IV.

Reise über Florenz nach Genua. -- Ankunft zu Florenz. -- Eine

Überraschung. -- Ein Abenteuer. -- Die Kathedrale San Maria del

Fiore. -- Die mysteriösen Schönen. -- Lady Mary. -- Das Arnotal.

-- Die schönen Strohflechterinnen. -- Abreise nach Genua.

Da ich als Partikulier und nicht als Militär, das heißt, wenigstens

nicht nach meiner Marschroute reiste, die mir volle fünfunddreißig Tage

bis zu meiner Ankunft in Genua gestattete, so hatte ich beschlossen,

meinen Weg über Florenz zu nehmen.

In Siena verweilte ich einen Tag, um mich auszuruhen, und fuhr mit

einbrechender Nacht nach Florenz ab, wo ich noch lange vor Tag ankam und

Mühe hatte, das dienende Personal eines Gasthofs aus dem Schlaf zu

wecken, um mir ein Zimmer anweisen und eine erquickende Schokolade

bereiten zu lassen. Letzteres versteht man nirgends so gut als in

Italien. Ich hatte mir vorgenommen, vierzehn Tage bis drei Wochen in

Toscanas schöner Hauptstadt zuzubringen, da ich durch mein schnelles

Reisen diese Zeit vollkommen wieder einbringen und jedenfalls zu dem auf

der Marschroute bezeichneten Zeitpunkt in Genua eintreffen konnte.

Nachdem ich ein paar goldene Morgenstunden verschlafen, ließ ich meinen

Koffer und auch das verschlossene und versiegelte Wagenkistchen auf mein

Zimmer bringen, das zu öffnen ich bis jetzt noch keine Muße gefunden

hatte, da die Sehenswürdigkeiten Sienas alle meine Zeit daselbst in

Anspruch nahmen. Ich entsiegelte und schloß das Kästchen auf und war vor

Verwunderung starr, als ich es mit der feinsten Battistwäsche,

gestickten Taschentüchern und Hemden angefüllt fand. Oben lag ein in

rosenfarbiges Seidenpapier gewickeltes Portefeuille von blauem Samt, auf

dem mit Perlen Gertrudens Namenszug von einem Blumenkranz umgeben

gestickt war. Als ich dasselbe öffnete, fiel mir ein auf Velinpapier mit

Goldrand geschriebenes Briefchen in die Hand, das mit einer

Brillantnadel, mit einem von Rubinen umfaßten prächtigen Solitär,

zugesteckt war. Ich nahm die Nadel herunter, entfaltete es und las:

>Carissimo Fernando!

Nimm dies kleine Geschenk als ein Andenken von mir und der

unvergeßlich seligen Stunden, die ich mit Dir zubrachte, gütig auf;

wohin Dich auch immer die Verhältnisse und des Schicksals Wege

führen mögen, gedenke Deiner Dich so innig liebenden Freundin in

Rom. Sie hat erst zu lieben begonnen, als sie Dich kennen lernte,

vergiß sie nicht, dies würde sie unglücklich machen, gieb mir

wenigstens einmal jeden Monat Nachricht, die Du mir durch die mit

Dir verabredete Adresse zukommen lassen kannst. Deine Briefe werden

mir mindestens ein Schattentrost sein. Deine Abwesenheit macht mein

Leben zur Einsamkeit und es wird traurig genug dahinfließen, nur

Nachrichten von Dir können mir einige heitere Augenblicke gewähren.

Lebe wohl, sei glücklich und vergiß nimmer Deine Dich bis zum

letzten Atemzug liebende Gertrud.<

Schreiben an zurückgelassene Geliebte war meine Sache sonst nicht; aber

hier mußte ich doch eine Ausnahme machen, antwortete ihr sogleich und

meldete ihr meine glückliche Ankunft in Florenz. Während ich schrieb,

packte mein Bedienter das Kistchen aus, plötzlich rief er: »Ach, sehen

Sie doch, Herr Leutnant, was da für ein schönes Kästchen ist,« ich

drehte mich um und erblickte eine wunderschön gearbeitete Schatulle von

Ebenholz mit Perlmutter und Silber ausgelegt, an der ein goldenes

Schlüsselchen an einem himmelblauen Bande herabhing. »Wie schwer es

ist,« sagte der Bursche, mir es darreichend, ich öffnete es und fand zu

meiner nicht geringen Verwunderung das sehr wohlgetroffene Porträt der

Principessa Cesarini in Miniatur gemalt und mit Rosetten eingefaßt; aber

noch weit mehr erstaunte ich, als ich unter demselben zehn Rollen, jede

mit einhundert Zechinen vorfand. Dies war zuviel, wenigstens das Gold

hätte sich nicht vorfinden sollen, auch ein Zettelchen lag in der

Schatulle, auf dem geschrieben stand: >Nicht wahr, lieber Fernando, Du

zürnest mir nicht, daß ich mich unterfing, Dir einen Pfennig für die Not

beizulegen, und wenn Du zürnest, so sieh mich nur an (mein Porträt), und

ich bin eitel genug zu glauben, daß Dir dann aller Unwille vergehen

wird.< In der Tat war das Bild so lieblich lächelnd und so sprechend

ähnlich gemalt, die Züge dem reizenden Original so bezaubernd gleich,

daß ich es einigemal küßte, und mir zum erstenmal der Gedanke kam: wie

ist es möglich, daß man auch gegen solche Reize gleichgültig werden

kann, und mit der Natur schmälte, daß sie mich mit einem so

veränderlichen Herzen geschaffen hatte; denn was kann am Ende der Mensch

für sein Temperament, für seine Leidenschaften, für seine Art zu fühlen

und zu empfinden; nicht mehr als der Bucklige für seinen Höcker, der

Krumme für seinen Wuchs, er kann sich ebensowenig von seinen moralischen

Auswüchsen befreien wie dieser von seinen physischen.

Nachdem ich von meiner Überraschung zurückgekommen, nahm ich mir vor,

dieses mir mit so unendlicher Liebe zugetane Wesen nicht zu dem großen

Haufen zu werfen, und beinahe machte ich mir über die zu Rom und Albano

gegen sie begangene Untreue und Vernachlässigung Vorwürfe. Während ich

solchen Gedanken Raum gab und im Vornehmen und Vorwerfen begriffen war,

hörte ich plötzlich die Akkorde auf einem sehr wohlklingenden Pianoforte

anschlagen, und bald darauf die Romanze >_Solitario bosco ombroso_<

durch ein liebliches Silberstimmchen aber mit fremdem Akzent vortragen,

deren Refrain >_per trovar qualche risposo, nel silenzio nel orror_< mit

ganz besonderem Ausdruck gesungen wurde.

Dieser Gesang, der mich, sowie jede Musik in der frühen Morgenstunde, in

eine ganz eigene Stimmung versetzte, brachte mich schnell wieder auf

andere Gedanken, ich vergaß Bild und Schreiben und lauschte nur auf die

Silbertöne, die aus einem in meiner Nähe befindlichen Gemach zu kommen

schienen. Ich erkundigte mich bei einem Aufwärter nach der singenden

Dame und erfuhr von demselben, daß es die junge Gattin eines vornehmen

Engländers sei, die mit ihrer Schwägerin die anstoßenden Gemächer

bewohne und deren Mann sich dermalen in Paris befände, um daselbst die

Erlaubnis zu seiner Rückkehr nach England auszuwirken, da alle

Engländer, die sich auf dem europäischen Festlande befanden, so weit der

napoleonische Einfluß reichte, Kontinentalarrest hatten.

»_E bella?_« fragte ich den Cameriere. »_Bellissima ed assai giovine._«

-- »Und ihre Umgebung?« -- »Die beiden Ladys haben nur zwei Kammerfrauen

und einen Bedienten um sich, fahren jeden Tag spazieren, gehen aber zu

niemand und empfangen auch keine Gesellschaft.« -- »Besuchen sie auch

keine Kirchen?« -- »O ja, alle, aber nur um die Bilder zu sehen, denn es

sind unglückliche Ketzerinnen.« -- »Gut, bestellen Sie mir jetzt den

berühmten Haarkräusler der Stadt, ich will mir die Haare schneiden

lassen.« Mit einem: >_Illustrissimo sara servito_< empfahl sich der

Cameriere, und sobald ich allein war, trillerte ich: >_God save the

King_< und >_Rule Britannia_<, die einzigen englischen Lieder, die mir

bekannt waren und die ich auswendig wußte. Man hatte mich gehört, denn

die Zofen streckten ihre niedlichen Köpfe aus der Tür im Korridor, um zu

erforschen, wer wohl hier englische Nationalgesänge anstimme. Bald

darauf vernahm ich auch, wie man sich bei einem Aufwärter nach dem

Fremden erkundigte, der nebenan logiere und englisch singe. -- »_Non

so_,« lautete die Antwort, »aber ich werde es bald wissen und Ihnen dann

mitteilen.« Ein paar Minuten darauf kam der _primo_ Cameriere zu mir,

mich nach Stand, Herkommen, Reiseabsicht und so weiter im Namen einer

hochlöblichen Polizei inquirierend. Lächelnd befriedigte ich den

neugierigen Burschen, wissend, welche Polizei ihn abgeschickt. »_Ah

Mosiou est Oufficier français?_« versetzte er sich verneigend, und mit

einem >_Umilissimo servo_< komplimentierte sich der dienstbare Geist

wieder zum Zimmer hinaus, um die Neugierde der Zofe und durch diese die

ihrer Herrschaft zu befriedigen. Ich packte nun die erhaltenen Geschenke

wieder sorgfältig ein, worauf der bestellte Signor Peruchiere erschien,

mich frisierte oder vielmehr nur durchkämmte, die Spitzen der Haare

abschneidend, und mich für eine ihm gespendete Zechine vollkommen mit

den Verhältnissen der schönen Welt von Florenz bekannt machte. Ich warf

mich sodann in _grande tenue_, um die Sehenswürdigkeiten der schönen

Stadt aufzusuchen, ging jedoch noch vorher drei bis viermal aus meinem

Zimmer auf den Korridor, bis an die Treppe und wieder zurück, indem ich

tat, als hätte ich etwas vergessen, und jedesmal hatte ich das Glück,

einem der englischen Kammermädchen zu begegnen, die ich mit einer

freundlichen Verbeugung grüßte und von denen ich eben so freundlich

wieder gegrüßt wurde.

Gegen einundzwanzig Uhr in mein Hotel zurückgekommen, ließ ich mir auf

meinem Zimmer ein Pranzo servieren, das sehr splendid aufgetragen wurde,

denn man stellte mir wenigstens ein paar Dutzend Platten vor, von denen

ich kaum vier berührte, aber destomehr ließ sich mein Bursche die

anderen schmecken, wogegen ich nichts hatte; denn bezahlen mußte ich sie

doch, da sie aufgetragen waren, verbat mir aber in Zukunft einen so

reichlichen Service.

Kaum hatte ich den letzten Bissen im Mund, so eilte ich wieder fort, die

Promenaden aufzusuchen, auf denen sich die schöne Welt von Florenz und

namentlich die schönen Florentinerinnen zeigen. Ein paar Tage nach

meiner Ankunft verfolgte ich zwei schlanke, tief verschleierte weibliche

Gestalten, denen ich gegen abend auf der Brücke _della Trinità_ begegnet

war, in einiger Entfernung; sie schienen es bald bemerkt zu haben und

eilten längs dem Quai hinab, gingen über Ponte Vecchio wieder über den

Arno, an dem Palast Pitti vorüber, über die Piazza San Spirito, dann

wieder einige Straßen zurück und machten so fortwährend vergebliche

Gänge hin und her. Es leuchtete mir ein, daß sie mir zu entgehen und zu

verhindern suchten, daß ich in Erfahrung bringe, wo sie sich hinbegeben

würden; aber dadurch wurde meine Neugierde nur noch weit mehr angeregt,

ich folgte ihnen jetzt fast auf dem Fuß nach und betrat beinahe zu

gleicher Zeit wie sie die Gärten des Palastes Pitti, in die sie endlich

ihre Schritte lenkten. Hier suchten sie die einsamsten Gänge hinter den

dichtesten Gebüschen auf, wohin ich ihnen immer nachging. Als sie unter

den schwarzgrauen Mauern der Fortezza angekommen waren, welche diese

Gärten auf der einen Seite begrenzen, die sich dort recht pittoresk an

Alleen und Bosketten hinziehen, wandten sich die beiden Damen plötzlich

um, und die eine fragte mich: »_ma che cosa ci volete, Signoro_?«

»Nichts als Ihre Reize bewundern.«

»_Ah é un forestiero_,« sagte die, die mich angeredet zur anderen, nun

waren beide plötzlich freundlich und gestanden mir, daß sie mich für

einen _Spia_ gehalten, den man ihnen nachgeschickt, um ihnen

aufzupassen.

»Aber, meine Damen, sehen Sie mich doch recht an, habe ich denn die

Miene eines Spions?«

»Das nicht, mein Herr,« versetzte die eine etwas verlegen, »aber wir

konnten Sie ja auch nicht recht ansehen, übrigens,« setzte sie lächelnd

hinzu: »sehen Sie doch aus wie ein Schalk, dem nicht so ganz zu trauen

ist.«

»Ich ein Spion, wo denken Sie hin? Ich spioniere höchstens nach den

Reizen der schönen Damen, und in diesem Sinne mögen Sie recht haben.«

Ich begleitete nun die beiden Signoras mit ihrer Erlaubnis an die

anmutigsten Orte des Gartens Boboli und hatte bald von ihnen

herausgebracht, daß die eine die unterhaltene Geliebte eines Principe

und die Tochter eines untergeordneten Beamten sei, die andere, ihre

Freundin, ebenfalls von einem reichen Edelmann ihre Subsistenz habe;

indessen schien es, daß sie auch noch andere Liebhaber nebenbei hatten,

beide wollten jedoch nicht recht mit der Sprache heraus. Nachdem ich

etwa eine Stunde mit ihnen herumspaziert war, fanden sie, daß es jetzt

Zeit sei, sich nach Haus zu begeben; auf meine Frage, ob ich nicht das

Vergnügen haben könne, sie heim zu begleiten, antworteten sie mit einem

_impossibile_, und die eine fügte hinzu: »wir werden zu sehr beobachtet

und wohnen an der Piazza _di Santa croce_«. Sie redeten noch leise

miteinander, und die hübscheste sagte endlich: »Da Sie ein so artiger

Kavalier zu sein scheinen und, wie Sie sagen, Ihnen soviel daran liegt,

unsere nähere Bekanntschaft zu machen, so will ich Ihnen ein Mittel

angeben, wie Sie diesen Abend in unserer Gesellschaft zubringen können.

Begeben Sie sich, sobald es Nacht ist, in den Dom, dort sollen Sie uns

treffen, und von da können Sie uns in einer kleinen Entfernung folgen,

Sie müssen uns aber versprechen, uns jetzt zu verlassen, sonst sehen Sie

uns nicht wieder.« Ich ging diesen Vertrag ein, bat mir aber ein

Unterpfand aus, die eine zog einen kleinen Ring vom Zeigefinger, den sie

mir darreichte, indem sie sagte: »Hier, Signore,« blickte mich jedoch

dabei ein wenig mißtrauisch an. Beide entfernten sich jetzt eilig. Meine

Neugierde war zu groß, als daß ich mein Versprechen so unbedingt hätte

halten können, ich versuchte doch zu erforschen, wohin sie sich begeben

würden, um zu erfahren, ob sie mir die Wahrheit gesagt. Ich hatte sie

bis beinahe an den Ausgang des Gartens begleitet, dann aber verfolgte

ich sie mit den Augen, und sah, daß sie wieder den Weg nach dem Ponte

Vecchio einschlugen. Ich eilte schnell auf der anderen Seite des

Palastes Pitti vorüber, sah sie dann über diese Brücke gehen, und

beauftragte einen Jungen, der sich mir gerade darbot, und dem ich ein

gutes Trinkgeld versprach, den Damen unbemerkt nachzuschleichen und mir

zu rapportieren, in welches Haus sie gegangen seien, ich aber wollte

seine Rückkunft auf der Brücke della Trinità abwarten. Es dauerte nur

wenige Minuten, so kam derselbe zurück und berichtete mir, daß er die

Signoras aus dem Gesicht verloren hätte, als sie um eine Straßenecke

gegangen seien, da er ihnen aber ziemlich nahe gewesen, so müßten sie

notwendigerweise in ein Haus dieser Straße getreten sein, aber in

welches, habe er nicht ermitteln können. Ich fand den Schluß des dummen

Jungen zwar logisch, aber keineswegs für mich genügend, gab ihm

verdrießlich die versprochene Belohnung, und hieß ihn sich trollen. Dem

Abenteuer weiter nachzugehen und mich in den Dom zu begeben, würde ich

jetzt unterlassen haben, hätte ich nicht den Ring gehabt, den ich doch

restituieren mußte.

Die Nacht kam endlich heran, ich machte mich, bevor sie völlig eintrat,

auf den Weg nach dem Dom, in dem ich vergeblich eine ganze Stunde auf

meine Schönen wartete und unterdessen die Sehenswürdigkeiten desselben,

soweit es eine, obschon spärliche Beleuchtung zuließ, betrachtete.

Bewunderung verdient die achteckige Kuppel dieses Gebäudes, von der

selbst Michel Angelo sagte: daß wenn es auch nicht unmöglich sei, dieses

Baukunststück nachzumachen, es doch eine Unmöglichkeit wäre, dasselbe zu

übertreffen.

Bald fing ich an die Geduld zu verlieren, als ich die erwarteten Schönen

noch immer nicht kommen sah, machte einigemal die Ronde außerhalb der

Kirche, die auf einem großen Platz liegt, so daß man sie von allen

Seiten gehörig sehen und den Prachtbau bewundern kann, und staunte den

hohen, mit schwarzem, rotem und weißem Marmor bekleideten, sich in der

nebligen Dämmerung majestätisch emporhebenden Glockenturm an; er wurde

nach der Zeichnung des berühmten Giotto erbaut, der vom Ackerpflug weg

in die Werkstätte des Cimabus trat, bald seinen Lehrer und Meister weit

hinter sich lassend, durch sein Talent sich die Freundschaft Dantes und

Petrarchs in hohem Grade erwarb und mit Reichtümern und Ehren beladen

starb.

Noch einmal ging ich in die Kirche mit dem Vorsatz, wenn jetzt die Damen

nicht erschienen, mich weg und in das Theater zu begeben. Als ich

eintrat, erblickte ich zwei schwarz gekleidete Frauen mit

zurückgeschlagenen Schleiern in einer Seitenkapelle knieend; ich umging

sie und erkannte meine Erwarteten. Als sie mich erblickten, warf mir die

eine eine Occhiata zu, bald darauf erhoben sie sich und flüsterten, an

mir vorübergehend, die Worte: »_Ora venite._« Ich befolgte dies sogleich

und begann die Unterhaltung noch in der Kirche. Das Weihwasser nehmend,

standen sie still, die eine sah mich nochmals mit forschendem Blick an,

und sagte dann: »Dürfen wir Ihnen auch gewiß trauen?« -- »Meine Signora,

ich bin französischer Offizier.« -- Die andere fiel nun ein: »Ich traue

ihm, komm, laß uns gehen.« -- Wir verließen den Dom, die Damen führten

mich durch eine Menge kleiner und schmaler Winkelgassen, so daß ich bald

alle Richtung verloren hatte und ich nicht mehr wußte, in welchem

Stadtteil ich mich befand. -- Jetzt erst kam mir der Gedanke, ob auch

ich ihnen wohl trauen dürfe, in den Sinn; ich hatte indessen meine

geladenen Terzerolen bei mir, und dachte: »Mit diesen magst du es schon

wagen.« Endlich kamen wir bei einem ziemlich großen Gebäude an, an

welchem die eine Signora eine kleine Seitentür mit einem Schlüssel

öffnete, wir schritten durch einen schmalen langen Gang wieder an ein

Pförtchen, das in einen Garten führte, wo wir durch Gebüsche und Irrwege

endlich in eine Allee gelangten, an deren Ende sich ein kleiner Pavillon

befand, den man auftat, ohne zu leuchten, so daß wir fortwährend im

Dunkeln tappten. Ich fragte nun nach Licht, man antwortete mir aber,

dies sei unnötig. Ich fing doch an die Möglichkeit eines Fallstricks zu

denken, und daß ich wohl in eine Trappoleria (Mausefalle) geraten sein

könne. Auf meine wiederholte Bitte um Licht, wurde mir: »_Si fa l'amore

senza lumen_, setzen Sie sich,« zugleich zog mich ein zartes Händchen

auf ein Sofa nieder. Ich hatte einen Beutel ziemlich mit Gold gefüllt

bei mir, der wohl die Raubsucht eines Banditen lüstern machen konnte,

doch das konnten die Signoras nicht wissen; indessen wollte ich mich

vorsehen, wenn ich wirklich in eine solche Mordhöhle gefallen sei, und

nahm ein Terzerol in die rechte Hand, um auf alle Fälle gefaßt zu sein.

Zufällig betastete die unsichtbare Dame das Instrument und rief, mich

fahren lassend, mit einem Schrei des Entsetzens aus: »_Cosa è questo?_«

-- Die Angst, mit welcher ihr diese Worte entfuhren, sowie daß die

andere Stimme ganz leise mit einem: »_ma per l'amor di dio cosa avete_«

einfiel, schien mir jedoch zu sagen, daß mein Verdacht unbegründet sei,

und ich erwiderte nun ebenso leise ein: »_niente, Signore_, seien Sie

ruhig,« und gestand den Damen dann offen, daß, weil sie Licht verweigert

hätten, ich mich eines Verdachts nicht habe erwehren können. Sie

erklärten mir nun, daß sie kein Licht anzünden wollten, damit niemand

wisse, daß Leute im Pavillon seien und sie nicht verraten werden

könnten. So beiderseits beruhigt, überließen wir uns anderen Gefühlen,

als denen der Furcht und des Argwohns, und ich fand bald, daß im Dunkeln

ganz gut munkeln sei, denn auch im Finstern wußte ich die Rosalippen und

die verborgenen Reize meiner Schönen zu finden, die ich abwechselnd an

den Busen drückte, ohne die Eifersucht gegen die andere rege zu machen,

da sie sich im Gegenteil gegenseitig animierten, meine Gunstbezeigungen

zu teilen. Endlich aber waren wir alle drei so ziemlich schachmatt, und

die Damen bemerkten mir, daß es wohl _ora di partire_ sein möge, weil

nach zehn Uhr sich oft ihre Signori einfänden. Ich küßte beide zum

Abschied, griff sodann in die Tasche und wollte ihnen einen Teil des bei

mir habenden Goldes einhändigen, aber man wies es nicht nur mit großem

Unwillen zurück, sondern sagte zürnend: »Mein Herr, für was halten Sie

uns?« -- »Für sehr liebenswürdige Damen, wovon ich Ihnen soeben die

Beweise gegeben habe; nehmen Sie nur hin, es ist Gold.« -- Nun wurden

sie noch zorniger, und die eine rief aus: »Glauben Sie, daß wir ...

sind? Sie haben sich sehr in uns geirrt, und wir hätten nicht geglaubt,

daß Sie fähig sein könnten, uns so zu beleidigen, sonst würden wir Ihnen

sicher nicht erlaubt haben, mit uns zu gehen, wir bedürfen Ihres Goldes

nicht.« -- Ich hatte alle Mühe, meine mysteriösen Schönen zu

besänftigen, die mir nicht ohne Schwierigkeit das Wiederkommen am

nächsten Donnerstag, früher sei es unmöglich, gestatten wollten. Ich

wurde denselben Weg, den ich gekommen war, und ebenso im Finstern

zurückgeleitet; hinter mir wurde das letzte Pförtchen verschlossen und

verriegelt. Als ich mich auf offener Straße befand, suchte ich mich,

soviel es die Nacht erlaubte, zu orientieren und mir das Haus, das ich

noch soeben verlassen, und seine nächsten Umgebungen zu merken.

Einigemal ging ich auf und nieder und erkundigte mich bei mehreren

Vorübergehenden, wem dasselbe gehöre, konnte aber keine genügende

Auskunft erhalten. Ich entfernte mich nun, mir die Straße bestens

merkend, sah noch ein paar Akte einer _Opera buffa_ und begab mich dann

in mein Hotel, wo ich bei offenem Fenster, den italienischen heiteren

Sternenhimmel betrachtend, die englischen Ladys musizieren hörte. Die

Damen sangen Kavatinen mit zwar englischem Akzent, aber auch mit

englischer Stimme. Mein Bedienter erzählte mir während des Auskleidens,

daß sich das Kammerkätzchen abermals bei ihm sehr dringend nach mir

erkundigt habe, namentlich wo ich meine Zeit zubringe, wie lange ich

wohl noch hier bleibe, was eigentlich meine Geschäfte hier seien und so

weiter, was er alles bestens und auf das Klügste beantwortet habe. Ich

legte mich zu Bett und schlief, während die englische Musik noch fort

dauerte, ermüdet ein. Den anderen Morgen war mein erster Gang, die

Straße und das Haus aufzusuchen, in dem ich den Abend vorher in den

Armen einer zweifachen Liebe geschwelgt hatte; aber vergeblich war all

mein Forschen und alle meine Bemühungen fruchteten nichts, es war mir

unmöglich, dieselben wiederzufinden, da ich versäumt hatte, mich nach

dem Namen der Straße zu erkundigen, glaubend, daß ich sie keinenfalls

fehlen könne, so daß mir jetzt die ganze Begebenheit wie ein lebhafter

Traum erschien. Hätte ich nicht den Ring noch am Finger gehabt, den ich

im Freudentaumel zurückzugeben vergessen hatte, so würde ich am Ende

wirklich geglaubt haben, daß das ganze Abenteuer nur ein Traum und ein

Spiel meiner Phantasie gewesen sei. Nachdem ich lange genug vergeblich

gesucht, nahm ich mir fest vor, das nächstemal -- die Damen hatten mir

wieder Rendezvous im Dom gegeben -- gewiß dieses geheimnisvolle Haus so

gut zu bezeichnen, daß es mir unmöglich entgehen könne, und sollte ich

einen Ariadnischen Knäuel dazu verwenden, dessen Faden man mir freilich

in der Nacht abschneiden und so den Rückweg in dieses Labyrinth

unmöglich machen konnte. Ärgerlich über meine wenige Vorsicht, ging ich

wieder in den Dom, dessen Schönheiten ich nochmals bewunderte, und

bestieg den Kampanile, mich an dem Anblick des zu meinen Füßen liegenden

prächtigen Florenz und seiner reizenden Umgebung weidend.

Nachdem ich mich noch eine Zeitlang an dem Tag, an welchem ich das Haus

des vornächtlichen Abenteuers vergeblich aufgesucht, in den Straßen der

Stadt herumgetrieben hatte, kehrte ich zum Mittagessen in mein Hotel

zurück und nahm es wieder auf meinem Zimmer ein, wobei ich unentgeltlich

das Vergnügen einer Tafelmusik genoß, mit der mich meine Nachbarinnen zu

erfreuen geruhten, und mein Bedienter rapportierte mir während

desselben, daß man sich abermals nach mir erkundigt habe und daß die

Damen diesen Abend das Theater Pergola, wo man eine _Opera seria_

aufführte, besuchen würden, was ihm das Kammerfräulein wohl zwei oder

dreimal wiederholt hätte. So viele Aufmerksamkeit konnte nicht umhin,

endlich auch die meinige rege zu machen. Ich trug dem Burschen auf, sich

zu erkundigen, in welchen Palco die Damen wohl gingen und mir wo möglich

einen Platz in demselben zu verschaffen. Dies erfuhr er durch einen der

Kameriere, der mir auch den gewünschten Platz gab und einen Schlüssel zu

dieser Loge einhändigte. Als ich in dieselbe, die sich im ersten Rang

befand, trat, hatten die beiden Damen schon in einer zwar einfachen,

aber doch sehr eleganten Toilette in derselben Platz genommen; ich

grüßte sie mit einer stummen Verbeugung, die mir ebenso stumm erwidert

wurde. Nach einer kleinen Pause wagte ich sie französisch anzureden, das

mir aber mit einem: »_I don't understand_« erwidert wurde; dies war

schlimm, denn das Englische war mir nicht sehr geläufig, da ich nie viel

Gelegenheit gehabt hatte, mich in dieser Sprache praktisch zu üben.

Indessen wußte ich mich dort nach und nach so ziemlich verständlich zu

machen und brachte von den Damen heraus, daß ihnen der gezwungene

Aufenthalt in Florenz zwar nicht unangenehm sei, sie sich aber doch

häufig sehr langweilten. Die Unterhaltung wurde von jetzt an belebter,

die Ladys verstanden auch einige Worte italienisch, und den Hauptstoff

mußte die Vorstellung der Oper und des Ballets liefern, in denen eine

hübsche Cantatrice und eine noch schönere Ballerina, erstere als Zelina,

die andere als Psyche, wohl des Lorgnettierens wert waren. Die beiden

Engländerinnen besaßen recht hübsche englische Gesichter, die, wenn sie

auch nicht das Ausdrucksvolle der Italienerinnen, noch das schelmische

Wesen der Französinnen, doch eine große Lieblichkeit hatten. Schön war

wirklich Lady Mary, die Gattin eines Lords T..., die mit einem

junonischen Wuchs das verklärte Gesicht der skandinavischen Freya

verband; die andere Dame, ihre Schwester, eine halbblonde Engländerin,

Miß Betty, hatte zwar auch manche Liebeswürdigkeiten, stand jedoch der

Schwester weit nach. Mylady hatte die Güte, mir nach beendigtem

Schauspiel einen Platz in ihrem Wagen anzubieten, »da wir ja doch unter

einem Dach wohnen,« wie sie hinzusetzte, was ich dankbar annahm. Ich

leistete den Damen noch über eine Stunde Gesellschaft auf ihren Zimmern,

wo man abwechselnd einige Romanzen sang und dann an den Balkon trat, den

nächtlichen Sternenhimmel Italiens zu bewundern. Auf einige Sospiri der

Lady Mary ließ ich ein leises Händedrücken und endlich einen

gehorsamsten Handkuß folgen, mir weitere Freiheiten herauszunehmen

gestattete mir die Anwesenheit der Schwester nicht. Die Damen machten

mich mit ihrem Vorhaben bekannt, nächsten Donnerstag eine Fahrt in das

Arnotal zu unternehmen, um dasselbe, sowie seine berühmten

Strohflechterinnen kennen zu lernen, und fragten mich, ob ich es schon

besucht habe. Auf mein Nein luden sie mich ein, ihr Begleiter zu sein,

was ich mit Vergnügen annahm; sie sagten mir noch, daß sie gerne öfters

einen Spazierritt machen würden, aber dieses Vergnügen aus Mangel eines

Kavaliers oder passenden männlichen Begleiters entbehren müßten; auch

hierzu bot ich mich ergebenst an, und ritt nun fast jeden Tag mit den

schönen Töchtern Britanniens in den herrlichen Umgebungen von Florenz

spazieren. Nachdem ich noch den Tee mit ihnen genommen und es längst

Mitternacht vorüber war, empfahl ich mich, beiden ehrerbietigst die Hand

küssend, und eingeladen, mich morgen wieder einzufinden. Als ich auf

meinem Zimmer war und noch lange kein Schlaf in meine Augen kam, fiel es

mir erst ein, daß ich meinen Unbekannten versprochen, mich den

Donnerstag Abend wieder im Dom einzufinden, dachte es jedoch einrichten

zu können, daß ich zur bestimmten Zeit von der Partie ins Arnotal zurück

sein würde. Am nächsten Tage wartete ich gegen Mittag wieder auf,

frühstückte auf ihre Einladung auf echt englische Weise mit ihnen, und

ritt dann zwei Stunden mit den hübschen Ladys spazieren, die beide sehr

gute, graziöse und anmutige Reiterinnen, zum Entzücken schön gewachsen

waren, und denen die Amazonenkleider und runden Federhütchen allerliebst

standen. Ich besuchte auch noch einige Kirchen und Gärten mit ihnen und

fand in einem derselben Gelegenheit, die Lady zu versichern, daß ich

durchaus nicht gleichgültig gegen ihre Reize sei; in einem Moment in

welchem die Schwester durch ein kleines Gebüsch von uns getrennt war,

wagte ich es, ihre niedliche Hand fest an mein Herz zu drücken, und da

ich nur geringen Widerstand fand, ihre schlanke Taille mit meinem Arm zu

umfassen, sowie einen Kuß auf ihren kleinen Mund zu drücken, der ihre

sonst blassen aber zarten Wangen plötzlich rötete. Jetzt rief uns die

Schwester zu: »_But, where are you staying_,« und als wir wieder zu ihr

kamen, bewies mir ihr Lächeln, daß sie zwar nicht gesehen, doch geahnt,

was vorgefallen war, wenn es auch die noch gerötete Wange der Lady nicht

verraten hätte. »_My sister is extremely happy_,« fuhr sie nun lachend

fort, »jemand gefunden zu haben, der sie in der Abwesenheit ihres etwas

hölzernen Gatten so gut zu unterhalten imstande ist. Denn der edle Lord,

schon beinahe ein fünfziger, ist ein recht langweilig trockener Ehemann,

der noch obendrein einen starken Spleen hat.« Aus diesem und ähnlichem

Gerede der Miß konnte ich entnehmen, daß Lord T... ein echter

bockssteifer Engländer sein müsse. Ich war nun für den Rest des Tages

der unzertrennliche Begleiter der Damen, küßte die Lady jetzt auch in

Gegenwart der Schwester, was diese nicht anzufechten und jene nicht zu

erschrecken schien, und bat um die Erlaubnis, auch in der Nacht mich bei

ihr einfinden zu dürfen, was mir zwar nicht bewilligt, aber auch gerade

nicht verboten wurde; als ich sie hierauf ersuchte, doch ihre

Stubentüren nicht verschließen zu wollen, da spielte sie die Stumme, ich

versicherte sie indessen, daß ich so leise auftreten wolle, daß gewiß

niemand mein Kommen hören solle. Die Miß schlief zwar in demselben

Zimmer, das neben der Wohnstube lag, aber nach ihrem Benehmen zu

urteilen, schien sie mir kein Hindernis mehr, sondern eher die

Beförderin meiner Absichten zu sein; die Kammerfräuleins aber schliefen

in einer höheren Etage. Ich entfernte mich diesmal schon eine Stunde vor

Mitternacht mit einem _good night_, um den Damen Zeit zum Entkleiden und

Wegschicken der Dienerinnen zu geben, machte sodann zwei Stunden lang an

meinem Fenster philosophische Betrachtungen über den besternten Himmel,

das Wesen der Gestirne und den sonderbaren Lauf des menschlichen Lebens.

Als es endlich auf der Straße und in der Albergo stiller und stiller

geworden und auch der letzte Türschlag verhallt war, schlich ich mich

eine Stunde nach Mitternacht, halb entkleidet, in einem leichten

Oberrock und von Gertrudens Händen gesticktem schneeweißen Batisthemd,

über den Korridor und drückte leise an die Türe, welche zu den Gemächern

der Engländerinnen führte, die ich nicht verschlossen, sondern

nachgebend fand. -- Ich befand mich nun im Vorzimmer, tappte im Finstern

durch die Wohnstube in das nur sehr matt durch eine Veilleuse

erleuchtete Schlafgemach, in dem ich beide Schwestern dem Anschein

eingeschlafen fand. Mit leisen Tritten schlich ich mich an das Bett, in

welchem Lady Mary recht sanft zu ruhen schien, und drückte einen Kuß auf

ihre Purpurlippen. Sie schien recht schlaftrunken zu erwachen, und ich

flüsterte: »_Are you asleep?_« erhielt aber keine Antwort und schloß nun

die verschlafene Lady in meine Arme ... Der Tag begann schon zu grauen,

als ich den Rückzug in mein Zimmer antrat, um ein paar Stunden der Ruhe

zu genießen. Aber kaum war ich eingeschlafen, so klopfte man mich schon

wieder aus den Matratzen und dem Schlaf auf, indem man mir meldete, daß

der Wagen angespannt sei und man den Ladys schon das Frühstück serviere.

Ich sprang rasch aus dem Bett, kleidete mich an, eilte dann zu meinen

Reisegefährtinnen, die wirklich schon frühstückten, und als sie mich

gewahrten, beide etwas verlegen unter sich sahen, aber nach einigen

Artigkeiten und Pläsanterien, die ich mir erlaubte, sich bald wieder

faßten. Fröhlich, wenn auch nicht ganz so munter, bestiegen wir nun den

Wagen, der uns in raschem Trabe in das Arnotal brachte.

Hier sitzen unter Laubdächern und Reben vor den niedlichen und

reinlichsten Bauernhäuschen die zierlichsten und schmucksten Dirnen, in

die feinsten schneeweißen Linnen gekleidet, mit seidenen Korsetten und

blumenbekränzten Strohhüten auf den allerliebsten Köpfchen, und flechten

mit zarten Händen -- Stroh zu den in der ganzen Welt berühmten Hüten.

Denn wie manche Schöne in Newyork und Kalkutta, in Paris und London, am

Missisippi und Ganges, am Rhein und an der Newa, schmückt sich nicht mit

diesem Produkt, welches sie den sie besuchenden Fremden mit einer Manier

anzubieten wissen, die das Abschlagen des Ankaufens nicht nur unmöglich

macht, sondern man gibt ihnen auch gerne noch mehr als sie fordern, wenn

man nicht zur Rasse jener lederzähen Filze und Zinsenmenschen gehört,

die sich nur mit dem letzten Lebenshauch von ihrem Mammon trennen

können, und keine andere Farbe als die des Geldes, keine andere

Berechnung als die der Zinsen kennen. Mir wenigstens ging es so; ich

kaufte vorerst zwei der feinsten dieser Hüte, bezahlte sie mit Gold, mir

alle Herausgabe des mir zukommenden Geldes verbittend, und verehrte sie

meinen beiden Begleiterinnen, die außerdem noch für eigene Rechnung und

auch für ihre dienstbaren Geister, für die letzteren Hüte von geringerer

Qualität, kauften. Die Verkäuferinnen, besonders eine derselben,

gefielen mir so wohl, daß ich mir sogleich vornahm, sie schon den

nächsten Tag, und zwar inkognito zu Pferde wieder zu besuchen und noch

mehr Hüte und einen ganz besonders schönen für Gertrude zu kaufen, ihr

denselben durch ihre Freundin zukommen zu lassen, als ein geringes

Äquivalent für die außerordentlichen Geschenke, die ich von ihr

empfangen hatte und über die ich ihr zärtliche Vorwürfe gemacht, denn

ich hielt mein Versprechen wenigstens darin, daß ich ihr ziemlich

regelmäßig schrieb. Wir brachten den ganzen Tag in dem großen, reizenden

Arnotal zu, von dem wir einen kleinen Teil zu Fuß durchstrichen.

An diesem Abend sollte ich meine Unbekannten wieder im Dom treffen, aber

die Stunde war verpaßt. Ich eilte dennoch gleich nach unserer Ankunft,

mich unter einem Vorwande bei den Ladys entschuldigend und baldige

Rückkehr verheißend, in die Kirche, zu der mich diesmal nicht sowohl

Liebe und Sehnsucht nach Genuß, als die Neugierde führte, endlich zu

erforschen, wer meine mysteriösen Schönen eigentlich seien. Aber

vergeblich, die Zeit war verstrichen, und in Santa Maria del Fiore keine

Spur von ihnen zu finden. Nachdem ich eine Stunde daselbst umsonst

harrend zugebracht, schlug ich mir die Sache aus dem Kopf und eilte zu

meinen hübschen Engländerinnen zurück, mit denen ich den Rest des Abends

und einen großen Teil der Nacht, nachdem wir den Tee unter fröhlichen

Scherzen und Rückerinnerungen an das schöne Arnotal genommen, zubrachte.

Den andern Tag machte ich eine Tour zu Pferde mit ihnen in die nächsten

Umgebungen der Stadt und nach Pratolino, dem ehemaligen Versailles der

Medici, das aber beinahe in Ruinen lag. Auch die schönen Villen der

Bardi, Pitti, Palmieri, Corsini, sowie die berühmte Karthause von

Vallombrosa und andere Orte besuchte ich in ihrer Gesellschaft.

Demungeachtet fühlte ich einen Drang, meine schöne Contadina im Arnotal

wiederzusehen. Eines Morgens machte ich mich unter dem Vorwande

dringender Geschäfte für den ganzen Tag von meinen englischen Fesseln

frei und ritt in gestrecktem Trabe zu der schönen Strohflechterin, der

ich noch drei wunderschön gearbeitete Hüte abkaufte, von denen einer

nach Rom und die beiden anderen nach Frankfurt wanderten; einer für

meine Mutter und der andere für eine noch sehr junge Schwester. Das

Mädchen, das ich auf das Generöseste in Gold bezahlt hatte, war dagegen

äußerst freundlich und nannte mich: _il suo signor cavaliere

forestiero_, ihre nicht sehr großen, aber blitzenden Augen verrieten nur

zu sehr, daß sie eben kein für die Liebe unempfindliches Temperament

habe. Im Lauf der Unterhaltung gestand sie mir auch, daß sie bereits

schon anderthalb Jahre Sposa, das heißt mit einem jungen Mann

versprochen sei, der einen Dienst in der Stadt habe; sie wolle noch

anderthalb Jahre Hüte flechten, um ihre Aussteuer ganz zusammen zu

bringen, bevor sie sich verheirate. Da ich sie fragte, in was diese denn

bestehen müsse, zählte sie mir alles auf, was sie sich schon angeschafft

und noch ferner erforderlich sei. Ich bat sie nun, mir das erstere zu

zeigen, worin sie mit einem freundlichen »_con molto piacere_« willigte,

was der so wohlklingende florentinische Dialekt bezaubernd machte. Ich

trat mit ihr in das Haus, das sie mit ihrer Mutter, einer Witwe,

bewohnte, und dann in das Stübchen, in welchem sie mir schon ziemlich

viel aufgespeichertes Linnen und anderes Hausgerät, Geschirr und

dergleichen zeigte. Hier, so nahe mit ihr in Berührung, wie hätte ich

der Versuchung widerstehen können, das seidene Mieder, das eine so

schlanke Taille umschloß, zu umfassen? -- Aber das Mädchen sträubte

sich, und als ich sie an mich drücken und küssen wollte, hob sie in

einem so gar leisen Ton zu schreien an, daß man es unmöglich in der

nächsten Kammer hören konnte; ich raubte ihr mehrere Küsse, mit denen

ich die Worte, die sie ausstoßen wollte, erstickte. Als ich aber mehr

wagen wollte, warf sie mir so bedenklich zornige Blicke zu, daß ich für

gut fand, von weiteren Versuchen abzustehen, und sie sagte mit fast

weinerlicher und ängstlicher Stimme: »_Per l'amor di dio, vorreste farmi

infelice?_« »Um alles in der Welt nicht, mein charmantes Mädchen, man

kann sich auch lieben, ohne sich gerade unglücklich zu machen; und wenn

du es mir gestatten wolltest, so könnte ich dir auch Unterricht in

dieser geheimen Kunst erteilen. Auf jeden Fall wirst du mir das

Wiederkommen erlauben, um dir noch einige an deiner Ausstattung fehlende

Dinge mitzubringen.« Verschämt unter sich blickend und an dem Schürzchen

zupfend, antwortete sie: »Das Wiederkommen kann ich Ihnen nicht wehren,

nur müssen Sie fein fromm und artig sein, auch nicht zu oft kommen,

sonst würde es Verdacht bei den ohnehin neidischen Nachbarn erregen.« --

Mit ein paar Küssen und ihr klopfendes Herzchen an meine Brust drückend,

nahm ich für heute Abschied von meiner florentinischen Schäferin, welche

mir die erkauften Hüte sauber in ein Papier rollte, die ich an der Türe

mit Ostentation, mit einer seidenen Schnur, die mir das Mädchen gegeben,

an den Sattelknopf band, wobei mir die freundliche Mutter behilflich

war, und ich das Pferd allerlei Bewegungen machen ließ, damit die

Nachbarn sahen, daß ich, um Einkäufe zu machen, gekommen war. Sodann

sprengte ich mit einem lauten _Addio_ und leisem _a rivedere_ davon.

Schon am anderen Abend fand ich mich wieder bei meiner holden Vilanella

ein, ihr allerlei Kleinigkeiten mitbringend, unter denen ein goldenes,

mit Granaten gefaßtes Kreuzchen war, das ich Gattina, so nannte sich die

hübsche Schäferin, an einem Samtbändchen um den Nacken hing. Sodann

steckte ich ihr einen kleinen Goldreif mit emaillierten Blumen an den

Finger und gab ihr Bänder und ähnliche Dinge, alles unter dem

Aushängeschild einer Aussteuer. Das Mädchen freute sich kindisch über

diese Geschenke, zu deren Annahme sie sich gerne nötigen ließ. Ich bat

sie, mir noch einmal ihre Schätze in der Kammer zeigen zu wollen, wozu

sie sich, und zwar auf Zureden der Mutter, herbeiließ. Sie war bei

weitem nicht mehr so scheu und spröde wie das erstemal; ich hatte sie

mit allerlei Geheimnissen bekannt gemacht und verließ sie erst spät in

der Nacht, wobei wir verabredeten, daß ich künftige Besuche nur nach

eingetretener Finsternis abstatten dürfe; ich sah sie aber nur noch

einmal, da ich während der kurzen Zeit, die ich in Florenz zubringen

konnte, auch einen Abstecher in das Chianatal mit den Ladys machen

mußte. Meine beiden Unbekannten konnte ich aber trotz aller Mühe, die

ich mir gab, ich ging wenigstens noch drei oder viermal in den

Abendstunden in den Dom, nicht wieder entdecken. Vielleicht in einer

anderen Welt wieder, dachte ich, für dieses Leben sind sie für mich

verloren. Daß sie, wie sie mir angegeben, ein paar unterhaltene

Mätressen seien, wollte mir nicht recht einleuchten und stimmte nicht

ganz mit der Zurückweisung des Goldes überein; es blieb mir von ihnen

nichts übrig als das Andenken an einen abenteuerlichen Abend und der

goldene Ring; mir die Sache aus dem Kopf schlagend, hatte ich sie bald

vergessen.

Beinahe drei Wochen hatte ich in Florenz zugebracht und es war die

höchste Zeit, an meine Abreise zu denken. Auch hoffte ich nicht lange in

Genua zu bleiben, da mir Düret versprochen, sobald die fatale Geschichte

von Albano ein wenig verraucht sei, auf meine Zurückversetzung zum

ersten Bataillon anzutragen und mich so wieder in die Nähe von Rom zu

bringen. Meinen liebenswürdigen Ladys teilte ich meine Abreise nach

Genua nur vierundzwanzig Stunden vor derselben mit, einen soeben erst

deshalb erhaltenen Befehl vorschützend. Beide schienen über diese

unerwartete Nachricht betroffen, und ich mußte am Ende auf Marys

dringende Bitten noch zweimal vierundzwanzig Stunden zugeben. Sie

eröffnete mir, daß sie an ihren Mann nach Paris schreiben und diesem

mitteilen wolle, daß sie ihren Aufenthaltsort Florenz mit Genua zu

vertauschen wünsche, wovon ich ihr zwar abriet, indem ich bemerkte, ich

wisse ja gar nicht, ob und wie lange ich daselbst verweilen würde, im

Grunde aber, weil ich ihre Anwesenheit teils wegen meiner älteren, teils

wegen allenfallsiger neu anzuknüpfender Intrigen fürchtete. Sie ließ es

sich jedoch nicht ausreden und so schieden wir ziemlich getröstet, ein

baldiges Wiedersehen hoffend und fürchtend, voneinander.

Am Abend des fünften Tages nach meiner Abreise von Florenz traf ich

wohlbehalten in Genua ein.

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 2 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers · 第 9 / 22 题