichen Schlosses, das dereinst die Residenz
der Könige von Navarra war, hat Heinrich IV. das Licht der Welt
erblickt. Zur Zeit der französischen Revolution wurde es sehr
mitgenommen und dann zum Staatsgefängnis gemacht; aber der Park, in
welchem Heinrich so oft der Jagdlust pflegte, ist noch vorhanden, ebenso
der Cours Bayard, der eine der besuchtesten Promenaden ist, deren es
hier sehr schöne gibt. Von der Brücke, die über den Gave de Pau führt,
hat man eine großartige Aussicht auf die sich riesenmäßig
amphitheatralisch erhebenden Pyrenäen. Der Aufenthalt in Pau ist wegen
seiner reinen und gesunden Luft sehr gesucht, und das ganze Jahr
hindurch halten sich viele Fremde hier auf; auch ist das Leben angenehm
und wohlfeil, die Einwohner sind leutselig und gefällig. Die Umgegend
ist entzückend und sehr malerisch.
In Pau sollten wir bis auf weitere Order liegen bleiben; die ganze
Umgegend, besonders nach Bayonne zu, wimmelte von Truppen jeder
Waffengattung, die zum Teil auf Wagen herbeigefahren waren, was uns
nicht so gut geworden. Niemand konnte noch mit einiger Gewißheit sagen,
was diese abermalige Versammlung eines Heeres in dieser Gegend bezwecke,
obgleich jedermann der Meinung war, daß es auf Spanien abgesehen sein
müsse und wir dem Marschall Jünot folgen würden, da schon Truppen vom
zweiten sogenannten Observationskorps in Spanien eingerückt waren.
Die Weihnachten und das Neujahr 1808 hatten wir diesmal auf dem Marsch
zugebracht, ohne an irgendeine Feier zu denken. Jetzt erhielt das
Bataillon Befehl, gegen Bayonne aufzubrechen, in dessen Nähe es verlegt
werden sollte. Zu der nach Spanien bestimmten Armee hatte man besonders
neu formierte Korps gebildet, welche die Benennung _Legions de reserve_
für die Infanterie und _Regiments provisoirs_ für die Kavallerie,
Dragoner, Kürassiere, Chasseurs _à cheval_ und so weiter erhielten. Die
Mannschaft dazu hatte man teils aus den Depots anderer Regimenter, teils
aus der antizipierten Konskription von dem Jahre 1808 genommen. Schon
längst hatte ich eine Versetzung in ein französisches Regiment und das
Regiment Y. zu verlassen gewünscht, aber bis jetzt vergeblich darnach
getrachtet, und am liebsten wäre ich zur leichten Kavallerie, namentlich
den Husaren oder Chasseurs _à cheval_ gegangen. Jetzt schien mir die
Formierung des nach Spanien bestimmten Heeres eine passende Gelegenheit,
dieses Projekt auszuführen und die Versetzung zu einem anderen Regiment
durchsetzen zu können, obgleich ich aller Protektion dazu entbehrte.
Meine Dienstzertifikate hatte ich mir vor unserer Abreise nach Neapel
ausfertigen lassen. Ich lag mit meiner Kompagnie in einem ungefähr
anderthalb Stunden von Bayonne entfernten Weiler, besuchte aber oft
diese Stadt, in welcher sich jetzt ein sehr glänzender und zahlreicher
Generalstab befand. Hier war das große Depot für alle nach Spanien
bestimmten Truppen, wo es beständig von Offizieren und Soldaten aller
Waffengattungen wimmelte. So machte ich in einem Kaffeehause die
Bekanntschaft eines Stabsoffiziers vom zweiten Regiment _garde de
Paris_, das dem zweiten Observationskorps der Gironde zugeteilt war,
welches der General Düpont _en_ Chef kommandierte. Durch diesen
Offizier, einen Bataillonschef namens Bardin, erfuhr ich, daß unser
ehemaliger Oberst, Fürst Y..., ganz kürzlich als Brigadegeneral bei der
ersten Division des vom Marschall Moncey befehligten Observationskorps
stand. Bardin hatte den Fürsten öfters in Paris gesehen und fragte mich
nach dessen Verhältnissen in Deutschland; wir waren beide bald darin
einverstanden, daß sich derselbe niemals als ein großer Kriegsheld im
Feld hervortun würde, auch riet mir Bardin, alles anzuwenden, um in ein
anderes Regiment zu kommen, da das Regiment Y... sowie Latour d'Auvergne
in einem schlimmen Ruf in der Armee stünde wegen der Desertionen und
Exzesse, welcher sich Soldaten und Offiziere desselben schuldig machten.
Ich erwiderte ihm, daß der Rat wohl gut und dies schon längst mein
Wunsch sei, aber es mir durchaus an Bekanntschaften fehle, um ihn in
Erfüllung zu bringen, und dies um so schwerer sei, weil ich kein
geborener Franzose, sondern jetzt ein Untertan des Großherzogs von
Frankfurt sei. Bardin erkundigte sich nach meinen bisherigen
Dienstverhältnissen, nach den Kampagnen, die ich bereits gemacht, und
ersuchte mich, ihm meine _Etats de services_ den nächsten Tag
mitzubringen, er könne vielleicht Mittel und Wege finden, mir in dieser
Angelegenheit behilflich zu sein. Mit Freuden tat ich, was er verlangte,
und brachte ihm schon den nächsten Morgen die gewünschten Papiere in
sein Quartier. Nachdem er sie durchgesehen, versprach er mir, sich bei
dem General Legendre, den er persönlich kenne und der Chef vom
Etat-Major bei dem vom General Düpont befehligten Armeekorps von
fünfundzwanzigtausend Mann sei, für mich zu verwenden und mich ihm
bestens zu empfehlen. Bald versicherte er mir, daß meine Angelegenheit
recht gut stünde und ich nächstens Neues erfahren werde; in der Tat
wurde ich schon zehn Tage später auf Befehl des Marschall Moncey
provisorisch der dritten Legion der Reserve zugeteilt und bald darauf
vom Kriegsminister definitiv bei derselben angestellt.
Von Bayonne wurde ich nach Bordeaux beordert, wo noch eine Abteilung der
Legion, bei der ich jetzt stand, lag. Ich fuhr mit der Post dahin und
ließ meine beiden Pferde -- ein zweites sehr gutes hatte ich in Pau
gekauft -- durch meinen Reitknecht nachbringen. Ohne mich irgendwo
aufzuhalten, erreichte ich diese berühmte Handelsstadt Frankreichs und
meldete mich bei dem das zweite Bataillon kommandierenden
Bataillonschef, der mir die dritte Kompagnie seines Bataillons übergab.
Diese Legionen hatten weder Grenadier-, Karabinier- noch
Voltigeurkompagnien. Herr Marlot, so hieß mein Chef, nahm mich recht
freundlich auf und teilte mir mit, daß er jeden Tag den Befehl zum
Abmarsch nach Bayonne erwarte, da die vier letzten Kompagnien schon
völlig organisiert und marschfertig seien. Ich ließ mir schnell die bei
meiner Legion notwendige neue Uniform machen und gab meinen neuen
Kameraden, die sämtlich aus verschiedenen französischen Regimentern zu
derselben versetzt worden waren, ein kleines Fest, nämlich ein Dejeuner,
bei dem die Bayonner Schinken und die besten Bordeauxweine die
Hauptbestandteile ausmachten und in Überfluß serviert wurden. Denselben
Abend besuchten wir das große schöne Theater, unstreitig das schönste in
Frankreich, das 1781 erbaut wurde und ein Meisterstück des Architekten
Louis sowie der Baukunst überhaupt ist. Seine prächtige Fassade ist mit
zwölf korinthischen Säulen verziert, und zwölf mit den Säulen
korrespondierende Statuen schmücken die Balustrade. Das Vestibül und die
Prachttreppe sind majestätisch. Außer der großen Bühne, die zum Teil
außerordentlich schöne Dekorationen, wirkliche Meisterstücke der
Dekorationsmalerei aufzuweisen hat, sind noch viele Säle, wie der für
Konzerte, der prächtige Foyer, der Malersaal und so weiter, alle der
Pracht des Gebäudes entsprechend, in demselben.
Den sechsten Tag nach meiner Ankunft zu Bordeaux erhielten wir Befehl
zum schleunigen Abmarsch, den wir den folgenden in aller Frühe antraten.
Durch verschiedene unbedeutende Orte kamen wir nach Bayonne, wurden aber
vorerst nach Hasparren, einem Kantonsstädtchen in der Nähe von Bayonne,
verlegt, wo wir jedoch nur zwei Tage blieben. Es war jetzt die ganze
Gegend so sehr mit Truppen aller Art angefüllt, daß nicht selten
Stabsoffiziere in den elendesten Baracken einquartiert waren. Ich selbst
hatte noch ein ziemlich leidliches Quartier mit noch einigen Offizieren
bei einem Viehhändler.
Die Vereinigung einer solchen Truppenmasse auf diesem Punkt und der
Zweck derselben war, wie gesagt, noch immer ein halbes Rätsel. Daß es
Spanien gelten solle und wir den schon daselbst befindlichen Truppen
folgen würden, war ein großes Geheimnis, das noch niemand zu enthüllen
vermochte. Aber was dort tun, da ja Frankreich im tiefsten Frieden mit
diesem Lande lebte und sein Herrscher der beste Freund Karls IV. schien.
Daß das kleine Portugal eine solche Heeresmasse notwendig mache, wollte
niemand einleuchten; aber niemand fiel es auch nur im Traum ein, daß es
auf Spanien abgesehen sei, und keiner von uns hielt damals den Kaiser
Napoleon solcher heillosen Intrigen fähig, wie er sie bald darauf
anspann. Diese große Beutelschneiderei, denn wie soll man es anders
nennen, durch welche er Spanien an sein Haus bringen wollte, war eine
ebenso dumme wie unpolitische Büberei, ein Schurkenstreich, der bittere
Früchte tragen mußte und der, als er bekannt wurde und offenbar am Tag
lag, auch die eifrigsten Verehrer und Anbeter seines Urhebers tief
betrübte und verletzte; dabei wurde alles so linkisch angesponnen und
angegriffen, daß es kaum zu begreifen war, wo Napoleon seinen Kopf
hatte; denn hätte er sich nur öffentlich gegen den mit Recht verhaßten
und verachteten Friedensfürsten Godoy erklärt und dann dem spanischen
Volk einige Monate Zeit gelassen, seinen angebeteten Götzen Ferdinand
VII. näher kennen zu lernen, so hätte er das leichteste Spiel von der
Welt und die ganze spanische Nation für sich gehabt, so wie seine
erbärmliche Hinterlist und dummtückischen Streiche ihm dieselbe
notwendig zum erbittertsten Feind machen mußten. -- Diese verblendete
Einsichtslosigkeit und Schlechtigkeit mußte Napoleon schwer büßen.
Der geheime Vertrag, der im Oktober 1807 zwischen beiden Kronen
abgeschlossen war, besagte, daß ein Korps von vierundzwanzigtausend Mann
französischer Truppen sich im November bei Bayonne versammeln und bereit
halten sollte, in Spanien einzurücken, um nach Portugal zu marschieren
und den Engländern, welche dieses Land unaufhörlich bedrohten,
zuvorzukommen. Diesen Heerhaufen hatte man das erste Observationskorps
der Gironde genannt, und es rückte schnell in Spanien vor. Hierauf wurde
sogleich ein zweites, ebenso starkes formiert und nach Bayonne und die
Umgegend verlegt, zu dem wir gehörten; auch dieses sollte nun schnell in
Spanien einrücken, aber immer als Verbündete des Herrschers dieses
Landes. Schon anfangs Dezember war ein Teil desselben dem ersten Korps
nach Spanien gefolgt, und unsere Legion erhielt noch in der ersten
Hälfte des Monats Januar denselben Befehl. -- St. Jean de Lüz, ein
großer Hafen im Golf der Gascogne, eine Grenzfestung gegen Spanien mit
ungefähr viertausend Einwohnern, war das letzte französische
Nachtquartier vor unserem Einmarsch in Spanien. Hier war es, wo Ludwig
XIV. nach dem mit diesem Land geschlossenen Frieden 1660 seine
Vermählung mit der Infantin Maria Theresia, der Tochter Philipps IV.,
feierte. 1793 hatte daselbst ein Gefecht zwischen den Spaniern und den
Franzosen stattgefunden. -- Es war den 13. Januar 1808, als wir über die
Bidassoa gingen, die Spanien von Frankreich trennt, und so die Grenze
überschritten. Auch dieser Fluß war ein verhängnisvoller Rubikon für
Napoleon.