V.

Zweiter Aufenthalt in Genua. -- Alte und neue Bekanntschaften. --

Signora Palatini. -- Ein sentimentales Rendezvous. -- Die

Brigantenjagd in den italienischen Alpen. -- Bocchetta. -- Ich

nehme fast eine ganze Bande gefangen. -- Rückkehr nach Genua. --

Das Konservatorium Fieschino. -- Albertine. -- Ich entdecke eine

furchtbare Verschwörung. -- Ich avanciere zum Kapitän und

werde wieder zum ersten Bataillon versetzt. -- Abreise nach

Civita-Vecchia.

Da es zu spät war, als ich in Genua ankam, um mich noch nach einem

Quartier umsehen zu können, so stieg ich in einem Gasthof ab, wo ich bis

zum hellen Morgen recht ausschlief und mich dann bei meinem nunmehrigen

Bataillonschef, Herrn von Brüge, meldete, der mich, durch Düret schon

hinlänglich unterrichtet und empfohlen, mit den Worten empfing: »Das

Glück, Sie bei meinem Bataillon zu haben, verdanke ich der hohen

römischen Geistlichkeit. Sie werden die Voltigeur-Kompagnie

kommandieren, die jetzt vakant ist, und sind für heute bei mir zu Tische

eingeladen, wenn Sie mit meiner Suppe vorlieb nehmen wollen.« -- Brüge

war ein Elsässer, in der Gegend von Kolmar zu Haus, und hatte ein

allerliebstes Kind, ein kaum zehn Jahre altes Mädchen, deren Mutter eine

ziemlich heroische Frau war. Nachdem ich dem, was der Dienst heischte,

Genüge geleistet und mir ein Quartierbillett für drei Tage hatte geben

lassen, war mein erster Gang zu meinem alten Gitarrelehrer Guercino, um

mich bei ihm oder vielmehr bei seiner Frau nach meinen alten Bekannten

zu erkundigen. Den alten Mann fand ich unwohl und bettlägerig, und seine

Frau schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie mich erblickte.

»_Ah siate ben venuto_,« rief sie endlich aus, die Arme in die Höhe

streckend. Nach gehöriger Bewillkommnung erfuhr ich, daß die Marchesa

P... seit meiner Abreise kränkele, daß die mutwillige Peretti im letzten

Karneval an einem Nervenfieber gestorben, Signora Doria sich mit ihrem

Mann in Paris befinde, die Costa noch immer ein Heer von Anbetern habe,

die Spinola aber vollkommen wohl und munter sei. So wurde ich schnell

von dem _au fait_ gesetzt, was sich während meiner etwa

anderthalbjährigen Abwesenheit zugetragen. Der Tod der fröhlichen

Peretti schmerzte mich, das Kränkeln der Marchesa P... tat mir leid, und

das Wohlsein der Spinola freute mich. Den alten Guercino und seine Frau,

die mir wieder ihre untertänigsten Dienste anbot, beschenkte ich mit ein

paar Zechinen, ihr lachend bemerkend, daß ich leicht in den Fall kommen

könnte, ihrer zu bedürfen, und bat sie einstweilen, die Marchesa P...

von meiner glücklichen Ankunft in Kenntnis setzen zu wollen, was sie mir

noch im Lauf des Tages zu tun versprach. Bei der Parade stellte mich

Brüge meinen neuen Kameraden vor, von denen ich nur noch wenige kannte,

und zum Diner fand ich mich seiner Einladung zufolge bei ihm ein. Madame

Brüge, eine noch sehr rüstige Dame von kaum vierzig Jahren, bot mir den

täglichen Tisch, versteht sich gegen gehörige Vergütung an, den ich auch

akzeptierte; sie führte eine gute französische Küche. Während des Essens

kam die Rede auf die Musik, und sie meinte, daß es wohl jetzt bald Zeit

sei, daß ihre Tochter Unterricht in dieser Kunst erhalte, was sie schon

früher veranstaltet haben würde, wenn sie einen Lehrer in Genua gefunden

hätte, der französisch spreche. Dies war so ziemlich ein Wink mit einem

Mastbaum, denn sie kannte mein musikalisches Talent. Ich erbot mich mit

Vergnügen, der Kleinen Unterricht im Klavierspiel zu geben, was mit

großem Dank angenommen wurde und mehrere Jahre später allerlei Folgen

hatte. Für jetzt aber sollten diese Lehrstunden, die mir Freude machten,

da das Mädchen viel musikalische Anlagen hatte, bald wieder unterbrochen

werden. Am Abend begab ich mich abermals zu Guercinos, wo ich erfuhr,

daß die noch immer leidende Marchesa P... die unerwartete Nachricht

meiner Ankunft sehr erschüttert habe und mich dieselbe baldmöglichst zu

sehen wünsche, wozu aber vorerst wenig Hoffnung, da sie immer noch sehr

schwach sei. Ich machte jetzt meine Besuche in all den Häusern, in denen

ich früher Zutritt gehabt, und erhielt bald wieder eine Menge

Einladungen. Die Spinola sah ich zuerst bei Dorias wieder, wo ich mich

lange mit ihr unterhielt und sie mir eine junge Dame, Signora Palatini,

die erst kürzlich verheiratet und ihre liebe Freundin sei, vorstellte.

Dieses war eine schmächtige, nicht sehr große, aber sehr niedlich

gewachsene Frau, mit einer originellen pikanten Gesichtsbildung, die,

wenn auch nicht schön, doch etwas sehr einnehmend war. Ich machte beiden

Damen den Hof und ließ die Spinola merken, daß es mir nicht unangenehm

sein würde, die so kurz vor meiner Abreise von Genua mit ihr in

Gesellschaft der Marchesa P... gemachte Bekanntschaft weiter

auszuspinnen. Ich hatte mir wieder eine Wohnung unweit der Kaserne

ausgesucht, die ganz geeignet war, geheime Besuche zu empfangen. Mich

diesen Abend noch deutlicher zu erklären, war nicht gut möglich, da ihr

die Palatini nicht von der Seite wich und sich mit einer auffallenden

Lebhaftigkeit in alle Gespräche mischte, die ich mit der Spinola

anzuknüpfen versuchte. In einem Gartensaal musizierte man, ich wurde

angegangen, mich hören zu lassen und trug mehrere neue Cavatini vor, die

ich in Rom und Neapel gelernt; als die Dame vom Haus und noch einige

andere den Wunsch ausdrückten, ich möchte doch wieder etwas aus dem Don

Giovanni singen, und da ich einige Augenblicke anstand, wandte sich

Signora Palatini mit einer großen Zudringlichkeit an mich, diesem Wunsch

nachzugehen, indem sie einige dutzendmal wiederholte: »_Si Signore, il

Don Giovanni, il Don Giovanni_, Sie müssen ihn singen, denn ich kenne

ihn noch nicht und habe doch so viel davon sprechen hören.« Dieses

Benehmen setzte mich in Erstaunen und fast in Verlegenheit. An

Subordination gewöhnt, befolgte ich die gestrenge Order, das >_Fin ch'an

del vino_< singend, und erhielt dafür einige danksagende Blicke von der

kleinen Tyrannin, die sich nun auch spielend und singend hörbar machte,

eine sehr hohe, sonore Sopranstimme hatte und mich dann ohne Umstände

vor der ganzen Gesellschaft einlud, sie doch ja recht bald und oft zu

besuchen, um mit ihr zu singen, sie erwarte mich morgen vormittag nach

der Messe, ich möge doch einige Duette mitbringen. Dieses so ganz

ungenierte und überaus freie Benehmen war mir noch gar nicht und am

wenigsten in Italien vorgekommen, wo die Damen im Gegenteil die meiste

Ursache haben, ihre Intrigen geheim zu halten und möglichst zu verbergen

oder doch passend zu bemänteln. Es machte mich immer verlegener, weil

ich wohl bemerkte, daß sich die Gesichter aller, die es mit angehört, zu

einem hämischen Lächeln verzogen und man sich in die Ohren flüsterte.

Als dies die Spinola sah, trat sie zu mir und sagte: »Das Benehmen der

Palatini darf Sie nicht wundern, sie ist ja noch ein halbes Kind, kaum

sechzehn Jahre alt, und dabei sehr verzogen, von einem überaus reizbaren

und heftigen Temperament, das sich nichts übel nimmt, alles, was sie

sich einmal in den Kopf gesetzt, um jeden Preis auch durchsetzen will,

ohne über die Folgen nachzudenken. Ihrem schon ältlichen und schwachen

Mann, an den sie ihre Verwandten verkuppelt haben, hat sie eine halbe

Million _di dotta_ mitgebracht und dem ihr ebenfalls aufgedrungenen

Cicisbeo, dem Conte M..., jenem noch gepuderten Pavian, den Sie dort am

Pharotisch pointieren sehen, so mitgespielt, daß er sich schon einigemal

für das Cicisbeat bedanken wollte, allein der Ehemann und die Verwandten

gaben es nicht zu, aber er hat die Hölle ...« In diesem Augenblick

sprang die Palatini, die gerade sang, ihre Noten hinwerfend und wild auf

die Tasten des Cembalos schlagend, die Musik unterbrechend auf, stellte

sich vor die erschrockene Marchesa hin und sagte dieser überlaut: »Ich

finde es höchst unartig, Signora, daß, wenn ich singe, Sie sich mit

Herren unterhalten. Nun singen Sie der Gesellschaft etwas vor.« -- Die

Spinola war dadurch so verblüfft, daß sie nichts erwidern konnte, ich

aber nahm schnell das Wort und sagte zu der aufgebrachten zornglühenden

Dame: »Signora, es war nur von Ihnen und Ihrem eminenten Talent die

Rede, das uns entzückte und das mir die Marchesa nicht genug rühmen

konnte. Ich war die Veranlassung dazu, indem ich die Signora zuerst

fragte, welcher Meister Ihre herrliche und unvergleichliche Stimme zu

einem so hohen Grad ausgebildet habe, worüber man im Begriff war, mir

Auskunft zu geben, als Sie uns gerade unterbrachen.«

»Wenn dies ist, so bitte ich um Vergebung für meine gewiß sehr

verzeihliche Neugierde, aber Sie werden mir selbst zugestehen, daß

nichts unangenehmer ist, als wenn man sich alle Mühe gibt und sich

anstrengt, einer Gesellschaft Vergnügen zu machen und andere dabei

plaudern.« -- Sie hatte nicht unrecht.

Der Zorn des kleinen Teufelchens hatte sich mit jedem Wort, das ich

gesprochen, mehr gelegt. Ihren Cicisbeo, der sich jetzt auch

eingefunden, um zu sehen, was die Unterbrechung und diese Szene

herbeigeführt, schickte sie mit den Worten heim: »Mein Herr, Sie haben

sehr unrecht, sich von Ihrem Spiel zu entfernen, die ganze Sache darf

Sie gar nicht interessieren, haben Sie die Güte, sich sogleich wieder an

Ihren Spieltisch zu verfügen; ich bitte Sie darum, hören Sie, sogleich.«

-- Der Signor trollte sich, den befehlenden Bitten folgend, ohne ein

Wort zu erwidern, an seinen Platz, und Signora Palatini ergriff ihr

Notenblatt wieder und beendigte das Morceau. Die übrige Gesellschaft,

obgleich über diesen sonderbaren Auftritt erstaunt und Gruppen bildend,

wo man sich in die Ohren zischelte, schien es doch nicht sehr zu

befremden. Bald darauf begann der Tanz mit einer Monfarina, welche ich

mit der Spinola antrat, die mich aber, nachdem wir einigemal die Tour im

Saal gemacht hatten, aufforderte, die jetzt nicht tanzende Palatini zu

engagieren, der sie mich abtrat. Ich tanzte mit dem kleinen Satan, der

mir gleich bei der ersten Tour eröffnete, daß er Giulietta heiße, ich

ihn künftig nur bei diesem Namen nennen solle und sich böse gebärdete,

als ich es nicht augenblicklich tat. Ich wiederholte jetzt dreimal in

einem Atemzug »Signora Giulietta« und sie nach dem Tanz, während dessen

die Unterhaltung wunderlich genug war, an ihren Platz führend, abermals:

»_mille grazie, Signora Giulietta_.« Ehe sich die Gesellschaft trennte,

kam sie noch einmal in Begleitung ihres _cavaliero servente_ auf mich zu

und sagte: »Daß Sie ja das Kommen morgen nicht vergessen und sich

pünktlich einfinden; ich erwarte Sie eine Stunde vor Mittag, um mit

Ihnen zu musizieren.« -- »Ich werde von Ihrer gütigen Einladung Gebrauch

machen und mich zur bestimmten Zeit einfinden.« -- »Sie sind Zeuge,«

sagte sie zu ihrem Begleiter, der mit einem Schafsgesicht zuhörte, und

beide empfahlen sich. Die Marchesa Spinola flüsterte mir im Weggehen zu:

»Nehmen Sie sich in acht, der kleine Teufel wird Ihnen zu schaffen

machen.« -- »Ich werde ihn zu zähmen wissen,« erwiderte ich. Kaum waren

diese Worte gesprochen, so trat die Palatini nochmals in den Saal zurück

und rief der Spinola zu: »Auch Ihre Portandina erwartet Sie, wollen Sie

nicht kommen?« Sie nahm die Marchesa beim Arm, sie mit sich fortziehend

und mir noch eine _felice notte_ zurufend.

Ehe ich mich den anderen Morgen, wie ich versprochen, zu ihr begab, ging

ich zu Guercinos, um bei diesen vielleicht etwas näheres über dies

sonderbare, aber dennoch pikant liebenswürdige Wesen zu erfahren. Diese

wußten mir aber weiter nichts zu sagen, als daß Signora Palatini wegen

ihres unbändigen Eigensinns und ihrer ausschweifenden Phantasien, die

sie oft die tollsten Streiche begehen ließen, in ganz Genua bekannt sei.

Ich begab mich zu der kleinen Wilden, die, als sie mich erblickte, auf

mich zusprang, laut rufend: »Es ist brav, daß Sie Wort gehalten; wir

werden auch ganz ungestört sein, mein Mann mußte auf meine Veranlassung

eine _Vileggiatura_ ins Gebirge machen, und den Signor Leonardo habe ich

für den ganzen Tag verabschiedet; jetzt kommen Sie.« Sie nahm mich bei

der Hand, führte mich in ein Zimmer, wo ein Flügel stand, und nötigte

mich, ihr zuerst etwas vorzusingen. Ich trug ihr die Arie >_Oh Idol mio,

quando mai_< und so weiter vor; nach wenigen Takten fiel sie mit einem

»_Bravissimo!_« dazwischen, schlug in die Hände, und ich hielt ein, ihre

Rechte ergreifend und küssend. Jetzt hatte Klavierspiel und Gesang ein

Ende, und ein anderes Spiel sollte beginnen; aber zweimal schlüpfte sie

mir unter dem Arm durch, laut lachend, endlich aber umfaßte ich die

kleine Blindschleiche, deren Taille ich mit meinen Händen umspannen

konnte, hob sie in die Höhe, daß sie zappelte, und sagte lachend: »Was

nun? -- Jetzt sind Sie ganz in meiner Gewalt, Giulietta.« -- »Die Sie

doch wohl nicht mißbrauchen werden?« -- »Gewiß nicht, _bella

fanciulla_,« antwortete ich, sie sanft auf den Boden niedersetzend. Aber

wieder ging sie mir durch, in ein zweites, drittes und viertes Zimmer,

aus dem aber kein Ausgang mehr war. »Jetzt sind Sie gefangen und werden

mir nicht mehr entwischen.« -- »_Ma_ -- _ma_ --« stöhnte sie bald mit

hochklopfendem Herzen, und ihre Wangen waren mit jener Röte gefärbt, die

einladender ist als das schönste Morgen- und Abendrot. Ich küßte sie,

aber sie biß mich in die Lippen, daß es mich schmerzte und fast blutete;

ich ließ mich indessen dadurch nicht stören und fuhr zu küssen fort, sie

auf ein Ruhebett bringend, bis uns beiden der Atem fast ausging ...

Der kleine Tollkopf war jetzt ziemlich zahm geworden, und nachdem wir

einige Zeit geruht, setzten wir uns an das Klavier, um nun wirklich zu

musizieren. Endlich war es Zeit, mich zu entfernen, und ich durfte es

auch, indem ich baldiges Wiederkommen versprach, denn Giulietta wollte

durchaus, daß ich den ganzen Tag bei ihr zubringen sollte, und hätte

mich nicht der Dienst abgerufen, so würde ich es mit Vergnügen getan

haben, denn Langeweile hatte man bei dem unruhigen Geist auch keine

Minute. Bei dem zweiten Besuch wiederholte sich die Szene des ersten,

und so ging es einige Zeit fort, ohne daß ich mich weder um die Spinola

noch um die P..., die ich noch nicht wieder gesehen hatte, bekümmerte.

Eines Morgens aber besuchte mich die alte Guercino in meiner Wohnung und

machte mir Vorwürfe, daß ich mich gar nicht nach der armen Marchesa P...

erkundige, die jeden Tag nach mir frage und mich nur noch einmal zu

sehen wünsche, sehr leidend sei und sich vielleicht nicht wieder von

ihrer Krankheit erholen würde. Ich verabredete mit der darauf dringenden

Guercino, der es wohl nur um die Präsente zu tun war, die es bei dieser

Gelegenheit absetzte, daß man eine Zusammenkunft veranstalten möge,

wozu, wie sie mir sagte, die Marchesa Spinola schon alles vorbereitet

habe, in deren Haus dieselbe stattfinden solle, wohin sich die P... in

einer Portandina bringen lassen würde. Wir setzten nun diese Entrevue

auf den Abend des nächsten Tages fest, wo ich mich ein Uhr nach

Sonnenuntergang in dem bezeichneten Hause einfinden wollte. Giulietta

verlassend, bei der ich den Tag wieder zugebracht hatte, begab ich mich

zur bestimmten Stunde zu dem verabredeten Rendezvous in den Palazzo

Spinola. Eine niedliche Cameriera empfing mich und führte mich über eine

Hintertür in abgelegene, spärlich erleuchtete Gemächer. In dem letzten

derselben fand ich eine weibliche Figur, in weiße Gewänder gehüllt, in

einem Armstuhl sitzen, die, als ich eintrat, eine zusammenfahrende

Bewegung machte und in deren blassen und leidenden Zügen ich dennoch die

Marchesa P..., die vor nicht ganz anderthalb Jahren noch so blühend

schöne Tonina erkannte. Ich stürzte auf sie zu, wollte ihre Hand fassen,

die sie aber schnell zurückzog, indem sie sprach: »Oh, lassen Sie diese

nichtssagenden Flatterien. Wir sind von allem genau unterrichtet; kommen

Sie nicht eben erst von der tollen Palatini?« -- »Ganz gewiß,« fiel hier

die Spinola ein, »seit seiner Zurückkunft bringt er alle Stunden, die er

ermüßigen kann, dort zu.« -- »Wie freute ich mich,« fuhr die andere

wieder fort, »als ich hörte, daß Sie wieder in Genua angekommen seien,

und hoffte von diesem Ereignis eine baldige Genesung, aber wie furchtbar

bin ich enttäuscht.« -- »Es ist unverzeihlich und recht abscheulich,«

sagte nun die Spinola, und ich stand in der Tat vor den beiden Signoras

wie ein Schulknabe, den der Herr Inspektor herunterputzt, weil er

unartig gewesen. Gern hätte ich mich wie gewöhnlich durch einen Scherz

lachend und spottend aus der Affäre gezogen, aber der Zustand Toninas

war doch zu ernsthaft -- sie litt besonders an Nervenübeln --, als daß

ich es wagen durfte, und ich suchte durch ein halbes _pater peccavi_

mich aus der Klemme zu befreien, indem ich meine Besuche bei der

Palatini zwar nicht leugnete, aber behauptete, sie seien durchaus ganz

unschuldiger Natur und gälten bloß ihrem musikalischen Talent, indem ich

nichts treibe, als mit ihr singe. -- »Wer so etwas glauben wollte,« fiel

mir die Spinola wieder ins Wort, »ja, wenn die Signora nicht ganz ohne

Hehl und ohne Scham selbst von ihrem Verhältnis mit Ihnen spräche!

Halten Sie uns doch nicht für so einfältig.« -- »Und schonen Sie doch um

Himmelswillen Ihre Freundin,« unterbrach ich die Marchesa, »sehen Sie

denn nicht, wie die Arme leidet?«

In der Tat hatte die P... in diesem Augenblick Konvulsionen und Krämpfe

bekommen und stöhnte: »Oh, mir ist sehr übel!« Wir sprangen ihr beide zu

Hilfe; sie bekam eine förmliche Ohnmacht. -- »Sehen Sie, was Sie gemacht

haben,« sagte die Spinola zu mir, meine Hilfe zurückweisend -- »Das ist

einzig und allein nur Ihre Schuld,« erwiderte ich etwas aufgebracht,

»Sie kannten den Zustand Ihrer Freundin und führen eine solche Szene

herbei; wenn Sie dergleichen Klatschereien erfuhren, mußten Sie sie eher

verheimlichen, als mitteilen und bekräftigen.« -- »Nicht von mir hat es

die Marchesa zuerst erfuhren, ganz Genua redet von den Tollheiten Ihrer

Charmanten. Sie sind samt ihr die Mär der Stadt. Wo dachten Sie hin,

sich mit einer solchen Törin einzulassen und darüber Ihre besten

Freundinnen zu vernachlässigen? Nein, Sie können kein Deutscher sein, so

etwas tut kein Deutscher, dies verzeiht man nicht einmal einem

leichtsinnigen Franzosen.« -- Ich suchte die aufgebrachte Signora zu

besänftigen, welche die Schläfe und Stirn der noch immer bewußtlosen

Freundin mit starken wohlriechenden Wassern rieb, ihr Diebsessig unter

die Nase hielt, indem sie ihren Kopf an ihren Busen legte. Als sie sich

so beschäftigte, die Ohnmächtige wieder zu sich selbst zu bringen,

drückte ich einen leisen Kuß auf deren Stirn, indem ich noch leiser

sagte: »Dies wird sie vielleicht am ehesten erwecken.« -- »Was

unterfangen Sie sich,« fuhr mich die Spinola zwar heftig, aber ebenfalls

kaum hörbar an, »glauben Sie, wir würden uns von Ihnen betören lassen?

Gehen Sie zu Ihrer Pazza, dort ist es besser angewandt, und lassen Sie

uns in Ruhe.« -- »Nicht so böse, meine schöne Signora, Sie haben mir

zuerst die Palatini bei Dorias zugeführt, ich bitte ja aufrichtig um

Vergebung, werfe mich reuevoll zu Füßen.« Ich wollte nun auch ihr die

Hand küssen, als Tonina plötzlich ein Lebenszeichen von sich gab und

bald darauf wieder die Augen aufschlug. Als sie sah, wie wir beide um

sie beschäftigt waren, lächelte sie wehmütig, und ich bat sie, vor ihr

kniend und ihre Hand fassend, innig um Vergebung, nochmals beteuernd,

daß nur der Schein gegen mich sei, und jetzt unterstützte mich die

Spinola in meinem Vorgehen, indem sie sprach: »Eine Möglichkeit ist es

immer, wenn auch schwer zu glauben. Ich will ihn doch nicht ganz

verdammen, denn das tolle Weib ist wohl fähig, Dinge zu sagen, die nicht

sind.« -- Abermals küßte ich feurig Toninas Hand, die mich jetzt mit

einem bedeutenden Blick ansah und lispelte: »Aber wenn Sie mich dennoch

betrügen?« -- Der Ton, mit dem sie dies sagte, ging mir durch Mark und

Bein, und ich fühlte mich so zerknirscht und über mich selbst

angehalten, daß ich in diesem Augenblick vielleicht alles bekannt, wenn

man mich noch weiter inquiriert hätte. Ich suchte die Leidende indessen

immer mehr zu beruhigen, bekam endlich wieder den Mut, ihr meine

unerschütterliche Treue zu beteuern und bei allen Göttern zu versichern,

daß ich nur sie liebe und hoffentlich von meiner Unschuld klar

überzeugen werde, sie möge sich jetzt nur beruhigen und so ihre schnelle

Genesung herbeiführen. Noch beinahe eine ganze Stunde brachte ich in

dieser mir sehr peinlichen Lage zu und verließ die Damen, nachdem die

Marchesa P... wieder so weit hergestellt war, um sich in ihrer

Portandina fortbringen lassen zu können. Ehe ich mich entfernte, hatte

man von mir das Versprechen verlangt, meine Bekanntschaft ganz

aufzugeben und die Palatini nicht mehr zu besuchen, ich stellte aber den

Damen vor, daß dies bei dem bekannten Charakter der Donna nicht wohl

tunlich sei, ohne sich allem Möglichen von ihrer Seite auszusetzen, und

ich nur allmählich und mit großer Vorsicht abbrechen könne, was man

endlich auch einzusehen beliebte, mir aber einschärfte, Wort zu halten,

wenn ich nicht böse Folgen erleben wolle. Ich empfahl mich bestens,

froh, als ich wieder freie Luft schöpfte, dieser Szene enthoben zu sein.

Die Sache war mir aber doch nicht ganz gleichgültig, denn ich kannte die

Genueserinnen mit als die rachsüchtigsten Frauenzimmer Italiens, befand

mich zwischen zwei Feuern und wußte noch nicht, wie ihnen zugleich Face

und Front zu machen. Als ich mir gerade den Kopf zerbrach, was ich wohl

in dieser Verlegenheit für einen Operationsplan entwerfen müsse und mit

aller Taktik und Strategie nicht zu Ende kommen konnte, zog mich ein

_Deus ex machina_, wenigstens für den Augenblick, aus derselben. Ich

besuchte noch den nämlichen Abend die Opera Buffa, wo ich Giulietten

versprochen hatte, mich einzufinden, und traf hier den Herrn von Brüge,

der, als er mich sah, auf mich zukam und mir verkündete, daß ich schon

den nächsten Morgen mit meiner Kompagnie in die Gebirge zur Verfolgung

der immer dreister werdenden Briganten abmarschieren müsse; gerne hätte

er mich zurückbehalten, allein da es ausdrücklicher Befehl vom

kommandierenden General sei, daß die Voltigeurkompagnien zu diesem Zweck

verwendet werden sollten, so müsse er mich wohl ziehen lassen. Die Order

kam mir erwünscht. Giulietta hatte mich, während der Bataillonschef mit

mir sprach, unverwandt angesehen, und als ich mich in ihre Loge begeben

wollte, um sie mit dem erhaltenen Befehl bekannt zu machen, kam sie mir

schon auf dem Korridor entgegen und fragte mich, was denn der Kommandant

so angelegentlich mit mir gesprochen und von mir gewollt habe. Ich

teilte ihr den Inhalt unseres Gesprächs mit, worüber sie außer sich

geriet und in die Worte: »Das dulde ich nicht, ich gehe selbst zum

General!« und ähnlichen Unsinn ausbrach. Lachend bedeutete ich ihr, daß

gegen militärische Order eine weibliche schlechterdings nicht aufkommen

könne, sondern daß sie hier durch jeden unüberlegten Schritt nicht nur

sich, sondern auch mich und meine militärische Ehre kompromittieren

würde, ohne dadurch irgend etwas zu ändern, da gegen solche Befehle gar

keine Einwendungen, selbst die begründetsten nicht angehört würden. --

»Gut, dann gehe ich mit und reite auf einem Maultier an der Spitze

deiner Kompagnie.« -- Diesen tollen Gedanken suchte ich ihr auszureden,

indem ich ihr sagte, daß dies nicht gelitten würde und außerdem die

Expedition schwerlich länger als ein- oder ein paarmal vierundzwanzig

Stunden dauern würde. -- »Wenn es aber länger dauert, komme ich doch

nach,« versetzte sie nun, und ich sah, wie recht die Spinola gehabt, als

sie mir gesagt, der kleine Teufel würde mir zu schaffen machen, denn ich

fürchtete irgendeinen tollen Streich, den abzuwehren nicht in meiner

Gewalt stünde. Ich entfernte mich jetzt unter dem Vorwande, Anordnungen

treffen zu müssen, und versprach, vor dem Abmarsch Abschied von ihr zu

nehmen. Statt dessen schrieb ich ihr einen Brief, mich mit der

Unmöglichkeit und der übereilt befohlenen Entfernung entschuldigend, den

ich ihr erst zukommen ließ, als wir schon einige Stunden von Genua

entfernt waren. Ebenso benachrichtigte ich die Spinola schriftlich von

diesem Ereignis, mit der Bitte, es ihrer Freundin schonend mitzuteilen,

und vertröstete auch sie auf baldige Zurückkunft. In der Tat war ich

froh, als ich den anderen Morgen Genua, aus dem ich absichtlich schon

vor Sonnenaufgang mit meiner Kompagnie abmarschiert war, im Rücken hatte

und sah mich jeden Augenblick um, fürchtend, den kleinen Satan auf

seinem Maultier hinter mir angesprengt kommen zu sehen.

Schon seit einiger Zeit war es in den italienischen Alpen sehr unruhig

geworden, es hatten sich starke Banden zusammengerottet, die so verwegen

wurden, daß sie in den letzten Tagen sogar einen französischen Posten

von einigen zwanzig Mann überfallen und die Leute sämtlich ermordet

hatten. Dies war in einer geringen Entfernung von Genua geschehen. Die

italienischen Alpen sind in dieser Gegend ebenso unwirtsam, voll

Schluchten und sicherer Zufluchtsorte für Räuber und Insurgenten, wie

die Waldgebirge Kalabriens. Jeder Mann hatte sechzig scharfe Patronen

und für vier Tage Brot bei dem Ausmarsch erhalten.

Eine besondere Instruktion hatte ich nicht und konnte sie nicht erhalten

haben, sondern sie lautete nur im allgemeinen, die Spuren der Briganten

aufzusuchen, sie zu verfolgen und wo möglich tot oder lebendig

einzufangen, mich dabei so viel es sich tun ließ der Bauern in den

Dörfern zu bedienen und Führer aus denselben zu nehmen. Das weitere

blieb meiner Einsicht überlassen, indem ich nach Umständen agieren

müsse. Ist man einmal über die Riviera -- so wird das Uferland genannt,

welches den Meerbusen umgibt -- hinaus, so werden die Berge immer öder,

steiler und kahler, Felsen türmen sich auf Felsen, seltener werden Bäume

und Gebüsch, und nur hier und da sieht man noch einige Kastanien, der

Weg, dessen Rand sich oft an unabsehbaren Abgründen und Schlünden

hinzieht, über welche mitunter sehr gebrechliche Brücken führen, kann

nur noch durch sehr sichere Pferde und Esel betreten werden. Viele

dieser Brücken waren durch die Briganten abgebrochen, so daß ich häufig

wieder umkehren und andere Wege aufsuchen mußte. Als ich den zweiten Tag

zu Ovada ankam, erfuhr ich, daß erst vor ein paar Tagen hier drei

Gendarmen überfallen und ermordet worden waren; um an diesen Ort zu

gelangen, hatte ich einen Führer aus dem Flecken Campo Marone

mitgenommen, der mich auf großen Umwegen hierher gebracht, wo ich mich

auf vierundzwanzig Stunden einquartierte, um Erkundigungen über den

Aufenthalt und die Spuren der Briganten einzuziehen. Ovada ist ein

ziemlich großer Ort, der an der Orba liegt und etwa tausend Einwohner

zählen mag. Wo ich aber auch anklopfte und forschte, niemand wollte mir

Auskunft über die Banden geben können; die Stimmung der Einwohner und

Landleute war uns überhaupt sehr ungünstig, allenthalben zeigte sich

große Unzufriedenheit mit der Regierung, Haß gegen die französische

Herrschaft und ein Geist des Aufruhrs und der Widerspenstigkeit, der

unter Umständen sehr gefährlich werden konnte. Zu den zahlreichen

Räuberbanden, die sich in den italienischen Alpen umhertrieben, gesellte

sich fortwährend alles Gesindel, und alle, welche irgend etwas begangen

hatten, flüchteten sich zu ihnen in unzugängliche Schlupfwinkel im

Gebirge. Dabei hatten sie fortwährend geheime Verbindungen in Genua,

Turin, Piemont und der Lombardei. Was mir sehr im Wege stand, war die

abscheuliche Sprache, die in dieser Gegend geredet wird; überall wollten

die Einwohner kein Italienisch sprechen und stellten sich, als

verstünden sie mich nicht. In Ovada suchte ich einen Geistlichen auf,

der doch den Sprachunwissenden nicht machen konnte, wenigstens meine

Fragen beantworten mußte, aber auch von diesem konnte ich nichts weiter

herausbringen, als daß man zwar viel von den Briganten höre, aber ihren

Aufenthalt nicht wisse noch erspähen könne. Überhaupt zweifle er an dem

Bestehen dieser Banden, wie man sie in Genua schildere; es seien

höchstens nur einzelne Straßenräuber vorhanden, und es sei ganz

vergebliche Mühe, diese aufsuchen zu wollen, da kein Mensch ihre

Schlupfwinkel kenne. Aber der geistliche Herr wußte sie gewiß. Von Ovada

marschierte ich mit ebensowenig Erfolg nach Casaleggio und von da nach

den Dörfern Acquata und Isola, ganz abscheulichen Nestern, in denen alle

meine Bemühungen ebenfalls erfolglos blieben, so daß ich schon

verzweifelte, jemals auf die Spur der Briganten zu kommen. In Ronco

brachte ich einen Tag und zwei Nächte zu und erfuhr am Morgen nach der

letzten, daß in der verwichenen Nacht abermals ein Gendarm zwischen hier

und dem nahen Fornaro ermordet worden sei. Seinen Leichnam habe man

schrecklich verstümmelt auf der Landstraße gefunden. Ich machte mich nun

mit meiner Kompagnie eilig nach Fornaro auf, das ziemlich nahe an der

Bocchetta liegt, stellte rings um das Dorf Piketts und drohte es

anzuzünden, wenn mir nicht in Zeit von zwei Stunden die Mörder der

Gendarmen ausgeliefert würden, denn ich hatte einige Indizien, daß es

Bewohner dieses Ortes waren. Um meiner Drohung mehr Nachdruck zu geben

und zu zeigen, daß es mir Ernst damit sei, ließ ich von den Soldaten

Brennmaterial zusammenbringen und auf einen Haufen legen; aber

vergeblich, die Einwohner heulten, schrieen und winselten, beteuerten

ihre Unschuld, und von den Mördern war keine Spur aufzufinden. So zog

ich schon sieben Tage vergeblich in diesen Öden und zwischen Schluchten

umher, wobei die Nahrung auch nicht die beste war und ich mehrere Marode

zählte, die ich nach Bocchetta führen ließ, von wo sie ins Lazarett nach

Genua gebracht wurden. Ich selbst fing an, höchst mißmutig zu werden und

an irgendeinem günstigen Erfolg meiner Mission zu verzweifeln, als ich

auf eine List verfiel, die wenigstens teilweise gelang. Ich suchte die

entschlossensten und mutigsten Leute meiner Kompagnie heraus, ließ sie

ihre Säbel scharf schleifen und so zu zwei und drei Mann streifen,

während ich mich mit den übrigen in einem nahen Dorf verweilte, in

dessen Mitte ich ein Pikett aufstellte und dessen Ausgänge so besetzte,

daß sich keine Seele aus demselben ohne meine Erlaubnis entfernen

durfte. Die Leute, die ich auf die Streifereien ausschickte, instruierte

ich dahin, daß sie sich nicht weiter von dem Ort entfernen sollten, als

man das Abfeuern eines Gewehrs hören könne, und wenn sie Bauern oder

sonstige Individuen auf sich zukommen sähen, sollten sie dieselben bis

auf gefällte Bajonettweite herankommen lassen, dann aber ihnen das

Gewehr vorhalten und sie nach ihrem Begehren fragen; sollten jene aber

Miene machen, noch weiter vorzudringen oder irgendeine feindliche

Bewegung versuchen, losschießen, und wenn das Gewehr nicht mehr zur

Verteidigung geschickt sei, dasselbe von sich werfen und sich mit dem

blanken Säbel verteidigen, bis der nicht lange ausbleibende Sukkurs

käme; würde man aber aus der Ferne auf sie schießen, so sollten sie das

Feuer erwidern, doch immer nur einer nach dem anderen, um sich zu

soutenieren. Andere Soldaten hieß ich, nur mit dem Seitengewehr

bewaffnet, ganz in der Nähe des Orts spazieren gehen. Aber auch dieses

Manöver hatte ich schon einige Tage umsonst versucht; endlich hörte ich,

nachdem ich zwei Stunden vor Tagesanbruch, denn ich marschierte nur

nachts und immer unvermutet ab, damit die Briganten so wenig als möglich

von ihren Spionen unterrichtet werden konnten, in dem sehr einsam im

Gebirg gelegenen Dorf Ritegno angekommen war und die Streif- und

Lauerposten abgeschickt hatte, plötzlich einen Schuß und gleich darauf

noch acht bis zehn fallen. Ich jagte jetzt mit einem Teil der übrigen

Mannschaft nach dem Ort zu, von wo das Schießen herkam, und fand fünf

von meinen Leuten im Handgemenge mit wenigstens zwanzig Briganten. Als

mich diese ankommen sahen, ergriffen sie die Flucht, bis auf drei,

welche von den Voltigeurs festgehalten wurden; einer derselben stach

jedoch einen Mann mit einem Dolchstoß nieder. Dies sehend, sprang ich

hinzu und versetzte dem Kerl mit solcher Kraft einen Hieb über den Kopf,

daß er einen zweiten beabsichtigten Dolchstoß nicht führen konnte,

sondern mehrere Schritte zurücktaumelte und von seinem Blut überströmt

ohnmächtig niedersank; aber auch der gestochene Voltigeur war gefährlich

verwundet. Die beiden anderen Briganten wurden unterdessen entwaffnet

und festgehalten. Den Entflohenen setzten wir zwar eine Strecke nach,

mußten jedoch bald umkehren, da wir jede Spur von ihnen verloren. Ich

ließ alle drei, auch den Schwerverwundeten, der wieder zu sich gekommen

war und nebst dem von ihm gestochenen Soldaten zur Not verbunden wurde,

knebeln und sagte ihm, daß er ohne Absolution und Segen zur Hölle fahren

solle, wenn er nicht gestände, wo sich seine Spießgesellen aufhielten

und wer sie seien. Ebenso drohte ich den anderen mit augenblicklichem

Erschießen, wenn sie nichts gestehen würden, und ließ jeden gehörig

bewacht einzeln und von den andern getrennt führen, so daß sie sich

weder durch Worte noch durch Blicke oder Zeichen miteinander

verständigen konnten. Der Verwundete ward aber mit jedem Augenblick

schwächer und flehte um einen Tropfen Wasser zur Labung, den ich ihm

aber verweigerte, bis er gestanden, was ich begehrte. Ich hielt ihm

nochmals seine bevorstehende Höllenfahrt vor, worauf er mir mit matter

Stimme erwiderte: »Gewiß nicht, denn ich habe schon im voraus Absolution

und Vergebung aller Sünden erhalten und bin im Gegenteil gewiß, daß ich

für meine Ermordungen der Feinde unseres Landes sogar dem größten Teil

der Pönitenz des Fegfeuers entgehen werde.« -- Jetzt fragte ich ihn, wer

ihm denn solche Albernheiten glauben gemacht, und reizte ihn, noch mehr

zu beichten, mich über seinen Aberglauben lustig machend. Ich brachte

auch noch so viel von ihm heraus, daß er erst vor vierundzwanzig Stunden

in Asconi, einem Dorf im Gebirge, gebeichtet habe. Hierauf ging ich zu

einem anderen Gefangenen und sagte zu diesem: »Ah, Briccone, du bist

auch aus Asconi?« Er erblaßte und leugnete. Nun teilte ich ihm mit, daß

mir sein sterbender Kamerad dies gestanden, worauf er versetzte: »Er hat

gelogen, ich bin nicht aus Asconi, sondern der andere, mein Geburtsort

ist Cento Croce.« -- »Du hast aber doch erst vor vierundzwanzig Stunden

in Asconi gebeichtet und Absolution erhalten.« -- »Ha, der Verräter,«

knirschte der Brigant. Auch den dritten nahm ich nun _ad coram_ und

erfuhr genug, um überzeugt zu sein, daß die Kerls in Asconi und Cento

Croce zu Hause waren, und brach, nachdem ich die Verwundeten und

Gefangenen nach Bocchetta expediert, mit dem Rest meiner Leute, noch

über hundert Mann, durch öde und kahle Wildnisse mit einem gezwungenen

Führer nach Asconi auf, sah aber den Ort ganz verlassen und keine

lebendige Seele. Auch fand sich in den erbärmlichen Hütten desselben

nicht das mindeste vor, was uns zur Nahrung und Labung hätte dienen

können, und wir mußten uns an das mitgebrachte Brot und Wasser halten.

Einige der Leute hatten noch etwas Aquavit bei sich, auch fingen wir ein

halbes Dutzend Hühner und ein paar Hähne weg, die sich uns zufällig

darboten und nun an Ladestöcken gebraten und mit Pulver zubereitet

wurden, da wir kein anderes Salz hatten. Gegen Abend marschierte ich

unter Hörnerklang -- die Voltigeurs hatten statt der Trommeln eine Art

kleiner Wald- oder Posthörner -- und mit möglichstem Geräusch ab, ließ

aber drei Viertelstunden von dem Dorf hinter einer Felsenwand Halt

machen und befahl den Leuten, sich möglichst ruhig und still zu lagern.

Brot und Wasser war wieder unsere Kost, obgleich wir ein paar

aufgefangene Ziegen bei uns hatten, die ich aber nicht zu töten

gestattete, weil kein Feuer gemacht werden durfte, wenn mein Plan

gelingen sollte. So kampierten wir bis um zwei Uhr nach Mitternacht;

zwar hatte mir schon einer der ausgestellten Lauerposten einige Stunden

nach Sonnenuntergang berichtet, daß man Licht in Asconi wahrnehme, ich

fand aber für gut, noch eine spätere Zeit abzuwarten, um mein Vorhaben

auszuführen. Jetzt kehrten wir in aller Stille nach Asconi zurück, wo

wir noch Licht in einigen Häusern sahen. Wir schlichen uns ganz leise

und unbemerkt heran, und mit der Hälfte der Mannschaft besetzte ich alle

Zugänge des Orts, während ich mit der anderen Hälfte in denselben

einrückte und ein Haus, eine Art Osteria, aus dem ein ziemlich

bacchanalischer Lärm ertönte, umzingelte. Wir entdeckten, daß sich

einige zwanzig wohlbewaffnete Banditen nebst mehreren Weibern und

Mädchen in einer großen Stube desselben befanden, sich ganz unbekümmert

Orgien überlassend. Nachdem ich meine Mannschaft auf das beste geordnet

und instruiert hatte, ließ ich die Trompeter ins Horn stoßen und die

Leute auf dieses Signal plötzlich die Gewehre gegen die Fenster und

Türen abfeuern, die letzteren darauf mit Gewehrkolben einstoßen und zur

Attacke blasen. Ich drang nun mit einem Teil der Mannschaft in das Haus,

während die anderen, ihre Bajonette in die Fenster haltend, dasselbe

fortwährend umgaben. Die Briganten, durch diesen unerwarteten Überfall

verblüfft und an vierzig Läufe gegen sich gerichtet sehend, durch das

Geschrei der Weiber und Kinder noch mehr außer Fassung gebracht, dachten

im ersten Augenblick nicht daran, Widerstand zu leisten, als aber einige

ihre Büchsen abfeuerten, folgten die anderen diesem Beispiel, worauf

meine Leute ebenfalls ein mörderisches Feuer auf sie gaben. Ich drang,

an der Spitze zwei Sergeanten, in das Zimmer; dem Unterleutnant hatte

ich den Befehl der Leute vor dem Haus und im Dorf über lassen, und es

entspann sich ein mörderisches Gefecht in der Stube selbst, in der sich

die Briganten wie Verzweifelte wehrten, und erst nachdem mehrere von

ihnen tot niedergestreckt, auch viele verwundet waren und ich ihnen dann

bei augenblicklichem Niederschießen gebot, die Waffen zu strecken und

auszuliefern, hatte der Kampf ein Ende. Mehrere von meinen Leuten waren

gleichfalls verwundet, doch keiner sehr gefährlich, und keiner war

geblieben, ich selbst aber mit einem Dolch in den linken Arm geritzt

worden. Ich ließ ihnen nun Gewehre, Pistolen, Säbel und Dolche abnehmen

und sie, während sie noch vor Wut schäumten, mit Gewehrriemen binden, da

ich keine Stricke auftreiben konnte, und so bis zu Tagesanbruch

bewachen, während sich Unteroffiziere und Soldaten mit den hübschesten

der Weiber und Mädchen, wenn auch etwas gewaltsam, vergnügten, was die

Gefangenen, die es wenigstens mit anhörten, bis zum Rasendwerden in Wut

versetzte. In ein paar anderen Häusern fingen wir noch ein halbes

Dutzend von dieser Bande, sehr viele aber waren entsprungen und hatten

sich durch die Flucht gerettet. Wir fanden in dem einen Haus auch noch

einen ziemlich vollen Weinschlauch, gebratenes Ziegenfleisch, Polenta,

Öl, woran sich die fast verhungerten Voltigeurs gütlich taten. Mit

Tagesanbruch verließ ich das Dorf mit meinen Gefangenen, deren Arme ich

auf dem Rücken hatte zusammenschnallen und binden lassen. Als wir

ausmarschierten, warfen sich mir die Weiber zu Füßen, um die Freilassung

ihrer Männer und Geliebten flehend und sich an die Soldaten klammernd,

die sie transportierten, so daß wir alle Gewalt nötig hatten, sie los zu

werden und ich nur durch die Drohung, auf sie und die Gefangenen

schießen zu lassen, verhindern konnte, daß sie uns folgten. Ich

marschierte nun nach Cento Croce, fand aber dieses Nest ganz

ausgestorben; von da mit meinem Fang über Ritegno und Bocchetta, wo ich

erst den folgenden Mittag ankam und die Gefangenen nebst einem

ausführlichen Rapport nach Genua abschickte und mich dann in Ronco

einquartierte, die Zurückkunft meiner Leute und der zwei Sergeanten, die

ich mit abgesandt, erwartend. Wir bedurften der Ruhe, uns von den

Strapazen und Entbehrungen zu erholen. Ich erhielt aber den anderen Tag

Order, mit meiner Kompagnie gleichfalls wieder in Genua einzurücken, um

dort bei den Verhören der Gefangenen gegenwärtig zu sein und die nötige

Auskunft zu geben, zugleich wurde mir aber für meine erfolgreichen

Bemühungen eine Belobung und noch zwei Rasttage in Ronco gestattet.

Ungefähr sechzehn Tage hatte ich mich in diesen Gebirgen umhergetrieben,

und meine Abberufung war mir daher willkommen, da bei einer solchen,

immer mit den größten Entbehrungen und Gefahren verknüpften Expedition

doch nur wenig Ruhm zu erwerben ist, während eine weit weniger

beschwerliche Waffentat gegen einen gewöhnlichen Feind im offenen Felde

mit Eklat ausposaunt und belohnt wird. Dagegen ist aber wohl keine Art

Krieg zu führen so unterrichtend und so reich an Erfahrungen, als gerade

diese. Man lernt dadurch besonders jedes Terrain gehörig benutzen,

erlangt einen großen Scharfblick und eine richtige Übersicht in allen

Gefahren und weiß jeden kleinen Vorteil bestens wahrzunehmen. Die

beständige Aufmerksamkeit, welche man bei allen Streifzügen in so

kupiertem Terrain notwendig haben muß, schärft den Blick und Verstand

außerordentlich. Jeder einzelne Mann kommt da oft in die Lage, alle

seine Intelligenz und Fähigkeiten aufbieten zu müssen, um nicht das

Opfer irgendeiner Versäumnis oder Nachlässigkeit zu werden, die oft mit

dem Leben bezahlt werden muß. Die Erfahrungen und Gefahren eines solchen

Krieges machen dann auch zu allen größeren Kommandos und zum Anführen

der wichtigsten Expeditionen fähig.

In Genua zurück, verfügte ich mich zuerst zu meinem Bataillonschef,

Herrn von Brüge, der mich freundlich empfing und meinen Erzählungen mit

vieler Teilnahme zuhörte und von diesem zum kommandierenden

Divisions-General Montchoisy, dem ich einen vollständigen Bericht

abstattete und wurde darauf von ihm zur Tafel geladen, ebenso bei dem

Kommandanten General Mouret. Die Verhöre fanden bald statt, und zehn

dieser Briganten wurden zum Tode verurteilt, die übrigen kamen auf die

Galeere.

Ich hatte eben keine große Eile, mich nach meinen Schönen zu erkundigen

oder sie aufzusuchen, sondern fürchtete vielmehr, Neuigkeiten von ihnen

zu hören und wollte hinsichtlich ihrer wenigstens eine Zeitlang das

Inkognito in Genua bewahren, aber am Morgen des dritten Tages erhielt

ich in aller Frühe ein Billettchen von Giulietta, in welchem sie mich in

sehr gebieterischen und dringenden Ausdrücken aufforderte, sie noch

diesen Vormittag zu besuchen. Ich mußte dem Gebot wohl Folge leisten,

begab mich zu ihr und erlebte einen Auftritt, der weit ärger war, als

ihn sich meine ausschweifende Phantasie gedacht und ich gefürchtet

hatte. Der kleine Satan rief mir entgegen: »Also zitieren muß man Sie,

wenn man Sie sehen will,« redete nur von Dolch und Gift, von Herzen

durchbohren und Augen ausstechen, Gurgel abschneiden und in Stücke

zerreißen und so weiter. Zuerst hielt sie mir meine Abreise ohne

Abschied, wie ein Dieb in der Nacht, vor, dann aber wollte sie hinter

mein intimes Verhältnis, das es denn doch noch nicht war, mit der

Spinola gekommen sein, und schwur hoch und teuer, daß dieses blutig

enden würde, wenn ich es fortsetze. Ich suchte die halb Rasende zu

beruhigen, indem ich ihr ebenfalls hoch und teuer schwur, daß ich noch

nie ein intimes Verhältnis mit der Spinola gehabt, und das konnte ich

mit gutem Gewissen; ich wußte sie endlich so weit zu besänftigen, daß

wir uns so ziemlich im Frieden, der gehörig gefeiert worden war,

trennten, indem ich alles versprach, was sie versprochen haben wollte.

Sie gestand mir ein, wie sie meine Ankunft in Genua erfahren; ein

Kammermädchen, das einen Unteroffizier des Regiments kannte, hatte

denselben angehen müssen, ihr meine Zurückkunft sogleich zu melden; nun

war er aber gerade den Tag auf der Wache, und sie erfuhr es doch erst

achtundvierzig Stunden später. Ich fand für gut, mich jetzt auch bei

Guercino nach der Marchesa P... und der Spinola zu erkundigen und hörte,

daß erstere im ganzen etwas besser sei, aber noch immer so sehr an den

Nerven leide, daß sie auch die geringste Erschütterung oder

Gemütsbewegung, die sie um jeden Preis vermeiden müsse, in den

traurigsten Zustand versetze. Ich hatte bald auch eine Zusammenkunft mit

der Spinola, bei der wir gemeinschaftlich den Zustand der armen Marchesa

bedauerten, uns gegenseitig deshalb trösteten und so gerührt waren, daß

wir, ohne zu wissen wie, bald einander in den Armen lagen; und was die

Palatini nur vermutet hatte, verwirklichte sich schneller, als ich

geglaubt. -- Nun war aber die schwere Aufgabe, einer jeden von beiden

glauben zu machen, daß sie die einzige Auserwählte sei, etwas, das weder

so leicht noch gefahrlos war, da alle diese Damen ihre Kundschafterinnen

hatten, die das Spionenhandwerk trefflich verstanden. Wenige Tage vor

meiner Ankunft war ein junger französischer Artillerieoffizier das Opfer

der Eifersucht einer Frau geworden, der, nachdem er eine Zeitlang ein

vertrautes Verhältnis mit ihr gehabt, Anstalt machte, eine junge

Französin, die Tochter eines Artillerieobersten, zu heiraten. Kurz vor

dem schon festgesetzten Vermählungstage hatte sie ihn bei einer letzten

Zusammenkunft, um die sie ihn gebeten, mit eigenen Händen erdolcht und

so gut zu treffen gewußt, daß er fast lautlos niedergestürzt war, sich

dann selbst als seine Mörderin angegeben und den Gerichten überliefert,

die sie für eine Wahnsinnige erklärten. -- Ich nahm meinen Tisch wieder

bei Herrn von Brüge, setzte den musikalischen Unterricht mit der kleinen

Josephine fort, an der ich eine sehr fleißige und talentvolle Schülerin

hatte, die mir mit kindischer Liebe so sehr zugetan war, daß mir diese

Stunden eher eine Unterhaltung, eine Erholung, als eine Mühe waren.

Öfters auch führte ich das liebenswürdige Kind spazieren und zeigte ihm

Genuas Kuriositäten; so besuchte ich eines Tages das Conservatorio

Fieschino mit ihm, ein Nonnenkloster, welches ein Domenico Fiesco im

Jahr 1760 stiftete und das durch die künstlichen Blumen, die die Nonnen

desselben verfertigen und die von einer seltenen Schönheit und Frische

sind, nicht nur in ganz Italien berühmt, sondern selbst bis nach

Amerika, wohin sie versendet werden, bekannt ist. Von diesen Blumen,

welche die heiligen Mädchen zum Schmuck der sündhaften Weltkinder

verfertigen, bietet man den Fremden an, die das Kloster besuchen, und

verkauft sie ihnen sehr teuer; der Handel findet im Sprechzimmer durch

ein doppeltes Gitter statt. Ich kaufte Josephinen ein solches Bukett,

wobei die Nonnen das Kind so allerliebst fanden, daß sie es zu sich

hinter das Gitter nahmen und es noch mit einem anderen Strauß solcher

Blumen beschenkten, es auch aufforderten, sie öfters zu besuchen, was

wir versprachen, und es brachte von jetzt an oft ganze Tage in diesem

Kloster bei den frommen Schwestern zu, unter denen mehrere so

liebenswürdig waren, daß ich das Mädchen um dieses Glück beneidete. Doch

sah und lernte sie auch manche Dinge dort, wie ich später von ihr

erfuhr, die eben nicht sehr klösterlich waren. -- Zu dieser Zeit war der

Dienst bei unserem Bataillon wegen des Einexerzierens der

neuangekommenen Rekruten, fast ausschließlich Preußen, die in dem

unglücklichen Krieg von 1807 nach der Schlacht bei Jena, der Übergabe

von Magdeburg und so weiter gefangen worden waren und Dienste genommen

hatten, wieder beschwerlich, wenigstens für mich, da ich eine wahre

Antipathie gegen dieses so ganz geistlose und mechanische Einochsen der

Handgriffe, Wendungen und des Marschierens hatte; auch wußte ich mich

die meiste Zeit davon zu dispensieren. Selbst die Pelotons- und

Bataillonsschule langweilte mich, weil sie sich in zu engen Grenzen

bewegte; ich hätte gar zu gern Heere manövrieren lassen.

Bis jetzt war es mir geglückt, mein Verhältnis mit den beiden Damen so

zu verheimlichen, daß keine von ihnen daran zweifelte, daß ich den

Umgang mit der anderen aufgegeben, aber jeden Tag konnten mir die Karten

aufgedeckt werden. In der letzten Zeit hatte ich einigemal bei Giulietta

eine sehr liebenswürdige Dame, eine nahe Anverwandte von ihr, die

Signora Albertina Palatini getroffen, die ganz das Gegenteil von ihrer

wilden Cousine und eine sehr sanfte und ruhige Frau, von blassem,

schmächtigem Aussehen, eine geborene Venetianerin war, die sich hierher

verheiratet hatte. Sie besaß ganz das zierliche, fein-graziöse Wesen,

das die Venetianerinnen besonders auszeichnet, Schönheiten, denen das

Heroische der Römerinnen, das Blühende der Florentinerinnen abgeht, die

dagegen fast verklärte, oft sehr geistreiche Gesichter und die zarteste

weiße, fast durchsichtige Haut von der Welt haben. Die Signorina

Albertina hatte ein raffaelisches Madonnenantlitz, ihre Unterhaltung war

von der Art, daß sie unwiderstehlich für sie einnahm, und nie habe ich

hinsichtlich des Kontrastes zwei verschiedenartigere Wesen kennen

gelernt, als diese beiden Cousinen, die sich dennoch sehr gut

miteinander vertragen, und, was das Sonderbarste war, daß, obgleich ich

Albertinen eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit in Gegenwart Giuliettens

schenkte und mich, soviel es tunlich war, fast ausschließlich mit ihr

unterhielt, diese doch keine Idee von Eifersucht oder Mißtrauen blicken

ließ, sondern das größte Vertrauen in ihre sanfte und sentimentale

Verwandte setzte, nicht bedenkend, daß es die Sentimentalen oft ganz

gewaltig hinter den Ohren sitzen haben, denn stille Wasser sind tief. --

Ein bloß geistiges Einverständnis hatte sich auch bald zwischen mir und

der neuen Bekannten entsponnen, und in den Gesellschaften, in denen ich

sie traf und die sie frequentierte -- sie wurde weit mehr als ihre

Cousine zu denselben gezogen und eingeladen --, unterhielt ich mich und

tanzte viel mit ihr; ein gegenseitiges Wohlwollen, ohne Drang nach

sinnlicher Lust, war bald entstanden, und jedes bezeigte große Teilnahme

für das, was dem anderen widerfuhr; wie sehr dies von Albertinens Seite

der Fall war, hatte ich bald Gelegenheit, auf das unzweideutigste zu

erproben.

In ganz Italien ist hinsichtlich Genuas eine Redensart im Munde des

Volkes, die heißt: _Uomini senza fede, donne senza vergogna, mare senza

pesce, bosco senza legna._ Mit derselben hat es, wie es mit so mancher

ähnlichen abgeschmackten sprichwörtlichen Redensart der Fall ist,

gleiche Bewandtnis, sie ist fast ganz falsch und irrig. -- Was das erste

anbetrifft, _Uomini senza fede_, so sind die Genueser in dieser Hinsicht

nicht schlimmer als die anderen Italiener, was freilich kein Lob ist,

und ebenso ist es mit den Frauen der Fall, die übrigens auch bei dem

vertrautesten Verhältnis noch immer eine gewisse Dezenz beobachten, sich

nie so ganz schamlos hingeben, wie zum Beispiel die Französinnen, die,

wenn man einmal auf einen gewissen Punkt mit ihnen gekommen ist, gar

keine Zurückhaltung mehr kennen, was sie denn auch, trotz ihres

geistreichen und witzigen Geplauders, ihres so aufgeweckten munteren

Verstandes, gar schnell bis zum Ekel widerlich erscheinen läßt, sobald

man intim mit ihnen geworden. -- Das Meer ohne Fische ist nun vollends

eine offenbare Lüge; ich habe nirgends bessere und dabei sehr billige

Fische gegessen wie hier, namentlich die Triglia, ein köstlicher

Rotfisch, Sardellen, frischen Tunfisch, die kleinen köstlichen

rosenfarbigen Bianchetti, die man auch Rosetti nennt, und so weiter. --

Ein Wald ohne Bäume aber ist barer Unsinn, man findet hier die

herrlichsten Zitronenwäldchen, deren Duft die Lüfte parfümiert. -- Ich

erwähne dieses alberne Sprichwort hauptsächlich in Betracht der Frauen,

die nicht mehr intrigieren als alle Italienerinnen und Spanierinnen,

fast eher schamhaft als schamlos sind, wenigstens habe ich sie so

gefunden, sogar die sonst so ausgelassene Giulietta war in gewissen

Dingen sehr dezent, und selbst die öffentlichen Dirnen, denen ich nur

auf den Straßen begegnete, da ich vor solchen immer den größten Abscheu

und Ekel hatte, haben es bei weitem noch nicht zur Unverschämtheit der

Pariser Boulevardnymphen gebracht; man konnte zu jeder Zeit durch alle

Gassen Genuas gehen, ohne von ihnen angehalten zu werden.

Etwa vier Wochen nach meiner Zurückkunft aus den Alpen war wieder ein

großes Fest bei Dorias, zu dem das ganze Offizierskorps der Garnison

sowie die ganze schöne Welt und der Adel Genuas, den ich zum erstenmal

so vollständig versammelt sah, eingeladen war. Im hellen Glanz strahlten

die Damen, die ihre Toilette mit großer Sorgfalt gewählt hatten; auch

Albertina Palatini war zugegen, aber ganz einfach weiß, jedoch in die

feinsten Spitzen gekleidet, ohne Brillanten oder Perlen, weiße Rosen im

Haar. Ihre feine blasse Haut und dieser Anzug gaben ihr das Ansehen

einer Halbverklärten. Ich hatte fast nur Augen für sie und war mit der

ebenfalls anwesenden Spinola und Giulietta übereingekommen, daß

ich beide ignorieren und ihnen nur die ganz gewöhnlichen

Höflichkeitsbezeigungen erweisen würde. Ich hielt mich hauptsächlich in

Albertinens Nähe auf, deren elegante Anmut beim Tanz bewundernd. Sie

blickte mich einigemal so bedeutungsvoll an, daß es schien, als hätte

sie mir etwas Besonderes mitzuteilen. Ich trat bald darauf eine

Monfarina mit ihr an, und nachdem dieselbe beendigt war, drückte sie mir

ein Billettchen verstohlen in die Hand, indem sie mir zuflüsterte:

»_Leggete subito!_« Ich eilte in ein entlegenes Gemach unter eine

Fensterhalle und las:

>Signor, finden Sie sich eine Stunde vor Mitternacht in der Grotte der

Calypso der Villa Doria ein, wo ich Ihnen Dinge von der größten

Wichtigkeit mitteilen werde, meiden Sie mich aber den Rest des Abends,

damit jeder Verdacht eines Einverständnisses fern bleibt. Um der Madonna

willen, verlieren Sie das Billett nicht, wenn Ihnen Ihr und mein Leben

teuer ist, vor allem hüten Sie sich vor meiner Cousine und meinem

Bruder; suchen Sie die Grotte auf und placieren Sie sich bei der zweiten

Monfarina in meiner Nähe.<

So sehr ich auch über den Inhalt dieses seltsamen Schreibens erstaunt

war und nachdachte, so glaubte ich dennoch aus demselben nichts weiter

vermuten zu können, als einen gefährlichen Anschlag Giuliettas, die

hinter meine Schliche gekommen, oder ein gewöhnliches Rendezvous. Etwas

zerstreut kehrte ich in den großen Saal zurück, begegnete bisweilen den

Blicken Albertinens, die alsdann ihre Augen verlegen niederzuschlagen

schien. Ich suchte nun die bezeichnete Grotte auf, die in dem

entlegensten Teil der Bosketts lag, mir die dahin führenden Wege

merkend, und tanzte dann abwechselnd mit der Spinola, Giulietta,

Teresina Doria und anderen. Bei der zweiten Monfarina placierte ich mich

neben den Tänzer Albertinens, die mich während der Tour leise und

schnell fragte: »Wissen Sie die Grotte? Haben Sie das Billett

vernichtet? -- Verfehlen Sie die Zeit nicht!« -- Ich beantwortete alles

mit gleicher Heimlichkeit und begab mich eine Viertelstunde vor der

festgesetzten Zeit an den bestimmten Ort. Kaum hatte ich Posto daselbst

gefaßt, so hörte ich mehrere Männerstimmen eifrig im Gespräch begriffen,

und da ich fürchtete, sie möchten in die Grotte kommen, so trat ich

schnell aus derselben und hinter ein nahes Gebüsch. Meine Vermutung war

nicht ganz falsch, denn sie blieben vor dem Eingang der Grotte stehen

und schienen sich im genuesischen Jargon ziemlich heftig zu streiten.

Ich verstand nur einzelne und abgebrochene Worte, wie _Il Commandante_,

_teatro_, _francese_ und so weiter. Gerne wäre ich aus meinem Hinterhalt

hervorgegangen, um Albertinen aufzusuchen und sie zu verhindern, sich

hierher zu verfügen, aber es war unmöglich, ohne von diesen Personen

bemerkt zu werden, die dann glauben mußten, ich habe sie belauscht. Über

eine gute Stunde mußte ich in dieser peinlichen Lage bleiben, jeden

Augenblick fürchtend, die Signora kommen zu sehen, als sich die Männer,

es waren ihrer wohl einige zwanzig, entfernten, sich in mehrere Gruppen

verteilten und auf verschiedenen Wegen wieder in den Palazzo begaben.

Sobald ich sie weit genug glaubte, eilte auch ich wieder in den Tanzsaal

zurück, Albertinen mit scharfen Blicken im Gewühl suchend, konnte sie

aber nirgends entdecken; ich rannte nun wieder zur Grotte, aber auch

hier keine Spur von ihr, ich lief durch alle Gänge und Alleen des

Gartens, alles vergeblich. Eben wollte ich wieder in die Haustür treten,

als mich eine Frauengestalt, in einen Mantel gehüllt, bei der Hand nahm

und einige Schritte mit sich fortzog; es war Albertine. Ich wollte

reden, aber sie fiel mir schnell ins Wort: »Ich weiß alles, was Sie mir

sagen wollen, und habe nur zwei Minuten Zeit, denn schon werde ich

vermißt. Wenn Ihnen Ihr Leben und das aller Ihrer Kameraden teuer ist,

so verfehlen Sie morgen nicht, in die Frühmesse der Annunziata zu

kommen.« Mit diesen Worten verlor sie sich schnell ins Gebüsch, da man

Leute kommen hörte. Es waren Gäste, die sich schon entfernten. Ich trieb

mich noch eine geraume Zeit in dem Garten umher, über dieses Abenteuer

und was es zu bedeuten habe nachdenkend; als ich endlich wieder in den

Saal trat, war es schon drei Stunden nach Mitternacht und die Kerzen

beinahe heruntergebrannt; die Generalität und alle Offiziere waren

längst weg, ich fand nur noch wenige Nobili unter einer Fensterhalle in

so eifrigem Gespräch vertieft, daß sie mich kaum zu bemerken schienen,

und entfernte mich ebenfalls. Zu Hause angekommen, warf ich mich auf das

Bett, meinem Bedienten befehlend, mich mit Tagesanbruch, der nicht mehr

sehr entfernt war, zu wecken. Ich konnte aber nicht einschlafen, und

erst gegen Morgen schloß ich die Augen, in einen leisen und unruhigen

Schlummer versinkend, aus dem ich, durch einen beängstigenden Traum

erschreckt, bald wieder erwachte, mich schnell ankleidete und zur

Annunziatakirche eilte. Außer einigen alten Frauen und verschleierten

Damen, die hin und wieder an Altären knieten, war noch niemand in der

Kirche. Nach einer halben Stunde trat die von mir heiß Herbeigewünschte

ein. Ich hatte sie an der Tür erwartet und reichte ihr das Weihwasser,

worauf sie mir ein Zeichen gab, ihr zu folgen. In einer kleinen

Seitenkapelle öffnete sie eine ziemlich verborgene, stark mit Eisen

beschlagene Tür, die sie leise anlehnte; ich folgte ihr unbemerkt und

befand mich samt ihr in einem sehr kleinen, von hohen Mauern umgebenen

Kirchengärtchen oder vielmehr Höfchen, mit Bäumen besetzt. Nachdem ich

auf ihr Geheiß die Tür hinter mir zugemacht, sagte sie: »Signor, mein

Benehmen muß Ihnen sehr seltsam vorkommen, aber das Interesse, welches

Sie mir von dem ersten Augenblick, da ich Sie sah, einflößten, wird,

verbunden mit dem, was ich Ihnen nun entdecken werde, mich nicht nur

entschuldigen, sondern Sie mir auch für immer verpflichten. Erst aber

schwören Sie mir, daß Sie weder mich noch meinen Mann noch meinen

Bruder, so groß auch die Schuld des letzteren sein möge, verraten oder

ins Verderben stürzen wollen.« -- Lächelnd fragte ich sie, ob es wohl

noch eines solchen Schwures bedürfe, und reichte ihr die Hand, mein

Ehrenwort deshalb gebend. Ihre Hand ruhte zitternd in der meinigen, als

sie fortfuhr: »Es ist eine gräßliche Verschwörung gegen Ihre Truppen und

die Garnison im Werk und dem Ausbruch so nahe, daß keine Zeit mehr zu

verlieren ist, wenn Sie sich retten wollen. Heute abend sollen mit dem

Beginn des zweiten Akts die sich im Augustinertheater befindlichen

Generale und Offiziere ermordet, zugleich auf ein Signal die Kasernen in

Brand gesteckt und sich von den Verschworenen der Wälle und Tore

bemächtigt werden. Die Anstalten sind so gut getroffen und alles so

vorbereitet, daß wohl niemand leicht entkommen kann. Mehrere tausend

Briganten und Landleute vom Gebirge befinden sich schon seit gestern

abend in der Stadt versteckt, noch weit mehr werden im Augenblick der

Ausführung von den Bergen herunterströmen; mehrere englische

Kriegsschiffe werden sich mit anbrechender Nacht der Küste nähern und

unfern der Stadt Truppen ans Land setzen. Das Signal wird sogleich nach

der im Theater erfolgten Ermordung durch eine vom Fanal aufsteigende

Rakete gegeben werden. Dies alles habe ich teils durch meinen Mann,

teils durch eine Instruktion, die ich in der Schreibtafel meines Bruders

fand, die er bei jenem zurückgelassen, erfahren. Namen kann und werde

ich Ihnen keine nennen, auch weiß ich nicht, wer die eigentlichen

Urheber und Lenker der Verschwörung sind, und erinnere Sie nochmals an

Ihr Versprechen.« -- »Das ich heilig halten werde, teuerste Signora,«

unterbrach ich sie, hinzusetzend: »denn es soll Sie nicht gereuen, die

Retterin so vieler tapferen Leute geworden zu sein.«

Albertine nahm mit Tränen in den Augen Abschied und entfernte sich durch

eine andere Tür, während ich mich durch die Kirche zurück und nach Haus

begab. Hier überlegte ich, wie ich es anzufangen habe, die Sache dem

kommandierenden General zu entdecken, ohne die Palatini und ihre

schuldigen Verwandten zu kompromittieren. Nach einigem Nachdenken war

mein Entschluß gefaßt, ich eilte zuerst zu Herrn von Brüge, teilte ihm

flüchtig mit, was ich ungefähr wußte und sagen durfte, ohne mein Wort zu

brechen, sowie daß ich durch einen Zufall hinter die furchtbare Sache

gekommen sei, indem ich diesen Morgen in einer Villa spazieren gegangen,

in einem Gebüsch ungesehen zehn bis zwölf Männer belauscht habe, die

sich in einem von dichtem Gesträuch umgebenen Rondel beratschlagt

hätten, ohne daß es mir möglich gewesen, nur einen derselben zu

erkennen; soviel sei aber gewiß, daß noch diesen Abend der Tanz im

Theater angehen solle. Herr von Brüge ging sogleich mit mir zu dem

kommandierenden General Montchoisy, dem ich dasselbe noch umständlicher

wiederholen mußte. Da die Zeit so kurz war, man auch nicht ein einziges

Individuum kannte, an das man sich hätte halten können, so war guter Rat

teuer. Der General sagte mir, warum ich denn nicht wenigstens den

Männern nachgegangen sei, um zu erforschen, wer einer oder der andere

gewesen; ich entschuldigte mich mit der Dringlichkeit der Sache und daß

ich sie zu schnell aus den Augen verloren habe. Es wurde jetzt in meiner

Gegenwart über die Maßregeln beratschlagt, die zu ergreifen seien, da

man mit aller Vorsicht zu Werke gehen mußte, um die Verschworenen, die

man nicht kannte, nicht aufmerksam zu machen und ahnen zu lassen, daß

man etwas von ihren Absichten wisse, weil, wenn sie sich verraten

geglaubt, sie leicht einen Desperationscoup ausführen konnten, dem man

bei der Unbekanntschaft mit den näheren Verhältnissen nicht hätte

gehörig begegnen können. Ich stand wie auf Kohlen und kämpfte mit mir

selbst, ob ich nicht lieber die Wahrheit gestehen und wenigstens den

Corbetti, so hieß Albertinens Bruder, nennen solle; aber ich hatte das

Ehrenwort gegeben, und dies konnte ich nicht brechen. Nach manchen in

Beratung gezogenen und wieder verworfenen Plänen machte ich Vorschläge,

die denn auch mit wenig Modifikationen vorgenommen und ausgeführt

wurden, und man kam endlich über folgendes überein, nämlich: die Chefs

der Regimenter _und_ Bataillone sogleich in den Gouvernementspalast zu

bescheiden, die verschiedenen Korps nach dem Mittagsappell mit wenigen

Ausnahmen, damit die Straßen nicht ganz von Militär entblößt würden, in

den Kasernen zu konsignieren, allen Zutritt zu denselben von diesem

Augenblick an zu untersagen, damit von dieser Konsignierung in der Stadt

nichts verlaute, eine Stunde vor dem Beginn des Schauspiels sämtliche

Truppen unters Gewehr treten zu lassen und, sobald das Theater

angefangen, die Artillerie auf den Wällen und Bastionen verteilen, die

Kanonen gegen die Stadt zu richten, nachdem man sie scharf geladen, auch

Kugeln auf dem Rost glühend zu machen, alle Wachen sowie die Hauptwache

allmählich zu verstärken, die Theaterwache zu verdoppeln und gehörig mit

scharfen Patronen zu versehen, sodann jedermann den Eintritt in das

Schauspielhaus zu gestalten, aber keinem Zivilisten erlauben, dasselbe

wieder zu verlassen, sondern beim Aufziehen des Vorhangs alle Bürger,

bei denen man Waffen finden würde, zu verhaften. Diese Maßregeln wurden

mit äußerster Geheimhaltung vorbereitet, so daß selbst kein Offizier,

der nicht in das Geheimnis eingeweiht war, etwas von einer Verschwörung

ahnte. Die Bataillonschefs ordneten selbst die Konsignierung an, und zur

gewöhnlichen Zeit strömte man ungewöhnlich zahlreich ins Theater. Ein

Aide du camp des Generals hatte mit mir die Bewerkstelligung der

Verhaftungen übernommen, der ersten Wache am Theater war eine zweite,

hundert Mann stark, gefolgt, doch wurde der freie Ausgang noch bis zum

Aufziehen des Vorhangs gestattet und erst dann den jetzt doppelt

aufgestellten Schildwachen geboten, denselben zu wehren. Die Ouvertüre

war verhallt, und der Vorhang rollte in die Höhe, aber statt der Akteurs

erblickte man eine in zwei Treffen gestellte Abteilung von Grenadieren.

Ich trat jetzt mit gezogenem Degen vor, kommandierte: »_Apretez-armes,

joue!_« Auf fast allen Gesichtern der Zuschauer las man eine große

Bestürzung und auf vielen Todesblässe. Jetzt trat der General-Adjutant

vor und rief mit lauter Stimme: »Den Herren Offizieren wird im Namen des

Herrn Generals befohlen, sich sofort auf die rechte und linke Seite des

Parterres zu begeben und ihre Degen zu ziehen, die übrigen Zuschauer

aber haben bei Strafe des augenblicklichen Erschießens die strengste

Ruhe und Ordnung zu beobachten, denn bei der geringsten zweideutigen

Bewegung wird eine Generalsalve auf die dichtesten Haufen gegeben.«[5]

Jetzt kommandierte ich wieder: »_Redressez vos armes!_«, und die

Grenadiere brachten ihre Gewehre wieder in die Lage des >Fertigmachens<.

Die Offiziere hatten getan, wie ihnen befohlen war, und zwei Genueser

erdolchten sich im Parterre. Die Bestürzung war allgemein. Den Damen

wurde nun insinuiert, sich zu entfernen, die Wachen traten ins Parterre,

man visitierte jeden Mann streng, und alle, bei denen man Dolche,

Stockdegen, Terzerole oder sonstige Waffen fand, nicht weniger als

hundert und einige neunzig, wurden auf der Stelle verhaftet, die anderen

entlassen. Während dies im Theater vorging, wurde draußen Generalmarsch

geschlagen, die Truppen marschierten auf den Plätzen und Wällen auf, die

Fanale wurden besetzt und starke Patrouillen streiften durch alle

Straßen. Auf solche Art wurde diese gefährliche Verschwörung, welche

eine Wiederholung der Sizilianischen Vesper geworden wäre, im Moment, wo

sie ausbrechen sollte, erstickt. Es wurden Militärkommissionen zur

Untersuchung niedergesetzt und bald darauf acht Rädelsführer zum Tode

verurteilt und guillotiniert, die übrigen meistens auf die Galeeren

geschickt; viele der Teilnehmer waren entwischt und zu den Briganten in

die Gebirge entflohen. Der Gatte Albertinens war gar nicht vorgefordert

worden, da niemand etwas auf ihn ausgesagt, er auch nicht im Theater

gewesen war, aber dem jungen Corbetti hatte ich nicht nur durchgeholfen,

sondern ihn sogar drei Tage lang in meiner Wohnung verborgen und ihm

dann Gelegenheit verschafft, sich nach Sizilien einzuschiffen.

[Fußnote 5: Die Österreicher haben später zu Mailand bei einer ähnlichen

Gelegenheit dieses Manöver einmal nachgemacht.]

Alles ging bald wieder seinen geregelten Gang fort, und ich arbeitete an

meiner Versetzung zum ersten Bataillon, denn der Aufenthalt in Genua war

mir wegen meinen Verhältnissen mit den verschiedenen Frauen, die nimmer

einen guten Ausgang erwarten ließen, verleidet; ich schrieb deshalb oft

an Düret. Eben hatte ich wieder einen solchen Brief beendigt, als ein

Lohnbedienter zu mir in das Zimmer trat und mir sagte, es seien gestern

abend ein paar fremde Damen in dem Hotel Croce di Malta angekommen, die

mich zu sprechen wünschten und bitten ließen, sie doch diesen Vormittag

zu besuchen, indem sie mir vermutlich sehr angenehme Mitteilungen zu

machen hätten. Auf meine Fragen, wer denn die Damen seien, erwiderte der

Abgesandte: »_Non le conosco_,« und mehr war aus ihm auch nicht

herauszubringen. Ich konnte mir gar nicht denken, welche Donna Elvira

mich in Genua aufsuchen möchte, denn daß es die Cesarini nicht sein

konnte, wußte ich, da ich erst vor wenigen Tagen Briefe von ihr erhalten

hatte, die keineswegs einen solchen Schritt vermuten ließen. Nachdem ich

meine Dienstgeschäfte verrichtet, eilte ich neugierig in das

Maltheserkreuz und fand -- meine Engländerinnen aus Florenz, die mir gar

nicht in den Sinn gekommen waren. So sehr ich auch überrascht war, hieß

ich sie doch freundlich willkommen, frühstückte mit ihnen und versprach,

sie verlassend, gegen Abend wieder zu erscheinen. Als ich zu Hause

angekommen war, dachte ich: >Immer besser, meine hiesigen Verhältnisse

verwickeln sich mehr und mehr; die Götter mögen wissen, welches Ende das

nehmen wird.< Ich überlegte, durch welche Mittel ich den sicher

bevorstehenden, höchst unangenehmen Begebenheiten wohl entgehen könne,

als mich eine Ordonnanz zum Bataillonschef beorderte. Dieser empfing

mich ungewöhnlich freundlich und überreichte mir mehrere Papiere, indem

er sagte: »Ich gratuliere von Herzen!« Das eine war meine Ernennung zum

Kapitän, das andere ein Schreiben von Düret, aus Civita-Vecchia datiert.

Das letztere brach ich hastig auf, durchflog es und las unter anderem

seine herzlichen Glückwünsche zu meinem Avancement sowie die Meldung,

daß er zugleich meine Versetzung zum ersten Bataillon bei dem Oberst

Omeara durchgesetzt habe, wobei ihm besonders das Vorgeben genutzt, daß

das Musikchor seit meiner Abwesenheit ganz verwahrlost und kein Offizier

beim Bataillon sei, der mich in dieser Hinsicht ersetzen könne, man

alles dem _Maître de musique_ zu überlassen genötigt und ich in dieser

Hinsicht gewissermaßen unentbehrlich wäre. Er schloß noch mit einer

väterlichen Warnung hinsichtlich Caguenecs und daß er mich recht bald

erwarte. Herr von Brüge hatte auch schon meine Versetzungsorder erhalten

und bedauerte, besonders wegen seiner Tochter, mich sobald wieder zu

verlieren. Auch ich tat, als sei es mir leid, war aber innerlich über

das Ereignis seelenvergnügt, und zu Hause angekommen, setzte ich mich an

das Klavier und komponierte einen recht munteren _pas redoublé_, machte

dann sogleich Anstalten zu meiner Abreise und ließ mir meine _feuille de

route_ ausfertigen. Nun blieben mir noch die sauersüßen Abschiedsszenen

übrig. Der Marchesa Spinola sagte ich bei Guercinos, wohin ich sie

zitiert und wo ich sie auch in der letzten Zeit öfters gesehen hatte,

ein zärtliches Lebewohl, der Marchesa P..., die noch immer krank war,

schrieb ich einen herzbrechenden Abschiedsbrief, bei den kaum

angekommenen Ladys spielte ich den Verzweifelnden, indem ich zu Lady

Mary sagte: »Da sehen Sie, was es heißt, ein Soldat sein; auch keine

Minute ist man Herr über sein Leben und seine Zeit; aber hatte ich es

Ihnen nicht in Florenz gesagt, daß es so kommen würde?« Mary war

wirklich außer sich und rief aus: »Wie! nachdem ich mir alle Mühe

gegeben und Gott weiß was alles vorgebracht habe, um meinem immer noch

in Paris weilenden Gatten plausibel zu machen, daß ich meinen Aufenthalt

in Genua nehmen möchte, verlassen Sie es? Oh, wäre ich doch lieber in

Florenz geblieben; vorerst kann ich nicht daran denken, von hier wieder

wegzureisen.« »Gott sei Dank!« erwiderte ich in Gedanken und brachte

noch eine recht zärtliche halbe Nacht mit ihr zu. Auch Albertinen, der

ich soviel zu danken hatte, schien meine Abreise durchaus nicht

gleichgültig zu sein, auch sie schwamm in Tränen. Nun aber kam noch der

schwierigste und von mir am meisten gefürchtete Abschied von allen, der

von meiner tollen Giulietta, der ich erst den letzten Abend vor meiner

Abreise, als sie mich, wie es sehr häufig geschah, in meiner Wohnung

besuchte, dieselbe mitteilte. Es setzte eine zweite, womöglich noch

tollere Szene, als die, bevor ich zur Brigantenjagd abging, und nur

durch die Versicherung, daß ich ganz gewiß, ehe vierzehn Tage vergingen,

wieder in Genua sein und in ihren Armen liegen würde, gelang es mir, sie

einigermaßen zur Raison zu bringen und von albernen Streichen, mir

diesmal gewiß folgen zu wollen und so weiter, abzubringen.

Da ich noch immer bei Kasse war, auch meinen schönen Reisewagen noch

hatte, so beschloß ich diesmal über Mailand nach Rom zu gehen und rollte

mit Tagesanbruch zu dem nach Alessandria führenden Tor hinaus, mit der

Hoffnung, vielleicht den mir so angenehmen Posten in Albano

wiederzuerhalten.

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers · 第 10 / 22 题