Reise über Mailand nach Rom. -- Mailand. -- Die Einwohner. -- Der
Advokat Mazetti. -- Eine Spielhölle. -- Ich rette Graf G... aus
den Klauen falscher Spieler. -- Bellina. -- Abreise von Mailand nach
Rom. -- Ankunft zu Rom. -- Wiedersehen. -- Abfahrt nach Neapel.
Meine Marschroute gestattete mir wieder einen Monat Zeit, um den Ort
meiner Bestimmung zu erreichen; da ich mit Extrapost ganz bequem in fünf
bis sechs Tagen und noch früher in Civita-Vecchia eintreffen konnte, so
benutzte ich die dadurch gewonnene Zeit, die merkwürdigsten Städte der
Lombardei und Oberitaliens, die ich noch nicht gesehen hatte, zu
besuchen, so vor allem Mailand.
Ich hatte mir vorgenommen, vierzehn Tage in dieser merkwürdigen Stadt
zuzubringen, mein Aufenthalt dehnte sich aber beinahe drei Wochen aus.
Das gesellige Leben war zu jener Zeit noch immer freundlich, obgleich
man sich sehr vor dem napoleonischen Spionenwesen fürchtete und seine
Worte gewaltig auf die Wagschale legte. Dennoch war man gegen Fremde
zuvorkommend, artig, gastfrei und selbst dienstfertig. Ich hatte
durchaus keine Empfehlungen mit nach Mailand gebracht, ging auch fast
immer nur in Zivilkleidern und hatte doch in den ersten paar Tagen schon
im Theater und im Kaffeehause die Bekanntschaft einiger angesehener
Bürger gemacht, die mich zu sich einluden und in ihren Familien
einführten. Die Schönheit der Mailänderinnen ist in Oberitalien
sprichwörtlich, sie haben eine sehr frische Hautfarbe, einen äußerst
wohlproportionierten Wuchs, schöne Augen, meistens ein rabenschwarzes,
dickes, langes Seidenhaar, das freilich oft sehr frühe ins Graue
übergeht, dabei viel Anmut und angenehme Manieren, lieben Putz und
Pracht leidenschaftlich, wissen sich aber mit Geschmack und gewählt zu
kleiden und trugen damals sehr die Pariser Moden, die man acht bis zehn
Tage später, als sie in Frankreichs Hauptstadt erschienen, gewiß war,
auf dem Korso und in der Skala bewundern zu können. Auch in Equipagen,
deren man Hunderte in einer Reihe begegnete, wurde großer Aufwand
gemacht. Mailand war damals diejenige Stadt Italiens, wo man die
Franzosen am wenigsten ungern sah, selbst die Männer waren ihnen nicht
gerade abhold. Ich war in einem Gasthof abgestiegen, den ich jedoch nach
zwei Tagen mit einer Privatwohnung in der Nähe des Domplatzes
vertauschte, von wo ich meine Ausflüge in alle Teile der Stadt bequem
machen konnte.
Als ich das Canobbiana-Theater zum erstenmal besuchte, machte ich die
Bekanntschaft eines ältlichen Mannes, der sich mir als einen Advokaten
namens Mazzetti zu erkennen gab und, nachdem er mich nach meiner Wohnung
gefragt hatte, mir schon den anderen Tag in den Vormittagsstunden einen
Besuch abstattete; er versicherte, daß er sehr für mich eingenommen sei
und bedauerte nur, mich nicht früher gekannt zu haben, weil er mir sonst
eine Stanza in seinem Hause angeboten haben würde. Über diese
außerordentliche Zuvorkommenheit und teilnehmende Gefälligkeit erstaunt,
deren Grund ich mir nicht wohl zu erklären vermochte, war ich auf meiner
Hut. Daß es meine liebenswürdige Persönlichkeit nicht sein konnte, die
den alten Rechtsverdreher anzog, war mir klar, und am allerwenigsten
hielt ich einen Italiener, wenn auch einen Mailänder, einer so schnell
auflodernden uneigennützigen Freundschaft fähig, obgleich mich Signor
Mazzetti auf _corpo_ und _anima_ versicherte, daß er sich nur zu mir
hingezogen fühle, weil ich ein noch mit den italienischen Sitten
unbekannter Signor Cavaliere _forestiere_ und in dem gefährlichen
Mailand so ganz unbekannt sei; mein offenes Wesen und meine
Liebenswürdigkeit, ich müsse charmanter Eltern Kind sein, habe ihn so
angesprochen, daß er sich vorgenommen, mir den Aufenthalt in seiner
Vaterstadt möglichst angenehm zu machen. Der alte Fuchs hatte während
der Zeit seine Späherblicke in meinem Zimmer umherspazieren lassen,
meine Koffer und das Wagenkistchen wohlgefällig betrachtet und gefragt,
ob ich mit eigenem Wagen und Extrapost reise, und mich dann dringend
gebeten, ihn doch ja noch denselben Abend mit einem Besuch beehren zu
wollen, wo ich eine angenehme und sehr unterhaltende Gesellschaft bei
ihm antreffen würde, namentlich auch einige sehr liebenswürdige Damen
von seiner Bekanntschaft, ausgezeichnete musikalische Talente. Als ich
ihm erwiderte, daß auch ich dieser Kunst nicht ganz fremd sei,
versicherte er mir mit einem Faunenlächeln, daß ihn diese Entdeckung
entzücke, und schmunzelte dabei satanisch unter seinen buschigen
Augenbrauen. Als ich versprach, seinem Divertimento beiwohnen zu wollen,
konnte er kaum die Freude, die aus seinen grimassierenden Mienen
hervorleuchtete, die mir aber nicht entging, verbergen. Er blieb,
während ich mich ankleidete, bat mich dann, ihm doch die Ehre zu
erzeigen, die Schokolade mit ihm in einem nahen Kaffeehause nehmen zu
wollen, wobei ich bemerkte, wie der alte Fuchs mit gierigem Wohlbehagen
seine Augen auf die gefüllte Börse warf, die ich zu mir steckte. Während
wir die Schokolade tranken, unterhielt er mich mit allerlei
Stadtneuigkeiten, die mir nicht uninteressant schienen, und ich
begleitete ihn dann auf sein Verlangen bis an seine Wohnung in der
Straße San Giuseppe, damit ich, wie er meinte, sie den Abend um so
weniger verfehlen könne, und die er mich wohl zu merken bat. Er hatte
sich unterdessen auch nach meinem Namen und Stand erkundigt. Ersteren
teilte ich ihm mit, und er machte ein Signor Federico daraus. Aber ich
verschwieg ihm, daß ich französischer Offizier sei, und gab mich für
einen zu seinem Vergnügen reisenden Sohn eines wohlhabenden Kaufmannes
aus, der besonders Italien kennen zu lernen wünsche. Zur
übereingekommenen Stunde verfügte ich mich zu meinem überartigen Patron
und fand daselbst eine, wie es mir schien ziemlich gemischte
Gesellschaft von einigen zwanzig Personen, unter denen mehrere recht
hübsche Damen, eine junge Sängerin, _seconda Donna della Canobbiana_,
und eine reizende Tänzerin _della Scala_. Mein freundlicher Wirt stellte
mich den Damen als einen _Cavaliere forestiere_ von sehr guter Familie
vor. Die Unterhaltung ward bald animiert genug, man reichte Eis,
Limonade und Süßigkeiten herum, sodann wurde musiziert; Signora Bellina,
so hieß die Cantatrice, trug allerliebste Cavatinen und _Canzonette
buffe_ vor, so daß alle davon entzückt waren, besonders als sie das
damals so beliebte >_Una povera ragazza tutt' onesta_< und so weiter mit
einem _parlando espressivo_ sang. Auf des Hausherrn Ersuchen, der, ohne
mich noch gehört zu haben, mich seinen Gästen als einen _virtuoso
famosissimo_ anpries, sang ich zuerst einige französische Romanzen,
unter denen der von mir selbst komponierte Troubadour >_Brulant d'amour
en partant pour la guerre_<, die nur wenige verstanden, dann ein
komisches Duett mit der Signora Bellina. Ich wurde nun auch mit
Komplimenten bis zum Ekel überhäuft, bis endlich Signor Mazzetti, der
Musik ein Ende machend, ein kleines Spielchen arrangierte, wobei eine
schon ziemlich ältliche und hochgeschminkte Schöne den Bankier und ein
neben ihr sitzendes konfisziertes italienisches Gaunergesicht ihren
Croupier machte. Jetzt glaubte ich schnell den Schlüssel zu der
zuvorkommenden Freundlichkeit des Advokaten gefunden zu haben, und hatte
mich nicht geirrt. Man war so aufmerksam, mich zuerst zu fragen, ob ich
vielleicht gerne selbst Bank halten wollte. Es war das beliebte _Faráone
reale_ (_Basetta_), das gespielt wurde. Ich dankte ergebenst für die mir
zugedachte Ehre. Man gab die Kartenbücher aus, ich gewann ziemlich oft,
und nur selten schlug mir eine Karte fehl, doch ließ ich mich nicht
durch diesen Gewinn verführen, höher als einen Zechino zu pointieren,
obgleich man mich von verschiedenen Seiten aufforderte, da ich in der
Glücksader sei, es zu benutzen; auch hatte ich bemerkt, daß der Bankier
schon einigemal verstohlene Blicke mit dem Herrn vom Hause gewechselt
hatte, ich aber wechselte solche mit der schönen Sängerin, die mich mehr
als alle Könige, Paroli _sept, quinze, trente-un et le va_
interessierte, um mich ebenfalls in eine Augenkorrespondenz mit dieser
zu setzen, was ich auch zustande brachte. Ich mochte ungefähr einige
dreißig Zechini gewonnen haben, als mich dieses Spiel unausstehlich zu
langweilen anfing, da es mich hinderte, ein anderes zu beginnen. Ich
ließ nun einige Taillen vorübergehen, ohne zu pointieren. Dem Mazzetti,
der mich bereden wollte, mein Glück zu poussieren, erwiderte ich, daß
mich das Spiel langweile. Dies schien man eben nicht sehr artig zu
finden, die Dame Bankhalter und einige andere Spieler verzogen ihre
Gesichter, und ihre Stirnen umwölkten sich, ich kehrte mich jedoch nicht
daran; um aber den Herren zu zeigen, daß ich nicht aufhören wollte, um
den Gewinst in die Tasche zu stecken, setzte ich, was ich gewonnen,
jetzt auf eine Karte, Herzdame, und -- gewann wieder, ich bog ein Paroli
auf die Coeurdame und -- gewann abermals. Nun fing mir die Sache
bedenklich zu werden an, und ich setzte bald zehn, zwanzig und dreißig
Zechinen auf verschiedene Karten, abwechselnd gewinnend und verlierend,
endlich erklärte ich, daß ich für diesen Abend zu spielen müde sei, und
trat mit einem Gewinn von mehr als neunzig Zechinen ab. Man reichte
nochmals Erfrischungen, worauf einige der Damen Tanzlust bekamen, und
ich tanzte mehrmals mit der Signora Bellina und der Ballerina von der
Scala, die, sonderbar genug, nicht walzen konnte. Es war längst
Mitternacht vorüber, als sich die Gesellschaft trennte. Die beiden
Theaterprinzessinnen fuhren zusammen in einem Wagen fort; nachdem sie
weg waren, erkundigte ich mich bei Mazzetti nach ihren näheren
Verhältnissen und erfuhr, daß die Sängerin zwar die Geliebte eines
Kommissär-Ordonnateurs sei, der sie unterhalte, aber nichtsdestoweniger
zu den Unerbittlichen gehöre; übrigens sei sie noch sehr jung und die
Tochter einer Exballerina, die sie dem Kommissär als Jungfrau
überliefert habe. Signora Mazzetti -- der Advokat war verheiratet --,
eine reifere Schönheit, fragte mich noch beim Weggehen, wie es mir bei
ihr gefallen habe, und als ich ein »Vortrefflich!« entgegnet hatte, lud
sie mich zudringlich ein, doch den folgenden und alle Abende, wenn mir
es angenehm, meine Besuche zu wiederholen. Ich versprach es, zog aber am
anderen Morgen durch mein altes Mittel, einen renommierten Haarkräusler,
Erkundigungen über dies Haus und seinen Besitzer ein und erfuhr, daß
meine Vermutungen nur zu begründet waren, daß nämlich aus dem
praxislosen Rabulisten Mazzetti ein Spieler von Profession geworden, der
in Verbindung mit einigen Helfershelfern Jagd auf alle bemittelten
Fremden mache, diese Zugvögel in seinen Netzen zu fangen und ihnen dann
die Federn auszurupfen suche, was ihm auch meistens gelänge, indem er
die verführerischsten Frauen von zweifelhaftem Ruf und namentlich
Aktricen zu diesem Zweck in sein Haus ziehe. Von den ersteren ständen
mehrere förmlich in seinem Sold und seien der Köder, mit dem er seine
gefährlichen Angeln umwinde, in den gar manche Gimpel so gewaltig
bissen, daß sie sich ganz verbluteten. Ich nahm mir vor, den mir
ebenfalls behagenden Köder vorsichtig abzunagen und doch nicht an dem
Angelhaken hängen zu bleiben. Bellina war es, die mich anzog. Diese
sowie die Tänzerin und noch einige andere Schönen waren mit die
unschuldigen Werkzeuge des verdorbenen Rechtsfeindes, das heißt, sie
besuchten nur aus Koketterie und Vergnügungssucht Mazzettis Haus, in dem
sie sich trefflich unterhielten und lustige Kurzweil fanden, ohne sich
um die Spielangelegenheiten und den eigentlichen Zweck dieser
Zusammenkünfte weiter zu bekümmern, wenn sie nur ihre Privatabsichten
erreichten. So von allem hinlänglich unterrichtet, konnte mir dieses
Raubnest unmöglich gefährlich werden, und ich beschloß, dasselbe zu
meiner Unterhaltung bestens zu benützen und der liebenswürdigen Sängerin
_faute de mieux_ den Hof zu machen, mit der ich dann auch, wenn sie im
Theater beschäftigt war, erst nach demselben dort eintraf. Ich spielte
unterdessen das Königsspiel in derselben Weise, wie ich es begonnen
hatte, fort, ohne zu biegen, jetzt aber mit auffallendem Unglück, so daß
mich diese Abende doch ziemlich teuer zu stehen kamen und ich meine
Dulzinea bald an einem anderen Ort als in dem teueren Lokal Mazzettis zu
sehen suchte, wo ohnehin auch die Nebenzimmer keine ungestörte
Unterhaltung erlaubten. Wir waren schnell einig, daß wir uns in der
Wohnung einer anderen Aktrice, ihrer Freundin, trafen. Indessen fuhr ich
fort, von Zeit zu Zeit die Abende Mazzettis zu besuchen, doch wenig, oft
gar nicht spielend, was Ursache war, daß man mich jetzt sehr kalt
daselbst aufnahm und am Ende mein gänzliches Wegbleiben gerne gesehen
hätte, da es der sauberen Gesellschaft klar war, daß sie eben keinen
großen Fang an mir gemacht. -- Eines Abends traf ich einen
blondlockigen, blauäugigen jungen Mann dort, an dessen Akzent -- er
sprach nur sehr gebrochen italienisch, aber ziemlich gut französisch --
ich sogleich einen Norddeutschen zu erkennen glaubte. Ich hatte mich
nicht geirrt, es war ein Kurländer von sehr guter Familie. Dasselbe
Manöver, das man mit mir gemacht, wurde auch bei diesem genau
wiederholt, nur mit dem Unterschied, daß, da er die Karten immer bog,
Paroli und Lapes machte, die Summen, die er gewann und verlor, weit
bedeutender waren; er spielte, da er anfänglich gewann, immer kühner,
bald aber fing er zu verlieren an. Dabei hatte ich bemerkt, daß
Mazzetti, der nie selbst Bank hielt und den ich scharf beobachtete,
verschiedene Zeichen gegeben hatte. Es dauerte nicht lange, so war der
junge Mann schon in einem Verlust von mehr als fünfhundert Zechinen und
von allem baren Geld entblößt. Dies war gegen den gewöhnlichen Gang, den
man in dieser Spielhölle zu befolgen pflegte. Aber man sah, daß ich
öfters mit dem Fremden sprach, auch hatte ich einigemal deutsche Worte
mit ihm gewechselt, die jedoch keinen Bezug auf das Spiel gehabt, und so
fürchtete man, daß ich den Fremdling unterrichten und abspenstig machen
könnte und dachte: >Man muß ihn rupfen, solange er sich noch in unseren
Klauen befindet.< Ich war daher den Herren ein lästiger Aufpasser, den
sie gern los gewesen wären. Der Graf G..., so nannte sich der Goldvogel,
nahm nun den Wirt beiseite und bat ihn, ihm gegen Versatz eines schönen
Solitärs und einer Brillantnadel eine Summe vorstrecken zu wollen; man
lieh ihm hundert Zechinen darauf, und als auch diese verloren waren,
noch fünfzig auf eine prächtige mit Perlen besetzte goldene Repetieruhr.
Der Graf war desperat, als er auch dies letzte Geld verloren hatte, und
rief unwillkürlich auf deutsch aus: »Jetzt bin ich verloren!« Ich
unterhielt mich jetzt in seiner Muttersprache mit ihm, und alle,
besonders aber der Fuchs Mazzetti, spitzten gewaltig die Ohren, und
Ärger und Wut drückten sich auf dem Gesicht des letzteren aus, daß er
nicht verstand, was da in einer Sprache verhandelt wurde, die kein
anderer der Anwesenden sprach und einige nicht einmal kannten. Der Graf
entdeckte mir, daß er jetzt aller Mittel beraubt sei, um weiter zu
reisen, und daß er erst in vier Wochen im günstigsten Falle wieder neue
Wechsel erhalten würde, die er in Rom vorfinden solle. -- Auf meine
Frage, wie er in dies Haus gekommen sei, erzählte er mir, daß er die
Bekanntschaft eines der anwesenden Herren, er bezeichnete mir ihn, in
einem Kaffeehause gemacht, der ihn mit großer Artigkeit und
Zuvorkommenheit hier eingeführt habe; er wisse nun für den Augenblick
keinen Rat und schäme sich vor dieser ehrbaren Gesellschaft. -- Ich
ersuchte ihn, sich zu beruhigen, und erbot mich, ihm zwanzig Zechinen zu
leihen, ihm bemerkend, daß man mit geliehenem Geld gewöhnlich Glück
habe, bat ihn aber, nicht eher fortzuspielen, als bis er auch mich
pointieren sehen würde. Ich ersuchte nun den Signor Mazzetti, mir einen
Augenblick Gehör schenken zu wollen, da ich ihm etwas Wichtiges unter
vier Augen mitzuteilen habe. Wir begaben uns in ein Nebenzimmer, wo ich
ihm zuerst eröffnete, daß ich kein durchreisender Cavaliero, sondern ein
französischer Kapitän wäre, der im Begriff sei, sich zu seinem im
Kirchenstaat stehenden Regiment zu verfügen, und bat ihn sodann, mir
doch die Freundschaft erweisen zu wollen, den jungen Fremden, der ein
Landsmann von mir sei, sein verlorenes Geld wiedergewinnen zu lassen.
Der Rabulist tat zuerst, als verstände er nicht, was ich wollte, und als
ich ihm mein Begehren so deutlich auseinandersetzte, daß er nicht mehr
gut ein Mißverständnis affektieren konnte, spielte er den Beleidigten,
den Galant-Uomo, dem man Satisfaktion für solche Schmähung schuldig sei
und so weiter. Ich fiel ihm aber sehr ernst ins Wort, indem ich ihm ohne
alle Umstände rund heraus erklärte, daß hier alle seine
Rabulistenschwänke vergeblich seien, indem ich schon längst außer allem
Zweifel über das Metier sei, das er und seine Spießgesellen trieben, und
daß, wenn der von ihnen in die Falle gelockte junge Mann nicht diesen
Abend sein Geld wiedergewönne, ich mich noch in der Nacht oder doch
morgen mit Tagesanbruch zu dem Platzkommandanten verfügen und diesem die
Sache anzeigen würde, wo dann er und alle seine Helfershelfer zum Galgen
oder zur Galeere reif sein würden. -- »Sie wissen, daß wir wenig
Federlesens machen,« setzte ich noch hinzu, »und es uns auf ein paar
Kugeln nicht ankommt.« -- Der alte Gauner wollte zwar noch allerlei
Umstände machen, die ich aber mit einem: »Wohlan, ich gehe zum
Platzkommandanten, der dann die Polizei requirieren wird,« beseitigte,
und gab ihm, auf die Uhr sehend, genau eine halbe Stunde Zeit, dem
Grafen wieder zu seinem Verlust zu verhelfen, indem ich bemerkte, daß
ich vollkommen die Kunstgriffe kenne, die hier angewendet würden, um das
Spiel nach Gefallen zu lenken. (Dies war ein _ben trovato_ und _non
vero_.) Dem verstockten Sündenknecht fiel jetzt das Herz in die Schuhe,
er bat um Schonung und versprach meinen Wunsch zu erfüllen, ersuchte
mich aber demütig, ihm mein Wort zu geben, von der Sache gegen niemand
etwas zu erwähnen, was ich auch tat. Ich kehrte mit ihm in das
Spielzimmer zurück, nahm ein Libretto in die Hand, fing an zu
pointieren, nachdem ich dem Grafen deutsch gesagt hatte, er möge jetzt
nur ganz mir nachsetzen. Wir verloren noch dreimal, als ich aber beim
drittenmal dem Mazzetti einen bedeutungsvollen Blick zuwarf, fingen wir
zu gewinnen an, und ich bog nun die Karten gegen meine Gewohnheit. In
weniger als zwanzig Minuten war mein Kurländer wieder zu all seinem Geld
gekommen und imstande, auch seine Pretiosen einzulösen; ich hatte an
siebenhundert Zechinen gewonnen. Wir empfahlen uns bald darauf mit einem
_felicissima notte_, die hochansehnliche Gesellschaft mit langen
Gesichtern zurücklassend. Den Grafen G... begleitete ich bis in sein
Hotel, gab ihm den guten Rat, sich diese Begebenheit zur Warnung für
ganz Italien dienen zu lassen, wo man allen bemittelten Fremden
unaufhörlich solche Fallen stelle, und wir schieden unter Versicherung
einer unverbrüchlichen Freundschaft.
Als ich Bellina am anderen Morgen diesen Vorfall mitteilte -- sie war an
dem Abend nicht bei Mazzetti gewesen -- und ihr dabei vorhielt, daß sie
sich von dem alten Spitzbuben zu einem der Lockvögel gebrauchen lasse,
womit man die Fremden auf die Leimrute ziehe, versicherte sie mir mit
Tränen in den Augen, daß sie dies in aller Unschuld getan, von diesen
Umtrieben nicht das geringste geahnt und nur der angenehmen Unterhaltung
halber diese Soireen besucht habe. Daß sie Wahrheit sprach, davon war
ich schon früher überzeugt. Noch denselben Morgen machte ich eine
Promenade mit ihr und bestieg die höchste Spitze des Doms in ihrer
Gesellschaft, wo wir uns an der entzückenden Aussicht in die schöne
Lombardei weideten.
Einige Tage später setzte ich meine Reise über Florenz fort, denn es zog
mich mit aller Macht nach Rom, und je näher ich dieser Stadt kam, desto
mehr brannte ich vor Ungeduld, die Cesarini wiederzusehen, da ich,
seitdem ich sie verlassen, noch kein zweites, ihr ähnliches weibliches
Wesen wieder kennen gelernt hatte. Ich fuhr von Florenz denselben Weg,
den ich vor etwa einem halben Jahr gemacht, in der entgegengesetzten
Richtung zurück, oft an dem Rande der schaurigsten Abgründe der
Apenninen vorbei, aber von den Räubern und Banditen, vor denen man mich
so sehr gewarnt, sah ich keine Spur, obgleich mein Louis in jedem
vorüberwandernden Bauer einen solchen wittern wollte und sich
schlagfertig machte. Vor Viterbo brach die Vorderachse meines Wagens,
wodurch ich genötigt war, mich beinahe drei Stunden in diesem Orte
aufzuhalten, weshalb ich auch erst spät in der Nacht zu Rom ankam und
mein Vorhaben, Gertrude noch denselben Abend aufzusuchen und zu
überraschen, denn ich hatte ihr zwar mein Kommen geschrieben, aber nicht
die Zeit bestimmt, vereitelt wurde. Ich stieg in einem Albergo an dem
Spanischen Platz ab und eilte am anderen Morgen, so früh es tunlich war,
zu Torlonia, der über meine unerwartete Ankunft erstaunt schien. Als ich
ihm aber meine Hoffnung, die Kommandantur von Albano wieder anzutreten,
vertraute, teilte er mir die ganz unerwartete Nachricht mit, daß das
Bataillon schon seit zehn Tagen den Kirchenstaat verlassen und in das
Regno, so nennen sie gewöhnlich in Rom das Königreich Neapel,
abmarschiert sei. Dies warf mit einem Schlag meine Projekte über den
Haufen, und alle meine Pläne wurden zu Wasser. Ich erkundigte mich jetzt
zuerst nach der Cesarini und hörte, daß der Herzog und seine Gattin so
gut wie völlig getrennt lebten. Ich ließ ihr ein Billettchen zustellen,
in dem ich ihr meine Ankunft meldete und sie bat, mich wissen zu lassen,
wann ich das Vergnügen haben dürfe, sie zu besuchen. Eine halbe Stunde
darauf fuhr ein Wagen vor mein Hotel, dem zwei schwarz gekleidete,
verschleierte Damen entstiegen, gleich darauf öffnete eine Cameriera
meine Zimmertür, und Gertrude lag in meinen Armen. Wir blieben einige
Minuten lang im stummen Entzücken des Wiedersehens, und war es von
meiner Seite auch nicht mehr das Feuer der Liebe, das mich beseelte, so
fühlte ich doch eine wahrhaftige, aufrichtige und dankbare Freundschaft
für die Principessa. Aber die schlanke Nymphentaille, die mich früher so
entzückte, war verschwunden, und der Leib hatte sich gewaltig
arrondiert, auch die Gesichtszüge waren weniger fein und etwas
aufgedunsen, wie dies bei den Frauen gegen das Ende einer
Schwangerschaft meist zu sein pflegt. Nichtsdestoweniger schloß ich sie
zum zweiten- und drittenmal in meine Arme und drückte sie fest an meine
Brust, ich war ja der Urheber dieses Zustandes. Sie fragte mich endlich
lächelnd: »Nicht wahr, du findest mich sehr verändert?« Dabei sah sie
mich mit forschenden Augen an. Ich erwiderte die Frage nur durch Küsse.
Nachdem endlich des Bewillkommens genug, kamen andere Dinge zur Sprache,
und sie war außer sich, als ich ihr mitteilte, daß sich mein Aufenthalt
in Rom nur auf wenige Tage erstrecken könne, da ich dem Bataillon nach
Neapel folgen müsse. Sie brachte fast die ganze Nacht bei mir zu, und
erst gegen Morgen geleitete ich sie heim. Wir sahen uns nun jeden Tag,
und ich machte nirgends Besuche, um die wenige kostbare Zeit nicht mit
unnützen Dingen verstreichen zu lassen. Nicht einmal Vasis suchte ich
auf; die Vernetti lag in den Wochen.
Schnell waren die zehn Tage verstrichen, die ich längstens in Rom
verweilen durfte und durch Extrapost wieder gut machen konnte. Ich
fürchtete mich vor dem Abschied, der auch wieder herzbrechend genug war.
Ernstlich verbat ich mir diesmal jede Geschenke und verbot auch meinem
Bedienten, hinter meinem Rücken etwas anzunehmen; dennoch bestach ihn
Gertrude wieder, und in Neapel angekommen, fand ich abermals das
Wagenkistchen mit allen möglichen Dingen gefüllt, auch wieder mehrere
Rollen Gold vor. Wir hatten die letzte Nacht noch bis zum grauenden
Morgen zusammen zugebracht, und es war heller Tag, als ich zu dem nach
Albano führenden Tor hinaus, und ohne mich weder bei Tag noch bei Nacht
länger, als es das Umspannen erforderte, aufzuhalten, bis nach Neapel
fuhr, wo ich mich sogleich bei Düret und dann bei dem jetzigen Oberst
des Regiments, Omeara, meldete. Ersterer empfing mich wie immer sehr
wohlwollend und freundschaftlich und erzählte mir als Neuigkeit, daß
Caguenec abermals in strengem Arrest auf dem Fort sitze, weil er wieder
einen Straßenunfug im Verein mit einigen jungen Leuten, meist Kadetten,
in der Trunkenheit verübt habe, wobei sie des Nachts die Laternen in
Toledo und die Gläser und Scheiben in einigen Eisbuden zerschlagen
hätten.