Ankunft in Neapel. -- Das Liebhabertheater in Giesù nuovo. --
Besteigung des Vesuvs. -- Der Hof des Königs Joseph. -- Eine
deutsche Vorstellung. -- Helenchen Cramer. -- Caserta. -- _Nocera
de pagani._ -- Die Ruinen von Pestum. -- Zweiter Feldzug in
Kalabrien. -- Niederlage des Prinzen von Hessen-Philippsthal.
-- Die Brigantenhäupter Francatrippa und Benincasa. --
Monteleone. -- Ermordung eines Kuriers. -- Fondaco del Fico. --
Mehrtägiges hartnäckiges Gefecht mit den Briganten. -- Die hübsche
Kalabreserin. -- Mileto. -- Belagerung der Festungen Scilla und
Reggio. -- Schrecklicher Zustand des Belagerungskorps. --
Rückmarsch nach Neapel. -- Abreise nach Genua.
Der Oberst Omeara hielt mir, als ich mich bei ihm gemeldet, einen
kleinen Sermon wegen der Geschichte in Albano und gab mir das Kommando
der noch vakanten Voltigeurkompagnie, die sich freute, ihren alten
kreuzfidelen Kommandeur, wie die Leute sagten, wiederzuerhalten, und der
ich fünfzig Dukati (etwa hundert Gulden) zum besten gab, damit sie sich
einen guten Tag mache. Zugleich übergab mir der Oberst auch das
Musikchor wieder, das, wie er behauptete, seit meiner Abwesenheit sehr
vernachlässigt worden, und bat mich, doch einige neue Märsche zu
komponieren; ich schrieb ein halbes Dutzend _pas redoublés_ nieder,
welche zum Geschwindschritt recht animierten, und dedizierte sie dem
Herrn Oberst, der mich dafür manchmal zur Tafel lud.
Diesmal wurde auch mir mein Quartier in Giesù nuovo angewiesen, wo ich
noch die mir wohlbekannten Damen Gasqui, Alphonse, Grenet und so weiter
antraf, die, wie es schien, ihr permanentes Hauptquartier in dem alten
Palazzo der ehrwürdigen Väter Jesu aufgeschlagen hatten, während ihre
Männer alle möglichen Kreuz- und Querzüge machen mußten. Das
französische Liebhabertheater bestand immer noch, und man veranstaltete
von Zeit zu Zeit Aufführungen, allein es fehlte ihm gerade ein erster
Liebhaber. Ich wurde daher von den Damen freudig als ein solcher
empfangen. Die Freude sollte aber nicht von sehr langer Dauer sein; daß
ich indessen die mir gemachten Offerten nicht abschlug, kann man sich
denken. Ich erhielt sogleich ein ganzes Dutzend Rollen, aus Lustspielen
von Molière, Mercier, Beaumarchais und so weiter, aber auch der hohe
Cothurn wurde angeschuht, und man wagte sich an Crébillon, Corneille,
Racine und so weiter. Ich studierte meine Rollen meistens mit Madame
Gasqui _tête-à-tête_ ein, und da dieser in den meisten Stücken die Rolle
meiner Geliebten zugeteilt war, so wurden unsere Proben mit vielem Feuer
gehalten, dem natürlich zuletzt Ermüdung und Erschlaffung folgen mußte.
In Molières Tartüffe hatte ich mich sogar an die Titelrolle gewagt, und
in seinem _Cocu imaginaire_ spielte ich den Lelie, beides mit Beifall.
Auch meine Signora Speziale suchte ich wieder auf und fand freundliche
Aufnahme, vor allem aber war mir jetzt daran gelegen, endlich einmal den
Vesuv zu besteigen, was ich bei meiner früheren zweimaligen Anwesenheit
in Neapel versäumt hatte, und da ich fürchtete, es möchte abermals ein
_Deus ex machina_ oder die Marschorder dazwischen kommen, so drang ich
auf die Ausführung dieses Projekts, das auch von den Damen in Giesù
nuovo unterstützt wurde, da sie es bis jetzt bei ihren Männern nicht
hatten dahin bringen können, dem alten Feuerspeier einen Besuch
abzustatten. Außer den Damen Gasqui, Grenet, Cramer, Mutter und Tochter,
und deren Männern, war auch noch der junge Stock, der Neffe des Herrn
Moritz, und dessen Arzt mit seiner Gattin von der Partie, so daß wir im
ganzen fünfzehn Personen zählten. Wir fuhren bis Resina, wo man die
Wagen verließ, um Maultiere und Esel zu besteigen, mit deren Führern der
bei uns befindliche neapolitanische Doktor einen förmlichen Vertrag,
jedoch nur mündlich abschloß; er mußte dabei gewaltig debattieren, und
es dauerte beinahe eine halbe Stunde, bevor er ihn zustande brachte. Das
Hin- und Herhandeln wollte kein Ende nehmen, es war ein wahres Gezänk,
alle Augenblicke glaubte ich, daß man sich bei den Köpfen nehmen würde,
und wollte mich einigemal ins Mittel legen, was sich aber der zu sehr
knickernde Medico verbat, indem er meinte, dann wäre gar kein Ende
abzusehen. -- Nachdem endlich der Eselshandel abgeschlossen war, setzte
sich die nun berittene Karawane in Marsch. Die Patrone der Langohren
hörten nicht auf, diese durch ihr gellendes Geschrei zum Voranschreiten
aufzumuntern, und wenn sie ihre Schritte _ralentando_ nehmen wollten,
zogen sie sie bei den Schwänzen an, was dann einen kurzen Trab bewirkte.
Gleich anfangs passierten allerlei kleine Malheurs; der Esel, welcher
das Glück hatte, Madame Grenet zu tragen, gebärdete sich sehr ungezogen
und warf sich endlich gar nieder. Kaum hatte die Dame noch Zeit gehabt,
sich loszumachen, als sich das unflätige Tier auf den Rücken legte und,
mit greulichem Geschrei alle Viere in die Höhe streckend, sich wälzte.
Das unvernünftige Tier nahm gar keine Räson mehr an, da half weder
Zureden noch Stoßen, auch wollte Madame Grenet um keinen Preis mehr
dasselbe besteigen, und seinem Führer blieb nichts anderes übrig, als
zurückzulaufen und ein anderes, gehorsameres Tier herbeizuschaffen, was
ziemlich schnell abgemacht war, da der die ganze Gesellschaft
belustigende Auftritt noch ganz nahe bei Resina vorgefallen war. Ich
hatte der Dame mein Maultier angeboten, das ihr aber zu hoch war. Sie
bestieg jetzt nach vielem Zureden den neuen Esel, aber zwei Kavaliere
mußten ihr beständig zur Seite reiten und der Patron das Tier am Zaum
führen; wir setzten uns wieder in Bewegung, der ergötzliche Vorfall
hatte uns einen Aufenthalt von beinahe einer halben Stunde verursacht.
Gleich hinter Resina kamen wir auf die schwärzliche Lava, und bald
schien die Natur öde und ein düsteres Trauergewand angelegt zu haben; es
war, als habe hier eine verheerende, alles verdorrende Hand gewütet.
Bäume und Sträucher wurden immer seltener, bald sah man nur hier und da
noch ein Stückchen angebautes Land, gleich einer Oase in der Wüste. Der
Anblick des Ganzen stimmt sentimentale Gemüter leicht zur Schwermut und
Melancholie; aber hier wachsen auch die berühmten Christustränen
(_Lacrimae Christi_), denen nicht mehr wie billig die neapolitanische
Geistlichkeit und die Mönche so zugetan sind, wie dereinst die Pfaffen
am Rhein der Liebfrauenmilch. -- Bald waren wir ganz von Lava umgeben,
aber eben diese Lava ist es, welche den Boden um den Vesuv herum zum
fruchtbarsten und ergiebigsten der Welt macht, der nie des Düngers
bedarf und bei wenig Zoll Tiefe das Vortrefflichste und Köstlichste, was
Landwirtschaft hervorbringen kann, gibt. Kein Fleck der Erde ernährt im
Verhältnis seines Umfanges eine solche Seelenzahl, wie dieser, und nicht
mit Unrecht sagt der Neapolitaner: »Der Berg speit Gold aus.« Auf der
hundertjährigen Lava bildet sich zuerst eine Art Moos, das sich dann in
Staub und Erde verwandelt, aus welcher bei geringer Pflege erst
Pflanzen, dann Sträucher und endlich Bäume hervorsprießen, und aus dem
ödesten Ort wird der fruchtbarste, wenn ihn nicht neue Lavaströme
verwüsten. Von den hohen Ulmen hängen die Purpurtrauben in nie gesehener
Fülle und Schönheit herab. Wir kamen nun an Schluchten und Abhängen
vorbei, über Lavabrücken zu dem Piano delle Ginestre, einer kleinen
Fläche, von der aus man ein unabsehbares düsteres, schwarzgraues
Schlackenmeer erblickt, wo weder das Hälmchen einer Pflanze noch der
Flug eines Vogels zu sehen noch das Summen eines Insekts zu hören ist
und nicht die mindeste Abwechslung das ewige Einerlei unterbricht, eine
gräßliche Öde, wie sie die Edda am Ende der Eiswelt beschreibt. Jetzt
gelangten wir zur Einsiedelei San Salvatore auf der Somma, wo uns der
schon sechzigjährige aber noch sehr rüstige Eremit recht freundlich
empfing, und hier eröffnete sich dem ermüdeten Auge eine entzückende,
unbeschreiblich schöne Aussicht. Diese Eremitage besteht aus einigen
Kammern und einer kleinen Kapelle. Wir stärkten uns in derselben durch
einen guten Imbiß für die noch zu bestehenden Strapazen. Die
mitgenommenen Provisionen wurden ausgepackt und unter einigen Bäumen vor
der Einsiedelei verzehrt. Der Eremit lieferte uns außerdem noch Salami,
Brot, Käse, Eier und Lacrymä Christi, und zwar echten, reinen und
unverfälschten, wofür wir ihn unsererseits mit ein paar Zechinen
beschenkten, wodurch seine Freundlichkeit noch erhöht wurde. Der gute
Greis führte gar kein übles Leben in seiner Einsamkeit, und während der
langen Zeit, die er daselbst zugebracht, haben ihn gar manche hübsche
Bauernmädchen und junge Bauernweiber besucht, ihn immer reichlich mit
nahrhaften Lebensmitteln versehend; in der guten Jahreszeit kommen jeden
Tag Fremde, die ihn beschenken, auch hatte er schon ein artiges
Kapitälchen bei einem Bankier in Neapel stehen. Sein Vorgänger hätte
über zwölftausend Ducati hinterlassen. Dieser letztere war ein Franzose
und ehemaliger Kammerdiener der Pompadour gewesen, der in dem hohen
Alter von einundneunzig Jahren hier starb. Bevor wir uns zur Weiterreise
anschickten, brachte uns der Eremit sein Fremdenbuch, in das wir alle
unsere Namen einschrieben und in dem sich Namen aus allen Weltgegenden
und von allen Nationen, mitunter manche berühmte und berüchtigte,
befanden. Wir ritten jetzt längs der Somma auf schmalen Höhen,
Lavaschluchten zu beiden Seiten, bergan, bis wir an das Atrio del
Cavallo kamen, einen zwischen der Somma und dem Vesuv liegenden
Talgrund, den Ort, an dem man bis zum Jahre 1630 Halt machte, weil er zu
jener Zeit mit üppigen Bäumen und Pflanzen bewachsen war, ja sogar eine
fette Fütterung für Maultiere und Pferde bot; seitdem wurde er aber von
der Lava überströmt und ist jetzt nur noch ein versteinertes Lavameer.
Hier stiegen wir alle ab, da der noch übrige Teil des Weges, der jetzt
sehr beschwerlich wurde, zu Fuß zurückgelegt werden mußte. Unsere von
Resina mitgenommenen Führer banden uns besondere Gurten, auch den Damen,
um den Leib und befestigten Stricke daran, an die sie sich selbst
festbanden. So zogen sie uns durch das mit jedem Schritt vorwärts immer
tiefer werdende Aschenmeer; der Boden schien unter unseren
Tritten zu weichen, die Luft wurde, je mehr wir voran kamen,
schwefelgeschwängerter, so daß sie bei denen, die keine sehr guten
Lungen haben, zuletzt Bangigkeit und Beängstigung der Brust
hervorbringt. Die Asche wurde so tief, daß die Damen genötigt waren,
ihre Kleider bis beinahe über die Knie hinaufzuheben; sie hatten sich
aber alle mit grauen Unterbeinkleidern versehen. Unsere zweibeinigen
Zugtiere trieften von Schweiß, auch uns, die sie zogen, standen dicke
Tropfen auf der Stirne. Alle Augenblicke mußte Halt gemacht werden,
damit die Damen Atem schöpfen konnten. Sie hatten sämtlich ihre sonst so
süßen Gesichter in saure Falten gezogen, nur die junge Cramer, meine
halbe Landsmännin, ein Offenbacher Kind, machte noch immer ein
freundlich lächelndes Gesicht. Je höher wir stiegen, desto schwieriger
wurde das Vorankommen und desto gewaltiger pochten die Herzen der Damen,
aber diesmal nicht vom Feuer der Liebe, sondern von der Hitze und Asche
des Vulkans getrieben.
Dennoch konnten manche der Herren ihre boshaften Späße nicht lassen, die
Waden und etwas krummen Beine einiger Frauen bekrittelnd, doch erlaubten
sich nur die Ehemänner dergleichen Unziemlichkeiten. Ich machte meine
Betrachtungen nur im stillen, ohne sie durch Tadel oder Spott
kundzugeben, auch meinten die sich getroffen fühlenden Schönen
ärgerlich, es sei jetzt keine Zeit zu solchen Scherzen, und hatten
recht, denn wir waren bereits auf einem Terrain angekommen, in welches
unsere Führer mitgebrachte, mehrere Zoll lange Späne steckten, die sie
rauchend und endlich glühend wieder hervorzogen, so nahe waren wir dem
höllischen Feuermagazin.
»Bis hierher und nicht weiter,« sagten unsere Ciceroni, nachdem sie das
Experiment einigemal vorgenommen hatten. Ermüdet genug, machten wir
einen allgemeinen Halt. Kaum ein paar hundert Schritte von uns wogte
noch flüssige Lava. Mit einigen mitgebrachten Orangen erquickte ich die
nach Labung lechzenden Gaumen unserer Schönen, wofür mir vielsagende
dankende Blicke wurden, und die letzte teilte ich mit dem freundlichen
Helenchen Cramer, die ich als _giovine principiante_ auf dieser
beschwerdevollen Reise in ganz besondere Affektion nahm. Wir standen nun
nahe am Rand des flammenwirbelnden Höllenrachens, dem die glühenden
Feuerregen und Fluten entströmen, die alles, was sie berühren, verheeren
und vernichten; ihr Gang ist zwar langsam und schwerfällig, aber um so
sicherer erreichen sie Verderben bringend das Ziel. Hat die flutende
Glut einen Baum umschlungen, so sieht man alsbald dessen grüne Blätter
sich zuerst gelb, dann braun und endlich schwarzgrau färben, Stamm und
Zweige fangen bald zu glühen an, und in kurzer Zeit ist der Baum in
Asche verwandelt. Majestätisch, ohne sich zu eilen, wälzt sich der Strom
herab, ohne jedoch eine Minute zu versäumen; kommt die Lava an einen
Gegenstand, der sie am Voranschreiten hindert, so steigt sie an
demselben empor, bis sie ihn überreicht und umgeben hat, und setzt dann
ihren Lauf wieder ungestört fort. Die brennenden Massen überwältigen
alles, selbst Mauern und Felsen. Fliehend entgeht ihnen zwar der Mensch
und das Tier, doch darf keines der anscheinenden Langsamkeit allzusehr
trauen, sonst ist er verloren.
Hier, am Rand dieses Kraters, findet man es begreiflich, wie Dichter und
Völker den Abgrund oder Eingang zur Hölle vermuten konnten, denn
furchtbar schauerlich liegt es zu des Menschen Füßen, und er erkennt
sein erbärmliches Nichts. Gräßlich gezackte, mit Schwefel und Asche
bedeckte Lavarinde umgibt den höllischen Schlund, dem unzählige
Rauchsäulen unaufhörlich entsteigen, ihn fast immer dem Auge entziehend.
Man ist geneigt, an das Dasein eines infernalischen Spukes zu glauben.
Hier ist man abgeschieden von allem, was atmet und lebt, es sei Tier,
Insekt oder Pflanze, und nur ein donnerähnliches Getöse läßt sich von
Zeit zu Zeit vernehmen. Wirft man einen Stein mit Kraft auf den Boden,
so dröhnt es hohl, wie über einem Gewölbe. Ich stand, das seltsame
Schauspiel anstaunend, dicht neben Helenchen, die sich vor demselben
grausend, so fest an mich schmiegte, daß ich das kleine Herzchen pochen
hörte, und nicht umhin konnte, das geängstigte Täubchen mit meinem
schützenden Arm zu umfangen. Da der unaufhörlich aufsteigende Rauch
manchmal so dicht wurde, daß er uns gleichsam in eine Wolke hüllte und
vor den übrigen unsichtbar machte, so konnte ich selbst an den Pforten
der Hölle der Versuchung nicht widerstehen, meinem kleinen Engel durch
Küsse Mut einzuflößen. Man muß in allen Dingen die sich darbietende
Gelegenheit schnell benützen, denn sie kommt oft nie wieder. Dies hatte
ich aus Lafontaines Fabeln, aus der, wo der Geliebte, um das Brautkleid
der Schönen zu schonen, die ihn vor ihrer Vermählung mit einem anderen
noch glücklich machen will, einen Teppich holt und so um das ihm
zugedachte Glück und eine Jungfernschaft kommt. -- In einem hübschen
Salon oder gewöhnlichen Wohnzimmer würde sich die junge Taube vielleicht
gesträubt haben, aber hier, vor dem furchtbaren Naturschauspiel, wo sie
kaum zu atmen wagte, ließ sie sich das Herzen und Küssen recht willig
gefallen, dachte nicht an ein Widerstreben, und so war die Einleitung zu
weiteren Bewilligungen schnell gemacht.
Nachdem wir wohl zwei Stunden hier zugebracht und uns dennoch kaum satt
gesehen hatten, traten wir den uns leichter werdenden Rückzug an, der
fast in ein Laufen durch die Asche ausartete. An dem Ort angekommen, wo
die Langohren unserer harrten, bestiegen wir wieder das liebe Vieh, und
ich ritt vergnügt und heiter an Helenens Seite bis Resina, wo wir eine
bestellte Cena einnahmen und uns sodann in den Wagen setzten. Ich hatte
zwar versucht, mich _vis-à-vis_ dem Fräulein Cramer zu placieren, aber
die Damen Gasqui und Grenet, welche meine Absicht merkten, wußten sie zu
vereiteln, und ich mußte mit ihnen und Herrn Grenet einen Wagen
besteigen. Eine Stunde vor Mitternacht waren wir in Giesù nuovo
angekommen und unterhielten uns bei Madame Gasqui, die ihrem
daheimgebliebenen Gatten die gesehenen Wunder rapportierte, noch lange
bis nach Mitternacht von den gehabten Genüssen.
Den nächsten Morgen hatten wir Probe von der »Phädra«, die in einigen
Tagen aufgeführt werden und deren Vorstellung der Hof beiwohnen sollte.
Unser Liebhabertheater fing an, immer mehr Aufsehen zu erregen; die
Gasqui und Grenet spielten sehr gut, erstere besonders in dem Lustspiel
und in den Vaudevilles, in denen sie hübsche Romanzen, trefflich
vorgetragen, einlegte. Auch noch zwei andere aktive Damen waren seit
kurzem der Gesellschaft beigetreten, die beide nicht minder gefielen;
eine machte wirklich Furore. Madame Damiette war die Gattin eines
Kriegs-Kommissärs, die sich mehr für heroische Rollen und Anstandsdamen
eignete, die andere, Madame Detrée, war die junge Frau eines Obersten
von der Linie und als semimentale Liebhaberin unübertrefflich; daß sie
aber auch außer der Szene dieses Fach vorzüglich bekleidete, sollte ich
bald erfahren. Der Oberst war mit seinem Regiment in Kalabrien, und was
war natürlicher, als daß sich die junge Frau, eine kaum zwanzigjährige
Französin aus Orleans, zu entschädigen und zu trösten suchte? Zur
»Phädra« hatte ich die Rollen so verteilt, daß Madame Damiette die
Titelrolle, Herr Damiette den Theseus, Madame Detrée Aricie, Madame
Gasqui Ismene, Madame Grenet Oenone und ich den Hippolyte spielte. Die
Gasqui wollte sich zuerst durchaus diese Rollenverteilung nicht gefallen
lassen und die der Aricie übernehmen. Nur mit großer Mühe brachte ich es
dahin, daß sie sich mit der Ismene begnügte, indem ich ihr vorstellte,
daß sie ja doch die Königin des Lustspiels und des Vaudevilles sei und
der Madame Detrée wohl die Freude lassen könne, eine traurige
Liebhaberin zu machen. Dies half, -- ich ging jetzt fleißig die Rollen
bald mit der Phädra, bald mit der Aricie, mit letzterer etwas
leidenschaftlicher, durch, und nach einem Dutzend Proben und ein paar
Generalproben glaubten wir uns imstande, vor einem allerhöchsten
Publikum produzieren zu können, denn die beiden Majestäten mit
glänzendem Gefolge geruhten, derselben, wie gesagt, beizuwohnen.
Namentlich war die Königin von jungen und schönen Damen umgeben, und
dies machte, daß wir uns alle die größte Mühe gaben, etwas nicht ganz
Gewöhnliches zu leisten. Die Vorstellung fiel auch wenigstens leidlich
aus, ihre Majestäten hatten sich amüsiert, und mein Hippolyt hatte dem
König Joseph so gefallen, daß ich bald nach dieser Vorstellung eine
Einladung an den Hof bekam, wo es so ziemlich ungeniert, durchaus nicht
steif herging und bei weitem kein so ängstliches und oft komisches
Zeremoniell beobachtet wurde, wie an dem Hof seines kaiserlichen
Bruders. Joseph war ein ziemlich natürliches Menschenkind, hatte sogar
etwas Treuherziges in seinem Benehmen, er würde als Privatmann gewiß
ausgezeichnet und ein guter Familienvater geworden sein, und man hätte
dann seine Schwächen weniger oder gar nicht bemerkt. Seine Stellung auf
dem Thron von Neapel war nicht die beneidenswerteste, ja fast peinlich
zu nennen. Er sollte und durfte nur das gehorsame Werkzeug seines ihn
tyrannisierenden Bruders sein, dessen Ab- und Ansichten selten mit den
seinigen harmonierten, der auch in großer Entfernung von Neapel
keineswegs den Zustand der Dinge daselbst so kannte, um ihn richtig
beurteilen und leiten zu können. An Ort und Stelle fanden sich nicht zu
überwindende Schwierigkeiten, die er in Paris oder seinen
Hauptquartieren kaum ahnte. Er geriet aber in Wut und Zorn, wenn man sie
in Neapel nicht wie er wollte, augenblicklich aus dem Wege räumte.
Joseph hatte nicht verlangt, König zu sein, ja er war es fast gegen
seinen Willen geworden. »Lasse mich in meiner Familie regieren,« hatte
er zu seinem Bruder gesagt, ehe er Frankreich verließ.
Die Königin Julie, Tochter des Kaufmanns Clairet zu Marseille, war in
diesem Stück ganz mit ihrem Gatten einverstanden und eine vortreffliche,
herzensgute Dame, die mit Engelsgeduld die Untreue und Schwächen ihres
Gemahls nicht nur ertrug, sondern sogar entschuldigte und zu beschönigen
suchte. Sie war erst kürzlich von Frankreich gekommen, und von allen
Schwiegertöchtern der Kaiserin-Mutter, Madame Lätitia, diejenige, welche
diese am meisten und aufrichtigsten liebte. Am Hof des Königs Joseph zu
Neapel herrschte ein etwas militärischer Ton, wozu die fortwährenden
Unruhen im Königreich und namentlich in Kalabrien, welche machten, daß
man ewig auf dem _qui vive_ sein mußte und ab- und zuging, das ihrige
beitrugen. Die königliche Tafel verlassend, stiegen die Generale und
Stabsoffiziere nicht selten in die Wagen oder zu Pferde, um sich nach
Kalabrien und so weiter zu begeben, da von dort oder aus anderen
Gegenden des Reiches während der Mahlzeit schlimme und bedenkliche
Nachrichten eingelaufen waren. Von Josephs Hofhaltung in ihrem Innern
wurde ich damals nicht genauer unterrichtet, da auch mich das Schicksal
bald wieder aus Neapel rief, nachdem ich nur einigemale am Hofe
erschienen und also noch ziemlich fremd war. Erst in ihrem Exil zu
Frankfurt lernte ich die daselbst unter dem Namen einer Gräfin von
Survillier mit ihren beiden Töchtern wohnende Exkönigin und ihren
vortrefflichen Charakter näher kennen.
Auf Anstiften meines Vetters Moritz, der ebenfalls unseren Aufführungen
in Giesù nuovo beiwohnte, arrangierte ich auch eine deutsche
Vorstellung, und zwar »Kabale und Liebe«, bei der eine Frau von
Gemmingen, die Gattin eines Kapitäns, die Lady Milford, Helene Cramer
die Luise und eine Madame Reisinger die Mutter, der junge Stock den
Vater spielten und ich mein altes Paradepferd, den Major Ferdinand,
hervorsuchte. Die Vorstellung war, trotzdem sich die Liebe zwischen mir
und Helenchen ins Spiel mischte, nicht sonderlich, obgleich die sehr
nachsichtigen deutschen Zuschauer, die Franzosen und Italiener räumten
den Saal alle gleich nach dem ersten Akt, sich trefflich unterhalten
haben wollten. Damit hatte es aber sein Bewenden mit dem deutschen
Theater, obgleich Moritz gerne noch andere ältere Stücke als angenehme
Erinnerungen an seine Jugend aufgeführt haben wollte. Die Sache war zu
schwierig, Akteurs und Aktricen zu schlecht, so daß ich selbst einen
Degout an deutschen Vorstellungen bekam. Denn obgleich Helene Cramer mit
großer Naivität und vielem Feuer spielte, so zog ich es doch vor,
außerhalb der Bühne die Liebhaberrollen bei ihr zu übernehmen, und
teilte jetzt mein Herz hauptsächlich zwischen Madame Detrée und ihr. Sie
wohnte bei ihren Eltern in der Fortezza nuova, wo ich sie oft sah, und
zwar unter der sehr strengen Aufsicht der Frau Mama, die das
Goldtöchterchen auch keinen Schritt allein tun ließ und so unrecht nicht
hatte. Wir besuchten zwar fast alle Theater miteinander, aber immer in
Gesellschaft der Mama, die nicht von der Seite wich. Ich hatte also fast
nur ein theoretisches, platonisches Verhältnis mit Demoiselle Cramer,
während das mit Madame Detrée vollkommen materiell war. -- Madame Cramer
ließ mich nicht undeutlich merken, daß ihr Töchterchen eine
vortreffliche Partie für mich wäre. Aber an das Heiraten und gar an das
Heiraten als Offizier, deren Weiber, um den ewigen Gelegenheiten der
Verführungen zu widerstehen, ganze Engel oder Mütter Gottes sein müßten,
dachte ich so wenig, als ein Kapuziner zu werden. -- Ohne die Mutter
gerade vor den Kopf zu stoßen, wußte ich dennoch solchen Anspielungen
gehörig auszuweichen und suchte noch einige Lustpartien zu veranstalten,
in der Hoffnung, dabei Gelegenheit zu finden, der Mama Argus ein X für
ein U vormachen zu können. Ich lud die Familie zu einer Fahrt nach dem
schönen königlichen Schloß zu Caserta, einem der herrlichsten Schlösser
der Welt, ein. Aber auch hier kam ich nicht viel weiter. Nur einmal
gelang es mir in dem mit Statuen bevölkerten Park, Mutter und Tochter
auf einige Augenblicke zu trennen, daß ich letzterer zu den Füßen einer
marmornen Aphrodite, durch eine flüchtige, aber feurige Umarmung
versichern konnte, wie liebenswürdig ich sie finde. Aber kaum hatte ich
sie ein paarmal geküßt, als schon ein: »Helene, wo steckst du denn?«
sich ganz nahe vernehmen ließ, und mit einem »Hier, Mama,« wand sich die
Taube aus meinen Armen, der Mutter entgegenspringend.
Bei der Heimfahrt war es zwar schon düster und endlich dunkel, aber
Madame Cramer hatte so scharfsehende Augen, daß ich kaum von Zeit zu
Zeit einen verstohlenen Händedruck wagen durfte. Mehr hoffte ich von
einer zweiten Partie, die ich nach dem weiter entfernten Pestum
veranstaltete, wozu mehrere Tage erforderlich waren. Nachdem Madame
Cramer eingewilligt hatte, nahm ich viertägigen Urlaub, und wir fuhren
ohne den Papa, der als Adjutant-Major nicht wohl abkommen konnte, den
uns schon bekannten Weg über Portici und Resina, dann wie in einem
Garten durch das Tal Scafati, über den Sarno, durch Nocera de Pagani,
das alte, von Hannibal zerstörte _Nuceria Alphaterna_, wo ein
Cybeletempel in den ersten Zeiten der Christenheit in eine Kirche, jetzt
San Mariamaggiore, umgewandelt wurde, die noch von einer doppelten Reihe
Säulen aus _Giallo antico_ und Alabaster umgeben ist.
Von hier fuhren wir über Vietro nach Salerno, das an dem Ufer des Meeres
in einer freundlichen, von heiteren Hügeln umgebenen Ebene liegt und das
ich schon aus unserem ersten Feldzug in Kalabrien kannte, sowie Eboli,
wo wir nächtigten, aber die Mutter ihren Schatz gleich einem Drachen
bewachte. Am anderen Morgen machten wir uns in aller Frühe nach den
Ruinen von Pestum auf, wohin ein ziemlich einsamer Weg führt. Nachdem
wir durch eine ausgedehnte Heide gekommen waren, entdeckten wir
verschiedene isoliert stehende Gebäude, die, wenn man ihnen nahe ist,
kolossal und imponierend hervortreten. Erst im Jahre 1775 wurden diese
schönen Ruinen einer grauen Vorzeit, vielleicht die herrlichsten der
griechischen Baukunst, entdeckt. Diese unermeßlichen Säulenreihen der
Tempel, die noch aus der heroischen Sagenzeit stammen und Jahrtausende,
in einsamer Wüste trauernd, an sich vorübergehen, Roms Entstehung, Größe
und Herrlichkeit, seinen Verfall und dessen christliche Erhebung bis auf
unsere Zeiten sahen, geben manchen Stoff zu ernstem Nachdenken.
Hier endlich wurden wir durch die Gunst des Zufalls auf eine halbe
Viertelstunde von der Mama getrennt, die sich auf kurze Zeit zu
entfernen genötigt war. Ich benutzte diesen Umstand so gut als möglich,
und dem aus Eboli mitgebrachten Führer befehlend, auf die Mutter zu
warten, verirrte ich mich mit Helenchen hinter die dicken Neptunssäulen
und versicherte sie bei dem Dreizack des mächtigen Weltbeherrschers
meiner feurigsten Liebe, von der ich ihr, so viel es die Umstände
erlaubten, die handgreiflichsten Beweise gab. Im Taumel der Wonne
vergaßen wir Pestums und der Welt, bis uns endlich die kreischende
Stimme der Mama aufschreckte, die, als wir unter den tausendjährigen
Trümmern hervorkrochen, ausrief: »Aber Mädchen, was hast du denn, du
bist ja so rot wie ein gesottener Hummer!« --
»Nichts, Mama, das Steigen über die dicken Steine des Venustempels hat
mich so erhitzt.«
Ob Mama Cramer glaubte oder nicht, ist mir ein Rätsel geblieben,
jedenfalls war sie so klug, zu tun, als glaubte sie es. Wir hatten wohl
an drei Stunden in Pestums Ruinen verweilt und eine mitgebrachte kalte
Küche unter den Vorhallen des Neptuntempels eingenommen, als wir unsere
Rückreise antraten und bis Salerno fuhren, wo wir übernachtetem. Den
anderen Tag trafen wir wieder wohlbehalten in Neapel ein. In meinem
Hauptquartier in Giesù nuovo angekommen, erfuhr ich von meinem
Bedienten, den ich zurückgelassen hatte, daß Madame Gasqui wenigstens
schon zehnmal nach mir geschickt habe. Als ich hierauf zu ihr eilte,
empfing sie mich mit einem artigen Donnerwetterchen, weil ich, ohne ihr
etwas zu sagen, nach Pestum, und zwar mit deutschen Damen, gefahren sei.
Nach einem ziemlich langen Hadern kam es endlich wieder zu einem
wohlbesiegelten Frieden, und nun eröffnete mir die Dame, daß wir
Voltaires »Zaïre« geben müßten, weil die Königin bei einer ihrer
Hofdamen den Wunsch geäußert habe, dieses Trauerspiel von uns aufführen
zu sehen. Louise wollte aber diesmal durchaus die Titelrolle spielen.
Der Himmel oder das Schicksal oder der Kriegsminister, gleichviel, hatte
aber beschlossen, daß ich in einem anderen Trauer- und Schauspiel
auftreten würde, dessen Bühne abermals Kalabrien sein sollte. Das
Bataillon erhielt Order, in vierundzwanzig Stunden nach Cosenza
abzumarschieren, und der Stab des Regimentes wurde samt dem Oberst
Omeara nach Castelamare verlegt. Kaum hatte ich noch soviel Zeit, mir
ein paar gute Pferde zu kaufen; während meines diesmaligen Aufenthaltes
hatten mir wieder Vetter Moritz und Stock die ihrigen zur Verfügung
gestellt. Den Abend vor dem Ausmarsch machte ich meine Abschiedsronde,
da, wo es anging, küssend und umarmend, auch Helenchen mußte mir ein
Küßchen geben, auf das ich freilich das der Mama drein nehmen mußte.
Es sah neuerdings wieder sehr unruhig im südlichen Teil des Königreiches
aus, obgleich man fast tagtäglich in der Hauptstadt darauf loshängte,
verurteilte und hinrichtete. Als wir diesen Marsch nach Kalabrien
antraten, ging es schon dem Winter zu, und die fatale Regenzeit war vor
der Türe. Wir marschierten damals über Portici, Salerno und so weiter.
Seit unserer ersten Expedition nach Kalabrien und nach der Schlacht bei
Maida hatten sich die Engländer Reggios und des Schlosses von Scylla
bemächtigt. Der Feind war abermals mit einem Armeekorps von ungefähr
achttausend Mann, welches der tapfere Prinz von Hessen-Philippsthal
befehligte, gelandet. General Regnier, der noch immer in Kalabrien
kommandierte, hatte bei der ersten Nachricht, die er hiervon erhielt, in
aller Eile so viel Truppen als möglich zusammengebracht, es waren kaum
über viertausend Mann, damit das feindliche, freilich größtenteils aus
Banditen und Raubgesindel bestehende Heer schon Ende Mai 1807 auf das
Haupt geschlagen und so seinen Fehler bei Maida wieder gut gemacht.
Selbst der Prinz von Hessen-Philippsthal hatte sich nur mit Hilfe seines
schnellen Pferdes retten können und büßte beinahe seine ganze Artillerie
ein, die er in Stich lassen mußte. Die ihn verfolgende französische
Kavallerie verfehlte ihn nur um zwanzig Minuten. Sein Heer wurde
gänzlich gesprengt und ein großer Teil desselben zu Gefangenen gemacht.
Der Prinz landete mit kaum hundert Mann an den Küsten Siziliens. Dieser
Sieg war sehr zur gelegenen Zeit gekommen, denn ohne ihn würde nicht nur
Kalabrien, sondern sehr wahrscheinlich das ganze Königreich in Masse
gegen die neue Regierung aufgestanden sein. Nun wurde gegen Reggio
marschiert, dasselbe bald darauf belagert und das Schloß Scylla von der
Landseite blockiert. Das letztere ist indessen außerordentlich fest, und
da viel daran gelegen war, diesen, die Meerenge von Sizilien
beherrschenden Punkt wieder zu besitzen, um Herr der Küste zu sein, so
mußte man schweres Belagerungsgeschütz von Neapel kommen lassen, um das
Fort gehörig beschießen zu können. Dies war aber zu Land ohne die
außerordentlichsten Anstrengungen nicht wohl fortzubringen, weshalb man
es einschiffte, wo ein Teil desselben auf der See von den Engländern
weggenommen wurde.
In Cosenza angekommen, blieb das Bataillon zwei Tage daselbst, den
dritten Tag marschierten wir gegen Abend nach Rogliano, wo wir den
übrigen Teil der Nacht bis gegen Morgen verweilten, dann aber aufbrachen
und durch ein schauerlich wildes, von steilen Felsen umgebenes Tal
kamen, in dessen Umgegend jetzt der berüchtigte Banditenchef
Francatrippa, der die Rolle des Fra Diavolo übernommen hatte, sein Wesen
trieb. Hier mußten wir, Mann für Mann, einen ganz schmalen Felsensteig
im Zickzack, wie von einem Theaterberg, zwischen steilen Felswänden
hinabsteigen, wobei die bepackten Maulesel und Pferde von ihren Führern
und abgestiegenen Reitern vorsichtig an der Hand geführt wurden, sodann
einen Waldstrom passieren, über den nur ein sehr schmaler und
geländerloser Fußsteig führte. Dann kamen wir nochmals an furchtbaren
Abgründen vorüber. Diesen Tag führte ich wieder die Avantgarde des
Bataillons, doch war an Seitenpatrouillen bei diesem Terrain nicht zu
denken. Kaum waren ungefähr zwanzig Mann von meinen Leuten, an deren
Spitze ich marschierte, auf dem schmalen Pfade an den Rand eines solchen
Schlundes herangeschritten, als sich die Briganten oben auf dem Felsen
zeigten und eine Decharge auf uns abfeuerten, dann gleich Gemsen wieder
verschwanden, auf ihren Sandalen davonspringend. Großen Schaden hatten
sie nicht angerichtet, nur ein paar Leute hatten leichte Streifschüsse
erhalten. Ich ließ indessen sogleich Halt machen, und wir kletterten mit
Hilfe des Gesträuchs den am Eingang der Schlucht weniger steilen Felsen
hinan, hoffend, so den Briganten in den Rücken zu fallen. Aber als wir
hinaufkamen, war keine Spur mehr von ihnen zu sehen. In die weg- und
pfadlosen Wildnisse zwischen Klippen und Gesträuch konnten wir uns nicht
wagen, ohne Gefahr zu laufen, in einen Hinterhalt des Francatrippa zu
geraten. Das Terrain war hier den Briganten so günstig und uns, die wir
es nicht kannten, so nachteilig, daß wir gewiß verloren gewesen wären,
wenn die Bewohner desselben in Übereinstimmung gegen uns agiert haben
würden, selbst wenn wir hätten bedeutendere Streitkräfte entwickeln
können. Leicht war es, die Truppen in Abteilungen zu überfallen und zu
vernichten. Glücklich kamen wir in Scigliano an, von wo wir nach
Nicastro und von da in die Ebenen von Sanveria marschierten. Hier waren
wir in der Nähe eines alten Gebäudes, das eine traurige Berühmtheit
erlangt hatte, da in demselben gleich nach der verlorenen Schlacht bei
Maida eine ganze Kompagnie Franzosen, die sich in dasselbe geflüchtet,
von den Bewohnern der Umgegend und den sizilianischen Briganten bis auf
den letzten Mann ermordet worden war. Jetzt lag wieder ein französisches
Detachement in dem Gebäude; es war befestigt worden, verpallisadiert und
auf mehrere Monate mit Proviant versehen. Nichtsdestoweniger trieben in
der Nähe dieses Tales Francatrippa und seine Banditen ihr Wesen auf das
frechste, und keine Patrouille unter zwanzig bis dreißig Mann durfte
sich an Streifereien wagen, wollte sie nicht überwältigt werden. Die
Aussicht von den dieses Tal umgebenden Höhen auf den Golf von St.
Euphemia ist entzückend. Von hier aus sowie von Nicastro wurden
fortwährend Abteilungen auf die Brigantenjagd abgeschickt, ohne daß sie
sehr ergiebig gewesen wäre. An diesem geringen Erfolge war hauptsächlich
das Einverständnis der Räuber mit den Einwohnern schuld, die ihnen allen
Vorschub leisteten, während sie uns flohen und mit einem ewigen: »_non
capisco_« oder »_non so niente_«, das zum Verzweifeln war, abspeisten,
während unsere fast unerreichbaren Feinde die vollkommene Kenntnis des
Terrains besaßen. Nach mehreren Tagen des vergeblichen Hin- und
Hermarschierens in den den Golf umgebenden Bergen und Wäldern, brachte
ich mit meinen Voltigeurs zwei Tage in dem Städtchen Pizzo zu, am
südlichen Ende des Golfs, in dessen Umgegend außerordentlich viel Mais
und Reis, die Hauptnahrung der Einwohner, gepflanzt wird. Das Klima ist
so warm, daß selbst das Zuckerrohr hier sehr gut fortkommt und gedeiht,
wie mich der Augenschein überzeugte. Das Bataillon hatte sich
einstweilen in die zahlreichen Landsitze, die von Pomeranzen- und
Zitronenhainen umgeben, in der Nähe von Nicastro liegen, einquartiert.
Die hier vorhandenen Wälder sind seit undenklichen Zeiten der Aufenthalt
von Räuber- und Banditenhorden, mit denen sich die Gutsbesitzer, wenn
sie einige Sicherheit genießen wollen, verständigen und abfinden müssen,
indem sie ihnen von Zeit zu Zeit nicht unbedeutende Summen einhändigen.
Namentlich ist der Wald von Sankt Euphemia, und zwar mit Recht, sehr
berüchtigt. In dieser Wildnis hatten auch jetzt die Briganten und ihre
Banden und Spießgesellen ihr Hauptquartier aufgeschlagen und wurden noch
obendrein von den Engländern und Sizilianern unterstützt und besoldet,
mit denen sie beständig kommunizierten und welche in der Nacht fast
gefahrlos landeten und ausschifften, was wir nicht wohl verhindern
konnten, da der so nahe an der Küste gelegene Wald ein geheimnisvolles
Labyrinth war, und nur die Räuber und Banditen den in dasselbe leitenden
Faden in Händen hatten, auch alle Zu- und Ausgänge kannten, die außerdem
durch gut verborgene, mit Gesträuch und Dornen bedeckte Gruben fast
unzugänglich gemacht waren. Und so bot dieser Wald die erwünschteste
Leichtigkeit und Gelegenheit, uns aufzulauern. In diesem Walde, den zu
reinigen jetzt unsere Aufgabe war, hauste damals ein alter berüchtigter
Kalabrese, Benincasa genannt, welcher der oberste Chef aller Banden war,
die, sowie Francatrippa selbst, mit ihm in genauer Verbindung standen
und seine Befehle auf das pünktlichste befolgten. Es war ein wahrer
Assassinen-Fürst, ein zweiter Alter vom Berge. Schon lange Zeit vor der
französischen Okkupation hatte er sein blutiges Räuber- und
Mörderhandwerk in diesem furchtbaren Walde getrieben, wo ihn die Arme
der elenden neapolitanischen Justiz nicht hatten erreichen können, und
von wo aus er die ganze Umgegend brandschatzte. Unser Bataillon erhielt
nun Befehl, diesen gräßlichen Menschen und seine Banden zu zerstreuen,
auf ihren Höhlen und Mordsitzen aufzuscheuchen und sie womöglich zu
vernichten. Aber vergeblich blieben alle Versuche. Die List, die ich in
den italienischen Alpen und den Gebirgen von Genua angewendet hatte, die
Briganten zu fangen, würde bei diesem alten schlauen Fuchs nichts
gefruchtet haben, und wenig fehlte, so wäre ich bei einem Versuch, in
diese Wildnis zu dringen, samt meinen Voltigeurs ein Opfer der
Fallstricke des listigen und blutdürstigen Benincasa geworden. Ich hatte
mich bei dem Verfolgen einiger verdächtiger Individuen verleiten lassen,
zu Pferde an der Spitze der Mehrzahl meiner Kompagnie in den Wald zu
dringen, und zwar da, wo sich scheinbar ein ziemlich breiter Eingang
zeigte. Der Mannschaft einige Schritte voransprengend, fühlte ich
plötzlich den Boden unter mir wanken und stürzte samt meinem Pferde in
eine über sechs Schuh tiefe Grube, die wohl fünfzig Fuß breit war und
über hundert im Umfang haben mochte und wahrscheinlich darauf berechnet
war, eine Abteilung verfolgender Reiterei stürzen zu machen, die man
dann in der Grube leichter zusammenschießen konnte. Da ich allein in
dieselbe gestürzt war, ohne daß jedoch ich noch mein Pferd bedeutend
beschädigt worden wären und meine Leute gleich herbeirannten, so hatte
es, da der Sturz so glücklich abgelaufen war, keine weitere Gefahr mehr
für mich, nur kostete es viele Mühe, das Pferd wieder aus der Grube zu
schaffen, da sie senkrechte Wände hatte, in welche die Soldaten sogleich
eine so schiefe Abdachung gruben, daß das erschrockene Tier
herausgeführt werden konnte. Dieser Vorfall war ein Warnungszeichen,
besser auf der Hut zu sein. Noch mehrere Versuche, die Banden aus dem
Walde zu jagen, scheiterten ebenfalls, und Düret hielt es für das beste,
mit dem Banditenfürst zu unterhandeln, nachdem er seine Berichte gemacht
und Vollmacht dazu begehrt und erhalten hatte. Aber die Unterhandlungen
zerschlugen sich, obgleich man dem Benincasa und seinen Banden große
Versprechungen gemacht und bedeutende Vorteile eingeräumt hatte.
Wahrscheinlich traute der alte Fuchs, der selbst nie ein Versprechen
gehalten, uns nicht. Sodann trat jetzt die Regenzeit in ihrer ganzen
Kraft ein und machte, daß wir wenigstens auf ein paar Monate alle
ferneren Versuche gegen diese aalartigen Feinde einstellen mußten, die
aber gerade deshalb um so kühner aus ihren Schlupfwinkeln hervortraten,
großen Schaden zufügten und mordeten und raubten, wo sie sich die
Stärkeren wußten. Ohnedies ist ein friedliches und gemächliches Leben
den rohen Naturkindern der kalabrischen Wildnisse verhaßt, Gefahren,
Raub und Mord ihr Element. Dabei besitzen sie eine außerordentliche
Gewandtheit und Behendigkeit und wissen ihre Gewehre trefflich zu
gebrauchen, jedoch immer nur aus dem Hinterhalt. In offener Schlacht
taugen diese Briganten nicht und halten nicht Stich gegen
wohldisziplinierte Truppen, nur die neapolitanischen Krieger fürchten
sie wenig, schätzen sie gering und werden von diesen gefürchtet. Wir
verließen, hauptsächlich durch den sich unaufhörlich in Strömen
ergießenden Regen gezwungen, die Gegend am Golf von Sankt Euphemia und
marschierten zuerst nach Monteleone, wo wir mehrere Tage weilten und
Kleider und Waffen in möglichst besten Stand zu setzen suchten, denn
beide hatten sehr gelitten. Wieder waren es Schuhe oder doch Sohlen, die
uns am meisten not taten, und viele der Leute gingen schon fast auf
bloßen Füßen. Dies war bei dem ewigen Hin- und Hermarschieren auf
solchem Boden und in solchem Wetter kein Wunder. Tag und Nacht wurde
patrouilliert, und alle von Neapel kommenden oder zurückkehrenden
Kuriere, Adjutanten, Stabsoffiziere und so weiter mußten von einer Stadt
zur anderen eine Eskorte von wenigstens dreißig Mann haben. Dies alles
machte den Felddienst außerordentlich beschwerlich. Auch kam es vor, daß
manche Kompagnien acht bis vierzehn Tage bei diesem Regenwetter
biwakieren mußten, wie es mir selbst einmal erging, so daß wir fast ganz
im Wasser und Kot lagen und schliefen. Die Lebensmittel waren dabei
ebenso schlecht wie in der ersten Kampagne und mangelten manche Tage
gänzlich. Viele Ortschaften waren ganz menschenleer und bis auf wenige
Hütten zerstört; auch hatten wir seit unserem Abmarsch aus Neapel keinen
Sold mehr erhalten, und ich hatte schon fast meine ganze Barschaft der
Kompagnie vorgeschossen, ein Vorteil, den keine andere Kompagnie hatte
und worum die meinige beneidet wurde. Aber ich konnte auch mit meinen
Leuten den Teufel austreiben, in die Hölle wären sie mir gefolgt,
während die anderen Soldaten des Bataillons, besonders Böhmen und
Österreicher, knurrten und murrten, denn an Knödel war da nicht zu
denken. Polenta und Reis gab es nur, und auch dieses nicht immer.
Fleisch war eine seltene Kost. Viele Soldaten hatten, aus der Not eine
Tugend machend, das Beispiel der Kalabresen befolgt und statt der
mangelnden und ganz zerrissenen Schuhe sich Sandalen aus Ziegenfellen,
oder was sie sonst haben konnten, um die Füße gewunden. Die Offiziere
waren oft noch weit schlimmer daran als der gemeine Mann, der raubte und
wegnahm, wo er etwas fand, was jene nicht konnten und froh waren, wenn
ihnen der Soldat etwas von dem Geraubten mitteilte. Meine Leute
versorgten mich jedoch trefflich und ließen mir oft Eier, Käse, Brot,
Speck und dergleichen zukommen, so daß ich an Lebensmitteln nur selten
Mangel litt, da sie mir immer das Beste brachten. Der französische
Soldat war bei all dem Mangel und Elend doch immer lustig und guter
Dinge, machte Bonmots und war unerschöpflich in Scherzen. Eine solche
Munterkeit unter allen Umständen ist in der Tat ein kostbares Geschenk
des Himmels. Unsere Leute und namentlich die Russen und Polen vergaßen
nur dann ihr Elend, wenn sie Aquavit genug haben konnten, wonach sie in
einem Dorf oder einer Meierei immer zuerst forschten. Machten sie einen
solchen Fund, dann war auf kurze Zeit wieder alles gut.
Da man in Sizilien glaubte, was auch die Engländer und wir selbst
vermuteten, daß man diesseits des Kanales eine Landung auf jener Insel
beabsichtige und vorbereite, wozu es allen Anschein hatte, so sandte die
sizilianische Regierung unaufhörlich Briganten in großen Haufen herüber,
die von den Engländern des Nachts an das Land gesetzt, sich dann
sogleich in die Wälder und Gebirge verloren und die französischen
Truppen auf alle Weise verfolgten, um ihnen die Gelüste nach der reichen
und schönen Insel vergehen zu machen. Wir wurden nun wieder mehr denn je
von den Insurgenten beunruhigt und in Atem erhalten. Während unseres
Aufenthaltes in Monteleone, einer nicht unbedeutenden Stadt von etwa
sechzehntausend Einwohnern, mit einem ehemals befestigten Schloß, das
Friedrich II. erbaute, wurde bei Fondaco del Fico, einem in der Nähe
jenseits Pizzo befindlichen, alten, halbverfallenen, sehr weitläufigen
Gebäude, welches das Aushängeschild: »_Osteria di Cicerone_« führte, ein
von Neapel kommender Kurier mit sehnsüchtig erwarteten Depeschen und
Briefen für das ganze Armeekorps angefallen, beraubt und samt seiner
Eskorte, aus einer Abteilung von einem Sergeanten befehligter Infanterie
bestehend, einigen zwanzig Mann, ermordet. Nur zwei, und davon der eine
noch schwer verwundet, waren so glücklich, dem Tode durch eine schnelle
Flucht zu entgehen und brachten die traurige Nachricht dieser
Begebenheit nach Pizzo und Monteleone. Aus ihrem Bericht ergab sich, daß
die Eskorte selbst mit schuld an ihrem Unglück sei, denn die Leute waren
nicht beisammen geblieben und zum Teil durch eine bedeutende Strecke
getrennt. In dem Augenblick, als sie überfallen wurden, waren keine zehn
Mann beisammen. Ungefähr ein halbes Jahr darauf wiederholte sich
derselbe Vorfall mit einem Detachement vom neunten Linienregiment in der
Gegend von Nicastro. Ich erhielt jetzt Befehl, mit meiner Kompagnie
ungesäumt nach Fondaco del Fico aufzubrechen und Jagd auf die Räuber zu
machen. Etwa eine Miglie davon stießen wir auf die schrecklich
verstümmelten Leichen der Ermordeten. Eine Menge zerrissener Papiere,
die ich sammelte, lagen nebst dem Felleisen des Kuriers umhergestreut.
Aber die Waffen der Unglücklichen, sowie deren Tornister hatten die
Briganten mit fortgeschleppt, die Leichen auch zum Teil ihrer Kleider
beraubt. Fondaco del Fico liegt an dem Eingang eines dichten Waldes und,
wie die Altertumsforscher behaupten, genau auf der Stelle, wo das alte,
vom Meer verschlungene Hipponicum gestanden haben soll, von dem noch
Tempelruinen in der Nähe sind. Cicero hat sich hierher geflüchtet, um
den Verfolgungen des Clodius zu entgehen, und schrieb aus dem nahen
Fundus sicae mehrere Briefe an den Atticus. Ich stellte zuerst die
nötigen Wachen um das Gebäude herum und gegen den Wald, ließ dann die
Leichen der Ermordeten durch Bauern nach Monteleone bringen, untersuchte
alle Zugänge und Schlupfwinkel des Eulennestes auf das sorgfältigste und
drang dann mit einer Abteilung meiner Leute, jedoch mit großer Vorsicht,
einige hundert Schritte in den Wald vor, ohne eine Spur von den
Briganten entdecken zu können, worauf ich mich wieder auf Ciceros
Osteria zurückzog. Mit einbrechender Nacht traf ich alle Vorkehrungen,
um mich gegen einen Überfall sicher zu stellen, und die Folgen bewiesen
bald, daß meine Vorsicht nicht unnötig war. Als es dämmerte, zündeten
meine Leute Feuer an und brieten das von Monteleone mitgebrachte
Ziegenfleisch an demselben. Wir waren mit Lebensmitteln auf drei Tage
versehen. Ich ließ fortwährend starke Patrouillen in geringer Entfernung
um unser Rattennest gehen, stellte mehrere Posten nach allen Richtungen,
jedoch immer _à portée_ einer vom anderen aus, und machte selbst
einigemale die Runde an der Spitze einer Patrouille. Es blieb aber alles
ruhig, bis kurz vor Mitternacht, wo plötzlich eine ungeregelte, aber
starke Decharge von Flintenschüssen auf die Posten abgefeuert wurde,
deren Kugeln um ihre Ohren pfiffen. Der Angriff geschah von der Seite
des Waldes, und kaum waren wir aufgesprungen, die Leute lagerten noch um
das Feuer, als ein Schuß ganz in unserer Nähe, keine fünfundzwanzig
Schritte entfernt, fiel, dessen Kugel einen Sergeanten mitten auf die
Brust, aber glücklicherweise da traf, wo sich dessen Büffetterie
(Riemenzeug) kreuzte, und ihm so keinen Schaden verursachte. Ich brach
nun mit etwa fünfzig Mann in der Richtung gegen den Wald auf, aber es
war, als seien unsere Feinde wie durch einen Zauberschlag verschwunden.
Man hörte und sah nichts mehr von ihnen. Den Wald selbst durfte ich
nicht zu betreten wagen, wollte ich nicht abgeschnitten werden; denn ich
kannte ja die Zahl der Gegner nicht und würde bei der herrschenden
Finsternis auch ohne allen Erfolg das Wagnis unternommen haben. Ich zog
mich wieder auf unsere Osteria zurück, besetzte gehörig alle Zugänge des
Gebäudes, ließ die ganze Mannschaft, alle Posten einziehend, in dasselbe
einrücken und verbarrikadierte dann die Hauptzugänge mit Holz, Erde und
Steinen. Bald nach Mitternacht gab die an einer kleinen Pforte stehende
Schildwache Alarm, und wir hörten nun deutlich das Annähern vieler
Fußtritte, sowie ein Summen von verworrenen Stimmen. Da man auf ein
dreimaliges _Qui vive!_ der Schildwache keine Antwort hörte, so feuerte
diese ab, worauf sogleich eine Salve von den sich nähernden Feinden
erfolgte, deren Kugeln aber an den Mauern unserer extemporierten Feste
abprallten. Daß die Bande sehr bedeutend sein mußte, war mir jetzt klar,
denn es schienen mindestens ein paar hundert Schüsse zu sein, die zumal
gefallen waren. Ich traf daher meine Anordnungen so, daß wir uns
wenigstens bis zum Anbruch des Tages in der Defensive hielten, denn in
dieser Dunkelheit einen unsichtbaren Feind angreifen zu wollen, dessen
Stärke und Position man nicht kannte, wäre Unsinn gewesen. Ich machte
mich aber auf einen Angriff und guten Empfang von meiner Seite gefaßt.
Letzteres war nicht nötig, da der erstere unterblieb und sich die
Briganten begnügten, von Zeit zu Zeit gegen das Gebäude zu feuern, aber
jedesmal aus einer anderen, ganz verschiedenen Richtung. Die Nacht war
sehr finster, stürmisch und regnerisch, und hätten die Briganten mehr
Mut und Entschlossenheit gehabt, so konnten sie uns viel zu schaffen
machen, besonders da die allenthalben verfallenen Mauern unserer Feste
wenig Schutz gewährten und ich sie nicht an allen Orten zugleich stark
besetzen konnte. Auch ließ ich alle Lichter löschen. Bald darauf sahen
wir dagegen viele Feuer an und in dem Walde auflodern, die der alte
Fuchs Benincasa, denn kein anderer als er war es, der diese Banden in
Person befehligte, hatte anzünden lassen und durch welche er mich in die
Falle und aus meiner Feste zu locken hoffte. Ich erkannte aber gleich,
was die Feuer zu bedeuten hatten, übersah meines listigen Gegners
Absicht und verließ Fondaco del Fico nicht. Nach anderthalb Stunden
erloschen die Feuer allmählich wieder. Als aber der Tag zu grauen
begann, erblickten wir zahlreiche Brigantenhaufen am Ausgange des Waldes
postiert, die, wie es den Anschein hatte, sich anschickten, uns jetzt
offen und am Tage anzugreifen. Ich hielt es für besser, einen solchen
Angriff nicht hinter den Mauern abzuwarten, obgleich ihre Zahl
wenigstens dreimal stärker war als die unsrige. Ich formierte meine
Kompagnie in Sektionen und rückte dann in geschlossener Kolonne gegen
die Haufen, die sich, als sie uns herankommen sahen, schlagfertig
machten. Im Geschwindschritt vormarschierend, ließ ich, noch einige
dreißig Schritte von dem Feinde entfernt, Halt machen, dreimal abfeuern,
nachdem ich die Kompagnie schnell in ein Peleton formiert hatte, und
dann kommandierte ich: »Fällt's Bajonett, Sturmschritt, vorwärts,
marsch!« Die Briganten hatten unser Feuer heftig erwidert, mir zehn Mann
mehr oder weniger schwer verwundet und einen getötet. Aber auch von
ihrer Seite hatten wir mehrere fallen gesehen. Als wir ihnen aber schon
dicht auf dem Leibe waren, zogen sie sich laufend in den Wald zurück,
hinter den Bäumen hervorfeuernd. Hier konnte ich sie nicht verfolgen, da
der Kampf in jeder Hinsicht zu ungleich geworden wäre, und zog mich, als
ich auf meiner rechten Seite in einer ziemlichen Entfernung neue Haufen
hervorbrechen sah, deren Absicht war, sich Fondacos, wo ich nur einen
schwachen Posten zurückgelassen hatte, zu bemächtigen oder mich
wenigstens davon abzuschneiden, schnell dahin zurück. Der übrige Teil
des Tages verstrich nun, ohne daß wir weiter beunruhigt worden wären.
Als aber die Nacht wieder angebrochen war, hörten wir deutlich ein
großes Getümmel im Walde, was mir anzudeuten schien, daß die Feinde
große Verstärkungen erhalten haben mußten. Etwa drei Stunden nach
Sonnenuntergang sahen wir plötzlich mehr als hundert Fackeln ähnliche
Lichter hellodernd aus dem Walde hervorkommen und sich gegen unsere
Feste zu, deren Barrikaden ich während des Tages noch möglichst hatte
verstärken lassen, in Bewegung setzen. Wir erkannten bald, daß die
Feuerbrände, welche ein Teil der Briganten in der Hand trug, während sie
in der anderen ihre Gewehre zum Abfeuern fertig hielten, große Stücke
von fettem, dürrem Nadelholz waren. Als sie sich beinahe auf Schußweite
unseren Mauern genähert hatten, ließ ich Feuer auf sie geben, das
sogleich erwidert wurde, worauf sie, zum Teil ihre Feuerbrände von sich
werfend, einen allgemeinen Angriff auf der Südseite von Fondaco
begannen. Dieser war jedoch nur fingiert, wie ich auch gleich vermutet
hatte, da ich andere Haufen ohne Fackeln, gleich Schatten, in einer
geringen Entfernung von den ersteren gesehen und recht gut bemerkt
hatte, daß sich diese, von der Dunkelheit begünstigt, aber doch durch
den wenn auch entfernten Fackelschein verraten, von einer anderen Seite
Fondaco näherten. Ich ließ sogleich auch die anderen, nach dem Meer zu
gehenden Teile der Gebäude möglichst stark besetzen und bewachen.
Während wir mit den bereits herangekommenen Briganten im Handgemenge
waren, nachdem sie ihre Gewehre und Pistolen abgefeuert, hatten wir uns
hauptsächlich ihrer Dolchstöße zu erwehren, denn der Kampf wurde an den
Eingängen und Breschen geführt, vernahmen wir plötzlich das
Alarmgeschrei auf der anderen Seite, wohin ich jetzt eilte, meinem
Leutnant überlassend, die fingierten, aber doch ernstlichen Angriffe
zurückzuschlagen. Bald war der Kampf ringsum allgemein, und meine
Voltigeurs schlugen mit den Gewehrkolben auf die Feinde los, während ich
von einem Posten zum anderen sprang, die Leute zur tapferen Verteidigung
aufmunternd. Als ich so hin und her lief, vernahm ich plötzlich an einer
etwas von mir entfernten Stelle, wo die Mauer sehr hoch, noch unversehrt
und nicht bewacht war, ein Geräusch. Ich näherte mich leise auf den
Zehen, blieb dann bewegungslos stehen und entdeckte bald, wie sich zwei
Briganten schon an der inneren Mauer sachte herabließen, denen andere,
die auch bereits die Köpfe über die Mauer streckten, folgen sollten.
Jetzt sprang ich auf den ersten, als er beinahe den Boden erreicht
hatte, zu und rannte ihm meinen Säbel durch den Leib, so daß er
furchtbar brüllend zu Boden stürzte. Der ihm folgende aber kletterte
eiligst wieder das Seil hinan, an dem er sich herabgelassen und das
jenseits der Mauer festgehalten wurde. Mit dem Säbel konnte ich ihn
nicht mehr erreichen, dagegen schoß ich eine Pistole auf ihn ab, traf
ihn aber nicht so, daß er am Entkommen verhindert gewesen wäre. Doch war
er, nach dem Blut, das er verlor, zu urteilen, stark verwundet. Der am
Boden Liegende winselte und schrie: »_Misericordia, misericordia!_« Ich
rief nun nach Licht, entwaffnete den schwer verwundeten Gefangenen
vollends, ließ ihn vorerst da liegen und beorderte einen Korporal, so
lange das Gefecht dauere, die Runde mit drei Mann fortwährend innerhalb
der Mauern zu machen, um jedem Versuch eines Übersteigens sogleich zu
begegnen. Und wirklich wurde noch zweimal ein solcher gemacht, während
der Kampf an den teilweise eingerissenen Barrikaden auf das wütendste
fortwährte. Einer der Übersteigenden hatte sich in das Bajonett eines
Voltigeurs gespießt, mit dem ihn derselbe aufgefangen hatte. Noch
mehrere Stunden dauerte das verzweifelte Gefecht fort, da immer frische
Brigantenhaufen in das Gebäude zu dringen versuchten. Schon waren meine
Leute sehr ermüdet, sieben derselben außer Kampf gesetzt und zwei
getötet, mehrere leicht verwundet. Aber auch die Briganten hatten schon
ziemlich viel Tote und Verwundete. Nachdem die Feinde wenigstens zehn-
bis zwölfmal ihre Attacke, meistens unter den stärksten Regengüssen,
erneuert, auch schon einmal einen scheinbaren Rückzug gemacht und eine
halbe Stunde darauf wiedergekommen waren, um mit erneuerter Wut ihre
Angriffe zu beginnen, zogen sie sich endlich gegen Morgen, an einem
günstigen Erfolg ihrer vergeblichen Anstrengungen zweifelnd, zurück. Was
mich hauptsächlich gegen ihre große Übermacht schützte, denn es mochten
wohl über tausend Mann sein, die uns gegenüberstanden, war die
Regellosigkeit ihrer Angriffe, Mangel an Einheit und Zusammenwirken, da
fast jeder nur auf seine Faust tat, was ihm eben das Beste deuchte, und
wenig auf ein Kommando hörte. Nur darin stimmten sie überein, daß sie
das Gebäude erstürmen und uns ermorden wollten. Hätten sie bei ihrer
Übermacht und dem elenden Zustande unserer Befestigungen zumal und auf
allen Seiten zugleich den Angriff begonnen, so würden wir einen
schlimmen Stand gehabt haben. Durch die Aussagen der zurückgebliebenen
Verwundeten, sie hatten deren einige zwanzig nebst elf Toten
zurückgelassen, erfuhr ich, daß Benincasa wieder die Seele dieser
Expedition war und allem Vermuten nach weitere Versuche der Art machen
würde. Indessen waren die mitgebrachten Lebensmittel aufgezehrt, mein
ferneres Hierbleiben also unmöglich, auch so ziemlich zwecklos. Meine
Instruktion lautete ohnehin, daß, wenn ich binnen drei Tagen nicht durch
andere Truppen abgelöst würde, ich zurückzumarschieren habe, weshalb ich
beschloß, nach Pizzo und Monteleone aufzubrechen. Aber auch mein Abzug
war gefährlich genug, denn die Banden im Walde wurden beständig durch
neu hinzukommende Briganten verstärkt und würden uns sicher, unser
kleines Häufchen erkennend, jetzt auch im freien Felde überfallen haben.
Als ich so überlegte, wie unser Rückzug am besten zu bewerkstelligen sei
und mich deshalb auch mit den Unteroffizieren beriet, hörten wir auf
einmal Trommelschlag und sahen hinter einem nahen Gebüsch unsere
Karabinier-Kompagnie, vom Kapitän Czerny angeführt, zu unserer großen
Freude mit blinkenden Gewehren anmarschieren. Jetzt waren wir erlöst.
Fast zu gleicher Zeit traf auch noch ein vierzig Mann starkes
Detachement von Royal-Corse, das einen anderen, von Neapel kommenden und
nach Reggio bestimmten Kurier geleitete, ein, und als ich im Begriff
war, abzumarschieren, kamen noch vier Kompagnien vom neunten
Linienregiment an, die zur Verstärkung des Belagerungskorps nach Scylla
bestimmt waren. Letztere blieben jedoch bei Fondaco über Nacht, während
ich mit meinen Voltigeurs und der Eskorte des Kuriers nach Monteleone
abging, nachdem ich den Kapitän Czerny noch vorher von allem gehörig
instruiert hatte. Die Wege hatten sich durch den vielen Regen seit drei
Tagen so verschlimmert, daß ich, obgleich zu Pferde, Mühe hatte,
durchzukommen. Ein kleiner Bach, den wir passieren mußten und der uns
beim Hermarsch kaum bis an die Waden gegangen, war schon so
angeschwollen, daß uns das Wasser bis an die Brust reichte, und so
reißend, daß wir wieder, Mann an Mann dicht geschlossen, durch denselben
waten mußten. In der Nähe von Pizzo stießen wir auf drei gräßlich
verstümmelte Leichname französischer Soldaten, denen Nasen und Ohren
abgeschnitten waren und welchen man zum Hohn die Zeugungsglieder in den
Mund gesteckt hatte; sogar die Augenhöhlen waren ihnen ausgebohrt.
Dieser Anblick versetzte uns in die größte Wut. Das Tschakoschild und
die Platten der Patrontaschen, die wir in der Nähe fanden, denn die
Leichname waren aller Kleider beraubt, verkündeten uns, daß es Chasseurs
vom zwanzigsten Linienregiment waren, von dem eine kleine Abteilung in
Pizzo lag. Hier machte ich einen kurzen Halt und ließ Erfrischungen aus
dem Städtchen holen, worauf ich, immer unter dem heftigsten Regen, nach
Monteleone aufbrach. Aber kaum mochten wir fünfhundert Schritte
zurückgelegt haben, als sich eine starke Brigantenbande, wohl an
vierhundert Mann, unseren Blicken zeigte und Miene machte, uns das
Weitermarschieren ersparen zu wollen. Daß die Übermacht der Kalabresen
im Freien eben nicht sehr zu fürchten ist, wußte ich nun schon aus
Erfahrung, sowie, daß Entschlossenheit und ein herzhafter Angriff sie
schnell zum Wanken bringt. Ich besann mich daher nicht lange und
marschierte im Sturmschritt auf den Schwarm zu, der, als wir nahe genug
waren, Gewehre und Pistolen auf uns abfeuerte. Auch ich ließ Feuer
geben, aber die meisten Gewehre versagten von beiden Seiten wegen der
durch das Regenwetter verursachten Nässe. Dennoch hielten die Briganten
stand, auf die wir nun mit gefälltem Bajonett eindrangen. Nach geringem
Widerstand, wobei sie ihre Dolche wenig gebrauchen und ihre Pistolen,
die ohnehin meistens versagten, nicht wieder laden konnten, da wir ihnen
keine Zeit dazu ließen, ergriffen sie die Flucht und zerstreuten sich,
ihre Toten und Verwundeten im Stiche lassend, die uns in die Hände
fielen. Ich verfolgte sie zwar eine kleine Strecke, ließ jedoch bald
davon ab, da es unmöglich war, sie zu erreichen. Wir setzten nun unseren
Marsch nach Monteleone fort, wo wir am Nachmittag eintrafen. Die
gefangenen und verwundeten Briganten, die ich zu Fondaco und bei Pizzo
gemacht, wurden noch denselben Tag auf Dürets Befehl erschossen, wie
alle Bewohner Kalabriens, die mit den Waffen in der Hand gefangen
wurden. Die Banden hörten nicht auf, alle Städte und Ortschaften, in
denen sich französisches Militär befand, zu umschwärmen, und machten
sich oft mit unglaublicher Frechheit bis vor die Tore der Städte, so daß
es keinem einzelnen Soldaten zu raten war, sich nur auf hundert Schritte
von denselben zu entfernen. Noch vierzehn Tage blieb das Bataillon, von
dem aber beständig zwei Dritteile detachiert oder auf Streifzügen
begriffen war, in Monteleone. Diese Stadt, welche eine sehr angenehme
Lage in einer schönen Ebene, einer der fruchtbarsten und üppigsten von
ganz Kalabrien, hat, ist ziemlich wohlhabend und war kein unangenehmer
Aufenthalt für die Kompagnien, die sich nach ihren Strapazen in
derselben erholen durften.
Trotz des wütenden Franzosenhasses der Kalabresen, den sie auch ihren
Weibern und Kindern einprägten, gelang es mir dennoch, die junge Frau
eines Krämers zu Monteleone auf meine Seite zu bringen, mit der mich der
Zufall in nähere Berührung gesetzt hatte. Als ich eines Morgens aus
meiner Wohnung trat, sprang gleich einem gescheuchten Reh ein junges
weibliches Wesen mit feurig schwarzen Augen in dem zierlichen Kostüm
dieser Gegend über die Straße hinüber zu einer Nachbarin und verlor
dabei ihre große silberne, mit einem dicken Knopf versehene Haarnadel,
mit welcher hier zu Lande die Frauen und Mädchen ihr dickes, seidenes
Haar aufstecken und zusammenhalten, ohne daß sie ihren Verlust bemerkte.
Als glücklicher Finder nahm ich mir vor, den Fund selbst wieder zu
übergeben. Sie war aber schon in das Haus getreten, und als ich ihr
folgen wollte, kam sie wieder mit aufgelösten Haaren zurück, das Kleinod
ängstlich suchend, das ich ihr mit einem: »_Ecco signorina quel che
cercate!_« überreichte, worauf mir ein »_Grazie molto!_« mit einem
wohlgefälligen Blick wurde. -- »_E la buona mano?_« fragte ich nun. --
»_L'avrete!_« erwiderte sie, sich lächelnd entfernend, mir noch einen
seelenvergnügten Blick zuwerfend, indem sie sagte, ihr Mann werde nicht
ermangeln, für die _buona mano_ zu sorgen. Was sie damit sagen wollte,
begriff ich nicht. Aber eine Viertelstunde daran brachte mir der Mann
ein kleines Körbchen mit allerlei Spezereien, womit er mich belohnen
wollte, seiner Gattin die silberne Nadel wiedergegeben zu haben. Diese
hatte es mit der _buona mano_ ernstlich gemeint, und auch geglaubt, daß
es mein Ernst gewesen, als ich eine solche begehrte, worüber ich
herzlich lachen mußte. Dem Überbringer aber erklärte ich, daß, wenn ich
die Sachen behalten solle, er ein Gegengeschenk dafür annehmen müsse,
und ich gab ihm ein neapolitanisches Goldstück, das wenigstens den
dreifachen Wert hatte. -- »Alle Francesi sind doch keine Diavoli, wie
unser Beichtvater versichert,« meinte der gute Mann.
Die Feuerblicke der jungen Frau hatten indessen mein leicht entzündbares
Herz in Flammen gesetzt, und ich spähte bald die Zeit aus, wann sie in
die Kirche ging, wo ich aber das Weihwasser zur näheren Bekanntschaft
nicht anwenden konnte, da die guten Kalabreserinnen diese Galanterie
nicht kannten. Das Kirchengehen hätte mich nicht weiter gebracht, wenn
mich nicht ein altes armes Weib beobachtet und bemerkt hätte, daß meine
Augen immer mit Wohlgefallen auf der jungen Krämersfrau ruhten. Auch
hielt sie mich für einen guten katholischen Christen, da ich, wie ich es
schon seit meiner Ankunft in Italien getan, die hauptsächlichsten
Zeremonien der katholischen Kirche mitmachte, was die wenigsten anderen
Offiziere, wenn sie auch wirklich katholisch waren, taten. Ich gab dem
alten Weib einige Male ein Almosen von ein paar Kupfermünzen; die zeigte
sich dafür so erkenntlich, daß sie mir beim dritten Male ganz _sotto
voce_ sagte, wenn sie mir in irgend etwas dienen könne, ich es ihr nur
anvertrauen möge, sie wolle es bestens besorgen, denn sie sähe wohl, daß
ich ein _buon christiano_ und kein _diavolo francese_ sei. Ich ließ mich
in ein Gespräch mit ihr ein und erfuhr, daß die hübsche Krämersfrau
Bettina Bergella heiße und die Tochter eines Seidenwebers sei, die sie
als Kind gewartet und oft auf ihren Armen getragen habe, sie erhalte
auch immer noch kleine Geschenke von ihr. Ich gab der Alten einen
Ducato, der sie noch weit gesprächiger machte, so daß sie mir ohne
weitere Umstände erklärte, daß, wenn ich es wünsche, sie die
Unterhändlerin zwischen der Signora Bergella und mir machen und die
Sache schnell zu einem erwünschten Ziel bringen wolle. Ich nahm das
Anerbieten dankbar an, und die alte Hexe hatte es schon in den nächsten
vierundzwanzig Stunden so weit gebracht, daß ich eine Zusammenkunft in
ihrer Kammer mit der jungen Frau hatte, welche sie zu bereden gewußt und
versichert hatte, wie sie mir sagte, daß ich kein Diavolo francese sei,
wie ihr Vater, ihr Mann und ihr Beichtvater vorgaben, auch würde sie
durch den Umgang mit mir weder länger im Fegfeuer oder gar in der Hölle
schmachten, da ich vom Papst selbst, den ich kenne, Absolution für alle
Sünden für uns beide erhalten würde. Genug, sie hatte das Weibchen zu
beschwatzen gewußt, die sich auch vielleicht gerne beschwatzen ließ und
die Gründe der Alten mit Wohlgefallen anhörte. Ich schlich mich in der
Dämmerung in die Wohnung der Unterhändlerin, und bald darauf fand sich
auch die artige Kalabreserin, direkt von ihrem Vater kommend, daselbst
ein. Sie sträubte sich zwar anfänglich ein wenig gegen meine
Liebkosungen, aber es war mehr Ziererei als Verschämtheit, und während
ich sie mit kalabresischem Feuer in die Arme schloß, machte die Alte die
Aufpasserin, damit wir nicht überrascht werden konnten. Ich hatte auf
diese Weise wohl ein halbes Dutzend Zusammenkünfte mit Bettina während
meines Aufenthaltes in Monteleone. Die alte Hexe, die sich vortrefflich
dabei stand und von beiden Seiten Geschenke erhielt, bot sich an, mir
noch andere junge Weiber aus dem Orte zuzuführen, wenn es mir Vergnügen
mache. Aber ich verbat es mir, auch währte mein Hiersein nur noch wenige
Tage, denn ich wurde nochmals mit der Kompagnie, und zwar nach Mileto
detachiert, wo wir indessen nur drei Tage blieben. Monteleone war,
Cosenza ausgenommen, wohl mit der angenehmste Aufenthalt in ganz
Kalabrien, und muß vor dem furchtbaren Erdbeben von 1783, welches die
ganze Provinz schrecklich verwüstete und vielen tausend Einwohnern das
Leben kostete, noch weit bedeutender gewesen sein. Noch waren hier sowie
in Mileto die Spuren von diesem entsetzlichen Naturereignis sichtbar,
und allenthalben stieß man auf in Ruinen verwandelte Gebäude. Auch
zählten vor diesem Unglück diese Städte mehr als die doppelte, ja
dreifache Einwohnerzahl, kaum daß der dritte Teil der zerstörten Häuser
wieder aufgebaut war.
Mileto liegt auf einer Anhöhe unfern den Ruinen des alten _Miletus_. In
dieser Gegend war es, wo vor wenigen Monaten der Prinz von
Hessen-Philippsthal von Regnier geschlagen worden war. Ich besuchte das
Schlachtfeld, auf welchem damals der Besitz des Königreiches entschieden
wurde; denn wurde Regnier nochmals geschlagen, so war Neapel für den
neuen Herrscher verloren. Von hier wurden wir sowie das ganze in
Monteleone, Nicastro und so weiter stehende Bataillon nach Seminara
beordert. Der Marsch dahin über Rosarno, Drosi und so weiter und die
Wege waren abscheulich. Oft war kaum durchzukommen, und wir mußten
ungeheure Umwege machen, um Stellen aufzufinden, wo wir die hoch
angeschwollenen Wald- und Bergströme passieren konnten, was immer mit
großer Gefahr verbunden war. In Rosarno, sodann in Gioja und Drosi wurde
Nachtquartier gemacht, und zu Seminara angekommen, ein Teil des
Bataillons nach Palma detachiert. Alle diese Orte waren bei dem
schrecklichen Erdbeben von 1783 fast gänzlich zerstört worden und noch
weit entfernt, sich nach einem Vierteljahrhundert wieder erholt zu
haben. Überall stieß man auf Trümmer, und Seminara, das vor dem Erdbeben
mehr als zwölftausend Einwohner zählte, hatte deren jetzt kaum
dreitausend, war nur an einer Stelle wieder aufgebaut, und mehr als
viertausend Menschen waren unter dem Schutt der eingestürzten Häuser
begraben worden. Auch Palma, das an dem Ufer des Meeres liegt, hatte
zwei Dritteile seiner Bewohner verloren, war aber wieder sehr regelmäßig
hergestellt. Kaum hatten wir zweimal vierundzwanzig Stunden geruht, so
wurden zwei Kompagnien, worunter die meinige, vor Sciglio oder Scilla,
und zwei andere vor Reggio beordert. Diese beiden Festungen waren noch
von den Engländern und Sizilianern besetzt und wurden von uns blockiert
und belagert. Scilla, welches der Tyrann Anaxilas von Rhegium gegründet,
und das ebenfalls durch jenes Erdbeben stark mitgenommen wurde, liegt in
einer weiten Schlucht unfern dem Kap Scilla, zu der man nur von der See
aus gelangen kann. Die Stadt selbst, die etwa fünf- bis sechstausend
Einwohner zählte, lehnt sich an einen hohen Felsen dieser Schlucht, und
auf einem zweiten, ihr gegenüber liegt das feste Schloß, welches von
ungefähr fünfhundert Briganten und Sizilianern verteidigt wurde. Eine in
den steilen Felsen gehauene schmale Treppe verbindet das Fort mit der
Stadt, und vermittelst den in der Meerenge liegenden englischen Schiffen
unterhielt die Besatzung ihre Kommunikation ununterbrochen mit Sizilien.
Von hier, wo noch wenig Aussicht war, sich dieser Feste zu bemächtigen,
wurde meine Kompagnie ebenfalls vor Reggio beordert. Die
Wahrscheinlichkeit war aber ebenso gering, diese Stadt zu nehmen, da sie
eine gute englisch-sizilianische Besatzung hatte. Es fehlte uns immer
noch an hinlänglichem Belagerungsgeschütz, das die Engländer
größtenteils gekapert, und die bloße Blockade zu Land, da die Garnison
mit allem Notwendigen von der See aus versorgt wurde, brachte uns nicht
weiter. Wir waren zehnmal übler daran als die Belagerten, denn wir
litten Mangel an allem. Das unaufhörliche Regenwetter machte diese
Belagerung oder vielmehr Blockade zu dem unangenehmsten Geschäft von der
Welt. Das ganze Erdreich hatte sich sozusagen in Schlamm aufgelöst, alle
Waldströme waren ausgetreten. Die Wälder selbst, an vielen Orten nur auf
Schußweite von der Küste entfernt, wimmelten von Briganten und
Insurgenten, die nicht aufhörten, uns zu beunruhigen, ohne daß wir etwas
Nachdrückliches gegen sie zu unternehmen imstande gewesen wären. Sie
stürzten sich wie reißende Tiere wütend auf jede Beute, die sich ihnen
darbot, und von der sie mit Sicherheit voraussehen konnten, daß sie
ihnen zuteil werden mußte. Wir, die Belagerer, waren gewissermaßen
wieder belagert und blockiert, da uns von diesen Wald- und
Höhlenbewohnern oft die besten Zufuhren weggenommen oder abgeschnitten
wurden. Trotzdem mehrere bedeutende Orte, wie Calanna, San Agata und
andere Dörfer in der Nähe von Reggio lagen, welche abwechselnd von den
Truppen, um sich zu erholen, besetzt wurden, mußten wir doch manchmal
eine ganze Woche unter freiem Himmel und im Regen, Schlamm und Wasser
kampieren, ohne daran denken zu können, die Kleider am Leibe nur einmal
zu trocknen. Denn indem man das Hemd wechselte, wenn man ja eines zu
wechseln hatte, wurde dasselbe schon wieder durch und durch naß. Kein
Feuer brannte mehr und die aufgeworfenen Erdhütten waren voll Wasser.
Man stand oder saß im Morast, während das Wasser am Körper in Strömen
herabrollte, und dabei oft kein Stück trockenes Brot, viel weniger etwas
Warmes zu essen. Nur Wein und Branntwein war meistens in hinlänglicher
Quantität vorhanden. Man sollte kaum glauben, daß Menschen nur
vierundzwanzig Stunden solche Strapazen auszuhalten imstande seien. Aber
wie vermag sich der Körper nicht abzuhärten! Daß ich in meiner Kindheit
und bei Breidenstein so hart und rauh gehalten worden, kam mir jetzt
sehr zu statten. Zwar blieb mein Fieber nicht aus, aber China und roter
Wein verscheuchten es wieder. Unsere Kranken mehrten sich übrigens bald
auf eine Weise, welche Schrecken und Besorgnis einflößen mußte.
Schön ist der Anblick der Meerenge von Messina, das man mit seinem
Mastenwald und dem prächtigen Hafen von der diesseitigen Küste erblickt,
ebenso im Hintergrunde die Rauchwolken des kolossalen majestätischen
Ätna. Bei einer späteren Fahrt durch diese Meerenge mit einer
französischen Flotte, 1814, von Korfu kommend, hatte ich Gelegenheit,
die herrlichen Küsten Siziliens ganz in der Nähe in Augenschein zu
nehmen. Der Gipfel des alten Ätna war jetzt mit Schnee bedeckt, aus dem
der Rauch emporzuquellen schien.
Nach beinahe drei Wochen, als wir fast zwei Dritteile der Leute, die nur
schlecht gepflegt werden konnten, eingebüßt hatten, wurden wir endlich
durch neue, von Neapel ankommende Bataillone abgelöst. Wir marschierten,
noch immer unter Regen, fast schuhlos und abgerissen, über Monteleone,
Nicastro und so weiter bis nach Cosenza zurück. Es war wirklich ein
Jammer, anzusehen, wie die Leute auf den grundlosen Wegen, mit den mit
Stricken an den Füßen befestigten Stücken von Ziegenfellen, die immer
wieder rissen, bei der schlechtesten Kost, vorwärts mußten. Auch die
Gamaschen und Beinkleider hingen schon ziemlich zerlumpt um die Waden.
Oft bedurfte es keiner geringen Anstrengung, die Füße aus dem Morast zu
bringen, wo dann die Schuhlappen oder Felle noch stecken blieben und mit
bloßen Füßen weiter marschiert werden mußte, bis man wieder etwas fand,
sie zu bedecken. Erst in Cosenza wurde diesen beklagenswerten
Übelständen teilweise abgeholfen, neue Schuhe ausgeteilt und ein
vierwöchentlicher Sold ausgezahlt. Wir befanden uns wie in einem
Paradies, und die Soldaten vergaßen in den Schenken jubilierend alles
ausgestandene Ungemach bei dem starken roten Wein. Nach einer
fünftägigen Rast und bestmöglichster Restauration brachen wir nach
Neapel auf. Aber die Wege waren nicht besser, wohl noch schlimmer, die
Bäche und Flüsse kaum mehr zu passieren, und ehe wir nach Tarsia kamen,
ertranken vier Mann in dem Fluß Crati, durch den Strom von der Masse
weggespült, hinter Castrovillari wieder zwei in einem Waldbach. Endlich
rückten wir anfangs Dezember, nach unbeschreiblichen Strapazen und
Entbehrungen, ganz zerlumpt und mit kaum einem Dritteil der
ausmarschierten Mannschaft in Neapel ein, wo ich mein altes Quartier in
Giesù nuovo wieder bezog und mehrere Briefe vorfand, unter denen einer,
der mir Gertrudens glückliche Niederkunft meldete.
Schon in den ersten zwei Tagen übergab mir Madame Gasqui die Rolle des
Britannikus, mit der Bitte, sie doch möglichst schnell einzustudieren,
da die Königin den Wunsch geäußert habe, dieses Trauerspiel von Racine
aufführen zu sehen. -- »Aber, lassen Sie mich um Gotteswillen nur zu
Atem kommen,« bat ich die in mich dringende Schöne, und acht Tage später
spielte ich wirklich den Britannikus ganz zur Zufriedenheit Ihrer
Majestät, wie sie mir selbst zu versichern geruhte, und hoffte nun für
die ausgestandenen Leiden ein recht vergnügtes Hofleben, ein angenehmes
Weihnachtsfest, und einen noch fröhlicheren Karneval in der Hauptstadt
des irdischen Paradieses, in welchem ich auch mein Helenchen wieder
aufgesucht und einige sehr schöne Hofdamen in Perspektive hatte, in
_dolce giubilo_ zuzubringen. Aber ich machte die Rechnung ohne den Wirt,
denn acht Tage nach der Vorstellung des Britannikus eröffnete mir der
Oberst Omeara, daß ich nebst noch sieben anderen Offizieren, von den
beiden ersten Bataillonen, wieder nach Genua abgehen müsse, wo ein
viertes Bataillon aus der dort im Depot angekommenen Mannschaft schnell
formiert werden solle und zu dem ausdrücklich die tüchtigsten Offiziere
des Regiments versetzt werden müßten, da, wie es schien, dasselbe eine
besondere Bestimmung erhalten würde. Schon den nächsten Tag erhielten
wir unsere Marschrouten nebst der Ordre, in drei Tagen abzureisen. Ich
ordnete meine Sachen, nahm von Moritz und den anderen Bekannten und
Damen Abschied, und machte mich an dem festgesetzten Tage mit meinen
Kameraden auf dem Wege nach Rom.